Quelle: Blätter 1967 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       STELLUNGNAHMEN VON PROFESSOREN ZUR AFFÄRE LÜBKE/FASSBINDER
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       Öffentliche Erklärung von Professoren
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       der Pädagogischen Hochschule Hannover
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       Die unterzeichneten  Professoren, Dozenten,  Assistenten und Stu-
       denten der Pädagogischen Hochschule Hannover nehmen zur Kenntnis:
       Der Herr  Bundespräsident hat  laut Pressemeldungen und telefoni-
       scher Bestätigung  seines Pressereferenten in Übereinstimmung mit
       dem Bundesaußen-  und Bundesinnenministerium  verhindert, daß das
       französische Unterrichtsministerium  eine der  Professorin Klara-
       Marie Faßbinder zugedachte akademische Ehrung (die Verleihung des
       Ordens "Palmes  Acedémiques" durch den französischen Staatspräsi-
       denten) verwirklichen  konnte. Die  zugedachte Ehrung sollte eine
       dichterische Übersetzungsleistung  Frau Prof.  Faßbinders aus dem
       Jahre 1937 (Paul Claudel) würdigen.
       Wir fragen den Herrn Bundespräsidenten, welche Gründe ihn zu die-
       sem Schritt bewogen haben.
       Wir erinnern:
       Im Jahre  1958 verhinderte  die sowjetische Regierung die Annahme
       des Literatur-Nobelpreises durch den Schriftsteller Boris Paster-
       nak.
       Wir erinnern:
       Im Jahre  1935 verhinderte  die nationalsozialistische  Regierung
       die Annahme  des Friedens-Nobelpreises durch den Publizisten Carl
       von Ossietzky.
       
       gez. Professor Hans Otto - Prof. Dr. Ing. Siegfried Knoke - Prof.
       Dr. phil.  Horst Ruprecht  - Dozent Dr. Walter Henze - Dozent Dr.
       Gottfried Rahn  - Karlheinz  Hellwig (Päd.-Ass.)  - K.O.  Müller,
       Ass. -  Reinhold Krull,  Ass. - K. Aschersleben, Ass. - Prof. Dr.
       Karl Ernst Nipkow - R. Wettig, Ass. - Dozent Dr. Karlheinz Schott
       - Prof.  Dr. Hans  Wittig -  Prof. Dr.  Erich Strauß  - Prof. Dr.
       Gustav Heckmann  - Dozent Dr. Klages - Dieter Sajak, Ass. - Prof.
       Dr. R.  Proksch -  Dr. Mischke  - Prof.  Dr. K. Gerth - Prof. Dr.
       Heinrich Schneider - Prof. Dr. Ulrich Becker.
       
       Hannover, den 17. Januar 1967
       
       Schreiben des Vorsitzenden der Deutschen Paul-Claudel-
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       Gesellschaft an den Bundespräsidenten
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       Hochverehrter Herr Bundespräsident!
       
       Verschiedenen Presseorganen habe ich zu meiner Bestürzung entnom-
       men, daß Frau Professor Dr. Klara Faßbinder die Annahme des fran-
       zösischen Ordens Palmes Académiques verweigert worden ist.
       Als derzeitiger  Vorsitzender der  Deutschen Paul-Claudel-Gesell-
       schaft bedaure  ich diese Entscheidung sehr, weiß ich doch, welch
       hohe Verdienste sich Frau Faßbinder in Deutschland seit Jahrzehn-
       ten um  die Übersetzung,  Erklärung und Verbreitung des dichteri-
       schen Schaffens  von Paul Claudel erworben hat. Durch diese Mitt-
       lerschaft hat sie auch wesentlich zur Intensivierung der deutsch-
       französischen Geistes-  und Literaturbeziehungen beigetragen. Sie
       ist auch von Anfang an ein tätiges Mitglied unserer Gesellschaft.
       Nicht zuletzt  im Hinblick darauf, daß die Zentenarfeiern der Ge-
       burt Claudels  in Frankreich 1968 große, von weltweitem Interesse
       getragene Veranstaltungen  bringen werden  und sich auch deutsche
       Bühnen und die Deutsche Paul-Claudel-Gesellschaft rüsten, das An-
       denken des großen Dichters in würdiger Weise zu begehen, befürch-
       ten wir  schädliche Auswirkungen  der oben genannten Entscheidung
       auf die deutsch-französischen Kulturbeziehungen.
       Wir würden  es sehr begrüßen, wenn der Fall Klara Faßbinder einer
       erneuten Überprüfung unterzogen werden könnte.
       Ich verbleibe,  hochverehrter Herr  Bundespräsident, Ihr ergeben-
       ster
       
