Quelle: Blätter 1967 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SOZIALENZYKLIKA PAPST PAUL VI. "POPULORUM PROGRESSIO"
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       ("ÜBER DEN FORTSCHRITT DER VÖLKER")
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       Die Entwicklung der Völker
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       Die Entwicklung  der Völker  wird von  der Kirche aufmerksam ver-
       folgt: vor  allem derer,  die dem  Hunger, dem Elend, den endemi-
       schen Krankheiten,  der Unwissenheit  zu entrinnen suchen; derer,
       die umfassend  an den  Früchten der  Zivilisation teilnehmen  und
       ihre Begabung  wirksam zur  Geltung bringen wollen, die sich ent-
       schieden ihrer  vollen Entfaltung  zuwenden. Das Zweite Vatikani-
       sche Konzil  wurde vor  kurzem abgeschlossen.  Die Forderung  des
       Evangeliums steht  neu im  Bewußtsein der  Kirche.  Es  ist  ihre
       Pflicht, sich  in den Dienst der Menschen zu stellen, um ihnen zu
       helfen, dieses  schwere Problem  in seiner ganzen Breite anzupac-
       ken, und sie in diesem entscheidenden Augenblick der Menschheits-
       geschichte von der Dringlichkeit gemeinsamen Handelns zu überzeu-
       gen.
       
       Die soziale Lehre der Päpste
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       In  ihren  großen  Enzykliken  "Rerum  Novarum"  1)  Leos  XIII.,
       "Quadragesimo Anno"  2) Pius'  XI., "Mater  et Magistra"  3)  und
       "Pacem in  terris" 4) Johannes' XXIII. - ohne von den Botschaften
       Pius' XII.  5) zu  sprechen -  haben sich  Unsere  Vorgänger  der
       Pflicht ihres  Amtes, die  soziale Frage  ihrer Zeit im Licht des
       Evangeliums zu erhellen, nicht entzogen.
       
       Die Situation
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       Heute ist  - darüber  müssen sich  alle klar  sein -  die soziale
       Frage weltweit geworden. Johannes XXIII. hat dies deutlich ausge-
       sprochen, 6)  und das  Konzil ist ihm in der pastoralen Konstitu-
       tion über  "Die Kirche  in der  Welt von  heute" 7)  gefolgt. Die
       darin enthaltene Lehre ist gewichtig, ihre Verwirklichung drängt.
       Die Völker,  die Hunger  leiden, bitten  die Völker  im Wohlstand
       dringend und  inständig um Hilfe. Die Kirche erzittert vor diesem
       Schrei der Angst und wendet sich an jeden einzelnen, dem Hilferuf
       seines Bruders in Liebe zu antworten.
       
       Unsere Reisen
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       Vor Unserer  Erhebung auf  den päpstlichen  Thron haben  Uns zwei
       Reisen, die  eine nach  Lateinamerika  (1960),  die  andere  nach
       Afrika (1962),  in unmittelbare  Berührung mit den beängstigenden
       Problemen gebracht, die jene Kontinente voller Hoffnung und Leben
       einschnüren. Erhoben zu dem Amt, dem die väterliche Sorge um alle
       Menschen obliegt,  konnten Wir  erneut anläßlich  der Reisen  ins
       Heilige Land  und nach  Indien die ungeheuren Schwierigkeiten se-
       hen, mit denen sich jene Völker einer alten Kultur auseinanderzu-
       setzen haben,  und haben sie gleichsam mit Unsern Händen berührt.
       Während des  Zweiten Vatikanischen  Konzils ergab  sich  für  Uns
       durch Gottes Fügung die Gelegenheit, Uns unmittelbar an die Gene-
       ralversammlung der  Vereinten Nationen  zu wenden.  Wir haben Uns
       vor diesem weltweiten Forum zum Anwalt der armen Völker gemacht.
       
       Gerechtigkeit und Friede
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       Erst jüngst  haben Wir schließlich in dem Bestreben, den Wünschen
       des Konzils  zu entsprechen  und dem  Beitrag des Heiligen Stuhls
       zur großen  Sache der  Entwicklungsländer konkrete Gestalt zu ge-
       ben, es  für Unsere Pflicht erachtet, den Römischen Zentralbehör-
       den der Kirche eine päpstliche Kommission hinzuzufügen. Ihre Auf-
       gabe soll  es sein, "im ganzen Volk Gottes die Erkenntnis zu wec-
       ken, welche  Aufgaben die Gegenwart von ihm fordert: die Entwick-
       lung der  armen Völker  vorantreiben; die  soziale  Gerechtigkeit
       zwischen den  Nationen fördern;  denen, die noch nicht entwickelt
       sind, helfen,  daß sie  selbst und für sich selbst an ihrem Fort-
       schritt arbeiten  können". 8)  "Gerechtigkeit und Friede" ist ihr
       Name und  ihr Programm. Wir sind der Meinung, daß sie mit Unseren
       katholischen Söhnen  und den  christlichen Brüdern  alle Menschen
       guten Willens  vereinen kann und soll. Und auch heute richten Wir
       an alle  diesen feierlichen  Aufruf zu gemeinsamem Werk in Fragen
       der Entwicklung,  einer umfassenden für den Menschen, einer soli-
       darischen für die Menschheit.
       
       ERSTER TEIL: UM EINEN UMFASSENDEN FORTSCHRITT DES MENSCHEN
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       1. Das Problem
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       Die Sehnsucht des Menschen
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       Frei sein  von Elend, Sicherung des Lebensunterhalts, Gesundheit,
       feste Beschäftigung,  Schutz vor Situationen, die seine Würde als
       Mensch verletzen,  besserer Unterricht; mit einem Wort: mehr han-
       deln, mehr  erkennen, mehr besitzen, um mehr zu sein. Das ist die
       Sehnsucht des  Menschen von  heute, und  doch ist eine große Zahl
       von ihnen dazu verurteilt, unter Bedingungen zu leben, die dieses
       Verlangen illusorisch  machen. Überdies  empfinden viele  Völker,
       die erst vor kurzem ihre nationale Selbständigkeit erlangt haben,
       die Notwendigkeit, ein selbständiges und würdiges Wachstum im So-
       zialen nicht  weniger als in der Wirtschaft zu gewinnen, um ihren
       Bürgern eine  volle menschliche  Entfaltung zu sichern und um den
       Platz einzunehmen,  der ihnen  in der Gemeinschaft der Völker zu-
       kommt.
       
       Kolonisation und Kolonialismus
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       Vor dem Umfang und der Dringlichkeit dieser Aufgabe sind die bis-
       herigen Mittel  unzureichend; aber  sie waren  nicht  schlechthin
       falsch. Man  wird sicher  zugeben müssen,  daß die Kolonialmächte
       oft ihre  eigenen Interessen  verfolgt haben, ihre Machtstellung,
       ihr Ansehen,  und daß  ihr Abzug  manchmal eine verwundbare wirt-
       schaftliche Situation  hinterlassen hat,  die z.B.  an den Ertrag
       einer Monokultur ausgeliefert war, deren Preise jähen und breiten
       Schwankungen unterworfen sind. Man kann diese üblen Praktiken ei-
       nes gewissen Kolonialismus und seine Folgen nicht leugnen. Trotz-
       dem darf  man auch die Tüchtigkeit und das Werk mancher Kolonisa-
       toren rühmend  erwähnen, die so manchem bettelarmen Land ihr Wis-
       sen und  ihr Können  zur Verfügung gestellt und gesegnete Früchte
       ihres Wirkens hinterlassen haben. So unvollkommen auch die damals
       errichteten Ordnungen sein mögen, ihre Strukturen blieben und ha-
       ben die  Unwissenheit und die Krankheit zurückgedrängt, neue Ver-
       bindungswege geschaffen und die Existenzbedingungen verbessert.
       
       Wachsende Störung des Gleichgewichts
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       Dies alles  zugegeben, bleibt  es trotzdem nur zu wahr, daß diese
       Ausrüstung schlechthin  unzureichend ist,  um in der harten Wirk-
       lichkeit der modernen Wirtschaft zu bestehen. Bleibt die Welt dem
       Spiel der Kräfte überlassen, so führt dessen Mechanismus zur Ver-
       schärfung, nicht  zur Entspannung,  zum Mißverhältnis  im Lebens-
       standard: die  reichen Völker  erfreuen sich eines raschen Wachs-
       tums, bei  den armen  geht es  nur langsam voran. Die Störung des
       Gleichgewichts wird bedrohlicher: die einen erzeugen Lebensmittel
       in Überfluß,  die den  andern in erschreckender Weise fehlen, und
       diese sehen ihre Ausfuhr gefährdet.
       
       Bewußtwerden der Lage
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       Gleichzeitig haben die sozialen Konflikte weltweites Ausmaß ange-
       nommen. Eine  starke Unruhe,  die sich  der armen  Klassen in den
       sich industrialisierenden Ländern bemächtigt hat, greift auch auf
       jene über,  deren Wirtschaft  noch fast  agrarisch ist.  Auch die
       Bauern werden  sich ihres  unverdienten Elends  bewußt. 9) Und zu
       allem kommt  der Skandal schreiender Ungerechtigkeit nicht nur im
       Besitz der  Güter, sondern  mehr noch  in  deren  Gebrauch.  Eine
       kleine Schicht  genießt in  manchen Ländern  alle Raffinessen der
       Zivilisation, und der Rest der Bevölkerung ist arm, hin- und her-
       geworfen und ermangelt "fast jeder Möglichkeit, initiativ und ei-
       genverantwortlich zu  handeln, und  befindet sich  oft in Lebens-
       und Arbeitsbedingungen, die des Menschen unwürdig sind" 10)
       
       Der Zusammenstoß der Kulturen
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       Ein weiterer Punkt: das Aufeinanderprallen der überlieferten Kul-
       turen mit  der neuen industriellen Welt zerbricht die Strukturen,
       die sich  nicht den  neuen Gegebenheiten  anpassen.  Ihr  Gefüge,
       manchmal sehr  starr, war  der notwendige  Halt für das Leben des
       einzelnen wie  der Familie.  Die Älteren  halten noch daran fest,
       die Jungen  entziehen sich ihnen als einem unnützen Hindernis und
       wenden sich  begierig den  neuen Formen  sozialen Lebens  zu. Der
       Konflikt der  Generationen verschärft sich so zu einem tragischen
       Dilemma: entweder  die alten  Gebräuche und den alten Glauben be-
       wahren und  auf den Fortschritt verzichten, oder sich der von au-
       ßen kommenden  Technik und  Zivilisation öffnen und die Tradition
       mit ihrem  ganzen menschlichen Reichtum hingeben. Und in der Tat:
       der sittliche,  geistige, religiöse Halt von früher löst sich nur
       allzuoft auf,  ohne daß  die Eingliederung in die neue Welt genü-
       gend gesichert ist.
       
       Die Aussichten
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       In dieser  Verwirrung wächst die Versuchung, sich Messianismen zu
       verschreiben, Verheißungen,  die doch nur Gaukler einer Traumwelt
       sind. Wer sieht nicht die daraus erwachsenden Gefahren: Gewaltta-
       ten der Völker, Aufstände, Hineinschlittern in totalitäre Ideolo-
       gien? Das ist das Problem, dessen Schwierigkeit jeder sieht.
       
       2. Die Kirche und die Entwicklung
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       Das Werk der Missionare
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       Treu der  Weisung und dem Beispiel ihres göttlichen Stifters, der
       die Verkündigung  der Frohbotschaft  an die Armen als Zeichen für
       seine Sendung  hingestellt hat, 11) hat sich die Kirche immer be-
       müht, die  Völker, denen sie den Glauben an Christus brachte, zum
       wahren Menschentum  zu führen. Ihre Missionare haben Kirchen, Ho-
       spize, Krankenhäuser,  Schulen, Universitäten  gebaut. Sie  haben
       die Eingeborenen gelehrt, die Hilfsquellen ihres Landes besser zu
       nutzen, und  haben sie so nicht selten gegen die Gier der Fremden
       geschützt. Natürlich war auch ihr Werk, wie jegliches menschliche
       Werk, nicht  vollkommen, und manche von ihnen mochten ihre heimi-
       sche Denk-  und Lebensweise mit der Verkündigung der eigentlichen
       Frohbotschaft verbunden  haben. Trotzdem  verstanden sie es, auch
       die dortigen  Lebensformen zu  pflegen und zu fördern. Vielerorts
       gehören sie zu den Pionieren des materiellen Fortschritts und des
       kulturellen Aufstiegs;  um nur ein Beispiel zu nennen: Charles de
       Foucauld, der  um seiner  Nächstenliebe willen "Bruder aller" ge-
       nannt wurde und der ein wertvolles Lexikon der Sprache der Tuareg
       schuf. Sie  alle sollen in Ehren erwähnt sein, die allzuoft Unbe-
       kannten, die  Vorläufer, die  die Liebe Christi drängte, und ihre
       Schüler und Nachfolger, die auch heute noch in einem hochherzigen
       und selbstlosen  Dienst bei  denen ausharren, denen sie die Froh-
       botschaft bringen.
       
