Quelle: Blätter 1966 Heft 10 (Oktober)


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       Prof. Dr. Ossip K. Flechtheim
       
       KRITISCHE INTELLIGENZ UND INTELLIGENTE POLITIK -
       ================================================
       EINE DEUTSCHE ANTINOMIE?
       ========================
       
       I
       
       Die Antinomie  von Politik  und Intelligenz  ist sicherlich  kein
       ausschließlich deutsches  Problem. Geist  und Macht,  Besitz  und
       Bildung, Thron  und Altar - das sind Begriffspaare, die weit über
       Deutschland hinaus  Geltung beanspruchen  und stets  an das Mit-,
       Neben- und  Gegeneinander von Politik und Intelligenz gemahnt ha-
       ben. Ja, der Konflikt von Macht und Geist, von Politik und Intel-
       ligenz erlebt schon sehr früh in der Geschichte im Prozeß des So-
       krates seine  tragische  Zuspitzung.  Sokrates  verkörpert  dabei
       sowohl den  Philosophen, der den Vorurteilen seiner Zeit und sei-
       nes Raumes  unerschrocken entgegentritt, zugleich aber auch schon
       den typischen  "Intellektuellen", der  die Verfassung und Politik
       seines Gemeinwesens  - der  athenischen Demokratie, wie wir meist
       mit mehr  oder weniger Recht sagen - einer kritischen Analyse un-
       terwirft. Seit der Verurteilung des Sokrates sind insbesondere in
       Zeiten der Krise, die für Gesellschaften im dynamischen Wandel so
       typisch sind,  die intellektuellen  Kritiker in  Konflikt mit den
       politischen Machtträgern geraten. "Kampf und Untergang der Intel-
       lektuellen" (dies  der Titel  einer soeben  erschienenen Untersu-
       chung von  Thomas Molnar) kennt also die Geschichte nicht erst in
       unserem Zeitalter. Daß aber gerade in Deutschland die Problematik
       des Intellektuellen nur allzu oft besonders schmerzlich empfunden
       worden ist,  dafür zeugen nicht erst die Verunglimpfungen der In-
       tellektuellen durch  unsere Bundeskanzler, sondern schon die Kla-
       gen eines Goethe und Hölderlin, eines Marx und Nietzsche über die
       Vereinsamung des  geistigen Menschen  in jenem  Lande, das einmal
       als das  Land der  Dichter und  Denker gerühmt  wurde. Auf dieses
       Thema wird noch am Schluß dieser Betrachtungen ausführlicher ein-
       zugehen sein.
       
       II
       
       Beginnen wir  mit einigen  Bemerkungen zum  Phänomen Intelligenz.
       Wir können zunächst von der Intelligenz als einer psychologischen
       Fähigkeit,  Begabung   oder  Kraft   und  der   Intelligenz  oder
       "Intelligentsia" als  einer kultursoziologischen  Schicht, Gruppe
       oder "Elite" sprechen. Was jene anlangt, so sagen uns die Psycho-
       logen, daß  eine Definition größere Schwierigkeiten bereitet, als
       der Laie annimmt. So ist die Intelligenz wie das Denken nicht auf
       bewußte Funktionen  allein zu  begrenzen; man  unterscheidet eine
       zentrale, höhere  Intelligenz von einer peripheren, niederen. Man
       hat in  der Intelligenz  auch die Fähigkeit zur Einsicht, Umsicht
       und Voraussicht sehen wollen (G.A. Brandt). Die Fähigkeit, neuar-
       tigen Situationen  oder Anforderungen  mittels Denkleistungen er-
       folgreich zu  begegnen, zerfällt Hofstätter zufolge in vier Sach-
       verhalte: 1)  Es geht um eine Gruppe von Begabungen, über die der
       Mensch in  geringerem oder  höherem Maße  zu verfügen  vermag. 2)
       Diese Fähigkeit  ermöglicht die  Lösung konkreter oder abstrakter
       Probleme und  somit die  Bewältigung neuer  Situationen.  3)  Sie
       macht das  bloße Herumprobieren und das Lernen an dessen zufällig
       daraus resultierenden Erfolgen weitgehend überflüssig. 4) Sie äu-
       ßert sich  in der  "Erfahrung, Anwendung, Deutung und Herstellung
       von Beziehungen und Sinneszusammenhängen" (H. Remplein). Hofstät-
       ter bezieht  sich auf  A. Wenzel, der drei Dimensionen der intel-
       lektuellen Ausstattung  unterscheidet: "Eine  Tiefendimension der
       Erfassung des  Wesentlichen, des  Sinngehalts aus der Anschauung,
       eine Höhendimension  des abstrakten,  logischen Denkens  und eine
       Breitendimension hinsichtlich  der Mannigfaltigkeit  der in Erwä-
       gung gezogenen  Gegebenheiten. Dieses  statische Strukturbild be-
       darf jedoch  einer Ergänzung  durch die Feststellung, daß mit In-
       telligenz im  Prinzip eine  Größe gemeint ist, die in den zeitli-
       chen Ablauf  des 'Denkens' eingeht und durch welche die Ausgangs-
       ordnung eines Denkaktes (die Frage oder Problemsituation) in eine
       Endordnung der Antwort oder Lösung umgeformt wird (R. Meili)."
       Nur dies  zur psychologischen  Seite der Intelligenz. Was die ge-
       sellschaftliche anlangt,  so ist, wie mit Recht betont wird, eine
       rein soziologisch-ökonomische Abgrenzung der "Intelligentsia" von
       anderen Gruppen  kaum möglich.  Immerhin kann man davon ausgehen,
       daß die  Intelligenz weder  zum Bürgertum  (Bourgeoisie) noch zur
       Arbeiterschaft (Proletariat)  gehört. Sie  ist  irgendwo  in  der
       Mitte zwischen  diesen beiden großen Klassen angesiedelt und kann
       insofern, wenn  nicht zum "Mittelstand" im engeren Sinne, so doch
       wohl zu  den "Mittelschichten"  im weiteren Sinne gezählt werden.
       Vom einfachen  Warenproduzenten, dem  Bauern, Handwerker oder Ge-
       werbetreibenden unterscheidet  sie sich sehr wohl; sie deckt sich
       eher mit  den "freien Berufen", den Angestellten und Beamten, den
       Schülern und  Studenten. Freilich  reicht die Einkommensskala der
       Intelligenz weit über die des Mittelstandes hinaus - an dem einen
       Pol stehen  die "proletaroiden" Existenzen (R. König) der Bohème,
       am anderen die arrivierten großbürgerlichen Großverdiener.
