Quelle: Blätter 1966 Heft 04 (April)


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       Prof. D. Dr. Dr. Ernst Wolf
       
       "POLITISCHER GOTTESDIENST"
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       Zum 80. Geburtstag des "Politikers" Karl Barth
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       Man hat  immer wieder in kirchlichen und auch in außerkirchlichen
       Kreisen Karl Barth als einen "politisierenden" Theologen zu kenn-
       zeichnen und damit zugleich auch abzuwerten versucht, vielfach in
       der Meinung,  daß die  Beschäftigung mit  Politik sich eigentlich
       für einen  Theologen, der  es mit dem "Jenseits" sozusagen beruf-
       lich zu tun habe, nicht recht schicke. Man hat sich dieses eigen-
       tümliche und  auffällige Verhalten  von Karl  Barth dann vielfach
       ideologisch zu  erklären versucht, als Ausdruck einer von den Lu-
       theranern  vielfach  mit  sehr  deutlichen  Worten  verabscheuten
       "westlichen" Demokratie  kalvinischer Herkunft, die die Göttlich-
       keit des  Staates und  die Verschiedenheit  der beiden Regimente,
       des weltlichen  und des  geistlichen, nicht  respektiere, sondern
       mit der  Proklamation der Königsherrschaft Christi das Evangelium
       selbst ganz  unmittelbar auch zur Norm politischer Entscheidungen
       mache. Von  daher hat  man es  ihm  im  besonderen  verübelt  und
       zugleich als  bedenkliche Konsequenz  einer als "links" interpre-
       tierten "dialektischen  Theologie" hingestellt  - ein Bonner Kol-
       lege sprach  töricht von  der "Modetheologie der liberalistischen
       Verfallszeit" -,  daß er es irgendwie mit den "Sozialisten", ins-
       besondere auch mit den "religiösen Sozialisten" gehalten habe und
       dann gar  als Professor  in Deutschland  der SPD beigetreten sei.
       Das ist  fast selbstverständlich  für die Vertreter des weit ver-
       breiteten, im  Untergrund  auch  leicht  antisemitisch  gefärbten
       "Pastoren-Nationalismus", den kürzlich K.W. Dahm in seiner Unter-
       suchung "Pfarrer und Politik" (1965) gut, wenngleich etwas zu zu-
       rückhaltend analysiert  hat. Gerade  von diesem nur ideologischen
       Nationalismus her  mußte man  auch alles  andere dann ideologisch
       auffassen und  verstehen und hatte von da aus kein rechtes Gespür
       dafür, daß  man z.B.  innerhalb der  parteipolitischen Strukturen
       der modernen  Gesellschaft auch  völlig unideologisch  diese oder
       jene Position beziehen könne. In bezug auf die SPD hat Karl Barth
       das - in gewissem Unterschied zu Paul Tillich und dessen religiö-
       sem Sozialismus  - sehr  eindeutig getan und selbst zu Beginn des
       Jahres 1933  angesichts der  Aktionen des Nationalsozialismus zur
       sogenannten  Wiederherstellung  des  Berufsbeamtentums  eindeutig
       ausgesprochen. Er  schrieb damals am 4.4.1933 an den Reichserzie-
       hungsminister: "Ich  gehöre aus praktisch-politischen Gründen der
       Sozialdemokratischen Partei an. Mit meiner Lehrtätigkeit hat dies
       insofern nichts zu tun, als diese allein durch das Bekenntnis der
       evangelischen Kirche bestimmt und gebunden ist... Ich könnte aber
       auch eine Aufforderung zum Austritt aus der SPD als Bedingung der
       Fortsetzung meiner Lehrtätigkeit nicht annehmen, weil ich von der
       Verleugnung meiner  politischen Gesinnung, bzw. von der Unterlas-
       sung ihrer  offenen Kenntlichmachung, die dieser Schritt bedeuten
       würde, weder  für meine  Zuhörer, noch  für die Kirche, noch auch
       für das  deutsche Volk  etwas Gutes  erwarten könnte."  Zwei Tage
       vorher hatte er an Tillich geschrieben: "...Zugehörigkeit zur SPD
       bedeutet für  mich nicht das Bekenntnis zur Idee und Weltanschau-
       ung des Sozialismus. Ich kann mich nach meiner Auffassung von der
       Exklusivität des  christlichen  Glaubensbekenntnisses  zu  keiner
       Idee noch Weltanschauung in ernsthaftem Sinne 'bekennen'. So habe
       ich auch  zum 'Marxismus'  als solchem kein innerlich notwendiges
       Verhältnis.... Ich  kann ihm  als Idee  und Weltanschauung  weder
       Furcht noch  Liebe noch Vertrauen entgegenbringen. Die Zugehörig-
       keit zur  SPD bedeutet  für mich  schlechterdings eine praktische
       politische Entscheidung.  Vor die verschiedenen Möglichkeiten ge-
       stellt, die der Mensch in dieser Hinsicht hat, halte ich es rebus
       sic stantibus  für richtig,  die Partei 1. der Arbeiterklasse, 2.
       der Demokratie,  3. des  Nichtmilitarismus und 4. einer bewußten,
       aber verständigen  Bejahung des  deutschen Volkes  zu  ergreifen.
       Diese Erfordernisse einer gesunden Politik sah ich in der SPD und
       nur in  ihr erfüllt.  Darum wähle  ich diese Partei. Und weil ich
       die Verantwortung  für die  Existenz dieser  Partei nicht anderen
       überlassen, sondern selbst mit übernehmen will, darum bin ich ihr
       Mitglied. Ich  könnte diese  Entscheidung grundsätzlich  auch  in
       noch aktiveren Formen betätigen. Bis jetzt meinte ich, dazu weder
       das Zeug,  noch die  Zeit, noch den Ruf zu haben, und ich vermute
       bestimmt, daß  es auch  in Zukunft dabei bleiben wird. Ich könnte
       mich freilich  auch nicht  darauf festlegen, daß es dabei bleiben
       muß... Treffen  könnte mich  nur ein  Verbot, die  sozialistische
       Idee an  der Stelle,  wo auch ich sie zur Sprache zu bringen habe
       (in der  theologischen Ethik), in aller Freiheit, d.h. ohne Rück-
       sicht darauf,  daß der  gegenwärtige Staat  der nationalistischen
       Idee den  Vorrang gibt,  bestimmt allein  durch das  theologische
       Thema, in  Erwägung zu  ziehen und  in ihrer relativen kritischen
       Bedeutung zur  Geltung zu  bringen. Wenn  man mir dies untersagen
       sollte, müßte  ich mich widersetzen und die Konsequenzen auf mich
       nehmen... Umgekehrt  ist nun gerade die Freiheit zur rein politi-
       schen Entscheidung,  Stellungnahme und  ev. Betätigung der Punkt,
       auf den  für mich alles ankommt. Die Freiheit, bzw. der bestimmte
       Gebrauch, den  ich von  ihr mache, indem ich mich vor Gleich- und
       Andersdenkenden, vor  meinen Kollegen und Studenten, vor den Män-
       nern der  Kirche und  vor meinen theologischen Lesern und vor wem
       immer, den es interessieren mag, zur SPD stelle und mich als SPD-
       Mann ansprechen  lasse -  das gehört (im Unterschied zur Idee des
       Sozialismus) zu meiner Existenz, und wer mich so nicht mehr haben
       will, der  kann mich überhaupt nicht haben. Ich könnte mir selbst
       und anderen  auch als  Theologe nicht mehr glaubwürdig sein, wenn
       ich mir in dieser bürgerlichen Beziehung eine andere Entscheidung
       aufdrängen ließe als diese, die meiner Überzeugung in politischer
       Beziehung entspricht.  Sie verstehen mich: gerade weil ich im Un-
       terschied zu  Ihnen keine Rückzugslinie zu einem esoterischen So-
       zialismus habe.  Der meinige ist nur exoterisch, und gerade darum
       kann ich  auf das Parteibuch nicht verzichten... Einem bloßen Rat
       und vor  allem einer  Forderung des  heutigen  Staates  gegenüber
       werde ich bei meiner Entscheidung bleiben müssen... Er kann viel,
       dieser Staat, er kann z.B. nach Gutdünken pensionieren und abset-
       zen, er  kann aber  nicht alles,  er kann z.B. nicht einen freien
       Mann zwingen,  seinetwegen ein  anderer zu  werden. Ich  sage das
       ohne Heldentrotz und Märtyrerlust. Es geht eben nicht... Ich will
       Ihnen sogar  gestehen,  daß  ich  wohl  wünschte,  es  möchte  in
       Deutschland noch einige andere freie Männer mit einigem Namen ge-
       ben, die  so dran wären, daß sie in bezug auf dieses arme, kleine
       Parteibuch dabei bleiben müßten: es geht eben nicht. Aber da wird
       nun jeder seiner Voraussetzung entsprechend handeln müssen.
