Quelle: Blätter 1967 Heft 06 (Juni)


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       Prof. Dr. Wolfgang Abendroth
       
       DAS ARBEITSERGEBNIS DER ERSTEN SESSION DES RUSSELL-TRIBUNALS
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       IN STOCKHOLM
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       Arbeit und  Befund der  ersten Session  des Russell-Tribunals  in
       Stockholm  sind  in  der  Berichterstattung  der  bundesdeutschen
       Presse überwiegend  einseitig und  nicht ihrer moralischen Bedeu-
       tung entsprechend gewürdigt worden. Im nachfolgenden veröffentli-
       chen wir  anschließend an  einen Bericht über diese erste Session
       auch einige  pointierte Gedanken von Günther Anders, der Mitglied
       des Russell-Tribunals ist. D. Red.
       
       Als Earl  Bertrand Russell  gemeinsam mit  Jean-Paul  Sartre  zur
       Gründung des Vietnam-Tribunals aufrief, wurde in der bürgerlichen
       öffentlichen Meinung  fast aller  westeuropäischen Länder und der
       USA versucht,  dessen Arbeit zu diskreditieren, weil eine private
       Institution angeblich nicht geeignet sei, zu schwierigen interna-
       tionalen Konflikten  Stellung zu nehmen. Zudem seien die Mitglie-
       der des  Tribunals von  vornherein voreingenommen,  weil sich nur
       Gegner des  amerikanischen Eingreifens  in südostasiatische  Pro-
       bleme an  seiner Arbeit  beteiligen würden.  So wurden  alle  die
       Scheinargumente wiederholt, die einst - vor 34 Jahren - gegen den
       parallelen Versuch  vorgebracht worden  waren, der Verschleierung
       des Anlasses  der Terrorisierung  des deutschen  Volkes durch die
       Nationalsozialisten im  Reichstagsbrandprozeß  eine  Untersuchung
       vor einem  internationalen Ausschuß  entgegenzusetzen. Zudem  hat
       die rechtsstehende  Presse des Westens - vor allem in der Bundes-
       republik Deutschland und in den Vereinigten Staaten - zu argumen-
       tieren versucht,  daß es  auch zahlreiche  andere Fälle durch den
       Staat organisierter Verstöße gegen die Grundsätze der Menschlich-
       keit gebe,  so daß  nicht einsichtig  sei, weshalb man gerade den
       Vietnam-Konflikt in  den Vordergrund stelle. Nun bestehen unzwei-
       felhaft die faschistischen Herrschaftssysteme in Spanien und Por-
       tugal trotz  des Ergebnisses des Zweiten Weltkrieges weiter. Auch
       hält die Südafrikanische Republik ihr Terrorsystem gegen die far-
       bige Bevölkerungsmehrheit aufrecht. Der Massenmord an den indone-
       sischen Kommunisten  und die  rassistische Mobilisierung  der ma-
       layischen Bevölkerungsmehrheit  gegen  die  chinesische  Bevölke-
       rungsminderheit in  Indonesien wird durch die großen Mächte tole-
       riert. Die  Militärdiktatur in  Griechenland - einem Mitglied der
       NATO - straft den angeblichen Zweck dieses Militärbündnisses, die
       politische Demokratie  abzuschirmen, offensichtlich  Lügen.  Aber
       der Vietnam-Konflikt  hat für die Aufrechterhaltung des Weltfrie-
       dens offenkundig größere Bedeutung und betrifft zudem eine kleine
       Nation, die seit der japanischen Okkupation dieses Landes ständig
       im Zustand  des Krieges  und der Intervention fremder Mächte exi-
       stiert hat.  Dauer und  Schärfe der  Kämpfe in Vietnam lassen be-
       fürchten, daß  dieser Krieg - wie einst der spanische Bürgerkrieg
       - sich  zum Probefall der Konfrontation der großen Mächte unserer
       Zeit ausweitet,  die beginnen, neue Kampf- und Terrormittel gegen
       die Zivilbevölkerung  auch für  den Fall eines Weltkrieges auszu-
       probieren. Deshalb  ist es  erforderlich, die öffentliche Meinung
       der Welt  zur objektiven  Wertung der Fakten zu erziehen, auch in
       denjenigen Ländern,  die durch systematische Fehlorientierung ih-
       rer Bevölkerung  bisher eine  systematische Analyse der Zusammen-
       hänge vorenthalten. Nur der Druck einer aufgeklärten öffentlichen
       Meinung könnte die Großmächte veranlassen, die Normen des Völker-
       rechts wieder  zu wahren, die die Weltmächte allzu häufig in den-
       jenigen Fällen nicht beachten, in denen sie das Risiko der Spren-
       gung völkerrechtlicher Verpflichtungen deshalb für gering halten,
       weil ihr  Gegner nicht  über die genügende Macht verfügt, die Be-
       achtung des  Völkerrechts zu  erzwingen. Gewöhnt  sich aber  eine
       Weltmacht daran, völkerrechtliche Normen für gleichgültig zu hal-
       ten, so  können allzu  leicht die  gleichen Folgen eintreten, die