       Während einer  kürzlich erfolgten  Meinungsbefragung  zufolge  16
       Prozent der Befragten Intellektuelle und Akademiker gleichsetzten
       (33 Prozent  konnten sich  unter einem  Intellektuellen überhaupt
       nichts vorstellen!),  setzt Theodor Geiger die Intellektuellen in
       Gegensatz zu  den Akademikern und Gebildeten. Die Akademiker sind
       diejenigen, die eine abgeschlossene Ausbildung haben. Neben ihnen
       findet sich  eine breite Schicht der Gebildeten. Wie die Wortver-
       bindung "Besitz  und Bildung"  andeutet, konnten  sich früher nur
       diejenigen, die nicht zu arbeiten brauchten, eine gewisse Bildung
       aneignen. Zugleich  strebten die  Besitzenden danach,  sich durch
       Bildung als  höhere Schicht  zu legitimieren. Diese Koppelung von
       Besitz und  Bildung ist  im Prozeß der Demokratisierung schwächer
       geworden - verschwunden ist sie keineswegs. So beträgt auch heute
       noch der  Anteil der  Arbeiterkinder an der Gesamtstudentenschaft
       in der DDR und den anderen Ostblockstaaten gut 50 Prozent, in den
       USA 30 Prozent, in England 25 Prozent, in Schweden 20 Prozent, in
       Frankreich 7,5 Prozent und in der Bundesrepublik nur 5 Prozent.
       Von den  Akademikern und  Gebildeten hebt  Geiger die eigentliche
       Intelligenz als  kultursoziologischen Begriff ab. Er verweist auf
       ähnliche Begriffsbildungen  auf anderen  Gebieten:  zum  Beispiel
       "Hochfinanz" oder  "Industriekapital". Alle  diejenigen, die  ir-
       gendwie schöpferisch  zur Erhaltung oder Vermehrung der Kultur in
       einem sehr  weiten, nicht  nur rein  ästhetischen,  sondern  auch
       technischen und  politischen Sinne beitragen, seien als Intellek-
       tuelle anzusprechen.  Geiger rechnet  auch reproduktive  Künstler
       und Journalisten dazu, aber auch Personen, die produktiv im reli-
       giösen Leben,  in der Jugend-, Frauen- oder Arbeiterbewegung wir-
       ken.
       Man hat  öfters als  das spezifische Merkmal der Intelligenz ihre
       besondere Stellung zum Geist hervorgehoben. So ist für Jean Améry
       "ein Intellektueller ein Mensch, der innerhalb eines im weitesten
       Sinne geistigen  Referenzsystems lebt.  Sein Assoziationsraum ist
       ein wesentlich  humanistischer oder geisteswissenschaftlicher. Er
       hat ein  wohlausgestattetes ästhetisches  Bewußtsein. Neigung und
       Befähigung drängen  ihn  zu  abstrakten  Gedankengängen".  Weiter
       führt wohl die Überlegung René Königs, wonach zur Intelligenz ge-
       höre, daß sie "auch führend hervortritt in der Vertretung der ra-
       tionalen Vernunft,  der Aufklärung  und der sozialen Kritik". Man
       hat auch  von einer "sokratischen" und "dynamischen" Funktion der
       Intelligenz gesprochen.  In unserem  Zeitalter  müsse  "auch  die
       Funktion der  Intelligenz sich wandeln zu einer umfassenden Sozi-
       alkritik, d.h. zu einer Kritik, die unmittelbar auf das Ganze der
       Gesellschaft zielt  und dieses  Ganze als  ein primär Dynamisches
       begreift, das  in der Totalität seiner Ordnungen immer wieder mit
       seiner eigenen  Idee kritisch  zu konfrontieren ist. Die Intelli-
       genz wird  zu der  sozialkritischen Instanz,  die  gleichsam  als
       beunruhigendes Gewissen  dieser selbst  stets ihren  Spiegel vor-
       hält. Und  Intelligenz gibt  sich auch  als solche  auf, wenn sie
       sich nicht  mehr unmittelbar und als Ganzes, d.h. an jeder Stelle
       ihres sozialen  Wirkens, dieser  ihrer sozialkritischen  Funktion
       verpflichtet weiß" (Lieber).
       
       III
       
       Was ist nun unter Politik zu verstehen? Macht und Herrschaft sind
       sicherlich wesentliche  Elemente der Politik - dennoch sollte man
       sie nicht  einfach auf  Macht reduzieren. Zunächst einmal gehören
       Macht und  Herrschaft als allgemeine sozio-kulturelle Erscheinun-
       gen auch zu anderen Bereichen der Gesellschaft und Kultur. Ferner
       geht es  bei der  Politik nicht  nur um die Macht: Das politische
       Verhalten kann  auch einer Vielfalt anderer Ziele dienen, die mit
       den Kennworten  der wirtschaftlichen  Ausbeutung, der Aufrechter-
       haltung von  Ruhe und  Ordnung, der  Förderung des  Friedens  und
       Wohlstandes, der  Steigerung der Freiheit und Gleichheit angedeu-
       tet werden  können. Schließlich  muß die Politik zwar nicht, kann
       aber doch  auch gelegentlich am "Gemeinwohl" orientiert sein. Mit
       Recht hat  schon Max Weber betont, der Machtkampf, d.h. also "das
       Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtvertei-
       lung", gehöre  zum Wesen der Politik. Jede Kampfsituation bewirkt
       nun eine  Maximierung und  Perpetuierung der Macht, wie umgekehrt
       die traditionale Orientierung der Kämpfenden an der Macht die ra-
       tionale und gewaltlose Lösung der Konflikte erschwert. In der Tat
       geht es  in der  Politik sowohl  um das Verhältnis von Machthaber
       und Machtsubjekt  (oder besser  -objekt), wie  aber auch  um  den
       Kampf der Machthaber miteinander. Diese Auseinandersetzung spielt
       sich auf drei Ebenen ab:
       1) auf der  von komplexen  Einheiten (Staaten,  Nationen, Kirchen
       usw.),
       2) auf der  der Klassen und Schichten innerhalb dieser Einheiten,
       und
       3) auf der  von Elite  und Masse  innerhalb einer Klasse, Schicht
       usw.
