Quelle: Blätter 1966 Heft 05 (Mai)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Claudia Wolff
       
       DIE FORMIERER GEHEN PRAGMATISCH VOR
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       Kritische Stimmen zur Formierten Gesellschaft
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       ...
       Prof. Helge  Pross, Soziologin  an der Universität Gießen, am 30.
       Januar 1966 im Ersten Programm des Westdeutschen Rundfunks (Titel
       der  Sendung:   "Die  neue   Volksgemeinschaft  -   des  Kanzlers
       'Formierte Gesellschaft'"):
       "'Formierte Gesellschaft'  bezeichnet nach  den Vorstellungen de-
       rer, die  sie herbeiführen  wollen, ein System, das die gegenwär-
       tige eher pluralistische Sozialverfassung und die bestehende Form
       der parlamentarischen  Demokratie von rechts überholt... Das Pro-
       gramm für  eine Formierte  Gesellschaft, das  von seinen Anwälten
       für modern  ausgegeben wird, ist in Wahrheit alt. Es steht in ei-
       ner charakteristisch  deutschen Tradition  autoritärer Ideologie.
       Diese Tradition richtete sich - von Anfang an auf die Unabhängig-
       keit des Staates von der Gesellschaft, genauer: der Regierung und
       der sie  stützenden Kasten von allen anderen Schichten... Das war
       z.B. die  Absicht der Theorien von Carl Schmitt, die auch bei der
       Geburt des  Formierungsprogramms Pate standen. Schmitt, berühmter
       Staatsrechtslehrer, polemisierte  in den zwanziger Jahren mit an-
       derem Vokabular,  aber den  gleichen Scheinargumenten  wie  seine
       Nachfolger in  der Gegenwart  gegen den in seinen Kompetenzen be-
       schränkten liberal-demokratischen  Staat. Dieser  Staat  sei,  so
       hieß es damals schon, Beute egoistischer Interessen."
       ...
       ...
       Prof. Erwin Scheuch, Soziologe an der Universität Köln, auf einer
       Tagung der  Evangelischen Akademie  Mülheim/Ruhr, nach  einem Be-
       richt der "Deutschen Volkszeitung" vom 4. März 1966:
       "Scheuch wies  anhand vorliegender  Schriften und  Äußerungen der
       Theoretiker der  'Formierten Gesellschaft'  nach, daß man es hier
       mit einem großangelegten Anschlag auf das Wirksamwerden der demo-
       kratischen Kontrollrechte des Wählers zu tun habe."
       ...
       ...
       Bayerischer Rundfunk  am 10.  Januar 1966  in einem sozialpoliti-
       schen Kommentar  von Peter Kritzer (Titel: "Unbehagen an der For-
       mierten Gesellschaft"):
       "Kommt also die Zeit herauf, da auch bei uns die Unterordnung un-
       ter ein  von der  Obrigkeit dekretiertes Gemeinwohl Pflicht wird?
       Soll die  wirtschaftliche Mehrleistung  höchstes Ziel der gesell-
       schaftlichen Organisation  sein? Diese gedankliche Voraussetzung,
       so scheint es mir, ist vor allem zu bekämpfen."
       ...
       ...
       Rolf Spaethen,  Vorsitzender der  Deutschen  Angestellten-Gewerk-
       schaft (DAG)  nach einem  Bericht in "Der Angestellte/Der Techni-
       ker", Februar  1966 ("Gewerkschaftsrat  tagte: Spaethen warnt vor
       der Formierten Gesellschaft"):
       "Das bedeute, erklärte Spaethen, 'die Gewerkschaften dürfen nicht
       mehr Anwalt  der sozialen Forderungen ihrer Mitglieder sein, son-
       dern Verbände zur Aufklärung ihrer Mitglieder über die Unangemes-
       senheit ihrer  Forderungen, also  völlige Umkehrung der Aufgaben-
       stellung.' Die  Marktwirtschaft werde  zu einem  obersten Maßstab
       und inneren Wesensmerkmal der Gesellschaft (der 'formierten' näm-
       lich), der  Unternehmer zu  einer  Schlüsselgestalt  der  gesell-
       schaftlichen Ordnung..."
       ...
       ...
       "Die Quelle", Funktionärszeitschrift des Deutschen Gewerkschafts-
       bundes, Februar 1966 (Horst Helbing: Der Formierte Klassenkampf):
       "Diesem Angriff  auf die  Demokratie, dem formierten Klassenkampf
       von oben,  der mit  pseudowissenschaftlichen Argumenten und allen
       Tricks der Werbepsychologie geführt wird, müssen die Gewerkschaf-
       ten entschlossener als bisher entgegentreten."
       ...
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       "Holzarbeiterzeitung"  (HZ),  Monatzeitschrift  der  Gewerkschaft
       Holz, Dezember  1965 (Friedhelm Baukloh: Sind zwanzig Jahre Demo-
       kratie genug?):
       "An welchem  Punkt man  auch ansetzt,  die Formierte Gesellschaft
       ist der  neue gesamtgesellschaftliche  Herr-im-Haus-Anspruch  der
       deutschen Großindustrie, die sich mit dem Staat identifiziert und
       mit Ludwig  Erhard den  Ideologen als  Kanzler  präsentiert,  der
       schon 1939  in seinem Aufsatz 'Voraussetzungen und Prinzipien der
       Marktforschung'... die  Sätze schrieb: 'Mit der Ordnung des Mark-
       tes unlösbar  verbunden ist zugleich die Aufgabe, auch die ökono-
       misch-gesellschaftlichen Beziehungen unter ein Ordnungsprinzip zu
       stellen...
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       Professoren-Appell an die Gewerkschaften vom 10. März 1966:
       "Wir halten  uns für verpflichtet, Sie daran zu erinnern, daß die
       Gefahren einer  Notstandsgesetzgebung, wie sie einst die Weimarer
       Republik aufzulösen half, inzwischen durch das Bekenntnis führen-
       der Politiker  und Vertreter der 'Wirtschaft' zur 'Formierten Ge-
       sellschaft' noch klarer hervorgetreten sind."
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