Quelle: Blätter 1967 Heft 09 (September)


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       Prof. Dr. Igor Bestushew, Moskau
       
       DIE WELT VON MORGEN
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       Wie stellt sie sich der sowjetische Wissenschaftler vor?
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       I
       
       Welche Zukunft erwartet die Menschheit?
       Eine Antwort  auf diese  Frage versuchte  vor  Jahrtausenden  die
       Eschatologie, die  "Lehre vom  Weltende" als nicht wegzudenkender
       Bestandteil jeder  Religion, zu finden. Auch die Utopisten stell-
       ten sich diese Frage. Sie sprachen nicht wenige geniale Vermutun-
       gen hierüber  aus, konnten  aber nicht  bis  zur  Erkenntnis  der
       Triebkräfte der Menschheitsentwicklung vordringen und waren nicht
       imstande, eine glaubwürdige Voraussage der weiteren Entwicklungs-
       wege zu geben. Erst vor relativ kurzer Zeit nahm die Wissenschaft
       die Suche nach einer Antwort auf diese Frage auf. Natürlich blie-
       ben auch die sowjetischen Wissenschaftler nicht abseits davon.
       Die fast  50jährige Erfahrung  der Planung in der Sowjetunion und
       die Leistungen  der Wissenschaft  in dieser Zeitspanne eröffneten
       breite Möglichkeiten  für die  Prognostik. Gleichzeitig  ist eine
       wirksame ökonomische und kulturelle Entwicklung bei dem gegenwär-
       tigen Tempo  der wissenschaftlich-technischen Revolution ohne bis
       ins einzelne  ausgearbeitete Voraussagen  für die Zukunft undenk-
       bar. All  das hat  in den letzten Jahren zu einer neuen Etappe in
       der Geschichte  der wissenschaftlichen  Prognostik  der  sozialen
       Prozesse geführt.  Jetzt teilen nicht mehr einzelne Wissenschaft-
       ler und  nicht einmal  Gruppen von Wissenschaftlern ihre Gedanken
       über konkrete  Aspekte der  Zukunft mit,  wobei sie  meistenteils
       rein intuitive  Voraussagen abgaben. Hunderte von Forschungsgrup-
       pen, Sektoren,  Abteilungen und  ganze Institute  entstanden, die
       sich speziell mit den Problemen der sozialen Prognostik befassen.
       Sie bedienen sich dabei komplizierter Methoden und der modernsten
       Errungenschaften der Wissenschaft und Rechentechnik.
       Dutzende von  derartigen Einrichtungen  wurden in der Sowjetunion
       gegründet. Auf  dem 23.  Parteitag der KPdSU wurde die Notwendig-
       keit einer  allseitigen wissenschaftlich  begründeten Perspektiv-
       planung unterstrichen  und darauf  verwiesen, daß  es sich  jetzt
       nicht nur  um die Planung der Wirtschaft, sondern auch der sozia-
       len Verhältnisse und der Kultur im weitesten Sinn des Wortes han-
       delt. Im  Zusammenhang damit steht die Ausarbeitung der theoreti-
       schen Grundlagen  der sozialen  Prognostik. Es  ist klar, daß die
       Forschungen in  dieser Richtung  nur in enger Zusammenarbeit zwi-
       schen Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen, Philosophen, Demo-
       graphen, Mathematikern,  Physikern, Chemikern,  Biologen, Geogra-
       phen und  Fachleuten auf  verschiedenen Wissensgebieten,  in  der
       Technik, Landwirtschaft,  Medizin, Pädagogik,  im Bauwesen und in
       der Architektur usw., fruchtbar sein können.
       Jetzt entwickeln sich mehrere Richtungen der sozialen Prognostik.
