Quelle: Blätter 1966 Heft 12 (Dezember)


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       Historische Texte
       
       DIE SOWJETISCHEN PROTOKOLLE DER KONFERENZ VON TEHERAN (VII)
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       Vierte Sitzung der Konferenz der Oberhäupter der Regierungen
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       der UdSSR, der USA und Großbritanniens
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       Teheran, 1. Dezember 1943
       1. Sitzung während des Frühstücks
       Beginn der Sitzung: 13.00 Uhr
       Ende der Sitzung: 15.00 Uhr
       
       HOPKINS: Die Aufforderung der Türkei zum Kriegseintritt hängt mit
       der Frage  zusammen, welche  Unterstützung Großbritannien und die
       USA der Türkei geben könnten. Außerdem muß der Kriegseintritt der
       Türkei mit der allgemeinen Strategie koordiniert werden.
       ROOSEVELT: Mit  anderen Worten,  Inönü 1) wird uns fragen, ob wir
       die Türkei unterstützen werden. Ich meine, diese Frage müßte ein-
       mal untersucht werden.
       STALIN: Churchill  hat erklärt,  daß die  britische Regierung die
       Türkei mit  20 bis 30 Flugzeugstaffeln und zwei bis drei Divisio-
       nen unterstützen wolle.
       CHURCHILL: Die  zwei bis  drei Divisionen haben wir nicht zugesi-
       chert. Unsere in Ägypten stationierten 17 Flugzeugstaffeln werden
       vom britisch-amerikanischen  Kommando  gegenwärtig  nicht  einge-
       setzt. Sie könnten bei Kriegseintritt der Türkei zu deren Vertei-
       digung eingesetzt werden. Außerdem hat sich England einverstanden
       erklärt, der  Türkei drei Regimenter der Luftabwehr zur Verfügung
       zu stellen.  Das ist alles, was die Engländer der Türkei verspro-
       chen haben.  Von Truppen  war nicht  die Rede. Die Türkei verfügt
       allein über 50 Divisionen. Die Türken sind gute Kämpfer. Es fehlt
       ihnen jedoch an modernen Ausrüstungen. Die zwei bis drei Divisio-
       nen, von  denen Marschall Stalin sprach, hat die britische Regie-
       rung zur  Besetzung der  Ägäischen Inseln  bei Kriegseintritt der
       Türkei, nicht aber für die Unterstützung der Türkei vorgesehen.
       ROOSEVELT (an  Churchill gewandt):  Stimmt es,  daß die Operation
       gegen Rhodos  eine große  Anzahl  von  Landungsmitteln  erfordern
       würde?
       CHURCHILL: Die  im Mittelmeer  befindlichen Landungsmittel würden
       für diese Operation ausreichen.
       ROOSEVELT: Da der amerikanische Stab noch nicht geprüft hat, wie-
       viel Landungsmittel  für die Vorbereitung der Operation "Overlord
       in England  und für den Indischen Ozean erforderlich sein werden,
       befinde ich  mich in  einer schwierigen Lage. Ich muß deshalb mit
       Versprechungen für die Türkei zurückhaltend sein. Solche Verspre-
       chungen, fürchte  ich, könnten die Realisierung unserer gestrigen
       Übereinkunft beeinträchtigen.
       STALIN: Außer  dem Kriegseintritt  wird die  Türkei auch  ihr ge-
       samtes Territorium  den Flugzeugen  der Alliierten  zur Verfügung
       stellen.
       CHURCHILL: Natürlich.
       STALIN: Ich denke, damit ist die Frage abgeschlossen.
       CHURCHILL: Wir haben nur das vorgeschlagen, was wir geben können.
       Wir boten den Türken drei neue Jagdstaffeln an, um die Gesamtzahl
       der Staffeln  einschließlich der  in Ägypten stationierten auf 20
       zu erhöhen. Vielleicht werden auch die Amerikaner etwas dazu bei-
       tragen? Wir  haben den  Türken Luftabwehr-Einheiten,  aber  keine
       Truppen versprochen, weil wir keine haben. Was die Landungsmittel
       betrifft, so  werden wir sie im März benötigen. Ich nehme an, daß
       wir sie in der Zeit nach der Einnahme Roms und vor dem Beginn der
       Operation "Overlord" werden beschaffen können.
       ROOSEVELT: Ich  möchte mich  mit den Militärexperten beraten. Ich
       hoffe, daß Churchill recht hat, aber meine Berater sagen mir, daß
       beim Einsatz  von Landungsmitteln  nach der Einnahme Roms bis zum
       Beginn der  Operation "Overlord"  Schwierigkeiten auftreten könn-
       ten. Nach ihrer Meinung müßten wir die Landungsboote für die Ope-
       ration "Overlord" unbedingt bis zum 1. April beschafft haben.
