Quelle: Blätter 1967 Heft 03 (März)


       zurück

       
       Dr. Eckart Heimendahl
       
       ZUM ATOMWAFFEN-SPERRVERTRAG
       ===========================
       
       Im Februarheft  der "Blätter"  veröffentlichten wir  die von  110
       Mitgliedsstaaten der  UNO am 17. November 1966 gebilligte Resolu-
       tion über  die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen (vgl. S. 202
       ff.). Diese UNO-Resolution enthält eine Reihe von Arbeitsrichtli-
       nien für  die am  21. Februar  1967 in Genf zusammengetretene 18-
       Staaten-Abrüstungskonferenz und  fordert darüber hinaus die Staa-
       ten der  Welt auf, "alle notwendigen Schritte zu unternehmen, die
       zum frühestmöglichen  Abschluß eines Vertrages über die Nichtwei-
       terverbreitung von Kernwaffen führen könnten". Im Mittelpunkt der
       neuen Verhandlungsrunde  in Genf  steht der zwischen sowjetischen
       und amerikanischen  Experten diskutierte  Entwurf eines Nichtwei-
       tergabevertrages für  Atomwaffen, dessen  vorläufiger Text  (vgl.
       "Dokumente zum  Zeitgeschehen") von maßgebenden Ministern des Ka-
       binetts Kiesinger und von der Bundesregierung nahestehenden Krei-
       sen aufs heftigste attackiert wird.
       Die teils  unqualifizierten Einwände  haben die Diskussion um die
       politischen, wirtschaftlichen  und wissenschaftlichen  Sachfragen
       eher kompliziert  als geklärt.  Der Bedeutung  des Vertragswerkes
       entsprechend drucken  wir nachfolgend  zwei  Beiträge  zu  diesem
       Thema ab.  Dr. Eckart Heimendahl setzt sich in seiner Arbeit vor-
       nehmlich mit den von der Bundesregierung ins Feld geführten wirt-
       schaftlichen und  technisch-wissenschaftlichen Argumenten ausein-
       ander, während Horst Heiden vor allem die politischen Aspekte nä-
       her untersucht. D. Red.
       
