Quelle: Blätter 1966 Heft 08 (August)


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       Dr. Fritz Köhler
       
       ZUR VERTREIBUNG HUMANISTISCHER GELEHRTER 1933/34
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       Auf Studien  im Deutschen Zentralarchiv Merseburg, die umfangrei-
       ches bisher  unpubliziertes Material  zu Tage  förderten,  stützt
       sich die  Untersuchung von  Fritz Köhler;  es scheint uns, daß es
       auch heute  genügend Anlaß gibt, sich diese Vorgänge ins Gedächt-
       nis zu rufen. D. Red.
       
       Vor mehr  als 30  Jahren, im  November 1934, wurde im Preußischen
       Ministerium für  Wissenschaft, Kunst  und Volksbildung  eine Akte
       geschlossen, die  Auskunft gibt über den Beginn einer der dunkel-
       sten Perioden  in der  deutschen Hochschulgeschichte.  Das letzte
       Stück dieser  Akte ist eine Liste: "Zahlenmäßige Zusammenstellung
       der Entscheidungen  auf Grund  des Gesetzes zur Wiederherstellung
       des Berufsbeamtentums."  1) Sie  verzeichnet, gegliedert nach dem
       Dienstverhältnis, die Zahl der Hochschullehrer, die in den ersten
       Monaten der faschistischen Diktatur von den deutschen Universitä-
       ten und  Hochschulen vertrieben wurden: Vom 7. April 1933 bis zum
       31. März 1934 allein in Preußen 426, im übrigen Reich 188. Dieser
       zahlenmäßigen Aufstellung  folgt ein  ausführliches  Verzeichnis.
       Alle 614  Hochschullehrer sind mit ihrem Namen aufgeführt; dahin-
       ter steht  der Paragraph  des Gesetzes,  auf Grund dessen sie von
       ihrer Hochschule  vertrieben wurden.  In der  Akte liegen noch 42
       offensichtlich nicht  mehr zustellbar gewesene Entlassungsschrei-
       ben, aus  denen die  Personalien der Hochschullehrer und die Ent-
       lassungsgründe im einzelnen zu ersehen sind.
       Aus den  gesamten Unterlagen wird folgendes deutlich: der faschi-
       stische Terror richtete sich vom ersten Tage an gegen jene Intel-
       lektuellen, die  den Geist  des Humanismus, des Friedens, des So-
       zialismus und der Völkerfreundschaft verkörperten und lehrten. 2)
       Die abgrundtiefe  Kultur- und  Wissenschaftsfeindlichkeit des Fa-
       schismus symbolisierte  sich gleichsam in diesem ersten Akt ihrer
       Kulturbarbarei, dem  am 10.  Mai 1933 der zweite Schritt zur Zer-
       störung deutscher  Wissenschaft und Kunst folgte: Wissenschaftli-
       che Werke  von Weltgeltung und international beachtete künstleri-
       sche Leistungen  des deutschen  Volkes -  darunter die  Werke von
       Karl Marx  und Friedrich Engels, Heinrich Heine, Thomas und Hein-
       rich Mann,  Franz Werfel, Johannes R. Becher, Kurt Tucholsky, Al-
       fred Doblin,  Bertolt Brecht,  Erich Kästner,  Lion Feuchtwanger,
       Walter Hasenclever, Erich Maria Remarque, Arnold und Stefan Zweig
       und Hunderter  anderer -  wurden öffentlich  verbrannt. Bis  1939
       wurden 17 000  Gemälde, Grafiken und Plastiken aus den Museen und
       Galerien entfernt  und beschlagnahmt, und am 20. März 1939 folgte
       der Bücherverbrennung  die Bilderverbrennung, der nahezu 5000 un-
       ersetzliche Werke  deutschen künstlerischen  Schaffens zum  Opfer
       fielen.
       Die Kultur- und Wissenschaftsfeindlichkeit, die diesen Verbrechen
       zugrunde liegt,  kommt in jeder Handlung bei der Durchführung des
       sogenannten Gesetzes  zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
       zum Ausdruck.  Angesehene und  international anerkannte  Gelehrte
       wurden aus  politischen oder pseudowissenschaftlichen sogenannten
       "rassischen" Gründen von den Universitäten, aus den wissenschaft-
       lichen Akademien  und Forschungsinstituten vertrieben. Eine Woche
       nach  dem  Erlaß  des  Gesetzes  erfolgten  die  ersten  sechzehn
       "Beurlaubungen" an  preußischen Universitäten. "Der Kommissar des
       Reiches" sandte am 13. April an Prof. Dr. Emil Lederer, einen der
       bekanntesten deutschen Vertreter der theoretischen Nationalökono-
       mie, folgendes  Schreiben: "Auf Grund des Gesetzes zur Wiederher-
       stellung des  Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (R.G.Bl. S. 175
       ff) sehe ich mich veranlaßt, Sie bis zur endgültigen Entscheidung
       mit sofortiger  Wirkung aus Ihrem Amte zu beurlauben. Diese Beur-
       laubung gilt  auch für  jede Tätigkeit, die Sie in Verbindung mit
       Ihrem Hauptamt  oder im  Zusammenhang mit Ihrer Universitätsstel-
       lung ausüben. Ihre Gehaltsbezüge werden Ihnen bis auf weiteres in
       der bisherigen  Weise weitergezahlt." 3) Aus der ebenfalls in der
       Akte vorhandenen  Entlassungszustellung geht  hervor, daß Lederer
       von der  Universität gejagt wurde, weil er seit 1925 Mitglied der
       SPD und  weil er  Nichtarier war.  Von der  Berliner Handelshoch-
       schule wurde  Prof. M.J.  Bonn, der kurz zuvor von seinem Amt als
       Rektor zurückgetreten  war, der bedeutendste Schüler Lujo Brenta-
       nos, Verfechter  des wirtschaftlichen  und politischen Liberalis-
       mus, vertrieben. Der Frankfurter Honorarprofessor Sinzheimer, Ar-
       beitsrechtler und  sozialdemokratischer Abgeordneter,  wurde nach
       einem Brief  gleichen Datums  sofort seines  Amtes entbunden.  Er
       durfte keine  andere Tätigkeit  ausüben, und  seine Bezüge wurden
       sofort gesperrt.  An der Universität Frankfurt wurden am gleichen
       Tage die  ordentlichen Professoren  Heller, Max  Horkheimer, Paul
       Tillich, Karl  Mannheim und  A. Löwe  vertrieben. Die Universität
       Bonn verlor  die Professoren Alfred Kantorowicz (Zahnmedizin) und
       Loewenstein; von  der Berliner Universität wurden die Professoren
       Cohn und  Mark vertrieben.  In Halle  wurde Günther  Dehn  seines
       Lehrstuhls verwiesen;  in Kiel  Hermann Kantorowicz, in Köln Hans
       Kelsen, in Königsberg Professor Feiler von der Handelshochschule.