       Ein solcher  Kampf hat aber auch eine Konzentration der Macht bei
       den Führungen  zur Folge: Der Kampf zwischen den Staaten, Armeen,
       Parteien, Fraktionen,  Verbänden usw. dient den Machthabern dazu,
       ihre Herrschaft auch gegenüber ihren eigenen Machtobjekten zu er-
       halten und  zu sichern - die "Gefolgschaften" können sogar äußer-
       stenfalls als  Material oder  Instrument mehr oder weniger beden-
       kenlos geopfert werden.
       In der  traditionalen Politik  suchten in  der Regel engbegrenzte
       Gruppen ihre ephemeren Interessen im Gegensatz zu denen der ande-
       ren Gruppen, etwa anderer Staaten, Nationen, Kirchen usw., durch-
       zusetzen. Das  "Gemeinwohl", von dem soviel geredet wurde, ist in
       der Tat  bisher kaum  je identisch  gewesen mit  dem  permanenten
       Grundanliegen der gesamten Menschheit in Vergangenheit, Gegenwart
       und Zukunft.  Solange die Menschheit noch keine Einheit darstellt
       und sich  erst in  einem langwierigen, qualvollen Wachstumsprozeß
       ihrer Verbundenheit bewußt zu werden beginnt, werden die Machtha-
       ber kaum  anders können, als den Anspruch, dem Gemeinwohl zu die-
       nen, dazu zu benutzen, den wahren Sachverhalt ideologisch zu ver-
       hüllen,  die  "Untertanen",  aber  auch  sich  selber,  über  die
       schlechte Wirklichkeit  hinwegzutrösten. Auch hier gilt Friedrich
       von Logaus Klage über den Menschen: "Was dient ihm denn Vernunft?
       Sie hilft  dahin ihm  ein, daß  er kann mit Vernunft recht unver-
       nünftig sein."  Und selbst  dort, wo man doch einmal dem Kern der
       Dinge näherzukommen  vermochte, seh  - und sieht - man immer noch
       das Gemeinwohl eher statisch von der Vergangenheit her als Bewah-
       rung des  Gegebenen, als  Sicherung der jeweiligen Gesellschafts-
       ordnung gegen  den äußeren  Feind oder  gegen die angeblich stets
       von innen  drohende Unordnung und Anarchie. In unserer Epoche mit
       ihrer ganz  neuartigen Dynamik  nimmt dagegen der Begriff des Ge-
       meinwohls einen  neuen Sinn  an: Gemeinwohl  wird heute identisch
       mit den  vorwärtsdrängenden Möglichkeiten  eines offenen globalen
       Horizontes. Es  muß an  den stets  neu überprüften, langfristigen
       rationalen Interessen  und Bedürfnissen  des  ganzen  Menschenge-
       schlechts ausgerichtet  sein. Eine Politik des echten Gemeinwohls
       kann heute und morgen in der Tat nur im Zeichen einer "Planetari-
       sierung" stehen.
       Wir haben  noch nicht  vom Gegensatz von Macht und rational-funk-
       tionaler Kompetenz  gesprochen.  Wie  die  meisten  sozialwissen-
       schaftlichen Kategorien  sind zwar  auch  diese  beiden  Begriffe
       recht vieldeutig,  vermögen aber doch zur definitorischen Klärung
       der Politik  beizutragen. Macht sei hier als ein umfassender Sam-
       melbegriff verstanden,  der auch  Herrschaft, autoritäre  Führung
       und Gewaltsamkeit  implizieren soll. Diese Trias vermag das Wesen
       der Politik  besonders gut  zu erhellen,  wenn wir  ihr Genossen-
       schaft, funktionale Leitung und Gewaltlosigkeit gegenüberstellen.
       Bei Herrschaft und Genossenschaft geht es dabei um zwei Organisa-
       tions- oder  Strukturprinzipien. Autoritäre  Führung und funktio-
       nale Leitung charakterisieren das Über- und Unterordnungsverhält-
       nis in  einem herrschaftlichen bzw. genossenschaftlichen Verband.
       Gewaltsamkeit und  Gewaltlosigkeit sind die Methoden, deren rela-
       tive Verbreitung  ein Symptom  dafür ist,  ob eine  autoritär ge-
       führte Herrschaft  oder eine  funktional geleitete Genossenschaft
       vorliegt.
       Nun führt  in der  Politik ein Kontinuum von Herrschaft zu Genos-
       senschaft, von  autoritärer Führung  zu funktionaler Leitung, von
       Gewaltsamkeit zu  Gewaltlosigkeit, wobei  Politik  stärker  durch
       Herrschaft, autoritäre Führung und Gewaltsamkeit als durch Genos-
       senschaftlichkeit, funktionale  Leitung und  Gewaltlosigkeit  ge-
       prägt ist.  Ein System,  in dem  es wie  etwa in Orwells Welt von
       "1984" nur Herrschaft, autoritäre Führung und Gewaltsamkeit gäbe,
       könnte in  Übereinstimmung mit  dem Sprachgebrauch immer noch als
       ein politisches  bezeichnet werden.  Ob hingegen eine Ordnung, in
       der Genossenschaft,  funktionale Leitung  und Gewaltlosigkeit die
       Herrschaft, autoritäre Führung und Gewaltsamkeit ganz oder so gut
       wie ganz verdrängt hätten, der vorherrschenden Terminologie gemäß
       noch als  "politisch" zu  charakterisieren wäre, mag fraglich er-
       scheinen. In  einem solchen klassen- und herrschaftslosen, nicht-
       staatlichen "Gemeinwesen"  würde jedenfalls  das "Gemeinwohl" die
       "Politik" so sehr prägen, daß diese "Politik" recht wenig mit der
       traditionalen Machtpolitik zu tun hätte.
       Die Menschheit und die Erde waren bisher noch nie in einem einzi-
       gen Staat  integriert - höchste Integrationseinheit der Lokalitä-
       ten und  Regionen, der Schichten und Klassen, der Eliten und Mas-
       sen war  immer nur  der Einzelstaat.  Ist, wie  schon John  Dewey
       richtig sah,  "der Staat  irgendwo zwischen begrenzten, engen und
       intimen Vereinigungen einerseits und Menschengruppen, die so weit
       voneinander entfernt  sind, daß  sie nur selten und zufällig mit-
       einander in  Berührung geraten, andererseits" angesiedelt, so ist
       ein Staat,  der nicht Weltstaat ist, meist auch Element eines Sy-
       stems von  "contending states",  die im Kampf miteinander liegen.