       Die Kirche und die Welt
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       Diese örtlichen  und einzelnen  Initiativen genügen  heute jedoch
       nicht mehr.  Die gegenwärtige Situation der Welt verlangt ein ge-
       meinsames Handeln,  beginnend bereits mit einer klaren Konzeption
       auf wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem und geistigem Gebiet.
       Erfahren in  den Fragen,  die den Menschen betreffen, geht es der
       Kirche, ohne  sich in  die staatlichen Belange einmischen zu wol-
       len, nur  um dies:  "unter Führung des Geistes, des Trösters, das
       Werk Christi  selbst weiterzuführen,  der in die Welt kam, um der
       Wahrheit Zeugnis  zu geben;  zu retten, nicht zu richten; zu die-
       nen, nicht  sich bedienen zu lassen". 12) Gegründet, um schon auf
       dieser Erde das Himmelreich zu errichten, nicht um irdische Macht
       zu erringen,  bezeugt sie ohne Zweideutigkeit, daß die beiden Be-
       reiche voneinander  verschieden sind, daß kirchliche und staatli-
       che Gewalt  höchste in  ihrer Ordnung  sind. 13) Aber sie lebt in
       der Geschichte,  und darum hat sie "die Pflicht, nach den Zeichen
       der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten".
       14) Sie  teilt mit  den Menschen deren bestes Streben und leidet,
       wenn es nicht erfüllt wird. Sie möchte ihnen helfen, sich voll zu
       entfalten, und  deswegen eröffnet sie ihnen ihr Ureigenstes: eine
       umfassende Sicht des Menschen und der Menschheit.
       
       DIE CHRISTLICHE AUFFASSUNG VON DER ENTWICKLUNG
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       Entwicklung ist  nicht einfach  gleichbedeutend mit wirtschaftli-
       chem Wachstum.  Wahre Entwicklung muß umfassend sein, sie muß den
       ganzen Menschen im Auge haben und die gesamte Menschheit, wie ein
       Fachmann auf  diesem Gebiet  geschrieben hat:  "Wir lehnen es ab,
       die Wirtschaft  vom Menschlichen  zu trennen, von der Entwicklung
       der Kultur, zu der sie gehört. Was für uns zählt, ist der Mensch,
       der einzelne,  die Gruppe  von Menschen  bis zur gesamten Mensch-
       heit". 15)
       
       Berufung zum Wachstum
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       Nach dem  Plan Gottes  ist jeder  Mensch gerufen, sich zu entwic-
       keln; denn  das ganze Leben ist Berufung. Von Geburt an ist allen
       keimhaft eine  Fülle von  Fähigkeiten und  Eigenschaften gegeben,
       die Frucht tragen sollen. Ihre Entfaltung, Ergebnis der Erziehung
       durch die  Umwelt und  persönlicher Anstrengung,  gibt jedem  die
       Möglichkeit, sich  auf das Ziel auszurichten, das ihm sein Schöp-
       fer gesetzt  hat. Mit  Einsicht und Willen begabt, ist der Mensch
       für seinen  Fortschritt ebenso  verantwortlich wie für sein Heil.
       Unterstützt, manchmal  auch behindert  durch seine  Erzieher  und
       seine Umwelt,  ist jeder seines Glückes Schmied, seines Versagens
       Ursache, wie  immer auch  die Einflüsse sind, die auf ihn wirken.
       Jeder Mensch  kann durch seine geistige und willentliche Anstren-
       gung als Mensch wachsen, mehr wert sein, mehr sein.
       
       Die Verantwortung des einzelnen
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       Dieses Wachstum  ist nicht seinem freien Belieben anheimgestellt.
       Wie die  gesamte Schöpfung auf ihren Schöpfer hingeordnet ist, so
       ist auch  das geistbegabte  Geschöpf gehalten,  von sich aus sein
       Leben auf  Gott, die  erste Wahrheit  und das höchste Gut, auszu-
       richten. Deshalb ist auch für uns das Wachstum in unserem Mensch-
       sein die Summe unserer Pflichten. Mehr noch, dieser durch persön-
       liche und  verantwortungsbewußte Anstrengung  zur  Ausgewogenheit
       gekommene Mensch  ist über  sich hinausgerufen.  Durch seine Ein-
       gliederung in Christus, das Leben, gelangt er zu einer neuen Ent-
       faltung, zu  einem Humanismus  jenseitiger, ganz anderer Art, der
       ihm eine  umgreifende Vollendung schenkt: das ist das letzte Ziel
       und der letzte Sinn menschlicher Entwicklung.
       
       Die Verantwortung der Gemeinschaft
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       Der Mensch  ist aber  auch Glied  der Gemeinschaft. Er gehört zur
       ganzen Menschheit.  Nicht nur  dieser oder  jener, alle  Menschen
       sind zur vollen Entfaltung berufen. Die Kulturen entstehen, wach-
       sen, sterben.  Aber wie  jede Woge der steigenden Flut weiter als
       die  vorhergehende  den  Strand  überspült,  schreitet  auch  die
       Menschheit auf  dem Weg ihrer Geschichte voran. Erben unserer Vä-
       ter und  Beschenkte unserer  Mitbürger, sind wir allen verpflich-
       tet, und  jene können  uns nicht  gleichgültig sein, die nach uns
       den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die unbestreitbare Soli-
       darität aller, eine Gabe an uns, ist auch eine Verpflichtung.
       
       Hierarchie der Werte
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       Die Entfaltung  des einzelnen  und der Gemeinschaft wäre in Frage
       gestellt, wenn die wahre Hierarchie der Werte abgebaut würde. Das
       Streben nach  dem Notwendigen ist rechtens, und die Arbeit, es zu
       beschaffen, ist Pflicht: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht es-
       sen". 16)  Aber der Erwerb zeitlicher Güter kann zur Gier führen,
       zum Verlangen,  immer mehr zu besitzen, und zur Versuchung, seine
       Macht auszudehnen.  Die Habsucht der einzelnen, der Familien, der
       Völker kann  die Armen  und die  Reichen packen und bei den einen
       wie den andern einen erstickenden Materialismus hervorrufen.
       
       Zwei Seiten des Wachstums
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       Mehr haben  ist also  weder für die Völker noch für den einzelnen
       das letzte Ziel. Jedes Wachstum hat seine zwei Seiten. Unentbehr-
       lich, damit  der Mensch mehr Mensch sei, sperrt es ihn wie in ein
       Gefängnis ein,  wenn es  zum höchsten Wert wird, der dem Menschen
       den Blick  nach oben versperrt. Dann verhärtet sich das Herz, der
       Geist verschließt  sich, die  Menschen kennen  keine Freundschaft
       mehr, nur  das eigene  Interesse, das sie gegeneinander aufbringt
       und entzweit.  Das ausschließliche Streben nach Besitz verhindert
       das innere  Wachstum und  steht dessen wahrer Größe entgegen: für
       die Nationen wie für den einzelnen ist die Habsucht das deutlich-
       ste Zeichen moralischer Unterentwicklung.
       
       Um ein menschlicheres Leben
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       Die Entwicklungshilfe  braucht immer mehr Techniker. Noch nötiger
       freilich hat sie weise Menschen mit tiefen Gedanken, die nach ei-
       nem neuen  Humanismus Ausschau halten, der den Menschen von heute
       sich selbst finden läßt, im Ja zu den hohen Werten der Liebe, der
       Freundschaft, des  Gebets, der  Betrachtung. 17) So kann sich die
       wahre Entwicklung  voll und ganz erfüllen, die für den einzelnen,
       die für  die Völker der Weg von weniger menschlichen zu menschli-
       cheren Lebensbedingungen ist.
       
       Das erstrebte Ideal
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       Weniger menschlich:  das sind  die materiellen  Nöte derer, denen
       das Existenzminimum  fehlt; das  sind die  sittlichen Nöte derer,
       die vom  Egoismus zerfressen  sind. Weniger  menschlich: das sind
       die Züge der Gewalt, die im Mißbrauch des Besitzes oder der Macht
       ihren Grund  haben, in  der Ausbeutung der Arbeiter, in der Unge-
       rechtigkeit von  Geschäften. Menschlicher:  das ist  der Aufstieg
       aus dem  Elend zum  Besitz des Notwendigen, der Sieg über die so-
       zialen Mißstände,  die Erweiterung  des Wissens,  der Erwerb  von
       Bildung. Menschlicher:  das ist  das deutlichere  Wissen  um  die
       Würde des  Menschen, das  Ausrichten auf den Geist der Armut, 18)
       die Zusammenarbeit  zum Wohle  aller, der Wille zum Frieden. Men-
       schlicher: das ist die Anerkennung letzter Werte und die Anerken-
       nung Gottes,  ihrer Quelle  und ihres Zieles, von seiten des Men-
       schen. Menschlicher: das ist endlich vor allem der Glaube, Gottes
       Gabe, angenommen durch des Menschen guten Willen, und die Einheit
       in der  Liebe Christi,  der alle gerufen hat, als Kinder am Leben
       des lebendigen Gottes teilzunehmen, des Vaters aller Menschen.
       
       3. Was ist zu tun?
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       DIE GÜTER SIND FÜR ALLE DA
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       "Erfüllt die  Erde und  macht sie euch untertan" 19): die Heilige
       Schrift lehrt  uns auf ihrer ersten Seite, daß die gesamte Schöp-
       fung für  den Menschen  da ist.  Freilich, er  muß seine geistige
       Kraft an  sie setzen,  um ihre  Werte zu entwickeln und sie durch
       seine Arbeit sich dienstbar zu machen. Wenn aber die Erde da ist,
       um jedem  die Mittel für seine Existenz und seinen Fortschritt zu
       geben, dann  hat jeder  Mensch das  Recht, auf ihr das zu finden,
       was er  nötig hat.  Das Konzil  hat dies  in Erinnerung  gerufen:
       "Gott hat  die Erde  mit allem,  was sie enthält, zur Nutzung für
       alle Menschen  und Völker bestimmt, so daß die geschaffenen Güter
       allen in einer billigen Art und Weise zufließen müssen, wobei Ge-
       rechtigkeit der  Leitstern und  die Liebe  ihre Begleiterin sei".
       20) Alle  anderen Rechte, ganz gleich welche, auch das des Eigen-
       tums und  des freien  Handels, sind ihm untergeordnet. Sie dürfen
       seine Verwirklichung  nicht erschweren, sondern müssen sie im Ge-
       genteil erleichtern.  Es ist  eine ernste  und dringende  soziale
       Aufgabe, sie  alle auf  ihre ursprüngliche Sinnrichtung auszuord-
       nen.
       
