Quelle: Blätter 1966 Heft 10 (Oktober)


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       Historische Texte
       
       DIE SOWJETISCHEN PROTOKOLLE DER KONFERENZ VON TEHERAN (V)
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       Protokoll der Unterredung; Stalins mit Churchill
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       30. November 1943, 12.40 Uhr
       
       CHURCHILL sagt,  er wolle  vor allem  darauf hinweisen,  daß er -
       mütterlicherseits - halber Amerikaner sei.
       STALIN bemerkt, daß er davon gehört habe.
       CHURCHILL fährt  fort, daß  er die Amerikaner sehr liebe, deshalb
       bitte er  das, was er jetzt sagen werde, nicht als eine Herabset-
       zung der Amerikaner aufzufassen. Er, Churchill, verhalte sich den
       Amerikanern gegenüber  völlig loyal,  aber es  gebe einige Dinge,
       die man  besser unter  vier Augen  bespricht. Erstens wünsche er,
       Churchill, Marschall  Stalin möge  doch zur  Kenntnis nehmen, daß
       die Zahl  der britischen  Streitkräfte im Mittelmeer die Zahl der
       dort stationierten  amerikanischen Truppen bei weitem übersteigt.
       Er, Churchill,  sei der Meinung, daß die Engländer dreimal soviel
       Truppen im  Mittelmeerraum stationiert  haben wie die Amerikaner.
       Deshalb, so  sagt Churchill,  wolle er Marschall Stalin verständ-
       lich machen,  warum er an der Lage im Mittelmeer so sehr interes-
       siert und  darum bemüht sei, die große britische Armee nicht län-
       ger in  Untätigkeit zu  belassen. Er,  Churchill, wolle, daß sich
       die englischen Truppen während der ganzen Kriegszeit im Kampf be-
       fänden. In  Italien gebe es 13 oder 14 britisch-amerikanische und
       neun oder  zehn deutsche  Divisionen. Zwei Armeen seien hier sta-
       tioniert, von  denen die  eine, die  5. US-Armee,  zur Hälfte aus
       britischen Soldaten  und die andere, die 8. Armee, nur aus briti-
       schen Truppen  bestehe. Churchill  bemerkt, daß  er das alles an-
       führe, um  Marschall Stalin  klarzumachen, weshalb er dem Kriegs-
       schauplatz im Mittelmeer so große Bedeutung beimesse. Gegenwärtig
       sei die  Lage so,  daß man  zwischen  dem  Termin  der  Operation
       "Overlord" 1)  und den  Operationen im  Mittelmeer wählen  müsse.
       Aber das sei nicht alles. Die Amerikaner wünschten, die Engländer
       mögen im März des kommenden Jahres eine Landungsoperation im Ben-
       galischen Meerbusen durchführen. Er, Churchill, stehe dieser Ope-
       ration nicht  besonders aufgeschlossen  gegenüber. Die Sache sähe
       natürlich anders aus, wenn die Engländer sowohl für die Operatio-
       nen im  Bengalischen Meerbusen  als auch  für die  Operationen im
       Mittelmeer genügend  Landungsmittel zur  Verfügung  hätten.  Dann
       könnte er,  Churchill, im  Mittelmeer tun,  was er wolle, und die
       Operation "Overlord"  trotzdem termingemäß durchführen. Es handle
       sich also  nicht nur um die Wahl zwischen den Operationen im Mit-
       telmeer und  der Operation  "Overlord", sondern auch zwischen der
       Operation im  Bengalischen Meerbusen und dem Zeitpunkt der Opera-
       tion "Overlord".  Churchill wolle  das alles zur Sprache bringen,
       weil Marschall  Stalin es  aus den vorangegangenen Unterredungen,
       bei denen  die Amerikaner  anwesend waren,  natürlich nicht  habe
       verstehen können.  Churchill sagt,  daß er  es jedoch für möglich
       halte, dieses  Problem zu lösen und daß nach seiner Meinung genü-
       gend Mittel für alle Operationen zur Verfügung stehen werden. Die
       Amerikaner  bestünden   auf  der   Durchführung   der   Operation
       "Overlord" zum  festgesetzten Termin. Deshalb haben die Operatio-
       nen auf  dem Kriegsschauplatz  im Mittelmeer  in den letzten zwei
       Monaten ziemlich  stark gelitten.  Die englische Armee sei beson-
       ders durch  den Abzug  von sieben  Divisionen aus  dem Mittelmeer
       enttäuscht. Die Engländer hätten bereits drei eigene erprobte Di-
       visionen zur Teilnahme an der Operation "Overlord" abkommandiert.
       In Kürze  würden auch  die Amerikaner vier Divisionen abtranspor-
       tieren. Gerade  das sei die Erklärung dafür, daß die Anglo-Ameri-
       kaner die Niederlage Italiens nicht zur Genüge ausnutzen konnten.