       I
       
       Wann und  unter welchen zusätzlichen Bedingungen die Bundesregie-
       rung auch  immer den  Atomwaffen-Sperrvertrag unterzeichnen wird,
       falls er  überhaupt in absehbarer Zeit zustande kommt: in der öf-
       fentlichen Diskussion der vergangenen Wochen ist alles nur Mögli-
       che getan  worden, um den Verdacht zu bestätigen, daß dieser, mit
       internationaler Kontrolle  verbundene Vertrag  für die  hochgerü-
       stete Bundesrepublik notwendig ist. Die Diskrepanz zwischen welt-
       politischer Vernunft und deutsch-nationaler Unvernunft konnte gar
       nicht greller  hervortreten als  in der Protestkampagne gegen den
       von der  UNO mit großer Mehrheit gebilligten und von den USA seit
       Jahren angestrengten  Versuch, die  weitere Ausbreitung von Atom-
       waffen zu  verhindern, um  die Atomkriegsgefahr zu bannen. Da ist
       es endlich  gelungen, nicht zuletzt durch die provozierende Hilfe
       Chinas, daß Amerika und die Sowjetunion eine gemeinsame Basis ih-
       rer Interessen  finden, um  seit dem Atomwaffen-Versuchsstoppver-
       trag, so unzulänglich er auch sein mag, einen nächsten Schritt zu
       tun, um  die Voraussetzungen  für eine weltweite Abrüstung zu ge-
       winnen, um  zumindest sich  näher zu  kommen und dadurch das Nie-
       mandsland des  Mißtrauens abzubauen, das der Vietnamkrieg ständig
       wieder verstärkt,  - da  wollen die  Weltmächte endlich,  solange
       noch Zeit  dazu bleibt,  ein Modell  entwickeln, das  schließlich
       einmal für  alle Staaten  der Welt  verbindliche Maßstäbe für die
       Friedenssicherung stiften soll: und gleich - wie leider zu erwar-
       ten -  opponiert, angeführt und aufgehetzt von der alten atomwaf-
       fenhungrigen Nationalgarde,  die bundesdeutsche  Politik mit rein
       selbstsüchtigen Argumenten dagegen, zieht alle Register eines un-
       versöhnlichen Mißtrauens,  um den  Abschluß dieses Sicherungsver-
       trages so  zu diskreditieren, daß er möglichst gar nicht zustande
       kommt. Die unaufhörlichen, vor allem durch die Springer-Zeitungen
       geführten Diffamierungsgefechte  haben jedenfalls  erreicht,  daß
       die große  Mehrheit in  unserem Volk glauben muß, der Vertrag sei
       in erster Linie ein Machtinstrument der beiden Weltmächte, um mo-
       nopolistisch herrschen  und die atomwaffenfreien "nuklearen Habe-
       nichtse", wie  Herr Strauß - der bei Unterzeichnung mit dem Rück-
       tritt drohte - so lautstark formulierte, erpressen und versklaven
       zu können. Sieht man einmal von Adenauers mythologischem Lärm ab,
       mit dem  er den  Morgenthauplan (gleich zum Quadrat) beschwor und
       zu sagen  wagte: "Ich hoffe, daß die Bundesrepublik nicht ihr To-
       desurteil unterschreibt",  so lohnt es sich doch, einigen der Ar-
       gumentationen nachzugehen, die zur Vergiftung der Verhandlungsat-
       mosphäre ausgesät wurden.
       Ein namenlos  bleibender "Kenner  der  Materie"  schrieb  in  der
       "Welt" unter  dem Titel  "Atomsperrvertrag  unvereinbar  mit  dem
       NATO-Pakt": "Wenn  der Einsatz der großen strategischen Abschrec-
       kung bei  einem sowjetischen  Angriff in  Europa unwahrscheinlich
       wird (!),  dann entsteht  Unglaubwürdigkeit (credibility gap) dem
       atlantischen Bündnis  gegenüber.  Gewiß  enthält  Artikel  5  des
       Nordatlantikpakts nicht unmittelbar die Verpflichtung zum Einsatz
       von Kernwaffen.  Aber es  ist ganz  klar, daß er seinen Sinn ver-
       liert (!),  wenn die  Vormacht des Bündnisses - die USA - im Hin-
       blick auf  den meistgefährdeten  Partner Deutschland den Gebrauch
       der entscheidenden  Waffe (die  weder "Big  Lift" noch  taktische
       Kernwaffen ersetzen  können) ausklammert." Die Sinnlosigkeit die-
       ser Logik  kann allerdings  einem "Kenner"  nicht  aufgehen,  der
       nicht mit  Lebenden, sondern  mit Toten  kalkuliert, die nach dem
       Einsatz strategischer Atomwaffen zur "Verteidigung" der Bundesre-
       publik in  den Kratern  eines zerstörten  Landes für den Wahnsinn
       derer zeugen würden, die Freiheit mit Wasserstoffbomben verteidi-
       gen wollten.
       Der Abschluß des "Atomsperrvertrages" - so liest es sich fast nur
       in unserer  Presse, auf  daß man die Atom-Waffen vergesse und den
       technologisch-wirtschaftlichen Bedenken  zugänglicher werde - sei
       eine "flagrante  Verletzung des  Artikels 8  des NATO-Pakts", und
       die Situation gleiche der von 1935, nachdem Frankreich "durch den
       Beistandspakt mit  der Sowjetunion  die Garantiegemeinschaft  des
       Locarno-Vertrages gesprengt"  habe. Es dürfe nicht übersehen wer-
       den, daß  Frankreich schon  mit "seinem  sensationellen  Nichtan-
       griffsvertrag 1932 den Anstoß für das ganze weitere Geschehen ge-
       geben" habe.  Die "politischen Konsequenzen waren schwer. Sie wä-
       ren es  auch beim  Zustandekommen einer amerikanisch-sowjetischen
       Nuklear-Entente". Es  müsse "in letzter Stunde davor gewarnt wer-
       den, sich auf eine Unterzeichnung mit 'Vorbehalten' festzulegen".
       NATO-Botschafter Grewe  drückte sich  vornehmer aus: "Die Bildung
       einer kollektiven  Kernstreitmacht" sei "auf weite Sicht die ein-
       zige Lösung,  die den  Staaten Europas  Aussicht bietet, ihre Si-
       cherheit, ihre  Unabhängigkeit und  ihren Rang in der Welt zu be-
       haupten", wobei er an die siebziger und achtziger Jahre denkt und
       gar nicht  den Verdacht  aufkommen läßt, es könnte bis dahin eine
       Abrüstung begonnen haben. Die Bildung einer europäischen Atomwaf-
       fenstreitmacht sei die "allein zukunftsträchtige Option", dagegen
       sei der  "Abschluß eines  hauptsächlich mit den Sowjets ausgehan-
       delten Vertrags,  der auf Universalität angelegt ist - ohne prak-
       tisch Aussicht  zu haben, jemals universelle Geltungskraft zu er-
       langen -,  ohnehin kein geeignetes Mittel, um die Ausbreitung der
       Kernwaffen wirksam zu verhindern". Beide Argumentationsebenen ad-
       dieren sich  hier nicht zufällig, eben weil "Nationen ohne eigene
       Kernwaffen künftig  kaum in der Lage sein werden, die Rolle einer
       'Großmacht' zu  spielen". Darauf aber zu verzichten, scheint noch
       - oder  schon wieder  - undenkbar zu sein, so daß es gar nicht zu
       verwundern ist, wenn ein Leitartikel es in der Überschrift sagte:
       "Sorge in  Bonn: Atomsperrvertrag  trotz deutscher Einwände." Wie
       ist es nur möglich?
       In keinem  Land habe  eine so aufgeregte Diskussion über den Ver-
       trag stattgefunden  wie bei  uns, bemerkte,  zum Maßhalten aufru-
       fend, Bundeskanzler  Kiesinger, und  tatsächlich muß  man dankbar
       sein, daß  er und sein Außenminister sich wenigstens nicht in die
       Irre der  Verfemungen hineintreiben  ließen. Hier  spürt man denn
       doch die Bremse der Großen Koalition, und Wehner bekannte freimü-
       tig: "Wir  haben bisher  über unsere Verhältnisse gelebt, so, als
       ob wir eine adoptierte Siegermacht wären."
       
