Quelle: Blätter 1966 Heft 07 (Juli)


       zurück

       
       Historische Texte
       
       DIE SOWJETISCHEN PROTOKOLLE DER KONFERENZ VON TEHERAN (II)
       ==========================================================
       
       Beratung der Militärvertreter 1)
       --------------------------------
       
       29. November 1943, 10.30 Uhr
       
       ADMIRAL LEAHY schlägt General Brooke vor, eine Übersicht über den
       Mittelmeer-Kriegsschauplatz zu geben.
       GENERAL BROOKE  sagt, die wichtigste Aufgabe der Anglo-Amerikaner
       bestehe darin,  überall dort einen Druck auf den Feind auszuüben,
       wo das  möglich sei. Gleichzeitig sei es wünschenswert, den Strom
       der deutschen  Divisionen aufzuhalten, der von den Deutschen nach
       Nordfrankreich geleitet  werden könnte,  denn hier wäre ihre zah-
       lenmäßige Verstärkung unerwünscht. Die Operation "Overlord" werde
       eine große Zahl deutscher Divisionen binden. Aber diese Operation
       könne nicht vor dem 1. Mai, dem für die Landung günstigen Termin,
       begonnen werden  Deshalb werde  es bis zu Beginn dieser Operation
       eine Pause  von fünf  bis sechs Monaten geben, während der irgend
       etwas getan  werden müsse,  um  deutsche  Divisionen  zu  binden.
       Brooke weist  darauf hin, daß die Engländer starke Kräfte im Mit-
       telmeer hätten, die sie so gut wie möglich nutzen wollten. An Ge-
       neral Marshall gewandt, bittet Brooke darum, ihn zu unterbrechen,
       wenn er etwas sage, was nicht der Meinung der Amerikaner entspre-
       che.
       GENERAL MARSHALL bittet Brooke, seine Übersicht fortzusetzen.
       BROOKE sagt,  die von den Anglo-Amerikanern ausgearbeiteten Pläne
       sähen aktive  Handlungen an  allen Fronten  vor, darunter auch im
       Mittelmeerraum. Gegenwärtig befänden sich in Mittel- und Nordita-
       lien 23  deutsche Divisionen. Die Anglo-Amerikaner verfügten über
       ausreichende Kräfte,  um die Front nach Norditalien vorzutreiben.
       Aber angesichts der Bedingungen des Geländes seien die anglo-ame-
       rikanischen Truppen nicht in der Lage, einen ausreichenden direk-
       ten Druck auf die deutschen Truppen auszuüben, und deshalb sei es
       notwendig, eine  Flankenoperation vom  Meere her  zu unternehmen,
       Mit den  Kampfhandlungen dieser Operation sollen 11 oder 12 Divi-
       sionen gebunden  werden. Dadurch  werde das deutsche Kommando ge-
       zwungen, diese  Divisionen zu verstärken. Durch diese Operationen
       werde die  sich gegenwärtig  in Italien befindende Zahl deutscher
       Divisionen gebunden  Gleichzeitig werden  diese Divisionen erheb-
       lich geschwächt.