       Dazu gehört  unter anderem  die ökonomische  Prognostik mit ihrer
       relativ gut  ausgearbeiteten Methodik.  Sie beruht auf der Grund-
       lage der  Modelle des  ökonomischen Wachstums,  der Extrapolation
       der Tendenzen,  wobei die  Urteile von  Experten zu den einzelnen
       Kennwerten eingeholt  und diese  Werte im Zusammenhang betrachtet
       werden, und  schließlich auf der Grundlage der Prognoseprogramme,
       die ein  bestimmtes Wachstumstempo gewährleisten sollen. Dazu ge-
       hören ferner  die Prognosen  der demographischen  und  ethnischen
       Prozesse, der  sozialen Aspekte des Städtebaus, der sozialen Fol-
       gen des  wissenschaftlich-technischen Fortschritts,  der Verände-
       rungen der  sozialen Struktur der Gesellschaft sowie Prognosen im
       Volksbildungswesen, Gesundheitswesen und in der Kultur. Fast alle
       diese Zweige  (wohl nur mit Ausnahme der Prognosen auf dem Gebiet
       der Demographie)  sind viel  schwächer entwickelt.  Etwas  besser
       verhält es  sich mit  der wissenschaftlich-technischen Prognostik
       (der Entwicklungsperspektive  der  Wissenschaft  selbst  und  der
       technischen Aspekte  der Energetik,  der Rohstoffbasis, der Indu-
       strie, der  Landwirtschaft, des Bauwesens, des Verkehrswesens und
       des Post-  und Fernmeldewesens).  Relativ schwach  entwickelt ist
       die geographische  Prognostik (der  Perspektive der  weiteren Er-
       schließung der Erdoberfläche, der Wüsten, Zonen des ewigen Eises,
       der Weltmeere  u.a.) sowie  auch die  Prognostik der  Weltraumer-
       schließung. Wir  behandeln hier  nicht solche  Richtungen wie die
       militärischen und  politischen Voraussagen  (die Entwicklungsper-
       spektiven der internationalen Beziehungen miteinbegriffen).
       Bei aller  spezifischen Besonderheit jeder Richtung verbinden sie
       doch gemeinsame  Züge, die  mit der  Logik der wissenschaftlichen
       Voraussicht und  der daraus  resultierenden Methodik der sozialen
       Prognostik verknüpft  sind. Die Erfahrung zeigt, daß hier die In-
       tuition allein nicht ausreicht. Auch Analogieschlüsse erhöhen bei
       weitem nicht  immer die Wirksamkeit der Prognosen. Was die Extra-
       polation der  zu beobachtenden  Tendenzen betrifft,  so  ist  sie
       größtenteils nur  bei der  Erforschung irgendeines  relativ engen
       Aspektes der  nächsten Zukunft  gerechtfertigt. Im Prinzip lassen
       sich aber  die zu beobachtenden Tendenzen einfach nicht in Gedan-
       ken in  die Zukunft  verlängern, da sie in einer mehr oder minder
       entfernten Zukunft  unter dem  Einfluß anderer Faktoren unbedingt
       wesentliche Veränderungen erfahren werden. Somit erhebt sich eine
       schwierige, aber  durchaus lösbare Aufgabe, nämlich eine Methodo-
       logie der  sozialen Prognostik  auszuarbeiten, mit welcher die in
       Zukunft unvermeidlichen  qualitativen Veränderungen in den zu be-
       obachtenden Tendenzen berücksichtigt und eine Korrelation der bei
       der Extrapolation  der einzelnen  Erscheinungen gewonnenen  Werte
       erreicht werden kann.
       Eine große  Hilfe können  hierbei die schon entwickelten Methoden
       der konkreten  soziologischen und ökonomischen Forschungen erwei-
       sen, zum  Beispiel die  Methoden der Auswertung der statistischen
       und dokumentarischen  Daten, die Methoden der Umfrage unter Fach-
       leuten oder  einzelnen Bevölkerungsgruppen  und die  Methoden der
       sozial-ökonomischen und  experimentellen Modellierung.  So wurden
       in einigen  Ländern Befragungen  eines bestimmten Personenkreises
       nach einem  vorgeschriebenen Programm  durchgeführt, um eine mög-
       lichst objektive  Meinung hinsichtlich  dieses oder jenes Aspekts
       der Zukunft  zu ermitteln und somit die Wirksamkeit der Voraussa-
       gen zu  erhöhen. Immer  breiter wird auch zur Aufstellung von Mo-
       dellen gegriffen, die sich auf ein bestimmtes Datum beziehen (zum
       Beispiel von  Modellen des  Brennstoff- und Energiehaushaltes für
       das Jahr  1975 oder 2000, von Modellen der Standortverteilung der
       Produktivkräfte für die Jahre 1970, 1980 usw.).