       Und ich sehe vollkommen ein, daß Ihre Voraussetzung Sie in dieser
       Sache zu  einem anderen  Ergebnis führen  muß. Ich werde an Ihnen
       also nach  wie vor  nur das  tadeln, daß Ihre Voraussetzung nicht
       auch in einer ordentlichen Theologie (ohne esoterischen Sozialis-
       mus) besteht."
       Ist mit  alledem zunächst  nur ein grundsätzliches Verhältnis des
       Theologen zur  Politik umschrieben  und zugleich seine Auffassung
       des politischen  Handelns, als eines nüchternen und zweckbestimm-
       ten Geschäftes  menschlicher Vernunft,  so erfolgt die von da aus
       mögliche, aber  noch nicht  eingetretene Aktivierung  dieser Ein-
       stellung bei  Karl Barth  auf einem  eigentümlichen, aber  völlig
       sachgerechten Umweg.  Dieser hängt mit der durch den Aufbruch des
       Dritten Reiches  herbeigeführten oder, besser gesagt, schließlich
       ausgelösten großen  und tiefgreifenden  Auseinandersetzung inner-
       halb des deutschen Protestantismus zusammen, die sich dann später
       in dem  Gegenüber von  "Deutschen Christen" und "Bekennender Kir-
       che" spiegelte.  Angesichts des  Vorstoßes der  "Deutschen  Chri-
       sten", die  Evangelium und  nationalsozialistische Ideologie  i n
       e i n e m   zum Inhalt  der Verkündigung  machen wollten und sich
       anschickten, vor  den angeordneten  Kirchenwahlen von  1933 sogar
       von Hitler  selbst öffentlich  unterstützt, die Kirchenleitung zu
       erobern, sah  sich Karl  Barth zu jener Schrift gedrängt, die für
       die folgenden  Jahre die  Grundlage des  kirchlichen Widerstandes
       geworden und geblieben ist: "Theologische Existenz heute!" Er hat
       diese Schrift  auch alsbald  am 1. Juli 1933 an Hitler selbst ge-
       schickt mit  der Bemerkung, es sei ihm klar, "daß die scharfe Ab-
       lehnung der  sogenannten 'Deutschen  Christen', auf die der Leser
       dieser Schrift  an bestimmter  Stelle stößt, Ihrer Auffassung und
       Ihren Überzeugungen  nicht  entsprechen  kann.  Die  evangelische
       Theologie muß auch im neuen Deutschland unerbittlich und unbeküm-
       mert ihren  eigenen Weg  gehen." Auf den Inhalt und die Tragweite
       dieser Schrift  kann hier  nicht näher  eingegangen werden.  Karl
       Barth meinte  später, er  habe eigentlich  in dieser Aufforderung
       zur "Sache"  der Kirche  "nichts Neues  zu sagen" gehabt, sondern
       eben das,  was zu sagen er sich immer bemüht habe: "Daß wir neben
       Gott keine anderen Götter haben können, daß der Heilige Geist der
       Schrift genügt, um die Kirche in alle Wahrheit zu leiten, daß die
       Gnade Jesu  Christi genügt  zur Vergebung  unserer Sünden und zur
       Ordnung unseres  Lebens. Nur  daß -  so fährt  er fort - ich eben
       dies nun  auf einmal  in einer  Situation zu  sagen hatte, in der
       eben dies nicht mehr den Charakter einer akademischen Theorie ha-
       ben konnte,  sondern, ohne daß ich es wollte und dazu machte, den
       Charakter eines  Aufrufs,  einer  Herausforderung,  einer  Kampf-
       parole, eines  Bekenntnisses bekommen  mußte. Nicht ich habe mich
       verändert: es  veränderte sich aber gewaltig der Raum und die Re-
       sonanz des  Raumes, in  dem ich  zu reden  hatte. Die konsequente
       Wiederholung jener Lehre (die Barth schon vorher vertreten hatte)
       wurde gerade in ihrer gleichzeitig vollzogenen Vertiefung in die-
       sem neuen Raum von selbst zur Praxis, zur Entscheidung, zur Hand-
       lung. So  stand ich  eines Tages  zu meiner  eigenen Überraschung
       zunächst mitten  in der  Kirchenpolitik, in  der Mitarbeit an den
       Beratungen und  Entschließungen der  seit  1934  sich  sammelnden
       'Bekennenden Kirche'....  Es konnte  nicht anders  sein -  obwohl
       viele in der Bekennenden Kirche dies bis heute nicht einsehen und
       wahrhaben wollen -, als daß eben dies im Raume des Nationalsozia-
       lismus nicht  nur eine 'religiöse', nicht nur eine kirchenpoliti-
       sche, sondern ipso facto auch eine politische Entscheidung bedeu-
       tet: die  Entscheidung gegen  einen Staat,  der als totaler Staat
       eine andere  Aufgabe, Verkündigung  und Ordnung als seine eigene,
       einen anderen  Gott als sich selbst nicht anerkennen kann und der
       darum, je mehr er sich entfaltete, um so mehr auch zur Unterdrüc-
       kung der  Kirche als solcher, um so mehr auch zur Beseitigung al-
       les menschlichen  Rechtes und aller menschlichen Freiheit auf al-
       len Gebieten übergehen mußte. Hinter der in die Kirche eingedrun-
       genen Häresie  stand von  Anfang an und trat dann bald heraus als
       der viel  gefährlichere Gegner:  der anfangs  auch von  so vielen
       Christen als Befreier und Erretter begrüßte Hitler, der National-
       sozialismus selbst...  und Europa  versteht die  Gefahr nicht, in
       der es  steht. Warum  nicht? Weil  es das  Erste Gebot nicht ver-
       steht, weil  es nicht  sieht, daß der Nationalsozialismus die be-
       wußte, prinzipielle und systematische Übertretung eben des Ersten
       Gebotes bedeutet.  ...So kam  es von  selbst, daß ich auch in der
       Schweiz um der Erhaltung der rechten Kirche und des rechten Staa-
       tes willen  in meinem Gegensatz zum Nationalsozialismus verharren
       mußte..." (Evang.  Theologie 8,  1948/49, S.  293; 1946  hat Karl
       Barth diesen Hinweis auf das Erste Gebot gesprächsweise Pieck und
       Ulbricht gegenüber  wiederholt.) Sehr  rasch  hat  also,  und  so
       scharfsichtig wie  damals nicht allzu viele Leute in Deutschland,
       Karl Barth von der scheinbar nur innerkirchlichen Auseinanderset-
       zung aus  auf der Grundlage seiner theologischen Position das We-
       sen des  Nationalsozialismus durchschaut und die christliche Ver-
       pflichtung verspürt,  ihm auch  aktiv und  gerade nicht als einer
       Ideologie, sondern in seiner politischen Wirklichkeit entgegenzu-
       treten. Dabei hat er immer wieder die Widerstände in dem traditi-
       onsbeladenen, durch Jahrhunderte hindurch zu einer fast absoluten
       Obrigkeitshörigkeit erzogenen  deutschen Protestantismus und spe-
       ziell einer lutherischen Staatstheologie verspüren müssen, die es
       als eigentlich  christlich empfand,  im Ertragen  staatlichen Un-
       rechts bis  zum Äußersten  zu gehen,  ja, die  prinzipiell bereit
       war, in  jedem staatlichen  Wesen zumindest  noch einen  Rest von
       göttlicher Ordnung  anzuerkennen. So formulierten damals namhafte
       lutherische Theologen  gegenüber der  Barmer Theologischen Erklä-
       rung vom  Mai 1934:  "Als Christen  ehren wir mit Dank gegen Gott
       jede Obrigkeit,  selbst in  der Entstellung",  und erklärten, sie
       dankten "als  glaubende Christen  Gott dem  Herrn, daß er unserem
       Volke in  seiner Not  den Führer  als 'frommen und getreuen Ober-
       herrn' geschenkt  hat und  in der nationalsozialistischen Staats-
       ordnung 'gut Regiment' ... bereiten will."