       Zur Frage  der Türkei  übergehend, erklärt  Brooke, wenn man rein
       politische Erwägungen  beiseite lasse,  dann sei der Eintritt der
       Türkei in den Krieg vom rein militärischen Gesichtspunkt aus sehr
       wünschenswert und  würde große Vorteile bieten. Erstens würde das
       den Seeweg  durch die  Dardanellen öffnen, was große Bedeutung in
       bezug auf  den möglichen  Kriegsaustritt Rumäniens und Bulgariens
       hätte. Außerdem  könnte eine  Verbindung zu  den Russen  über das
       Schwarze Meer  hergestellt und  auf diesem Wege Versorgungsliefe-
       rungen nach  Rußland gebracht  werden. Schließlich könnten in der
       Türkei Luftstützpunkte  der Alliierten geschaffen werden. Dadurch
       würde es  möglich, die  wichtigsten Objekte der Deutschen, insbe-
       sondere die Erdölvorkommen Rumäniens usw., aus der Luft anzugrei-
       fen. Warenlieferungen  über das  Schwarze Meer  würden den  Umweg
       über Persien  unnötig  machen,  den  Transportweg  verkürzen  und
       Transportraum freisetzen,  der an anderer Stelle verwendet werden
       könnte. Um  den Weg in das Schwarze Meer zu öffnen, brauchten nur
       einige Inseln  längs der türkischen Küste, angefangen mit der In-
       sel Rhodos, erobert zu werden. Diese Operation wäre nicht schwie-
       rig und  würde keine  großen Kräfte  erfordern. Brooke  sagt, die
       Engländer verfügten  im Mittelmeer  über spezielle Landungsboote,
       die man  für die von ihm, Brooke, dargelegten Operationen einset-
       zen könnte. Es wäre nur erforderlich, die Operation "Overlord" um
       den Zeitraum  zu verschieben, der für den Einsatz dieser Boote im
       Mittelmeer erforderlich wäre. Gleichzeitig würden diese Operatio-
       nen deutsche  Truppen zurückhalten,  die im anderen Falle von den
       Deutschen gegen  die Operation "Overlord" eingesetzt werden könn-
       ten. Brooke sagt, daß es sehr wichtig sei, die Flugplätze in Ita-
       lien zu  sichern, damit  von dort  aus Angriffe auf die Industrie
       Süddeutschlands geflogen werden können. Derartige Luftoperationen
       hätten, zusammen  mit Flügen,  die von England ausgeführt werden,
       große Bedeutung für die Kriegsführung im Jahre 1944. Wenn der ge-
       stern geäußerte  Vorschlag, in  Italien vor Abschluß der dortigen
       Operation zur  Verteidigung überzugehen,  angenommen würde, müsse
       man dort  starke Kräfte  unterhalten, um die deutschen Truppen zu
       binden. Für  Operationen in  Südfrankreich könnten  infolgedessen
       nur geringe Kräfte bereitgestellt werden.
       Brooke sagt,  er sei  völlig mit  der von Marschall Stalin vorge-
       schlagenen Strategie  einverstanden, den  Gegner von  zwei Seiten
       anzugreifen. Das sei aber bei Operationen auf dem Festland leich-
       ter als  bei Landungsoperationen  von  See  her  auszuführen.  Im
       letztgenannten Falle  könnten die zwei Operationen einander nicht
       immer unterstützen, da es nicht leicht sei, für beide Gruppierun-
       gen  rechtzeitig  Reserven  heranzuschaffen.  Wenn  wir  in  Süd-
       frankreich jetzt  sechs oder acht Divisionen landen würden, könn-
       ten die  Deutschen leicht mit ihnen fertig werden. Deshalb sei es
       notwendig, daß  beide Operationen zeitlich möglichst nahe beiein-
       ander liegen;  dafür ist aber eine große Zahl von Landungsmitteln
       nötig. Brooke  sagt, die Alliierten hätten vorgeschlagen, während
       der Operation  "Overlord" ein  kleineres  Landungsunternehmen  im
       Mittelmeer durchzuführen, um einen Teil der deutschen Truppen von
       "Overlord" abziehen.  Die Schwierigkeiten  beständen aber  darin,
       für diese  Unterstützungsaktionen rechtzeitig  Truppen  bereitzu-
       stellen. Es  geht darum, daß nur drei bis vier Divisionen gleich-
       zeitig gelandet  werden können, die später auf 35 Divisionen ver-
       stärkt werden  müssen. Den Deutschen dürfe es, solange die Kräfte
       der Alliierten  noch gering sind, nicht gelingen, ihre Truppen zu
       verstärken. Brooke sagt, das sei alles, was die Festlandoperatio-
       nen anbetreffe,  und schlägt  dem Marschall  der Luftwaffe Portal
       vor, eine Übersicht über die Luftoperationen zu geben.
       MARSCHALL WOROSCHILOW  sagt, es  wäre besser,  zuerst den Bericht
       der Amerikaner  über die Festlandsoperationen zu hören und danach
       zu den Luftoperationen überzugehen.