       II
       
       Nachdem offensichtlich  die militärpolitische Protestfront zusam-
       mengebrochen ist,  hat man  sich ganz auf die technologisch-wirt-
       schaftlichen Einwände  eingespielt und  nach der NATO nun Euratom
       mobilisiert. Durch  den deutschen  Kommissar Margulies  und  Bot-
       schafter Sachs  ist mehrmals, bisher vergeblich, versucht worden,
       die Sechser-Gemeinschaft zu einer gemeinsamen Haltung zu bewegen.
       Der berüchtigte  Kontrollparagraph soll  als unvereinbar  mit dem
       Euratom-Vertrag erklärt  werden. Aber Frankreich, das "sich nicht
       betroffen" fühlt,  weil es  dem Vertrag  ohnehin nicht  beitreten
       will, durchaus  aber für die Kontrolle und gegen die weitere Aus-
       breitung von  Atomwaffen ist,  scheint nicht mitmachen zu wollen.
       Jedoch beginnt  sich ein Kompromiß abzuzeichnen. Amerika will den
       deutschen Wunsch unterstützen, die Euratombehörde in die Kontrol-
       laufgaben einzubeziehen.  Die  Internationale  Atomenergiebehörde
       (IAEA), so  wird erwogen,  soll  bei  der  Inspektion  mit  Eura-
       tom-Kontrolleuren zusammenarbeiten.  Vorgesehen  ist  eine  Über-
       gangszeit, wie aus Genf verlautet. Zunächst Kontrolle durch Eura-
       tom, dann Beteiligung der IAEA, bis sie ganz in deren Hände über-
       geht. Das wäre keine schlechte Lösung. Aber das hätte man, wie so
       vieles andere,  klären können, bevor das hysterische Geschrei be-
       gann, daß  sich auf bloße Vermutungen gründete. Vor einigen Tagen
       erst (am  23.2.) vernahm die Öffentlichkeit aus dem Munde des Au-
       ßenministers, daß  "die Diskussion  seit Mitte  Dezember auf  der
       Grundlage möglicher  Elemente eines  in Genf  zu erörternden Ent-
       wurfs geführt  wird" und  niemand wisse,  welchen Text die beiden
       Weltmächte schließlich  aushandelten. Gerüchte  aber genügten, um
       einen nationalen  Proteststurm zu  entfachen, dessen Schaden sich
       erst später  ganz auswirken  wird, weil man nun noch mehr Beweise
       als bisher besitzt, dem deutschen Friedenswillen zu mißtrauen.
       
