Quelle: Blätter 1967 Heft 08 (August)


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       Günther Anders, Wien
       
       VIETNAM - IMMER WIEDER VIETNAM
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       Visit Beautiful Vietnam
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       - Jawohl: "Besuchen  Sie das  schöne Vietnam", so heißt es in der
       Broschüre, die  das vietnamesische  Reisebüro herausgegeben  hat;
       und so noch im Januar 1967. Der Ruf nach Touristen ist in der Tat
       nicht im  Leeren verhallt. Obwohl man annehmen sollte, daß dieje-
       nigen Häuser,  die von den amerikanischen Militärs noch nicht de-
       moliert worden  sind, von diesen überfüllt seien, hat sich offen-
       bar doch  noch genügend Raum für zusätzliche Eindringlinge gefun-
       den, denn  die Zahl der Touristen hat sich im Jahre 1966, während
       die Napalmbomben  fielen, die Dörfer in Flammen aufgingen und die
       Kinder sich in Gelee verwandelten, verdoppelt, sie ist von 22 000
       auf 45 000  gestiegen, das  St. Moritz von Vietnam, Dalat, 200 km
       von Saigon  entfernt, genießt  als Höhenkurort besondere Beliebt-
       heit, die rasche Flugverbindung zwischen Saigon und dort funktio-
       niert nach  wie vor  - kurz:  "RELAX IN  DALAT!" - Wer es dagegen
       mehr auf  Kultur abgesehen hat, mehr auf Photos als auf Hautbräu-
       nung, der  begibt sich  etwas weiter,  in die ehemalige Residenz-
       stadt von Annam, nach Hue, um dort die Tempel und die Paläste der
       ehemaligen Könige  zu knipsen, oder um sich - denn auch die Anmut
       asiatischer Jungfrauen ist als Kulturwert ja nicht zu verachten -
       von jungen Mädchen auf dem Hue-Fluß herumrudern zu lassen - kurz:
       "BE A  PASHA IN HUEI" - während, ein paar Kilometer von dort ent-
       fernt, die  Napalmbomben fallen,  die Dörfer in Flammen aufgehen,
       und die Kinder sich in Gelee verwandeln.
       
       Dementi der Woche
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       Die Nachricht,  die durch  viele Blätter der ganzen Welt gegangen
       war, derzufolge  General Eisenhower des Landesverrats verdächtigt
       und deshalb vor das House Unamerican Activities Committee zitiert
       worden sei,  hat sich  schließlich doch  nicht bestätigt. Von der
       Zitierung, die  zuerst durchaus  plausibel geklungen hatte, da ja
       General Eisenhower  in seinem  "Mandate for  Change" 1)  den Aus-
       spruch gemacht hatte:
       "Wenn freie  Wahlen in Vietnam stattgefunden hätten..., würden 80
       Prozent der Bevölkerung für Ho Chi Mihn gestimmt haben" -
       hat man  vermutlich deshalb  Abstand genommen,  weil man dann ge-
       zwungen gewesen wäre, auch Präsident Kennedys Ausspruch
       "Offen gesagt, ich glaube, daß kein Ausmaß von amerikanischer Mi-
       litärhilfe in  Indochina einen  'Volksfeind' überwinden kann, der
       die Sympathie und die heimliche Unterstützung der Bevölkerung ge-
       nießt" 2),
       zu untersuchen;  und schließlich, last but not least, auch Präsi-
       dent Johnson wegen seines weltbekannten Ausspruchs:
       "Ich bin  dagegen, amerikanische Soldaten in den Schlamm Vietnams
       zu schicken  und dort zu Ader zu lassen, nur um den Kolonialismus
       zu verewigen" 3),
       zur Rechenschaft zu ziehen.
       
       Gangster
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       Natürlich wäre  das, was die Amerikaner in Vietnam anrichten, mo-
       ralisch um  nichts besser, wenn Johnson den völkerrechtlich übli-
       chen Schritt getan, nämlich Krieg erklärt, hätte. Ob die dort be-
       gangenen Verbrechen einfach Verbrechen sind oder "nur" Kriegsver-
       brechen, das ist ziemlich gleichgültig.
       Nicht unwichtig  dagegen scheint es, sich einmal den juristischen
       Status der in Vietnam kämpfenden Amerikaner klarzumachen. Da näm-
       lich der Platz, an den sie gebracht werden, völkerrechtlich nicht
       als "Kriegsschauplatz"  bezeichnet werden  kann, sind sie einfach
       zwangsverschickte amerikanische  Bürger, die  nun nach  ihrer An-
       kunft dazu genötigt werden, zur Rettung der "freien Welt" und zur
       Verhütung aller  Zwangssysteme, zu töten und das Risiko des Getö-
       tetwerdens auf  sich zu  nehmen. Da  der Krieg nicht erklärt ist,
       können sie  es völkerrechtlich  nicht beanspruchen,  als Soldaten
       einer Armee  zu gelten. Es wäre daher juristisch in Ordnung, wenn
       die Vietkongs und die Nordvietnamesen jeden einzelnen dieser Sol-
       daten als  ein Mitglied einer Gangsterbande behandeln würden. Daß
       sie das  nicht tun,  kann ihnen  gar nicht hoch genug angerechnet
       werden.
       