       Als die  Presse am 14. April über die "Beurlaubung" der bekannten
       Hochschullehrer berichtete,  ließ sie  keinen Zweifel  daran, daß
       diese Maßnahme  durchaus endgültig  und eine Vertreibung sei. Das
       "Berliner Tageblatt"  und die "Vossische Zeitung" wiesen in ihren
       Berichten auf  den Ruf  der relegierten Gelehrten hin und darauf,
       daß der  deutschen Wissenschaft  schwerer Schaden zugefügt werde,
       wenn dieses Gesetz weiterhin angewendet werde. 4)
       In den folgenden Wochen und Monaten arbeitete die Beamtenbürokra-
       tie pausenlos an der Durchführung dieses Gesetzes. Vor allem wur-
       den solche  Hochschullehrer vertrieben,  die fortschrittliche und
       humanistische Ideen  vertraten oder  sich zum Sozialismus bekann-
       ten. Von  der Berliner  Universität wurde Professor Martin Hobohm
       verwiesen. Die  Begründung lautete:  "SPD, Reichsbanner  Schwarz-
       Rot-Gold, Liga für Menschenrechte, Bund Republikanischer Beamter;
       außerdem Archivrat  im Reichsarchiv und als solcher ebenfalls auf
       Grund des Paragr. 4 aus dem Staatsdienst entlassen. 5)
       Die Begründung für die Entlassung Professor Alfred Meusels - mei-
       nes späteren Lehrers und Mentors - von der Technischen Hochschule
       Aachen lautet:  "Gründer und  Vorsitzender der  'Gesellschaft der
       Freunde des  neuen Rußland',  Betätigung in  der 'Deutschen Frie-
       densgesellschaft', Verteilung staatsfeindlicher Flugblätter; Her-
       ausgeber marxistischer  Schriften." Daß Meusel ebenfalls langjäh-
       riges Mitglied  der SPD war, scheint den braunen Häschern entgan-
       gen zu  sein. Jedenfalls  befindet sich ein solcher Hinweis nicht
       auf der Entlassungszustellung.
       Veit Valentin,  Dozent an  der Handelshochschule Berlin, war Mit-
       glied des  Reichsbanners, der  Liga für  Menschenrechte  und  der
       Deutschen Friedensgesellschaft.
       Professor Max  Rauer wurde  von seinem  Lehrstuhl in Breslau ver-
       trieben, weil er Vorsitzender des Friedensbundes Deutscher Katho-
       liken war und "als solcher durch pazifistische Tätigkeit die Maß-
       nahmen der  nationalen Regierung  zu sabotieren  versucht." Wegen
       lediglich dreimonatiger  Mitgliedschaft in  der SPD - vom 15. Fe-
       bruar 1933  bis zu  ihrer Auflösung  am 9.  Juni 1933 - mußte der
       Bonner Privatdozent  Ernst Fuchs  seine wissenschaftliche  Arbeit
       aufgeben.
       Viele Hochschullehrer  wurden aus  ihren Ämtern verjagt, weil sie
       für die  Professoren Gumbel und Lessing eingetreten waren; so die
       Professoren Siegfried  Maruck, Hans  Rademacher und  Berthold Al-
       tauer von  der Universität  und Fritz Noether von der Technischen
       Hochschule Breslau  sowie die  Professoren Isidor  Traube,  Bruno
       Traut und  David Samuel Holde von der Technischen Hochschule Ber-
       lin. Auf der Entlassungszustellung für Professor Berthold Altauer
       heißt es:
       "Beteiligung an  der Angelegenheit  des  Professors  Gumbel,  die
       keine Gewähr  bietet, daß Professor Altauer sich jeder Zeit rück-
       haltlos für den nationalen Staat einsetzen wird."
       Einige der  von den  Hochschulen vertriebenen Professoren und Do-
       zenten wurden gleichzeitig verhaftet und in die Gestapokeller ge-
       schleppt, so  der oben  genannte Zahnmediziner  Kantorowicz, Mit-
       glied und  Stadtverordneter der SPD, "wegen Begünstigung der Kom-
       munisten" und "Verbindung zu kommunistischen Flugblattverteilern"
       und Wilhelm  Girnus von der Universität Berlin. 6) Die Mitteilung
       im Reichsministerialblatt  über die  Entlassung galt  für Wilhelm
       Girnus gleichzeitig  als Zustellung.  Auf dem  gleichen Weg wurde
       Prof. M.H.  Kuczynski seine  "Versetzung in den Ruhestand" mitge-
       teilt und dem bekannten Physiker Leo Scilard seine Entlassung. 7)
       Wie vielen  anderen war  den beiden letztgenannten die Flucht ins
       Ausland gelungen.
       Die gesamten Unterlagen über die Anwendung des "Gesetzes zur Wie-
       derherstellung des  Berufsbeamtentums" gegen  die Hochschullehrer
       beweisen eindeutig,  daß alle  Kräfte, die von den Faschisten als
       tatsächliche oder  potentielle Gegner  ihrer Gewaltherrschaft be-
       trachtet wurden, in gestufter Abfolge aus dem deutschen Universi-
       tätsleben beseitigt  wurden: zunächst diejenigen, die sich in den
       Parteien und  Organisationen der  Linken und  der Mitte engagiert
       hatten oder  die demokratischen  Ideen  der  Weimarer  Verfassung
       vertraten, dann  die in  konfessionell  orientierten  politischen
       Vereinigungen tätigen  Wissenschaftler und schließlich sogar aus-
       gesprochene Anhänger der deutschnationalen Rechten, wenn sie sich
       dem Terror  der Nazis aus Gründen der Legalität und der Humanität
       entgegenstellten. Vertreter  aller politischen Parteien und Grup-
       pierungen, Anhänger  der verschiedensten  politischen  Ansichten,
       Theorien und Lehren ihres wissenschaftlichen Faches befanden sich
       unter den  Verfolgten. Die Quellen belegen, daß der faschistische
       Terrorapparat viele  Wissenschaftler vertrieb, die zu den politi-
       schen und  gesellschaftlichen Kreisen  gehörten, welche  den Auf-
       stieg des  Nationalsozialismus aus  klassen- und  nationalpoliti-
       schen Gründen  förderten oder duldeten und die ihrer Weltanschau-
       ung nach  oder durch  ihre politische  Auffassung den politischen
       Richtungen der  sogenannten "nationalen  Erhebung" von  1933  eng
       verbunden waren.  Unter den verschiedenen Gelehrten befanden sich
       sogar solche, die sich gegenüber der faschistischen Diktatur ins-
       gesamt durchaus  loyal verhielten,  sich  jedoch  gegen  einzelne
       pseudowissenschaftliche Thesen oder politische Maßnahmen wandten.