       CHURCHILL: Ich  sehe keine  Schwierigkeiten. Wir haben der Türkei
       keinerlei Vorschläge  unterbreitet, und  ich weiß nicht, ob Inönü
       sie überhaupt  annehmen würde.  In Kairo 2) wird er sich über die
       Lage informieren.  Ich kann  den Türken  20 Flugzeugstaffeln  zur
       Verfügung stellen.  Truppen werde  ich  ihnen  nicht  geben.  Ich
       glaube auch  nicht, daß  Sie welche  benötigen werden. Allerdings
       kann ich nicht einmal sagen, ob Inönü nach Kairo kommen wird oder
       nicht.
       STALIN: Ist Inönü etwa erkrankt!
       CHURCHILL: Er  könnte leicht erkranken. Sollte Inönü nicht bereit
       sein, sich  mit mir und dem Präsidenten in Kairo zu treffen, dann
       werde ich  eben mit  einem Kreuzer zu ihm nach Adana fahren. Aber
       Inönü wird  kommen, und  ich werde  ihm das Unangenehme ausmalen,
       das sich  bei einer  eventuellen Weigerung  der Türkei,  am Krieg
       teilzunehmen, ergeben  würde. Im entgegengesetzten Fall werde ich
       ihm natürlich  alles Angenehme schildern. Über die Ereignisse der
       Unterredung mit Inönü werde ich Sie hinterher informieren.
       HOPKINS: Die  Unterstützung der Türkei im Kriege ist von den ame-
       rikanischen Militärfachleuten  nicht  erörtert  worden.  Ich  be-
       zweifle deshalb  die Zweckmäßigkeit, Inönü nach Kairo einzuladen,
       solange die Militärexperten diese Frage nicht geprüft haben.
       STALIN: Demnach schlägt Hopkins vor, Inönü nicht einzuladen.
       HOPKINS: Ich sage nicht, daß man von einer Einladung Inönüs abse-
       hen sollte.  Aber meiner Meinung nach wäre es nützlich, vorher zu
       wissen, welche Unterstützung wir den Türken geben könnten.
       CHURCHILL: Ich  stimme Hopkins zu. Wir müssen uns über die mögli-
       che Hilfe für die Türken einigen.
       STALIN: Kann man das nicht ohne Militärfachleute?
       CHURCHILL: Wir  müssen die Frage der Landungsmittel gemeinsam mit
       den Militärexperten untersuchen. Möglicherweise wird es ihnen ge-
       lingen, mehr  zu beschaffen,  als wir annehmen, indem sie sie aus
       dem Stillen  Ozean oder  dem Indischen  Ozean abziehen  oder neue
       produzieren. Sollte das nicht möglich sein, so müssen wir auf ei-
       niges verzichten.  Auf jeden Fall ist beschlossen worden, daß die
       Operation "Overlord" nicht darunter leiden darf.
       ROOSEVELT: Meines Erachtens wäre es zweckmäßig, wenn ich kurz die
       Lage im Stillen Ozean im Zusammenhang mit der Frage des eventuel-
       len Abzugs von Landungsmitteln aus diesem Gebiet, wie das Church-
       ill vorschlägt,  darlegen würde. Ich muß betonen, daß erstens die
       Entfernung vom  Stillen Ozean  bis zum  Mittelmeer sehr groß ist.
       Zweitens stoßen  wir im Stillen Ozean nach Norden vor, um den Ja-
       panern die Verbindungswege abzuschneiden. Und hierzu brauchen wir
       in diesem Raum Landungsmittel.
       HOPKINS: Entspricht  es den Tatsachen, daß Churchill und Eden mit
       der Türkei  nicht über die Besetzung der Agäischen Inseln gespro-
       chen haben?
       EDEN: Nein,  ich habe nicht darüber gesprochen. Ich habe die Tür-
       kei lediglich  gebeten, uns  die Luftstützpunkte zur Verfügung zu
       stellen, ohne mit ihnen die Frage der Landungsmittel zu berühren.
       ROOSEVELT: Bei  meiner Begegnung  mit dem  türkischen Präsidenten
       werde ich  ihm den  Vorschlag unterbreiten, daß wir Kreta und die
       Dodekanesinseln besetzen  werden, weil  sie unmittelbar  vor  der
       türkischen Küste liegen.
       CHURCHILL: Ich werde von den Türken die Luftstützpunkte im Gebiet
       von Smyrna  erbitten, bei deren Anlage die Engländer geholfen ha-
       ben. Sobald  die Türken uns diese Luftstützpunkte zusichern, wer-
       den wir  die deutschen  Luftstreitkräfte von den Inseln verjagen.
       Dabei sind  wir bereit,  für jedes zu vernichtende deutsche Flug-
       zeug, wenn  es sein muß, ein eigenes Flugzeug zu opfern. Wir wer-
       den die  deutschen Garnisonen  von den  Inseln vertreiben können,
       sobald wir in diesem Raum die Übermacht in der Luft haben werden.
       Wir brauchen  die Insel  Rhodos nicht im Sturm zu nehmen, sondern
       können die  dort befindlichen  8000 Italiener  und die 5000 Deut-