       Das Eigentum
       ------------
       
       "Wer aber  die Güter  der Welt  hat und  seinen Bruder Not leiden
       sieht und  sein Herz gegen ihn verschließt, wie kann da die Liebe
       Gottes in ihm bleiben?" 21) Es ist bekannt, mit welcher Entschie-
       denheit die Kirchenväter gelehrt haben, welche Haltung die Besit-
       zenden gegenüber  den Notleidenden  einzunehmen  haben:  "Es  ist
       nicht dein Gut", sagt Ambrosius, "mit dem du dich gegen den Armen
       großzügig erweist.  Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn
       du hast  dir nur herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gege-
       ben ist.  Die Erde  ist für  alle da, nicht nur für die Reichen".
       22) Das  Privateigentum ist  also für niemand ein unbedingtes und
       unumschränktes Recht.  Niemand kann  guten Grunds seinen Überfluß
       ausschließlich für  sich gebrauchen,  wo andern  das Notwendigste
       fehlt. Mit  einem Wort: das Eigentumsrecht darf nach der herkömm-
       lichen Lehre  der Kirchenväter  und der  großen Theologen niemals
       zum Schaden  des Gemeinwohls  genutzt werden. Sollte ein Konflikt
       zwischen den "wohlerworbenen Rechten des einzelnen und den Grund-
       bedürfnissen der  Gemeinschaft" entstehen,  dann ist  es  an  der
       staatlichen Gewalt,  "unter aktiver Beteiligung der einzelnen und
       der Gruppen eine Lösung zu suchen". 23)
       
       Die Nutzung der Einkünfte
       -------------------------
       
       Das Gemeinwohl  verlangt deshalb  manchmal eine  Enteignung, wenn
       ein Besitz  wegen seiner  Größe, seiner  geringen oder  überhaupt
       nicht erfolgten  Nutzung, wegen  des Elends,  das die Bevölkerung
       durch ihn  erfährt, wegen  eines beträchtlichen Schadens, den die
       Interessen des  Landes erleiden,  dem Gemeinwohl  hemmend im Wege
       steht. Das Konzil hat das ganz klar gesagt. 24) Und nicht weniger
       klar hat  es erklärt,  daß verfügbare  Mittel nicht  einfach  dem
       willkürlichen Belieben der Menschen überlassen sind und daß eogi-
       stische Spekulationen  keinen Platz  haben dürfen. Man braucht es
       deswegen nicht zu dulden, daß Staatsbürger mit übergroßen Einkom-
       men aus den Schätzen und der Arbeit des Landes davon einen großen
       Teil ins  Ausland schaffen, zum ausschließlichen persönlichen Ge-
       brauch, ohne  sich um das offensichtliche Unrecht zu kümmern, das
       sie ihrem Land damit zufügen. 25)
       
       DIE INDUSTRIALISIERUNG
       ----------------------
       
       Notwendig für  das wirtschaftliche  Wachstum und  den Fortschritt
       der Menschen  ist die  Industrialisierung, Zeichen  und teilweise
       Ursache der Entwicklung. Durch die zähe Anwendung seiner Intelli-
       genz und seiner Arbeit entreißt der Mensch Schritt um Schritt der
       Natur ihre Geheimnisse, zieht aus ihren Reichtümern größeren Nut-
       zen. Indem  er sein  Verhalten in  Zucht nimmt,  entwickelt er in
       sich den Geschmack am Forschen und Erfinden, das Ja zum berechne-
       ten Risiko,  die Kühnheit  im Unternehmen, die großzügige Initia-
       tive und den Sinn für Verantwortung.
       
       Der liberale Kapitalismus
       -------------------------
       
       Zum Unglück  hat sich  mit diesen neuen Formen des Lebens ein Sy-
       stem verbunden,  das den  Profit als  den eigentlichen  Motor des
       wirtschaftlichen Fortschritts  betrachtet, den Wettbewerb als das
       oberste Gesetz der Wirtschaft, das Eigentum an den Produktionsgü-
       tern als  ein absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende
       Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber. Dieser ungehemmte Li-
       beralismus führte  zu jener  Diktatur, die Pius XI. mit Recht als
       die Ursache des "internationalen Kapitalismus der Hochfinanz" 26)
       brandmarkte. Man  kann diesen Mißbrauch nicht scharf genug verur-
       teilen. Noch  einmal sei  feierlich daran erinnert, daß die Wirt-
       schaft im  Dienst des  Menschen steht. 27) Aber wenn es auch wahr
       ist, daß eine gewisse Form des Kapitalismus die Quelle von vielen
       Übeln ist,  von Ungerechtigkeiten und brudermörderischen Kämpfen,
       deren Folgen  heute noch zu spüren sind, so wurde man doch zu Un-
       recht der  Industrialisierung als solcher die Übel ankreiden, die
       mit dem  verderblichen System in ihrer Begleitung verbunden sind.
       Es ist  im Gegenteil  der unersetzbare  Beitrag anzuerkennen, den
       die Organisierung der Arbeit und der industrielle Fortschritt zur
       Entwicklung geleistet haben.
       
       Die Arbeit
       ----------
       
       Und ebenso  bleibt es  wahr, daß die Arbeit, mag sie auch hie und
       da einer  verstiegenen Mystik  unterliegen, von  Gott gewollt und
       gesegnet ist.  Nach dem  Bilde Gottes geschaffen, "muß der Mensch
       mit dem  Schöpfer an der Vollendung der Schöpfung mitarbeiten und
       die Welt mit dem Siegel seines Geistes prägen, den er selbst emp-
       fangen hat".  28) Gott, der den Menschen mit Verstand, Phantasie,
       Einfühlungsvermögen ausgestattet hat, hat ihm auch die Mittel ge-
       geben, irgendwie  sein Werk  zu vollenden. Ob Künstler oder Hand-
       werker, ob Unternehmer, Arbeiter oder Bauer, jeder, der arbeitet,
       ist schöpferisch tätig. Beschäftigt mit einer widerspenstigen Ma-
       terie, prägt  er ihr  sein Siegel  auf und  gewinnt so Zähigkeit,
       Scharfsinn und  Erfindungsgabe. Ja,  gemeinsame, in Hoffnung, Mü-
       hen, Streben  und Freude  geteilte Arbeit eint die Willen, bringt
       die Geister einander näher und verbindet die Herzen: im gemeinsa-
       men Werk entdecken sich die Menschen als Brüder. 29)
       
       Ihre zwei Seiten
       ----------------
       
       Aber sie  hat ihre  zwei Seiten:  sie verspricht Geld, Vergnügen,
       Macht, sie  lädt die  einen zum Egoismus ein, die anderen zur Re-
       volte; aber  sie entwickelt  auch Berufsethos,  Pflichtbewußtsein
       und Nächstenliebe.  Je wissenschaftlicher  und besser sie organi-
       siert wird,  um so  eher kann  sie den  Menschen entmenschlichen,
       versklaven. Die  Arbeit ist nur dann menschlich, wenn sie der In-
       telligenz und der Freiheit Platz läßt. Johannes XXIII. hat an die
       dringende Aufgabe  erinnert, dem  Arbeiter seine  Würde zu geben,
       ihn wirklich  am gemeinsamen  Werk teilnehmen zu lassen: "Man muß
       danach streben,  daß die Unternehmen eine Gemeinschaft von Perso-
       nen werden, was die gegenseitigen Beziehungen, die Betriebsarbeit
       und die  Stellung der  ganzen Belegschaft  angeht". 30) Die Mühen
       der Menschen  haben für  den Christen  noch einen  weiteren Sinn:
       mitzuarbeiten an  der Schaffung der übernatürlichen Welt, 31) die
       noch nicht  vollendet ist, bis wir alle zusammen den vollkommenen
       Menschen bilden,  von dem  der heilige Paulus spricht und der die
       "Fülle Christi" darstellt. 32)
       
       DIE DRINGLICHKEIT DER AUFGABE
       -----------------------------
       
       Es eilt. Zu viele Menschen sind elend, und es wächst der Abstand,
       der den  Fortschritt der einen von der Stagnation, besser gesagt,
       dem Rückschritt der anderen trennt. Was zu tun ist, muß aufeinan-
       der abgestimmt  werden, sonst  wird das  nötige Gleichgewicht ge-
       stört. Eine  unbedachte Agrarreform kann ihr Ziel verfehlen. Eine
       übereilte Industrialisierung  kann  Strukturen  zerschlagen,  die
       noch notwendig  sind, und soziales Elend schaffen, ein Rückschlag
       für die Menschheit.
       
       Versuchungen zu Gewalt
       ----------------------
       
       Es gibt ganz sicher Situationen, deren Ungerechtigkeit zum Himmel
       schreit. Wenn  ganze Völker,  am Notwendigsten  leidend, in einer
       solchen Zwangslage  leben, daß  sie nichts  selber tun und lassen
       können, keine  Möglichkeit des kulturellen Aufstiegs haben, keine
       Möglichkeit, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen, dann
       ist die Versuchung groß, solches gegen die menschliche Würde ver-
       stoßende Unrecht mit Gewalt zu beseitigen.
       
       Revolution
       ----------
       
       Trotzdem: Jede  Revolution -  ausgenommen im Fall der eindeutigen
       und lange  dauernden Gewaltherrschaft,  die die  Grundrechte  der
       Person schwer  verletzt und  dem Gemeinwohl des Landes gefährlich
       schadet -  zeugt neues Unrecht, bringt neue Störungen des Gleich-
       gewichts mit sich, ruft neue Zerrüttung hervor. Man kann ein Übel
       nicht mit einem noch größeren Übel vertreiben.
       
       Reform
       ------
       
       Man verstehe  Uns recht:  wir müssen uns der gegenwärtigen Situa-
       tion mutig  stellen und ihre Ungerechtigkeiten tilgen und aus der
       Welt schaffen.  Das Entwicklungswerk verlangt kühne bahnbrechende
       Umgestaltungen. Drängende Reformen müssen unverzüglich in Angriff
       genommen werden.  Alle müssen  sich hochherzig  daran beteiligen,
       vor allem jene, die durch Erziehung, Stellung, Einfluß große Mög-
       lichkeiten haben.  Möchten sie  doch, Beispiel gebend, wie es ei-
       nige Unserer  Brüder aus dem Episkopat taten, 33) aus ihrem eige-
       nen Vermögen  etwas opfern.  Damit entsprechen  sie der Erwartung
       der Menschen,  damit gehorchen  sie dem  Geist Gottes,  denn "der
       Sauerteig des  Evangeliums hat  im Herzen  der Menschen den unbe-
       zwingbaren Anspruch  auf Würde  erweckt und erweckt ihn auch wei-
       ter". 34)
       
       PROGRAMME UND PLANUNG
       ---------------------
       
       Die Einzelinitiative  und das  freie Spiel des Wettbewerbs können
       den Erfolg  des Entwicklungswerkes  nicht sichern.  Man  darf  es
       nicht darauf  ankommen lassen,  daß der  Reichtum der Reichen und
       die Stärke  der Starken  noch größer  werden, indem man die Armut
       der Armen  und das Unterdrücktsein der Unterdrückten verewigt und
       zunehmen läßt.  Man braucht  Programme, die die Aktionen der ein-
       zelnen und der Zwischenorganisationen "ermutigen, anspornen, auf-
       einander abstimmen,  ergänzen und  zu einer Einheit bringen". 35)
       Es ist  Sache des  Staates, hier  auszuwählen, die  Vorhaben, die
       Ziele, die  Mittel zu  bestimmen; an ihm ist es auch, alle an der
       gemeinsamen Aktion  beteiligten Kräfte  anzuspornen. Aber er soll
       Sorge tragen,  an solchen  Aktionen die Initiativen der einzelnen
       und der  Sozialgebilde zu beteiligen, um die Gefahr einer Kollek-
       tivierung oder einer mehr oder weniger zufälligen Planung zu ban-
       nen, die,  freiheitsfeindlich, die  Ausübung grundlegender Rechte
       der menschlichen Person unmöglich machen.
       
       Im Dienst des Menschen
       ----------------------
       
       Jedes Programm  zur Steigerung der Produktion hat nur so weit Be-
       rechtigung, als  es dem  Menschen dient.  Es ist  da, um  die Un-
       gleichheiten zurückzuschrauben,  Verfemungen  zu  bekämpfen,  den
       Menschen aus  seinen Versklavungen  zu befreien, ihn fähig zu ma-
       chen, in  eigener Verantwortung  sein  materielles  Wohl,  seinen
       sittlichen Fortschritt,  seine geistige Entfaltung in die Hand zu
       nehmen. Entwicklung  sagen bedeutet,  sich um  den sozialen Fort-
       schritt genau  so kümmern  wie um den wirtschaftlichen. Es reicht
       nicht, den  allgemeinen Reichtum  ansteigen zu  lassen,  um  dann
       gleichmäßig zu  verteilen. Es  reicht nicht,  die Technik  auszu-
       bauen, damit  die Erde menschlicher zu bewohnen sei. Die Irrtümer
       derer, die  ihnen voraus sind, sollten die Entwicklungsländer vor
       den Gefahren  auf diesem Gebiet warnen. Die Technokratie von mor-
       gen kann genau so schwere Fehler begehen wie der Liberalismus von
       gestern. Wirtschaft  und Technik  erhalten ihren  Sinn erst durch
       den Menschen,  dem sie zu dienen haben. Und der Mensch ist nur in
       dem Maß wahrer Mensch, als er, Herr seiner Handlungen und Richter
       über ihren  Wert, selbst an seinem Fortschritt arbeitet, in Über-
       einstimmung mit  seiner Natur,  die ihm  der Schöpfer gegeben hat
       und zu deren Möglichkeiten und Forderungen er in Freiheit sein Ja
       sagt.
       