       Churchill bemerkt  weiter, daß  die Engländer gleichzeitig Vorbe-
       reitungen für  die Operation  "Overlord" träfen. Dann geht er zur
       Frage des  Kommandos über. Er sagt, daß er sich voll und ganz der
       Meinung anschließe,  die Ernennung  des Befehlshabers sei lebens-
       wichtig. Bis  August seien die Engländer der Ansicht gewesen, daß
       die Operation  "Overlord" von einem englischen Offizier befehligt
       werden würde.  In Quebec  2) habe  der Präsident  jedoch gebeten,
       einen anderen  Vorschlag zu  prüfen. Dieser  Vorschlag beinhalte,
       die Leitung der Operation "Overlord" einem amerikanischen und die
       Operationen im  Mittelmeer einem  britischen Offizier zu übertra-
       gen. Churchill  sagt weiter,  er habe sich diesem Vorschlag ange-
       schlossen, da die Amerikaner bei der Operation "Overlord" bereits
       von Anfang  an ein  Übergewicht an  Truppen haben  werden, das im
       Laufe der  Zeit noch  zunehmen würde.  Gleichzeitig befänden sich
       auf dem  Kriegsschauplatz im  Mittelmeer mehr  britische Truppen,
       und die  Engländer seien  deshalb auch mehr an den Operationen in
       diesem Raum  interessiert. Aus  diesen Gründen habe Churchill den
       Vorschlag Roosevelts angenommen, und es gelte jetzt nur noch, den
       Oberbefehlshaber zu ernennen.
       STALIN fragt,  ob das so zu verstehen sei, daß an Stelle Eisenho-
       wers ein englischer Oberbefehlshaber ernannt werden würde.
       CHURCHILL bestätigt das und sagt, daß sie den Oberbefehlshaber im
       Mittelmeer ernennen  würden, sobald  die Amerikaner ihren Oberbe-
       fehlshaber ernannt  hätten. Eine  Verzögerung der  Ernennung  des
       amerikanischen Befehlshabers  habe innere  Ursachen und hänge von
       einigen hochgestellten  Persönlichkeiten in den USA ab. Churchill
       hoffe jedoch,  daß der  Oberbefehlshaber der Operation "Overlord"
       ernannt werden  könne, noch bevor die Teilnehmer dieser Konferenz
       abreisen werden.  Er sagt  weiter, daß es offensichtlich gelingen
       werde, vor  der Abreise  auch über  den Termin  dieser  Operation
       Übereinstimmung zu erzielen.
       Churchill sagt,  er wolle  zur Frage der Landungsboote übergehen.
       Sie seien  ein Engpaß.  Die Anglo-Amerikaner hätten im Mittelmeer
       selbst nach  Abzug von  sieben Divisionen noch zahlreiche Truppen
       stationiert. Im  Mai werde  sich im  Vereinigten Königreich  eine
       große britisch-amerikanische  Armee befinden. Die ganze Auseinan-
       dersetzung zwischen den Engländern und Amerikanern bestehe in der
       Frage der Landungsmittel.
       Churchill erklärt,  daß er Marschall Stalin die zwischen den Eng-
       ländern und  Amerikanern zur  Debatte stehenden  Fragen erläutern
       wollte, da  Marschall Stalin  sonst denken könnte, er, Churchill,
       bringe der  Operation "Overlord"  nicht genügend Interesse entge-
       gen. Das sei nicht der Fall. Ihm, Churchill, sei klar, daß er die
       für das  Mittelmeer notwendigen  Landungsmittel werde  beschaffen
       und  gleichzeitig   den  Termin  für  den  Beginn  der  Operation
       "Overlord" werde  einhalten können.  Das habe  er, Churchill, bei
       den Amerikanern in Kairo 3) zu erreichen gehofft. Aber leider sei
       Generalissimus Tschiang  Kai-schek dort gewesen, und die chinesi-
       schen Angelegenheiten  hätten fast die ganze Zeit in Anspruch ge-
       nommen. Churchill  sei aber trotzdem davon überzeugt, daß man ge-
       nügend Landungsmittel  für alle Operationen werde beschaffen kön-
       nen.
       Weiter bemerkt  Churchill, daß  er  einige  Worte  zur  Operation
       "Overlord" sagen  möchte. Die Engländer würden zu dem Termin, der
       festgelegt werden  würde, bereit sein. Sie würden zu diesem Zeit-
       punkt 16  Divisionen aufgestellt  haben, die zusammen mit den Ar-
       meekorps, den  Verbindungseinheiten, den Einheiten der Luftabwehr
       usw. etwa  500 000 Mann  ausmachen dürften.  Es seien  die besten
       britischen Truppen, unter denen sich erprobte, aus dem Mittelmeer
       abgezogene Divisionen  befänden. Außerdem  sei die  erforderliche
       Unterstützung von  seiten der  britischen  Flotte  gewährleistet.