       MARSHALL sagt,  er möchte  die militärische Lage so darlegen, wie
       sie sich  von amerikanischer  Seite darstelle. Gegenwärtig müßten
       die Amerikaner  auf zwei  Kriegsschauplätzen kämpfen, und zwar im
       Atlantischen und  im  Stillen  Ozean.  Das  Hauptproblem  bestehe
       darin, daß  die Operationen  der Amerikaner  zwei derartig  große
       Ozeane umfassen.  Im Gegensatz  zu den gewöhnlich vorhandenen Be-
       dingungen fehle  es den Amerikanern weder an Truppen noch an Ver-
       sorgungsgütern. Marshall  sagt, daß  es in  den USA außer den be-
       reits eingesetzten  Divisionen noch  weitere 50  Divisionen gebe,
       die die  Amerikaner so schnell wie möglich einsetzen möchten. Das
       Problem bestehe im Mangel an Transportraum und an Landungsbooten.
       Marshall stellt  fest, daß die Amerikaner trotzdem sagen könnten,
       daß sie  bedeutende Erfolge  erreicht  hätten  und  jetzt  bereit
       seien, den  Druck auf den Feind noch mehr zu verstärken. Die Ame-
       rikaner hätten  den Wunsch,  alle ihre Kräfte so schnell wie mög-
       lich einzusetzen.  Wenn von  Landungsbooten gesprochen  werde, so
       handele es  sich vor allem um Boote für den Transport von Panzern
       und motorisierten  Einheiten. Gerade  an solchen Booten fehle es,
       um die  Operationen  im  Mittelmeer,  von  denen  General  Brooke
       sprach, erfolgreich  durchzuführen. Marshall  wiederholt, daß  es
       den Amerikanern  weder an  Truppen noch an Versorgungsgütern man-
       gele. Marshall weist darauf hin, daß die Amerikaner sehr an einer
       Verkürzung der  Transportzeiten und  der Liegezeit der Schiffe in
       den Häfen interessiert sind. Marshall sagt weiter, der Vorzug der
       Operation "Overlord"  bestehe darin, daß bei Beginn der Operation
       nur eine  kurze Entfernung überwunden werden müsse. In der Folge-
       zeit  sei  vorgesehen,  die  Truppen  direkt  aus  den  USA  nach
       Frankreich zu bringen. Es müßten etwa 60 amerikanische Divisionen
       nach Frankreich gebracht werden.
       Marshall sagt,  daß in  bezug auf  das Mittelmeer  noch keine be-
       stimmten Beschlüsse  gefaßt wurden, da diese Frage in Teheran er-
       örtert werden sollte. Gegenwärtig sei zu klären, was in den näch-
       sten drei  und dementsprechend  in den  nächsten sechs Monaten zu
       tun sei. Marshall sagt, daß es sehr gefährlich sei, die Operation
       in Südfrankreich  zwei Monate vor der Operation "Overlord" durch-
       zuführen, gleichzeitig  sei es  aber auch völlig richtig, daß die
       Operation in  Südfrankreich der  erfolgreichen  Durchführung  der
       Operation "Overlord"  dienen würde. Marshall ist der Meinung, die
       Landung in  Südfrankreich müsse zwei bis drei Wochen vor der Ope-
       ration "Overlord"  erfolgen. Dabei sei zu beachten, daß eine Zer-
       störung aller Häfen durch die Deutschen ein ernstes Hindernis für
       diese Operationen sein werde. Es werde längere Zeit hindurch not-
       wendig sein,  die Armee  über die  offene Küste zu versorgen. Die
       amerikanischen Pioniereinheiten  hätten  große  Erfahrungen  beim
       Wiederaufbau von Häfen; trotzdem meint Marshall, daß für eine be-
       stimmte Zeit  eine Verzögerung  eintreten werde. Er sagt, daß bei
       der Landung  in Salerno 2) innerhalb der ersten 18 Tage nur 108 t
       Versorgungsgüter am  Tag übergesetzt werden konnten. Über die of-
       fene Küste wurden insgesamt 189 000 Mann gelandet.
