Quelle: Blätter 1966 Heft 08 (August)


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       Historische Texte
       
       DIE SOWJETISCHEN PROTOKOLLE DER KONFERENZ VON TEHERAN (III)
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       Protokoll der Unterredung zwischen Stalin und Roosevelt
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       29. November 1943, 14.30 Uhr
       
       ROOSEVELT sagt,  er wolle Marschall Stalin vor allem einige Mate-
       rialien übergeben. Er, Roosevelt, habe den Bericht eines amerika-
       nischen Offiziers  erhalten, der  sechs Wochen bei den Partisanen
       zusammen mit  Tito war.  Roosevelt sagt, er möchte, daß Marschall
       Stalin diesen Bericht kennenlerne, und er bitte Stalin, das Mate-
       rial nach  Kenntnisnahme zurückzugeben.  Roosevelt händigt Stalin
       dann ein  Protokoll über den Vorschlag der amerikanischen Delega-
       tion auf  der Moskauer  Konferenz aus, der die Bereitstellung von
       Stützpunkten für  amerikanische Bomber betrifft, die eine Bombar-
       dierung ganz  Deutschlands durchführen werden. Roosevelt sagt, er
       wolle Marschall  Stalin weiterhin  zwei Vorschläge übergeben, die
       sich auf die Vorbereitung der sowjetischen Luftstützpunkte in der
       Region Primorje  sowie auf  die Vorbereitung  der  Operation  der
       Kriegsmarine im nordwestlichen Teil des Stillen Ozeans bezögen.
       Roosevelt händigt Stalin zwei Protokolle zu diesen Fragen aus und
       sagt, daß  er diese Angelegenheit natürlich als vollkommen geheim
       betrachte und  verspreche, daß  man alle Maßnahmen zur Geheimhal-
       tung ergreifen werde.
       Roosevelt sagt, daß es außer dieser Frage noch viele andere Dinge
       gebe, die  er, Roosevelt,  mit Marschall  Stalin erörtern möchte.
       Insbesondere wäre  es vorteilhaft,  die Frage  nach der künftigen
       Ordnung in  der Welt  zu diskutieren. Es wäre wünschenswert, wenn
       das noch  vor der  Abfahrt möglich wäre. Roosevelt sagt, es müsse
       eine solche  Organisation geschaffen  werden, die  wirklich einen
       dauerhaften Frieden  nach dem  Kriege sichern würde. Eben deshalb
       habe er,  Roosevelt, während  der Moskauer  Konferenz auch vorge-
       schlagen, eine  Deklaration der vier Großmächte zu unterzeichnen,
       in die  auch China  einbezogen werden  solle, das ebenfalls große
       Bedeutung für  die künftige  Welt  haben  werde.  Roosevelt  fügt
       hinzu, daß  die Diskussion über eine solche Organisation nicht so
       eilig sei,  aber er  wäre erfreut,  wenn das noch vor der Abreise
       geschehen könnte.
       STALIN bemerkt, daß einer solchen Erörterung nichts im Wege stehe
       und daß man diese Frage diskutieren könne.
       ROOSEVELT sagt,  seiner Meinung  nach müsse  nach Beendigung  des
       Krieges eine  Weltorganisation geschaffen  werden,  die  auf  den
       Prinzipien der  Vereinten Nationen basiere und die sich nicht mit
       militärischen Fragen  befasse. Sie  sollte keine  Ähnlichkeit mit
       dem Völkerbund  haben. Sie  werde aus  35, vielleicht auch aus 50
       Vereinten Nationen  bestehen und  werde Empfehlungen  geben. Eine
       andere Befugnis  als die  Erteilung von Empfehlungen sollte diese
       Organisation nicht haben. Die Sitzungen dieser Organisation soll-
       ten nicht an einem bestimmten Ort, sondern an verschiedenen Orten
       stattfinden. Das wäre sehr wirkungsvoll. Roosevelt führt als Bei-
       spiel an,  daß die Zusammenkunft der 21 amerikanischen Republiken
       nie zweimal an ein und demselben Ort stattfinde.
       STALIN fragt, ob es hier um eine europäische oder um eine Weltor-
       ganisation gehe.