       Schließlich würden britische Luftstreitkräfte in einer Stärke von
       4000 Flugzeugen der ersten Linie einsatzbereit sein. In Ergänzung
       dazu werde bereits jetzt mit dem Transport amerikanischer Truppen
       begonnen. Bisher  hätten die  Amerikaner hauptsächlich  Flugzeuge
       und Versorgungsgüter  herübergeschafft, in  den nächsten vier bis
       fünf Monaten  würden jedoch  monatlich bis  zu 150 000 Mann übers
       Meer gebracht werden, so daß sich die Gesamtzahl im Monat Mai auf
       insgesamt 600 000  bis 800 000  belaufen würde. Die Verluste, die
       den deutschen U-Booten beizubringen sind, würden die Durchführung
       dieser Truppentransporte erlauben.
       Churchill fährt  fort, daß er die Landung in Südfrankreich zu Be-
       ginn der  Operation "Overlord" oder auch etwas früher oder später
       sehr bejahe.  Er werde  eine ausreichende  Anzahl von  Truppen in
       Italien zur  Verfügung haben,  um diese Operation durchführen und
       gleichzeitig die  Deutschen binden  zu können. Von den im Mittel-
       meerraum stationierten  22 bis  23 Divisionen würden genügend für
       Frankreich eingesetzt  werden, während die übrigen Divisionen die
       Front in Italien halten müßten.
       Churchill führt weiter aus, daß er noch etwas zu den bevorstehen-
       den Kämpfen in Italien sagen möchte. Im östlichen Teil der Front-
       linie, die  südlich von  Rom verläuft,  stehe die 15. Armeegruppe
       unter dem Kommando General Alexanders. Sie besteht aus der 5. und
       8. Armee. Zur Zeit gebe es in Italien 13 bis 14 britisch-amerika-
       nische und  neun bis  zehn deutsche  Divisionen,  also  insgesamt
       500 000 Mann.  Aber gegenwärtig  regne es dort, die Flüsse treten
       über die Ufer, und viele Brücken seien fortgetragen worden. Unge-
       achtet dessen hätten die Engländer für Dezember einen Angriff ge-
       gen die  Deutschen geplant.  Die Armee  Montgomerys werde  an der
       Westküste Italiens,  nördlich von der jetzigen Frontlinie, landen
       und eine Umfassungsbewegung unternehmen.
       STALIN fragt,  ob diese  Bewegung für  die Umgehung  Roms gedacht
       sei.
       CHURCHILL bejaht es.
       Er sagt weiter, daß im südwestlichen Teil des Frontabschnittes in
       der gleichen  Zeit ein  Druck auf die deutschen Stellungen vorge-
       nommen werden würde und am Westufer Italiens, nördlich der jetzi-
       gen Frontlinie,  ungefähr im Raum der Tibermündung, eine Großlan-
       dung zu  erwarten sei. Alle diese Operationen müßten mit der Ein-
       kreisung sämtlicher in diesem Raum operierender deutschen Truppen
       abgeschlossen werden.  Es werde  ein  Stalingrad  in  Kleinformat
       sein. Sollte  diese Operation  gelingen, wäre  es nicht  nur eine
       Niederlage, sondern  eine Vernichtung  der deutschen Truppen. Die
       Deutschen befänden  sich schon  jetzt in  einer schwierigen Lage,
       weil die  Amerikaner die  Verbindungslinien vernichteten  und sie
       deshalb ihre  Armee nicht  ausreichend versorgen  könnten. Darin,
       und nicht  in der  Eroberung Roms, liege die Bedeutung der Opera-
       tion. Ein  erfolgreicher Abschluß  dieser Operation würde den An-
       glo-Amerikanern gestatten,  weiter nach Norden bis an die Apenni-
       nen vorzustoßen.
       Churchill erklärt,  daß er  dagegen sei, weit nach Italien hinein
       vorzustoßen. Er  wolle eine Front in einem begrenzten Teil schaf-
       fen. Dort  könne man  die Deutschen binden und die frei werdenden
       Kräfte für die Landung in Südfrankreich einsetzen.
       Churchill fragt,  ob Marschall Stalin noch irgendwelche Fragen zu
       seinen Ausführungen  stellen möchte  oder ob  er vielleicht etwas
       anderes fragen wolle.