       III
       
       Jeder internationale Vertrag, der die Atomkriegsgefahr einschrän-
       ken soll, kann nur durch Kontrollen wirksam werden. Sein Funktio-
       nieren hängt  aber wesentlich  davon ab,  ob diese Kontrollen als
       substantieller Bestandteil begriffen werden und die Bereitschaft,
       sich ihnen  zu unterwerfen,  als sachliche  Konsequenz  vollzogen
       wird. Je mehr man sich gegen diese Kontrollen stellt, desto stär-
       ker wird die Vermutung, daß man etwas verheimlichen will, was ge-
       rade ausgeschlossen werden soll. Jahrelang ist den Sowjets vorge-
       worfen worden,  daß sie  sich den  amerikanischen Vorschlägen für
       eine Rüstungskontrolle  widersetzten und also gegen die Abrüstung
       seien. Die  Furcht der  Russen vor  Industriespionage  wurde  nie
       wirklich anerkannt,  die unsere aber soll nun wie selbstverständ-
       lich berechtigt  sein, und man mißtraut nun nicht nur den Russen,
       sondern viel mehr noch den Amerikanern, weil man bei der Entwick-
       lung der  "Schnellen Brüter"  - neuen Atomreaktoren, die auch die
       Verwendung des  Natururans, Uranisotope  238, gestatten  -  einen
       Vorsprung erzielt  hat und  glaubt, es  gehe darum,  die deutsche
       Kerntechnik als  Konkurrenz auszuschalten. Neuerdings gibt es be-
       merkenswerte Fortschritte  auch in anderen Staaten, so beispiels-
       weise in Belgien, das einen Reaktor projektiert, in dem die Bren-
       nelemente nicht mehr mit Uran 235, sondern mit Plutonium angerei-
       chert werden.  Durch die  breitere  Anwendung  dieses  Verfahrens
       würde sich  die Abhängigkeit von den USA mindern. "Die friedliche
       Atomwirtschaft" werde "der Industriespionage (als Kontrollinspek-
       tion getarnt) unterworfen", so wird behauptet. "Falls der Entwurf
       des Atomsperrvertrages  nicht modifiziert"  werde,  wettere  Herr
       Berg, schere  "die Bundesrepublik  automatisch aus  einem für die
       Zukunft besonders  wichtigen Bereich der Forschung aus". Die Wis-
       senschaftler wanderten  aus, und  es lasse  "sich errechnen, wann
       Westdeutschland das Niveau eines Agrarstaates erreicht" habe.
       So redet  man daher,  ohne eine  Ahnung von  den praktischen Kon-
       trollfunktionen zu  haben, die  ja im  einzelnen noch  gar  nicht
       festgelegt sind.  Immerhin kontrolliert die IAEA bereits mehr als
       fünfzig Atomreaktoren  in 26  Staaten, darunter  auch in den USA,
       und die  Schweden beispielsweise  haben nachweislich bisher diese
       Kontrollen nie als eine Störung empfunden. Alle Zusicherungen der
       Amerikaner, daß die technische Entwicklung auf keinen Fall beein-
       trächtigt werden solle und der Informationsaustausch in der Kern-
       energieforschung nach  der Vertragsunterzeichnung gerade zunehmen
       werde, finden  bei uns  kaum Glauben. Man will totale Sicherheit,
       für die  sich natürlich niemand fest verbürgen kann. Gewiß ist es
       schwierig, den  ganzen Brennstoffkreislauf so zu inspizieren, daß
       dabei nicht  Verfahrensmethoden erkannt werden, die als industri-
       elles Werkgeheimnis  gelten. Aber  glaubt man  denn wirklich, daß
       gerade bei  dem beabsichtigten  Export von Kernreaktoren die ver-
       wendeten technischen Methoden nicht auf viel einfachere Weise be-
       kannt werden  als durch  Kontrollen einer  UNO-Behörde? Zumindest
       doch spätestens  in den  Ländern, die sie importieren. Glaubt man
       denn wirklich,  daß sich  der  wissenschaftlich-technische  Fort-
       schritt in  der Kernenergietechnik nicht ohnehin so internationa-
       lisieren wird,  daß wohl die Qualität und die Fertigungsmethoden,
       aber kaum die ihnen zugrunde liegenden Ergebnisse der Grundlagen-
       forschungen lange  geheim bleiben?  Der  wissenschaftliche  Fort-
       schritt lebt  ja doch  von der  Publikation der  Forschungsergeb-
       nisse. Ohne  oder mit Vertrag gäbe es für die Amerikaner genügend
       Möglichkeiten,  bestimmte  Forschungsergebnisse  "classified"  zu
       halten. Wir  aber bewerten  unsere eigenen Entwicklungen und Vor-
       sprünge im  Wettlauf um die wirtschaftlichsten Reaktoren so hoch,
       daß wir  glauben, die  Welt käme ohne unsere Leistungen nicht aus
       und warte nur darauf, uns endlich in die Karten gucken zu können.
       Man spricht  bei der  Kritik am Sperrvertrag von der "Eröffnungs-
       phase der  größten Exportschlacht,  die  im  kommenden  Jahrzehnt
       entfesselt wird".  Es ist nicht einzusehen, daß die Exportchancen