       Ein typisches  Beispiel dafür  ist der faschistische Terror gegen
       den Professor  der Medizin Geheimrat Dr. Paul Krause von der Uni-
       versität Münster.  8) Dieser  hatte in einem Privatbrief an einen
       Kollegen gegen die Zulassung der Heilpraktiker gewettert, die von
       ihm veranlaßten  Gegenaktionen mitgeteilt  und den Kollegen gebe-
       ten, ebenfalls  Maßnahmen dagegen  zu organisieren. Der Brief war
       durch Unachtsamkeit  und Gutgläubigkeit des Kollegen in die Hände
       des "Gauobmannes"  des "Nationalsozialistischen  Ärztebundes"  in
       Münster gelangt,  und dieser  hatte ihn  an den "Führer der deut-
       schen Ärzte", Wagener, weitergeleitet. Dieser machte aus den rein
       wissenschaftlichen Erwägungen  Krauses "politische  Sabotage" und
       begann die  Treibereien am  7. Dezember  1933 mit  einem Brief an
       Professor Krause und politischen Diffamierungen im Deutschen Ärz-
       teblatt vom  9. Dezember  1933. 9)  Während  des  Wintersemesters
       1933/34 ist Professor Krause Diffamierungen, Intrigen und Öffent-
       lichen Beschimpfungen von der Dozentenschaftsleitung, von den Na-
       zis unter  seinen Ärzten  und Assistenten, von der faschistischen
       Studentenschaft ausgesetzt.  Gegen den  Widerstand  der  Fakultät
       Prof. Krause zum Sommersemester 1934 von seinem Lehrstuhl zu ver-
       treiben, gelang  den Faschisten  nicht mehr.  Zwischen dem 7. und
       11. Mai  1934 schied  Professor Krause  freiwillig aus dem Leben.
       Sein politisches  Testament hatte er am 20. Februar 1934 verfaßt:
       "Mein letzter  Gedanke gilt meinem Vaterlande, dem heißgeliebten,
       ich habe  treue Arbeit und Dienste ihm geleistet. Gott schütze es
       in seiner  Not. Gott schütze die deutschen Universitäten und ihre
       Lehrer, möge der furchtbare terroristische Druck, die Verfolgung,
       welche ungerecht und überflüssig ist, aufhören. Einen ehrerbieti-
       gen Gruß dem Vater des Vaterlandes, dem großen Feldherrn von Hin-
       denburg und  seinem Kanzler, möchten sie bald die irrsinnige Ver-
       folgung der Hochschullehrer abblasen."
       Diese Zeilen  sind auf  einem privaten  Kopfbogen geschrieben und
       Dr. Paul Krause unterschrieben. Sie zeigen die tiefe Tragik jener
       Gelehrten, die  politisch-ideologisch dem preußisch-deutschen Mi-
       litarismus anhingen,  ja glaubten,  den Faschismus  aus patrioti-
       schem Pflichtgefühl akzeptieren zu müssen, sich aber gleichzeitig
       absolute wissenschaftliche  und menschliche  Redlichkeit bewahren
       zu können.
       Weitere Beispiele hierzu finden sich auch unter den schon genann-
       ten Gelehrten, die gleich zu Anfang entlassen wurden.
       Gleichzeitig wurde  das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufs-
       beamtentums" von  den Nazis  auf den  verschiedensten Ebenen dazu
       ausgenutzt, unliebsame  Hochschullehrer von  den  Lehrstühlen  zu
       vertreiben oder  bestimmte Lehrstühle  oder Stellen  für Anhänger
       der Nazipartei  und der  faschistischen  Irrlehren  freizumachen.
       Auch dafür gibt es zahlreiche Belege. So findet sich z.B. folgen-
       der Vermerk vom 12. Oktober 1933: 10) "Die auf beiliegenden 9 Li-
       sten verzeichneten  Dozenten sind  sämtlich Nichtarier, die nicht
       Frontkämpfer und  nicht Vorkriegsbeamte  waren. Sie sind aber vor
       dem Kriege  bereits Privatdozenten gewesen. Nach dem Wortlaut des
       Beamtengesetzes haben  sie also  am 1. August 1914 die Vorausset-
       zungen erfüllt,  die zu einer planmäßigen Anstellung gegeben sein
       müssen. Sie  können also  im Amt verbleiben, sofern sie sich her-
       vorragend bewährt  haben. Da  die Habilitationen  in allen diesen
       Fällen mindestens  19 Jahre zurückliegen und die Betreffenden ein
       Ordinariat bisher  nicht erreicht  haben, kann angenommen werden,
       daß eine hervorragende Bewährung in keinem dieser Fälle vorliegt.
       Den auf  beiliegenden 9 Listen verzeichneten Dozenten - insgesamt
       51 -  ist die Lehrbefugnis zu entziehen, bzw. ein erteilter Lehr-
       auftrag zurückzuziehen..."
       War das  Gesetz selbst  bei "weitherzigster"  Auslegung nicht an-
       wendbar, so  demonstrierten von den Nazis organisierte Studenten-
       krawalle die  "politische Unzuverlässigkeit" bestimmter Professo-
       ren. Und  deren Entfernung erfolgte nun "im Interesse der Wieder-
       herstellung oder  der Aufrechterhaltung  eines geordneten Lehrbe-
       triebes".
       Ein "sehr  eilig" signiertes  Schreiben des  Ministerialrates Dr.
       Haupt vom  28. Februar  1934 an  alle Rektoren enthüllt die wahre
       Willkür, mit der vorgegangen wurde:
       "...die Frist  für das  Gesetz ist für die meisten Fälle ja schon
       längere Zeit  abgelaufen, und nur für die Anwendung des Paragr. 5
       (Versetzung in  ein anderes Amt) und den Paragr. 6 (Versetzung in
       den Ruhestand)  läuft die  Frist  noch  bis  zum  31.  März.  Die
       Frage... ist  nun die,  ob nach Ihrem Urteil sich an der dortigen
       Hochschule noch Dozenten finden, bei denen eine Anwendung des Pa-
       ragr. 6  im Interesse  des Dienstes  noch geboten  erscheint.  Es
       könnte ja  sein, daß  es sich erst im abgelaufenen Jahr herausge-
       stellt hat, bei welchen Dozenten sich gegenwärtig Schwierigkeiten
       im Unterricht für die Hochschule ergeben...
