Quelle: Blätter 1966 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AMERIKANISCHE SOZIOLOGEN ÜBER DIE AUSWIRKUNGEN DES
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       ATOMBUNKERPROGRAMMS IN DEN USA
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       Am 25.  Juli 1961  hatte Präsident  Kennedy aus Anlaß der Berlin-
       krise das amerikanische Volk zum Bau von Bunkern und Schutzräumen
       gegen den  lokalen "Fallout" infolge von Atomexplosionen in einem
       Kriegsfall aufgerufen.  Schon im  Januar 1962  befaßte sich  eine
       Gruppe von  amerikanischen Soziologen  unter Leitung von James J.
       Wadsworth, des  ehemaligen ständigen  Vertreters der  Vereinigten
       Staaten bei  den Vereinten  Nationen, mit den katastrophalen psy-
       chopolitischen Folgen,  die sich  anbahnten, obwohl die amtlichen
       Bekanntmachungen wahrheitsgemäß nur von einem Programm "minimaler
       Sicherung" gegen  das "unwahrscheinliche" Ereignis eines atomaren
       Krieges gesprochen  hatten. Die  Behörden haben  sich wesentliche
       Ergebnisse dieser Konferenz zueigen gemacht. Wir zitieren aus dem
       Konferenzbericht  von   Arthur  I.   Waskow  in  der  Zeitschrift
       "Scientific American", Bd. 206 Nr. 5 (Mai 1962). D. Red.
       
       "Sämtliche Konferenzteilnehmer  stimmten darin  überein, daß "die
       Folgeprobleme" dringlich  und wichtig sind und daß jede Maßnahme,
       die ohne ihre sorgfältige Erwägung durchgeführt wird, irreparable
       und katastrophale  Folgen zeitigen  kann. ...  Es besteht die Ge-
       fahr, daß  ein Drang  zur ständigen  Ausweitung des Programms ...
       auf die Führenden einen ständigen Druck ausüben kann... Ein wirk-
       samer Zivilschutz würde... das Drillen ganzer Gemeinden... ja das
       Exerzieren ganzer Stadtbevölkerungen... erforderlich machen...
       Die wahrscheinliche  Auswirkung des  "mächtigen Zweigespannes aus
       Drohung und  Hoffnungsversprechen ist  die Hervorbringung  dreier
       Reaktionen in  der Bevölkerung.  Erstens erzeugt die Drohung fast
       allenthalben Sorge  und Unsicherheit.  Zweitens erzeugt  das Ver-
       sprechen eines  gewissen Schutzes  eine erhebliche  Erleichterung
       von der  Sorge und Unsicherheit..." Doch kann die Sorge "nur dann
       verschwinden, wenn  die Bedrohung  aufhört. Diesen einander zuwi-
       derlaufenden Reaktionen gesellt sich zwangsläufig eine dritte Re-
       aktion zu.  In einem... Teil der Bevölkerung muß das Zivilschutz-
       programm ein  dunkles Gefühl  des Sich-Hingezogen-Fühlens  zu der
       Welt erzeugen,  deren Ankündigung  die Zivilschutzmaßnahmen  dar-
       stellen... eine  in Denken und Fühlen der Massen existierende Ko-
       existenz zwischen tiefer Unruhe, ungewisser Hoffnung und besesse-
       nen Vorstellungen von Gewalt und Tod...
       Es ist  vorstellbar, daß die öffentliche Meinung in den Sog einer
       intensiven und unkontrollierten Feindseligkeit gegenüber der Vor-
       stellung von  Verhandlungen mit  kommunistischen Staaten gerät...
       Angesichts der  physischen Realität der Atombunker könnte die ge-
       genwärtig in der Öffentlichkeit noch vorhandene Unterstützung des
       Abrüstungsgedankens schwächer  werden und  schließlich ganz  ver-
       schwinden... Es  gibt bereits  Anzeichen dafür,  daß  das  Zivil-
       schutzprogramm als  unbeabsichtigte Nebenwirkung  eine  Einengung
       des Verhandlungsspielraums  der  US-Regierung  mit  sich  bringen
       kann..."
       Die "Probleme  könnten noch  unübersehbarer werden,  wenn der dem
       Zivilschutz eigene  Vorstellungs- und Symbolgehalt bestimmte Per-
       sönlichkeitstypen anzieht und in die führenden Positionen der Zi-
       vilschutzorganisationen streben  läßt... Das Bild einer Welt vol-
       ler Tod und Verwüstung kann wie eine 'Pornographie der Gewalt'...
       denjenigen Menschen  die Arbeit im Zivilschutz attraktiv erschei-
       nen lassen, die 'es hinter sich bringen' wollen, die den Kernwaf-
       fenkrieg als  Mittel zur Lösung unerträglicher Spannungen und als
       Weg zur  'Beendigung' internationaler  Streitigkeiten sehen  oder
       die sich  in der  Rolle der  Überlebenden und  Herrscher in einer
       Welt sehen,  in der große Taten und strikte Ordnung an die Stelle
       von Überfluß und kleinlichen Streitereien getreten sind. Tatsäch-
       lich lassen  Zivilschutzpublikationen bestimmter  Orte  erkennen,
       daß Menschen  mit so  gearteten Persönlichkeitsstrukturen bereits
       einige örtliche Zivilschutzorganisationen beherrschen...
       Auch ein extrem entwickelter Zivilschutz - beispielsweise mit un-
       terirdisch angelegten  Siedlungen -  wäre  gegenüber  zahlreichen
       denkbaren (und z.T. bereits vorhandenen) Waffen unzureichend, die
       gegen ihn  zur Anwendung  gebracht werden  könnten. Somit könnten
       sich bei  jedem Entwicklungsstand  des Zivilschutzes verschiedene
       Gruppen (beispielsweise  die politische  Opposition) in  der Lage
       sehen, ein  noch umfassenderes  und wirksameres  Programm zu for-
       dern. Dies  kann leicht  zu einem System sich ständig steigernder
       politischer Erpressung  führen... Als  Resultat dieses ständig in
       einer Richtung  wirkenden Drucks  dürfte das  Zivilschutzprogramm
       eine fortwährende  Expansion und  niemals eine  Einengung  erfah-
       ren...
       Deshalb haben  die Konferenzteilnehmer  den Menschen Amerikas und
       ihrer Führung folgende Fragen zu stellen:
       Sind wir  bereit, es  als möglich anzuerkennen, daß die Durchfüh-
       rung des  angekündigten Zivilschutzprogramms verderbliche soziale
       und politische Konsequenzen nach sich zieht?
       Wenn wir  die Möglichkeit  nachteiliger Konsequenzen nicht anneh-
       men: Welche  Gründe berechtigen  uns hierzu und welche Sicherheit
       gibt es dafür, daß wir uns nicht irren?
       Wenn wir die Möglichkeit nachteiliger Konsequenzen annehmen: Sind
       wir bereit  und in  der Lage, die Schwierigkeiten bewußt zu sehen
       und mit  dem nötigen  Ernst die  Frage zu untersuchen, ob es Wege
       gibt, auf denen diese Schwierigkeiten vermieden werden können?
       Wenn die Untersuchung ergibt, daß es einen Weg gibt, die unglück-
       seligen Folgen  zu vermeiden: Haben wir uns über eine Alternativ-
       politik Gedanken gemacht?"
       

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