       durch Kontrollen  der IAEA verringert werden, zumal man russische
       oder amerikanische  Inspekteure durchaus  ausschließen kann.  Wer
       sich  nicht   selbst  kontrollieren   läßt,   soll   auch   nicht
       kontrollieren. Das ist ein verständlicher Standpunkt, der auf die
       Dauer dazu  führen könnte,  daß sich schließlich auch die Sowjets
       kontrollieren lassen  werden, worauf die Amerikaner hauptsächlich
       warten. Erfährt  man aber,  daß  gerade  bei  unseren  modernsten
       Reaktoren, den  "Schnellen Brütern",  die in Karlsruhe entwickelt
       werden (Projekt  Sneak), soviel  Plutonium erzeugt  wird, daß  ab
       1970 wahrscheinlich  allein in  Karlsruhe jährlich  rund 100  Ki-
       logramm ausgebrütet  werden -  "genug für  mindestens ein Dutzend
       Bomben" - (nach neuesten Schätzungen von Euratom können die Staa-
       ten der  Gemeinschaft bis  1980   90 Tonnen  Plutonium erzeugen),
       dann ist  es doch wohl verständlich, daß eine internationale Kon-
       trolle gewährleisten  muß, daß  das anfallende  Plutonium nur für
       friedliche Brennzwecke verwendet wird.
       Zunächst geht es darum, festzustellen, wie oft die Brennstäbe ge-
       wechselt werden.  Bleiben sie  länger im  Reaktor, ungefähr  zwei
       Jahre und mehr, so entsteht das für militärische Zwecke unbrauch-
       bare Plutonium  240. Werden  sie vorzeitig  ausgewechselt, so hat
       man es mit dem Kernexplosivstoff Plutonium 239 zu tun.
       Gewiß schließt  der bisher  bekannt gewordene  Text des Paragr. 3
       des Vertrages einen großen Komplex an Kontrollmaßnahmen ein. Auch
       "Spezialausrüstungen oder  nichtnukleares Material  zur Verarbei-
       tung oder  Verwendung von Ausgangsmaterial" sollen wie das Spalt-
       material kontrolliert  werden, dürfen also an einen anderen kern-
       waffenlosen Staat  nur dann  geliefert werden, wenn "das Material
       oder die  Ausrüstung den Sicherheitsregeln unterworfen wird." Wie
       aber, so müssen wir doch fragen, sollte es auch sonst anders mög-
       lich sein,  den Export von Rohprodukten für Atombomben zu verhin-
       dern?
       Daß die  Angst vor  dem Mißbrauch des Vertrages soviel größer ist
       als die  Angst vor  einem Atomkrieg, wo er auch immer stattfände,
       ist das  erschütterndste Zeugnis  für die  Unvernunft unserer Ge-
       sellschaft. Als "General-Electric-Artikel" wird der Kontrollpara-
       graph diffamiert.  Daß der  Vertrag, wie  in Paragr. 6 vorgesehen
       ist, von  jedem Partner "in Ausübung seiner nationalen Souveräni-
       tät" gekündigt  werden kann,  daß jeder Staat "das Recht hat, von
       dem Vertrag zurückzutreten, wenn er zu der Überzeugung kommt, daß
       außerordentliche Umstände...  die höchsten Interessen seines Lan-
       des gefährden",  das wird  gern verschwiegen.  Eine  dreimonatige
       Kündigungsfrist ist  jedenfalls vorgesehen, und sollten es Gründe
       erwiesener Exporthinderungen  oder Herstellungsverbote sein, dann
       dürfte doch  wohl der  Eklat groß  genug werden, um Recht und Un-
       recht nachzuweisen.
       Sind sachliche  Bedenken gegen  die Praxis  der  Kontrollmethoden
       also durchaus  berechtigt, so  geht es  nur darum, diese in ihrer
       Effektivität zu  diskutieren. Dazu  gehört der wichtige Vorschlag
       Prof. v.  Weizsäckers, automatische Kontrollapparate einzusetzen,
       die kontinuierlich arbeiten und nur abgelesen zu werden brauchen.
       Aber auch  diese Automaten dürften schwierige technische Probleme
       aufwerfen, wenn  alle gewünschten Daten, also auch die des chemi-
       schen Aufbereitungsprozesses,  ermittelt werden  sollen. Sie ent-
       krampfen aber  zumindest die  psychologische Situation.  Es  darf
       auch nicht  übersehen werden,  daß man  ohnehin anstrebt, von den
       USA als  Lieferanten des angereicherten Uran unabhängiger zu wer-
       den, nicht  nur durch  die Entwicklung  der neuen  Brütreaktoren,
       sondern auch  durch die erheblichen Fortschritte in der Uran-Gas-
       zentrifugentechnik im  Jülicher Kernforschungszentrum, deren Ent-
       wicklungsarbeiten schon vor dem letzten Krieg begannen. Es könnte
       also schon  bald sein,  daß sie  mit den amerikanischen Anreiche-
       rungsanlagen -  Isotopentrennung durch Diffusionsverfahren - kon-
       kurrieren können,  und bei  Euratom wird auch bereits diskutiert,
       ob nicht eigene Trennungsanlagen gebaut werden müßten, falls Ame-
       rika kein Material mehr liefern würde.
       