       Gerade der moderne Staat ist in der Tat die längste Zeit überwie-
       gend Macht-,  wenn nicht  sogar Gewaltorganisation, d.h. Polizei-
       und Militärstaat  gewesen. Nicht  zufällig waren die fünf klassi-
       schen Ministerien (Kriegs-, Außen-, Innen-, Justiz- und Finanzmi-
       nisterium) vor  allem der  Aufrechterhaltung und Vergrößerung der
       Macht nach innen und außen - zum großen Teil sogar mittels physi-
       scher Gewaltanwendung - sowie der Finanzierung dieser Aufgabe ge-
       widmet.
       "...was sind die Staaten denn überhaupt anderes als große Räuber-
       banden?" konnte  so mit  Recht schon  Augustinus  fragen.  Dieser
       Zweifel an  der Gerechtigkeit des Staates liegt an der Wurzel des
       Problems der  Staatslegitimität. Das  Erfordernis der "Legitimie-
       rung" der  Gewaltausübung galt  aber im  wesentlichen  schon  als
       erfüllt, wenn  nur die Gewalthaber eindeutig festzulegen vermoch-
       ten, welche  Zwangsgewalt sie  als  "offiziell"  und  welche  als
       "staatsfeindlich"  betrachteten,   wenn  sie  diese  ihre  Gewalt
       einigermaßen wirkungsvoll  auszuüben vermochten und wenn sich die
       Staatsangehörigen mit der gegebenen Machtordnung - wenn auch noch
       so ungern  oder gar  widerstrebend - abfanden. Max Weber ist also
       nur konsequent,  wenn er ganz relativistisch jedes politische Re-
       gime als  "legitime Ordnung"  qualifiziert, solange Herrscher und
       Beherrschte jenes  Regime für  legitim halten, ganz gleich, ob es
       objektiv irgendwelchen  ethischen Anforderungen gerecht wird oder
       nicht.
       Der moderne  Staat tendiert mehr denn je dazu, auch zum Anstalts-
       betrieb zu  werden, für  den die Ausübung nichtpolitischer - etwa
       technischer, kultureller  usw. - Tätigkeit typisch ist. Weite Be-
       reiche seiner Betätigung werden bewußt "entpolitisiert" - ein er-
       heblicher Teil  der öffentlichen  Verwaltung  und  Rechtsprechung
       wird zur  "unpolitischen" Dienstleistung.  Andererseits  zeichnet
       sich aber auch ein Trend zur "Politisierung" ab. In dem Maße, wie
       die Bedeutung  des Staates wächst, vergrößert sich das Machtfeld,
       das zwar  um den  Staat gelagert ist, dessen Erscheinungen aber -
       außer in "totalitären" Systemen - nicht als staatliche im engeren
       Sinne anzusehen  sind. Das  sich hier  abspielende  "öffentliche"
       Handeln ist  weder mit  Staats- noch  mit rein privatem Verhalten
       identisch; es kann aber doch, insoweit es wenigstens mittelbar am
       Staat ausgerichet  ist, als  politisch gelten (Beispiele für sol-
       ches Verhalten  wären etwa die Propaganda eines Interessenverban-
       des für staatliche Hilfe und Subventionierung; Reden oder Schrif-
       ten, die  die Regierung  oder die  Parteien kritisieren;  ja, das
       Verhalten einer unorganisierten Menge, die für oder gegen ein Ge-
       richtsurteil oder eine Polizeimaßnahme demonstriert.)
       Die Ausdehnung  der Politik  ist also gesellschaftlich-geschicht-
       lich bestimmt.  Im viktorianischen  Zeitalter des  "Nachtwächter-
       staates" mag  sie, verglichen  mit Wirtschaft,  Recht, Verwaltung
       oder Familie,  nur eine  sekundäre Rolle  spielen. Dagegen muß in
       einer "totalitären"  Welt mit  der  Politisierung  aller  Lebens-
       bereiche  durch   eine  entmenschte  Politik  die  "unpolitische"
       Gesellschaft und Kultur immer stärker zusammenschrumpfen.
       Es gehört zum Wesen der Macht und Herrschaft, daß sie nach Recht-
       fertigung verlangen.  Das hängt  damit zusammen,  daß wir es hier
       letztlich immer  mit Formen  gewaltsamen Verhaltens zu tun haben.
       Insbesondere werden  die Beteiligten  - als Bürger und Politiker,
       wie als  Lehrer und  Wissenschaftler - immer wieder gedrängt, die
       ideologischen Ansprüche  und Aussagen  der Machtträger unkritisch
       zu übernehmen. Auch die Intelligenz ist stets nahe daran, in eine
       ideologische Verteidigung  und Verhüllung  der bestehenden  Herr-
       schafts- und Besitzordnung abzugleiten, zuweilen freilich auch in
       eine naiv-utopische  Schmähung des  Status quo oder eine illusio-
       näre Verherrlichung des Tausendjährigen Reiches oder des Goldenen
       Zeitalters. Die  aus den statischen Gesellschaften der Vergangen-
       heit stammende  Ausrichtung an dieser Vergangenheit oder an einer
       Gegenwart, die  sich von  jener nicht  unterscheiden soll,  führt
       allzuoft zur  Überbewertung der  Herrschaftsstrukturen und Macht-
       kämpfe, wie  sie zweifellos  für die  letzten 6000  Jahre der Ge-
       schichte der Zivilisationen bezeichnend waren. Die stärker genos-
       senschaftlich-unpolitischen Ordnungen  primitiverer  Völker,  die
       die Ethnologen  längst entdeckt haben, werden hingegen selten zur
       Kenntnis genommen  - ähnlich, wie die Möglichkeiten einer solida-
       risch-gewaltarmen Weltkultur der Zukunft oft verdrängt werden.
       In Reaktion auf die Versuchung, die jeweilige Wirklichkeit propa-
       gandistisch abzusichern - wie gegen ihr allerdings selteneres Ge-
       genstück, sie  im Zeichen  eines illusionären Utopismus unvermit-
       telt zu  verunglimpfen -  neigen gerade  die Fachleute dann dazu,
       Wissenschaft um  der Wissenschaft  willen zu  betreiben und den -
       sicherlich vermittelten  - Zusammenhang zwischen Wissenschaft und
       Gesellschaft zu  übersehen. Unabhängigkeit  und Freiheit  von der
       Staatsmacht sind  aber nicht dasselbe wie individuelle Verantwor-
       tungslosigkeit und persönliche Willkür.