       
       II
       
       Die Barmer  Theologische Erklärung,  um die herum sich allmählich
       die Bekennende  Kirche zugleich als selbstkritische innerkirchli-
       che Bewegung  scharte, hat in ihrer fünften These jenes alles po-
       litische Handeln des Protestantismus hemmende Tabu einer lutheri-
       schen Staatsmetaphysik  vor Augen und sie mit einigen prinzipiel-
       len Sätzen  in grundlegender  Weise aus  dem Wege  geräumt. Haben
       sich diese Sätze mit den aus ihnen folgenden Konsequenzen zwar in
       der Folgezeit  und nach  dem Ende  des Krieges  noch nicht völlig
       durchgesetzt, so bedeuten sie fraglos in der Geschichte deutschen
       protestantischen Staatsdenkens  den Durchbruch  nach vorn und die
       grundsätzliche Ermöglichung  dazu, die Aufgabe der Gestaltung ei-
       nes demokratischen Rechtsstaates auch als einen christlichen Auf-
       trag zu  verstehen und zu bejahen. Denn mit diesem Satz geschieht
       nicht weniger,  als daß  anstelle einer  durch den  Gedanken  der
       Macht und  der unmittelbar  von Gott  abgeleiteten Autorität  be-
       stimmten "theonomen  Obrigkeit", der gegenüber es nur Untertanen,
       aber nicht  Bürger gibt,  nunmehr der  Staat als eine menschliche
       Wirkungseinheit hingestellt  wird, der  in einem Raum in höchster
       Instanz die Wahrung von Ordnung und Frieden aufgetragen ist. Jene
       fünfte Barmer  These lautet: "Die Schrift sagt uns, daß der Staat
       nach göttlicher  Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht er-
       lösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschli-
       cher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Aus-
       übung von  Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche er-
       kennt in  Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner
       Anordnung an.  Sie erinnert  an Gottes Reich, an Gottes Gebot und
       Gerechtigkeit und  damit an  die  Verantwortung  der  Regierenden
       u n d   d e r   R e g i e r t e n.  Sie vertraut und gehorcht der
       Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt."
       Ich bin dessen nicht ganz sicher, ob damals, bei der Formulierung
       der fünften  These, schon  die  g a n z e  Tragweite dieser Sätze
       wirklich deutlich  gewesen ist,  auch für Karl Barth selbst. Aber
       er hat  zumindest sehr  stark empfunden, wie hier der Staat nicht
       mehr als  eine nahezu vergöttlichte metaphysische Größe begriffen
       wird, sondern,  indem nach  seinem Zweck  gefragt ist, als ein in
       steter Bewegung  und Neugestaltung befindlicher Lebensprozeß, auf
       dessen Verwirklichung  das politische Handeln als ein verantwort-
       liches, ethisch  gebundenes und begrenztes Handeln gerichtet ist.
       Das Ja  dazu bedeutet  die grundsätzliche Lösung von einer tradi-
       tionellen christlichen  Staatsideologie, auch von dem Ideal eines
       "christlichen Staates"  und in letzter Konsequenz auch, was Barth
       nach  1945   immer  wieder   deutlich  gemacht   hat,  von  einer
       "christlichen" Partei,  bei der  ein  ererbtes  patriarchalisches
       Staatsverständnis sich  zumindest hintergründig sträubt gegen die
       Demokratie als politische Lebensform eines freiheitlichen Rechts-
       staates. Hatte  der Protestantismus nach 1918 die angebotene Mög-
       lichkeit einer rechtsstaatlichen Demokratie im großen ganzen ver-
       spielt, so  öffnet die  fünfte Barmer  These, jedenfalls nach dem
       Ende des  nationalsozialistischen Regimes  und für  alle die, die
       diesem mit prinzipiellen Erwägungen und daraus folgenden Handlun-
       gen Widerstand  zu leisten versuchten, den Weg in eine sachgemäße
       Wahrnehmung der aufgetragenen Mitsorge des Christen für das Leben
       der Gesellschaft  in staatlicher  Verfaßtheit,  kurz  gesagt  zur
       Teilnahme an  echter politischer  Gestaltung der modernen Gesell-
       schaft. Gerade nach den Jahren, in denen Barth auch von Basel aus
       in diesem  Sinne zu wirken versucht hatte, hat er selbst in einem
       Brief an  deutsche Theologen in der Kriegsgefangenschaft vom Juli
       1945 bemerkt:
       "Jawohl, das  sagt uns  die Schrift, und eben darin ist die deut-
       sche Kirche  vor dem  Krieg und schon lange, lange vor Hitler dem
       deutschen Volk  und Staat  Entscheidendes schuldig geblieben, daß
       sie ihm  die Erinnerung  an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Ge-
       rechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden  u n d
       d e r   R e g i e r t e n  nicht so zum Ereignis gemacht hat, wie
       sie es  nach der Schrift des Alten und Neuen Testaments hätte tun
       müssen" (E.  Wolf, Karl  Barth zum  Kirchenkampf, Ev.  Theol. 49,
       1956, S.  95). Und  von da  aus bestimmte er dann ein Jahr später
       gelegentlich einer Befragung Politik als den "Bereich, in welchem
       (laut Barmer  Erklärung These  V) auf  Grund göttlicher Anordnung
       'nach dem  Maß menschlicher  Einsicht und menschlichen Vermögens'
       für Recht  und Frieden  zu sorgen  ist. Sie  ist übrigens der Be-
       reich, in welchem die Christen mit Nichtchristen und den Christen
       anderen Bekenntnisses  zusammentreffen und  zusammenarbeiten müs-
       sen. In  der Politik  muß es sich also ohne Gebrauch explizit ge-
       machter biblischer  und theologischer  Argumente zeigen,  daß der
       Christ von  biblischen und  theologischen Erkenntnissen  herkommt
       und von  daher 'nach  dem Maß menschlicher Einsicht und menschli-
       chen Vermögens'  - auf der Ebene sachlicher Überlegungen und Ent-
       schließungen also,  auf der  er ja notorisch auch in anderer Hin-
       sicht lebt!  - im Blick auf die konkreten und konkretesten Fragen
       des Gemeinwesens  klarer zu  denken, deutlicher zu reden, bessere
       Vorschläge zu machen, begründeter zu wählen und sich zu entschei-
       den weiß  als seine  von anderswo herkommenden Mitbürger. Die mir
       vorgehaltene Enthaltsamkeit  hinsichtlich 'tiefsinniger'  Voraus-