       Dabei muß  auch beachtet werden, daß von der Luft her ein starker
       Schutz durch  Jagdflugzeuge erforderlich  sei. Marshall sagt, daß
       den anglo-amerikanischen Flugzeugen über Salerno insgesamt 15 bis
       20 Minuten  für ihre Aktionen zur Verfügung ständen. Bei der Ope-
       ration "Overlord" werden sie vielleicht knapp 30 Minuten Zeit ha-
       ben. Marshall  weist noch  einmal darauf hin, daß das Problem der
       Amerikaner nicht im Mangel an Truppen und Versorgungsgütern, son-
       dern im  Mangel an  Landungsmitteln bestehe.  Marshall sagt, Mar-
       schall Woroschilow möge verstehen, daß die Amerikaner gegenwärtig
       im Stillen  Ozean fünf Landungsoperationen durchführen, mit denen
       starke Luftkämpfe einhergehen. Im Laufe des Januar würden weitere
       vier Landeoperationen  unternommen werden.  Marshall erklärt, das
       sei alles, was er sagen wolle.
       LEAHY schlägt dem Marschall der Luftwaffe Portal vor, den Bericht
       von Brooke und Marshall zu ergänzen.
       MARSCHALL PORTAL  erklärt, daß  er nur über Luftoperationen spre-
       chen werde.  Bisher würde  der  Hauptteil  der  Luftangriffe  auf
       Deutschland von England her ausgeführt. Jetzt begänne man, derar-
       tige Luftangriffe  auch aus  dem Mittelmeerraum zu führen. Gegen-
       wärtig würfen  die Anglo-Amerikaner  monatlich 15000  bis 30000 t
       Bomben auf  Deutschland ab.  Ihr Hauptziel bestehe in der Zerstö-
       rung der  Industrie, der Verbindungswege und der Luftstreitkräfte
       des Gegners.  Außerdem werde eine bedeutende Zahl deutscher Jagd-
       flugzeuge in  der Luft zerstört. Es stehe noch ein schwerer Kampf
       bevor, aber  man könne mit Sicherheit sagen, daß der anglo-ameri-
       kanische Plan  zur Zerstörung  der deutschen Luftstreitkräfte von
       Erfolg gekrönt  sein werde.  Die erfolgreiche Durchführung dieses
       Planes ließe  sich an  der Verteilung der gegnerischen Kräfte er-
       kennen. Gegenwärtig  gebe es in West- und Süddeutschland 1650 bis
       1700 Jagdflugzeuge, während sich an allen anderen Fronten nur 750
       deutsche Jagdflugzeuge  befänden. Wie  empfindlich die  Deutschen
       gegen Luftangriffe  sind, ist  daran zu  erkennen, daß allein ein
       aus dem Mittelmeerraum von der anglo-amerikanischen Luftwaffe auf
       Süddeutschland geführter  Luftangriff die  Deutschen  veranlaßte,
       aus Mitteldeutschland  300 Jagdflugzeuge abzuziehen. Portal sagt,
       er verstehe,  daß die  sowjetische Luftwaffe fast völlig mit Erd-
       kämpfen beschäftigt  sei; es  wäre aber zu begrüßen, wenn das so-
       wjetische Kommando  einen bestimmten  Teil der Luftwaffe für Bom-
       benangriffe auf  Ostdeutschland zur Verfügung stellen könnte. Das
       würde großen Einfluß auf die Lage an allen übrigen Fronten haben.
       Portal sagt, das sei alles, was er erklären wolle.
       LEAHY sagt, es wäre zu begrüßen, wenn jetzt Marschall Woroschilow
       seine Meinung äußern würde.