       Es wäre ferner zu denken an solche Herren, deren politische Unzu-
       verlässigkeit sich  erst im  Laufe der  letzten Monate  herausge-
       stellt hat..." 11)
       Dieses Vorgehen  des faschistischen  Staatsapparates wurde begün-
       stigt durch das hierarchische System der sogenannten akademischen
       Selbstverwaltung, dessen  Organisationsform und Art und Weise der
       Bindung an  den Staatsapparat  es  diesem  jederzeit  ermöglicht,
       durch Auswechseln der Rektoren und Dekane und eine Vermehrung der
       Vollmachten der  Kuratoren die  gesamte Universität in die Gewalt
       zu bekommen.
       Wenige Wochen  nach der  faschistischen Machtergreifung,  am  21.
       April 1933,  schrieb der  Reichskommissar für Wissenschaft, Kunst
       und Volksbildung,  Rust, an alle Universitäten: "Zur Gleichschal-
       tung der  Hochschulen mit  dem Willen der Regierung sind dort, wo
       seit dem  1. Februar  d.J. keine Rektorenwahlen stattgefunden ha-
       ben, Rektor  und Dekan und Senat spätestens sofort nach Semester-
       beginn neu  zu wählen. Die Amtszeit dieser neugewählten Rektoren,
       Dekane und Senate läuft dann bis zum übernächsten ordnungsgemäßen
       Wahltermin." 12)
       An dieses  Schreiben Rusts  schließen sich viele Briefwechsel an,
       die besonders  die Vorgänge  beim Wechsel der Dekane erhellen. So
       geriet der  neue Dekan  der Rechts-  und Staatswissenschaftlichen
       Fakultät der Universität Breslau, Professor Nagler, bei den Nazis
       in Mißkredit,  weil  er  dem  abgewählten  Dekan,  Professor  Dr.
       Schott, nur  die Hälfte  der Dekans-Bezüge für das Wintersemester
       1932/33 abgefordert hatte. Die Reichskommissar hatte entschieden,
       daß den  scheidenden Dekanen die ihnen zustehenden Bezüge vorent-
       halten und diese den neuernannten Dekanen ausgezahlt würden. Pro-
       fessor Dr. Schott starb kurze Zeit nach seiner Entlassung als De-
       kan. Seine  Witwe schrieb  am 13.  Juli 1934 an seinen Nachfolger
       und bat  um Überlassung  der ihrem  verstorbenen Mann zustehenden
       Gelder: "Sehr  geehrter Herr Professor!... Er hat ja diesem Deka-
       nat mit  ganzer Hingabe  seine letzte  Lebenskraft gewidmet.  Ich
       weiß, daß  Sie es  verstehen werden,  wenn ich die Sache so offen
       darlege. Es  ist Ihnen  ja bekannt, wie schwer uns dieser Schick-
       salsschlag getroffen hat, und auch, welche äußeren Sorgen seitdem
       auf uns  lasten." Dieser  Brief geriet ins Preußische Ministerium
       für Wissenschaft,  Kunst und Volksbildung; Nagler wurde ob seiner
       "humanitären Anwandlung",  seinem Vorgänger  trotz  gegenteiliger
       Anweisung die  Hälfte der  Bezüge belassen  zu haben, gerügt, und
       Rust wiederholte die Mitteilung seiner Verfügung an die Universi-
       täten und Hochschulen.
       Obwohl auch  fast alle Rektoren allmählich durch Personen ersetzt
       wurden, von denen die Nazis glaubten, sich ihrer bedienen zu kön-
       nen, wagten  sie Ende 1934 noch nicht, sich offen der preußischen
       oder der  deutschen Rektorenkonferenz  als zentralen  Instruments
       der politischen  Führung der  Universitäten zu bedienen. Sie ver-
       handelten immer  noch mit den einzelnen Universitäten, obwohl aus
       den Protokollen  sowohl der  Rektorenkonferenzen 13) als auch der
       Kuratorkonferenzen 14) deutlich wird, daß seit 1931 die zunehmen-
       den diktatorischen  Funktionen des imperialistischen Staates auch
       auf die  Hochschulen wirkten  und die Rektorenkonferenz zum Organ
       der  einheitlichen   politischen  Willensbildung  der  Hochschule
       wurde. Erst  am 8. November 1934 fordert der Rektor der Universi-
       tät Breslau in einem Brief an den Reichsminister die Wiederholung
       solcher Rektorenkonferenzen,  wie sie in den Jahren 1931 bis 1933
       auf Einberufung  durch den  jeweiligen Minister durchgeführt wur-
       den: "Die  gegenwärtige Lage  der Universitäten macht es dringend
       wünschenswert, daß einmal die vom Herrn Minister berufenen Führer
       der Universitäten Gelegenheit finden, dem Herrn Minister mündlich
       über die  Entwicklung und die Aufgaben der Universität Bericht zu
       erstatten. Angesichts  der ziemlich großen Zahl der in Frage kom-
       menden Rektoren  wäre es  wünschenswert, daß zunächst ein kleines
       Gremium dem  Herrn Minister  Vortrag halten könnte. Wie ich höre,
       hat der  Rektor von  Kiel die Rektoren von Königsberg, Göttingen,
       Bonn und  Breslau für  eine engere  Zusammenarbeit ins  Auge  ge-
       faßt..." Dieser Brief enthält eine handschriftliche (Kopierstift)
       Notiz des  Bearbeiters im  Ministerium, die  besagt, daß  mit der
       Einberufung der  nächsten Rektorenkonferenz,  die für Anfang 1935
       vorgesehen sei,  zu warten wäre, bis die "Neuwahlen an allen Uni-
       versitäten" stattgefunden hätten.
       Das Vorgehen  des faschistischen Staatsapparates wurde weiter er-
       leichtert durch  die soziale  Demagogie der faschistischen Propa-
       ganda, die  die Notlage  und Perspektivlosigkeit der Hochschulab-
       solventen und  des wissenschaftlichen  Nachwuchses ausnutzte  für
       die Vertreibung  von Gelehrten  und wissenschaftlichem  Nachwuchs
       aus ihren  Ämtern. Im  Nachlaß Friedrich  Schmidt-Otts 15) finden
       sich aus  den letzten zwanziger und ersten dreißiger Jahren zahl-
       reiche Briefe angesehenener Wissenschaftler, die Schmidt-Ott bit-
       ten, sich  eventuell dafür  einzusetzen, daß  Anstellungsgesuchen
       ihrer Kinder  oder junger Verwandter stattgegeben werde. Sie hät-
       ten so  viele Ablehnungen  auf Bewerbungen  erhalten, daß  dieser
       Bittbrief die letzte Hoffnung darstelle.
