Quelle: Blätter 1966 Heft 06 (Juni)


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       Historische Texte
       
       DIE KONFERENZEN VON TEHERAN, JALTA UND POTSDAM
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       Die sowjetischen Protokolle der Konferenz von Teheran (I)
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       Die Konferenzen  von Teheran,  Jalta (Krim-Konferenz) und Potsdam
       (Berliner  Konferenz)  haben  als  Zusammenkünfte  "auf  höchster
       Ebene" im  Rahmen der  "Anti-Hitler-Koalition" die weltpolitische
       und insbesondere  die deutsche und europäische Nachkriegsentwick-
       lung entscheidend  beeinflußt. Hier  formulierten die  Regierung-
       schefs der  drei wichtigsten Weltmächte im Beisein ihrer Außenmi-
       nister und  hoher politischer und militärischer Berater nicht nur
       die gemeinsamen  Kriegsziele, sondern sie stellten auch die Prin-
       zipien einer künftigen Friedensordnung auf.
       Die eigentliche  Geschichte der gegen die Achsenmächte (das Deut-
       sche Reich, Italien und Japan) gerichteten Staaten-Koalition, der
       bis gegen  Ende des  Krieges mehr  als 50 Regierungen beigetreten
       waren, begann  vor genau  25 Jahren mit dem deutschen Angriff auf
       die Sowjetunion  am 22. Juni 1941. Aber erst im November 1943 be-
       gegneten sich  Präsident Roosevelt,  Ministerpräsident Stalin und
       Premierminister Churchill  zum ersten  Male. Im Mittelpunkt ihrer
       Beratungen in der iranischen Hauptstadt Teheran (28. November bis
       1. Dezember  1943) standen  die von  den Westmächten immer wieder
       hinausgeschobene  Errichtung   einer  zweiten   Front  in  Europa
       (Operation "Overlord")  und die  Behandlung Deutschlands nach dem
       Sieg der Alliierten, einschließlich der Grenzfrage.
       Zur Zeit  der Krim-Konferenz (4. bis 11. Februar 1945), dem zwei-
       ten Treffen  der "Großen  Drei", war  das Ende des Krieges an den
       europäischen Fronten  abzusehen, und  die von Präsident Roosevelt
       in Teheran  vorgelegten Pläne für eine weltweite Sicherheitsorga-
       nisation hatten feste Gestalt angenommen. So ging es vor allem um
       die "endgültige  Niederwerfung unseres  gemeinsamen Feindes",  um
       die "Besetzung und Kontrolle Deutschlands" (und dessen zukünftige
       Ostgrenzen), sowie  um die Einberufung der Gründungskonferenz der
       Organisation der  Vereinten Nationen.  Die Sowjetunion verpflich-
       tete sich,  drei Monate nach der Kapitulation Deutschlands in den
       Krieg gegen Japan einzutreten.
       Als die  Regierungschefs der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion
       und Großbritanniens  zur "Berliner  Konferenz der Drei Mächte" in
       Potsdam (17. Juli bis 2. August 1945) zusammentraten, führte Prä-
       sident Truman anstelle des im April 1945 verstorbenen Präsidenten
       Roosevelt die  amerikanische Delegation. In Großbritannien erwar-
       tete man das Ergebnis der Neuwahlen zum Unterhaus, und nach einer
       eigens eingelegten  Konferenzpause kehrte  für  den  unterlegenen
       konservativen Premierminister Churchill der Labour-Leader Clement
       Attlee an  den Runden  Tisch im  Schloß Cecilienhof zurück. Am 1.
       August  1945   unterzeichneten  Stalin,  Truman  und  Attlee  das
       "Potsdamer Protokoll",  das die  Errichtung eines ständigen Rates
       der Außenminister (unter Teilnahme Frankreichs und Chinas) vorsah
       und detaillierte  Richtlinien für die Verwaltung und völlige Ent-
       militarisierung des  zum Zwecke  der Kontrolle zeitweilig in vier
       Besatzungszonen aufgeteilten Deutschland und für den Abschluß der
       Friedensverträge mit seinen früheren Verbündeten (Italien, Bulga-
       rien, Finnland,  Ungarn, Rumänien)  enthielt. Entscheidungen über
       eine neue  deutsche und polnische Ostgrenze, über die Aussiedlung
       der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Un-
       garn sowie  über Reparationsansprüche an Deutschland vervollstän-
       digten das umfangreiche Vertragswerk.
       Die drei alliierten Konferenzen fanden nach gegenseitiger Verein-
       barung unter  strengster Geheimhaltung  statt, über die Gespräche
       wurde jeweils  ein Kommunique  veröffentlicht. Die  Literatur be-
       schränkte sich  zunächst auf einige Memoiren der Beteiligten, und
       erst vor einigen Jahren legte die amerikanische Regierung im Rah-
       men der Serie "Foreign Relations of the United States" umfangrei-
       che Berichte  und Aufzeichnungen  vor: einen  Band über die Krim-
       Konferenz (The  Conferences at  Malta and  Yalta 1945, Washington
       1955, Department of State Publication 6199), später eine Dokumen-
       tation in  zwei Bänden  über die Konferenz in Potsdam (The Confe-
       rence of  Berlin/ The  Potsdam Conference/ 1945, Washington 1960,
       Department of  State Publication 7015 und 7163) und eine Publika-
       tion über  Teheran (The  Conferences at  Cairo and  Tehran  1943,
       Washington 1961,  Department of State Publication 7187). In deut-
       scher Übersetzung  liegen vor: der Band über Jalta (Die Konferen-
       zen von  Malta und  Jalta, Düsseldorf,  o.J.) und Auszüge aus den
       Papieren der Berliner Konferenz (Potsdam 1945. Quellen zur Konfe-
       renz der "Großen Drei". München 1963).
       Das britische  Foreign Office  hat seine Archive bisher nicht ge-
       öffnet und  die damals  angelegten Konferenzakten  noch nicht zum
       Druck freigegeben.