       Das Reuegeschäft
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       Wie wir  aus der  Süddeutschen Zeitung  vom 23.5.66 erfahren, hat
       der Rheinmetall-Konzern  2 1/2 Millionen an Personen gezahlt, die
       er in  der Nazizeit  als Zwangsarbeiter  in der Rüstungsindustrie
       beschäftigt hatte,  und von denen es sich herausgestellt hat, daß
       sie erstaunlicherweise  und jedem  Programm zuwider  doch noch am
       Leben sind.  Da klagt  man über mangelnde Bewältigung der Vergan-
       genheit. Wenn das nicht eine großzügige Wiedergutmachung und eine
       imponierende Bewältigung der Vergangenheit ist!
       Nichts dergleichen.  Denn diese  Buße für ihre damalige Teilnahme
       an Terror und Mord hat die Firma allein deshalb bezahlt, weil sie
       aus den  Vereinigten Staaten  einen Rüstungsauftrag für den Viet-
       nam-Krieg in  der Höhe  von 300  Millionen erhalten hat, und weil
       dieser Auftrag  an die  Bedingung geknüpft  war, die Wiedergutma-
       chungszahlung von 2 1/2 Millionen vorher zu erledigen.
       Leicht ist  es nicht, zu entscheiden, welcher der zwei Mörder der
       üblere ist:  ob der  heutige in  den Vereinigten Staaten, der den
       gestrigen nur  unter der  Bedingung der Bereuung seines gestrigen
       Mordes geschäftlich zum Zug kommen läßt; oder der gestrige in der
       Bundesrepublik, der,  um auch heute wieder etwas "schlechtmachen"
       zu dürfen, dazu bereit ist, den "Wiedergutmacher" für die gestri-
       gen Übeltaten zu spielen.
       
       Was Humanität ist
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       "Daß ich",  so sprach  der Gewaltverbrecher, "Herrn Mayer nur die
       Beine und  die Rippen  gebrochen habe,  nicht aber seinen Schädel
       eingeschlagen habe, das ist, wenn Sie in Betracht ziehen, daß ich
       ihn mehr  als fünfzigmal  überfallen habe, als eine im Verhältnis
       sehr geringe Beschädigung zu bezeichnen; eigentlich sogar als ein
       Zeugnis dafür,  wie erfolgreich ich mich bemüht habe, seine edle-
       ren Teile zu verschonen."
       "89 Todesopfer",  so erklärte am 4.1.67 das Pentagon nach der Be-
       bombung von  Nam Dinh, 89 Todesopfer, wie die Nordvietnamesen an-
       geben, bei  einer Einwohnerschaft von 90 000 sind bei über 50 An-
       griffen im  Verhältnis als  gering zu bezeichnen und eher ein Be-
       weis dafür, wie sehr die USA sich bemühen, Zivilisten zu verscho-
       nen." ("Kurier", Wien, 5.1.67)
       
       Dies ist keine Fabel
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       Als man Mitte Januar 1967 General Wheeler über die Zerstörung ei-
       ner nordvietnamesischen  Stadt befragte,  antwortete dieser,  die
       Ruinen hätten  sich die Nordvietnamesen selbst zuzuschreiben. Wer
       hätte sie denn dazu gezwungen, ihre Fabriken und Industrieanlagen
       so nahe bei ihrer Stadt aufzubauen? Offensichtlich hätten sie das
       allein deshalb  getan, um sich dadurch die Chance zu verschaffen,
       ihre Zivilbevölkerung als Geisel zu benutzen, also um dadurch die
       amerikanischen Bomberpiloten, die es ja wahrhaftig auf nichts an-
       deres abgesehen  hätten als auf die industriellen Anlagen, in den
       Augen der  Welt zu Mördern zu machen, bzw. um diese daran zu hin-
       dern, die industriellen Anlagen zu zerstören. Die Nordvietnamesen
       sollten es  sich nur  nicht einreden,  daß die Amerikaner so dumm
       seien, auf derartige "dirty tricks" hereinzufallen.
       Das ist  nicht anders,  als wenn sich ein Gewalttäter mit der Er-
       klärung rechtfertigen  würde, er  habe es lediglich auf die Köpfe
       seiner Opfer abgesehen; wenn diese Opfer, entweder um ihm nachsa-
       gen zu  können, er  sei ein  Mörder, oder um auf Nummer sicher zu
       gehen, ihre  Köpfe direkt  auf ihre  Leiber aufstülpten und diese
       dadurch gefährdeten,  so sei  das wahrhaftig  nicht seine Schuld;
       und auf solche "dirty tricks" könne er keine Rücksichten nehmen.
       