       Tübingen, den 21. Januar 1967
       gez. Prof. Dr. Dr. h.c. Julius Wilhelm
       
       Briefe von Prof. Dr. Fritz Paepcke an den Bundespräsidenten
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       Hochverehrter Herr Bundespräsident!
       
       Als Geschäftsführer der Deutschen Sektion der Vereinigung der Or-
       densmitglieder der  "Palmes  Académiques",  deren  Insignien  ich
       selbst aufgrund  des französischen  Erlasses vom 21. Oktober 1964
       trage, erlaube ich mir, Ihnen eine Angelegenheit vorzutragen, die
       Gegenstand meiner  Sorge und  meiner größten  Bestürzung geworden
       ist.
       Ich habe  aus der  Presse erfahren,  daß Sie als Träger der deut-
       schen Souveränität  Ihre Zustimmung  zu der Verleihung des Ordens
       der "Palmes  Académiques" an  Frau Professor Dr. Klara Marie Faß-
       binder versagt haben.
       Als Romanist  ist mir bekannt, daß Frau Faßbinder zur Bereinigung
       deutsch-französischer Klischeevorstellungen  und Mißverständnisse
       wesentlich beigetragen  hat. Als Übersetzerin und Interpretin des
       Oeuvres von  Paul Claudel  (1868-1955) und  Romain Rolland (1866-
       1944) hat sie seit Jahrzehnten unbestrittene Verdienste, die eine
       auszeichnende Würdigung gerechtfertigt erscheinen lassen. Nachdem
       nun von einem kompetenten französischen Gremium durch die Ordens-
       verleihung der  "Palmes Académiques" diese Verdienste um die Ver-
       breitung der  französischen Kultur bestätigt worden sind, könnten
       doch wohl  nur ganz  ungewöhnliche Umstände die Versagung der Ge-
       nehmigung, den  Orden anzunehmen, rechtfertigen, zumal eine offi-
       zielle Begründung bisher nicht gegeben wurde.
       Unter den  obwaltenden Umständen bleibt mir wie anderen deutschen
       Staatsbürgern nur  übrig, über  die Gründe eines solchen außeror-
       dentlichen Schrittes zu rätseln. Die in verschiedenen Presseorga-
       nen angestellte Spekulation über die Tätigkeit von Frau Professor
       Faßbinder im  Rahmen der  Deutschen Friedens-Union, die Anlaß für
       diesen Schritt  sein soll, erscheint mir angesichts der fundamen-
       talen Prinzipien  unseres Staates (beispielsweise Artikel 3, Abs.
       3 des Grundgesetzes), aber auch im Hinblick darauf, daß die Deut-
       sche Friedens-Union keine verbotene politische Partei ist, so ab-
       wegig, daß  ich  mir  kaum  vorstellen  kann,  wie  diese  Gründe
       tatsächlich ausschlaggebend gewesen sein könnten.
       Angesichts der  Beunruhigung, die  ich bei französischen Freunden
       und deutschen  Kollegen feststellen konnte, möchte ich die höfli-
       che und  dringende Bitte  aussprechen, die Gründe, die zur Versa-
       gung der Genehmigung geführt haben, nochmals überprüfen und gege-
       benenfalls durch eine allgemein zugängliche Verlautbarung eindeu-
       tig Klarheit schaffen zu wollen.
       Ich habe mir erlaubt, eine Abschrift dieses Schreibens dem Ersten
       Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Vereinigung der Ordensmit-
       glieder der  "Palmes Académiques",  Herrn Dr.  Fritz Schenk, Lud-
       wigsburg, vorzulegen.
       