       Da auf  allen drei  Konferenzen keinerlei  gemeinsam  vereinbarte
       Stenogramme angefertigt  wurden, galt das besondere Interesse den
       Niederschriften der  sowjetischen Delegation. Vorbereitet von ei-
       ner "Kommission  für die Herausgabe diplomatischer Dokumente beim
       Ministerium für  Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR" unter Lei-
       tung von  Außenminister Gromyko,  erschien zunächst  eine Edition
       der zwischen  Stalin, Roosevelt  und Truman, Churchill und Attlee
       in den  Jahren 1941  bis 1945  ausgetauschten Korrespondenz.  Die
       Drucklegung der eigentlichen sowjetischen Aufzeichnungen der Kon-
       ferenzen von  Teheran, Jalta und Potsdam begann im Juli 1961. Der
       Pahl-Rugenstein Verlag  wird diese  der deutschen  Öffentlichkeit
       unbekannten und auch der Fachwelt bisher kaum zugänglichen Proto-
       kolle in  einer vom  sowjetischen Außenministerium  autorisierten
       deutschen Übersetzung  in Buchform herausgeben, sobald die Veröf-
       fentlichung in  Moskau abgeschlossen  ist. Die "Blätter" beginnen
       in diesem  Heft mit  dem Vorabdruck  der sowjetischen Sitzungsbe-
       richte der  Konferenz von  Teheran. *) Eine vergleichende Analyse
       des nun  verfügbaren sowjetischen  und  amerikanischen  Materials
       bleibt einem  späteren Aufsatz in dieser Zeitschrift vorbehalten.
       D. Red.
       
       Protokoll der Unterredung J.W. Stalins mit F.D. Roosevelt
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       28. November 1943, 15.00 Uhr
       
       ROOSEVELT fragt,  wie die  Lage an der sowjetisch-deutschen Front
       sei.
       STALIN antwortet,  daß unsere  Truppen in der letzten Zeit Shito-
       mir, einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt, aufgegeben hätten.
       ROOSEVELT fragt nach dem an der Front herrschenden Wetter.
       STALIN antwortet,  das Wetter  sei nur in der Ukraine günstig, an
       den anderen  Frontabschnitten sei  der Boden verschlammt und noch
       nicht gefroren.
       ROOSEVELT erklärt, er wolle 30 bis 40 deutsche Divisionen von der
       sowjetisch-deutschen Front binden.
       STALIN antwortet, es wäre gut, wenn das gelänge.
       ROOSEVELT bemerkt,  daß sei  eine jener  Fragen, zu der er in den
       nächsten Tagen  Erklärungen abgeben werde. Die Amerikaner ständen
       vor der Aufgabe, Truppen in Stärke von 2 Millionen Mann 3000 Mei-
       len vom amerikanischen Kontinent entfernt zu unterhalten.
       STALIN sagt,  daß dafür  Transportraum notwendig  sei und  daß er
       volles Verständnis dafür habe.
       ROOSEVELT erklärt, daß das Tempo des Schiffbaues in den Vereinig-
       ten Staaten befriedige. Er sagt weiter, daß er späterhin mit Mar-
       schall Stalin  über die Nachkriegsperiode und über die Verteilung
       der Handelsflotte  Großbritanniens und  der  Vereinigten  Staaten
       sprechen wolle,  so daß es der Sowjetunion möglich werde, mit ei-
       ner eigenen Handelsschiffahrt zu beginnen. England und die Verei-
       nigten Staaten  würden nach  Beendigung des Krieges eine zu große
       Handelsflotte haben,  und er, Roosevelt, beabsichtige, einen Teil
       dieser Flotte anderen alliierten Nationen zu übergeben.
       STALIN antwortet,  daß das gut wäre. Wenn die Vereinigten Staaten
       das wollten,  so könnten  sie es tun. Er müsse sagen, daß Rußland
       nach dem Kriege ein großer Markt für die Vereinigten Staaten sein
       werde.
       ROOSEVELT sagt,  daß die  Amerikaner nach  dem Kriege  große Roh-
       stoffmengen benötigen würden, und er glaube deshalb, daß zwischen
       unseren Ländern enge Handelsbeziehungen bestehen werden.
       STALIN stimmt  dem zu und sagt, daß wir den Amerikanern Rohstoffe
       liefern könnten,  wenn sie uns Ausrüstungen zur Verfügung stellen
       würden.
       ROOSEVELT erklärt,  daß er  sehr interessante  Unterredungen  mit
       Tschiang Kai-schek  1) gehabt habe. Er, Roosevelt, wäre sehr vor-
       sichtig gewesen und hätte die Anwesenheit der Chinesen bei seinem
       Zusammentreffen mit Churchill und Marschall Stalin vermeiden wol-
       len. Er,  Roosevelt, denke, daß die Chinesen mit den gefaßten Be-
       schlüssen zufrieden seien.
       STALIN bemerkt,  daß die  Truppen  Tschiang  Kai-scheks  schlecht
       kämpften.
       ROOSEVELT stimmt  dem zu und sagt, daß die Amerikaner gegenwärtig
       dreißig chinesische Divisionen in Südchina ausrüsten würden. Wenn
       diese Divisionen  gebildet seien,  würden die  Amerikaner weitere
       dreißig chinesische Divisionen ausrüsten.
       STALIN fragt,  was im Libanon vor sich gehe und wer die Schuld an
       den Ereignissen trage.
       ROOSEVELT antwortet,  daß daran  das französische Nationalkomitee
       schuld sei.  Die Engländer und Franzosen garantierten dem Libanon
       die Unabhängigkeit.  Die Libanesen bekamen eine eigene Verfassung
       und einen  Präsidenten. Sie wollten die Verfassung aber etwas än-
       dern. Das  jedoch lehnten  die Franzosen  ab und  verhafteten den
       Präsidenten und das Ministerkabinett des Libanon. Gegenwärtig ist
       im Libanon wieder alles in Ordnung.
       STALIN fragt,  ob die Ruhe im Libanon nach dem englischen Ultima-
       tum eingetreten sei.
       ROOSEVELT bestätigt  das und sagt, daß de Gaulle Marschall Stalin
       nicht gefallen würde, wenn er sich mit ihm treffen würde.
       STALIN sagt, er kenne de Gaulle nicht persönlich.
       ROOSEVELT antwortet,  daß die  Franzosen seiner  Meinung nach ein
       gutes Volk  seien, daß sie aber absolut neue, nicht über 40 Jahre
       alte Führer  brauchten, die noch keinerlei Posten in der früheren
       französischen Regierung bekleidet hätten.
       STALIN antwortet, daß dafür viel Zeit notwendig sei.
       ROOSEVELT stimmt dem zu. Er sagt, gegenwärtig rüsten die Amerika-
       ner elf  französische Divisionen aus. Giraud 2) sei ein sehr sym-
       pathischer und  guter General,  aber er kenne sich in der zivilen
       Verwaltung und in der Politik überhaupt nicht aus.