       
       ROOSEVELT antwortet, daß das eine Weltorganisation sein müsse.
       STALIN fragt,  wer zu  dem ausführenden Organ dieser Organisation
       gehören werde.
       ROOSEVELT antwortet,  er erinnere  sich nicht im einzelnen an die
       Details, aber  er sei der Meinung, dem Exekutivkomitee müßten die
       UdSSR, Großbritannien,  die USA,  China, zwei europäische Länder,
       ein südamerikanisches  Land, ein  Land des  Mittleren Ostens, ein
       Land Asiens  (neben China) und ein britisches Dominion angehören.
       Roosevelt sagt,  daß Churchill mit diesem Vorschlag nicht einver-
       standen sei,  da die Engländer in diesem Falle nur zwei Stimmen -
       die Stimme  Großbritanniens und  eines Dominions  - haben würden.
       Roosevelt sagt  weiter, daß  dieses Exekutivkomitee  in  nächster
       Zeit zusammenkommen  könnte, besser  jedoch nicht in Genf oder an
       einem anderen spezifischen Ort. Dieses Exekutivkomitee solle sich
       mit Problemen  der Landwirtschaft,  der  Nahrungsmittelversorgung
       und der  Wirtschaft sowie  mit Fragen des Gesundheitsschutzes be-
       fassen. Außer  diesem Komitee würde sozusagen ein Polizeikomitee,
       ein Länderkomitee bestehen, das auf die Wahrung des Friedens ach-
       ten und  keine neue Aggression von seiten Deutschlands und Japans
       dulden würde. Das wäre das dritte Organ.
       STALIN fragt,  ob dieses Komitee Beschlüsse fassen würde. Was ge-
       schähe, wenn  sich ein Land weigern würde, einen von diesem Komi-
       tee gefaßten Beschluß durchzuführen?
       ROOSEVELT antwortet,  in diesem  Falle werde  das Land,  das  die
       Durchführung des  Beschlusses verweigert,  künftig nicht  mehr an
       den Beschlüssen des Komitees mitwirken können.
       STALIN fragt, ob das Exekutivkomitee und das Polizeikomitee einen
       Teil der  Gesamtorganisation bilden  oder Einzelorgane darstellen
       sollten.
       ROOSEVELT antwortet,  daß das  drei Einzelorgane sein würden. Die
       Gesamtorganisation werde  aus 35 Vereinten Nationen bestehen. Das
       Exekutivkomitee werde,  wie er bereits gesagt habe, aus zehn oder
       elf Ländern  bestehen. Dem  Polizeikomitee werden  insgesamt vier
       Länder angehören.  Roosevelt führt  weiter aus, er denke, für den
       Fall, daß die Gefahr einer Aggression oder irgendeiner Verletzung
       des Friedens entsteht, brauche man ein solches Organ, das schnell
       reagieren könne,  denn in  diesem Fall  werde nicht genügend Zeit
       sein, um diese Frage selbst in einem solchen Organ wie dem Exeku-
       tivkomitee zu erörtern.
       STALIN bemerkt, das werde folglich ein Organ sein, das Zwangsmaß-
       nahmen ergreift.
       ROOSEVELT sagt,  er wolle ein Beispiel anführen. Als Italien 1935
       ohne Warnung  Abessinien überfiel, habe er, Roosevelt, Frankreich
       und England  gebeten, den  Suezkanal zu schließen, um Italien die
       Weiterführung des Krieges unmöglich zu machen. Aber weder England
       noch Frankreich  hätten etwas  unternommen,  sondern  sie  hätten
       diese Frage  dem Völkerbund  zur Entscheidung  übergeben. Dadurch
       sei es  Italien möglich  gewesen, die Aggression fortzusetzen Das
       Organ, das  er, Roosevelt, jetzt vorschlage und das nur vier Län-
       der umfassen  solle, werde  schnell reagieren und in einem ähnli-
       chen Falle eine rasche Entscheidung über die Schließung des Suez-
       kanals treffen können.
       STALIN sagt, das verstehe er.