       Mit freundlichen Empfehlungen Ihr sehr ergebener
       
       Heidelberg, den 21. Januar 1967    (gez.) Prof. Dr. Fritz Paepcke
       
       
       Hochverehrter Herr Bundespräsident!
       
       In Anbetracht  der Petition,  die ich  Ihnen mit meinem Schreiben
       vom 21.  Januar im  Namen der Träger der Insignien des Ordens der
       "Palmes Académiques"  vorgetragen habe, erlaube ich mir heute er-
       neut die  höfliche und  zugleich dringende  Bitte, uns  über  den
       Stand der Ordensverleihung an Frau Professor Dr. Klara Marie Faß-
       binder aufzuklären und damit den Spekulationen in der Öffentlich-
       keit ein Ende zu setzen.
       Nach Kenntnisnahme  vieler persönlicher  Zuschriften und zahlrei-
       cher Äußerungen  verantwortungsbewußter Publizisten  meinen  wir,
       Sie noch einmal bitten zu dürfen, Ihre Entscheidung in dieser An-
       gelegenheit zu revidieren. Denn auch Sie werden kaum überhört ha-
       ben, wie  in allen  Äußerungen, die  in den vergangenen Wochen in
       dieser Sache  bekannt geworden  sind, die Klage erhoben wird, daß
       an die  Stelle allgemeiner Aufklärung und überzeugender Argumente
       unsachlich und  ungerecht erscheinende  Diffamierungen sowie  der
       lastende Komplex  eines 'wishful thinking' getreten sind. Unüber-
       hörbar wird  die Frage, ob die Provokation, die die Versagung der
       Ordensgenehmigung in  der deutschen und französischen Öffentlich-
       keit bereits hervorgerufen hat, nicht die besondere Weise der Au-
       torität, die  mit Ihrem  Amt verbunden ist, aufs äußerste strapa-
       ziert.
       So scheint  es höchst  legitim und in politischer Sicht nicht un-
       wichtig zu  sein, wenn die Bitte um die Darstellung Ihrer Begrün-
       dung mit  dem Hinweis  auf die  Autorität Ihres  Amtes  verbunden
       wird, die durch eine sachgerechte und stichhaltige Aufklärung der
       Öffentlichkeit keinen  Schaden leidet, sondern nur gewinnen kann.
       Der Formalismus,  der  indes  bisher  ausschließlich  praktiziert
       wurde, fängt ja niemals die Konkretion einer Sache ein, und damit
       ist eine  solche Formalstruktur auch nicht gleichzusetzen mit der
       Identität von  Autorität und Sache, um die es hier ausschließlich
       gehen sollte.
       
       Mit freundlichen Empfehlungen Ihr sehr ergebener
       
       Heidelberg, den 11. Februar 1967   (gez.) Prof. Dr. Fritz Paepcke
       
       Schreiben von Professoren und Dozenten der Pädagogischen
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       Hochschule Rheinland, Abteilung Bonn, an den Bundespräsidenten
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       Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
       