       Vor allem  wurde das  Vorgehen des faschistischen Staatsapparates
       gegen die  Hochschullehrer begünstigt durch das Vorhandensein von
       nazistischen Vertretern pseudowissenschaftlicher und militaristi-
       scher Irrlehren  in Natur-  und  Gesellschaftswissenschaft,  ihre
       Duldung und  direkte oder indirekte Förderung schon vor der Mach-
       tergreifung des Faschismus, durch das Entstehen und die Festigung
       faschistischer und  militaristischer Studenten-  und Dozentenver-
       bände und die Halbheiten oder Untätigkeit der akademischen Insti-
       tutionen gegen  sie. So  berichtete der  Hamburger Rektor auf der
       20. Deutschen  Rektorenkonferenz am  10. Oktober  1931 in  Goslar
       über die  Erfolge von Vorlesungen über wehrwissenschaftliche Fra-
       gen. Hamburg  sei die  einzige deutsche Universität, die Wehrwis-
       senschaften lehre. Er regte an, diesem Vorbild an allen Universi-
       täten zu  folgen. 16) Am 26.8.1932 überreicht Professor Banse von
       der TH  Braunschweig dem  Preußischen Minister  für  Wissenschaft
       17), ...einen  Artikel 18), der sein wehrwissenschaftliches Lehr-
       gebäude enthält.  Der "Stahlhelm  Studentenring" fordert in einer
       Denkschrift vom 12. September 1932 an den Minister die Errichtung
       von Lehrstühlen  für Wehrwissenschaft.  Während der  Durchführung
       des "Gesetzes  zur Wiederherstellung  des Berufsbeamtentums" ent-
       standen dann  zahlreiche wehrwissenschaftliche  Lehrstühle. Diese
       Erscheinungen gibt  es nicht  nur in der Wehrwissenschaft. Am 18.
       März 1933 schreibt Dr. Erwin Haschè, Physiker, Berlin-Charlotten-
       burg, an Rust: "Hochzuverehrender Herr Minister! Von schwerem jü-
       dischen Joch befreit, atmet die Nation auf.
       Ich sehe,  daß in meinem Arbeitskreis - allgemeine Physik und me-
       dizinische Physik - noch nichts vom neuen Geist zu spüren ist. Im
       Gegenteil versteht es jüdische Manipulation, gegen die Erneuerung
       zu intrigieren, mit dem Ziel, die Physik von der dringlichen Säu-
       berung und  Erneuerung fernzuhalten.  Ich sehe  hierin die größte
       Gefahr für Gegenwart und Zukunft.
       ...In langjähriger  Erfahrung als  Physiker, als  Hochschul-  und
       Universitätsassistent habe  ich reichlich  Gelegenheit gehabt, zu
       sehen, wie  Juden und  Marxisten in  meiner (nur  dem äußeren An-
       schein nach  unpolitischen) Wissenschaft arbeiten und wie sie ihr
       Teil gründlich dazu beigetragen haben, daß in der heutigen Physik
       Zersetzung und  Unfähigkeit, Reklamewesen und Profitmachertum ihr
       Unwesen treiben und verherrlicht werden...
       Es muß  durchgegriffen werden!  Der Unterzeichner  empfiehlt,  zu
       diesem Zweck  Kommissionen ausgewählter  Persönlichkeiten zu bil-
       den, die  dem Staate  garantieren, daß  der Umbau der Physik aufs
       gründlichste durchgeführt  wird... Für  diese Kommissionen müssen
       junge Kräfte  herangezogen werden,  die nicht durch zahllose Ver-
       pflichtungen...  zu  Kompromissen  und  halber  Arbeit  gezwungen
       sind... Der  Unterzeichnete hat in langjähriger Arbeit mit seinem
       Kollegen Pg.  Dr. Bomke  bereits in diesem Sinn vorgearbeitet und
       Pläne entworfen..."
       Am 1.  April 1933  antwortet Prof. Dr. Achelis als der zuständige
       Referent auf  den Brief  und fordert  Haschè zur Unterredung auf.
       Ähnliche Schreiben gibt es von dem Königsberger Professor Schüler
       vom 3. April 1933, von dem emeritierten Professor der Physik Len-
       ard, Heidelberg, an Hitler vom 21. März 1933. 19)
       Der Lehrstuhl  des in  den Freitod  getriebenen Prof. Krause wird
       z.B. für  den Bethelarzt  "und Kämpfer gegen die Bethelidee", Dr.
       Löhr, gefordert - um nur einige Belege zu nennen.
       Sie alle  zeigen, auf welche Weise der deutschen Wissenschaft ein
       ungeheurer Aderlaß  zugefügt wurde.  Angesehene und international
       anerkannte Gelehrte  wurden aus  politischen  oder  pseudowissen-
       schaftlichen, sogenannten  "rassischen" Gründen von den Universi-
       täten, aus  den wissenschaftlichen Akademien und Forschungsinsti-
       tuten vertrieben.  Nach amerikanischen  Schätzungen aus dem Jahre
       1937  20) wurden im Zeitraum von nur zwei Jahren, vom Winterseme-
       ster 1932/33 bis zum Wintersemester 1934/35, von 7758 Angehörigen
       des Lehrkörpers - Privatdozenten und Lehrbeauftragte eingeschlos-
       sen - 1145, also 14,8%, entlassen. Einzelne Disziplinen, wie z.B.
       die Physik 21) oder auch einzelne Fachgebiete, wie etwa das Römi-
       sche Recht, 22) waren anteilmäßig schwer betroffen. Die Gelehrten
       hinterließen große Lücken, denn mit ihnen verließen viele Schüler
       das Land, selbst dann, wenn sie nicht unmittelbar der Universität
       verwiesen wurden.  Nach anderen Angaben soll bis 1938 ein Drittel
       des gesamten  Lehrkörpers von  den Universitäten  und technischen
       Hochschulen entfernt worden sein. 23)
       Durchaus repräsentative, wenngleich unvollständige Untersuchungen
       24) haben ergeben, daß insgesamt 3120 Professoren, Dozenten, Lek-
       toren, Lehrbeauftragte  und Lehrer  bis zum  Jahre 1938  von  den
       deutschen Hochschulen  vertrieben wurden, das waren insgesamt 39%
       des Lehrkörpers  der wissenschaftlichen Hochschulen des Winterse-
       mesters 1931/32.  Darunter befanden sich 723 Ordinarien - d.h. 29
       Prozent der  unter 60jährigen  des Lehrkörpers  im Wintersemester
       1931/32, und  1236 Nichtordinarien  - d.h.  33 Prozent  der unter
       50jährigen des Lehrkörpers im Wintersemester 1931/32.
