Quelle: Blätter 1966 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER DEKLARATION VON TASCHKENT
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       Nach ihrer Zusammenkunft in Taschkent und nach der Erörterung der
       bestehenden Beziehungen zwischen Indien und Pakistan erklären der
       Ministerpräsident Indiens und der Präsident Pakistans hiermit ih-
       ren festen  Entschluß, die  normalen und  friedlichen Beziehungen
       zwischen ihren Ländern wiederherzustellen sowie die Verständigung
       und die  freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihren Völkern zu
       fördern. Sie  betrachten es als lebenswichtig für das Wohlergehen
       des 600 000 000-Volkes Indiens und Pakistans, daß diese Ziele er-
       reicht werden.
       1. Der Ministerpräsident Indiens und der Präsident Pakistans sind
       sich darin  einig, daß  die beiden  Seiten alle Anstrengungen zur
       Herbeiführung gutnachbarlicher  Beziehungen zwischen  Indien  und
       Pakistan gemäß der Charta der Organisation der Vereinten Nationen
       machen müssen.  Sie bekräftigen  ihre Verpflichtung,  im Einklang
       mit der Charta nicht zu Gewalt zu greifen und ihre Streitigkeiten
       mit friedlichen Mitteln beizulegen. Sie gaben der Auffassung Aus-
       druck, daß  eine Fortsetzung  der Spannungen  zwischen den beiden
       Ländern den  Interessen des Friedens in diesem Raum und im beson-
       deren auf  dem indisch-pakistanischen  Subkontinent sowie den Be-
       langen der  Völker Indiens  und Pakistans  nicht entspricht. Eben
       unter Berücksichtigung  dessen wurde  Dschammu und Kaschmir erör-
       tert, und jede der Seiten legte ihren Standpunkt dazu dar.
       2. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein,  daß das  gesamte bewaffnete  Personal beider Länder
       spätestens am  25. Februar 1966 in die Stellungen, die es vor dem
       5. August  1965 bezog,  zurückgeführt wird,  und daß beide Seiten
       die Bedingungen  der Waffenruhe an der Linie der Feuereinstellung
       respektieren werden.
       3. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein, die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan auf dem
       Prinzip der  Nichteinmischung in  die inneren Angelegenheiten des
       anderen aufzubauen.
       4. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein,  daß beide  Seiten keine Propaganda gegen das andere
       Land ermutigen  und die  Propaganda fördern  werden, die der Ent-
       wicklung freundschaftlicher  Beziehungen zwischen  beiden Ländern
       dienlich ist.
       5. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein,  daß der  Hochkommissar Indiens in Pakistan bzw. der
       Hochkommissar Pakistans  in Indien  auf ihre  Posten zurückkehren
       und daß die diplomatischen Vertretungen beider Länder ihre norma-
       len Funktionen  wieder aufnehmen.  Beide Regierungen  werden  die
       Wiener Konvention  von 1961  über die  diplomatischen Beziehungen
       einhalten.
       6. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein, Maßnahmen zur Wiederherstellung der Wirtschafts- und
       Handelsverbindungen, der  Kommunikationen und  des  Kulturaustau-
       sches zwischen  Indien und Pakistan ins Auge zu fassen sowie Aus-
       führungsmaßnahmen der  zwischen Indien  und Pakistan  bestehenden
       Abkommen zu treffen.
       7. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein, daß sie den entsprechenden Amtsstellen Anweisung ge-
       ben werden, die Rückführung der Kriegsgefangenen vorzunehmen.
       8. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein,  daß die Seiten der Erörterung der Fragen fortsetzen
       werden, die  mit den  Flüchtlings- und  den Aussiedlungsproblemen
       (nicht legale Immigration) in Verbindung stehen. Sie kamen ferner
       überein, daß  die beiden  Seiten Bedingungen  zur Verhütung einer
       Abwanderung der  Bevölkerung schaffen  werden.  Sie  vereinbarten
       ferner, die  Frage der  Rückgabe von  Eigentum und Aktiva, die im
       Zusammenhang mit dem Konflikt in die Hand der anderen Seite gera-
       ten sind, zu prüfen.
       9. Der Ministerpräsident  Indiens und der Präsident Pakistans ka-
       men überein,  daß Zusammenkünfte  zwischen den  Seiten sowohl auf
       höchster Ebene  als auch  auf anderen  Ebenen über Fragen, welche
       die beiden  Länder unmittelbar betreffen, fortgesetzt werden. Die
       beiden Seiten erachten es für notwendig, gemeinsame indisch-paki-
       stanische Organe zu schaffen, die ihren Regierungen Berichte vor-
       legen werden  zwecks  Beschlußfassung  darüber,  welche  weiteren
       Schritte getan werden sollen.
       Der Ministerpräsident  Indiens und  der Präsident Pakistans spre-
       chen den  leitenden Staatsmännern  der Sowjetunion, der Sowjetre-
       gierung und  dem Vorsitzenden  des Ministerrats der UdSSR persön-
       lich tiefempfundenen  Dank und Erkenntlichkeit für ihre konstruk-
       tive, freundschaftliche  und hochsinnige  Rolle bei der Organisa-
       tion dieser Zusammenkunft, die zu gegenseitig zufriedenstellenden
       Resultaten geführt hat, aus. Sie statten ferner der Regierung und
       dem befreundeten Volk Usbekistans ihren aufrichtigen Dank für die
       herzliche Aufnahme und großzügige Gastfreundschaft ab.
       Sie ersuchen  den Vorsitzenden  des Ministerrats  der UdSSR,  die
       vorliegende Deklaration zu beglaubigen.
       
       Lal Bahadur Shastri
       Ministerpräsident von Indien
       
       Mohammad Ayub Khan
       Präsident von Pakistan
       
       Taschkent, 10. Januar 1966
       

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