       IV
       
       Kann und  darf es  also nur  um die Non-Profileration gehen, weil
       die technischen  Entwicklungen zur friedlichen Kernenergieverwen-
       dung durch keinen Vertrag gehindert werden können - wenn er nicht
       mißbraucht wird,  was unschwer  festzustellen ist und den Vertrag
       außer Kraft  setzen würde  -, dann  sollte unsere Regierung alles
       tun, um uns das Vertrauen zu schaffen, das wir dringend brauchen,
       um der Welt die Angst vor einer eigenen bundesdeutschen militäri-
       schen Kernmacht zu nehmen. Dafür ist es nicht genug, sich auf die
       1954 geleistete Verzichterklärung auf nationalen Atomwaffenbesitz
       zu  berufen.  Theo  Sommers  Vorschlag  wäre  ein  entscheidender
       Schritt, um  das Klima zu unseren Gunsten zu verbessern: Den Ver-
       zicht erweitern  auf "die  Herstellung deutscher  Atomwaffen  auf
       fremdem Boden  und den käuflichen Erwerb solcher Waffen von ande-
       ren Staaten." Diese Erklärung wäre die zunächst wichtigste, bevor
       wir uns  erlauben zu  verlangen, daß die Weltmächte eindeutig den
       Atomwaffensperrvertrag als  Einleitung zur  Abrüstung  definieren
       und mit  Rüstungskontrolle und  Rüstungsverringerung koppeln. So-
       lange wir  unseren Atomwaffenverzicht  nicht völlig  aussprechen,
       steht uns  diese Forderung  einfach nicht  zu, wohl aber würde er
       unsere neuerliche  Entspannungspolitik erst dann glaubwürdig wer-
       den lassen  und die  Chancen der  weltweiten Abrüstung wesentlich
       verstärken. Denn  die Erinnerungen  an unsere  Großmacht sind  so
       groß, daß  man uns  erst dann wieder vertrauen wird, wenn mir den
       militärischen Großmachttraum - auch in einem europäischen Vertei-
       digungspakt -  endlich ganz  aufgeben. Wir werden es wohl besten-
       falls erst  dann tun,  wenn wir endlich einsehen, daß der Wettbe-
       werb um  Großmachtplätze in  der Zukunft  nicht auf militärischem
       Gebiet ausgetragen  wird, daß  er an  der wissenschaftlichen Lei-
       stungskapazität  und  dem  industriellen  Fortschritt  abgemessen
       wird. Solange  wir Grund  haben, vom  "Bildungsnotstand" zu spre-
       chen, und unsere Forschungsförderung so unzulänglich ist, ist die
       so laut  proklamierte Angst  vor dem  technischen Rückstand durch
       die Folgen der Vertragsunterzeichnung verlogen. Solange ein deut-
       scher NATO-Botschafter  sagen darf,  daß  "Nationen  ohne  eigene
       Kernwaffenproduktion in  ihrer wissenschaftlich-technischen  Ent-
       wicklung nicht  mit jenen Schritt halten können, die selbst Kern-
       waffen entwickeln  und herstellen", verdienen wir kein Vertrauen.
       Denn es ist einfach nicht wahr.
       
       (Abgeschlossen am 27.II.)
       

       zurück