       Der Gefahr  der Flucht  ins Technische  oder gar Triviale wie der
       der ideologischen oder utopischen Verzerrung gegenüber bleibt der
       Intelligenz nur die Besinnung auf die tragisch-dialektische Span-
       nung von  "schlechter" (d.h. immer wieder zu verbessernder und zu
       reformierender) Wirklichkeit  und "echter" Wissenschaft, soll der
       Ideologie-Verdacht überwunden  oder zumindest minimisiert werden.
       Allerdings  ist   der  heute   übliche  Gebrauch   der   Begriffe
       "Ideologie" und "Entideologisierung" so verschwommen, daß es sich
       empfiehlt, auf  die Fragestellung  zurückzugreifen, wie  sie Karl
       Mannheim 1928  in seinem  noch immer  bedeutsamen Werk "Ideologie
       und Utopie"  begründet hat.  Bezeichnend für  die Ideologie  wäre
       demzufolge die  Rechtfertigung der  bestehenden Herrschafts-  und
       Eigentumsordnung; die  Utopie dagegen verwirft und kritisiert das
       herrschende Gesellschaftssystem. Gegen eine unkritisch-"ideologi-
       sche" Verherrlichung der schlechten Welt bäumt sich das utopische
       Bewußtsein  auf   -  dem   unzulänglichen  Heute  stellt  es  ein
       vollkommenes Morgen  gegenüber. Für  die Ideologie  erscheint die
       Gegenwart als  die Fortsetzung der Vergangenheit, während bei der
       Utopie jene  ganz vor  der Zukunft verblaßt. Wie Mannheim richtig
       erkannt hat,  sind sowohl  die utopische  wie vor allem aber auch
       die ideologische  Haltung einseitig  von den  begrenzten und vor-
       übergehenden Interessen  bestimmter Klassen, Gruppen oder Schich-
       ten geprägt - Ideologie involviert insofern das "falsche" Bewußt-
       sein der  herrschenden Klassen, Utopie das der unzufriedenen Mas-
       sen.
       Eine von  den permanenten Interessen der ganzen Menschheit getra-
       gene, das  Gestern wie  das Heute transzendierende und das Morgen
       einbegreifende intelligent-kritische  Haltung würde  dagegen  den
       Widerspruch von Ideologie und Utopie reduzieren oder gar überwin-
       den -  auf der  Grundlage eines  umfassenden, auch an der offenen
       Zukunft ausgerichteten,  futurologischen Wahrheits-  und  Wissen-
       schaftsbegriffes. Sie wird in der Politik das "ewige" Gegeneinan-
       der von  Ideologie und  Utopie, von "Realisten" und "Idealisten",
       von "Rechter"  und "Linker"  erkennen. Sie  wird sich  allerdings
       nicht mit  einer einfachen Bestandsaufnahme begnügen, um dann wo-
       möglich einen  Ausgleich à tout prix, einen goldenen Mittelweg zu
       propagieren. Sie  wird vielmehr  zwischen statischen  und dynami-
       schen Epochen  differenzieren und für diese den relativen Vorrang
       der  Utopie   vor  der  Ideologie,  der  "Linken"  gegenüber  der
       "Rechten", der  Antithese gegenüber der These vertreten. Sie wird
       so für  heute und  morgen dem  Satz von Kant beipflichten, wonach
       "Hoffnung und  Zukunft schwerer  wiegen" und  "die... Waage  doch
       nicht ganz  unpartheyisch" ist.  Sie wird  mit Walter Dirks davon
       ausgehen, daß  die Mitte  als Ausgleich jeweils nur ein Ergebnis,
       nicht aber  ein Ziel  sein könne,  auf das man von vornherein zu-
       steuern müsse. Sie wird hierin eine Bestätigung der Idee von Karl
       Liebknecht von  der "realisierten Möglichkeit" als "der Diagonale
       von Unmöglichkeiten"  sehen, von  Mannheims Gedanken  der dynami-
       schen "Vermittlung"  von  einem  "vorwärtstreibenden  Standpunkt"
       aus.
       Sie wird  somit in  der Vergangenheit  als dem Bereich der reali-
       sierten Politik, vor allem aber in der Zukunft als dem Raum einer
       möglichen Politik  den Schauplatz  sehen, auf dem der Mensch ver-
       sucht, die  Herrschaft der  "Unwerte" - Unfriede und Ungerechtig-
       keit, Unfreiheit  und Unwahrheit  - und  der diese  verkörpernden
       Kräfte zu reduzieren und die der "Vor- oder Grundwerte" - Friede,
       Gerechtigkeit, Freiheit  und vor  allem Wahrheit - zu maximieren,
       d.h. dem Leben gegenüber dem Tod zu einem, wenn auch noch so pre-
       kären und  ephemeren, Triumph  zu verhelfen.  Die  Verwirklichung
       dieser Urwerte ist stets ein Vorstoß in die Zukunft, Antizipation
       einer besseren  Welt, Sieg  der Utopie  über die  Ideologie - ein
       Sieg, der  aber immer  wieder neu  errungen werden muß. Daher ist
       auch der  Weg ebenso wichtig wie das Ziel, sind die Mittel so be-
       deutsam wie  der Zweck:  Beide sind,  um Ernst Bloch zu zitieren,
       "in einer  so gütigen  wie reinen  Montage von Etappe und Ziel zu
       vereinen: einer  Montage von  Liberalität -  ohne schlechtes 'von
       der Hand  in den  Mund leben'  und 'Invarianz'  der Richtung  und
       ihres allemal kritischen Maßes, also eines utopischen Totums ohne
       alle lebenvernichtende,  gerade auch  Utopie vernichtende Totali-
       tät." Je  radikaler die Politik also auch in der Zielsetzung sein
       kann und  jetzt sein  muß, um  so humaner müssen die Mittel sein:
       Auch aus  dieser Sicht werden heute Terror und Täuschung, Gewalt-
       samkeit und  Krieg immer  "unmöglicher", während gewaltloser Aus-
       gleich und Kooperation nicht als verabsolutierte Ziele, wohl aber
       als Mittel eine wachsende Bedeutung gewinnen.