       Nicht minder wichtig ist auch die Ausnutzung der Errungenschaften
       der Mathematik  und Kybernetik  für die gleichen Zwecke. Die Ein-
       führung der  Mathematik in  diese Forschungen  bringt  vermutlich
       einen sehr  großen Nutzeffekt.  Die  Wahrscheinlichkeitsrechnung,
       die Theorie  der Grenzwerte,  die Spieltheorie (oder die Entwick-
       lung spezieller  ähnlicher Theorien)  könnten den Grad der Zuver-
       lässigkeit und  die Reichweite der Voraussagen beträchtlich erhö-
       hen helfen.
       So erhebt  sich die  Frage einer allgemeinen Theorie der sozialen
       Prognostik. Vor  unseren Auge entsteht ein neuer Komplex von wis-
       senschaftlichen Disziplinen, die soziale Prognostik (oder Futuro-
       logie, wie  sie manchmal genannt wird), die Wissenschaft, die ge-
       stattet, aufeinander  bezogene Voraussagen  zu geben  und die Ge-
       setzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung komplex zu er-
       forschen.
       
       II
       
       Wir stehen  erst am Anfang dieser Forschungen. Nichtsdestoweniger
       lassen sich  jetzt schon Schlüsse über einzelne Umrisse der nahen
       Zukunft und  über die  wichtigsten Züge  der kommenden Jahrzehnte
       ziehen.
       Diese Daten zeigen ein sehr kompliziertes Bild.
       Nach den Angaben der demographischen Prognostik wird die Welt des
       Jahres 2000  doppelt so dicht wie heute bevölkert sein: An Stelle
       von dreieinhalb  Milliarden Menschen werden auf der Erde ungefähr
       6-7 Milliarden Menschen leben.
       Diese 6-7  Milliarden Menschen werden mindestens fünfmal mehr En-
       ergie als  jetzt verbrauchen.  Die Grundlage der Energetik werden
       im Laufe  der nächsten  Jahrzehnte wahrscheinlich  nach  wie  vor
       Kohle, Erdöl  und Gas  bilden. Allmählich  wird aber die Elektro-
       energie zu einem immer größeren Teil nicht mehr in Wärmekraftwer-
       ken, sondern  in Atomkraftwerken  erzeugt werden.  Man  kann  mit
       gutem Grund annehmen, daß sich die Weltenergetik des 21. Jahrhun-
       derts vorwiegend  auf Atomkraftwerke  stützen wird.  Gleichzeitig
       werden auch solche Energiequellen wie Flüsse, Wind, die Gezeiten,
       die Tiefenwärme  der Erde  stärker ausgenutzt werden. Schließlich
       kann die  Entdeckung eines Verfahrens zur Steuerung der thermonu-
       klearen Reaktion  den Menschen eine praktisch unbeschränkte Menge
       billiger Energie liefern.
       Die starke  Energiebasis wird  neue Horizonte für die Rohstoffge-
       winnung eröffnen,  so auch  die Erschließung der Bodenschätze auf
       dem Grunde  des Ozeans oder in den Tiefengesteinen der Erdkruste.
       Außerdem wird  auch die Erzeugung der verschiedenartigsten natür-
       lichen und  synthetischen Werkstoffe,  vielleicht sogar syntheti-
       scher Werkstoffe  mit vorbestimmten  Eigenschaften aus  praktisch
       unbeschränkten Vorräten  an anorganischen Rohstoffen, also unmit-
       telbar aus der Erde, aus dem Wasser und aus der Luft möglich wer-
       den.
       Die weitere  Automatisierung und Verwendung der Kybernetik in der
       gesellschaftlichen Produktion auf einer so mächtigen Brennstoff-,
       Energie- und  Rohstoffhasis ist  im Prinzip  imstande,  zu  einem
       Überfluß an materiellen Gütern und gleichzeitig zu einer weiteren
       Verkürzung des Arbeitstages zu führen. Jedenfalls kann man in den
       nächsten Jahrzehnten  die Errichtung  einer immer größeren Anzahl
       von Taktstraßen,  vollautomatisierten Abteilungen  und  Betrieben
       erwarten, die auf den gleichen Produktionsflächen dutzendmal mehr
       Erzeugnisse mit  zehnmal weniger Beschäftigten herstellen können.