       setzungen und  Begründungen ist  also nicht  nur pädagogisch  ge-
       meint, sondern  gehört gerade  zu dem  Grundsätzlichen,  was  der
       christliche Deutsche  hinsichtlich der Wahrnehmung seiner politi-
       schen Verantwortlichkeit  etwa vom  christlichen Engländer lernen
       könnte und  sollte und  was ich  ihm als  christlicher  Schweizer
       hiermit herzlich  empfehlen möchte...  Das  politische  Leben  in
       Deutschland krankt  an dem Überfluß von Metaphysik, der von allen
       Seiten in diesen praktischen Bereich hineingetragen wird... Jedes
       Volk hat  sein Lebensrecht  und die Pflicht, sich dafür einzuset-
       zen. Das  Ziel eines einigen, freien und starken Deutschlands war
       und ist  kein falsches  Ziel. Es  gab aber  in der  deutschen Ge-
       schichte einige  falsche Weichenstellungen...,  wo in  Erstrebung
       jenes Ziels außenpolitisch die Macht dem Recht in so bewußter, so
       grundsätzlicher Weise  vorgeordnet und wo innenpolitisch die Ver-
       antwortlichkeit der  einzelnen Bürger so bewußt, so grundsätzlich
       vernachlässigt, ja  unterdrückt wurde, daß eine Tradition entste-
       hen konnte, die (unter dem Beifall und der Mitwirkung ihrer beru-
       fensten Vertreter!)  schließlich mühelos ins Hitlerreich hinüber-
       führen konnte. Es geht heute... um die Umkehr von dem verhängnis-
       vollen Weg  und Geist jener Tradition" (Vier Fragen an Karl Barth
       und seine Antwort, Nachrichtendienst der Pressestelle der Evange-
       lischen Kirche der Rheinprovinz 13, 10.8.1946).
       In der  weiteren Diskussion  dieser grundsätzlichen  und für  den
       "Politiker" Karl  Barth besonders  kennzeichnenden Sätze  hat  er
       dann seinerseits  auch Vorschläge zu einer Verbesserung der fünf-
       ten Barmer These gemacht. Sie zeigen, wie der Ansatz festgehalten
       wird, wie  aber seine  Weiterführung nach vorwärts nach einer in-
       tensiven Klärung  verlangt. So sollte z.B. deutlicher gesagt wer-
       den: "Im  Notfall unter  Androhung und Ausübung von Gewalt". Denn
       Barth will  sich dagegen  verwahren, daß etwa gemeint sei, es ge-
       höre zum  Wesen des  Staates, Gewalt  zu üben, sondern dies komme
       ihm nur im äußersten Notfall zu. "Die Gewaltanwendung ist ein äu-
       ßerster Grenzfall."  Auch die  Aufgabenbestimmung, "für Recht und
       Frieden" zu  sorgen, müsse  erweitert werden:  "Der Staat hat dem
       Gemeinwohl zu  dienen und also für Recht, Frieden und Freiheit zu
       sorgen." (Dieser  schöne Begriff  der Freiheit hat 1934 gefehlt!)
       Zugleich macht  er in einleuchtender Weise klar, warum der Christ
       als Christ  auch zu  politischem Handeln  verpflichtet ist.  Dies
       einzusehen, ist  auf Grund  der jahrhundertelangen  Erziehung des
       deutschen Protestanten  zu politischer Karenz nicht ganz einfach;
       er hielt  von der frühchristlichen Überlieferung an dem eindeutig
       formulierten, auch  im sogenannten Toleranzedikt des Galerius von
       311 den Christen auferlegten Gebet für die Obrigkeit fest. Er hat
       zugleich  aber  die  grundlegende  Stelle  in  1.  Timotheus  2,1
       ("...Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für
       die Könige  und für  alle Obrigkeit,  auf daß wir ein ruhiges und
       stilles Leben  führen mögen..."), die übrigens sich eng an tradi-
       tionelle heidnische  Voten anschließt,  die auf die salus publica
       und damit  auch auf  das Wohl  des Einzelnen  gerichtet sind, als
       Ausdruck einer  staatsfernen "unpolitischen"  Loyalität der Chri-
       stenheit interpretiert.  Ihm sagt  nun Karl  Barth: "Wo ich bete,
       mache ich  mich für  die obrigkeitlichen Personen verantwortlich.
       Und jetzt  ist es  nur noch ein kleiner Schritt, da muß ich aner-
       kennen: ich  bin selber  auch eine  obrigkeitliche Person.  Diese
       ganze Sache  ist gar  nicht eine  Angelegenheit anderer Personen,
       sondern tua  res agitur.  Und darum jetzt der Begriff der Verant-
       wortung  der  Regierenden    u n d    d e r    R e g i e r t e n"
       (Protokoll eines  Gesprächs der Kirchlichen Bruderschaft in Würt-
       temberg mit Karl Barth, Basel, 15. Juli 1963).
       Diese prinzipiellen Erkenntnisse werden nach 1934 dann in rascher
       Folge immer  kräftiger ausgebaut.  Es gibt  so etwas  wie theolo-
       gisch-politische Traktate  Barths im  strengen Sinn  des  Wortes.
       Dazu gehört  in erster  Linie die  Broschüre "Rechtfertigung  und
       Recht" von  1938, die  nicht nur  nach 1945 zu einem völlig neuen
       und intensiven  Gespräch innerhalb  des deutschen Protestantismus
       zur Frage  der Rechtsproblematik und zur Grundlegung eines begin-
       nenden spezifisch  protestantischen  Rechtsdenkens  geführt  hat,
       sondern in  der vor allem auch das Verhältnis von Macht und Recht
       im Sinne ihrer Zuordnung auf einen demokratischen Rechtsstaat hin
       näher bestimmt wird. Von einer grundsätzlichen Sicht des Verhält-
       nisses zwischen Kirche und Staat her, die, was ja der abendländi-
       schen Tradition  völlig entspricht, von der Kirche aus besonderes
       Licht auf  den Staat fallen läßt, bei allem Abstand zwischen bei-
       den, heißt es, "daß die Christen irdischen Staat nicht nur erdul-
       den, sondern  wollen müssen,  und daß  sie ihn... nur als Rechts-
       staat wollen können: daß es also ein äußeres Entfliehen aus jenem
       anderen, dem  politischen Bereich, nicht gibt, daß sie, indem sie
       ganz in  der Kirche,  ganz auf  die zukünftige Polis ausgerichtet
       sind, ebenso  ganz in Schuld und Verantwortung auch der irdischen
       Polis verfallen  und verpflichtet,  ebenso ganz  zum Arbeiten und
       (es sei  denn!) zum  Kampf wie zum Gebet für sie aufgerufen sind,
       daß für  den Charakter  des Staates als Rechtsstaat ein jeder von
       ihnen mit  haftbar ist."  Das entspricht auch der abendländischen
       Tradition, dem Umstand, daß es kein Zufall ist, "daß es gerade im
       Bereich  der   christlichen  Kirche  im  Lauf  der  Zeit  zu  ...