       STALIN sagt,  daß einige führende Kreise in Frankreich klüger als
       alle Verbündeten  sein wollten und glaubten, sie betrügen zu kön-
       nen. Sie seien offensichtlich der Meinung, daß die Alliierten ih-
       nen Frankreich mundgerecht servieren würden, und wollten nicht an
       der Seite  der Alliierten  kämpfen, sondern zögen es vor, mit den
       Deutschen zusammenzuarbeiten.  Sie nähmen  Kurs auf  eine  Zusam-
       menarbeit mit  den Deutschen. Das französische Volk werde von ih-
       nen danach nicht gefragt.
       ROOSEVELT antwortet, Churchill glaube, daß Frankreich völlig wie-
       derhergestellt und  bald eine  Großmacht  werde.  Er,  Roosevelt,
       teile diese  Meinung nicht.  Er denke,  daß viele  Jahre vergehen
       werden, bevor  das wahr  werde. Wenn  die Franzosen glaubten, daß
       die Alliierten ihnen ein fertiges Frankreich servieren würden, so
       irrten sie sich. Die Franzosen werden viel arbeiten müssen, bevor
       Frankreich wirklich zu einer Großmacht werde.
       STALIN antwortet, er habe nicht die Vorstellung, daß die Alliier-
       ten Blut  für die  Befreiung Indochinas  vergießen sollten, um es
       dann Frankreich  zu übergeben,  damit es  dort das Kolonialregime
       wieder errichtet.  Er meine, nachdem die Japaner mit der Idee der
       Unabhängigkeit in  Burma und  Thailand durchgekommen seien, müsse
       man überlegen, wie das alte Kolonialregime durch ein freieres Re-
       gime ersetzt  werden könne. Er denke, daß die Vorkommnisse im Li-
       banon die ersten Schritte auf dem Wege zur Ablösung des alten Ko-
       lonialregimes durch  etwas Neues  seien. Er  denke, daß Churchill
       dafür sei,  im Libanon ein freieres Regime zu errichten. Er, Sta-
       lin, sei  der Meinung, daß das gleiche in bezug auf Indochina ge-
       tan werden müsse.
       ROOSEVELT sagt,  daß er damit hundertprozentig einverstanden sei.
       Er sei sehr froh gewesen, zu erfahren, daß Tschiang Kai-schek In-
       dochina nicht haben wolle. Die Franzosen hätten in Indochina hun-
       dert Jahre  geherrscht, und  der Wohlstand  des Volkes  sei  dort
       heute niedriger als vor hundert Jahren. Tschiang Kai-schek sagte,
       das Volk  Indochinas sei  nicht zur Selbstverwaltung bereit. Dar-
       aufhin habe  er, Roosevelt,  das Beispiel  der Philippinen  ange-
       führt, die noch vor einigen Jahren ebenfalls nicht zur Selbstver-
       waltung bereit  gewesen seien. Gegenwärtig hätten sich die Bewoh-
       ner der Philippinen dank der Hilfe der Amerikaner auf die Selbst-
       verwaltung vorbereitet,  und die  Amerikaner hätten  versprochen,
       sie ihnen  zu gewähren.  Er, Roosevelt,  sei der Meinung, daß man
       für Indochina drei bis vier Kuratoren benennen und das indochine-
       sische Volk im Verlauf von 30 bis 40 Jahren auf die Selbstverwal-
       tung vorbereiten  könne. Er,  Roosevelt, sei der Meinung, daß das
       auch für  andere Kolonien  anwendbar sei.  Churchill wolle  nicht
       konsequent für  die Verwirklichung  dieses Vorschlages eintreten,
       da er befürchte, daß dieses Prinzip auch auf seine Kolonien ange-
       wendet werden  solle. Als  Hull 3) in Moskau war, habe er ein von
       ihm, Roosevelt, ausgearbeitetes Dokument über die Schaffung einer
       internationalen Kommission  für die  Kolonien mit  sich  geführt.
       Diese Kommission  sollte die  Kolonien inspizieren, um die Situa-
       tion in  diesen Ländern  und die  möglichen Verbesserungen dieser
       Situation zu studieren. Mit der gesamten Arbeit dieser Kommission
       würde die breite Öffentlichkeit bekanntgemacht werden.
       STALIN antwortet,  daß das  gut wäre.  An diese Kommission könnte
       man sich mit Beschwerden, Bitten usw. wenden.
       ROOSEVELT erklärt, es sei besser, mit Churchill nicht über Indien
       zu sprechen,  denn er,  Roosevelt, wisse, daß Churchill keinerlei
       Gedanken für Indien habe. Churchill wolle die Entscheidung dieser
       Frage bis nach Beendigung des Krieges zurückstellen.
       STALIN sagt, daß Indien der wunde Punkt Churchills sei.
       ROOSEVELT stimmt  dem zu.  England müsse  jedoch, sagt er, irgend
       etwas in  Indien unternehmen.  Er, Roosevelt, wolle mit Marschall
       Stalin über Indien sprechen. Er glaube, daß für Indien ein parla-
       mentarisches Regierungssystem  nicht geeignet  sei. Personen, die
       von der Indienfrage nicht direkt berührt würden, könnten sie bes-
       ser entscheiden  als Personen,  die zu  dieser Frage unmittelbare
       Beziehungen hätten.
       STALIN sagt,  daß Personen,  die nicht direkt mit der Indienfrage
       zu tun hätten, die Dinge bestimmt objektiver sehen könnten.
       
       Erste Sitzung der Konferenz der Oberhäupter der Regierungen
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       der UdSSR, der USA und Großbritanniens
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       Teheran, 28. November 1943
       Beginn der Sitzung: 16.00 Uhr
       Ende der Sitzung: 19.30 Uhr
       ROOSEVELT: Als jüngstes der hier anwesenden Regierungsoberhäupter
       möchte ich  mir erlauben, als erster meine Meinung zu äußern. Ich
       möchte den Mitgliedern der neuen Familie, den Teilnehmern der ge-
       genwärtigen Konferenz, die sich um diesen Tisch versammelt haben,
       versichern, daß wir alle hier mit dem einen Ziel zusammengekommen
       sind, mit dem Ziel, den Krieg so schnell wie möglich zu gewinnen.