       Wahrscheinlich werden  die soeben erst aufkommenden vollautomati-
       sierten Viehzuchtfarmen  und Feldwirtschaften größere Verbreitung
       finden. Neue  Maschinen- und  Gerätesysteme werden es wahrschein-
       lich ermöglichen,  die Errichtung von Gebäuden, Straßen und Stau-
       dämmen usw.  komplex zu  automatisieren. Außerdem ist die Annahme
       berechtigt, daß  auch automatisierte  Systeme des  Eisenbahn- und
       Luftverkehrs und  vielleicht auch  des Autotransports und Wasser-
       verkehrs entstehen  werden, so  daß der  Verkehr vollständig oder
       fast gänzlich durch elektronische "Dispatcher", automatische Zug-
       führer und  automatische Piloten  (vielleicht sogar  automatische
       Schiffskapitäne und automatische Kraftwagenfahrer) geregelt wird.
       Schließlich werden wahrscheinlich die automatisierten Systeme des
       Post- und  Fernmeldewesens mit  automatischen Systemen  des Rund-
       funk- und  Fernsehnetzes und  automatischer  Fernsprechverbindung
       zwischen den  Städten und  sogar Staaten (und auch Videotelephon-
       verbindung) "von  Wohnung zu Wohnung", mit automatischen Abonnen-
       tentelegraphen (Phototelegraphen),  sowie auch die Komplexautoma-
       tisierung der Postoperationen usw. Verbreitung finden.
       Die Landwirtschaft  ist unter  derartigen Verhältnissen innerhalb
       der nächsten Jahrzehnte imstande (wiederum im Prinzip!), den Men-
       schen dutzendmal mehr Lebensmittel als jetzt zu liefern. Nach Be-
       rechnungen der Wissenschaftler kann man sogar bei dem gegenwärti-
       gen Spitzenstand der landwirtschaftlichen Technik und nur auf den
       zur Zeit  angebauten Flächen (natürlich wenn man diesen Stand auf
       alle Gebiete  der Welt  verbreitet) fast  9,5 Milliarden Menschen
       vollauf mit  Lebensmitteln versorgen. Dabei ist es durchaus denk-
       bar, den durchschnittlichen Hektarertrag sogar in den wirtschaft-
       lich entwickelten  Ländern mindestens um das 4- bis 5fache zu er-
       höhen und  die Fläche  der bestellten  Ländereien gleichfalls  um
       mindestens das  4- bis 5fache zu erweitern, was sogar bei dem ge-
       genwärtigen Wissensstand  Lebensmittel für 200 bis 300 Milliarden
       Menschen liefern  könnte. In den Meeren und Ozeanen sind außerdem
       noch viel größere Lebensmittelressourcen enthalten.
       Wenn die  Menschheit über  ein derartiges  technisch-ökonomisches
       Potential verfügt,  kann sie (bei bestimmten sozialen Verhältnis-
       sen) einen  kolossalen Reichtum in Form von zusätzlichen Milliar-
       den Stunden  freier Zeit  erwerben. Gemäß  dem neuen Programm der
       Kommunistischen Partei der Sowjetunion soll in der Sowjetunion in
       den nächsten  zehn Jahren  zum sechsstündigen Arbeitstag oder zur
       35-Stunden-Wochen mit  zwei arbeitsfreien Tagen und in den Unter-
       tagearbeiten und  Produktionsstätten mit  schädlichen Arbeitsver-
       hältnissen zum  Fünfstundentag oder zur 30stündigen Fünftagewoche
       übergegangen werden.  In dem  darauffolgenden Jahrzehnt steht der
       Übergang zu  einer noch  kürzeren Arbeitswoche bei einem entspre-
       chenden Wachstum  der Arbeitsproduktivität  auf der Tagesordnung.
       Gleichzeitig mit  der Verkürzung  des Arbeitstages  wird auch der
       bezahlte Jahresurlaub  beträchtlich verlängert, so daß man in den
       nächsten Jahrzehnten  in den sozialistischen Ländern zum Beispiel
       einen 4-  bis 5stündigen  Arbeitstag oder eine 24- bis 30stündige
       Arbeitswoche und  vielleicht sogar  das System  "eine halbe Woche
       Arbeit- eine halbe Woche Ruhe" oder "Arbeitswoche-Ruhewoche" u.a.
       erwarten kann.