       'demokratischen', d.h.  auf der verantwortlichen Betätigung aller
       Bürger sich  aufbauender Staaten gekommen ist. Kann ein ernsthaf-
       tes Gebet  auf die  Länge ohne die entsprechende Arbeit bleiben?"
       (Eine Schweizer  Stimme. 1945,  53 S.  f.). Gerade das gehört zum
       "politischen Gottesdienst",  von dem  Barth noch etwas ausführli-
       cher in  seinen Giffurd-Vorlesungen "Gotteserkenntnis und Gottes-
       dienst nach  reformatorischer Lehre" (1938) spricht. "Politischer
       Gottesdienst", um den es hier geht, das ist lediglich die Antwort
       auf die  vorhin zitierte  Frage: "Kann  ein ernsthaftes Gebet auf
       die Länge ohne die entsprechende Arbeit bleiben? Kann man Gott um
       etwas bitten,  das man  nicht in den Grenzen seiner Möglichkeiten
       herbeizuführen im  selben Augenblick entschlossen und bereit ist?
       Kann man  also beten,  daß der  Staat uns  erhalten, und zwar als
       Rechtsstaat erhalten  bleiben oder  zum Rechtsstaat wieder werden
       möchte, ohne sich in eigener Person, in eigener Besinnung und mit
       eigener Tat  dafür einzusetzen,  daß dies  geschehe, ohne mit der
       schottischen Konfession  (1560) den  ernstlichen Willen  zu haben
       und zu  bekennen: vitae  bonorum adesse, tyrannidem opprimere, ab
       infirmioribus vim  improborum defendere  (das Leben  der Guten zu
       fördern, Tyrannis zu unterdrücken, von den Schwächeren die Gewalt
       der Bösen  abzuwehren) ..."  In dieser  Vorlesung hat Karl Barth,
       wiederum eine  Neuerung im neueren Protestantismus, dann auch die
       grundsätzlichen Fragen  eines möglichen und unter Umständen sogar
       gewaltsamen Widerstandes gegen das, was man später den "Unrechts-
       staat" nannte,  erwogen, also  jene Fragen  erörtert,  mit  denen
       sich, in  ihrem letzten  Stadium vor  allem, die  Bewegung  eines
       politisch-militärischen Widerstandes  im Dritten  Reich besonders
       mühsam herumschlug.  Bei Barth wiederum grundsätzliche politische
       Erkenntnisse und  Entscheidungen, die  unter bestimmten Umständen
       zur Realisierung  drängen. In  der Auslegung des 14. Artikels der
       Schottischen Konfession  von 1560,  der es  zu den "guten Werken"
       des Christen  nach der  zweiten Tafel  der Zehn  Gebote zählt, im
       Dienst des  Nächsten auch  "tyrannidem  opprimere",  Tyrannei  zu
       unterdrücken, erklärte  Barth: "Es  kann uns der Gehorsam - nicht
       gegen die politische Ordnung, aber gegen ihre konkreten Vertreter
       zur Unmöglichkeit  werden, wenn  wir gleichzeitig den Glauben und
       die Liebe  festhalten wollen.  Es könnte sein, daß wir diesen und
       diesen Machthabern  nur noch  im Ungehorsam  gegen Gott  und dann
       faktisch auch im Ungehorsam gegen die politische Ordnung gehorsam
       sein könnten.  Es könnte sein, daß wir es mit einer Regierung von
       Lügnern und  Wortbrüchigen,  Mördern  und  Brandstiftern  zu  tun
       hätten, mit einer Regierung, die sich selbst an die Stelle Gottes
       setzen, die die Gewissen binden, die Kirche unterdrücken und sich
       selber zur  Kirche des Antichristen machen wollte. Es könnte dann
       offenbar sein,  daß wir  nur noch  wählen  könnten:  entweder  im
       Ungehorsam gegen  Gott den Gehorsam gegen diese Regierung oder im
       Gehorsam gegen  Gott den  Ungehorsam gegen diese Regierung. Müßte
       da nicht Gott mehr gehorcht werden als den Menschen? Müßte es uns
       da nicht  verboten sein, nur leiden zu wollen? Müßte da nicht der
       in der  Liebe tätige  Glaube  an  Jesus  Christus  unsere  aktive
       Resistenz ebenso  notwendig machen,  wie er,  wenn wir  nicht vor
       diese Wahl  gestellt sind, die passive Resistenz oder auch unsere
       positive Mitarbeit notwendig macht? Genauso, wie er in der Kirche
       unter den  entsprechenden Umständen die Reformation und damit den
       Bruch in  der Kirche,  den Bruch  zwischen  wahrer  und  falscher
       Kirche,  notwendig   macht?  Müßte   dann  das  Gebet  für  diese
       Regierung, ohne aufzuhören, für ihre Personen und ihre Bekehrung,
       für ihr  ewiges  Heil  vor  Gott  einzutreten,  nicht  doch  ganz
       schlicht zum  Gebet um ihre Beseitigung als politische Machthaber
       werden? Und  würden wir dann nicht diesem Gebet entsprechend auch
       handeln müssen?"  Und auf die Gegenfrage, ob hier Gewalt wirklich
       erlaubt sei,  heißt es:  "Wir befinden uns hier an der Grenze der
       Kirche, im Raume der noch nicht erlösten Welt. In dieser Welt le-
       ben und  nun auch in ihr Gott gehorsam sein, bedeutet direkt oder
       indirekt: an  der Ausübung von Gewalt beteiligt sein." Die Gewalt
       wird gewiß  nicht die  prima ratio  sein, "es  kann und darf aber
       nicht aus  Furcht vor  der ultima ratio der gewaltsamen Resistenz
       aktive Resistenz als solche ausgeschlossen werden" (213 ff.)
       
       III
       
       Diese Erwägungen  stehen unter  dem Nenner  eben des "politischen
       Gottesdienstes". Barth hat ihn neben dem Gottesdienst des christ-
       lichen Lebens und dem kirchlichen Gottesdienst sozusagen als eine
       dritte Ebene  genannt, die Ebene, in der sich das christliche Da-
       sein in  der Welt  abspielt und  die in der mit Nichtchristen ge-
       meinsame Sorge  um die  Erhaltung einer  relativen Ordnung in der
       Welt ihren  Ort hat. Es wird damit in der protestantischen Tradi-
       tion sowohl  jenes Schwärmertum  abgelehnt, das bereits auf Erden
       das Reich der Heiligen meinte aufrichten zu können, wie auch jene
       viel wirksamere  Bewegung, die  dem Christen nahelegen will, sich
       desinteressiert von  der Welt  zurückzuziehen, die mit dieser Zu-
       rückhaltung die  Anerkennung einer Selbständigkeit des weltlichen
       Reiches gegenüber  dem Reiche  Christi verbinden  will, also jene
       Trennung von  weltlich und  christlich, die  dann ihren säkulari-
       sierten  Niederschlag   in  der   fatalen  Gegenüberstellung  von
       "Diesseits" und  "Jenseits" findet, den eine bewußt nachchristli-
       che und  in diesem  Sinn "atheistische" Denkweise produziert hat,
       um sich so nicht nur - mit Recht - von einer Klerikalisierung der
       Welt zu  befreien, sondern  vor allem, um sich so die unangenehme
       kritische Herausforderung  eben durch  den  "politischen  Gottes-
       dienst" des  Christen vom  Leibe zu  halten, die das "Gemeinwohl"
       zum entscheidenden Richtpunkt innerweltlichen Handelns macht.