       einst die  Hinnahme ständigen völkerrechtswidrigen Verhaltens der
       faschistischen Staaten durch die anderen Länder gehabt hat.
       Diesem Zweck der Überprüfung, ob den Prinzipien der Humanität und
       des Völkerrechts  in Vietnam durch große Mächte Rechnung getragen
       werde oder  nicht, und der Mobilisierung der öffentlichen Meinung
       zugunsten dieser  Prinzipien durch  Vorlage umfassender  juristi-
       scher Gutachten  und  sorgfältig  kontrollierten  Beweismaterials
       über objektive Tatbestände sollte das Vietnam-Tribunal dienen und
       hat es  in seiner ersten Session gedient. Die Mitglieder des Tri-
       bunals waren  neben international  anerkannten führenden Philoso-
       phen wie Sartre, der die erste Session geleitet hat, und Schrift-
       stellern wie Peter Weiss und Simone de Beauvoir Völkerrechtsjuri-
       sten und  Historiker aus  den  Vereinigten  Staaten,  sogenannten
       "westlichen" Ländern  einschließlich Japan  und neutralen Ländern
       wie Pakistan  und Jugoslawien.  Sie haben  sorgfältig  vermieden,
       über Personen  urteilen zu wollen und eine strafrechtliche Kompe-
       tenz an sich zu ziehen, die sie als privates Tribunal nicht haben
       konnten. Sie  wollten auch  nicht das Volk der USA einer Untersu-
       chung aussetzen,  sondern lediglich  das Verhalten  der Regierung
       dieser Weltmacht  und ihrer  Streitkräfte untersuchen. Daß natür-
       lich in einem Bürgerkrieg auch von den im Kampf mit regulären Ar-
       meen von  Großmächten und  deren  Satelliten-Regierung  stehenden
       aufständischen Partisanen  inhumane Gegenakte gegen inhumane Akte
       von Regierungstruppen begangen worden sind und unvermeidlich noch
       immer  gelegentlich  begangen  werden,  wurde  vom  Tribunal  als
       selbstverständlich vorausgesetzt und nicht zum Gegenstand der Be-
       weisaufnahme gemacht  - so wenig, wie es zum Beispiel für das In-
       ternationale Militär-Tribunal  in Nürnberg  sinnvoll gewesen wäre
       zu untersuchen, ob die Insassen von Vernichtungslagern gegen ihre
       Wächter des öfteren Gewalt angewendet haben.
       Das gesamte  Beweisthema wurde vom Tribunal auf mehrere Sessionen
       verteilt. Die  erste Session in Stockholm, die vom 2. bis zum 10.
       Mai 1967  tagte, nachdem  in früheren Sitzungen die Aufgabenstel-
       lung der  einzelnen Sessionen  geordnet wurde,  beschränkte  sich
       darauf zu  klären, ob erstens die Regierung der Vereinigten Staa-
       ten mit  Beihilfe der  Regierungen von Australien, Neuseeland und
       Südkorea einen  Aggressionskrieg im  Sinne des Völkerrechts führe
       und ob zweitens durch Luftangriffe und Beschießungen durch Flotte
       und Heer  systematisch zivile,  also nicht  militärische  Objekte
       zwecks Terrorisierung der Bevölkerung angegriffen worden sind.
       Zum ersten  Problem kam  das Tribunal  einstimmig zu der Überzeu-
       gung, daß  bereits durch die Intervention der Vereinigten Staaten
       in Südvietnam - die dem Genfer Abkommen vom 20. und 21. Juli 1954
       eindeutig widersprach - objektiv die Bestimmungen des Briand-Kel-
       log-Paktes von  1928, des Art. 6 des Statutes des Internationalen
       Militär-Tribunals von  Nürnberg und  der Resolution der Vereinten
       Nationen vom  Dezember 1960  über das  Verbot von Angriffskriegen
       verletzt worden  sind. Die  Ermunterung der  Satelliten-Regierung
       Diem dazu, die in Genf vereinbaren Wahlen für Gesamtvietnam nicht
       durchzuführen und  die eigene  Bevölkerung Südvietnams durch bru-
       talsten Terrorismus  davon abzuhalten,  die Einhaltung dieser in-
       ternationalen Verpflichtung zu verlangen, war bereits ein Akt der
       Aggression. Die Luftangriffe gegen Nordvietnam, die 1964 einsetz-
       ten und  seit Februar  1965 intensiviert  wurden, ohne daß irgend
       eine Kriegserklärung  vorangegangen war,  haben nach  Meinung des
       Tribunals eindeutig ein Verbrechen gegen den Frieden im Sinne der
       Entscheidung des  Internationalen Militär-Tribunals  von Nürnberg
       dargestellt. Das Tribunal hat sich die Überprüfung aller Materia-
       lien -  vor allem auch der publizierten Dokumente der Vereinigten
       Staaten einschließlich des juristischen Memorandums, das der ame-
       rikanische Präsident bzw. das State Department der Kommission des
       amerikanischen Senats  für auswärtige  Angelegenheiten am 4. März
       1966 vorgelegt  hat -  nicht leicht  gemacht. Leider hatte es die
       amerikanische Regierung  abgelehnt, sich vor dem Tribunal vertre-