       Kampf gegen das Analphabetentum
       -------------------------------
       
       Man kann  sogar sagen, daß das wirtschaftliche Wachstum in erster
       Linie  vom   sozialen  Fortschritt   abhängt.  Deshalb  ist  eine
       Grundausbildung die  erste Stufe  eines  Entwicklungsplanes.  Der
       Hunger nach  Unterricht ist  nicht weniger niederdrückend als der
       Hunger nach  Nahrung. Ein Analphabet ist geistig unterentwickelt.
       Lesen und  schreiben können, eine Berufsausbildung erwerben heißt
       Selbstvertrauen gewinnen  und entdecken, daß man zusammen mit an-
       deren vorankommt.  Wie Wir  schon in Unserer Botschaft an den UN-
       ESCO-Kongreß von  Teheran im Jahre 1965 gesagt haben, ist die Er-
       lernung des Alphabets für den Menschen "ein hervorragender Faktor
       seiner sozialen  Eingliederung und seines persönlichen Reichtums,
       für die  Gesellschaft ein bevorzugtes Mittel des wirtschaftlichen
       Fortschritts und  der Entwicklung".  36) Deshalb  freuen Wir  Uns
       über die  gute Arbeit,  die auf diesem Gebiet durch Einzelinitia-
       tive, öffentliche  und internationale Stellen geleistet wird. Sie
       sind die  vordersten Arbeiter an der Entwicklung; denn sie machen
       den Menschen fähig, zu sich selbst zu kommen.
       
       Die Familie
       -----------
       
       Der Mensch  ist nur  er selbst  in seiner sozialen Umwelt, in der
       die Familie  die erste Rolle spielt. Diese konnte nach Zeiten und
       Orten das  rechte Maß  übersteigen, vor allem dann, wenn sie sich
       zum Nachteil der grundlegenden Freiheiten des Menschen auswirkte.
       Oft zu  starr und  schlecht strukturiert, sind die alten sozialen
       Verbände in  den Entwicklungsländern  trotzdem noch eine Zeitlang
       notwendig und können nur Schritt für Schritt in ihrer überstarken
       Bindung gelöst werden. Aber die normale Familie, die auf der Ein-
       ehe beruht und fest gegründet ist, die Familie, wie sie nach Got-
       tes Plan sein soll 37) und die das Christentum geheiligt hat, muß
       der Ort  bleiben, in dem "verschiedene Generationen zusammenleben
       und sich  gegenseitig helfen, um zu größerer Weisheit zu gelangen
       und die  Rechte der einzelnen Personen mit den anderen Notwendig-
       keiten des gesellschaftlichen Lebens zu vereinbaren". 38)
       
       Bevölkerungsfragen
       ------------------
       
       Es ist  richtig, daß  zu oft ein schnelles Anwachsen der Bevölke-
       rung für  das Entwicklungsproblem  eine zusätzliche Schwierigkeit
       bedeutet; die  Bevölkerung wächst schneller als die zur Verfügung
       stehenden Hilfsmittel,  und man  gerät sichtlich in einen Engpaß.
       Dann ist die Versuchung groß, das Anwachsen der Bevölkerung durch
       radikale Maßnahmen zu bremsen. Der Staat hat zweifellos innerhalb
       der Grenzen  seiner Zuständigkeit  das Recht,  hier einzugreifen,
       eine zweckmäßige Aufklärung durchzuführen und geeignete Maßnahmen
       zu treffen,  vorausgesetzt, daß  diese in Übereinstimmung mit dem
       Sittengesetz sind  und die  Freiheit der Eheleute nicht antasten.
       Ohne das  unabdingbare Recht  auf Ehe  und Zeugung  gibt es keine
       Würde des  Menschen. Die  letzte Entscheidung über die Kinderzahl
       liegt bei  den Eltern.  Sie haben  es reiflich  zu überlegen. Sie
       müssen die  Verantwortung vor  Gott übernehmen,  vor sich selbst,
       vor den  Kindern, die sie bereits haben, vor der Gemeinschaft, zu
       der sie  gehören, nach  ihrem Gewissen,  das sie entsprechend dem
       authentisch interpretierten  Gesetz Gottes  gebildet haben und im
       Vertrauen auf ihn stärken. 39)
       
       Berufsorganisationen
       --------------------
       
       In der  Arbeit an  der Entwicklung  wird dem Menschen, der in der
       Familie seine  erste Heimstatt  hat, oft von Berufsorganisationen
       geholfen. Wenn  deren Daseinsberechtigung  in der Wahrung der In-
       teressen ihrer Mitglieder besteht, dann haben sie eine große Ver-
       antwortung vor  der erzieherischen  Aufgabe, die sie gleichzeitig
       leisten können  und müssen. In ihrer Aufklärungs- und Bildungsar-
       beit haben sie die große Möglichkeit, in allen den Gemeinsinn und
       die Verpflichtung ihm gegenüber zu wecken.
       
       Legitimer Pluralismus
       ---------------------
       
       Alles soziale  Handeln setzt  eine Lehre  voraus. Der Christ kann
       kein System  annehmen, dem eine materialistische und atheistische
       Philosophie zugrunde  liegt, die  weder die  Ausrichtung des Men-
       schen auf  sein letztes Ziel noch seine Freiheit noch seine Würde
       als Mensch achten. Wo jedoch diese Werte sichergestellt sind, ist
       nichts gegen einen Pluralismus beruflicher und gewerkschaftlicher
       Organisationen einzuwenden;  in mancher  Hinsicht ist  das  sogar
       nützlich, weil damit die Freiheit geschützt und der Wetteifer an-
       geregt wird.  Aufrichtig danken  Wir allen,  die  im  selbstlosen
       Dienst für ihre Brüder arbeiten.
       
       Kulturelle Förderung
       --------------------
       
       Neben den  Berufsorganisationen sind  auch Kulturwerke an der Ar-
       beit. Ihre Rolle ist für das Gelingen der Entwicklung nicht weni-
       ger wichtig.  "Es gerät  nämlich", wie  das Konzil  mit Nachdruck
       sagt, "das  künftige Geschick der Welt in Gefahr, wenn nicht wei-
       sere Menschen auftreten". Und es fügt hinzu: "Viele Nationen sind
       an wirtschaftlichen  Gütern verhältnismäßig arm, an Weisheit aber
       reicher und  können den übrigen hervorragende Hilfe leisten". 40)
       Reich oder  arm, jedes  Land hat eine Kultur, die es von den Vor-
       fahren übernommen  hat: Institutionen  für das  materielle Leben,
       Werke geistigen  Lebens, künstlerischer, denkerischer, religiöser
       Art. Sofern  sie wahre  menschliche Werte darstellen, wäre es ein
       großer Fehler,  sie aufzugeben.  Ein Volk,  das dazu bereit wäre,
       verlöre das  Beste seiner selbst, es gäbe, um zu leben, den Grund
       seines Lebens  hin. Das Wort Christi: "Was nützt es dem Menschen,
       wenn er  die ganze  Welt gewinnt, aber seine Seele verliert", 41)
       gilt auch für die Völker.
       
       Die Versuchung des Materialismus
       --------------------------------
       
       Die armen  Völker können sich nie genug vor der Versuchung hüten,
       die ihnen  von den reichen kommt. Diese bieten nur allzuoft neben
       dem Vorbild  ihrer Erfolge  im Technischen  und Zivilisatorischen
       das Beispiel  eines hauptsächlich  auf das materielle Wohl ausge-
       richteten Handelns.  Nicht als  ob dieses  von sich aus gegen den
       Geist gerichtet  wäre. Im Gegenteil: "Der Geist des Menschen kann
       sich, von der Versklavung unter die Sachwelt befreit, ungehindert
       zur Kontemplation  und Anbetung  des Schöpfers erheben". 42) Aber
       "die heutige  Zivilisation kann  oft, zwar  nicht von ihrem Wesen
       her, aber  durch ihre einseitige Zuwendung zu den irdischen Wirk-
       lichkeiten, den Zugang zu Gott erschweren". 43) Die Entwicklungs-
       länder müssen  also aus dem, was ihnen angeboten wird, auswählen:
       kritisch beleuchten  und ablehnen  die Scheinwerte,  die die men-
       schlichen Ideale nur absinken ließen, annehmen dagegen die gesun-
       den und  nützlichen Werte, um sie zusammen mit ihren eigenen nach
       ihrem Verständnis zu entwickeln.
       
       Zusammenfassung
       ---------------
       
       Diesen vollen  Humanismus gilt  es zu  entfalten. 44) Und was ist
       dies anders  als eine  umfassende Entwicklung des ganzen Menschen
       und der  ganzen Menschheit? Ein in sich geschlossener Humanismus,
       der die  Augen vor  den Werten  des Geistes  und vor  Gott, ihrer
       Quelle, verschließt, könnte nur scheinbaren Erfolg haben. Gewiß.,
       der Mensch  kann die  Erde ohne  Gott gestalten,  aber "ohne Gott
       kann er  sie letzten  Endes nur gegen den Menschen formen. Der in
       sich verschlossene Humanismus ist ein unmenschlicher Humanismus".
       45) Nur  jener Humanismus  also  ist  der  wahre,  der  sich  zum
       Abso]uten hin öffnet, in Dank für eine Berufung, die die richtige
       Auffassung vom  menschlichen Leben schenkt. Der Mensch ist in gar
       keiner Weise  letzte Norm  der Werte,  und er  ist  nur  so  viel
       Mensch, als  er, nach  einem Wort Pascals, den Menschen unendlich
       übersteigt. 46)
       
       ZWEITER TEIL: UM EINE SOLIDARISCHE ENTWICKLUNG DER MENSCHHEIT
       -------------------------------------------------------------
       
       Einleitung
       ----------
       
       Die volle  Entwicklung des  Menschen kann  nur in einer solidari-
       schen Entwicklung der Menschheit geschehen. Wir sagten in Bombay:
       "Der Mensch muß dem Menschen begegnen. Die Völker müssen sich als
       Brüder und  Schwestern begegnen, als Kinder Gottes. In diesem ge-
       genseitigen Verstehen  und in dieser Freundschaft, in dieser hei-
       ligen Gemeinschaft  müssen wir  mit dem  gemeinsamen Werk und der
       gemeinsamen Zukunft  der Menschheit beginnen". 47) Deshalb schlu-
       gen Wir  vor, konkrete Mittel und praktische Formen der Organisa-
       tion und Zusammenarbeit zu suchen, um die verfügbaren Hilfsmittel
       gemeinsam zu nutzen und so eine echte Gemeinschaft unter den Völ-
       kern zu stiften.
       
       Bruderschaft der Völker
       -----------------------
       
       Diese Pflicht  betrifft an erster Stelle die Begüterten. Sie wur-
       zelt in der natürlichen und übernatürlichen Bruderschaft der Men-
       schen, in  dreifacher Hinsicht:  in der  Pflicht zur Solidarität:
       die Hilfe, die die reichen Völker den Entwicklungsländern leisten
       müssen; in  der Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit die Abstellung
       dessen, was  an den Wirtschaftsbeziehungen zwischen den mächtigen
       und schwachen  Völkern ungesund  ist; in der Pflicht zur Liebe zu
       allen: die  Schaffung einer menschlicheren Welt für alle, wo alle
       geben und  empfangen können,  ohne daß  der Fortschritt der einen
       ein Hindernis  für die Entwicklung der anderen ist. Die Frage ist
       von Bedeutung. Von ihr hängt die Zukunft der Zivilisation ab.
       
       1. Die Hilfe für die Schwachen
       ------------------------------
       
       Der Kampf gegen den Hunger
       --------------------------
       
       "Wenn ein  Bruder oder eine Schwester keine Kleidung besitzt oder
       der täglichen  Nahrung entbehrt,  es sagt  aber einer von euch zu
       ihnen: Geht  hin in  Frieden, erwärmt  und sättigt euch, ihr gebt
       ihnen aber  nicht, was  sie für  ihren Körper brauchen, was nützt
       das?" 48)  Heute gibt  es -  da ist niemand, der es nicht wüßte -
       auf ganzen  Kontinenten unzählige Männer und Frauen, die vom Hun-
       ger gequält  werden; unzählige  Kinder, die unterernährt sind, so
       daß viele  noch im  zarten Alter sterben; daß die körperliche und
       geistige Entwicklung  der übrigen  in Gefahr ist; daß ganze Land-
       striche zu düsterster Hoffnungslosigkeit verurteilt sind.
       