       schen aushungern.  Sollten wir  die Stützpunkte in der Türkei be-
       kommen, können  unsere von  Flugzeugen unterstützten  Schiffe die
       Verbindungswege der  Deutschen abschneiden.  Somit wäre  das Ziel
       erreicht.
       STALIN: Das  ist richtig.  Soviel ich weiß, sind die 20 Flugzeug-
       staffeln in  Kairo zur  Zeit untätig.  Wenn sie  aber zum Einsatz
       kommen, wird  von den  deutschen Luftstreitkräften  nichts  übrig
       bleiben. Die  Jagdstaffeln müßten jedoch durch einige Bombenflug-
       zeuge verstärkt werden.
       ROOSEVELT: Ich  stimme dem Vorschlag Churchills zu, zur Verteidi-
       gung der  Türkei 20  Flugzeugstaffeln und eine Anzahl Bombenflug-
       zeuge bereitzustellen.
       CHURCHILL: Wir  bieten der  Türkei eine begrenzte Luftdeckung und
       Luftabwehr an.  Ein Einfall  in die Türkei ist jetzt, während des
       Winters, unwahrscheinlich.  Wir beabsichtigen,  die Türkei weiter
       mit Waffen  und Ausrüstungen  zu versorgen. Die Türkei erhält zum
       größten Teil  amerikanische Ausrüstungen.  Wir bieten  jetzt  der
       Türkei die  unschätzbare Möglichkeit, der Einladung der Sowjetre-
       gierung zur Teilnahme an der Friedenskonferenz nachzukommen.
       STALIN: An welchen Ausrüstungen mangelt es der Türkei?
       CHURCHILL: Die  Türken haben Gewehre und keine schlechte Artille-
       rie, ihnen fehlen aber Panzerabwehrartillerie, Flugzeuge und Pan-
       zer. Wir  haben in der Türkei Militärschulen eingeführt, aber die
       Türken nutzen  sie wenig.  Sie können nicht mit Funkgeräten umge-
       hen, da ihnen die Erfahrungen fehlen, doch sie sind gute Kämpfer.
       STALIN: Wenn  die Türkei den Alliierten ihre Flugplätze überläßt,
       ist es  durchaus möglich,  daß Bulgarien  die Türkei  nicht über-
       fällt, die  Deutschen aber einen Angriff der Türkei fürchten. Die
       Türkei wird  die Deutschen nicht angreifen, sondern wird sich mit
       ihnen einfach  nur im  Kriegszustand befinden. Dafür erhalten die
       Alliierten aber  die Flugplätze  und die  Häfen der  Türkei. Eine
       solche Wendung der Ereignisse wäre auch nicht schlecht.
       EDEN: Ich  habe den  Türken gesagt,  daß sie  den Alliierten ihre
       Luftstützpunkte zur  Verfügung stellen könnten, ohne in den Kampf
       selbst eingreifen  zu müssen,  denn Deutschland  würde die Türkei
       nicht angreifen.
       ROOSEVELT: In dieser Beziehung könnte die Türkei als Beispiel für
       Portugal dienen.
       EDEN: Numan  3) wollte  meinem  Standpunkt  nicht  zustimmen.  Er
       sagte, daß  Deutschland darauf  reagieren würde und die Türkei es
       vorzöge, aus freiem Willen dem Krieg beizutreten, anstatt hinein-
       gezogen zu werden.
       CHURCHILL: Das ist richtig. Aber ich möchte folgendes sagen. Bit-
       ten Sie  die Türkei,  uns ihre  Flugstützpunkte zu überlassen, um
       dadurch ihre Neutralität zu wahren, dann antworten Ihnen die Tür-
       ken, daß  sie einen wirklichen Krieg verzögern; sprechen Sie aber
       vom tatsächlichen  Eintritt der  Türken in  den Krieg,  entgegnen
       sie, daß  sie keine  Ausrüstungen hätten. Wenn die Türken unseren
       Vorschlag negativ  beantworten sollten, müssen wir eben mit ande-
       ren Geschützen  auffahren. Wir müssen ihnen sagen, daß sie in dem
       Fall nicht  an der Friedenskonferenz teilnehmen könnten. Was Eng-
       land anbetrifft,  so werden  wir unsererseits  wissen lassen, daß
       uns die  türkischen Angelegenheiten nicht interessieren. Außerdem
       werden wir der Türkei keine Ausrüstungen mehr liefern.
       EDEN: Ich möchte ganz genau festlegen, welche Forderungen wir der
       Türkei in  Kairo stellen  müssen. Mir  ist klar,  daß wir von den
       Türken verlangen müssen, am Krieg gegen Deutschland teilzunehmen.
       STALIN: Besonders gegen Deutschland...
       
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       1) Ismet Inönü, Präsident der Türkei
       2) Unmittelbar nach  Beendigung der Teheran-Konferenz trafen sich
       Roosevelt und  Churchill vom 2. bis 7. Dezember 1943 mit dem tür-
       kischen Präsidenten in Kairo
       3) Numan Menemencioglu, Außenminister der Türkei
       

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