       ten zu  lassen, obwohl  sie dazu aufgefordert worden war. Daß das
       Tribunal eine  Ersatzvertretung durch zufällig anwesende amerika-
       nische Journalisten,  die  lediglich  eine  Propagandavorstellung
       liefern wollten und zudem keinerlei völkerrechtliche Sachkenntnis
       besaßen, nicht zulassen konnte, liegt auf der Hand, weil das Tri-
       bunal keine Propagandavorstellung, sondern eine wissenschaftliche
       Analyse durchführen wollte. Die große Majorität des Tribunals war
       übrigens der  Ansicht, daß  darüber hinaus  durch die in Thailand
       stationierten amerikanischen  Luftstreitkräfte  und  Truppen  und
       ebenso durch  die in  Südvietnam stehenden amerikanischen Truppen
       die Souveränität  von Kambodscha  und Laos wiederholt vorsätzlich
       verletzt worden  ist, während  die Feststellung des Tribunals zur
       Frage des Verbrechens gegen den Frieden gegenüber dem vietnamesi-
       schen Volk einstimmig erfolgt. ist.
       Zum Problem  der Terrorisierung  der Zivilbevölkerung  nicht  nur
       Südvietnams, sondern  auch Nordvietnams  in ständiger  Verletzung
       der Haager  Konvention vom  4. bzw.  18. Oktober 1907, des Art. 6
       des Statuts  des Internationalen  Militär-Tribunals in  Nürnberg,
       der Art.  18 und  53 der Genfer Konvention vom 4. August 1949 und
       des internen  Kriegsrechts der  Vereinigten Staaten,  nämlich des
       offiziell 1956 vom Kriegsministerium der Vereinigten Staaten ver-
       öffentlichten "Law  of Land Warfare", das die Ratifikation derje-
       nigen dieser  Verträge durch die Vereinigten Staaten insoweit er-
       setzt, als  sie nicht  formell ratifiziert  worden sind,  kam das
       Tribunal nach  eingehender Beweisaufnahme ebenfalls einstimmig zu
       dem Ergebnis,  daß Kriegsverbrechen  gegen  die  Zivilbevölkerung
       zielbewußt und  systematisch ständig  begangen  worden  sind,  um
       durch diese  systemtische  Terrorisierung  der  Nichtkombattanten
       eine militärische  Entscheidung herbeizuführen. Insbesondere sind
       die immer wieder gegen Dörfer und Städte eingesetzten sogenannten
       Kugelbomben, die  tausende kleine  Kugeln  verstreuen,  überhaupt
       nicht als  Waffe gegen  Soldaten, sondern nur als Waffe gegen die
       Zivilbevölkerung, gegen  Bauern, Arbeiter,  Frauen und Kinder ge-
       eignet. Darüber  hinaus sind immer wieder Hospitale, Schulen, Pa-
       goden und  Kirchen beschossen  und bombardiert, Deiche gesprengt,
       Staudämme vernichtet, Ernten zerstört und große Bereiche bearbei-
       teter Felder  für Reis-  und Getreideanbau  durch Vergiftung  un-
       brauchbar gemacht  worden. Das  wurde in  einer sehr langwierigen
       Beweisaufnahme ebenso  erwiesen, wie  der Tatbestand festgestellt
       werden konnte,  daß durch  Napalm-, Phosphor- und ähnliche Bomben
       Wohnbauten, Frauen  und Kinder zielbewußt gefährdet und verbrannt
       worden sind.
       Auch dem  Tribunal zunächst  durchaus feindliche  große Zeitungen
       nicht nur  Schwedens, sondern auch anderer Länder, wie "Le Monde"
       und sogar die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", mußten nach Beob-
       achtung der  Arbeitsweise des  Tribunals zugeben,  daß es bei der
       Überprüfung dieser  Tatbestände -  so furchtbar  sie waren - sich
       niemals von  Emotionen hat leiten lassen und die vernommenen Zeu-
       gen in  äußerst objektiver Weise von deren verständlichen Emotio-
       nen hinweggeführt hat. Die Arbeitsgruppen des Tribunals, die län-
       gere Zeit  in Nordvietnam  zerstörte Orte  und die Kampfweise der
       amerikanischen Luftwaffe  überprüft haben,  hatten die Ergebnisse
       dieser Zeugenaussagen sorgfältig vorbereitet.
       So ist zu hoffen, daß die Arbeit des Tribunals hilft, die öffent-
       liche Meinung  der Welt  zu überzeugen. Seine kommenden Sessionen
       werden der  gleichen Aufgabe  dienen und  zusätzliche Tatbestände
       analysieren. Aber  das Tribunal  weiß, daß  es insofern  nur eine
       Hilfsfunktion ausüben  kann, als  nur die  Aktivität  der  großen
       Masse der  Bevölkerung und  vor allem auch der Intellektuellen in
       den Vereinigten  Staaten und in den "westlichen" Ländern, die ge-
       genwärtig das  Verbrechen des  amerikanischen Angriffskrieges un-
       terstützen, erzwingen  kann, daß  die Regierung  der  Vereinigten
       Staaten zur Beachtung des Völkerrechts zurückfindet und ihren An-
       griff auf das vietnamesische Volk einstellt.
       