       Die unterzeichneten  Professoren und  Dozenten der Abteilung Bonn
       der Pädagogischen  Hochschule Rheinland  haben wie  viele  andere
       Bürger unseres Staates mit Bestürzung von der Entscheidung Kennt-
       nis genommen, durch die Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident,
       unserer Kollegin Frau Professor Dr. Klara Marie Faßbinder die An-
       nahme des  Ordens "Palmes Académiques", der ihr von dem Präsiden-
       ten der  Republik Frankreich  verliehen worden war, untersagt ha-
       ben.
       Wir halten  es mit dem Geist und der Ordnung einer freiheitlichen
       Demokratie für  unvereinbar, daß  einem unbescholtenen Staatsbür-
       ger, dem  im befreundeten  Ausland eine öffentliche Ehrung zuteil
       wird, die  Annahme des Ehrenzeichens ohne Angabe von Gründen ver-
       boten wird.
       Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange an den beschämenden Fall
       des deutschen Nobelpreisträgers Carl von Ossietzky.
       Frau Professor  Dr. Faßbinder  war bis  zu ihrer Pensionierung im
       Jahre 1955  Mitglied des  Lehrkörpers der damaligen Pädagogischen
       Akademie Bonn.  Integrität und  ein unerschrockenes,  in  unserem
       Lande seltenes  Eintreten für die eigene Überzeugung haben dieser
       Kollegin eine bleibende Anerkennung auch bei denen gesichert, die
       eine andere politische Meinung vertraten.
       Wir bitten  Sie daher,  sehr verehrter  Herr Bundespräsident, mit
       dem Gewicht  unserer durch die persönliche Zusammenarbeit begrün-
       deten Schätzung  von Frau Professor Dr. Faßbinder, Ihre Entschei-
       dung zu überprüfen und diesem Lande das Bewußtsein zurückzugeben,
       daß in  ihm die  Meinungsfreiheit nicht  nur proklamiert, sondern
       auch honoriert, zumindest aber respektiert wird.
       Wir werden  uns erlauben,  dieses Schreiben in einer angemessenen
       Frist nach  seiner Absendung  der Presse  zur Veröffentlichung zu
       übergeben.
       
       Mit dem Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung
       
       gez. Prof.  Dr. Jürgen  Rausch -  Prof. Dr. Peter Thielen - Prof.
       Dr. Max  Josef Hillebrand  - Prof. Dr. Herbert Lattke - Prof. Dr.
       Robert Hürtgen  - Prof.  Dr. Wolfgang  Dennert -  Prof. Dr. Hans-
       Dieter Bastian  - Prof.  Dr. Alfons  Schorb -  Prof. Dr. Wilfried
       Buch - Dozent Friedrich Münch - Dozentin Ursula Cygan - Prof. Dr.
       Hans Schorer  - Prof. Dr. Walter Stahlschmidt - Prof. Dr. Gerhard
       Steindorf -  Prof. Dr.  Friedrich Holtmeier  - Prof. D. Dr. Heinz
       Robert Schlette  - Dozent  Dr. Philipp  Eggers - Dozentin Dr. An-
       nette Kuhn - Prof. Dr. Winfried Sibbing - Dozentin Gertrud Ertl -
       Dozent Dr.  Karl Bozek- Prof. Bernhard Bierbaum-Prof. Dr. Günther
       Koch - Dozent Dr. Karlheinz Daniels - Prof. Dr. Wolfgang Böhm.
       
       Bonn, den 30. Januar 1967
       
       Stellungnahme des französischen katholischen Historikers
       --------------------------------------------------------
       Prof. Jacques Madaule
       ---------------------
       