       Rüstungsindustrie und Entrüstungsindustrie
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       Seit den  Balkankriegen ist  es allgemein  akzeptierter Usus, daß
       einander bekämpfende  Armeen Waffen von gleichen Firmen beziehen.
       Immer  wieder   haben  Krupp-Geschütze  auf  Krupp-Geschütze  und
       Schneider-Creusot-Geschütze auf  Schneider-Creusot-Geschütze  ge-
       schossen. Im  Vietnamkrieg können wir nun eine neue Variante die-
       ses netten Brauches beobachten.
       Bekanntlich verteidigt  sich die FLN mit Abertausenden von in den
       Vereinigten Staaten erzeugten Waffen: nämlich mit denjenigen Waf-
       fen, die  die sog. "Deserteure" (wie die sich den Vietnamesen an-
       schließenden Vietnamesen genannt werden) mitbringen. Die amerika-
       nische Industrie  beliefert mithin  beide Fronten. Eine geschäft-
       lich günstigere  Situation könnte  sie sich nicht wünschen. Durch
       die Belieferung beider Seiten garantiert sie die sofortige gegen-
       seitige Zerstörung der Produkte, und damit - was entscheidend ist
       - die  Notwendigkeit sofortiger neuer Produktionen und neuer Lie-
       ferungen. Durchaus  denkbar, daß die amerikanische Industrie dazu
       bereit wäre,  die großen  Verteidigungs-Installationen gegen  die
       amerikanischen Angriffe in Nordvietnam, die Rampen etc., die vor-
       derhand von der Sowjetunion geliefert werden, selbst zu liefern -
       und gewissermaßen mit sich selbst zu kämpfen. Aus vielen amerika-
       nischen Publikationen  schlägt uns  der heiße Atem einer wahrhaft
       glühenden moralischen Entrüstung über die Existenz von Raketenab-
       wehrstellungen in  Nordvietnam entgegen.  Ob nicht diese glühende
       Empörung über  diese Einrichtungen  zugleich auch  glühender Neid
       ist? Neid  auf die  Sowjetunion, weil  ihnen diese als Konkurrent
       bei der Lieferung dieser Produkte zuvorgekommen ist? Ob nicht die
       Entrüstungsindustrie von  heute mit der Rüstungsindustrie weitge-
       hend identisch ist?
       
       Spiel und Ernst
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       Daß Sport  denen, die  von der Chance wirtschaftlicher Konkurrenz
       im großen  Stil ausgeschlossen  sind, die Ersatz-Chance gibt, auf
       einem Spielfeld  mit anderen in Wettbewerb zu treten und über an-
       dere zu  triumphieren, das  weiß jedermann. Aber die Leistung des
       Sports besteht  nicht etwa  darin, den Ernst des Lebens zu erset-
       zen, sondern auch darin, diesen vorzubereiten. Und darin sogar in
       erster Linie. Was meine ich damit?
       Nicht etwa,  daß wer  auf dem  Sportplatz die Tugend der Fairness
       erlernt habe,  nun diese Tugend auch im Ernst des Lebens anwenden
       könne. Nur Naive werden behaupten, daß die Tugend der Fairness im
       wirklichen Leben,  auf dem  "Schlachtfeld der Welt" erforderlich,
       auch nur erwünscht, auch nur erlaubt sei. Die Fairness-Regel gilt
       ausschließlich auf  dem  Spielfeld,  ausschließlich  als  "Spiel-
       regel", also  ausschließlich als  Ersatz  für  utopisch  erhoffte
       Fairness in  der Wirklichkeit.  -   Was wir  auf den Spielplätzen
       lernen sollen,  ist primär  nicht, fair  zu spielen,  sondern  zu
       spielen. Als  Spieler sollen  wir funktionieren,  damit wir  auch
       dann, wenn wir einmal wirklich in den Ernst des Lebens eingesetzt
       werden, keine  Hemmungen verspüren,  die Anweisungen, die wir er-
       halten, gleich  welche, in  Spielregeln  zu  verwandeln  und  als
       Spielregeln zu  befolgen. In  anderen Worten: Wenn wir von Jugend
       auf dazu  angehalten werden,  unsere Spiele  ernst zu nehmen, so,
       damit wir  es später  auch gut gelernt haben, auch das Ernste nur
       zu spielen.
       Das "Ernste spielen" z.B. jene "tactical fighters" der amerikani-
       schen Luftwaffe, die ("Spiegel" Nr. 44, 1966) bei 800 km Stunden-
       geschwindigkeit um  die Wette zielen - wobei als Sieger derjenige
       ausgeht, der seine Opfer mit flüssigem Napalm-Feuer am genauesten
       getroffen hat.  Tatsächlich hat es der Beste nunmehr auf 20 m Ge-
       nanigkeit gebracht  - auf  einen Rekord,  von dem noch im letzten
       Weltkriege kein Flieger zu träumen gewagt hätte.
       
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       1) S. 372.
       2) Schlesinger, A Thousand Days, S. 322.
       3) Ausspruch von  Senator Lyndon  B. Johnson,  1954, Hannoversche
       Presse, 31. Juli/1. August 1965.
       

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