       Heute
       -----
       
       Aufrufe von  tiefster Sorge  sind schon  ergangen. Der Appell von
       Johannes XXIII.  wurde herzlich aufgenommen. 49) Wir selbst haben
       ihn in  Unserer Weihnachtsbotschaft  von 1963  50) wiederholt und
       von neuem  zugunsten Indiens  im Jahre  1966. 51) Der Kampf gegen
       den Hunger, den die Internationale Organisation für Ernährung und
       Landwirtschaft (FAO) führt und worin sie vom Heiligen Stuhl ermu-
       tigt wird,  wird hochherzig  unterstützt. Unsere Caritas Interna-
       tionalis ist  überall am Werk, und viele Katholiken steuern unter
       Führung Unserer Brüder aus dem Episkopat bei und setzen sich voll
       und ganz  ein, um  den Notleidenden zu helfen, und weiten so mehr
       und mehr den Kreis ihrer Nächsten.
       
       Morgen
       ------
       
       Aber das  kann, ebensowenig wie die privaten und öffentlichen In-
       vestitionen, die  Geschenke und Leihgaben, nicht reichen. Denn es
       handelt sich  nicht nur  darum, den Hunger zu besiegen, die Armut
       einzudämmen. Der Kampf gegen das Elend, so dringend und notwendig
       er ist, ist zu wenig. Es geht darum, eine Welt zu bauen, wo jeder
       Mensch, ohne  Unterschied der Rasse, der Religion, der Abstammung
       ein volles  menschliches Leben  führen kann, frei von Versklavung
       von seiten  der Menschen  oder einer  Natur, die noch nicht recht
       gemeistert ist;  eine Welt, wo die Freiheit nicht ein leeres Wort
       ist, wo  der arme Lazarus an derselben Tafel mit dem Reichen sit-
       zen kann. 52) Das fordert von diesem ein hohes Maß an Hochherzig-
       keit, große  Opfer und  unermüdliche Anstrengungen. Jeder muß auf
       sein Gewissen  hören, das eine neue Forderung für unsere Zeit er-
       hebt. Ist  er bereit,  mit seinem Geld die Werke und Aufgaben zu-
       gunsten der  Ärmsten zu unterstützen? Mehr Steuern zu zahlen, da-
       mit die öffentlichen Stellen ihre Entwicklungshilfe intensivieren
       können? Höhere Preise für die Importe auszurichten, damit die Er-
       zeuger gerechter  verdienen? Notfalls  seine Heimat zu verlassen,
       wenn er  jung ist,  um den  jungen Nationen in der Entwicklung zu
       helfen?
       
       Pflicht zur Solidarität
       -----------------------
       
       Die Pflicht  zur Solidarität  der einzelnen  besteht auch für die
       Völker. "Es  ist eine  schwere Verpflichtung der hochentwickelten
       Länder, den aufstrebenden Völkern zu helfen". 53) Diese Lehre des
       Konzils muß  verwirklicht werden.  Wenn es  auch richtig ist, daß
       jedes Volk die Gaben, die ihm die Vorsehung als Frucht seiner Ar-
       beit geschenkt  hat, an  erster Stelle  genießen  darf,  so  kann
       trotzdem kein  Volk seinen Reichtum für sich allein beanspruchen.
       Jedes Volk  muß mehr und besser produzieren, einmal um seinen ei-
       genen Angehörigen  ein menschliches  Leben zu gewährleisten, dann
       aber auch,  um an  der solidarischen  Entwicklung der  Menschheit
       mitzuarbeiten. Bei  der wachsenden Not der unterentwickelten Län-
       der ist  es also  durchaus als normal anzusehen, wenn die reichen
       Länder einen  Teil ihrer  Produktion zur Befriedigung der Bedürf-
       nisse der  andern abzweigen; und es ist auch normal, daß sie Leh-
       rer, Ingenieure,  Techniker, Wissenschaftler  ausbilden, die  ihr
       Wissen und Können in den Dienst der armen stellen.
       
       Überfluß
       --------
       
       Es sei  noch einmal  wiederholt: Der  Überfluß der reichen Länder
       muß für die armen sein. Die Regel, die einmal zugunsten der näch-
       sten Angehörigen  galt, muß heute auf die Gesamtheit der Weltnöte
       angewandt werden. Die Reichen haben davon den ersten Vorteil. Tun
       sie es  nicht, so  wird ihr  hartnäckiger Geiz das Gericht Gottes
       und den  Zorn der Armen erregen, und unabsehbar werden die Folgen
       sein. Würden  sich die heute blühenden Kulturen in ihrem Egoismus
       verschanzen, so  verübten sie  einen Anschlag  auf ihre  höchsten
       Werte; sie  opferten den  Willen, mehr zu sein, der Gier, mehr zu
       haben. Und es gälte von ihnen das Wort vom Reichen, dessen Lände-
       reien so  guten Ertrag  gaben, daß  er hierfür  keine  Verwendung
       wußte. "Gott aber sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man
       dein Leben von dir fordern". 54)
       
       Programme
       ---------
       
       Damit diese  Anstrengungen einen  vollen Erfolg  zeitigen, dürfen
       sie nicht verstreut und aus Geltungssucht und Machtstreben einan-
       der entgegengesetzt  sein. Die  Situation verlangt Programme, die
       aufeinander abgestimmt sind. Ein Programm ist mehr und besser als
       eine Hilfe,  die zufällig zustandekommt, die dem guten Willen der
       einzelnen überlassen  ist. Das  setzt, Wir  haben bereits  darauf
       hingewiesen, vertiefte  Studien voraus, Festlegung der Ziele, Be-
       stimmung der  Mittel, Zusammenfassung  der Kräfte,  um den augen-
       blicklichen Nöten und den voraussehbaren Erfordernissen zu begeg-
       nen. Mehr  noch: ein  Programm übersteigt  die Gesichtspunkte des
       rein wirtschaftlichen Wachstums und des sozialen Fortschritts: es
       gibt dem  Werk, das  getan werden  soll, Sinn  und Wert. Indem es
       sich um  die Strukturen  der Welt kümmert, bringt es den Menschen
       erst recht zur Geltung.
       
       Weltfonds
       ---------
       
       Man muß  aber noch weiter gehen. Wir verlangten in Bombay die Er-
       richtung eines großen Weltfonds, der durch einen Teil der für mi-
       litärische Zwecke  ausgegebenen Gelder aufgebracht werden sollte,
       um den  Allerärmsten zu  helfen. 55)  Was für  den  unmittelbaren
       Kampf gegen das Elend gilt, hat seine Bedeutung auch für die Ent-
       wicklungshilfe. Nur  eine weltweite Zusammenarbeit, deren gemein-
       samer Fonds  ihr Symbol  und ihr  Mittel wäre, würde es erlauben,
       unfruchtbare Rivalitäten  zu überwinden  und ein  fruchtbares und
       friedliches Gespräch unter den Völkern in Gang zu bringen.
       
       Seine Vorteile
       --------------
       
       Ohne Zweifel  können daneben  auch bilaterale  und  multilaterale
       Verträge bestehen:  sie geben die Möglichkeit, die Abhängigkeits-
       verhältnisse und  Bitterkeiten, die noch als Folgen der Kolonial-
       zeit geblieben sind, durch Freundschaftsbeziehungen auf dem Boden
       juridischer und  politischer Gleichheit  zu ersetzen. Eingebettet
       in Programme  weltweiter Zusammenarbeit wären sie über jeden Ver-
       dacht erhaben.  Das Mißtrauen  der Empfänger  würde abgebaut. Sie
       brauchten sich  weniger vor  manchen Äußerungen eines sogenannten
       Neokolonialismus zu  fürchten, der  unter dem Schein finanzieller
       und technischer  Hilfe  politischen  Druck  und  wirtschaftliches
       Übergewicht ausübt,  um eine Vormachtstellung zu verteidigen oder
       zu erobern.
       
       Die Dringlichkeit
       -----------------
       
       Wer sähe  nicht, daß ein solcher Fonds manche Vergeudung, die aus
       Furcht oder Stolz geschieht, verhindern würde? Wenn so viele Völ-
       ker Hunger  leiden, wenn so viele Familien in Elend sind, wenn so
       viele Menschen in Unwissenheit dahinleben, wenn so viele Schulen,
       Krankenhäuser, richtige  Wohnungen zu  bauen sind,  dann ist jede
       öffentliche und private Vergeudung, jede aus nationalem oder per-
       sönlichem Ehrgeiz gemachte Ausgabe, jedes die Kräfte erschöpfende
       Rüstungsrennen ein  unerträgliches Ärgernis.  Wir müssen  das an-
       prangern! Möchten  Uns doch  die Verantwortlichen hören, bevor es
       zu spät ist!
       
       Das Gespräch beginnen
       ---------------------
       
       Es ist daher unbedingt notwendig, daß zwischen allen ein Gespräch
       beginnt, zu  dem Wir in Unserer ersten Enzyklika "Ecclesiam Suam"
       56) aufgerufen  haben. Ein  solches Gespräch zwischen den Geldge-
       bern und  den Empfängern  ermöglichte es,  die Größe der Beiträge
       festzusetzen, nicht  nur nach Hochherzigkeit und Bereitschaft der
       einen, sondern  auch nach den wirklichen Bedürfnissen und Verwen-
       dungsmöglichkeiten der  anderen.  Die  Entwicklungsländer  liefen
       nicht mehr die Gefahr, von Schulden erdrückt zu werden, deren Ab-
       zahlung ihren  ganzen Gewinn verschlingt. Zinsen und Laufzeit der
       Anleihen könnten so geregelt werden, daß es für die einen wie die
       anderen erträglich  ist: man könnte einen Ausgleich schaffen zwi-
       schen den  umsonst gegebenen Geschenken, den niedrig verzinsbaren
       Anleihen und  der Laufzeit  der Amortisation.  Garantien für eine
       geplante und wirksame Verwendung könnten den Geldgebern gegenüber
       übernommen werden. Denn es kann sich nicht darum handeln, Bequem-
       lichkeit und  Ausbeutuny zu  unterstützen. Die  Empfänger könnten
       verlangen, daß  man sich nicht in ihre Politik einmische, daß man
       ihre soziale  Ordnung nicht  in Unordnung bringe. Sie sind souve-
       rän, und es ist ihre Sache, die eigenen Angelegenheiten selbst zu
       führen, ihre Politik selbst zu bestimmen, sich frei einer Gemein-
       schaft ihrer  Wahl zuzuwenden. Es geht also darum, eine freie Zu-
       sammenarbeit zustandezubringen,  eine wirksame  Partnerschaft der
       einen mit  den anderen,  in gleicher Würde, um eine menschlichere
       Welt zu bauen.
       
       Seine Notwendigkeit
       -------------------
       
       Eine solche  Aufgabe scheint unmöglich zu sein in Ländern, wo die
       tägliche Existenzsorge  das gesamte  Dasein der  Familien in  Be-
       schlag nimmt,  so daß man gar nicht auf den Gedanken kommen kann,
       Vorbereitungen für  ein weniger  elendes Leben  in der Zukunft zu
       treffen. Aber  gerade diesen  Männern und  Frauen muß man helfen;
       sie muß  man überzeugen,  daß sie  selbst ihr  Vorankommen in die
       Hand nehmen  und schrittweise  die Mittel  dazu erwerben  müssen.
       Dieses gemeinsame Werk kann nicht ohne gemeinsame zähe und mutige
       Anstrengung geschehen. Aber jeder sei davon überzeugt: es geht um
       das Leben der armen Völker, es geht um den inneren Frieden in den
       Entwicklungsländern, es geht um den Frieden der Welt.
       
       2. Recht und Billigkeit in den Handelsbeziehungen
       -------------------------------------------------
       
       Auch beträchtliche  Anstrengungen, um den Entwicklungsländern fi-
       nanziell und technisch zu helfen, sind umsonst, wenn ihre Früchte
       zum Teil  durch das Spiel des freien Handels zwischen den reichen
       und armen  Ländern zunichte gemacht würden. Das Vertrauen der ar-
       men würde  erschüttert, wenn  sie den  Eindruck gewännen, daß die
       eine Hand nimmt, was die andere gibt.
       
       Wachsende Störungen
       -------------------
       
       Die hochindustrialisierten Nationen exportieren vor allem Fertig-
       produkte, während  die unterentwickelten  Wirtschaften nur Agrar-
       produkte und  Rohstoffe exportieren  können. Dank dem technischen
       Fortschritt steigen jene rasch im Wert und finden einen guten Ab-
       satz. Dagegen  unterliegen die Erstprodukte der unterentwickelten
       Länder breiten  und jähen  Preisschwankungen. An eine fortschrei-
       tende Wertsteigerung  ist gar  nicht zu  denken. Daraus entstehen
       für die  wenig industrialisierten Nationen große Schwierigkeiten,
       wenn sie  aus ihren Exporten ihre Wirtschaft ausgleichen und ihre
       Entwicklungspläne verwirklichen  sollen. Die armen Völker bleiben
       immer arm, die reichen werden immer reicher.
       