       Frau Professor  Faßbinder hat  mehr  als  jeder  andere  für  die
       deutsch-französische Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet getan.
       Daher glaubte  die französische  Regierung, sie  mit den Akademi-
       schen Palmen  auszeichnen zu müssen. Könnte die pazifistische Ak-
       tivität Frau  Faßbinders ein  im übrigen unbestrittenes Verdienst
       auslöschen? Glauben  die deutschen  Behörden, auf  diese Art  der
       französisch-deutschen Annäherung zu dienen?
       Die neue,  von einem  ehemaligen Nazi  geleitete  Bundesregierung
       versichert einerseits,  die Beziehungen mit dem Osten normalisie-
       ren zu  wollen, aber anderseits zögert sie nicht, eine pazifisti-
       sche Kämpferin unter dem Vorwand prokommunistischer Handlungen zu
       bestrafen. Nun  kann ich  bezeugen, daß  Frau Faßbinder,  die ich
       seit langem  kenne, nicht  Kommunistin ist, aber daß sie 1959 vor
       einer Versammlung der Friedensbewegung in Warschau den Mut besaß,
       zu sagen,  daß Deutschland  mit einem Verzicht auf die Ostgebiete
       ein schweres  Opfer bringen  würde. Tatsächlich gehörte Mut dazu,
       sich in Polen, vor einer solchen Zuhörerschaft, derart auszudrüc-
       ken. Frau  Faßbinder ist nicht nur eine pazifistische Katholikin,
       sie ist auch eine Patriotin, die ihr Land liebt und es, wenn not-
       wendig, zu verkünden weiß.
       Alle französischen  Freunde von Klara Faßbinder, von den Katholi-
       ken bis  zu den  Pazifisten (das  sind häufig  die gleichen), die
       Mitglieder der  Paul-Claudel-Gesellschaft, alle,  die eine  echte
       Annäherung zwischen  dem französischen  und deutschen  Volk  wün-
       schen, sind  entrüstet angesichts der Haltung des Präsidenten Lü-
       bke.
       Es handelt sich um eine Geste des Kalten Krieges, die ein Zeugnis
       dafür ist,  daß Deutschland  noch schlecht geheilt ist von seinen
       blutigen Träumen  und selbst von seinem Totalitarismus. Diese Är-
       gerlichkeit, die  sich so vielen anderen hinzufügt, ist nicht nur
       schändlich. Sie  ist dumm,  und von der Dummheit läßt sich leider
       nichts erhoffen!
       
       "Le Monde" vom 4. Februar 1967
       
       Erklärung des Konsistoriums der Christian-Albrechts-Universität
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       in Kiel
       -------
       
       Das Konsistorium  der Christian-Albrechts-Universität hat mit Be-
       dauern von  den Pressemitteilungen  Kenntnis genommen, nach denen
       der Herr Bundespräsident der Kollegin Professor Dr. Faßbinder die
       Annahme der  ihr vom Präsidenten der Französischen Republik zuer-
       kannten Auszeichnung  der "Palmes  Académiques" versagt hat. Eine
       offizielle Begründung  dieser nach Paragr. 5 Abs. 1 des Bundesge-
       setzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26.7.1957 getroffe-
       nen Ermessensentscheidung  liegt trotz  der Anfrage  im Bundestag
       und der Beunruhigung der Öffentlichkeit bisher nicht vor.
       Das Konsistorium  gibt der  Sorge darüber  Ausdruck, daß  für die
       Entscheidung des  Herrn Bundespräsidenten nichtrelevante Erwägun-
       gen, die  sich auf  die politische Einstellung von Frau Professor
       Faßbinder beziehen, maßgebend gewesen sind. Sollte dies zutreffen
       - und  andere Gründe  sind nicht  ersichtlich -, so bedeutet dies
       einen unzulässigen  Eingriff der  Staatsgewalt in  die  Bewertung
       wissenschaftlicher  und  literarischer  Leistungen  und  zugleich
       einen Akt  der Unfreundlichkeit gegenüber einer mit der Bundesre-
       publik verbündeten Nation.
       Der Herr  Bundespräsident wird  daher gebeten, seine Entscheidung
       entweder zu begründen oder sie zu revidieren.
       