       Eine futurologisch  orientierte Intelligenz sieht also in der ra-
       dikal-utopischen Haltung ein stets bedrohtes, nur hier und da zum
       Durchbruch kommendes  Kulturprodukt, in dem konservativ-ideologi-
       schen Verhalten  dagegen ein ursprünglich-natürliches Moment, das
       sich stets  von neuem ohne unser Zutun automatisch und instinktiv
       restauriert, so  wie sich  Herrschaft, autoritäre Führung und Ge-
       waltsamkeit immer  wieder  "naturnotwendig"  gegenüber  Genossen-
       schaft, funktionaler Leitung und Gewaltlosigkeit durchgesetzt ha-
       ben und wohl auch noch lange Zeit durchsetzen werden. Um die kon-
       servative Seite  in der  Gleichung brauchen wir uns also nicht zu
       sorgen -  die liefert  uns die  Natur stets gratis. Indem wir von
       dem unterschiedlichen Stellenwert von Ideologie und Utopie ausge-
       hen, wollen  wir die  Utopie "aufheben"  durch ihre rationale und
       kritische Fortbildung zur "konkreten" oder "positiven realen Uto-
       pie", zu  einer "Futorologie".  Diese wird als letzten Grund- und
       Urwert für  den Menschen  und die Menschheit den der Wahrheit po-
       stulieren, einer  Wahrheit, die  sich sowohl  von einer untheore-
       tisch-positivistischen Kapitulation vor dem Gegebenen und Vergan-
       genen, wie  von einer  dogmatisch-spekulativen Unterwerfung unter
       eine zur Disposition der Machthaber stehende Zukunft abhebt.
       
       IV
       
       "Wahrhaftigkeit und  Politik wohnen selten unter einem Dach", hat
       einmal Stefan Zweig erklärt. Diese Behauptung trifft für Deutsch-
       land nicht  erst seit  1945 zu. Schon die deutsche Geschichte hat
       dazu beigetragen, die Spannung zwischen Politik und Wahrheit auf-
       rechtzuerhalten. Gerade  die großen  europäischen Bewegungen, die
       anderswo Geist  und Macht,  Politik und Intelligenz zu einer wenn
       auch noch so widersprüchlichen Partnerschaft gezwungen haben, ha-
       ben Deutschland nur wenig berührt. Zwar können die Deutschen sich
       mit Recht  rühmen, daß  hier vor nun bald 450 Jahren die Reforma-
       tion ihren  Ausgang nehmen  konnte. In  England und  Amerika  war
       diese aber  auch Auftakt zu der großen Bewegung des Nonkonformis-
       mus und  des Dissents,  in deren Verlauf sich immer wieder Männer
       und Frauen  zu ihrem  Gewissen  und  dessen  ewigen  Geboten  der
       Menschlichkeit und  Wahrhaftigkeit bekannt  und gegen alle Obrig-
       keit und  allen Staat gestellt, ja, dieses Bekenntnis oft mit ih-
       rem Leben bezahlt haben. In Deutschland hat sich hingegen die Re-
       formation schon  allzu rasch  zu einer  neuen Staatskirche verfe-
       stigt und  institutionalisiert, einer Landeskirche, die den Thron
       sanktioniert und  den Untertanen  den Gehorsam gepredigt hat. Auf
       den Dissent und Konformismus im 16. und 17. Jahrhundert folgte im
       18. Jahrhundert im Westen die große Aufklärung, die alle Institu-
       tionen und  Traditionen, Mächte  und Gewalten  der unerbittlichen
       Kritik der  Vernunft unterwarf.  Während diese das Gesicht Frank"
       reichs bis auf den heutigen Tag prägt, hat sie in Deutschland nur
       allzu schwache  Spuren hinterlassen.  Schon bald ist sie hier von
       einer Romantik  abgelöst worden, die im Biedermeierstaat ganz an-
       ders als  bei den westlichen Nationen die Traditionen der Konfor-
       mität und  der Ehrfurcht vor der Obrigkeit restaurierte. Schließ-
       lich hat  Deutschland bis auf den heutigen Tag keine erfolgreiche
       große bürgerliche oder proletarische Revolution gekannt. Vom Bau-
       ernkrieg im  16. Jahrhundert  bis zum 17. Juni 1953 sind alle Re-
       volten niedergeschlagen  worden. Der  junge Karl  Marx hatte  gar
       nicht so  unrecht, wenn  er schon 1843 schrieb: "Ja, die deutsche
       Geschichte schmeichelt  sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk
       am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird.
       Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt,
       ohne ihre  Revolutionen zu  teilen. Wir  wurden restauriert,  er-
       stens, weil  andere Völker  eine Revolution wagten, und zweitens,
       weil andere  Völker eine  Konterrevolution litten,  das eine Mal,
       weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere
       Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, be-
       fanden uns  immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am
       Tag ihrer  Beerdigung." Sind  bei den westlichen Nationen Staats-
       macht und  politische Herrschaft  durch individuellen Dissent und
       rationale Aufklärung,  durch Liberalismus  und  Demokratie  immer
       wieder in  Frage gestellt  worden, so  stand die  Entwicklung  in
       Preußen und  Deutschland seit  dem 18. und 19. Jahrhundert beson-
       ders stark  im Zeichen der Maximierung der Macht und der Funktio-
       nalisierung der  Intelligenz. Rudolf  Augstein soll einmal gesagt
       haben, der  Schlüssel zur  deutschen Politik  und Geschichte  der
       letzten Jahrzehnte  sei, daß  sich die Deutschen seit 1914 als im
       Kriegszustand befindlich  betrachteten. In  den "Werkheften"  hat
       jetzt Ernst  Beutler diesen Gedanken aufgegriffen und daran erin-
       nert, daß  im neuen  Deutschland bis auf den heutigen Tag ein la-
       tenter Kriegszustand  herrsche. Das Selbstbewußtsein dieses Staa-
       tes gründe  in seiner Fähigkeit, jederzeit einen Krieg "bestehen"
       zu können. Die nationale Einigung der Deutschen sei unter Prämis-
       sen erfolgt, die es notwendig machten, seine Existenz auf die Ge-
       setze des  Militärs, dem es seine Entstehung maßgeblich verdankt,
       zu gründen.  Hat die  Politik der  Kriegführung (heute  etwa  der
       NATO) zu  dienen, so  ist es  nur konsequent, "wenn von Hassel in
       der 'Starfighter'-Debatte  den Bundestag  und das ganze Volk auf-
       ruft, alles  in ihren  Kräften Stehende  zu tun, um die Luftwaffe
       bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zu unterstützen, womit er das Mi-
       litär, das  in diesem  Augenblick Gegenstand einer kritischen Un-
       tersuchung sein  sollte, wieder  zum Subjekt  machte und  ihm den
       Primat zusprach.  Oder wenn  Lübke die Gewerkschaften auffordert,
       dem Staat dadurch zu dienen, daß sie sich an der Notstandsgesetz-
       gebung beteiligen,  einem Unternehmen  also, das den Staat wieder
       einmal bereitmachen soll, einen Krieg zu bestehen." Kann man sich
       da wundern, wenn sich doch noch irgendwo tief im Unbewußten Reste
       eines Wunderglaubens  verbergen, wonach  der dritte Krieg unseres
       Jahrhunderts, wenn er etwa als Einfrontenkrieg zusammen mit mäch-
       tigen Verbündeten  geführt würde,  so mit  dem Siege Deutschlands
       enden müßte,  wie die drei Schlesischen Kriege im 18. Jahrhundert
       und die  drei Einigungskriege  im 19. Jahrhundert mit dem Triumph
       Preußen-Deutschlands geendet hatten?