       Ich möchte  noch einige  Worte über die Führung der Konferenz sa-
       gen. Wir  haben nicht die Absicht, irgend etwas darüber zu veröf-
       fentlichen, was  hier gesprochen  wird, aber  wir werden  uns wie
       Freunde zueinander  verhalten, offen  und  aufrichtig  sein.  Ich
       glaube, daß  diese Konferenz  erfolgreich sein  wird und  daß die
       drei Nationen,  die sich im gegenwärtigen Krieg zusammengeschlos-
       sen haben, ihre engen Beziehungen zueinander festigen und Voraus-
       setzungen für  eine enge  Zusammenarbeit  künftiger  Generationen
       schaffen werden.  Unsere Stäbe mögen die militärischen Fragen er-
       örtern, aber die Delegationen könnten, obwohl wir keine feste Ta-
       gesordnung haben, auch andere Fragen besprechen, wie zum Beispiel
       Probleme der  Nachkriegsordnung. Sollten  Sie  jedoch  nicht  den
       Wunsch haben,  über solche Probleme zu sprechen, so kann das auch
       unterbleiben.
       Bevor wir  zur eigentlichen  Arbeit übergehen, möchte ich fragen,
       ob nicht Herr Churchill einige allgemeine Worte über die Wichtig-
       keit dieses Treffens, darüber, was dieses Treffen für die Mensch-
       heit bedeutet, sagen will.
       CHURCHILL: Es  ist die  größte Konzentration  der internationalen
       Kräfte, die  es in  der Geschichte der Menschheit je gegeben hat.
       In unseren  Händen liegt die Entscheidung über die Verkürzung des
       Krieges, über  die Erringung  des Sieges  und über  das  künftige
       Schicksal der  Menschheit. Ich  flehe Gott  an, daß  wir uns  der
       großen, von  Gott gegebenen  Möglichkeit,  der  Möglichkeit,  der
       Menschheit zu dienen, würdig erweisen mögen.
       ROOSEVELT: Vielleicht will Marschall Stalin einige Worte sagen?
       STALIN: Ich  begrüße die  Konferenz der Vertreter der drei Regie-
       rungen und  möchte einige Bemerkungen machen. Ich glaube, daß uns
       die Geschichte  sehr günstig  gesinnt ist. Sie gab uns sehr große
       Kräfte und  sehr große  Möglichkeiten in die Hand. Ich hoffe, daß
       wir alles  tun werden, um auf dieser Konferenz, im Rahmen der Zu-
       sammenarbeit, die  Kraft und Macht in gebührendem Maße zu nutzen,
       die uns  unsere Völker anvertraut haben. Und jetzt lassen Sie uns
       an die Arbeit gehen!
       ROOSEVELT: Vielleicht  sollte ich mit einer allgemeinen Übersicht
       über den Krieg und die Anforderungen, die der Krieg in der gegen-
       wärtigen Zeit  an uns stellt, beginnen. Ich werde darüber selbst-
       verständlich vom  Standpunkt der USA sprechen. Wir hoffen genauso
       wie das  britische Empire und die Sowjetunion auf einen schnellen
       Sieg. Ich möchte mit der Übersicht über einen Kriegsabschnitt be-
       ginnen, der  die Vereinigten  Staaten mehr  betrifft als  die So-
       wjetunion und Großbritannien. Ich spreche über den Krieg im Stil-
       len Ozean,  in dem  die Vereinigten  Staaten  die  Hauptlast  des
       Krieges tragen  und dabei  von den australischen und neuseeländi-
       schen Truppen unterstützt werden...
       Ich gehe  zu einer wichtigeren und die Sowjetunion stärker inter-
       essierenden Frage,  zur Operation über den Kanal über. Ich möchte
       sagen, daß  wir unsere  Pläne im  Verlaufe der letzten anderthalb
       Jahre aufgestellt  haben, aber  aus Mangel an Schiffsraum konnten
       wir keinen Termin für diese Operation festlegen. Wir wollen nicht
       nur den  Kanal überqueren,  sondern den Gegner auch in das Innere
       des Landes  verfolgen. Der  Ärmelkanal ist  ein sehr unangenehmer
       Wasserstreifen; er  macht es uns unmöglich, seine Überquerung vor
       dem 1.  Mai zu  beginnen, deshalb  ging der  in Quebec  4) aufge-
       stellte Plan davon aus, daß die Expedition über den Kanal etwa am
       1. Mai  1944 durchgeführt  würde. Bei allen Landeoperationen han-
       delt es  sich um Spezialboote. Wenn wir große Landeoperationen im
       Mittelmeer ausführen  wollen, muß die Kanalüberquerung möglicher-
       weise um zwei oder drei Monate verschoben werden. Deshalb möchten
       wir gern  den Rat  unserer sowjetischen  Kollegen in dieser Frage
       einholen sowie  um Rat  darum bitten, wie die im Bereich des Mit-
       telmeeres stationierten Truppen am besten einzusetzen sind. Dabei
       muß berücksichtigt  werden, daß  dort zu  diesem Zeitpunkt  wenig
       Schiffe vorhanden  sind. Wir wollen aber den Termin für die Inva-
       sion über  den Kanal nicht weiter als bis Mai oder Juni verschie-
       ben. Gleichzeitig  könnten die  anglo-amerikanischen  Truppen  an
       vielen verschiedenen  Stellen eingesetzt  werden. Sie ließen sich
       in Italien,  im Bereich  des Adriatischen  Meeres, im Bereich des
       Ägäischen Meeres  und schließlich  zur Unterstützung  der Türkei,
       falls diese  in den  Krieg eintritt,  verwenden. Das alles müssen
       wir hier  entscheiden. Wir möchten der Sowjetunion sehr gern hel-
       fen und  einen Teil der jetzt noch an der sowjetischen Front ste-
       henden deutschen Truppen binden. Wir bitten um Rat unserer sowje-
       tischen Freunde, wie wir ihre Lage am besten erleichtern können.
       Möchte vielleicht Herr Churchill etwas hinzufügen?
       CHURCHILL: Ich  bitte darum,  mir zu gestatten, erst zu sprechen,
       nachdem sich  Marschall Stalin  geäußert hat. Gleichzeitig möchte
       ich bemerken,  daß ich  dem, was  Präsident Roosevelt  sagte,  im
       Prinzip zustimme.
       STALIN: Zum  ersten Teil der Rede des Herrn Präsidenten bezüglich
       des Krieges  im Gebiet  des Stillen Ozeans kann man folgendes sa-
       gen: Wir,  die Russen,  begrüßen die  Erfolge, die von den anglo-
       amerikanischen Truppen  im Stillen Ozean errungen wurden und noch
       errungen werden.
       Zum zweiten Teil der Rede des Herrn Präsidenten über den Krieg in
       Europa habe ich ebenfalls einige Bemerkungen zu machen.