       Günther Anders
       
       Bemerkungen zu Vietnam
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       Die Ärmsten
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       Wer klagt an?
       Wir? Wir, das Russell-Tribunal?
       Wir haben  das nicht nötig. Wir sammeln, überprüfen und publizie-
       ren die Unterlagen.
       Das Anklagen überlassen wir den Amerikanern selbst.
       Denn es gibt keine Anklage, die furchtbarer wäre als jener amtli-
       che amerikanische  Bericht über die 77 000 Tonnen von Bomben, mit
       denen die  Armee Johnsons im Monat März 1967 Vietnam auszurotten,
       bzw. die Freiheit der freien Welt zu retten versucht hat. Es gibt
       keine Bezichtigung,  die unwiderlegbarer  wäre als  die Selbstbe-
       zichtigung der Amerikaner.
       77 000 Tonnen. Was bedeutet diese Ziffer?
       Daß Korea,  das monatlich  nur einen  Abwurf von 17 000 Tonnen zu
       erdulden gehabt  hat, in seinen schlimmsten Tagen ein glückliches
       Land gewesen sein muß.
       Und daß  England in  den entsetzlichen  Tagen des "Blitzes" sogar
       ein gesegnetes  Land gewesen sein muß, da ja das Tonnage-Quantum,
       das während  der gesamten  fünfjährigen Dauer  des Zweiten  Welt-
       krieges über  dem Lande  niedergegangen, geringer gewesen war als
       das Quantum, das nun monatlich auf Vietnam niederregnet. Nein, es
       kann kein  Tribunal geben, das fähig wäre, die Amerikaner so nie-
       derschmetternd anzuklagen, wie sie sich selbst angeklagt haben.
       Voll Angst  und voll Mitleid fragt man sich: Wie um Gottes willen
       wollen sich  die Johnsons, die Rusks, die McNamaras und die West-
       morelands -  wie sollen  sich diese  Ärmsten gegen diese ihre Be-
       zichtigung verteidigen?
       
       Stockholm, Mai 1967
       Günther Anders
       
       Das Laboratorium
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       Gewiß gibt  es Laboratorien,  in denen die Waffen für den wirkli-
       chen Krieg in Vietnam ausprobiert werden. Aber damit ist das heu-
       tige Verhältnis zwischen Laboratorium und Realität nicht etwa er-
       schöpft. Denn  was, vom  Laboratorium aus gesehen, die 'Realität'
       zu sein  scheint, das  spielt, in größerem Zusammenhange gesehen,
       selbst wiederum nur eine Laboratoriumsrolle. Die Blutbäder, Defo-
       liationen, Verbrennungen, Vergiftungen, die heute auf den wirkli-
       chen Schlachtfeldern  von  Vietnam  stattfinden,  die  sind  alle
       zugleich als Experimente gemeint. Das wird amtlich auch gar nicht
       bestritten. So  ist z.B. Dean Rusk ehrlich (bzw. plump) genug ge-
       wesen, den Vietnamkrieg einen "critical test" zu nennen, d.h. zu-
       zugeben, daß  er das wirkliche Vietnam als Laboratorium verwende,
       in dem  er 'ein Exempel statuire'. Wenn man ihn fragen würde, was
       er als  die wirkliche  Realität betrachte, als diejenige, für die
       er in  diesem Labor proben lasse, dann würde er auf alle jene Ge-
       biete verweisen,  in denen  unterentwickelte Bevölkerungen versu-
       chen könnten,  sich vom  Joch der  freien Welt zu befreien; kurz:
       die Realität der Knechtschaft.
       "Aviation Week"  bestätigt dieses  Verhältnis von  Experiment und
       Realität aufs  deutlichste. In  ihrer Ausgabe  vom 21.  März 1966
       meldet sie nämlich, daß das Oberkommando in Südvietnam in pausen-
       loser Verbindung mit Teams der Rand Co. stehe und jede neue Kamp-
       ferfahrung mit  neuen Waffen sofort an die Research Sections wei-
       terleite. Da  ohne diese  experimentellen Erfahrungen  der  Fort-
       schritt der  wissenschaftlichen Forschung  behindert  wäre,  wird
       dieses Verhältnis zwischen Tatort und Labor nicht nur als selbst-
       verständlich, sondern  als geboten  unterstellt. Bedauerlich  ist
       nur, daß  die bei  diesen Experimenten  verbrennenden  oder  zer-
       fleischten Vietnamesen  in den Tests, bei denen sie eine so nütz-
       liche Rolle  spielen, etwas Reales sehen, statt etwas nur Experi-
       mentelles.
       