       Es ist  hier nicht der Ort, die Antinomie von Gewalt und Wahrheit
       in der  jüngsten deutschen Geschichte weiter zu verfolgen. Es mag
       genügen, an  das Wort  von U Thant zu erinnern, wonach "das erste
       Opfer in  Zeiten von  Krieg und Feindseligkeit die Wahrheit" ist.
       Die Kriegskultur  und -gesellschaft  des Dritten Reiches war eine
       einzige Orgie der Lüge. Da sich aber die große Mehrheit der Deut-
       schen mit  dem Nationalsozialismus  identifiziert hatte  und  man
       auch nach  1945 keinen  totalen Bruch  mit der kompromittierenden
       Vergangenheit wagen  wollte, mußte  man das Braun von gestern mit
       einem schwarzen  Lügenvorhang verdecken. Der Kalte Krieg, für den
       sicherlich die  Bundesrepublik  nicht  allein  die  Verantwortung
       trägt, wurde  zum Nährboden  neuer Täuschung und Selbsttäuschung.
       Dieser zu  widerstehen, kann auch der deutschen Intelligenz nicht
       leichtfallen. Soweit  sich unsere  Intellektuellen wenig kritisch
       mit der  bestehenden "westlichen"  oder "freien" Staats-, Gesell-
       schafts- und  Wirtschaftsordnung identifizieren,  geraten sie nur
       allzuleicht  in   einen  absoluten  oder  totalen  Gegensatz  zum
       "unfreien" und  "totalitären" Osten. In dem Lande, das vorgescho-
       bener Brückenposten im Ost-West-Konflikt ist, drängt sich die un-
       reflektierte Verherrlichung  des eigenen Lagers besonders auf, im
       Streit für  "absolute Werte" und "ewige Ideen" -  d a s  "Recht",
       d i e   "Freiheit" oder   d i e  "Gerechtigkeit" - werden oft die
       handfesten Belange der eigenen Seite (die "vested interests" oder
       das "Establishment")  verschleiert. Der  ideologische Gehalt  der
       gängigsten Begriffe  der bundesrepublikanischen  Politik  ("Frei-
       heit", "freiheitlich-rechtsstaatliche  Demokratie",  "Wohlfahrts-
       staat",  "Pluralismus",  "nivellierte  Mittelstandsgesellschaft",
       "soziale   Marktwirtschaft",   "Arbeitnehmer",   "Sozialpartner",
       "Volkspartei" usw.)  ist sicherlich  nicht geringer  als der  von
       Begriffen wie  "Ausbeutung", "Klassengesellschaft",  "Spätkapita-
       lismus", "Proletarier" usw.
       Allzu rasch  schrumpft die  ganze Vielfalt  der geschichtlich-ge-
       sellschaftlichen Systeme  und Ordnungen  auf den einfachen Gegen-
       satz von pluralistischer "Demokratie" und diktatorischem "Totali-
       tarismus", von  "freiheitlichem Rechtsstaat"  und "autokratischem
       Unrechtsstaat"  zusammen.   Die  verschiedensten  Spielarten  des
       "Kommunismus" wie des "Faschismus" verschwimmen ineinander, wobei
       jener nach  wie vor  mit dem  pathologischen Stalinismus  gleich-
       gesetzt wird,  der sich seinerseits angeblich nicht vom Hitleris-
       mus unterscheidet.  Das Schlagwort  von der "SBZ als KZ" ist wohl
       geeignet, diesen  Sachverhalt zu veranschaulichen, ja, der Streit
       um die Bezeichnung des "zweiten Deutschlands", eines Staates, der
       "nicht sein  darf", enthält  bereits im Kern die Grundproblematik
       westdeutscher Politik.
       Wird nun noch das zum Teil doch nur auf dem Papier stehende  Ver-
       fassungs r e c h t  des "Westens" mit der zeitweise allzu einsei-
       tig  nur   vom  Staatlich-Politischen   her  gesehenen    Verfas-
       sungs w i r k l i c h k e i t    des  "Ostens"  kontrastiert,  so
       kommt es  zur Verabsolutierung  eines der Wirklichkeit wenig ent-
       sprechenden Idealbildes  einer "Demokratie"  schlechthin, die nur
       einen Todfeind,  den "Totalitarismus", kennt. Diese Schwarz-Weiß-
       Malerei dient dann auch - bewußt oder unbewußt - dazu, die heuti-
       gen unvollkommenen  Formen der Demokratie zu verewigen - sie müs-
       sen nur  gegen den "teuflischen" Kommunismus verteidigt werden -,
       ihre Weiterentwicklung  zu einer ausgesprochen dynamisch-sozialen
       oder   gar    sozialistischen   Demokratie   gilt   dagegen   als
       "ideologisch" oder "utopisch", wenn nicht gar als "subversiv" und
       "staatsgefährdend". Immerhin  ist die Entwicklung seit 1945 nicht
       spurlos an  den Intellektuellen vorübergegangen. Ein Teil der In-
       telligenz sucht und findet den Anschluß an das rational-kritische
       Denken anderer  Länder. Während unter den Politikern und Bürokra-
       ten ebenso  wie in  der Wirtschaft und in der Presse restaurative
       und autoritäre Strömungen eher zunehmen dürften, scheinen sich in
       der Literatur  und Wissenschaft, an den Universitäten und vor al-
       lem in der studentischen und gewerkschaftlichen Jugend ebenso wie
       in einigen  publizistischen und  kirchlichen Kreisen  offene, zu-
       kunftsorientierte  Haltungen  in  stärkerem  Maße  durchzusetzen.