       ROOSEVELT bemerkt,  er freue  sich sehr,  daß er Marschall Stalin
       mit seinen Überlegungen habe bekannt machen können. Sie seien na-
       türlich noch  allgemein und bedürften der detaillierten Ausarbei-
       tung. Er, Roosevelt, wolle Fehler der Vergangenheit vermeiden und
       sei deshalb  der Meinung, daß es nützlich wäre, erstens ein Poli-
       zeikomitee zu  schaffen, dem  vier Länder angehören, zweitens ein
       Exekutivkomitee zu  gründen, das  sich mit  allen Problemen außer
       militärischen Fragen  befassen wird, drittens ein allgemeines Or-
       gan zu  bilden, in  dem jedes Land so viel, wie es will, sprechen
       kann und  in dem  kleine Länder ihre Meinung zum Ausdruck bringen
       können.
       STALIN sagt, er vermute, daß die kleinen Länder in Europa mit ei-
       ner solchen  Organisation nicht zufrieden sein werden. Vielleicht
       wäre es  zweckmäßig, eine  europäische Organisation  zu schaffen,
       der drei  Länder -  die USA, England und Rußland - und vielleicht
       noch ein  europäisches Land  angehören sollten.  Außerdem  sollte
       eine zweite Organisation gebildet werden, zum Beispiel eine Orga-
       nisation für  den Fernen Osten. Vielleicht wäre das die beste Lö-
       sung. Stalin sagt, er halte das vom Präsidenten dargelegte Schema
       selbst für  gut; vielleicht wäre es aber besser, nicht eine, son-
       dern zwei  Organisationen, eine  europäische  und  zweitens  eine
       fernöstliche oder  vielleicht eine Weltorganisation, zu schaffen.
       Es wären also entweder eine europäische und eine fernöstliche Or-
       ganisation oder  aber eine  europäische und eine Weltorganisation
       möglich. Stalin  sagt, er  wolle gern die Meinung des Präsidenten
       zu dieser Frage hören.
       ROOSEVELT sagt,  daß dieser  Vorschlag in  gewissem Grade mit dem
       Vorschlag Churchills  übereinstimme. Der  Unterschied bestehe le-
       diglich darin,  daß Churchill eine europäische, eine fernöstliche
       und eine  amerikanische Organisation  vorgeschlagen habe. Es gehe
       jedoch darum, daß die USA nicht Mitglied einer europäischen Orga-
       nisation sein  können. Roosevelt  sagt, daß nur eine so gewaltige
       Erschütterung, wie der gegenwärtige Krieg, die Amerikaner zwingen
       könne, ihre  Truppen über  den Ozean zu schicken. Wenn Japan 1941
       nicht die  USA angegriffen hätte, so hätte er, Roosevelt, niemals
       den Kongreß  zwingen können, amerikanische Truppen nach Europa zu
       entsenden.
       STALIN fragt,  ob die  Amerikaner, falls die von Roosevelt vorge-
       schlagene Weltorganisation  geschaffen würde, Truppen nach Europa
       schicken müßten.
       ROOSEVELT sagt,  das sei  nicht unbedingt so. Wenn es jedoch not-
       wendig werde,  Streitkräfte gegen eine eventuelle Aggression ein-
       zusetzen, so  könnten die  Vereinigten Staaten ihre Flugzeuge und
       Schiffe zur  Verfügung stellen, Truppen müßten jedoch England und
       Rußland nach  Europa bringen.  Um Streitkräfte gegen eine Aggres-
       sion einzusetzen,  gebe es  zwei Methoden.  Wenn die Gefahr einer
       Revolution oder  Aggression oder eine andere Gefahr für den Frie-
       den entstehe, so könne das betroffene Land isoliert werden, um zu
       verhindern, daß  sich der  Brand von  hier auf andere Territorien
       ausdehnen könne.  Nach der  zweiten Methode  könnten die vier dem
       Komitee angehörenden Nationen dem betreffenden Land ein Ultimatum
       stellen, die  den Frieden  bedrohenden Aktionen  einzustellen, da
       dieses Land anderenfalls bombardiert oder sogar besetzt werde.