       Am stärksten waren die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die
       Mathematik und  Geographie, die  Geisteswissenschaften sowie  die
       Rechtswissenschaft betroffen.  Sie verloren über ein Drittel (bis
       zu 41 Prozent) ihrer Ordinarien und Nichtordinarien.
       Unter den  vertriebenen Gelehrten  befanden sich  auch Frauen, so
       die "deutsche  Madam Curie",  Lise Meitner,  ferner Roda Erdmann,
       25) Else  Sander, Alice  Daffer-Politz, Charlotte  Auerbach, Elsa
       Blauber und  andere. Die Verfolgung traf ebenso schwer den akade-
       mischen Nachwuchs,  dessen  Ausbildung  jäh  unterbrochen  wurde.
       Viele junge  Forscher gingen  dadurch der  deutschen Wissenschaft
       verloren. Die  in Deutschland  verblieben, waren zum größten Teil
       für zwölf  Jahre vom wissenschaftlichen und kulturellen Leben ab-
       geschnitten. Victor Klemperer beschreibt in seinem erschütternden
       "Notizbuch eines  Philologen" das  Leben eines  aus dem Amte ver-
       triebenen, verfemten und verfolgten Gelehrten in Deutschland. 26)
       Und von denen, die ins Ausland entkamen und dort wissenschaftlich
       tätig sein  konnten, kehrten  wenige zurück.  Schon wenige Wochen
       nach dem  Erlaß des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbe-
       amtentums" wurden von englischen und amerikanischen Wissenschaft-
       lern Stellen zur Vermittlung vertriebener deutscher Wissenschaft-
       ler eingerichtet.  Im Briefwechsel  Schmidt-Otts liegt  ein Brief
       der Gattin  Professor Paul  Ehrlichs vom 7. Dezember 1933, in dem
       sie bittet,  ihrem Neffen  eine Stelle ins Ausland zu vermitteln.
       Es handelte  sich um  einen Sohn des bekannten Dermatologen Felix
       Pinkus. Er  hatte zunächst  unter Leitung von Professor Roda Erd-
       mann am Institut für Experimentelle Zellforschung gearbeitet, da-
       nach an der Hautklinik der Universität Breslau, die von Professor
       Jadessohn, danach  von Professor  Jeßner geleitet wurde. Schmidt-
       Ott teilt  Frau Ehrlich eine englische und eine amerikanische An-
       schrift von Stellen zur Vermittlung von Wissenschaftlern mit. 27)
       In dieser  schweren Zeit bewahrten nicht wenige der deutschen Ge-
       lehrten Würde  und Mut;  einzelne traten für die vertriebenen und
       geächteten Fachkollegen  ein. Als zum Beispiel die Beschimpfungen
       und Intrigen  gegen Professor  Krause ihren Höhepunkt erreichten,
       stellten sich  "die sämtlichen  amtlich tätigen ordentlichen Pro-
       fessoren der Medizinischen Fakultät Münster" gegen seine Vertrei-
       bung. In  einem Brief an den Minister für Wissenschaft, Kunst und
       Volksbildung vom  5. März  1934 weisen  sie auf Krauses nationale
       Gesinnung hin,  die er als Mitglied der Deutsch-Nationalen Volks-
       partei stets  vertreten hatte,  und auf  seine wissenschaftlichen
       Leistungen, da  nach ihrer  Meinung in der "ganzen Angelegenheit"
       beiderlei Verdienste  zu wenig bekannt wären: ... Er ist ein wis-
       senschaftlich anerkannter  Forscher. Auf dem Gebiet der Anwendung
       der Röntgenstrahlen  zur Erkennung und Behandlung von Krankheiten
       hat er  sich große Verdienste erworben; er ist dabei ein Märtyrer
       seiner Wissenschaft  geworden: durch  die dauernde  Beschäftigung
       mit den  Röntgenstrahlen, deren Gefährlichkeit damals nicht genü-
       gend bekannt  war, hat  er sich schwere Verbrennungen an den Fin-
       gern zugezogen, er mußte diese dauernd verbunden halten und mußte
       befürchten, daß  die Amputation  der Finger eines Tages notwendig
       wird, um  eine lebensgefährliche Erkrankung des ganzen Körpers zu
       vermeiden. 28)
       Es unterzeichneten:  R. Rosemann  (unleserlich), Heidreich  o.ä.,
       Coenen, Esch, Vogt, A. v. Spily o.ä., Többen, Freund, Götte, Meh-
       rer o.ä., Stübner, R. Müller.
       Unmittelbar nach den ersten Entlassungen von Hochschullehrern auf
       Grund des berüchtigten Gesetzes wendet sich am 16. April 1933 der
       Göttinger Rektor  Prof. Dr. W. Meinardus an Rust: "... Ihr Haupt-
       ansehen verdankt  sie (die Göttinger Universität) aber naturgemäß
       den Männern,  die an ihr gewirkt und ihren Namen in alle Welt ge-
       tragen haben...  Aus diesen Gründen erscheint es wohl berechtigt,
       mit größter  Sorge der geplanten Reform entgegenzusehen, wenn sie
       den Universitätslehrer  nicht zugleich als Forscher und damit als
       Einzelindividuum, das  nicht einfach  ersetzbar ist,  wertet.  Es
       wäre geradezu  verhängnisvoll, wenn  ein dem  neuen Beamtengesetz
       entsprechendes schematisches  Verfahren geübt  würde.  Es  würden
       wahrscheinlich einige  von unseren Koryphäen darunter fallen, und
       so ist  eine außerordentlich  vorsichtige individuelle Behandlung
       am Platze..." 29) Die Eingabe von Meinardus freilich war inkonse-
       quent,  da   er  in   ihr  zugleich  die  Entfernung  angeblicher
       "Schädlinge" von  den Hochschulen  nachdrücklich akzeptierte  und
       betonte, er  wolle "unserer  nationalen Erhebung  möglichst  viel
       Freunde" gewinnen.