       Nach dem  Ende des Zweiten Weltkriegs hat Karl Barth diese grund-
       legenden politischen  Einsichten noch einmal in dem beim Erschei-
       nen lebhaft  umstrittenen Vortrag "Christengemeinde und Bürgerge-
       meinde" (1946)  zusammengefaßt und  damit sachlich  im Rahmen des
       Problems von  Kirche und Staat abermals präzisiert. Diese Schrift
       gehört wie  andere aus  jener Zeit  hinein in  den Versuch, einen
       nunmehr möglichen  und sinnvollen  Neuaufbau gerade  auch politi-
       scher Existenz  im Nachkriegsdeutschland  mit zu bedenken und mit
       zu beraten. Aber damit ist bereits vorgegriffen.
       Die grundsätzlichen Erkenntnisse mußten auch Konsequenzen für das
       Handeln haben.  Zunächst im  Bereich der  Kirchenpolitik,  sofern
       Karl Barth,  freilich nur  für anderthalb  Jahre in unmittelbarer
       Mitarbeit, der  werdenden Bekennenden  Kirche  immer  wieder  bei
       grundsätzlichen Entscheidungen  half  und  sie  stets  bei  ihrer
       "Sache" zu halten versuchte, die durch den Leitgedanken umschrie-
       ben wird:  "Die Kirche  hat überhaupt nicht den Menschen und also
       auch nicht  dem deutschen  Volk zu dienen. Die Deutsche Evangeli-
       sche Kirche  ist die  Kirche für  das deutsche evangelische Volk.
       Sie dient aber allein dem Worte Gottes." Das war in der Tat Hilfe
       und untrügliche  Wegleitung. Formuliert  hat sie Barth in den we-
       sentlich auf  ihn zurückgehenden sechs Sätzen der "Barmer Theolo-
       gischen Erklärung"  von 1934,  die dann  wenigstens zum Teil nach
       1945 auch formal in die Bekenntnisgrundlage evangelischer Landes-
       kirchen aufgenommen  wurden. Er  hat immer  wieder  sozusagen  in
       "strategischer" Weise  auf das Ganze geblickt, taktischen Kompro-
       missen vielfach  widerraten und  mit alledem in fast allen Fällen
       schließlich recht behalten. So etwa auch, als er einer 1938 ange-
       ordneten Vereidigung  der Pfarrer auf Hitler grundsätzlich wider-
       sprach. Man hat ihm damals diese begründete Aufforderung zu einem
       eindeutigen "Nein" selbst in der Bekennenden Kirche weithin nicht
       abgenommen -  und mußte dann, nachdem man widerstrebend und unter
       allen möglichen fatalen Begründungen und theologischen Selbstent-
       schuldigungen den Eid geleistet hatte, erfahren, daß es weder dem
       Staat noch  der Partei damit ernst gewesen ist. Noch viel weniger
       konnte man ihm folgen, als die erste deutliche Konsequenz auf po-
       litischem Gebiet gezogen wurde, und zwar mit dem Brief an Profes-
       sor Hromadka in Prag aus Anlaß der "Tschechenkrise", in dem Barth
       erklärte, daß an der böhmischen Grenze nicht nur die Freiheit Eu-
       ropas, sondern  auch die  der christlichen  Kirche zu verteidigen
       sei. Der  Protest dagegen war auch außerhalb Deutschlands heftig.
       "Ich hoffe   schrieb Barth damals im Blick auf den Protest -, daß
       wir nicht  zu spät  und nicht zu schmerzlich aus dem Schlaf erwa-
       chen müssen,  dem sich  mit vielen  anderen auch die christlichen
       Kreise in  den europäischen Ländern immer noch hingeben zu dürfen
       meinen" (Evang  Theol. 8, 1948/49, S. 274). Er hat die politische
       Bedeutung des  Münchener Abkommens  richtig eingeschätzt und klar
       erkannt, daß  hier eine,  wahrscheinlich die  letzte, Möglichkeit
       versäumt worden  ist, noch rechtzeitig mit dem ganzen System fer-
       tig zu  werden. Was  man hinterher  in dem von den Generalen Beck
       und Halder  und anderen  geplanten Staatsstreich  erfuhr, hat das
       nur bestätigt.  Seitdem blieb Barth so etwas wie das theologische
       Gewissen eines sich nun auf ganz Europa ausweitenden Widerstandes
       gegen den  Nationalsozialismus. Die mit dem Hromadka-Brief ausge-
       gebene Losung an Europa, jetzt oder nie der Aggression Hitlers zu
       widerstehen, war  durch Hitlers Taktik und die konzessionsbereite
       Unentschlossenheit des  Westens bereits überholt. Der Krieg mußte
       kommen. Und  gerade während des Krieges zeigte sich nun deutlich,
       wieviel Einfluß  und Autorität Barth gewonnen hatte. Immer wieder
       wurde er,  auch aus Holland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen
       und schließlich  aus Amerika,  um Rat  angegangen. Die Briefe und
       Ratschläge von  damals und auch spontane Botschaften sind von ihm
       1945 in dem Band "Eine Schweizer Stimme 1938-1945" gesammelt her-
       ausgegeben worden,  jedenfalls die  wichtigsten. Im besonderen in
       der holländischen  Widerstandsbewegung war  sein Einfluß deutlich
       spürbar (H.  Berkhof, Ev. Theol. 8, 1948/49, S. 267). Man kam auf
       "illegalen" Wegen  zu ihm, um Fragen des holländischen Widerstan-
       des zu  besprechen. Und in der Schweiz selbst, die politisch zwi-
       schen Anpassung  und Widerstand gegenüber dem Nationalsozialismus
       schwankte, von  Gauleiter Sauckel  einmal "der eiternde Blinddarm
       am Leibe  Europas" genannt, hat Karl Barth sehr eindeutig vor al-
       lem mit  seiner Schrift  "Im Namen Gottes des Allmächtigen!" 1941
       die Richtung  gewiesen: Sie  stehe heute  vor der Wahl, "entweder
       dem Druck  ... zu  widerstehen, ... mit der Aussicht auf sehr ma-
       gere Jahre  und... auf  einen militärischen  Angriff -  und damit
       dann allerdings unsere Freiheit zu wahren, im schlimmsten Fall in
       Form eines vorläufigen, aber dann sicher nur vorläufigen, anstän-
       digen Untergangs, oder aber dem Druck der Sicherheit halber nach-
       zugeben, ...  eben damit aber unsere Freiheit dahinzugeben und...
       bestimmt  aufzuhören,  die  Schweizerische  Eidgenossenschaft  zu
       sein, um  'im Namen  Gottes des  Allmächtigen' dann sicher nichts
       mehr zu melden zu haben" (Eine Schweizer Stimme, S. 218). Die da-
       malige schwierige  Situation der  Schweiz ist  soeben in dem Buch
       von A. Meyer "Anpassung oder Widerstand. Die Schweiz zur Zeit des
       deutschen Nationalsozialismus"  (1965) dargestellt  worden.  Karl
       Barth war  davon insofern  unmittelbar betroffen,  als etwa  seit
       1940 die  Veröffentlichung seiner  ermahnenden und kompromißlosen
       Äußerungen immer  wieder von  der schweizerischen Zensur verboten
       wurden, so  auch seine  sehr eindrucksvolle  und tröstliche, über
       den Londoner Sender ergangene Weihnachtsbotschaft an die Christen
       in Deutschland  von 1941.  Ein Satz wie der folgende: "Wir wissen
       nicht um Alles, aber um Vieles, was es euch schwer macht, in die-
       sem Jahr  fröhlich zu  feiern: um  die Trauer und Sorge in vielen
       eurer Familien,  um die Bedrängnis, die es euch kostet, das Evan-
       gelium zu bekennen, um das Schreckliche, was eure und unsere Brü-
       der und Schwestern aus Israel in Deutschland durchzumachen haben,
       und nicht  zuletzt um  den Widerstreit  der Gedanken, mit dem ihr
       das heutige  Weltgeschehen begleiten müßt", war in der Tat damals
       im höchsten Maße gefährlich und gefährdend.