       STALIN sagt,  daß er, Stalin, während des gestrigen Mittagessens,
       als Roosevelt  bereits gegangen  war, mit Churchill eine Unterre-
       dung darüber gehabt habe, wie der Frieden in der Zukunft erhalten
       werden soll.  Er müsse  sagen, Churchill  nehme diese  Sache sehr
       leicht. Er sei der Meinung, daß sich Deutschland nicht so schnell
       wieder erholen  könne. Stalin sagt, daß er dem nicht zustimme. Er
       nehme an,  Deutschland werde  schnell wieder aufgebaut sein. Dazu
       werde es  insgesamt 15  bis 20  Jahre benötigen. Wenn Deutschland
       durch nichts  gehindert  werde,  so  glaube  Stalin,  werde  sich
       Deutschland bald  wieder erholt haben. Dafür benötige Deutschland
       nur wenige Jahre. Der erste große von Deutschland begonnene Krieg
       im Jahre  1870 endete 1871. Insgesamt 42 Jahre nach diesem Krieg,
       das heißt  1914, begann  Deutschland einen neuen Krieg. Nach wie-
       derum 21  Jahren, das  heißt im Jahre 1939, entfachte Deutschland
       erneut einen  Krieg. Die  für die  Wiederherstellung Deutschlands
       notwendige Frist verkürzt sich also offensichtlich. Sie wird sich
       auch weiterhin verkürzen.
       Welche Verbote  wir Deutschland  auch auferlegen,  die  Deutschen
       werden eine  Möglichkeit finden,  diese zu  umgehen. Wenn wir den
       Bau von  Flugzeugen verbieten,  können wir nicht gleichzeitig die
       Möbelfabriken schließen,  und  bekanntlich  können  Möbelfabriken
       schnell auf die Produktion von Flugzeugen umgestellt werden. Wenn
       wir Deutschland  verbieten, Granaten und Torpedos zu produzieren,
       so können  wir nicht  gleichzeitig die  Uhrenfabriken  schließen;
       jede Uhrenfabrik  kann aber  schnell auf die Produktion der wich-
       tigsten Teile  von Granaten  und Torpedos umgestellt werden. Des-
       halb wird sich Deutschland erneut erheben und eine Aggression be-
       ginnen können.
       Um eine  Aggression abzuwenden,  werden die  vorgesehenen  Organe
       nicht ausreichen.  Man muß die Möglichkeit haben, die wichtigsten
       strategischen Punkte  zu besetzen, damit Deutschland sie nicht in
       seine Hand  bekommen kann.  Nicht nur  in Europa, sondern auch im
       Fernen Osten müßten diese Punkte besetzt werden, damit auch Japan
       keine neue  Aggression beginnen  könne. Das  zu schaffende  Organ
       müsse das  Recht haben,  strategisch wichtige Punkte zu besetzen.
       Für den  Fall, daß  von seiten  Deutschlands oder Japans eine Ag-
       gression drohe,  müßten diese Punkte unverzüglich besetzt werden,
       um Deutschland und Japan einzukreisen und niederzuhalten. Es wäre
       gut, einen Beschluß zu fassen, daß die zu schaffende Organisation
       das Recht  hat, strategisch  wichtige Punkte  zu besetzen. Stalin
       sagt, das seien seine Überlegungen.
       ROOSEVELT antwortet,  er stimme Marschall Stalin hundertprozentig
       zu.
       STALIN bemerkt, daß in diesem Falle alles gesichert sei.
       ROOSEVELT sagt, auch er könne wie Marschall Stalin hart sein. Was
       Deutschland anbetreffe,  so könnten  die Deutschen ihre Werke na-
       türlich auf Kriegsproduktion umstellen, in diesem Falle müsse je-
       doch schnell  gehandelt werden, und wenn man entschiedene Maßnah-
       men treffe,  so werde  Deutschland nicht  genügend Zeit haben, um
       sich zu  bewaffnen. Darauf müsse auch die Kommission der vier Na-
       tionen achten. von denen er, Roosevelt, sprach.
       STALIN sagt,  in Kürze  werde das Schwert König Georgs VI. an die
       Stadt Stalingrad übergeben.
       ROOSEVELT sagt,  daß er  davon wisse.  Roosevelt bemerkt,  er und
       Marschall Stalin  hätten einen großen Fortschritt in den Verhand-
       lungen erzielt.
       

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