       Mit einem  derartigen technisch-ökonomischen  Potential wird  die
       Menschheit gleichzeitig  imstande sein,  alljährlich Hunderte von
       neuen Städten  zu gründen, Millionen Hektar Wüstenland in frucht-
       bare Erde zu verwandeln, Kanäle über ganze Erdteile zu ziehen und
       die Meeresengen mit Staudämmen abzuriegeln. Bekanntlich wurden in
       den letzten Jahren verschiedene Entwürfe für die Umgestaltung der
       Erdoberfläche bekannt;  sie reichten bis zur völligen Rekonstruk-
       tion des afrikanischen und des südamerikanischen Kontinents sowie
       auch beträchtlicher  Teile Asiens mit Systemen gigantischer Stau-
       dämme und  Kanäle, um dort die Wüsten, Sümpfe und undurchdringli-
       chen Urwälder  zu beseitigen und an ihrer Stelle große Agrar- und
       Industriegebiete anzulegen.  Unter diesen  Entwürfen gibt es fast
       keinen einzigen,  dessen Verwirklichung  nicht schon  heute tech-
       nisch denkbar  wäre und  dessen Kosten höher lägen als die gegen-
       wärtigen Rüstungsausgaben  der ganzen  Welt. Allein von dem Geld,
       das das  Wettrüsten in  den zwanzig Nachkriegsjahren verschlungen
       hat, hätte  man eine komfortable Wohnung für jede Familie auf dem
       Erdball errichten  und Hunger,  Epidemien und das Analphabetentum
       in allen  Ländern der Welt beseitigen, die Entwicklungsländer auf
       das gegenwärtige  Niveau der  wirtschaftlich entwickelten  Länder
       bringen können.
       Vermutlich werden schließlich noch vor dem Jahre 2000 Forschungs-
       stationen auf  dem Mond,  auf dem Mars und eventuell auch auf der
       Venus errichtet  werden. Es  ist nicht  ausgeschlossen,  daß  die
       Raumflieger in  den nächsten Jahrzehnten auch in den Raum einiger
       anderer Planeten des Sonnensystems vordringen werden.
       Auf diese Daten gestützt, kann man sich mit gutem Grund herrliche
       hundertgeschossige Paläste  des 21.  Jahrhunderts vorstellen, die
       sich, von einem grünen Laubmeer umgeben, in den Wasserflächen der
       Schwimmbecken, Kanäle  und Seen  spiegeln werden.  Man kann  sich
       eine Wohnung  jener Zeit  folgendermaßen  vorstellen:  mit  einem
       Schwimmbecken, mit  einem wandgroßen  riesigen Fernsehschirm, mit
       einem Bildschirm,  dessen farbiges Raumbild einen Anwesenheitsef-
       fekt im Theater, im Stadion, in einem Vortragssaal oder im Freun-
       deskreis vermittelt.
       Man kann  sich eine  reiche Auswahl  billiger Pakete mit Kleidung
       aus Kunststoffen  vorstellen, die  gleich  einer  Papierserviette
       nach einem einmaligen Gebrauch in den Müllschlucker geworfen wer-
       den. Man  kann sich  eine reiche  Auswahl leckerer,  billiger Ge-
       richte vorstellen,  die in  automatischen Fabriken  aus syntheti-
       schen Nahrungsmitteln  hergestellt werden und von natürlichen Le-
       bensmitteln nicht zu unterscheiden sind.
       Schließlich kann  man sich eine Rakete vorstellen, die Passagiere
       in einer  halben Stunde  nach dem entgegengesetzten Teil der Erde
       bringt. Das  Auto (oder Autoflugzeug) wird mit einem elektrischen
       Motor angetrieben  werden, der keine Abgase erzeugt und auf einer
       vorgeschriebenen Strecke  ohne unmittelbare  Beteiligung des Men-
       schen von  einem elektronischen  "Fahrer" gelenkt  wird. Atomzüge
       und Atomwagen  werden Hunderttausende von Tonnen Fracht mit einer
       Stundengeschwindigkeit von 200-300 Kilometern befördern.
       Die grüne  Sahara und  Städte in  der Arktis unter einer giganti-
       schen Plastikhaube,  Regen oder Sonne auf Bestellung und künstli-
       che Inseln  im Ozean,  die Regelung  der Vulkantätigkeit der Erde
       und der  Beginn der  planmäßigen Erschließung  des Mars - all das
       hält sich  im Prinzip  im Rahmen der wissenschaftlichen Daten der
       sozialen Prognostik für das 21. Jahrhundert.