       Max Planck nutzte seinen internationalen wissenschaftlichen Rang,
       um Kollegen  und Nachwuchswissenschaftler  vor der Vertreibung zu
       bewahren. Er schreibt am 30. Juli 1933: "Hochverehrter Herr Mini-
       sterialdirektor! Von  Ihrer gütigen  Erlaubnis Gebrauch  machend,
       übersende ich Ihnen beiliegend ein Verzeichnis einiger vermutlich
       nicht arischer  an preußischen  Instituten  tätiger  Naturwissen-
       schaftler, besonders  Physiker,  deren  Ausscheiden  nach  meiner
       Überzeugung einen  empfindlichen Verlust für die deutsche Wissen-
       schaft bedeuten  würde, in alphabetischer Ordnung. Die Liste will
       keineswegs vollständig sein, vielleicht darf ich sie bei Gelegen-
       heit noch  ergänzen. In  vorzüglicher Hochachtung  Ihr aufrichtig
       ergebener M.  Planck". Es  folgen die Namen: "Prof. Born, Göttin-
       gen, Universität;  Prof. Courant,  Göttingen, Universität;  Prof.
       Frank, Göttingen,  Universität; Prof.  Erwin F. Freundlich, Pots-
       dam, Observatorium;  Prof. Richard  Goldschmidt (Biologie)  Bln.-
       Dahlem, Kaiser-Wilhelm-Institut;  Prof. G. Hertz, Charlottenburg,
       Techn. Hochschule;  Dr. H. Kallmann, Priv.-Doz., Universität Ber-
       lin; Dr.  F. London,  Priv.-Doz., Universität  Berlin; Frl. Prof.
       Meitner, Berlin,  Universität; Prof.  v. Mises, Berlin, Universi-
       tät; Prof.  P. Pringsheim,  Berlin, Universität; Prof. F. Reiche,
       Berlin, Universität;  Frl. Dr.  Spona, Priv.-Doz. Göttingen, Uni-
       versität; Stud. phil. Teller, Laborant im physikalischen Institut
       Göttingen." 30)
       Weil aber  all diese Proteste gegen die Vertreibung der Gelehrten
       sehr vorsichtig  und zu  vereinzelt geäußert  wurden,  gelang  es
       nicht, die  Faschisten an ihrem Vorgehen zu hindern. Einstein be-
       gründete deshalb  seinen Austritt aus der Bayrischen Akademie der
       Wissenschaften folgendermaßen:  "Akademien haben  in erster Linie
       die Aufgabe,  das wissenschaftliche Leben eines Landes zu fördern
       und zu  schützen. Die  deutschen  gelehrten  Gesellschaften  habe
       aber... es  schweigend hingenommen,  daß ein  nicht unerheblicher
       Teil der  deutschen Gelehrten  und Studenten... ihrer Arbeitsmög-
       lichkeit  und  ihres  Lebensunterhaltes  in  Deutschland  beraubt
       wird." 31)  Wenngleich der Präsident der Preußischen Akademie der
       Wissenschaften, Max  Planck, die  Bedeutung Albert  Einsteins mit
       der eines Johannes Kepler und Isaac Newton verglich, beschloß die
       außerordentliche Plenarsitzung  der Akademie  am 6. April 1933 in
       ihrer Mehrheit, den Austritt Einsteins zu billigen, ja ihn gewis-
       sermaßen zu  begrüßen als Befreiung von einer schweren Bürde, die
       ihre politische  Reputation gegenüber den braunen Machthabern be-
       lastete. 32)
       Die Verfolgung  deutscher Hochschullehrer nach der faschistischen
       Machtergreifung rief  auch im Ausland zahlreiche Proteste hervor.
       So sandte  am 25.  Mai 1933  der Staatssekretär der Reichskanzlei
       Unterlagen an  das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volks-
       bildung, aus  denen hervorgeht, daß Professoren der Universitäten
       London, Oxford  und Cambridge große Demonstrationskundgebungen in
       Cambridge und Oxford geplant hatten. Jedoch hatten der Bibliothe-
       kar des  Foreign Office, Gazelee, und der Kanzler der Universität
       Cambridge, Mr.  Baldwin, Kundgebungen  verhindert und vorgeschla-
       gen, daß  eine Erklärung,  unterzeichnet von Professoren der drei
       Universitäten, an  die  deutsche  Botschaft  gegeben  würde.  Die
       Erklärung  lautet:   "Wir,  die  unterzeichneten  Mitglieder  der
       Universitäten Oxford,  Cambridge und  London, wünschen der tiefen
       Besorgnis  Ausdruck   zu  geben,   mit  der  wir  die  angedrohte
       Entlassung  oder   den  erzwungenen   Rücktritt  von  Lehrern  an
       deutschen Universitäten  und anderen  Unterrichtsanstalten  sowie
       den Ausschluß  von Studenten  auf Grund  von Rasse,  Religion und
       Überzeugung  beurteilen.   Dieses  Verfahren  führt  bereits  zur
       Entfremdung der  Sympathien vieler englischen Deutschfreunde, und
       auch die  Stimmung in  akademischen Vereinen  ist äußerst erregt.
       Wir fürchten,  daß eine  derartige  fortgesetzte  Diskriminierung
       weiter Bevölkerungskreise  zu einer Minderung des Ansehens führen
       wird, das die deutschen Universitäten bisher in der Welt genossen
       haben."  (Folgen   für  Oxford   die  Unterschriften   des  Vice-
       Chancellors und  acht weiterer Professoren, für Cambridge die des
       Vice-Chancellors und  von zwölf Professoren. Für London haben der
       Vice-Chancellor,  der   ex-Vice-Chancellor  und   außerdem   vier
       Professoren unterzeichnet. 33)
       Das Auswärtige Amt teilt am 14. Juni 1933 an das Preußische Mini-
       sterium für  Wissenschaft und an das Reichsministerium des Innern
       mit, daß  die American  Association of University Professors beim
       Völkerbund protestiert  habe und  daß eine Bewegung besteht, ent-
       lassene deutsche  Professoren  an  amerikanischen  Universitäten,
       darunter Yale,  aufzunehmen. "In  dieser Richtung arbeitet Duggan
       International Education Office. Verweise auch auf außerordentlich
       scharfe Kritik von Emil Lenguel in 'Nation' vom 31. Mai." 34)
       Am 10. März sendet das Auswärtige Amt zwei Hefte der "News Bulle-
       tins" des  Institute of  International Education in New York. Das
       Heft vom  Dezember 1933  enthält einen  Artikel über  akademische
       Flüchtlinge, das  Heft vom  Februar 1934  eine Übersicht über die
       deutschen Professoren,  die in  den Vereinigten  Staaten unterge-
       bracht worden sind. 35)
       In den  Niederlanden veröffentlicht  die "Chronica  Botanica"  im
       April 1935 (Vol. I, S. 129) Zahlen über vertriebene Hochschulleh-
       rer und die ihnen zuteil gewordene internationale Hilfe. "... Ap-
       proximately 650  of the  university teachers  dismissed have left
       Germany. Of these, 248 have been permanently re-restablished, 131
       in Europe and 117 outside Europe; 336 others have been given tem-
       porary assistance  which has  enabled them to continue their stu-
       dies in  Universities or other institutions. Most of this work of
       academic assistance  has been  carried out  by special  emergency
       committees in  Europe and  the United States, which have succeded
       in raising a quarter of a million pounds for the purpose of crea-
       ting special  positions in  universities and research centres for
       the refugee  scholars." Auch  unterrichtet die Chronica über Vor-
       gänge im  wissenschaftlichen Leben  Deutschlands. So  teilte  sie
       z.B. mit,  daß am  29. Januar  1935 im Harnackhaus in Berlin eine
       Gedenkfeier anläßlich des Todestages des gleichfalls vertriebenen
       Fritz Haber  stattfand, an  der teilzunehmen der Unterrichtsmini-
       ster allen  ihm Unterstehenden  verboten habe  und  auf  der  Max
       Planck und Otto Hahn gesprochen hätten. 36)
       Die Vertreibung  humanistischer Gelehrter  in den  Jahren 1933/34
       auf Grund des wissenschaftsfeindlichen Gesetzes vom 7. April 1933
       war wichtigster Bestandteil und entscheidenste Etappe der Faschi-
       sierung der deutschen Universitäten und Hochschulen. In dem Maße,
       in dem diese Gelehrten vertrieben wurden, gewannen jene Professo-
       ren Einfluß, die den faschistischen Ungeist vertraten, seine Irr-
       lehren als Wissenschaft ausgaben und den Faschismus unter der Do-
       zenten- und  Studentenschaft durchsetzten,  die Wissenschaft  der
       faschistischen Diktatur  auslieferten, sie  völlig in  den Dienst
       der Vorbereitung und Führung der faschistischen Aggression stell-
       ten.
