Quelle: Blätter 1967 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       RESOLUTION EINER STUDIENGRUPPE ZUR OSTPOLITIK DER BUNDESREGIERUNG
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       Wir haben  an der  Studienfahrt der  Arche /  Arbeit  und  Leben,
       Wolfsburg, im  Juli 1967 durch die Volksrepublik Polen teilgenom-
       men. Die  Erlebnisse auf  dieser Fahrt  haben uns  veranlaßt, die
       folgende Resolution  an maßgebliche  politische Adressen  in  der
       Bundesrepublik zu richten:
       Wir fordern,  die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens umgehend
       anzuerkennen. Jedes  weitere Zögern  schadet der  Glaubwürdigkeit
       der erklärten Friedenspolitik der Bundesrepublik Deutschland.
       Begründung:
       1) Angesichts der  Krematorien von  Auschwitz  und  der  Hinrich-
       tungsstätten  in   Warschau  ist  uns  bewußt  geworden,  welches
       unsagbare Leid  die deutsche  Herrschaft über Polen gebracht hat.
       Die Erinnerung  an diese  Herrschaft ist  in Polen  heute  außer-
       ordentlich lebendig.  Wird dagegen  von seiten der Bundesrepublik
       Deutschland ein  Rechtsanspruch erhoben, so muß das von den Polen
       als Uneinsichtigkeit  und  Leugnung  der  Verantwortung  für  das
       Geschehene, ja, als erneute Bedrohung verstanden werden.
       2) Die Gebiete  östlich der  Oder-Neiße-Grenze sind von Polen be-
       siedelt. Über  die Hälfte  der Bevölkerung ist dort bereits gebo-
       ren. Die  Aufbauleistung in  allen Städten  ist hervorragend. Wir
       sind überzeugt  davon, daß  eine Revision  dieses  Zustandes  nur
       durch Krieg  möglich ist. Wenn die Bundesrepublik Deutschland die
       Oder-Neiße-Grenze nicht  anerkennt, muß  das aus polnischer Sicht
       als Bereitschaft zum Krieg erscheinen.
       3) Wir sind  in Polen auf große Gastfreundschaft, starken Aufbau-
       willen  und  ehrliche  Verständigungsbereitschaft  gestoßen.  Das
       machte uns darauf aufmerksam, wie unsinnig die verbreitete Abwer-
       tung der  Polen gegenüber den Deutschen ist. Der Anspruch auf die
       Gebiete jenseits von Oder und Neiße wird oft genug mit einer der-
       artigen Abwertung verbunden.
       4) Das dringendste  Ziel aller Politik in Europa muß nach unserer
       Meinung die  Sicherung des Friedens sein. Dazu gehört erstens die
       Anerkennung der  Deutschen Demokratischen Republik, um ein fried-
       liches Zusammenleben beider Teile Deutschlands zu erreichen. Dazu
       gehört zweitens  die Bildung  einer atomwaffenfreien Zone in Mit-
       teleuropa unter  Einschluß Polens  und der  Bundesrepublik.  Ohne
       eine dauerhafte  Verständigung zwischen  Deutschen und Polen wird
       das nicht  erreichbar sein.  Diese Verständigung  ist nur möglich
       über eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.
       
       Unterzeichnet von 23 Fahrtteilnehmern
       Rudolf Dohrmann, Pastor
       

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