       
       III
       
       Unsere Welt  von morgen hat aber in ihren konkreten Aspekten auch
       andere, ziemlich bedrohliche Seiten.
       Bis heute  wurde auf  der Erde  soviel Kernbrennstoff  aufgespei-
       chert, daß  jede Stadt,  jede Ortschaft nicht nur einmal, sondern
       mehrere Male mit Atomwaffen zerstört werden könnte. In der ameri-
       kanischen Literatur  sind Hinweise anzutreffen, daß die Explosiv-
       kraft der  Kernwaffen, die  gegenwärtig auf unserem Planeten vor-
       handen sind,  ungefähr 350 Milliarden Tonnen gewöhnlichen Spreng-
       stoffs entspricht. Also fast 100 Tonnen Sprengstoff für jeden Be-
       wohner der  Erde! Es  steht fest,  daß hundert Millionen Menschen
       bei den ersten gegenseitigen Kernwaffenangriffen umkommen würden.
       Viele der  Überlebenden würden  die Toten  beneiden, da  sie  den
       langsamen qualvollen  Tod der  Strahlenkrankheit sterben  werden.
       Wissenschaftler sagen unter derartigen Umständen eine körperliche
       und geistige  Degeneration der  gesamten Menschheit voraus. Somit
       wird das Schicksal der noch ungeborenen Generationen gefährdet.
       Außer Kernwaffen  gibt es  aber auch noch tödliche chemische Waf-
       fen. Westliche Fachleute behaupten, daß 16 000 bis 17 000 moderne
       chemische Bomben imstande sind, alles Lebende auf der Erde auszu-
       löschen. Hunderttausende dieser Bomben wurden schon hergestellt.
       Auch die bakteriologischen Waffen bilden ein ungeheuerliches Mit-
       tel der  Massenvernichtung. Wissenschaftler  verweisen mit  Recht
       darauf, daß  sie für  die Menschheit  eine nicht geringere Gefahr
       als die Wasserstoffbomben darstellen.
       Verhängnisvoll ist  dabei der Umstand, daß sich die thermonuklea-
       ren, chemischen  und bakteriologischen  Waffen allmählich  in der
       ganzen Welt  auszubreiten drohen. Die Gefahr eines Kernwaffenkon-
       flikts wächst,  worauf auch die Vertreter der kommunistischen und
       Arbeitergarteien in Karlovy Vary im April 1967 verwiesen.
       Der amerikanische  Imperialismus führt in Vietnam einen schmutzi-
       gen Krieg, der jederzeit in einen Weltbrand übergehen kann.
       Ferner: Von  den dreieinhalb Milliarden Menschen auf der Erde ha-
       ben heute  zwei Milliarden  nicht genügend  zu  essen.  Etwa  die
       Hälfte davon  hungert stark,  und mehrere  hundert Millionen Men-
       schen von  diesen hungernden  Menschen sterben im Grunde genommen
       eines qualvollen  Hungertodes. Wie seinerzeit J.F. Kennedy zugab,
       geht sogar  in dem reichsten kapitalistischen Land, in den Verei-
       nigten Staaten  von Amerika,  jeder zehnte Einwohner allabendlich
       hungrig zu Bett.
       Bei dem  Weltsystem des Kapitalismus mit seinem Neokolonialismus,
       seinem Wettrüsten,  seiner Jagd  nach  Überprofiten  zeigen  sich
       einstweilen keine  Perspektiven für  eine Verbesserung des Lebens
       in vielen  Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Eher sogar
       das Gegenteil: Bei dem stürmischen Wachstum der Bevölkerung sinkt
       der auch  ohnehin schon  niedrige Lebensstandard  der Volksmassen
       dort jährlich um 1-2 Prozent.
       So werden  also im Jahre 2000 auf der Erde an Stelle von 2 Milli-
       arden vier  oder fünf Milliarden Menschen hungern? Wird also etwa
       an Stelle einer halben Milliarde Menschen dann eine Milliarde ei-
       nes Hungertodes  sterben? Ist dies etwa eine reale Gefahr für un-
       sere Welt  von morgen?  Kann man  von der  Zukunft der Menschheit
       schreiben, ohne mit Sorge auf diese Gefahr zu weisen?