       Zunächst möchte  ich berichten,  wie wir  seit der Zeit der deut-
       schen Offensive  im Juli  operierten und  noch operieren. Es kann
       sein, daß ich mich in Einzelheiten verliere, dann bitte ich, mich
       zu unterbrechen.
       CHURCHILL: Wir  sind bereit,  alles anzuhören, was Sie sagen wol-
       len.
       STALIN: Ich möchte übrigens bemerken, daß wir uns in letzter Zeit
       selbst auf  eine Offensive  vorbereitet haben. Die Deutschen sind
       uns aber  zuvorgekommen; da wir uns jedoch auf einen Angriff vor-
       bereitet und  große Kräfte zusammengezogen hatten, gelang es uns,
       nachdem der  deutsche Angriff zurückgeschlagen war, verhältnismä-
       ßig schnell  selbst zum  Angriff überzugehen.  Wenn man  uns auch
       nachsagt, daß  wir alles  im voraus planen, so muß ich doch fest-
       stellen, daß  wir solche  Erfolge, wie wir sie im August und Sep-
       tember errangen,  nicht  erwartet  hatten.  Die  Deutschen  waren
       schwächer als wir glaubten. Gegenwärtig verfügen die Deutschen an
       unserer Front nach Angaben unserer Aufklärung über 210 Divisionen
       und über  weitere 6 Divisionen, die an die Front gebracht werden.
       Außerdem gibt  es 50  nichtdeutsche Divisionen einschließlich der
       Finnen. Damit verfügen die Deutschen an unserer Front über insge-
       samt 260  Divisionen, davon  etwa 10 ungarische, 20 finnische, 16
       oder 18 rumänische.
       ROOSEVELT: Wie stark ist eine deutsche Division?
       STALIN: Bei den Deutschen besteht eine Division etwa aus 8000 bis
       9000 Mann, die Hilfskräfte nicht mitgerechnet. Zählt man auch die
       Hilfskräfte hinzu,  so umfaßt  eine Division  12 000  bis  13 000
       Mann. Im vorigen Jahre waren an unserer Front 240 Divisionen ein-
       gesetzt, davon  179 deutsche.  In diesem  Jahre stehen an unserer
       Front 260  Divisionen, davon 210 deutsche, wobei sich noch 6 wei-
       tere deutsche  Divisionen auf  dem Transport  zur Front befinden.
       Von russischer Seite stehen dem 300 bis 330 Divisionen gegenüber.
       Damit verfügen  wir über  mehr Divisionen  als die  Deutschen und
       ihre Satelliten. Dieses Kräfteübergewicht wird für Angriffsopera-
       tionen ausgenutzt.  Sonst wäre  keine Offensive  möglich. Aber je
       mehr Zeit  vergeht, um  so geringer wird der Unterschied zwischen
       der Zahl  der russischen  und  der  deutschen  Divisionen.  Große
       Schwierigkeiten bereitet auch die Tatsache, daß die Deutschen auf
       dem Rückzug  alles barbarisch  vernichten. Das  erschwert unseren
       Munitionsnachschub. Daran  liegt es auch, wenn sich unser Angriff
       verzögert hat.  ln den letzten drei Wochen haben die Deutschen in
       der Ukraine   südlich und westlich von Kiew - Angriffsoperationen
       entwickelt. Sie  nahmen uns  Shitomir, einen wichtigen Eisenbahn-
       knotenpunkt. Darüber  wurde berichtet.  Es ist  durchaus möglich,
       daß sie uns in diesen Tagen auch Korosten abnehmen, das ebenfalls
       ein wichtiger  Eisenbahnknotenpunkt ist. In diesem Raume verfügen
       die Deutschen  über fünf neue und drei alte Panzerdivisionen, das
       heißt insgesamt  über acht Panzerdivisionen und weiterhin über 22
       bis 23  Infanteriedivisionen und motorisierte Divisionen. Sie ha-
       ben die  Aufgabe, Kiew  zurückzuerobern. Uns  stehen also  einige
       Schwierigkeiten bevor.
       Soweit der Bericht über unsere Operationen in diesem Sommer.
       Jetzt einige  Worte darüber,  in welchem Raume Operationen der in
       Europa stehenden anglo-amerikanischen Kräfte wünschenswert wären,
       um die  Lage an unserer Front zu erleichtern. Vielleicht irre ich
       mich, aber  wir Russen  sind der  Meinung, daß  der  italienische
       Kriegsschauplatz nur insoweit von Bedeutung ist, als er die freie
       Schiffahrt der  Alliierten im Mittelmeer sichern muß. Nur in die-
       sem Sinne  ist der italienische Kriegsschauplatz wichtig. Das war
       und ist unsere Meinung. Wir Russen sind der Meinung, daß der ita-
       lienische Kriegsschauplatz  ungeeignet ist,  um  Deutschland  von
       hier aus  direkt anzugreifen.  Vielleicht  ist  der  italienische
       Kriegsschauplatz für  die freie Schiffahrt im Mittelmeer wichtig,
       aber für  weitere Operationen  gegen Deutschland hat er keinerlei
       Bedeutung, weil  die Alpen  den Weg versperren und ein Vordringen
       nach Deutschland verhindern. Wir Russen sind der Meinung, daß ein
       Schlag gegen  den Feind  in Nord-  oder Nordwestfrankreich am er-
       folgreichsten wäre. Sogar Operationen in Südfrankreich wären bes-
       ser als  Operationen in Italien. Es wäre gut, wenn die Türkei den
       Weg für die Alliierten freigeben würde. Vom Balkan her ist es im-
       merhin näher zum Herzen Deutschlands. Dort wird der Weg weder von
       den  Alpen  noch  vom  Kanal  versperrt.  Die  schwächste  Stelle
       Deutschlands aber  ist in  Frankreich. Diese Operation ist natür-
       lich schwierig,  und die  Deutschen werden sich in Frankreich wü-
       tend verteidigen; trotzdem ist das die beste Lösung. Soweit meine
       Bemerkungen.