       Good kills
       ----------
       
       Den Sinn  des Wortes  'gut' werden  wir wohl  revidieren  müssen.
       "We've had  a couple of good kills over there" berichtete ein In-
       formationsoffizier, der  aus der Gegend von Binh-Dinh, aus Ankhe,
       nach Saigon zurückgekehrt war.
       Mörder zweifeln wohl kaum je daran, daß diejenigen, die sie umge-
       bracht haben,  zuvor Menschen gewesen waren. Wer dagegen den Aus-
       druck "good  kills", der  ja aus  dem Jäger-Idiom  stammt, in den
       Mund nimmt,  der beweist  damlt, daß er in den Umgebrachten keine
       Menschen mehr gesehen hat, sondern Wild; und daß er etwas Schlim-
       meres ist  als ein Mörder: nämlich ein 'head hunter'. Die Berech-
       tigung dieses  Ausdrucks 'head  hunter' wird  übrigens durch  die
       Tatsache bestätigt,  daß heute  Vietkong-Ohrmuscheln als Trophäen
       gesammelt werden.
       
       Gegenmaquisards
       ---------------
       
       Partisanen sind  zu klein  und zu  "unterentwickelt", als daß sie
       mit den monströsen Großwaffen von heute erfolgreich bekämpft wer-
       den könnten.  Oder anders herum: Großwaffen sind zu groß, als daß
       sie Gegner,  deren Maße  eine gewisse  Minimalgröße  nicht  über-
       schreiten, erfolgreich  bekämpfen könnten.  Was  ich  meine,  ist
       nicht allein,  daß der  Einsatz zu großer Waffen unwirtschaftlich
       wäre, vielmehr, daß jedes Gerät als Korrelat Objekte in einer ihm
       entsprechenden Größe  benötigt; und daß diese Regel auch auf Ver-
       nichtungsgeräte zutrifft  bzw. auf die diesen Vernichtungsgeräten
       zugedachten Opfer.  Für Wasserstoffbomben  mögen Industriezentren
       bzw. Komplexe  von Industriestädten  ideale Zielobjekte sein; und
       ich könnte mir vorstellen, daß Männer wie Edward Teller unter der
       Tatsache, daß  so ideale  Verwüstungskomplexe wie  Tokio-Yokohama
       oder wie  das Ruhrgebiet trotz ihrer idealen Eignung für das Ver-
       wüstetwerden dieser ihnen adäquaten Behandlung niemals unterzogen
       worden sind,  aufs furchtbarste leiden, so als stellten diese Un-
       terlassungen monströse  Vergeudungen dar.  Gleichviel,  nicht  in
       Dschungeln und  in Maquiskämpfen  finden  Wasserstoffbomben  ihre
       idealen Zielobjekte, sondern in Großstädten.
       Zögernd scheinen  das die amerikanischen Theoretiker bereits ein-
       zusehen, denn  nun versuchen sie ja schon im Schweiße ihres Ange-
       sichts ihre eigenen Soldaten den noch mit obsoleten Mitteln kämp-
       fenden Gegnern  ebenbürtig zu  machen, also GI's in Maquisards zu
       verwandeln. Um  Revolutionen oder Befreiungskriege zu verhindern,
       stellt die Konterrevolution also bereits (sofern bei diesem Rück-
       griff aufs  Obsolete von  einem 'bereits' gesprochen werden kann)
       revolutionsartige Soldaten  her, 'Gegenmaquisards' gewissermaßen.
       Das aber  ist auf  lange  Sicht  wahrscheinlich  vergeblich.  Der
       schwache Maquisard  ist stark nämlich allein deshalb, weil er von
       seiner Umwelt,  dem Volk,  dessen Teil er ist, und dem Dschungel,
       den er  kennt, gehalten wird. Das berühmte Bild vom Fisch im Was-
       ser, gleich  ob es  von Mao  oder einem anderen Politiker stammt,
       ist wahr.  Und das bedeutet, daß der noch so raffiniert ausgebil-
       dete 'Gegenmaquisard'  grundsätzlich isoliert  und  deshalb  viel
       schwächer bleibt als derjenige, gegen den er eingesetzt wird, und
       daß er aus diesem Grunde unvermeidlicherweise auch viel grausamer
       werden muß.  Hier wie immer gilt, daß nichts absurder ist als der
       industriell hergestellte Handwerker.
       Im übrigen  zweifle ich nicht daran, daß die ausgebildeten Gegen-
       maquisards, da  sie ja keine eigene Sache haben, das, was sie ge-
       lernt  haben,   zu  Hause  anwenden  werden,  daß  sie  also  als
       'Kriminelle' nach  Hause kommen  werden; während  die Männer  der
       FLN, unterstellt,  der Krieg  nähme einmal  ein Ende,  vermutlich
       wieder oder  endlich zum erstenmal Bauern oder Bürger werden wer-
       den.
       