       Manch einer im Ausland sagt, daß sich das stürmische Wachstum der
       Bevölkerung  mit  Hilfe  empfängnisverhütender  Pillen  eindämmen
       läßt, die  imstande sind,  bei der  "Familienplanung" zu  helfen.
       Tatsächlich wurden  derartige Pillen  und andere  Mittel  in  den
       letzten Jahren  entwickelt. Die  Anwendung jeder Pille setzt aber
       ein gewisses geistiges Niveau voraus. Von welcher Hebung des gei-
       stigen Niveaus  im Weltmaßstab läßt sich überhaupt sprechen, wenn
       die Hälfte  der Bevölkerung  der Welt  weder lesen noch schreiben
       kann? Dabei  ist das  die Hälfte  im Durchschnitt.  In Asien sind
       aber fast  zwei Drittel  der Bevölkerung  Analphabeten, in Afrika
       fast drei  Viertel. Die Zahl der Analphabeten wächst proportional
       zum Wachstum der Bevölkerung der Welt.
       Wie schon  erwähnt, führt  die Automatisierung und Verwendung der
       Kybernetik in  der gesellschaftlichen Produktion zu einer Verkür-
       zung der  Arbeitswoche und setzt viele Millionen Werktätige frei.
       Unter gewissen  sozialen Verhältnissen  kann das  Millionen neuer
       Schüler und  Studenten, neuer  Pädagogen und Ärzte, neuer Wissen-
       schaftler und  Kunstschaffenden bedeuten,  unter anderen Verhält-
       nissen hingegen  - Millionen  neuer Arbeitsloser,  Millionen men-
       schlicher Tragödien.
       Wir sprachen schon von dem wandgroßen Fernsehbildschirm mit einem
       farbigen Stereobild.  Dieser Bildschirm kann jedem den Zutritt zu
       allen Schätzen  der Kunst  und Wissenschaft  eröffnen, er kann zu
       einem Ratgeber  und Lehrer, zu einem Führer bei einer interessan-
       ten Reise oder zu einem Fenster zum Freund werden. Aber nur unter
       bestimmten sozialen Verhältnissen. Unter anderen hingegen kann er
       wie Opium  wirken, das  imstande ist,  tagaus tagein  stundenlang
       Millionen Menschen nicht schlechter als ein starkwirkendes narko-
       tisches Mittel zu berauschen.
       
       IV
       
       Wir sprachen  von der  lichten Zukunft,  und in  der Hoffnung auf
       diese Zukunft leben und schaffen die Völker unseres Planeten. Wir
       sprachen auch  von einer Zukunft, die der Menschheit zum Verhäng-
       nis werden  kann und gegen die jeder Erdbewohner, der sich seiner
       Verantwortung gegenüber der Menschheit bewußt ist, mit allen Mit-
       teln kämpfen muß.
       Es gibt  noch eine  Zukunft, eine  ferne, geheimnisvolle, rätsel-
       hafte und  ungewisse Zukunft.  Eine Zukunft, die die Wissenschaft
       nur allmählich Schritt um Schritt eröffnet.
       Welche Zukunft  erwartet die  Menschheit bei  einer vollautomati-
       schen und  kybernetischen gesellschaftlichen Produktion, in einer
       Welt der  "klugen Maschinen", die die ganze Last der körperlichen
       und einen  Großteil der  gegenwärtigen Arten der geistigen Arbeit
       auf sich  laden können?  In einer Welt kybernetischer Organismen,
       die imstande  sind, dem Menschen zu helfen, seinen Heimatplaneten
       vollständig und  dann vielleicht  auch das  ganze Sonnensystem zu
       erschließen? In  einer Welt kybernetischer Organismen, die Milli-
       arden Erdenjahre  und Lichtjahre  existieren, die die Galaxis und
       Metagalaxis erschließen  können und  die den Prozeß der Organisa-
       tion der niederen Formen der Materie durch höhere fortsetzen wer-
       den?
       So sehen  die Umrisse  unserer Welt  von morgen aus, wie sie sich
       auf Grund der Angaben der Wissenschaft von heute abzeichnen.
       Es reicht  nicht aus, von der Zukunft zu träumen. Die Zukunft muß
       erforscht werden. Die Zukunft muß erkämpft werden!
       

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