       Nach dem  Kriege hat er, der "größte Deutschenfeind" nach dem Ur-
       teil der Nazis, als einer der ersten sich darum bemüht, die Mauer
       des Hasses um Deutschland zu durchbrechen, sich gegen eine unsin-
       nige Besatzungspolitik  zu wenden und die Kirchen der Welt aufzu-
       fordern, den  Deutschen das  zu werden,  was sie  am dringendsten
       brauchten, nämlich  Freunde. Ich  kenne einen namhaften westdeut-
       schen Politiker,  für den  damals die  Schriften Karl Barths "Die
       Deutschen und  wir" (1945), "Wie können die Deutschen gesund wer-
       den?" (1945) und "Die geistigen Voraussetzungen für den Neuaufbau
       in der Nachkriegszeit" (1945) so etwas wie ein immer wieder nach-
       gelesenes politisches Brevier wurden. Hier wurde Mut gemacht, ein
       Neues zu  beginnen. Um  selbst mitzuhelfen, kam damals Karl Barth
       alsbald nach  Bonn, 1946  und 1947,  und zwar ausgerechnet wieder
       als theologischer Lehrer. Gerade als solcher trat er damals ener-
       gisch ein für einen Neuaufbau "von unten" und sah dann nicht ohne
       herbe Enttäuschung,  daß Deutschland  doch wieder  "von oben" her
       organisiert wurde.  Später hat  er mit  aller Zurückhaltung, aber
       eindeutig genug, der Wiederaufrüstung Westdeutschlands widerraten
       *) und auf die politischen Folgen hingewiesen, die ja heute nicht
       mehr zu  leugnen sind:  sie würde  die Spaltung  Deutschlands nur
       vertiefen können. An einer Stelle hat er freilich enttäuscht: man
       erwartete von ihm ähnlich scharfe Worte gegen den Kommunismus wie
       gegen den  Nationalsozialismus. Er hat sie nicht gesprochen, weil
       er, wiederum  mit guten  Gründen der  Meinung ist,  daß man diese
       beiden Größen  nicht so  ohne weiteres  auf  eine  Ebene  stellen
       könne, und vor allem, weil ihm jede ideologische Anti-Haltung als
       unerlaubt gilt. In dem Hromadka-Brief von 1938 hatte er geschrie-
       ben: "An  die Möglichkeit  russischer Hilfe  denkt man  ja  nicht
       gerne, weil  sie, selbst wenn sie wirksam werden sollte, die Aus-
       treibung des  Teufels durch Beelzebub bedeuten würde." Das deutet
       gleichsam die  verschiedene Größenordnung zwischen Nationalsozia-
       lismus und  Kommunismus in der theologisch-politischen Sicht Karl
       Barths an. Auch sie dürfte sich auf lange Sicht bewähren.
       Immer wieder hat Barth seinen Freunden in Ost und West zugeredet,
       ihre Hoffnung  nicht auf  die eine  oder die  andere Ideologie zu
       setzen oder gar auf Waffengewalt, sondern schlicht die nächstlie-
       genden Aufgaben des Alltags anzupacken. Seine Beurteilung des po-
       litisch notwendigen  Parteiwesens ist  die gleiche  geblieben wie
       vor 1933.  Er hatte  noch einige Hoffnung für die SPD, und es sei
       "nicht schlechterdings  unmöglich, daß  in einer künftigen Situa-
       tion die  SPD sich  vielleicht von ihrer Krankheit, unter der sie
       auch in  der Schweiz  leidet, erholt."  Er hat gewisse Sympathien
       für die  DFU, würde  sie aber  nicht wählen, weil ihr ganzes Pro-
       gramm zu  eng ist. Er hat nach wie vor schwere Bedenken gegenüber
       der CDU, von deren Gründung er einst 1945/46 bei seinen Zusammen-
       künften mit  führenden politischen Männern im Westen und im Osten
       Deutschlands nachdrücklich abgeraten hatte. Es sei "unerträglich,
       daß eine  politische Partei  auftritt und 'christlich' sein will,
       wobei man  zusehen muß,  was sie macht, wie sie sich verhalten...
       Immer dieser  Mantel  des  Kreuzfahrers,  das  ist  unerträglich"
       (Protokoll der Begegnung der Kirchlichen Bruderschaft in Württem-
       berg mit Karl Barth, 15.7.1963). Hier sind es vor allem die spür-
       bar restaurativen  Züge in  dem mehr  oder minder  deutlichen An-
       spruch der  Bundesrepublik, ein "christlicher" Staat zu sein, und
       in der  westlichen Parole vom "christlichen Abendland" überhaupt.
       Karl Barth kann darin in der Tat nur den wieder neu aufgenommenen
       Versuch erblicken,  Gott für  menschliche Interessen und Ideen zu
       beschlagnahmen. Es  war nicht  zuletzt sein  Verdienst,  daß  die
       Weltkirchenkonferenz in  Amsterdam 1948 der Versuchung widerstan-
       den hat  (nach einem  erregenden Streitgespräch  zwischen  Foster
       Dulles und  Hromadka), sich  in die westliche Kreuzzugsfront ein-
       gliedern zu lassen und damit die falsche Gleichsetzung von Natio-
       nalsozialismus und Bolschewismus im Weltmaßstab zu wiederholen.
       
       IV
       
       "Barth  als   Politiker",  das  meint  in  der  Tat  nicht  einen
       "politisierenden" Theologen,  sondern den  Mann, der,  gewiß auch
       auf Grund  seiner Herkunft  und Erziehung  als Schweizer  Bürger,
       d.h. als  Bürger überhaupt,  politisch lebhaft  interessiert ist,
       dem es  als Theologen  aber dabei im wesentlichen darum geht, die
       Kirche unaufhörlich an ihre politische Verantwortung zu erinnern.
       Er hat  ihr immer  wieder zu zeigen versucht, daß ihre politische
       Verantwortung nicht nur geboten sei, sondern daß sie diese in der
       Predigt selbst  wahrzunehmen habe,  nicht, indem nun etwa auf der
       Kanzel "politisiert"  wird, sondern dadurch, daß die Predigt kein
       Privatchristentum pflegt.  Die Predigt darf auf keinen Fall abse-
       hen von den politischen Bindungen, in denen die Gemeinde lebt und
       denen sie  verpflichtet ist, und sie muß sich mit der Christenge-
       meinde zusammen  bemühen, auf die bedrängenden Fragen der politi-
       schen Existenz vom Wort Gottes her Antworten zu gewinnen, die sie
       gemeinsam mit  den Nichtchristen  in der Bürgergemeinde vertreten
       kann. Ein  Beispiel für einen solchen Versuch ist heute die soge-
       nannte Ost-Denkschrift  der EKD.  Zweifellos auch eine Frucht der
       von Barth  so nachdrücklich gestellten Forderung des "politischen
       Gottesdienstes", mag  man das auch aus überkommenen Ressentiments
       ihm gegenüber bestreiten wollen. Es geht nicht an, daß die Kirche
       sich dieser ihrer Verantwortung praktisch dadurch entschlägt, daß
       sie meint,  möglichst "unpolitisch"  predigen und die politischen
       Dinge durch  diejenigen politischen  Parteien besorgen  lassen zu
       sollen, in  denen sie noch einigen Einfluß ausübt. Karl Barth hat
       sich andererseits  stets darum bemüht, gerade bei dem ihm abgenö-
       tigten politischen  Handeln die  theologische Existenz  nicht  zu
       verlieren. Von Anbeginn steht ihm das eindeutig vor Augen. Und in
       jenem so  entscheidenden Aufsatz  "Theologische Existenz  heute!"