       Kein Liberalismus
       -----------------
       
       Die Spielregel der freien Marktmechanik kann also für sich allein
       die internationalen  Beziehungen nicht  regieren.  Ihre  Vorteile
       sind klar, wo es sich um Partner von nicht allzu ungleichen wirt-
       schaftlichen Bedingungen handelt: sie stachelt den Fortschritt an
       und belohnt  die Anstrengung.  Deshalb sehen  die Industrieländer
       darin ein  Gesetz der  Gerechtigkeit. Aber  es ist etwas anderes,
       wenn die  Bedingungen von  Land zu  Land zu  ungleich  sind:  die
       Preise, die  sich frei auf dem Markt bilden, können ganz verderb-
       liche Folgen  haben. Man  muß es  einfach zugeben:  damit ist das
       Grundprinzip des  Liberalismus als Regel des Handels in Frage ge-
       stellt.
       
       Gerechte Verträge unter den Völkern
       -----------------------------------
       
       Noch immer gilt die Lehre Leos XIII. in "Rerum Novarum": das Ein-
       verständnis von  Partnern, die  in zu  ungleicher Situation sind,
       genügt nicht,  um die  Gerechtigkeit eines Vertrages zu garantie-
       ren, Die  Regel, wonach  Verträge durch  das freie Einverständnis
       der Partner entstehen, ist den Forderungen des Naturrechts unter-
       geordnet. 57)  Was von der Gerechtigkeit des individuellen Lohnes
       gilt, gilt auch von internationalen Verträgen: eine Verkehrswirt-
       schaft kann  nicht mehr allein auf die Gesetze des freien Wettbe-
       werbs gegründet sein, der nur zu oft zu einer Wirtschaftsdiktatur
       führt. Der freie Austausch von Gütern ist nur dann recht und bil-
       lig, wenn  er den  Forderungen der  sozialen Gerechtigkeit unter-
       liegt.
       
       Maßnahmen
       ---------
       
       Die hochentwickelten  Länder haben  dies übrigens  für sich schon
       begriffen, und sie bemühen sich, durch geeignete Maßnahmen inner-
       halb ihrer  Wirtschaft das  Gleichgewicht herzustellen,  das  der
       sich selbstüberlassene freie Wettbewerb zu stören droht. So stüt-
       zen sie  oft ihre  Landwirtschaft mit Zuwendungen, deren Aufbrin-
       gung sie  den bessergestellten  Wirtschaftssektoren zuweisen.  Um
       ferner ihre  gegenseitigen Handelsbeziehungen vor allem innerhalb
       eines gemeinsamen  Marktes zu  stützen, bemüht sich ihre Finanz-,
       Steuer- und  Sozialpolitik, den  unter ungünstigen Wettbewerbsbe-
       dingungen stehenden  Industrien in  etwa vergleichbare Chancen zu
       schaffen.
       
       Internationale Abmachungen
       --------------------------
       
       Man darf  hier nicht  zweierlei Maß und Gewicht anwenden. Was von
       der Volkswirtschaft gilt, was man unter den hochentwickelten Län-
       dern gelten  läßt, gilt  auch von den Handelsbeziehungen zwischen
       den reichen  und armen  Ländern. Ohne den freien Markt abzuschaf-
       fen, sollte man doch seinen Wettbewerb in den Grenzen halten, die
       ihn gerecht und sozial, also menschlich machen. Im Austausch zwi-
       schen entwickelten  und unterentwickelten  Wirtschaften sind  die
       Situationen zu verschieden und die wahren Freiheiten zu ungleich.
       Die soziale  Gerechtigkeit fordert, daß der internationale Waren-
       austausch, um  menschlich und sittlich zu sein, zwischen Partnern
       geschehe, die  wenigstens eine gewisse Gleichheit der Chancen ha-
       ben. Diese  selbst ist  ein Fernziel. Um sie zu erreichen, sollte
       jetzt eine wirkliche Gleichheit im Gespräch und bei Verhandlungen
       geschaffen werden. Auch hier könnten sich internationale Verträge
       mit einem  genügend weiten  Spielraum als  nützlich erweisen; sie
       könnten allgemeine  Normen und gewisse Preise regeln, könnten ge-
       wisse Produktionen sichern, gewisse sich im Aufbau befindende In-
       dustrien stützen. Wer sähe nicht, daß ein solch gemeinsames Bemü-
       hen um  eine größere Gerechtigkeit in den Handelsbeziehungen zwi-
       schen den  Völkern den  Entwicklungsländern positiv helfen würde?
       Eine solche Hilfe hätte nicht nur unmittelbare, sondern auch dau-
       ernde Wirkungen.
       
       Der Nationalismus
       -----------------
       
       Die Hindernisse,  die zu überwinden sind: Noch andere Hindernisse
       stellen sich  dem Aufbau  einer gerechteren  und nach dem Prinzip
       einer allgemeinen  Solidarität geordneten  Welt entgegen: der Na-
       tionalismus und der Rassenwahn. Es ist verständlich, daß die Völ-
       ker, die  erst jüngst  ihre politische Unabhängigkeit erlangt ha-
       ben, eifersüchtig  auf ihre  noch zerbrechliche nationale Einheit
       bedacht sind  und sich bemühen, sie zu schützen. Es ist ebenfalls
       normal, daß  die Völker  einer alten  Kultur stolz  sind auf  das
       Erbe, das  ihnen die  Geschichte überliefert  hat. Aber diese be-
       rechtigten Gefühle  müssen doch  erhöht werden  durch eine Liebe,
       die alle Glieder der Menschheitsfamilie umfaßt. Der Nationalismus
       schneidet die  Völker von ihrem wahren Gut ab. Er wirkt sich dort
       besonders schädlich  aus, wo  die Schwäche  der Volkswirtschaften
       vielmehr das Zusammentun von Anstrengungen, Erkenntnissen und fi-
       nanziellen Mitteln  fordert, um die Entwicklungsprogramme zu ver-
       wirklichen und  den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zu
       fördern.
       
       Rassenwahn
       ----------
       
       Der Rassenwahn  ist keineswegs  Pachtgut der jungen Völker, wo er
       sich ab  und zu unter den Rivalitäten der Stammesverbände und der
       politischen Parteien  verbirgt, zum großen Schaden der Gerechtig-
       keit und  zur Gefahr für den inneren Frieden. Während der Koloni-
       alzeit wütete  er oft zwischen den Kolonisatoren und den Eingebo-
       renen. Er  verhinderte so ein fruchtbares gegenseitiges Verständ-
       nis und stapelte als Folge vieler Ungerechtigkeiten ein gehöriges
       Maß an Groll auf. Und noch immer verhindert er die Zusammenarbeit
       zwischen den  Entwicklungsländern; ist  ein Ferment  der Trennung
       und des  Hasses inmitten der Staaten, wenn sich, unter Mißachtung
       der unaufgebbaren  Rechte der  menschlichen Person, die einzelnen
       und die Familien ihrer Rasse oder Hautfarbe wegen ungerecht einer
       Ausnahmeregelung unterworfen sehen.
       
       Einer solidarischen Welt entgegen
       ---------------------------------
       
       Diese Situation  voll dunkler  Drohungen für die Zukunft bedrückt
       Uns zutiefst.  Wir hegen  jedoch die  Hoffnung: schließlich  wird
       sich doch  die immer  stärker spürbare Notwendigkeit einer Zusam-
       menarbeit, der  immer wacher  werdende Sinn  für Solidarität über
       alles Unverständnis  und allen  Egoismus durchsetzen. Wir hoffen,
       daß die Entwicklungsländer ihre Nachbarschaft dazu nutzen werden,
       um in Gebieten, die über die Grenzen reichen, gemeinsame Entwick-
       lungszonen zu  schaffen: gemeinsame Programme aufstellen, die In-
       vestitionen koordinieren, die Produktion verteilen, den Austausch
       organisieren. Wir  hoffen auch, daß die multilateralen und inter-
       nationalen Organisationen  durch  die  notwendige  Umorganisation
       Wege finden,  die es  den Entwicklungsländern möglich machen, aus
       den Engpässen,  in denen sie sind, herauszukommen und in Treue zu
       ihrem Wesen  selbst die Mittel zu ihrem sozialen und menschlichen
       Fortschritt zu finden.
       
       Die Völker haben ihr Schicksal in der Hand
       ------------------------------------------
       
       Wir müssen erreichen, daß eine immer wirksamer werdende weltweite
       Solidarität es  allen Völkern erlaubt, ihr Geschick selbst in die
       Hand zu  nehmen. Die Vergangenheit war zu oft von den Gewalttaten
       der Völker  gegeneinander gekennzeichnet. Möge der Tag kommen, wo
       die internationalen  Beziehungen von  gegenseitiger  Achtung  und
       Freundschaft geprägt  sind, von gegenseitiger Zusammenarbeit, von
       gemeinsamem Aufstieg,  für den  sich jeder  verantwortlich fühlt.
       Die jungen  und schwachen  Völker fordern  ihren Anteil am Aufbau
       einer besseren Welt, in der die Rechte und die Berufung eines je-
       den mehr  geachtet werden. Dieses Verlangen ist berechtigt, jeder
       muß es hören und darauf antworten.
       
       3. Die Liebe zu allen
       ---------------------
       
       Die Welt  ist krank. Das Übel liegt jedoch weniger darin, daß die
       Hilfsquellen versiegt  sind oder daß einige wenige alles abschöp-
       fen. Es  liegt im  Fehlen des brüderlichen Geistes unter den Men-
       schen und unter den Völkern.
       
       Pflicht zur Gastfreundschaft
       ----------------------------
       
       Wir können  nicht genug auf die Pflicht zur Gastfreundschaft hin-
       weisen -  eine Pflicht  menschlicher Solidarität und christlicher
       Liebe -, die den Familien und den Kulturwerken der Gastländer ob-
       liegt. Vor  allem für  die Jugend  müssen Klubräume und Heime ge-
       schaffen werden,  um sie  vor der Einsamkeit zu bewahren, vor dem
       Gefühl der Verlassenheit, der Trostlosigkeit, wo jegliche sittli-
       che Widerstandskraft zerbricht. Auch um sie in der ungesunden Si-
       tuation zu  beschützen, in  der sie  sich befinden, wo sich ihnen
       der Vergleich zwischen der furchtbaren Armut ihrer Heimat mit dem
       Luxus und  der Verschwendung,  die sie oft umgeben, geradezu auf-
       drängt. Und auch, um sie vor verderblichen Lehren zu bewahren und
       vor Versuchungen,  die sie überfallen, wenn sie an so viel unver-
       dientes Elend  58) daheim  denken. Schließlich  aber, um ihnen in
       herzlicher brüderlicher  Gastfreundschaft das  Beispiel eines ge-
       sunden Lebens zu geben, sie zu einer Hochschätzung der wahren und
       wirksamen christlichen  Liebe, der Achtung vor den geistigen Wer-
       ten zu führen.
       
       Die Tragödie der jungen Studenten
       ---------------------------------
       
       Es ist schmerzlich, daran denken zu müssen: viele junge Menschen,
       die in  die hochentwickelten  Länder kommen, um dort Wissen, Kön-
       nen, Bildung  zu erwerben,  damit sie  ihrer Heimat besser dienen
       können, erwerben  dort zwar  ganz gewiß eine Ausbildung von hoher
       Qualität, aber sie verlieren zu oft die Achtung vor den geistigen
       Werten, die  sich als  kostbares Erbe  in den Kulturen finden, in
       denen sie groß geworden sind.
       
       Die Gastarbeiter
       ----------------
       
       Die gleiche  Gastfreundschaft sind  wir  auch  den  Gastarbeitern
       schuldig, die  oft unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und
       ihr Geld  sparen, um  ein wenig  ihrer Familie  zu helfen, die im
       Elend der Heimat zurückgeblieben ist.
       
