Quelle: Blätter 1967 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BRIEF VON BUNDESKANZLER KIESINGER VOM 29. SEPTEMBER 1967
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       AN DEN MINISTERPRÄSIDENTEN DER DDR
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       Herrn Willi Stoph - Vorsitzender des Ministerrates
       
       Sehr geehrter  Herr Vorsitzender,  Ihren Brief  vom 18. September
       1967 habe ich erhalten und veröffentlicht.
       Die Dinge,  über die  wir sprechen,  gehen alle  Deutschen an. Es
       wäre daher  der Sache  dienlich, wenn  Sie diesen  Brief und mein
       Schreiben vom  13. Juni  1967 der  Bevölkerung  im  anderen  Teil
       Deutschlands nicht  vorenthalten würden. Nach unserer Überzeugung
       ist die  deutsche Nation,  deren Existenz ja auch Sie anerkennen,
       politisch mündig  und soll  sich selbst  ein Urteil  über  unsere
       Standpunkte bilden.
       Polemik führt nicht weiter.
       Der alleinige  Souverän, das  deutsche Volk,  will  nach  unserer
       Überzeugung vereint  in einem  Staate leben. Dieser Wille der Na-
       tion bestimmt unser Handeln.
       Das Recht der Selbstbestimmung ist unter den Völkern der Welt un-
       bestritten. Der  Tag wird  kommen, an  dem dieses  Recht auch dem
       deutschen Volk  nicht mehr  verweigert werden  kann. Diese Lösung
       der deutschen  Frage in  Frieden und Gerechtigkeit anzubahnen ist
       Pflicht aller Deutschen.
       Auf dem  Wege zur  Wiedervereinigung könnte  ein Programm von der
       Art, wie  ich es  bereits in meinen Vorschlägen vom 12. April und
       in meinem  Brief vom  13. Juni 1967 umrissen habe, gemeinsam ent-
       worfen und  verwirklicht werden,  um wenigstens die Not der Spal-
       tung zu  mildern und  die Beziehungen  der Deutschen in ihrem ge-
       teilten Vaterland zu erleichtern.
       Die Bundesregierung  ist bereit,  im Interesse  aller  Deutschen,
       aber auch  im Dienste  der Entspannung  und des Friedens, in Ver-
       handlungen über  ein derartiges  Programm einzutreten.  Zu diesem
       Zweck steht  der Staatssekretär  des Bundeskanzleramtes jederzeit
       in Bonn oder Berlin zur Verfügung.
       
       Mit vorzüglicher Hochachtung
       gez. Kiesinger
       
       

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