       
       _____
       1) Deutsches Zentralarchiv (DZA) Merseburg, Rep. 76 V a, Sekt, I,
       Tit. IV Nr. XIII. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Beurfsbe-
       amtentums" wurde  von der  Reichsregierung am  7. April  1933 be-
       schlossen, verkündet  und in  Kraft gesetzt, Reichsgesetzblatt I,
       Jg. 1933, Nr. 34 vom 7. April 1933, S. 175.
       2) Lothar Berthold,  Das System  des  faschistischen  Terrors  in
       Deutschland und  die Haltung  der einzelnen  Klassen  und  Volks-
       schichten, In:  Zeitschrift für  Geschichtswissenschaft,  Berlin,
       Jg, 1964, Heft 1, Seite 11 ff.
       3) DZA Merseburg, a.a.O.
       4) Berliner Tageblatt, 14. April 1933, Vossische Zeitung, Berlin,
       14. April 1933.
       5) DZA Merseburg, a.a.O.: die weiter zitierten Begründungen stam-
       men aus der gleichen Akte.
       6) Reichsministerialblatt, Berlin,  61. Jg.  1933, Nr.  38 v. 29.
       September 1933, Seite 463 bis 466.
       7) Ebenda, Nr. 52 vom 15. Dezember 1933, Seite 689.
       8) DZA Merseburg,  Rep. 76  V a. Sekt. 1. Tit. IV. Nr. 17 Band II
       Beiheft.
       9) 63. Jahrgang, Nr. 24.
       10) DZA Merseburg, Rep. 76, V a, Sekt. 1, Tit. IV, Nr. 1 Band XIV
       vom Oktober 1933 bis Dezember 1934.
       11) Ebenda.
       12) DZA Merseburg,  Rep. 76 V a, Sekt. 1, Tit. III, Nr. 6 vom No-
       vember 1841 bis Dezember 1934.
       13) Ebenda, Rep.  76 V a,  Sekt. 1, Tit. III, Nr. 10 Vol. III vom
       Januar 1907  bis Dezember  1934, Blatt 330 bis 352, Blatt 385 und
       389 bis 422.
       14) Ebenda, Rep. 76 V a, Selct. 1, Tit. II, Nr. 3 Vol. II vom Ja-
       nuar 1924 bis Dezember 1934.
       15) Ebenda, Rep. 92, Schmidt-Ott, D 24.
       16) Ebenda, Rep.  76 V a,  Sekt. 1,  Tit. III,  Nr. 10, Vol. III,
       Blatt 354.
       17) Ebenda, Rep.  76 V a,  Sekt. Tit.  IV, Nr.  XIII, vom Oktober
       1929 bis September 1933.
       18) Deutsche Wehr, Berlin, 5. (36) Jg., Nr. 33.
       19) Vgl. Fußnote 23.
       20) Wiedergegeben in:  Empfehlungen  des  Wissenschaftsrates  zum
       Ausbau der  wissenschaftlichen Einrichtungen.  Teil  I,  Tübingen
       1960, S. 20.
       21) Walter Gerlach,  Eine Bilanz der Naturwissenschaften, in: Be-
       standsaufnahme, Eine  deutsche Bilanz;  München -  Wien  -  Basel
       1962, Seite 360/1.
       22) Empfehlungen des Wissenschaftsrates, a.a.O.
       23) Helge Pross,  Die deutsche  akademische Emigration  nach  den
       Vereinigten Staaten 1933 bis 1941, Berlin 1955, Seite 26.
       24) Untersuchungen zur  Lage der  deutschen Hochschullehrer, Her-
       ausgegeben von Helmuth Plessner, Bd. III, Göttingen 1956.
       25) DZA Merseburg,  Rep. 76 V a, Sekt. 1, Tit. IV, Nr. 1 Bd. XIV,
       Brief aus  dem Kulturministerium  an Finanzminister vom 8. Januar
       1934.
       26) Vict. Klemperer,  LTI,  Notizbuch  eines  Philologen,  Berlin
       1947. 27) Briefwechsel Schmidt-Ott, DZA Merseburg, a.a.O.
       28) DZA Merseburg,  Rep. 76  V a, Sekt. 1, Tit. IV, Nr. 17 Bd. II
       Beiheft.
       29) Ebenda, Rep. 76 V a, Sekt. 1, Tit. IV, Nr. XIII.
       30) Ebenda.
       31) Friedrich Herneck, Albert Einstein, Berlin 1963, Seite 206.
       32) Ebenda, Seite 204.
       33) DZA Merseburg, ebenda.
       34) Ebenda.
       35) Ebenda.
       36) Ebenda. Briefwechsel  zwischen den Professoren Meyerl, Sybold
       und Lehmann vom November 1935, vgl. auch Otto Hahn, Vom Radiothor
       zur Uranspaltung, Eine wissenschaftliche Selbstbiographie, Braun-
       schweig 1962.
       

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