Quelle: Blätter 1967 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG WESTDEUTSCHER PERSÖNLICHKEITEN
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       ZUM MILITÄRPUTSCH IN GRIECHENLAND
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       Durch einen von langer Hand vorbereiteten Militärputsch haben fa-
       schistische Kräfte  in der  Nacht vom 20. zum 21. April die Macht
       in Griechenland  übernommen und  eine Diktatur errichtet. Die Er-
       eignisse nach  dem Putsch  und die  Kollaboration zwischen  König
       Konstantin und  der Militärjunta zeigen, daß trotz aller Dementis
       der König aufs engste mit dem Putsch verbunden ist.
       Aus folgenden  Tatsachen ergibt  sich eindeutig der faschistische
       Charakter der jüngsten griechischen Militärdiktatur:
       1) Tausende demokratischer Politiker und Bürger wurden verhaftet.
       Konzentrationslager, nächtliche  Hausdurchsuchungen, Post-, Tele-
       fon-, Zeitungs-,  Rundfunk- und Fernsehzensur, Errichtung von Mi-
       litärtribunalen gegen Demokraten, Streikverbot, Auflösung von Ju-
       gend- und  Studentenverbänden, Verbot aller demokratischen Verei-
       nigungen, darunter  der Gewerkschaften, kennzeichnen diese Dikta-
       tur.
       2) Sprecher der Putschisten haben sich zu Salazar und seiner Dik-
       tatur in Portugal als ihrem Vorbild bekannt.
       3) Der Putsch   diente der  Zerstörung der  Demokratie. Der König
       hatte die  Zentrums-Union, eine  Partei der demokratischen Mitte,
       und ihre populären Führer, Georgios und Andreas Papandreou, trotz
       ihrer absoluten  Mehrheit (53 Prozent) seit Jahren von der Regie-
       rung ferngehalten.  Nach Meinungsumfragen  hätten die für den 28.
       Mai ausgeschriebenen  Wahlen mit  großer Sicherheit der Zentrums-
       Union einen  überwältigenden Sieg  und damit  nach demokratischen
       Regeln die  Übernahme der Regierungsgewalt erbracht. Dies zu ver-
       hindern, war das Ziel von Militär und König.
       Der Hinweis  auf Umsturzabsichten  der verbotenen kommunistischen
       Partei ist  absurd. Handelt es sich in Griechenland doch nicht um
       eine Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Demokraten, son-
       dern um  den Kampf monarchistisch-faschistischer Kräfte gegen die
       Demokratie.
       Mit der  Militärdiktatur in  Griechenland entsteht  im westlichen
       Teil von  Europa neben Spanien und Portugal der dritte faschisti-
       sche Staat.  Angesichts der  autoritären Tendenzen in der Fünften
       Republik Frankreichs und der Bedrohung der Demokratie in der Bun-
       desrepublik durch  Neonazismus und Notstandsgesetze bedeutet die-
       ser Umsturz  eine ernste  Gefährdung der  demokratischen Substanz
       Westeuropas.
       Doch nicht nur die Demokratie, sondern auch unsere Sicherheit ist
       bedroht. Nehmen die europäischen Staaten und die NATO den Umsturz
       in Griechenland  widerspruchslos hin  und arbeiten  sie  mit  dem
       neuen Regime  zusammen, so entsteht im Falle eines Aufstandes der
       griechischen Demokratie  gegen die Militärdiktatur die Gefahr ei-
       nes zweiten Vietnam.
       Angesichts dieser  Gefahren fordern  wir den Boykott des griechi-
       schen Faschismus.  Wir fordern von der Bundesregierung, den deut-
       schen Botschafter in Griechenland zurückzurufen und jegliche Ent-
       wicklungshilfe und  Zusammenarbeit, auch im Rahmen der NATO, ein-
       zustellen.
       Die Bürger  der Bundesrepublik  rufen wir auf, durch Absage aller
       Urlaubsreisen nach  Griechenland ihren Protest gegen die griechi-
       sche Militärdiktatur zu demonstrieren.
       Wir fordern  die Herstellung  der Demokratie  in Griechenland und
       die sofortige Freilassung der politischen Gefangenen.
       Wir erklären  uns solidarisch  mit den griechischen Arbeitern und
       Studenten in  der Bundesrepublik und ihrem Kampf gegen die Dikta-
       tur.
       Die Probleme  Europas können mit Gewalt und Diktatur nicht gelöst
       werden. Der Rückkehr des Faschismus in Europa muß in den Anfängen
       gewehrt werden!
       
       Offenbach, den 10. Mai 1967
       
       Präsident des  Weltkirchenrates D.  Martin Niemöller DD, die Pro-
       fessoren Max  Born, Ernst Bloch, Wolfgang Abendroth, Helmut Goll-
       witzer, Ossip  K. Flechtheim, die Schriftsteller Karlheinz Desch-
       ner, Günter  Eich, Dr.  Günther Anders, Hans Magnus Enzensberger,
       Christian Geissler,  Gerhard Zwerenz,  Alexander Spoerl,  die Ge-
       werkschafter Otmar  Günter, Heinz  Brandt,  Max  Jaeger,  Manfred
       Leis, Jakob Moneta, Heinz Raspini, Leo Moser, die SPD-Landtagsab-
       geordneten Philipp  Pleß, Karl  Wöll, Stadtrat  Walter Buckpesch,
       Bürgermeister Willi  Rehbein sowie  Dr. Arno  Klönne, Dr. Herbert
       Mochalski, Helmut  Schauer, Reimut  Reiche (1. Bundesvorsitzender
       des SDS),  Elmar E. Linnemann (Referent der Evangelischen Studen-
       tengemeinden in  Deutschland für internationale Angelegenheiten),
       Dr. Hannelis Schulte (Bundesvorsitzende der Deutschen Friedensge-
       sellschaft), Gerhard  Weber (Generalsekretär  des CVJM  Hamburg),
       Reinhold Settele (Vorsitzender des Verbandes der Kriegsdienstver-
       weigerer), Klaus  Vack (Geschäftsführer  der Kampagne  für  Abrü-
       stung).
       

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