       WOROSCHILOW sagt,  wie er  aus dem Bericht General Marshalls ent-
       nommen habe,  verfügen die  Amerikaner über 50 bis 60 Divisionen,
       die sie  in Frankreich  einsetzen wollen. Schwierigkeiten gäbe es
       nur bei Transport- und Landungsmitteln Woroschilow fragt, was ge-
       tan werde,  um das  Problem der  Transport- und Landungsmittel zu
       lösen. Woroschilow  sagt weiter, er habe aus dem Bericht Gerneral
       Marshalls entnommen,  daß die Amerikaner die Operation "Overlord"
       als die  Hauptoperation betrachten,  und fragt, ob General Brooke
       als Chef  des britischen  Generalstabes diese Operation ebenfalls
       als Hauptoperation  betrachte und  ob er  nicht glaube, daß diese
       Operation durch  irgendeine andere  Operation  im  Mittelmeerraum
       oder irgendwoanders ersetzt werden könnte.
       MARSHALL sagt, er wolle auf die Frage Marschall Woroschilows über
       die Vorbereitung  auf die  Operation "Overlord" antworten. Gegen-
       wärtig werde  alles  unternommen,  um  die  Operation  "Overlord"
       durchzuführen, aber  die Frage treffe bei den Transport- und Lan-
       dungsmitteln auf Schwierigkeiten. Marshall fügt hinzu, während es
       im August in England eine amerikanische Division gegeben habe, so
       befänden sich dort gegenwärtig bereits 9 amerikanische Divisionen
       und weitere Divisionen träfen laufend ein.
       WOROSCHILOW bezieht sich auf die von den Generalen Dean und Ismay
       während der  Konferenz in  Moskau 3) gegebenen Berichte, in denen
       darauf hingewiesen wurde, daß in England und in den USA ein groß-
       zügiger Bau  von Landungsmitteln betrieben und der Bau von provi-
       sorischen schwimmenden Häfen vorbereitet würde, und fragt, ob man
       jetzt schon  sagen könne,  daß es  dadurch möglich werde, bis zum
       Beginn der  Operation "Overlord"  die erforderliche Zahl von Lan-
       dungsbooten bereitzustellen.
       MARSHALL antwortet, daß General Brooke über die Häfen Näheres sa-
       gen könne.  Soweit es die Vereinigten Staaten betreffe, werde al-
       les getan,  um die  notwendigen Vorbereitungen bis zum Beginn der
       Operation "Overlord" abzuschließen. Insbesondere würden Landungs-
       boote vorbereitet, von denen jedes bis zu 40 Panzern transportie-
       ren könne.
       BROOKE sagt, er wolle vor allem auf die erste Frage Marschall Wo-
       roschilows, wie  die Engländer  die Operation "Overlord" beurtei-
       len, antworten.  Brooke sagt,  die Engländer würden dieser Opera-
       tion große  Bedeutung beimessen  und sie  als einen  wesentlichen
       Teil dieses  Krieges betrachten. Aber für die erfolgreiche Durch-
       führung dieser  Operation müßten bestimmte Voraussetzungen beste-
       hen, die  es den Deutschen unmöglich machen, die guten Straßen in
       Nordfrankreich zu  nutzen, um  Reserven  heranzuschaffen.  Brooke
       sagt, nach  Ansicht der  Engländer würden  die Voraussetzungen im
       Jahre 1944  geschaffen sein.  Für die  bevorstehenden Operationen
       wären alle  britischen Kräfte  reorganisiert worden.  Für  diesen
       Zweck werden  Spezialdivisionen  ausgebildet.  Gegenwärtig  seien
       schon vier  Divisionen aus  Italien und  Afrika abgezogen worden.
       Auch ein  Teil der Landungsboote sei aus dem Mittelmeer abgezogen
       worden. Die Engländer träfen alle Vorbereitungen für diese Opera-
       tionen, die im Laufe des Jahres 1944 durchgeführt werden sollen.