       Fliegende Hengste
       -----------------
       
       Mrs.  Kennedys  Albernheiten  gehen  uns  wahrhaftig  nichts  an.
       Schlimm, daß  man in  einer Welt  lebt, in der man sich dazu ver-
       pflichtet fühlt,  Jacqueline Kennedys Kaprizen zu erwähnen, nein,
       sogar in  Schutz zu nehmen. Aber das ist nötig. Und zwar deshalb,
       weil die  Scheinheiligkeit, mit  der Frau Kennedy offiziell, z.B.
       von US-Senatoren,  attackiert wird, noch übler ist als die Menta-
       lität von  Mrs. Kennedy  selbst. Diejenigen  Männer nämlich,  die
       durchaus nichts  dagegen einzuwenden  haben, nein,  damit einver-
       standen sind,  daß täglich  Tausende von  Soldaten und Tonnen von
       Brandbomben und  anderen mörderischen  Stoffen um  die halbe Welt
       transportiert werden, - diese Männer haben es nun nämlich gewagt,
       Mrs. Kennedy  vorzuwerfen, sie  habe Steuergelder dazu verwendet,
       um einen  ihr vom Präsidenten von Pakistan geschenkten arabischen
       Hengst im Flugzeug um die halbe Welt fliegen zu lassen.
       Wahrhaftig, ein  gutes Zeitalter wäre das und ein moralisches, in
       dem man Steuergelder, und wären diese selbst aus den Ärmsten her-
       ausgepreßt, ausschließlich  dafür  verwenden  würde,  um  Hengste
       durch die  Lüfte um  die halbe  Welt zu  transportieren. Aber auf
       solch ein Zeitalter zu hoffen, haben wir leider wenig Anlaß.
       
       Segen des Reproduktionszeitalters
       ---------------------------------
       
       Und da gibt es noch Kulturkritiker, die die Kühnheit haben, gegen
       die Gefahren  der Reproduktionsmethoden  und der  Massenmedien zu
       predigen. Schon vor sieben Jahren, also im Jahre 1960, hatte Diem
       die von  ihm arrangierten  Folterungen und Morde an Bauern filmen
       lassen und die Bevölkerung dazu eingeladen (bzw., da Kultur unter
       seiner Herrschaft  natürlich obligatorisch  war, dazu gezwungen),
       sich diese  Filme, also die Abbildungen seiner Mordtaten, anzuse-
       hen. In einem dieser übrigens gratis gezeigten Kulturfilme exzel-
       lierte Frau  Ut Lep, die Gattin des im Kampfe gegen die Franzosen
       als Resistance-Held  bekannt gewordenen Lep. Diese Frau zeichnete
       sich zwar  nicht wie andere Filmschauspielerinnen durch Schönheit
       oder Begabung  aus oder  etwa dadurch,  daß sie  sich entblößte -
       derartiges hatte  sie wahrhaftig  nicht nötig,  da  man  ihr  die
       Chance verschaffte,  etwas aufzuführen, was in solcher Naturwahr-
       heit darzustellen  noch keinem  Filmstar vor  ihr vergönnt worden
       war: sie  durfte nämlich  für das Filmteam, das Diem ausgeschickt
       hatte, den  abgesäbelten Kopf  ihres Mannes in die Höhe heben und
       aller Welt  zeigen, also  eine reale Salome-Szene aufführen; bzw.
       sie wurde dazu gezwungen.
       Die Beantwortung  der Frage,  aus welchem Lande die im Rahmen der
       Wirtschaftshilfe für Südvietnam gelieferten Apparate kamen, erüb-
       rigt sich.  Wer an  weiteren Einzelheiten  interessiert ist,  der
       kann diese  im Buche  von Burchett "Special War Special Defense",
       Chapter 1, nachlesen.
       