       STALIN antwortet,  daß er  Churchill sagen  müsse, die Rote Armee
       rechne auf die Landung in Nordfrankreich. Er fürchte, daß aus der
       Operation, falls  sie nicht  im Mai  stattfinde, überhaupt nichts
       werden würde,  da einige  Monate später mit schlechtem Wetter ge-
       rechnet werden müsse und die gelandeten Truppen nicht ausreichend
       versorgt werden könnten. Falls diese Operation nicht durchgeführt
       werden sollte,  würde das, darauf müsse er schon jetzt aufmerksam
       machen, eine  große Enttäuschung zur Folge haben und die Stimmung
       verschlechtern.  Er   fürchte,  daß  in  diesem  Falle  ein  sehr
       schlechtes Gefühl  des Alleinseins aufkommen würde. Deshalb wolle
       er erfahren,  ob die  Operation  "Overlord"  durchgeführt  werden
       würde oder  nicht. Finde  sie statt,  wäre es gut, finde sie aber
       nicht statt,  wolle er  es vorher  wissen, um  die Stimmung,  die
       durch das  Ausbleiben der  Operation ausgelöst  werden würde,  zu
       verhindern. Das sei die wichtigste Frage.
       CHURCHILL  antwortet,   daß  diese  Operation  selbstverständlich
       durchgeführt werden  würde, allerdings  unter der  Voraussetzung,
       daß der  Feind zu der Zeit nicht mehr Truppen einsetzen könne als
       die Anglo-Amerikaner.  Wenn die  Deutschen beispielsweise  in der
       Lage sein  würden, 30  oder 40 Divisionen nach Frankreich zu wer-
       fen, könne  die Landung  seines Erachtens nicht erfolgreich sein.
       Ihm, Churchill,  sei um  die Landung  selbst nicht bange, aber er
       fürchte, daß sie sich über 30 bis 40 Tage erstrecken werde.
       STALIN sagt,  daß die  Rote Armee  nach erfolgter Landung in Süd-
       frankreich ebenfalls  sofort zur  Offensive übergehen werde. Wenn
       bekannt wäre,  ob die  Operation im  Mai oder  Juni  stattfindet,
       könnten die Russen nicht nur einen Schlag, sondern einige Schläge
       gegen den  Feind vorbereiten.  Stalin sagt,  daß das Frühjahr der
       geeignetste Zeitpunkt  wäre. Im  März und  April herrsche  an der
       Front gewöhnlich eine Atempause, und die Truppen könnten sich er-
       holen. Man könnte Munition heranschaffen und den Deutschen gleich
       bei Beginn  der Landung in Nordfrankreich solche Schläge zufügen,
       die es  ihnen nicht  gestatten würden, Truppen nach Frankreich zu
       werfen. Gegenwärtig  brächten die  Deutschen ihre  Truppen an die
       Ostfront, und  das werde  auch weiterhin der Fall sein. Die Deut-
       schen befürchten  sehr, daß  wir an die Grenzen Deutschlands vor-
       dringen könnten.  Sie wissen,  daß uns  weder ein  Kanal noch das
       Meer von  ihnen trennt. Vom Osten könnte man bis nach Deutschland
       vorrücken. Andererseits  ist ihnen  bekannt, daß  sie  im  Westen
       durch den  Kanal geschützt  sind und daß dann auch noch französi-
       sches Gebiet  durchquert werden  muß, bevor  Deutschland erreicht
       wird. Die  Deutschen würden sich nicht entschließen, ihre Truppen
       nach Westen  zu werfen, besonders dann nicht, wenn die Rote Armee
       angreifen würde. Und sie würde angreifen, wenn sie auf die Unter-
       stützung der  Alliierten durch  die Operation  "Overlord" rechnen
       könnte.
       Stalin erklärt,  daß er  trotzdem den  Termin für  den Beginn der
       Operation "Overlord" von Churchill erfahren möchte.
       CHURCHILL entgegnet,  daß er gegenwärtig keine Antwort darauf ge-
       ben könne,  da gerade  darüber, so  vermute er, während des Früh-
       stücks ein  Gespräch mit dem Präsidenten stattfinden werde. Chur-
       chill sagt  ferner, daß  er Marschall Stalin eine Karte übergeben
       möchte, die  die Lage  in Jugoslawien veranschauliche. Möglicher-
       weise würde  Marschall Stalin diese Karte mit seinen Angaben ver-
       gleichen wollen.
       Churchill überreicht Stalin eine Karte von Jugoslawien.
       
       Die Unterredung dauerte eine Stunde.
       
       _____
       1) Operation "Overlord",  Bezeichnung für den Plan einer alliier-
       ten Landung in Frankreich.
       2) In Quebec  (Kanada) berieten  Roosevelt und  Churchill vom 14.
       bis 24. August 1943 die militärische Lage.
       3) Präsident Roosevelt  und Ministerpräsident Churchill waren vor
       Beginn der  Teheren-Konferenz vom  22. bis  26. November 1943 mit
       Tschiang Kai-schek in Kairo zusammengetroffen.
       

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