       Schwierigkeiten für  die Anglo-Amerikaner ergäben sich jedoch bei
       den Landungsbooten. Um bis zum 1. Mai bereit zu sein, sei es not-
       wendig, schon  jetzt den  größten Teil  der Landungsboote aus dem
       Mittelmeer abzuziehen.  Das aber  würde zum Stillstand der Opera-
       tionen in Italien führen. Gleichzeitig aber sollten die Engländer
       eine maximale  Zahl deutscher  Divisionen durch  ständige  Kämpfe
       binden. Das  sei nicht  nur notwendig, um deutsche Kräfte von der
       russischen Front  abzuziehen, sondern  auch, um  das Gelingen der
       Operation "Overlord"  zu sichern.  Was den Bau von provisorischen
       schwimmenden Häfen  anbetreffe, sagt  Brooke, würden  gegenwärtig
       entsprechende Versuche durchgeführt. Einige dieser Versuche wären
       weniger erfolgreich verlaufen, als erwartet wurde, aber auf jeden
       Fall gebe es auf diesem Gebiet Erfolge. Brooke sagt, das Gelingen
       oder Mißlingen  der bevorstehenden Operation hänge im bedeutenden
       Maße vom Vorhandensein dieser Häfen ab.
       WOROSCHILOW sagt,  er wolle General Brooke noch einmal fragen, ob
       die Engländer  die Operation  "Overlord" als  Hauptoperation  be-
       trachten.
       BROOKE antwortet, er habe diese Frage erwartet. Er, Brooke, müsse
       sagen, er  möchte weder  der Operation in Nordfrankreich noch der
       in Südfrankreich  Mißerfolge wünschen. Unter bestimmten Bedingun-
       gen seien diese Operationen jedoch zum Scheitern verurteilt.
       WOROSCHILOW sagt,  Marschall Stalin  und der sowjetische General-
       stab sähen  in den  Operationen im Mittelmeerraum Operationen von
       zweitrangiger Bedeutung. Marschall Stalin sei jedoch der Meinung,
       daß eine zwei bis drei Monate vor der Operation in Nordfrankreich
       durchgeführte Operation  in Südfrankreich entscheidende Bedeutung
       für das Gelingen der Operation "Overlord" haben könne. Die Erfah-
       rungen des Krieges und die Erfolge der anglo-amerikanischen Trup-
       pen in  Nordafrika sowie  die Landungsoperationen in Italien, die
       Aktionen der  anglo-amerikanischen Luftwaffe  gegen  Deutschland,
       die Organisiertheit  der Truppen  der USA und des Vereinigten Kö-
       nigreiches, die leistungsfähige Technik der USA, die Seemacht der
       Alliierten und  insbesondere ihre  Herrschaft im Mittelmeer zeig-
       ten, daß  "Overlord" erfolgreich  sein könne,  wenn  man  es  nur
       wolle. Nur der Wille sei notwendig.
       Woroschilow sagt,  die Militärs  müßten die  Operation so planen,
       daß Hilfsoperationen die Hauptoperation nicht stören, sondern sie
       in jeder  Hinsicht unterstützen. Weiterhin sagt Woroschilow, Mar-
       schall Stalin schlage vor, die Operation über den Kanal durch Ak-
       tionen der alliierten Truppen von Südfrankreich her zu unterstüt-
       zen. Um das zu erreichen, halte er es für möglich, in Italien zur
       Verteidigung überzugehen  und die  frei gewordenen Kräfte in Süd-
       frankreich zu  landen, damit  der Feind von zwei Seiten her ange-
       griffen werden  könne. Wenn  die Landung  in Südfrankreich  nicht
       zwei bis drei Monate vor der Operation "Overlord" ausgeführt wer-
       den könne,  bestehe Marschall  Stalin auch nicht darauf. Die Lan-
       dung könne  entweder gleichzeitig oder sogar etwas später als die
       Operation "Overlord"  ausgeführt werden,  aber sie  sei unbedingt
       notwendig.
       Was die  Aktionen der  sowjetischen Luftwaffe  anbetreffe, so ist
       bekannt, daß  sie an Kampfhandlungen gemeinsam mit den Bodentrup-
       pen gebunden  sei. Gegenwärtig  befänden sich  an der sowjetisch-
       deutschen Front  210 rein deutsche Divisionen, insgesamt 260 geg-
       nerische Divisionen,  wie Marschall  Stalin schon berichtet habe.