       Kiel, den 10. Februar 1967        Im Namen des Konsistoriums
                                         Professor Dr. K. D. Erdmann
                                         Rektor der Universität Kiel
       
       Stellungnahme des Erziehungswissenschaftlichen Seminars
       -------------------------------------------------------
       und der Forschungsstelle für Vergleichende Erziehungswissenschaft
       -----------------------------------------------------------------
       der Philipps-Universität Marburg zum Fall Faßbinder
       ---------------------------------------------------
       
       Die Professoren  und Mitarbeiter des Erziehungswissenschaftlichen
       Seminars und  der Forschungsstelle  für Vergleichende Erziehungs-
       wissenschaft der Philipps-Universität Marburg - darunter ein Trä-
       ger des  Ordens "Palmes  Académiques" - erklären sich mit der von
       der Pädagogischen  Hochschule Rheinland  (Bonn) an den Herrn Bun-
       despräsidenten gerichteten  Bitte in  Sachen Ordensverleihung  an
       Frau Professor  Faßbinder solidarisch.  Sie geben  sich nicht mit
       der Stellungnahme  des Bundespräsidialamtes  vom 10. Februar 1967
       zufrieden, dringen  vielmehr nach  wie vor  auf eine Revision der
       getroffenen Entscheidung.
       Sie fordern  alle Pädagogen der Bundesrepublik - insbesondere der
       Universitätsseminare, der Pädagogischen Hochschulen und der Fach-
       verbände - auf, sich diesem Schritt anzuschließen.
       Eine demokratische  Öffentlichkeit hat Anspruch darauf, bei einem
       so diskriminierenden  Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines
       Bürgers der Bundesrepublik eine hinreichende Begründung für diese
       Entscheidung zu erhalten.
       
       gez. Prof. Froese, Klafki, Seidelmann und Mitarbeiter
       Marburg, den 14. Februar 1967.
       