       CHURCHILL: Seit langem sind wir mit den Vereinigten Staaten über-
       eingekommen, Deutschland  über Nord-  oder Nordwestfrankreich an-
       zugreifen. Dafür werden umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Es
       müßten viele  Zahlen und  Fakten angeführt  werden, um zu zeigen,
       warum es uns im Jahre 1943 nicht gelang, diese Operationen durch-
       zuführen. Wir  haben aber  beschlossen, Deutschland im Jahre 1944
       anzugreifen. Der  Raum für  den Angriff  auf Deutschland wurde im
       Jahre 1943 ausgewählt. Heute stehen wir vor der Aufgabe, die Vor-
       aussetzungen dafür  zu schaffen,  daß die  Armee gegen  Ende  des
       Frühjahrs 1944  über den  Kanal nach  Frankreich gebracht  werden
       kann. Die  Kräfte, die  wir zu diesem Zweck im Mai oder Juni kon-
       zentrieren können, werden aus 16 britischen und 19 amerikanischen
       Divisionen bestehen.  Unsere Divisionen  sind zahlenmäßig stärker
       als die  deutschen, von  denen Marschall  Stalin  sprach.  Diesen
       Kräften würde  die Hauptmacht folgen. Insgesamt wollen wir inner-
       halb der  Operation "Overlord"  5) in  den Monaten  Mai, Juni und
       Juli etwa  eine Million Menschen über den Kanal bringen. Zusammen
       mit den  Armeen im  Mittelmeer und im Indischen Ozean ist das al-
       les, was  wir Engländer  geben können,  wenn wir  unsere Bevölke-
       rungszahl von  46 Millionen  und die  Stärke unserer  Luftstreit-
       kräfte berücksichtigen.  Die Ergänzung  der genannten  Divisionen
       hängt von  den Vereinigten  Staaten ab. Aber der von mir genannte
       Termin ist  noch weit  entfernt. Er ist erst in sechs Monaten er-
       reicht.
       In den Verhandlungen, die zwischen mir und dem Präsidenten statt-
       fanden, haben  wir uns  gefragt, wie wir unsere Kräfte im Mittel-
       meer am  besten einsetzen können, um den Russen ohne Nachteil für
       die Operation  "Overlord" zu helfen, um diese Operation rechtzei-
       tig oder  vielleicht mit  geringer Verspätung  durchzuführen. Wir
       haben bereits sieben bewährte Divisionen aus dem Bereich des Mit-
       telmeers sowie  einen Teil  der Landungsboote  für die  Operation
       "Overlord" abgezogen.  Wenn man  das und  außerdem das  schlechte
       Wetter in  Italien berücksichtigt,  so müssen wir sagen, wir sind
       etwas enttäuscht darüber, daß wir Rom bisher noch nicht eingenom-
       men haben. Die Einnahme Roms ist unsere erste Aufgabe. Wir nehmen
       an, daß  die Entscheidungsschlacht  im Januar stattfinden und von
       uns gewonnen  werden wird. Der unter dem Kommando von General Ei-
       senhower 6) stehende General Alexander - der Befehlshaber der 15.
       Armeegruppe -  ist der  Meinung, daß es durchaus möglich ist, die
       Schlacht um  Rom zu gewinnen. Dabei wird es möglicherweise gelin-
       gen, mehr als 11 bis 12 Divisionen des Feindes zu umfassen und zu
       vernichten. Wir gedenken nicht, weiter in die Lombardei oder über
       die Alpen nach Deutschland vorzudringen. Wir beabsichtigen ledig-
       lich, etwas  nördlich von  Rom bis zur Linie Pisa - Rimini vorzu-
       stoßen. Danach  könnte die Landung in Südfrankreich und die Über-
       querung des Kanals durchgeführt werden.
       Die nächste wichtige Frage besteht darin, die Türkei für den Ein-
       tritt in  den Krieg  zu gewinnen.  Dadurch wäre es möglich, einen
       Verbindungsweg durch  die Dardanellen  und durch  den Bosporus zu
       schaffen und  Rußland über das Schwarze Meer zu versorgen. Außer-
       dem könnten wir die türkischen Flugplätze für den Kampf gegen den
       Feind ausnutzen.  Es wären  nur geringe  Kräfte erforderlich,  um
       Rhodos und  andere Inseln zu besetzen. Dann könnten wir unmittel-
       baren Kontakt mit den Russen aufnehmen und sie ständig versorgen.
       Bis jetzt konnten wir nur vier Geleitzüge in die nördlichen Häfen
       Rußlands schicken,  da es  an Begleitschiffen  mangelte. Wenn der
       Weg über  das Schwarze  Meer frei  würde, könnten  wir regelmäßig
       Versorgungslieferungen in die südlichen russischen Häfen bringen.
       STALIN: Man  muß aber  sagen, daß  diese Geleitzüge ohne Verluste
       ankamen und unterwegs keinem Feind begegnet sind.
       CHURCHILL: Wie  werden wir  die Türkei zum Kriegseintritt bewegen
       können? Was  soll sie  tun?  Soll  sie  Bulgarien  angreifen  und
       Deutschland den  Krieg  erklären?  Soll  sie  Angriffsoperationen
       durchführen, oder  soll sie  nicht nach  Thrakien vorstoßen?  Wie
       würden sich die Russen gegenüber den Bulgaren verhalten, die noch
       nicht vergessen  haben, daß  Rußland sie von den Türken befreite?
       Welchen Einfluß  würde das auf die Rumänen haben, die schon jetzt
       nach Wegen  suchen, um  aus dem Kriege auszutreten? Wie würde das
       auf Ungarn  wirken? Würde  das nicht  dazu führen,  daß  zwischen
       vielen Ländern große politische Veränderungen vor sich gehen wer-
       den? All  das sind Fragen, in denen unsere russischen Freunde na-
       türlich ihren eigenen Standpunkt vertreten.
       Sind für  die sowjetische  Regierung unsere Aktionen im östlichen
       Mittelmeer von  Interesse, die  möglicherweise zu  einer gewissen
       Aufschiebung der Operation über den Kanal führen könnten? In die-
       ser Frage  haben wir bisher noch keine bestimmte Entscheidung ge-
       troffen, wir sind aber hierher gekommen, um sie herbeizuführen.
       ROOSEVELT: Es  gibt noch  eine Möglichkeit.  Vielleicht  wäre  es
       zweckmäßig, im  Raum der nördlichen Adria zu landen, wenn die so-
       wjetischen Armeen bis nach Odessa gekommen sind.
       CHURCHILL: Wenn  wir Rom genommen haben und Deutschland von Süden
       her blockieren,  können wir  zu Operationen  in  West-  und  Süd-
       frankreich übergehen  und außerdem  den Partisanenarmeen  helfen.
       Diese Operationen  sind noch  nicht im  Detail ausgearbeitet. Man
       könnte eine  Kommission bilden,  die diese Fragen untersuchen und
       ein detailliertes Dokument ausarbeiten könnte.