       Sozialer Sinn
       -------------
       
       Unsere zweite  Empfehlung gilt denen, die ihr Beruf in die Länder
       führt, die erst jüngst der Industrialisierung erschlossen wurden:
       Industrielle, Kaufleute,  Unternehmer und  deren  Vertreter.  Sie
       empfinden meist  durchaus sozial in ihrer Heimat. Warum aber han-
       deln sie  in  den  Entwicklungsländern  nach  den  unmenschlichen
       Grundsätzen des  Individualismus? Ihre überlegene Situation müßte
       sie doch  eigentlich dort, wo sie von ihren geschäftlichen Inter-
       essen hingeführt werden, zu Initiatoren des sozialen Fortschritts
       und des  menschlichen Aufstiegs machen. Gerade ihr Sinn für Orga-
       nisation müßte  ihnen zeigen, wie man die Arbeit der Eingeborenen
       aufwerten könnte;  wie Facharbeiter, Ingenieure und Stammarbeiter
       heranzubilden sind;  wie man ihrer Initiative Raum geben, wie man
       sie Schritt  für Schritt  in führende Stellungen bringen kann, um
       so mit  ihnen in  nicht allzu  ferner Zukunft die Führungsverant-
       worung zu  teilen. Daß wenigstens die Gerechtigkeit immer die Be-
       ziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen regelte! Daß or-
       dentliche Verträge  die gegenseitigen  Verpflichtungen  ordneten!
       Daß keiner,  welche Stellung  er immer  haben mag,  ungerecht der
       Willkür eines andern ausgeliefert sei!
       
       Entwicklungshelfer
       ------------------
       
       Wir freuen  Uns darüber,  daß immer mehr Fachleute durch interna-
       tionale, bilaterale oder private Organisationen zur Entwicklungs-
       hilfe ausgesandt  werden. "Sie dürfen bei ihrem Einsatz nicht als
       Herren auftreten,  sondern sollen  Helfer und  Mitarbeiter sein".
       59) Ein  Volk merkt  sehr schnell,  ob seine Helfer mit oder ohne
       Zuneigung zugreifen, ob sie nur Technik bringen oder dem Menschen
       seinen Wert  zugestehen. Ihre Botschaft wird nur dann angenommen,
       wenn sie von brüderlicher Liebe getragen ist.
       
       Eigenschaften der Fachleute
       ---------------------------
       
       Zum notwendigen  technischen Können müssen also echte Erweise ei-
       ner selbstlosen  Liebe kommen.  Frei von  jedem nationalistischen
       Hochmut wie  von jedem  Anschein eines  Rassenvorurteils,  müssen
       diese Fachleute  lernen, eng  mit allen  zusammenzuarbeiten.  Sie
       müssen wissen,  daß ihnen  ihr Fachwissen keine Überlegenheit auf
       allen Gebieten sichert. Die Kultur, die sie gebildet hat, enthält
       zweifellos Elemente  eines universalen  Humanismus, aber  sie ist
       nicht die  einzige und  nicht die  ausschließliche, und  sie kann
       nicht ohne  Anpassung eingeführt  werden. Wer sich dieser Aufgabe
       widmet, dem  muß es  ein Anliegen sein, mit der Geschichte seines
       Gastlandes auch  dessen kulturelle  Kräfte und Reichtümer zu ent-
       decken. So  kommt man sich näher, und davon werden beide Kulturen
       befruchtet.
       
       Dialog der Kulturen
       -------------------
       
       Der offene  Dialog zwischen den Kulturen wie den Menschen schafft
       brüderliche Gesinnung. Die Entwicklungshilfe bringt die Völker in
       der gemeinsamen  Arbeit zur  Verwirklichung von Vorhaben einander
       näher, wenn  alle, angefangen  von den Regierungen und ihren Ver-
       tretern bis  zum letzten Fachmann, von brüderlicher Liebe beseelt
       und von  dem aufrichtigen  Verlangen erfüllt sind, eine Zivilisa-
       tion weltweiter  Solidarität zu  bauen. Dann beginnt ein Gespräch
       über den  Menschen, nicht über Lebensmittel oder Technik. Es wird
       fruchtbar sein, wenn es den Völkern, die so ins Sprechen gekommen
       sind, die Möglichkeit, sich zu erheben und zu vergeistigen, gibt;
       wenn die  Techniker zu  Lehrern werden  und wenn die Unterweisung
       von solcher geistigen und sittlichen Kraft ist, daß sie nicht nur
       den wirtschaftlichen,  sondern auch  den menschlichen Fortschritt
       gewährleistet; dann  bleiben auch nach Abschluß der Hilfeleistun-
       gen die  entstandenen  menschlichen  Beziehungen.  Und  wer  sähe
       nicht, welche Bedeutung sie für den Frieden der Welt haben?
       
       Aufruf an die Jugend
       --------------------
       
       Viele junge  Menschen haben bereits mit Feuereifer auf den Aufruf
       Pius' XII.  für die laienmissionarische Bewegung geantwortet. 60)
       Zahlreich sind auch jene, die sich freiwillig den offiziellen und
       privaten Organisationen  zur Zusammenarbeit mit den Entwicklungs-
       ländern zur  Verfügung gestellt  haben. Wir  freuen Uns zu hören,
       daß in  manchen Nationen  der Militärdienst  zum Teil als Sozial-
       dienst, als  abgekürzter Dienst geleistet werden kann. Wir segnen
       die Initiativen  und die  Antworten voll  guten Willens.  Möchten
       doch alle,  die sich zu Christus bekennen, seinen Ruf hören: "Ich
       war hungrig,  ihr habt  mich gespeist;  ich war durstig, ihr habt
       mich getränkt;  ich war  Fremdling,  ihr  habt  mich  beherbergt;
       nackt, ihr  habt mich bekleidet; ich war krank, ihr habt mich be-
       sucht, ich  war im Gefängnis, ihr seid zu mir gekommen". 61) Nie-
       mand kann  dem Los seiner Brüder, die in Elend versunken, der Un-
       wissenheit ausgeliefert,  Opfer der Unsicherheit sind, gleichgül-
       tig gegenüberstehen.  Wie das Herz Christi, muß auch das Herz der
       Christen mit  dem Elend  mitempfinden: "Mich erbarmt des Volkes".
       62)
       
       Gebet und Tun
       -------------
       
       Alle sollen  den Allmächtigen  bitten, daß sich die Menschheit in
       Erkenntnis der  großen Übel  mit Intelligenz und Mut daran mache,
       sie aus  der Welt zu schaffen. Diesem Gebet muß die Entschlossen-
       heit eines jeden entsprechen, sich nach dem Maß seiner Kräfte und
       Möglichkeiten im  Kampf gegen  die Unterentwicklung  einzusetzen.
       Möchten sich  doch alle  Menschen, die  sozialen Gruppen  und die
       Völker, brüderlich  die Hand  reichen, der Starke in seiner Hilfe
       dem Schwachen  gegenüber, indem  er sein ganzes Können, seine Be-
       geisterung, seine  selbstlose Liebe einsetzt. Mehr als irgend je-
       mand, ist  der wahre Liebende erfinderisch im Entdecken von Ursa-
       chen des  Elends, im  Finden der  Mittel, es zu überwinden und zu
       besiegen. Der  Friedensstifter "geht gerade seinen Weg, entzündet
       die Freude  und verbreitet Licht und Gnade in den Herzen der Men-
       schen auf  der ganzen Welt und lehrt sie über alle Grenzen hinweg
       das Antlitz  von Brüdern,  das Antlitz  von Freunden, entdecken".
       63)
       
       4. Entwicklung: der neue Name für Friede
       ----------------------------------------
       
       Die zu  großen wirtschaftlichen,  sozialen und kulturellen Unter-
       schiede unter  den Völkern rufen Spannungen und Zwietracht hervor
       und bringen  den Frieden in Gefahr. Nach der Rückkehr von Unserer
       Friedensreise zur  UNO haben  Wir vor  den Konzilsvätern  gesagt:
       "Gegenstand unserer Überlegungen müssen die Lebensbedingungen der
       Entwicklungsländer sein, besser gesagt: unsere Liebe zu den Armen
       in dieser  Welt -  uns es sind unzählige Legionen - muß hellhöri-
       ger, aktiver,  hochherziger werden".  64) Das Elend bekämpfen und
       der Ungerechtigkeit  entgegentreten heißt, neben dem Bessergehen,
       am menschlichen  und geistigen Fortschritt aller arbeiten und da-
       mit am  Gemeinwohl der  Menschheit. Der Friede besteht nicht ein-
       fach im Schweigen der Waffen, nicht einfach im immer schwankenden
       Gleichgewicht der  Kräfte. Er  muß Tag  für Tag aufgebaut werden,
       nach einer von Gott gewollten Ordnung, die eine vollkommenere Ge-
       rechtigkeit unter den Menschen herbeiführt. 65)
       
       Heraus aus der Isolierung
       -------------------------
       
       Werkleute des  eigenen Fortschritts,  tragen die Völker an erster
       Stelle dafür  die Verantwortung. Aber sie werden es nicht als ge-
       trennte schaffen.  Regionale Übereinkünfte  unter  den  schwachen
       Völkern  zu  gegenseitiger  Unterstützung,  umfassende  Hilfelei-
       stungsabmachungen, feierliche  Verträge zwischen  den Partnern zu
       gemeinsamen Programmen  sind die  Stufen auf dem Weg zur Entwick-
       lung, der zum Frieden führt.
       
       Für eine Weltautorität
       ----------------------
       
       Diese internationale  Zusammenarbeit auf Weltebene braucht Insti-
       tutionen, die sie vorbereiten, aufeinander abstimmen, leiten, bis
       hin zur  Schaffung einer  Rechtsordnung, die  allgemein anerkannt
       ist. Von  ganzem Herzen ermutigen Wir die Organisationen, die die
       Zusammenarbeit in  der Entwicklungshilfe in die Hand genommen ha-
       ben, und  Wir wünschen,  daß ihre Autorität wachse. "Ihre Aufgabe
       ist es",  so sagten  Wir vor  den Vertretern der UNO in New York,
       "nicht einige,  sondern alle  Völker einander brüderlich näherzu-
       bringen... Wer  sieht nicht die Notwendigkeit ein, allmählich zur
       Errichtung einer die Welt umfassenden Autorität zu kommen, die in
       Rechtsfragen und in der Politik wirksam handeln kann?" 66)
       
       Berechtigte Hoffnung auf eine bessere Welt
       ------------------------------------------
       
       Manche mögen  solche Hoffnungen  für utopisch  halten. Es  könnte
       aber sein,  daß sich ihr Realismus als irrig erweist, daß sie die
       Dynamik einer  Welt nicht  erkannt haben,  die brüderlicher leben
       will, die  sich trotz  ihrer Unwissenheit,  ihrer Irrtümer, ihrer
       Sünden, ihrer  Rückfälle in die Barbarei, ihrer weiten Abwege vom
       Weg des  Heils, langsam,  ohne sich  darüber klar  zu sein, ihrem
       Schöpfer nähert. Dieser Weg zu einer größeren Menschlichkeit ver-
       langt Anstrengungen und Opfer. Aber auch das Leid, angenommen aus
       Liebe zu  unseren Brüdern, trägt bei zum Fortschritt der gesamten
       Menschheitsfamilie. Die  Christen wissen, daß die Vereinigung mit
       dem Opfer  des Erlösers  beiträgt zur Erbauung des Leibes Christi
       in seiner Fülle: zum einen Volk Gottes. 67)
       
       Alle solidarisch
       ----------------
       
       Auf diesem  Weg sind  wir alle solidarisch. Allen wollten Wir die
       Größe der  Tragödie und  die Dringlichkeit  der Aufgabe vor Augen
       stellen. Jetzt  schlägt die  Stunde der  Tat: das Leben so vieler
       unschuldiger Kinder,  der Aufstieg  so vieler unglücklicher Fami-
       lien zu  einem menschlichen  Leben, der  Friede der Welt, die Zu-
       kunft der Kultur stehen auf dem Spiel. Alle Menschen, alle Völker
       haben ihre Verantwortung zu übernehmen.
       