       Symbolische Kontingente und Symbole des Kontingenten
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       Bekanntlich haben  die Amerikaner seinerzeit, um sich und anderen
       zu beweisen,  daß die  Sache des Koreakrieges eine gute Sache sei
       und daß  gute Sachen  nicht von ihnen alleine durchgefochten wer-
       den, sondern  (wenn natürlich auch unter ihrer Kontrolle) von der
       gesamten "freien  Welt",  andere  Staaten  dazu  verleitet,  ihre
       "Scherflein" beizusteuern,  also Truppenteile, selbst winzige und
       sogar (da sich völlig auszuschließen, doch gewiß unangenehm wäre)
       "symbolische Kontingente"  nach Korea  zu entsenden.  Eine  Folge
       dieser von den kultivierten Staatsmännern erfundenen Symbolik war
       es, daß  ein armer  anatolischer Dorfjunge, der zu jener Zeit ge-
       rade das  Pech hatte,  im türkischen Heere zu dienen, und der na-
       türlich nie  zuvor von  Korea oder von Koreanern hatte läuten hö-
       ren, geschweige  denn von den durch diesen Krieg verwüsteten Dör-
       fern, geschweige  denn von  den Interessenten  an der  Verwüstung
       dieser Dörfer  - daß  dieser anatolische Dorfjunge dazu gezwungen
       wurde, sich  um die  halbe Welt transportieren zu lassen, und daß
       er dann in einem sehr fremden Lande von sehr fremdartigen, riesi-
       gen und  wohlgenährten Männern  in Empfang  genommen wurde, nein,
       nicht etwa von Koreanern, sondern von Amerikanern; und daß er von
       diesen (was er auch ohne Englischkenntnisse verstand) erfuhr, daß
       er ihnen zu gehorchen, z.B. auf Befehl zu schießen habe, und zwar
       deshalb, weil  er (wovon  er natürlich überhaupt nichts verstand)
       ein Symbol  sei: ein  Symbol nämlich  für Recht und Freiheit, und
       dafür, daß  sein Heimatland  (in dem  er natürlich niemals Rechte
       genossen hatte)  der "freien  Welt" zugehöre  und natürlich Zwang
       jeder Art verabscheue.
       Was, to make a long story short, zur Folge hatte, daß dieser ana-
       tolische Junge  schon in  der ersten Nacht nach seiner Ankunft in
       einem koreanischen  Dorfe, das er, da es bereits in Trümmern lag,
       nicht erkennen  konnte, einen koreanischen Jungen erschoß, natür-
       lich ohne  zu wissen,  was er  da  tat,  nein,  ohne  zu  wissen,
       d a s s   er das  tat; einen  koreanischen Jungen,  der, wenn das
       Schicksal die  Karten etwas  anders gemischt hätte, ohne weiteres
       der schießende  Anatolierjunge hätte  sein können,  so wie dieser
       Anatolierjunge, wenn  das Schicksal  die Karten  etwas anders ge-
       mischt hätte,  ohne weiteres  der erschossene Koreanerjunge hätte
       sein können.  Gleichviel, dieser  Koreanerjunge ist an dem Schuß,
       den der  nur symbolisch  nach Korea  gebrachte Anatolierjunge auf
       Befehl zwecks Aufrechterhaltung der Freiheit abfeuerte, gestorben
       - und damit bin ich bei dem Punkte, auf den es hier ankommt. Denn
       leider darf man nicht behaupten, daß dieses arme Opfer des schie-
       ßenden Symbols  selbst auch  noch in  den  Umkreis  der  von  den
       Staatsmännern so schön erfundenen Symbolik hineingehöre, also daß
       er auf  nur symbolische  Weise gestorben  sei. Vielmehr  ist  der
       Junge eben  wirklich gestorben.  Für dieses Wirklich-Sterben, und
       damit für alles Nichtsymbolische, und damit für alle jene Millio-
       nen, die, wie er, dazu verurteilt sind, dort, wo von Symbolik ge-
       faselt wird, wirklich zugrunde zu gehen - für alle die ist dieser
       Koreanerjunge freilich  symbolisch. Er ist kein symbolisches Kon-
       tingent, sondern ein Symbol des Kontingenten.
       
       Nur monströs
       ------------
       
       Examensfrage für  unsere Kinder: "Durch welche Beiträge zur Dezi-
       mierung welchen Volkes hat sich Südvietnam erholt?"
       Wenn eine  so verursachte Erholung einträte, so wäre das, wie ab-
       surd es  auch klingen  mag, nur  monströs, nicht  dagegen absurd.
       Schließlich hat  sich Hiroshima  dadurch erholt,  daß es  für die
       Amerikaner Materialien  und Geräte  erzeugte, die diese im Korea-
       kriege benötigten.  Und jene Südkoreaner, die den Amerikanern Ma-
       terialien verkaufen,  die diese  zur Verwüstung Vietnams benötig-
       ten, haben  es ebenfalls  zu neuer Blüte gebracht. 1) Kettenreak-
       tionen gibt  es nicht  etwa nur  in der  physischen Welt. Und die
       Kette der  Demoralisierungen, die hier sichtbar wird, die ist ge-
       wiß nicht  weniger verderblich  als die  bekanntere der nuklearen
       Reaktionen.
       
       Das monströseste Datum
       ----------------------
       
       Es gibt  Tatsachen, die,  obwohl nicht  ausdrücklich unterdrückt,
       keinem Zeitgenossen  bekannt zu sein scheinen. Wären sie bekannt,
       sie würden uns wegen ihrer Monströsität täglich von neuem atemlos
       machen. Das  unglaublichste Beispiel  ist die  Tatsache, daß  die
       Charter des  "Internationalen Militärtribunals" in Nürnberg, das-
       jenige Dokument  also, in  dem der  Begriff "Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit" zum erstenmal juristisch kodifiziert und die Ver-
       antwortlichkeit und  Strafwürdigkeit der an derartigen Verbrechen
       beteiligten Individuen zum erstenmal festgelegt wurde, - daß die-
       ses Dokument das Datum des 8. August 1945 trägt.
       Was ist am 8. August 1945 geschehen?
       Am 8.  August 1945 sind die letzten strahlenverseuchten Opfer von
       Hiroshima, nachdem  sie auf  ihren Vieren  durch den Schutt krie-
       chend versucht hatten, sich zu retten, im Umkreis ihrer Stadt zu-
       sammengebrochen und verendet.
       Und am  8. August  1945 haben  die Einwohner  von Nagasaki gerade
       noch vierundzwanzig  Stunden Menschenleben gespielt, vierundzwan-
       zig Stunden lang hatten sie noch Galgenfrist, ahnungslos herumzu-
       gehen, zu  liegen, zu arbeiten, zu essen, zu schlafen, zu lachen,
       zu weinen und zu lieben. Ehe es auch sie traf.
       In  anderen  Worten:  Dasjenige  Dokument,  in  dem  der  Begriff
       "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und der der Verantwortlich-
       keit und Strafwürdigkeit der an derartigen Verbrechen beteiligten
       Individuen zum  erstenmal völkerrechtliche Realität wurde, - die-
       ses Dokument  ist zwei  Tage nach Hiroshima und einen Tag vor Na-
       gasaki formuliert worden. Von vornherein war der Text von Verbre-
       chen gegen  die Menschlichkeit umrahmt gewesen. Und natürlich von
       Verbrechen, die  mit den  Maßen dieses Dokuments niemals gemessen
       und auf Grund dieses Dokuments niemals bestraft worden sind.
       Kein Datum der Weltgeschichte ist abenteuerlicher. Und wohl keine
       Tatsache tiefer deprimierend als die, daß es unter den Milliarden
       von Zeitgenossen, die von den zwei Fakten: Nürnberg und Atombombe
       gehört haben,  keinen einzigen  gegeben hat, dem deren Koinzidenz
       in die Augen gesprungen wäre.
       