       Erklärung der "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V."
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       Der Vorstand der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW)
       hat mit  Besorgnis die  Pressemitteilungen über die Stellungnahme
       des Herrn  Bundespräsidenten im Falle der Frau Professor Dr. Faß-
       binder zur Kenntnis genommen. Danach ist der französischen Regie-
       rung auf  ihre Anfrage mitgeteilt worden, daß der Herr Bundesprä-
       sident sich  nicht in  der Lage  sehen würde,  Frau Faßbinder die
       nach deutschem  Recht erforderliche  Genehmigung zur  Annahme des
       Ordens der  "Palmes Académiques"  zu geben, dessen Verleihung ihr
       vom Präsidenten der Französischen Republik zugedacht war.
       Wenn der  Präsident der Französischen Republik Frau Faßbinder we-
       gen ihrer  wissenschaftlich-literarischen Arbeiten,  die der Ver-
       tiefung der  kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Völ-
       kern dienen,  diese Auszeichnung  zu verleihen  beabsichtigt,  so
       dürfte es  nicht die Aufgabe irgend einer deutschen Instanz sein,
       dies zu verhindern.
       Eine vorherige  Anfrage einer  ausländischen Regierung soll deren
       Staatsoberhaupt vor  der Peinlichkeit  bewahren, daß eine von ihm
       vollzogene Auszeichnung  von deren  Empfänger aufgrund eines Hin-
       dernisses, das  in dessen Heimatland liegt, nicht angenommen wer-
       den kann. Sie soll ferner unter befreundeten Nationen dem anderen
       Staatsoberhaupt, dessen  Stellungnahme zu der beabsichtigten Ver-
       leihung erbeten  wird, ersparen, die Annahme einer bereits ausge-
       sprochenen Verleihung  durch den  Empfänger formell  versagen  zu
       müssen. Die  vorherige Anfrage  und deren Beantwortung entspricht
       also den Regeln einer internationalen Courtoisie.
       Aber der Inhalt der in solchem Falle zu erteilenden Antwort rich-
       tet sich nicht mehr nur hiernach, sondern ist an die Rechtsregeln
       gebunden, die innerhalb der Bundesrepublik Deutschland für denje-
       nigen Akt gelten, über den sich diese Antwort ausspricht. Daß der
       Herr Bundespräsident  sich nicht  in der  Lage sehen  werde, Frau
       Faßbinder die  Annahme  einer  etwa  vollzogenen  Verleihung  der
       "Palmes Académiques"  zu genehmigen,  darf also  nur  geantwortet
       werden, wenn eine solche Ablehnung nach dem Recht der Bundesrepu-
       blik Deutschland erlaubt ist. Der Herr Bundespräsident ist in ei-
       nem solchen Fall nicht selbst Verleihungsorgan; er hat nicht die-
       selbe Freiheit seiner Entscheidung wie bei seinen eigenen Ordens-
       verleihungen. Die  Versagung seiner  Genehmigung dürfte  vielmehr
       mangels anderer  Vorschrift nur entsprechend den besonderen Grün-
       den erlaubt  sein, die  ihn ermächtigen, eine von ihm selbst ver-
       liehene Auszeichnung  ausnahmsweise zu  widerrufen. Das Vorliegen
       eines solchen  Grundes ist  nicht ersichtlich,  es ist auch nicht
       geltend gemacht  worden, obwohl  die Beunruhigung der Öffentlich-
       keit und  insbesondere die Anfrage im Bundestag hinreichend Anlaß
       gegeben hätten,  ihn geltend  zu machen, wenn er vorläge. So wird
       die Annahme  unvermeidbar, daß politische Gründe maßgebend waren.
       Dies wird  bekräftigt durch eine in der Presse mitgeteilte Erklä-
       rung des Düsseldorfer Innenministeriums, die auf "beim Landesver-
       fassungsschutz vorliegende Aufzeichnungen über Frau Prof. Faßbin-
       der" hinweist,  die "offenkundige  Tatsachen" enthalten.  Sollten
       diese Argumente maßgebend sein, so vermöchte der Vorstand der VDW
       hierin nur  eine unzulässige  Verquickung der  Bewertung  wissen-
       schaftlich-literarischer Leistungen mit sachfremden Erwägungen zu
       erblicken. Sie wöge um so schwerer, als es sich nicht um eine nur
       innerdeutsche Angelegenheit handelt, wie bei der Verleihung einer
       deutschen Auszeichnung, sondern zugleich um die Desavouierung ei-
       nes ausländischen Staatsoberhauptes.
       Diese ist  auch ungeachtet  der rechtlichen Beurteilung geeignet,
       das internationale  Ansehen unseres Staates zu schädigen. Die von
       dem Staatsoberhaupt  der Französischen  Republik vorgenommene Be-
       wertung wissenschaftlich-literarischer  Arbeiten wie der der Frau
       Faßbinder, die  selbst die  kulturellen Bande zwischen den beiden
       Völkern stärkt,  sollte vielmehr mit freudiger Dankbarkeit, nicht
       mit Kritik aufgenommen werden.
       Der Vorstand  der VDW hatte gehofft, die Nachprüfung des gesamten
       Vorganges würde  dazu führen,  daß der  Herr Bundespräsident sich
       der Absicht des Präsidenten der Französischen Republik nicht län-
       ger entgegenstelle,  vielmehr die  Frage seiner eigenen Billigung
       oder Mißbilligung  der politischen Haltung und Tätigkeit der Frau
       Faßbinder von der hier zu entscheidenden Frage trennen würde.
       Der Vorstand der VDW bittet noch einmal den Herrn Bundespräsiden-
       ten dringend,  die Angelegenheit  zu überprüfen  und eine etwaige
       Fehlentscheidung -  wo und  wie sie  auch entstanden  sein möge -
       souverän zu korrigieren.
       
       Der Vorstand  der VDW:  Prof. Dr. Glubrecht, Hannover - Prof. Dr.
       Drath, Karlsruhe  - Prof. Dr. Kliefoth, Kiel - Prof. Dr. Frhr. v.
       Weizsäcker, Hamburg - Prof. Dr. Wolf, Heidelberg
       
       Hamburg, den 15. Februar 1967
       

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