       SCHLUSSAPPELL
       -------------
       
       Katholiken
       ----------
       
       Inständig bitten Wir als erste Unsere Söhne. In den Entwicklungs-
       ländern, aber  genau so  in den andern, müssen die Laien ihre ei-
       gentliche Aufgabe in Angriff nehmen: die Erneuerung der irdischen
       Ordnung. Wenn  es die Aufgabe der Hierarchie ist, authentisch die
       sittlichen Grundsätze  auf diesem  Gebiet zu lehren und zu inter-
       pretieren, dann  ist es  ihre Obliegenheit,  in freier Initiative
       und ohne erst Weisungen und Direktiven abzuwarten, das Denken und
       die Sitten,  die Gesetze  und die  Lebensordnungen ihrer  Gemein-
       schaft mit  christlichem Geist  zu durchdringen.  68)  Wandlungen
       sind notwendig,  tiefgreifende Reformen  unumgänglich. Mit  aller
       Entschiedenheit müssen  die Katholiken  darangehen, sie  mit  dem
       Geist des  Evangeliums zu  beleben. Unsere  katholischen Söhne in
       den wohlhabenden  Ländern bitten Wir, ihr Können und ihre Energie
       den offiziellen  und privaten,  den öffentlichen und den kirchli-
       chen Organisationen  für Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stel-
       len. Es  wird ihnen  sicher ein Herzensanliegen sein, in der vor-
       dersten Linie  derer zu  stehen, die sich um die Errichtung einer
       internationalen Ordnung  der Gerechtigkeit  und der Rechtlichkeit
       mühen.
       
       Christen und Gläubige
       ---------------------
       
       Wir sind  sicher, daß  alle Christen, unsere Brüder, ihre gemein-
       same Anstrengung verdoppeln, um der Welt zu helfen, über den Ego-
       ismus, den  Stolz, die  Rivalitäten zu triumphieren, Ehrsucht und
       Ungerechtigkeit zu  überwinden, um  allen den  Weg zu  einem men-
       schlicheren Leben  zu öffnen, wo jeder geliebt und jedem geholfen
       wird als seinem Nächsten, seinem Bruder. Noch sind Wir bewegt von
       der unvergeßlichen  Begegnung mit unseren nicht-christlichen Brü-
       dern in  Bombay, und  wieder laden  Wir sie ein, mit ihrem Herzen
       und ihrer  Intelligenz mitzuarbeiten,  damit alle  Menschenkinder
       ein der Kinder Gottes würdiges Leben führen können.
       
       Menschen guten Willens
       ----------------------
       
       Schließlich wenden  Wir Uns  an alle  Menschen guten Willens, die
       sich dessen  bewußt sind,  daß der  Weg zum Frieden über die Ent-
       wicklung führt. Delegierte an den internationalen Organisationen,
       Staatsmänner, Publizisten, Erzieher, alle, jeder an seinem Platz,
       ihr seid die Baumeister einer neuen Welt! Wir bitten den allmäch-
       tigen Gott,  euren Verstand  zu erleuchten, euren Mut zu stärken,
       um die Öffentliche Meinung zu alarmieren und die Völker mitzurei-
       ßen. Erzieher,  an euch  ist's, schon in den Kindern die Liebe zu
       den Völkern im Elend zu wecken! Publizisten, ihr müßt unsre Augen
       öffnen für  das, was  schon getan  ist, um die gegenseitige Hilfe
       unter den  Völkern anzuregen,  zu öffnen  für  die  Tragödie  des
       Elends, das die Menschen nur zu leicht vergessen, um ihr Gewissen
       zu beruhigen! Die Reichen sollen wenigstens wissen, daß die Armen
       vor ihrer  Tür stehen und auf die Brosamen von ihren Tischen war-
       ten.
       
       Staatsmänner
       ------------
       
       Staatsmänner, ihr  habt die Pflicht, eure Völker zu einer wirksa-
       meren weltweiten  Solidarität zu  mobilisieren, sie  zunächst  zu
       notwendigen Abstrichen an Luxus und Vergeudung zu veranlassen, um
       die Entwicklung  zu fördern  und um  den Frieden zu retten! Dele-
       gierte der  internationalen Organisationen, von euch hängt es ab,
       ob  die   gefährlichen  und  unfruchtbaren  Blockbildungen  einer
       freundschaftlichen, friedlichen,  selbstlosen  Zusammenarbeit  zu
       einer solidarischen  Entwicklung der  Menschheit Platz machen, wo
       alle Menschen sich entfalten können!
       
       Die Weisen
       ----------
       
       Wenn es  wahr ist, daß die Welt krank ist, weil ihr Gedanken feh-
       len, dann  rufen Wir alle Menschen auf, die sich Gedanken machen,
       die Weisen,  Katholiken, Christen,  jene, die Gott verehren, nach
       dem Absoluten  dürsten, nach  der Gerechtigkeit und der Wahrheit:
       alle Menschen guten Willens. Nach Christi Beispiel wagen Wir euch
       eindringlich zu bitten: "Suchet, und ihr werdet finden", 69) öff-
       net die Wege zu gegenseitiger Hilfe, zu vertieftem Wissen, zu ei-
       nem weiten  Herzen, zu  einem brüderlicheren  Leben in  der einen
       wahrhaft universalen Gemeinschaft der Menschen!
       
       Alle ans Werk
       -------------
       
       Ihr alle,  die ihr  den Ruf  der notleidenden Völker gehört habt,
       ihr alle,  die ihr  euch müht,  darauf zu antworten, ihr seid die
       Apostel einer guten und gesunden Entwicklung. Diese besteht nicht
       in egoistischem  und um  seiner selbst willen geliebtem Reichtum,
       sondern in  einer Wirtschaft im Dienst des Menschen, im täglichen
       Brot für  alle, der Quelle der Brüderlichkeit und dem Zeichen der
       Sorge Gottes.
       
       Segen
       -----
       
       Von ganzem  Herzen segnen  Wir euch,  und Wir rufen alle Menschen
       guten Willens  auf, sich euch brüderlich anzuschließen. Denn wenn
       Entwicklung der  neue Name  für Friede  ist, wer wollte nicht mit
       ganzer Kraft daran mitarbeiten? Ja, alle. Wir laden alle ein, auf
       Unseren Ruf der Sorge zu antworten, im Namen des Herrn.
       
       Gegeben im Vatikan, am Osterfest, 26. März 1967
       PAULUS P.P. VI.
       
       _____
       1) Vgl. Acta Leonis XIII., t. XI (1892) 97-148.
       2) Vgl. AAS 23 (1931) 177-228.
       3) Vgl. AAS 53 (1961) 401-464.
       4) Vgl. AAS 55 (1963) 257-304.
       5) Vgl.  besonders:   Rundfunkbotschaft  vom  1.  Juni  1941  zum
       50jährigen Jubiläum  von "Rerum  Novarum": AAS 33 (1941) 195-205;
       Weihnachtsbotschaft 1942:  AAS 35  (1943) 9-24; Ansprache an eine
       Gruppe von  Arbeitern anläßlich  der jährlichen  Gedenkfeier  von
       "Rerum Novarum" am 14. Mai 1953: AAS 45 (1953) 402-408.
       6) Vgl. Enzyklika  "Mater et  Magistra", 15.  Mai  1961:  AAS  53
       (1961) 440.
       7) Gaudium et Spes Nr. 63-72: AAS 58 (1966) 1084-1094.
       8) Motu Proprio  "Catholicam Christi  Ecclesiam", 6. Januar 1967:
       AAS 59 (1967) 27.
       9) Enzyklika "Rerum Novarum", 15. Mai 1891: Acta Leonis XIII., t.
       XI (1892) 98.
       10) Gaudium et Spes Nr. 63, Paragr. 3.
       11) Vgl. Lk 7, 22.
       12) Gaudium et Spes Nr. 3, Paragr. 2.
       13) Vgl. Enzyklika "Immortale Dei", 1. November 1885: Acta Leonis
       XIII., t. V. (1885) 127.
       14) Gaudium et Spes Nr. 4, Paragr. 1.
       15) L.-J.  Lebret   OP,  Dynamique   concrète  du   développement
       (Economie et Humanisme) (Paris 1961), Les Editions Ouvrières, 28.
       16) 2 Thess 3, 10.
       17) Vgl. J. Maritain, Les conditions spirituelles du progès et de
       la paix,  in: Rencontres des cultures à l'UNESCO sous le signe du
       Concile oecuménique Vatican II (Paris 1966) Mame 66.
       18) Vgl. Mt 5, 3.
       19) Gn 1, 28.
       20) Gaudium et Spes Nr. 69, Paragr. 1.
       21) 1 Jo 3, 17.
       22) De Nabuthe  (Über Naboth)  c. 12,  n. 53 PL 14, 747 - vgl. R.
       Palanque, Saint Ambroise et l'empire romain (Paris 1953) de Broc-
       card, 336 ff.
       23) Brief an  die Semaine sociale zu Brest, in: L'homme et la ré-
       volution urbaine (Lyon 1965) Chronique sociale, 8 f.
       24) Gaudium et Spes Nr. 71, Paragr. 6.
       25) Vgl. ebenda Nr. 65, Paragr. 3.
       26) Enzyklika "Quadragesimo  Anno", 15.  Mai 1931:  AAS 23 (1931)
       213.
       27) Vgl z.B.  Collin Clark,  The conditions  of economic progress
       (London 1960) Macmillan & Co, (New York) St. Martin's Press, 3-6.
       28) Brief an  die Semaine sociale von Lyon, in: Le travail et les
       travailleurs dans  la société contemporaine (Lyon 1965) Chronique
       sociale, 6.
       29) Vgl. z.B.  M.-D. Chenu  OP, Pour  une  théologie  du  travail
       (Paris 1955) Editions du Seuil.
       30) "Mater et Magistra": AAS (1961) 423.
       31) Vgl. z.B. Oswald von Nell-Breuning SJ, Wirtschaft und Gesell-
       schaft Bd. 1 Grundfragen (Freiburg 1956 - Herder), 183-194.
       32) Eph 4, 13.
       33) Vgl. z.B.  Mgr.  M.  Larrain  Errazuriz,  Bischof  von  Talca
       (Chile), Präsident  der CELAM,  Hirtenschreiben über die Entwick-
       lung und den Frieden (Paris 1965) Pax Christi.
       34) Gaudium et Spes Nr. 25 Paragr. 4.
       35) "Mater et Magistra": AAS 53 (1961) 414.
       36) L'Osservatore Romano, 11. September 1962.
       37) Vgl. Mt 19, 6.
       38) Gaudium et Spes, Nr. 52, Paragr. 2.
       39) Vgl. ebenda Nr. 50-51 (und Nr. 14), Nr. 87, Paragr. 2 und 3.
       40) Ebenda Nr. 15, Paragr. 3.
       41) Mt 16, 26.
       42) Gaudium et Spes Nr. 57, Paragr. 4.
       43) Ebenda Nr. 19, Paragr. 2.
       44) Vgl. z.B.  J. Maritain, L'humanisme intégral (Paris 1936) Au-
       bier.
       45) H. de  Lubac SJ,  Le drame  de l'humanisme athée (Paris 1945)
       Spes, 10.
       46) Pensées, ed.  Brunschvicg Nr.  434 -  Vgl. M. Zundel, L'homme
       passe l'homme (Kairo 1944) "ditions du lien.
       47) Ansprache an die Vertreter der nicht-christlichen Religionen,
       3. Dezember 1964: AAS 57 (1964) 132.
       48) Jak 2, 15 f.
       49) Vgl. "Mater et Magistra": AAS 53 (1961) 440.
       50) Vgl. AAS 56 (1954) 57-58.
       51) Vgl. Encicliche  e Discorsi  di Paolo  VI (Rom 1966) ed. Pao-
       line, t. IX., 132-136.
       52) Vgl. Lk 16, 19-31.
       53) Gaudium et Spes Nr. 86, Paragr. 3.
       54) Lk 12, 20.
       55) Botschaft an  die Journalisten  in Begleitung  des Hl. Vaters
       auf der Reise nach Bombay, 4. Dez. 1964: AAS 57 (1965) 135.
       56) Vgl. AAS 56 (1964) 639 f.
       57) Vgl. Acta Leonis XIII. t. XI. (1892) 131.
       58) Vgl. ebenda 98.
       59) Gaudium et Spes Nr. 85, Paragr. 2.
       60) Enzyklika "Fidei Donum", 21. April 1957: AAS 49 (1957) 246.
       61) Mt 25, 35-36.
       62) Mk 8, 2.
       63) Ansprache Johannes'  XXIII. anläßlich  der  Überreichung  des
       Balzanpreises, 10. Mai 1963: AAS 55 (1963) 455.
       64) AAS 57 (1966) 896.
       65) Vgl. Enzyklika  "Pacem in  terris", 11.  April 1963:  AAS  55
       (1963) 301.
       66) AAS 57 (1965) 880.
       67) Vgl. Eph 4, 12; Lumen Gentium Nr. 13.
       68) Vgl. "Apostolicam Actuositatem" Nr. 7, 13-24.
       69) Lk 11, 9.
       

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