       Zielverfehlung als Ziel
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       Vom Erzeuger aus gesehen, hat jedes Geschoß zwei Tugenden:
       Die erste  Tugend teilt  es mit  allen Genußmitteln.  Sie besteht
       darin, daß  keines "vorhält", daß jedes vielmehr durch den ersten
       Gebrauch bereits  aufgebraucht wird.  Aus diesem Grunde erfordert
       jedes sofortigen  Ersatz, wodurch es die Weiterproduktion in Gang
       hält.
       Aber diese  Konsummittel-Tugend ist  nur die  Vorstufe zu  seiner
       wahren Tugend.  Von den  meisten Geschossen gilt nämlich, daß sie
       verbraucht werden,  ohne daß  sie  wirklich  ein  erstesmal  "ge-
       braucht", im  Sinne von  "verwendet", worden wären. Denn die mei-
       sten Geschosse  verfehlen ja  ihr Ziel. Von der Rüstungsindustrie
       aus gesehen,  verfehlen freilich  die ihr  Ziel verfehlenden  Ge-
       schosse ihr  Ziel durchaus  nicht. Denn  je mehr  von ihnen nicht
       treffen, um  so mehr  müssen hergestellt werden. Wenn jeder Schuß
       ein Treffer  wäre, wenn  sich der widerwärtige Spruch, der zu Be-
       ginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland als Abzählreim beliebt
       war: "Jeder  Schuß ein Ruß" bewahrheiten würde, dann wäre dadurch
       die Rüstungsindustrie  tödlich getroffen.  Wahr ist vielmehr, daß
       immer nur  jeder tausendste Schuß trifft. In der Tat gilt von der
       Rüstungsindustrie dasselbe  wie von  der Natur: so wie diese Mil-
       lionen von  Samen und Eiern verschwendet, ehe ihr ein Treffer ge-
       lingt, also eine Befruchtung, die zur effektiven Entstehung eines
       neuen Lebewesens  führt, so  "verschwendet" die Vernichtungsindu-
       strie Millionen  an Geldern  und Materialien, ehe ihr ein wirkli-
       cher Treffer,  also die  effektive Tötung eines Menschen gelingt.
       Amerikaner haben  berechnet, daß 52 000 Dollar erforderlich sind,
       um einen einzigen Vietkong vom Leben zum Tod zu befördern.
       (Daß diese Summe das Vielfache dessen ist, was erforderlich wäre,
       um ihm  und seiner Familie Haus und Arbeitsgeräte, kurz: eine an-
       ständige Lebensbasis  zu verschaffen, das steht auf einem anderen
       Blatte.)
       
       Dry up the water
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       Die Vernichtung  des Landes und die Liquidierung der Bevölkerung,
       die die  Amerikaner in  Vietnam durchführen,  ist zum großen Teil
       dadurch zu  erklären, daß  ihre Taktiker  allmählich die Wahrheit
       des berühmten Ausspruches des chinesischen Guerilla-Führers P'eng
       Teh-huai: "The people are the water and the guerilla is the fish,
       and without  the wather  the fish will died" 2) eingesehen haben.
       Keine Frage:  Nun wissen sie, daß jeder Guerilla, da er in seinem
       Land Bescheid  weiß und von seinem Volke getragen und unterstützt
       wird, jedem  künstlich hergestellten "counter-guerilla" überlegen
       ist, in  wievielen raffinierten Griffen und infamen Tricks dieser
       Kunstguerilla auch  ausgebildet sein  mag; daß jeder Guerilla "im
       Wasser schwimmt", während sich Counter-Guerillas niemals in ihrem
       Element aufhalten, überhaupt in keinem Element.
       Diese Differenz  also hatten  die Amerikaner zu nivellieren. Wenn
       sie mit Feuer und Schwert, bzw. Napalm die Vernichtung des Landes
       systematisch durchführen, so deshalb, weil ihre Devise nun heißt:
       "Dry up  the wather."  In den  Augen der  Militärs ist  die  Aus-
       löschung des  Landes und  des Volkes nichts anderes als die Folge
       der militärisch  erforderlichen Auslöschung  des taktischen  Vor-
       sprungs der Guerillas vor den künstlichen Counter-Guerillas.
       
       _____
       1) Siehe Elmar  Altvater, Vietnam  und die Wirtschaft, "atomzeit-
       alter", Juni 1966.
       2) Snow, "The Other Side of the River", S. 706.
       

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