       Deshalb binden  die angespannten Kampfhandlungen unsere Luftwaffe
       völlig an die Front und an das Hinterland des Gegners, und es ist
       uns nicht möglich, irgendwelche Luftstreitkräfte für Angriffe auf
       Ostdeutschland einzusetzen,  aber sobald  das möglich  sei, werde
       unser Oberkommando  selbstverständlich  eine  entsprechende  Ent-
       scheidung treffen.
       Woroschilow sagt,  wir betrachteten  die Operation über den Kanal
       als eine  schwierige Operation.  Wir wüßten,  daß diese Operation
       schwieriger als die Überquerung von Flüssen sei. Trotzdem könnten
       wir aber auf der Grundlage unserer Erfahrungen sagen, die wir bei
       der Überquerung  großer Flüsse, wie Dnepr, Desna und Sosh - deren
       rechtes Ufer  steil ist und von den Deutschen gut befestigt war -
       sammelten, daß  die Operation  über den  Kanal Erfolg verspreche,
       wenn sie  ernsthaft in Angriff genommen werde. Die Deutschen hat-
       ten auf dem rechten Ufer der genannten Flüsse moderne, starke Ei-
       senbeton-Befestigungen gebaut,  die mit starker Artillerie ausge-
       rüstet waren,  und konnten  das linke flache Ufer in großer Tiefe
       unter Feuer  nehmen und unsere Truppen an der Annäherung hindern.
       Trotzdem gelang  es unseren  Truppen nach konzentriertem Artille-
       rie- und  Granatwerferbeschuß sowie  nach starken Angriffen durch
       unsere Luftwaffe,  diese Flüsse  zu überqueren  und den  Feind zu
       schlagen. Ich  bin davon  überzeugt, sagte  Woroschilow, daß eine
       gut vorbereitete  und vor  allem von  starken Luftwaffenverbänden
       unterstützte Operation  "Overlord" ein  voller Erfolg  sein wird.
       Die alliierte  Luftwaffe muß  sich selbstverständlich, noch bevor
       die Aktionen  der Bodentruppen beginnen, die volle Luftüberlegen-
       heit sichern.
       BROOKE sagt, die Anglo-Amerikaner betrachteten die Operationen im
       Mittelmeer ebenfalls als Operationen von zweitrangiger Bedeutung.
       Da es  jedoch im  Bereich des  Mittelmeeres starke  Truppen gebe,
       könnten und  müßten diese Operationen durchgeführt werden, um die
       Hauptoperation zu  unterstützen. Diese  Operationen seien mit der
       gesamten Kriegführung  und insbesondere mit dem Gelingen der Ope-
       ration in Nordfrankreich aufs engste verbunden.
       Brooke sagt,  im Zusammenhang mit den Bemerkungen Marschall Woro-
       schilows, daß  die Operation  über den Kanal schwierig sei, wolle
       er feststellen, die Engländer hätten die Aktionen der Roten Armee
       zur Überquerung  der Flüsse  mit großem Interesse und viel Begei-
       sterung verfolgt. Die Engländer seien der Meinung, daß die Russen
       bei diesen  Landungsoperationen große  Erfolge  errungen  hätten.
       Aber die Operation über den Kanal erfordere Spezialmittel und be-
       dürfe der detaillierten Ausarbeitung. Die Anglo-Amerikaner unter-
       suchten schon seit einigen Jahren die notwendigen mit dieser Ope-
       ration verbundenen Einzelheiten. Erhebliche Schwierigkeiten ergä-
       ben sich  daraus, daß  die französische  Küste abschüssig sei und
       viele Untiefen aufweise. Deshalb sei es an vielen Stellen schwer,
       mit Booten  direkt an  die Küste heranzukommen. Auf all das müsse
       man sich vorbereiten.
       WOROSCHILOW sagt,  die Engländer  hätten im August oder September
       Manöver im Bereich des Ärmelkanals durchgeführt. Er, Woroschilow,
       würde gern  erfahren, wie die Engländer die Ergebnisse dieser Ma-
       növer einschätzten.
