Quelle: Blätter 1966 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF VON PROF. DR. HOFMANN AN WILLY BRANDT
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       Prof. Dr. W. Hofmann      3551 Wehrda bei Marburg, den 14.11.1966
       Direktor des Soziologischen Institutes             Am Hang 2
       der Philipps-Universität Marburg
       
       An den Regierenden Bürgermeister
       von Berlin-West,
       Herrn Willy Brandt
       1 Berlin-West
       Schöneberger Rathaus
       
       Sehr geehrter Herr Brandt!
       
       Als ein  Mann, der weder Ihrer noch einer anderen Partei zugehört
       und der  daher allein  im eigenen  Namen spricht,  möchte ich der
       Hoffnung Ausdruck geben, daß Ihre Partei bei der anstehenden Ent-
       scheidung über  die künftige  Bundesregierung  die  Möglichkeiten
       wahrnehmen wird, die ihr die Gunst der Stunde in den Schoß wirft.
       Es kann,  es darf  nicht Sache  Ihrer Partei sein, der bisherigen
       Regierungspartei über  die selbsterrichteten  Hürden  zu  helfen.
       Eine Partei,  in der es noch Politiker gibt, wird die Gelegenheit
       ergreifen, um zusammen mit den Freien Demokraten die siebzehnjäh-
       rige Herrschaft  einer Partei zu brechen, deren Ablösung überfäl-
       lig geworden  ist. Die von der bisherigen Regierung verfolgte Po-
       litik hat uns die Wiederkehr jener Kräfte beschert, die den demo-
       kratischen Ansätzen  in Deutschland immer feindlich gewesen sind;
       sie hat den Staat den Händen der Wirtschaftsgewaltigen, der Mili-
       tärs, der  Geheimdienste überantwortet; sie hat den parlamentari-
       schen Gedanken  ausgehöhlt und unser Volk in jene stumpfe Apathie
       versetzt, die  der günstigste  Nährboden  unkontrollierter  Herr-
       schaft ist.  Die außenpolitische Unbeweglichkeit jener herrschen-
       den Partei,  das Pochen  auf Revision  der Ostgrenzen und der An-
       spruch auf  Atomwaffen haben  die Bundesrepublik in der Welt iso-
       liert und ihren nächsten Verbündeten entfremdet.
       Daß diese  Partei, die  heute vor  einem Scherbenhaufen steht und
       die nichts  mehr anzubieten  hat als  eine vervollständigte  Not-
       standsdiktatur, dennoch den Mut besitzt, uns sogar einen Mann für
       ein wichtiges Ministeramt anzukündigen, der erst vor wenigen Jah-
       ren, anläßlich  der Spiegel-Affäre,  sein persönliches Verhältnis
       zur Rechtsstaatlichkeit  bekundet hat, muß als ein Affront gegen-
       über der Öffentlichkeit gewertet werden. Eine Partei, die uns und
       der Welt solches in einem solchen Augenblick bieten darf, bezieht
       ihre Stärke nur noch aus der Schwäche ihrer Kontrahenten.
       Nicht eine Person - eine Politik gilt es zu wechseln. Es ist des-
       halb die  lebhafte Hoffnung des Unterzeichneten, daß Ihre Partei,
       hochgeehrter  Herr  Brandt,  ihren  eigenen  langgehegten  Macht-
       anspruch nicht  etwa mit  solchen Kräften verbinden wird, die ihr
       alle politische  Eigenständigkeit nehmen und sie in den Augen der
       Wähler hoffnungslos  kompromittieren würde,  sondern vielmehr mit
       einer Partei,  mit der  sie objektive Interessen verbinden und an
       deren parlamentarischer  Fortexistenz Ihrer Partei selbst gelegen
       sein muß.  Unser öffentliches  Leben bedarf  einer Erneuerung  an
       Haupt und  Gliedern. Die  Stellung unseres Staates in einer Welt,
       die nach Frieden und Demokratie in Mitteleuropa verlangt, ist zu-
       tiefst erschüttert. Schon stehen die Kohorten einer äußersten Re-
       aktion aufs  neue bereit.  Ergreifen Sie mit Ihrer Partei die ge-
       schichtliche Gelegenheit,  bevor sich  die Verfinsterung vollends
       auf unser Land senkt!
       Dieses Schreiben geht als offener Brief auch an die Presse und an
       weitere Einzelpersönlichkeiten des öffentlichen Lebens.
       
       Mit dem Ausdruck besonderer Hochachtung,
       
       Ihr ganz ergebener
       gez. Werner Hofmann
       

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