       STALIN: Ich  habe einige Fragen. Soweit ich verstanden habe, sind
       35 Divisionen  für Landungsoperationen  in Nordfrankreich vorhan-
       den.
       CHURCHILL: Ja, das stimmt.
       STALIN: Vor  der Invasion  in Nordfrankreich  soll eine Operation
       auf dem  italienischen Kriegsschauplatz  durchgeführt werden,  um
       Rom einzunehmen.  Danach soll in Italien zur Verteidigung überge-
       gangen werden.
       CHURCHILL: Ja.  Gegenwärtig ziehen  wir bereits sieben Divisionen
       aus Italien ab.
       STALIN: Soweit  ich verstanden habe, sind außerdem noch drei Ope-
       rationen vorgesehen,  unter anderem  eine Landung  im Bereich des
       Adriatischen Meeres.
       CHURCHILL: Diese  Operationen können  für die  Russen  vielleicht
       nützlich sein. Nachdem sieben Divisionen aus dem Bereich des Mit-
       telmeeres abgezogen  sind, werden wir über etwa 35 Divisionen für
       die Invasion  in Nordfrankreich  verfügen. Außerdem werden wir 20
       bis 23 Divisionen in Norditalien einsetzen können.
       Ich möchte noch bemerken, daß das größte Problem im Transport der
       erforderlichen Kräfte  besteht. Wie  ich bereits  sagte, wird die
       Operation "Overlord"  mit 35  Divisionen begonnen  werden. Danach
       werden diese  Truppen durch Divisionen aus den USA verstärkt wer-
       den. Ihre  Zahl wird  50 bis 60 erreichen. Ich möchte hinzufügen,
       daß die  in England  stationierten britischen  und amerikanischen
       Luftstreitkräfte in  den nächsten  sechs Monaten  verdoppelt  und
       verdreifacht werden  sollen. Außerdem  wird ununterbrochen  daran
       gearbeitet, in England Kräfte zu konzentrieren.
       STALIN: Noch  eine Frage.  Habe ich richtig verstanden, daß außer
       den Operationen  zur Einnahme Roms noch eine Operation im Bereich
       der Adria  sowie eine  Operation im  Süden Frankreichs vorgesehen
       sind?
       CHURCHILL: Bei  Beginn der  Operation "Overlord" soll der Angriff
       auf Südfrankreich abgeschlossen sein. Hierfür werden Truppen ein-
       gesetzt, die  in Italien  freigemacht werden  können. Aber  diese
       Operation ist noch nicht im Detail ausgearbeitet.
       STALIN: Noch  eine Frage:  Was soll in dem Falle unternommen wer-
       den, wenn die Türkei in den Krieg eintritt?
       CHURCHILL: Dazu kann ich sagen: Es waren nicht mehr als zwei oder
       drei Divisionen  erforderlich, um die Inseln an der Westküste der
       Türkei zu besetzen. Dann könnten Versorgungsschiffe in die Türkei
       gelangen, und  der Weg  ins Schwarze Meer wäre frei. Aber als er-
       stes würden wir den Türken 20 Flugzeugstaffeln und einige Luftab-
       wehrregimenter schicken. Das ist möglich, ohne die anderen Opera-
       tionen zu beeinträchtigen.
       STALIN: Meiner  Meinung nach wäre es besser, allen Operationen im
       Jahre 1944  die Operation  "Overlord" zugrunde zu legen. Wenn bei
       Durchführung dieser  Operation gleichzeitig  in Südfrankreich ge-
       landet würde,  könnten sich  beide Gruppen in Frankreich vereini-
       gen. Deshalb  wären zwei  Operationen vorteilhaft:  die Operation
       "Overlord"  und  zu  ihrer  Unterstützung  die  Landung  in  Süd-
       frankreich. Gleichzeitig  wäre eine  Operation im Bereich von Rom
       ein Ablenkungsmanöver.  Durch eine  Vereinigung in Nord- und Süd-
       frankreich gelandeter Truppen könnte ein Anwachsen der Kräfte er-
       reicht werden.  Frankreich ist  eine schwache Stelle für Deutsch-
       land. Was  die Türkei  betrifft, so bezweifle ich, daß sie in den
       Krieg eintreten wird. Welchen Druck wir auch auf sie ausüben, sie
       wird sich nicht am Kriege beteiligen. Das ist meine Meinung.
       CHURCHILL: Soweit  wir verstanden  haben, hat die Sowjetregierung
       großes Interesse daran, daß die Türkei zur Teilnahme am Krieg be-
       wogen wird.  Es kann  natürlich sein,  daß es  uns nicht gelingen
       wird, die  Türkei zum  Kriegseintritt zu bewegen, aber wir müssen
       uns bemühen, in dieser Hinsicht alles uns Mögliche zu tun.
       STALIN: Ja,  wir müssen  versuchen, die Türkei zum Kriegseintritt
       zu bewegen.
       CHURCHILL: Ich  stimme den  Erwägungen Marschall  Stalins zu, daß
       eine Zersplitterung der Kräfte unerwünscht wäre. Aber wenn wir im
       Mittelmeerraum über  25 Divisionen  verfügen, dann könnte man der
       Türkei trotzdem  drei bis vier Divisionen und 20 Flugzeugstaffeln
       überlassen, denn  diese sind  sowieso gegenwärtig  für den Schutz
       Ägyptens eingesetzt  und könnten von hier aus nach Norden verlegt
       werden.
       STALIN: 20 Flugzeugstaffeln sind eine große Kraft. Es wäre natür-
       lich gut, wenn sich die Türkei am Kriege beteiligen würde.
       CHURCHILL: Ich  befürchte, daß  unsere Armee  in der Zwischenzeit
       von sechs Monaten, in der wir Rom nehmen und uns auf größere Ope-
       rationen in  Europa vorbereiten könnten, untätig bleiben und kei-
       nen Druck auf den Feind ausüben würde. Ich befürchte, daß mir das
       Parlament in  diesem Falle  vorwerfen würde, ich würde den Russen
       nicht helfen.
       STALIN: Ich  bin der Meinung, daß "Overlord" eine große Operation
       ist. Sie  würde erheblich leichter werden und einen sicheren Nut-
       zen bringen,  wenn sie  von Südfrankreich  her unterstützt würde.