       Diese Polarisierung  erinnert manchmal an die Französische Fünfte
       Republik.
       
       V
       
       Angesichts dieses recht düsteren Bildes vom Verhältnis der Intel-
       ligenz zur  Politik in  Westdeutschland wäre  es vermessen,  hier
       eine Fülle  von Detailplänen  zu entwickeln,  die eine Erneuerung
       der Politik im Geiste kritischer Intelligenz garantieren könnten.
       Es ist  wohl schon  gewagt, auch nur anzudeuten, in welcher Rich-
       tung die  Intelligenz in der Politik von heute und morgen zu wir-
       ken vermöchte; immerhin seien hier einige Gedanken angedeutet.
       Zunächst könnte die Intelligenz versuchen, die Diskussion der po-
       litischen Probleme rationaler zu gestalten. Voraussetzung hierfür
       ist die  kritische Durchleuchtung  aller Vorurteile und Ressenti-
       ments, Tabus und Klischees, Stereotypen und Idiosynkrasien. Diese
       Arbeit müßte  sich erstrecken  von der tiefenpsychologischen Ana-
       lyse der  Individuen und  Gruppen bis  zur ideologiekritisch-wis-
       senssoziologischen Aufhellung  der Verhüllungs- und Verblendungs-
       mechanismen, wie  sie in den Ideologien und Institutionen der Ge-
       sellschaft  operieren.  Richard  M.  Müllers  103  Dialoge  "Über
       Deutschland" demonstrieren,  was hier bereits ein unerschrockener
       und tiefblickender  Einzelner an "Aufklärung" im besten Sinne des
       Wortes zu leisten vermag.
       Zweitens sollte die Intelligenz dafür sorgen, daß endlich auch in
       der Bundesrepublik  die sogenannte Friedensforschung ernsthaft in
       Angriff genommen  wird. Die Bundesrepublik verfügt über kein ein-
       ziges Institut  für Fragen  der Rüstungskontrolle,  der Abrüstung
       und Friedenswirtschaft,  das auch  nur mit den Instituten solcher
       kleinen Länder wie Holland oder Norwegen zu vergleichen wäre. Wie
       Arno Klönne  mit Recht  betont, sollte man meinen, "daß gerade in
       der Bundesrepublik,  die für sich selbst und vor der Welt noch an
       der Hinterlassenschaft  des Zweiten Weltkrieges zu tragen hat und
       die durch  einen dritten Weltkrieg alles zu verlieren hätte, Wis-
       senschaft und  Bildung am Entwurf einer friedlichen Welt nachhal-
       tig interessiert wären. Tatsächlich befindet sich aber unser Land
       in dieser Beziehung schon seit Jahren in einem gefährlichen Rück-
       stand. Es  ist kaum  zu verstehen,  daß zwar Hunderte von Wissen-
       schaftlern und  Experten die  Technologie des Krieges erforschen,
       der Friede  als diplomatisches,  strategisches,  wirtschaftliches
       und soziales  Problem aber hierzulande ein leeres Feld im Bereich
       der Wissenschaft  blieb". Die  im Januar  1965 vom  Bundestag be-
       schlossene, von der Kampagne für Abrüstung seit langem geforderte
       Errichtung einer  Abrüstungsstelle im  Auswärtigen Amt kann nicht
       einmal als ein Alibi für den Friedenswillen der Regierung angese-
       hen werden.
       Letztlich müßten  die Intellektuellen  das Augenmerk  der Politik
       und Öffentlichkeit  auf die  Welt von  morgen richten. Wie Robert
       Jungk ausgeführt  hat, steht uns das Jahr 1985 näher als das Jahr
       1945. Auch  in bezug auf Zukunftsforschung ist die Bundesrepublik
       ein unterentwickeltes  Land. Die  systematische Beschäftigung mit
       der Welt  von morgen  ist im Westen wie im Osten erheblich weiter
       gediehen als  bei uns. Die Wochenzeitung "Time" weist darauf hin,
       daß die  Erforschung der  Zukunft heute  in den  USA zu einem be-
       trächtlichen Geschäft  geworden ist. In Santa Barbara steht hier-
       für 200 Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Volkswirten und ande-
       ren Spezialisten  ein Budget von jährlich sieben Millionen Dollar
       zur Verfügung.  In Frankreich  erscheinen mit  Unterstützung  der
       Ford-Stiftung  seit   fünf  Jahren   regelmäßig   Untersuchungen,
       "Futuribles" genannt,  die etwa  "Das Profil  Europas 1971", "Die
       langfristige Planung"  oder "Die  politischen Institutionen  Eng-
       lands" zum  Gegenstand haben. In England unternahm 1964 die ange-
       sehene Zeitschrift "New Scientist" "das kühnste Wagnis seit ihrer
       Gründung vor  sieben Jahren", nämlich hundert Wissenschaftler und
       Techniker aus  fünf Kontinenten  nach der  voraussichtlichen Ent-
       wicklung von Natur und Kultur in den nächsten 20 Jahren zu befra-
       gen. Diese Beiträge liegen jetzt in deutscher Übersetzung als Bd.
       IV der  von Robert  Jungk und  Hans Josef  Mundt  herausgegebenen
       Sammlung "Modelle für eine neue Welt" vor.
       Die Publikation  des Sammelbandes "Deutschland 1985" kann als An-
       zeichen dafür  gewertet werden,  daß auch bei uns einige Forscher
       und Politiker die Bedeutung einer futurologischen Ausrichtung der
       Politik einzusehen  beginnen. In  der Tat ist es an der Zeit, daß
       zumindest ein  Bruchteil der Mittel und Anstrengungen, des Inter-
       esses und  der Hingabe,  die heute in die Rüstung investiert wer-
       den, für  Tiefenpsychologie und  Wissenssoziologie, für Friedens-
       und Zukunftsforschung  ausgegeben werden.  Sich hierfür einzuset-
       zen, wäre  der Anfang  einer von einer kritischen Intelligenz ge-
       tragenen intelligenten Politik.
       

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