       (1934) hatte  er  es  auch  ausdrücklich  gesagt:  "Es  ist  kein
       Schimpf, sondern es hat seine besondere Ehre, Politiker oder auch
       Kirchenpolitiker zu  sein. Es ist aber etwas anderes, Theologe zu
       sein. Es kann immer den Verlust der theologischen Existenz bedeu-
       ten, wenn  ein Theologe  Politiker oder Kirchenpolitiker wird. Es
       scheint heute  in ganz  besonderer Weise  das bedeuten zu wollen.
       Und dann  ist es an der Zeit, dies zu sagen: daß wir unter keinen
       Umständen unsere  theologische Existenz  verlieren, unser Erstge-
       burtsrecht gegen  ein Linsengericht  vertauschen sollten..."  Nur
       dann wird der Theologe sein "politisches Wächteramt" fern von al-
       len klerikalen  Tendenzen und  schulmeisterlichen Absichten recht
       wahrnehmen können,  so wie es Barth beispielsweise auch gegenüber
       den  Kirchen   im  Osten  nach  1945,  speziell  in  Ungarn,  der
       Tschechoslowakei und  der DDR  mit seinen  Ratschlägen getan hat,
       wie und  in welcher  Weise sie sinnvoll und in echter politischer
       Verantwortung die  neuen Situationen  wirklich "annehmen" und das
       heißt positiv  bewältigen könnten. Eine durch christliche Ideolo-
       gie oder  Anti-Ideologie, also durch bestimmte Zweckvorstellungen
       gelenkte "Politik"  hat daran  immer wieder  Anstoß genommen  und
       sich geärgert. Gelegentlich freilich ist ihr hinterher ihre Kurz-
       sichtigkeit doch  bewußt geworden.  Denn die  im  abendländischen
       Kulturkreis seit Jahrhunderten sehr enge Verbindung und Überkreu-
       zung von  Theologie und  Politik hat  zur unausweichlichen Folge,
       daß beide in einem stetigen, vielfach unbewußten Gespräch mitein-
       ander bleiben  und bleiben  müssen. Wer  so tut, als habe politi-
       sches Handeln nicht im Allerletzten auch ganz entscheidende theo-
       logische Hintergründe  und Untergründe,  sucht seinen eigenen ge-
       schichtlichen Bindungen  zu entlaufen.  Aber wer hier zur Ordnung
       ruft, wird  unausweichlich  Widerspruch  und  Undank  ernten.  Im
       kirchlichen wie  im weltlichen Lager, etwa bei Barth's nüchternen
       Thesen zum  "Heimatrecht". Er  muß allen denen äußerst unangenehm
       werden, die  ihre "politische" Existenz in den Bereich nahezu me-
       taphysischer Träume von Staat und Volkstum, Heimat und geschicht-
       lichem Auftrag  zur Großmacht  verlagern, die in enthusiastischem
       Wunschdenken die  Härte der  Realitäten verkennen und die strenge
       Sachlichkeit   des    Umgangs   mit   ihnen   überspringen,   die
       "christliche" Ideale  dem schlichten  Dienst des Christen am Mit-
       menschen zu  dessen Wohl  in Gerechtigkeit,  Frieden und Freiheit
       vorziehen und dabei das Recht in all seiner irdischen Relativität
       mehr als Anspruch, denn als immer neue Aufgabe im Munde führen.
       Karl Barth mußte der kulturprotestantischen, weithin lutherischen
       Tradition - auch der eines Friedrich Naumann und der Liberalen -,
       er mußte  einem christlichen  Nationalismus und einer kirchlichen
       Interessenpolitik in Deutschland einfach anstößig werden, denn er
       hat ihre  Tabus angegriffen  und zum  Teil dann sogar entmachtet.
       Gerade damit  aber hat er dem Christen in der Daseinsgemeinschaft
       mit Nicht-  und Nichtmehr-Christen  zu jener dienstbaren Freiheit
       verholfen, aus  der allein  echtes politisches Handeln am Gemein-
       wohl in Partnerschaft, an der salus publica sinnvoll und auch re-
       alisierbar ist,  sofern es  seine reine  Weltlichkeit erkennt und
       bejaht.
       Trotz allem  Widerspruch und Widerstreben ist mancherlei von dem,
       was der  "Politiker" Karl  Barth gerade als Theologe kritisch und
       wegweisend, mahnend und ermutigend an Erkenntnissen und Forderun-
       gen anzumelden  hatte und  immer noch  anzumelden weiß, für nicht
       wenige  fast  zu  einer  "Selbstverständlichkeit"  geworden.  Man
       sollte darüber  aber  nicht  zu  schnell  vergessen,  wem  solche
       "Selbstverständlichkeit" zuletzt zu danken ist.
       
       _____
       *) In diesem  Zusammenhang hat  man 1950 den Hromadkabrief wieder
       hervorgehoben, und  ungefähr die  gleichen Leute, die damals etwa
       unter der  Überschrift: "Prof, Barth hetzt 'im Namen Christi' zum
       Kriege" protestierten oder die in der "Deutsch-Evangelischen Kor-
       respondenz" vom 12.10.1938 schrieben: "Wir können das nur als in-
       fame Kriegshetze  und Lästerung des Namens Gottes und Christi be-
       zeichnen, Barth  hat damit  alle Brücken zu Deutschland, auch zum
       deutschen Protestantismus  abgebrochen... Nur  mit  tiefer  Scham
       kann man  feststellen, daß  dieser Mann,  der den  heiligen Namen
       Christi in einer derartigen Weise mißbraucht, Professor der Theo-
       logie ist"  - waren  schamlos genug, nunmehr zu erklären: "Aller-
       dings werden wir im Augenblick der Entscheidung ein wenig von der
       Hochstimmung brauchen,  die Professor  Karl Barth,  den geistigen
       Vater der  Bekennenden Kirche, beflügelte als er am 10. September
       1938... an  seinen Prager  Kollegen Hromadka  schrieb ...  Es ist
       sonderbar daß  derselbe Professor  Barth heute, da Deutschland in
       der gleichen  Lage gegenüber  Stalin ist wie vor zwölf Jahren die
       Tschechoslowakei gegenüber  Hitler, sich  nicht im gleichen Sinne
       an seine  deutschen Freunde  wendet, die  jetzt das Gegenteil von
       dem betreiben, was Barth seinerzeit den Tschechen anriet" (Christ
       und Welt,  12.10.1950). Jeder  Kommentar erübrigt  sich: das  ist
       jene "politische Theologie", die Barth aufs schärfste ablehnt. Er
       hat nie  die Kirche  als einen  hantierbaren Machtfaktor  in  die
       Politik,  etwa   in  den   Widerstand  gegen  das  Dritte  Reich,
       berechnend einzubringen  versucht, wie es z.B. Gerstenmaier frei-
       lich nur  geplant hat.  Er hat sie nicht "politisiert", wohl aber
       immer wieder  klargemacht, daß  eine zu  ihrem eigentlichen Wesen
       zurückgeführte Kirche eine erhebliche auch politische Wirkung ha-
       ben muß.  Er hat damit gegenüber jenen anderen "christlichen" Po-
       litikern recht behalten.
       

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