       Ich persönlich  würde den  äußersten Weg  beschreiten, in Italien
       zur Verteidigung  übergehen, auf  eine Eroberung Roms verzichten,
       eine Operation  in Südfrankreich beginnen und damit die deutschen
       Kräfte aus  Nordfrankreich abziehen.  Nach zwei  bis drei Monaten
       würde ich dann in Nordfrankreich mit Operationen beginnen. Dieser
       Plan würde  der Operation "Overlord" Erfolg sichern. Beide Armeen
       könnten sich vereinigen, und das ergäbe einen Kraftzuwachs.
       CHURCHILL: Ich  könnte noch  mehr  Argumente  bringen.  Aber  ich
       möchte nur  feststellen, wir  wären schwächer, wenn wir Rom nicht
       nehmen würden.  Außerdem müssen  wir, um Deutschland von der Luft
       her anzugreifen,  bis zur  Linie Pisa - Rimini kommen Mir wäre es
       lieb, wenn  diese Frage  von den Militärfachleuten erörtert wird.
       Der Kampf  um Rom  hat schon  begonnen, und wahrscheinlich werden
       wir Rom im Januar einnehmen können. Der Verzicht auf die Einnahme
       Roms würde  für uns  eine Niederlage sein, und das könnte ich der
       Kammer nicht erklären.
       ROOSEVELT: Wenn  keine  Operationen  im  Mittelmeer  stattfinden,
       könnten wir  die Operation  "Overlord"  termingemäß  durchführen.
       Finden jedoch  im Mittelmeer  Operationen statt,  so wird das den
       Termin für  den Beginn  der Operation "Overlord" verschieben. Ich
       möchte die Operation "Overlord" nicht hinauszögern.
       STALIN: Aus  den Erfahrungen  unserer Operationen wissen wir, daß
       Erfolge erreicht  werden, wenn der Schlag von zwei Seiten aus ge-
       führt wird;  wir wissen auch, daß eine nur von einer Seite ausge-
       führte Operation  keine hinreichende Wirkung hat. Deshalb streben
       wir an,  den Gegner  von zwei  Seiten her  anzugreifen, damit  er
       seine Kräfte  hin- und  herwerfen muß. Ich glaube, auch in diesem
       Falle wäre  es gut, die Operation von Süd- und von Nordfrankreich
       aus zu beginnen.
       CHURCHILL: Dem  stimme ich  vollkommen zu,  aber ich bin der Mei-
       nung, daß  wir unabhängig  von der  Invasion in Süd- und in Nord-
       frankreich Störaktionen in Jugoslawien unternehmen sowie die Tür-
       kei zum  Kriegseintritt bewegen können. Ich persönlich glaube, es
       wäre sehr  negativ, wenn  unsere Armee  untätig im Mittelmeerraum
       verbliebe. Deshalb  können wir nicht garantieren, daß ein für den
       1. Mai  festgelegter Termin  genau eingehalten wird. Die Festset-
       zung eines  solchen Termins  wäre ein großer Fehler. Ich kann die
       Operationen im  Mittelmeer nicht opfern, nur um den Termin vom 1.
       Mai zu  halten. Natürlich  müssen wir in dieser Angelegenheit ein
       bestimmtes Übereinkommen erzielen. Diese Fragen können unsere Mi-
       litärfachleute erörtern.
       STALIN: Gut. Wir haben nicht geglaubt, daß rein militärische Fra-
       gen erörtert  werden sollen und haben deshalb keine Vertreter des
       Generalstabs mitgebracht,  aber ich  denke, Marschall Woroschilow
       7) und ich können das schon irgendwie einrichten.
       CHURCHILL: Wie  wollen wir  in der  Frage der  Türkei verbleiben?
       Vielleicht übergeben  wir sie ebenfalls den Militärfachleuten zur
       Untersuchung?
       STALIN: Das ist eine politische und auch eine militärische Frage.
       Die Türkei  ist ein  Verbündeter  Großbritanniens  und  unterhält
       freundschaftliche Beziehungen  zur UdSSR und zu den USA. Die Tür-
       kei darf  nicht länger  zwischen uns  und Deutschland hin und her
       pendeln.
       CHURCHILL: Ich  werde vielleicht  sechs oder sieben Fragen haben,
       die die Türkei betreffen. Aber ich möchte sie vorher durchdenken.
       STALIN: Gut.
       ROOSEVELT: Natürlich bin ich dafür, die Türkei zum Kriegseintritt
       zu bewegen,  aber an  der Stelle des türkischen Präsidenten würde
       ich dafür  einen Preis  fordern, der  nicht ohne Beeinträchtigung
       der Operation "Overlord" bezahlt werden könnte.
       STALIN: Man  muß versuchen,  die Türkei zum Kampf zu bewegen. Sie
       hat zahlreiche Divisionen, die untätig sind.
       CHURCHILL: Wir  alle hegen freundschaftliche Gefühle füreinander,
       aber natürlich  gibt es  bei uns  Meinungsverschiedenheiten.  Wir
       müssen uns Zeit nehmen und Geduld haben.
       STALIN: Richtig.
       ROOSEVELT: Morgen  früh werden also die Militärexperten zusammen-
       kommen, und um 4 Uhr wird die Konferenz beginnen.
       (Wird fortgesetzt.)
       
       _____
       *) In einer  Ankündigung des  sowjetischen Herausgebers  vom Juli
       1961 heißt  es: "Diese  Protokolle erscheinen nahezu vollständig;
       es werden nur jene Teile weggelassen, die zweitrangige Fragen be-
       treffen." -  Die zum  Text angebrachten  Anmerkungen sind von der
       Redaktion der "Blätter" eingefügt worden.
       1) Präsident Roosevelt  und Ministerpräsident Churchill waren vor
       Beginn der  Teheran-Konferenz vom  22. bis  26. November 1943 mit
       Tschiang Kai-schek in Kairo zusammengetroffen.
       2) General Giraud,  ziviler  und  militärischer  Oberbefehlshaber
       Frankreichs in  Nordfrankreich; in  den Jahren  1943-44 einer der
       Vorsitzenden des  "Französischen Komitees  für die  Nationale Be-
       freiung".
       3) Cordell Hull, Außenminister der Vereinigten Stasten.
       4) In Quebec  (Kanada) berieten  Roosevelt und  Churchill vom 14.
       bis 24. August 1943 die militärische Lage.
       5) Operation "Overlord",  Bezeichnung für den Plan einer alliier-
       ten Landung in Frankreich.
       6) General Dwight  D. Eisenhower,  damals Oberkommandierender der
       US-Streitkräfte in Nordafrika.
       7) Marschall Woroschilow, Mitglied des Staatlichen Verteidigungs-
       komitees der UdSSR; in Teheran militärischer Berater Stalins.
       

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