       BROOKE antwortet,  das Ziel  dieser Manöver habe darin bestanden,
       Luftkämpfe mit den Deutschen hervorzurufen. Außerdem hätten diese
       Manöver viel  zur Ausbildung der Truppen beigetragen. Das sei na-
       türlich keine  Übung in  Landungsoperationen  gewesen.  Derartige
       Übungen würden die Engländer an der englischen Küste durchführen.
       WOROSCHILOW fragt,  wie die  Deutschen auf diese Manöver reagiert
       hätten.
       BROOKE antwortet, die Deutschen hätten auf diese Manöver nicht so
       stark reagiert, wie die Engländer erwartet hätten.
       MARSHALL sagt,  er müsse Marschall Woroschilow in bezug auf seine
       Äußerungen über die Kanalüberquerung widersprechen. Er, Marshall,
       sei in  Erdoperationen ausgebildet, ihm sei auch die Flußüberque-
       rung bekannt.  Aber als er mit Landungsoperationen von See her zu
       tun bekam,  habe er völlig umlernen müssen. Während bei Flußüber-
       querungen die  Niederlage der  landenden  Truppen  lediglich  ein
       Mißerfolg sei, bedeute eine Niederlage bei Landeoperation von See
       her eine Katastrophe.
       WOROSCHILOW sagt,  er stimme  dem nicht  zu. Bei einer so ernsten
       Operation wie  "Overlord" sei  die Organisation,  die Planung und
       eine durchdachte  Taktik das  Wichtigste. Wenn die Taktik der ge-
       stellten Aufgabe entspreche, sei ein Mißerfolg der ersten Einhei-
       ten eben nur ein Mißerfolg, aber keine Katastrophe. Die Luftwaffe
       muß die Luftüberlegenheit erringen und die Artillerie des Gegners
       zerschlagen; nach  intensiver Artillerievorbereitung  werden dann
       nur die  ersten Einheiten  vorgeschickt. Wenn diese Einheiten fe-
       sten Fuß  fassen und  sichtbar werde,  daß die Operation gelingt,
       beginne die Landung der Hauptkräfte.
       MARSHALL sagt, hier müsse auch berücksichtigt werden, daß die Ar-
       tillerieunterstützung vom  Meer her komplizierter sei als von ei-
       nem gegenüberliegenden Flußufer.
       WOROSCHILOW stimmt  dem zu und fragt, welches Verhältnis zwischen
       der deutschen  und der  anglo-amerikanischen Luftwaffe  zu Beginn
       der Invasion vorgesehen sei.
       PORTAL antwortet, dieses Verhältnis werde 5 oder 6:1 sein.
       WOROSCHILOW sagt,  man müsse  ein Übereinkommen über den Beschluß
       erzielen, der auf dieser Beratung gefaßt werden solle.
       BROOKE sagt,  er sei  der Meinung, daß noch nicht alle Fragen auf
       dieser Beratung  erörtert seien, und schlage deshalb vor, die Be-
       ratung auf den folgenden Tag zu vertagen. Es wird vereinbart, die
       Sitzung auf den 30. November zu vertagen.
       
       Die Unterredung dauerte drei Stunden.
       
       _____
       1) Der Flottenchef  Leahy, Stabschef  des Oberkommandierenden der
       US-Armee und  Marine -  General Brooke, Chef des britischen Gene-
       ralstabes -  Marschall Woroschilow, Mitglied des Staatlichen Ver-
       teidigungskomitees der  UdSSR - Luftmarschall Portal, Oberkomman-
       dierender der Royal Air Force.
       2) Am 9.  September 1943  landeten Einheiten  der 5.  US-Armee im
       Golf von Salerno (Operation "Avalanche").
       3) Vom 19. bis 30. Oktober 1943 fand in Moskau eine Konferenz der
       Außenminister der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion statt,
       an der auch führende Militärs der drei Mächte teilnahmen.
       

       zurück