Quelle: Blätter 1967 Heft 11 (November)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       Prof. Dr. Ernst Bloch
       
       WIDERSTAND UND FRIEDE
       =====================
       
       Schriftliche Fassung der Festrede bei der Verleihung des
       --------------------------------------------------------
       Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter
       ------------------------------------------------------------
       Paulskirche am 15. Oktober 1967
       -------------------------------
       
       Anläßlich der  Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buch-
       handels in  der Frankfurter Paulskirche am 15. Oktober 1967 hatte
       Ernst Bloch  einen Festvortrag vorbereitet, dessen Text wir nach-
       stehend abdrucken.  Bei der  Veranstaltung selbst wich Bloch dann
       in frei improvisierter Rede von dem schriftlichen Text ab, schär-
       fer zuweilen und temperamentvoller als im geschriebenen Wort. Wer
       von Blut  spreche, so  mahnte er, solle nicht an die Revolutionen
       denken, die  das Bestehende aufsprengen, sondern an Krieg und Fa-
       schismus, die  aus dem  Bestehenden kommen.  Ruhe sei keinesfalls
       die erste Bürgerpflicht, und Sanftmut um jeden Preis könne gerade
       den Mördern  und Kriegsverbrechern ihr Handwerk erleichtern Kampf
       für den Frieden sei eben auch Kampf, und zwischen Kampf und Krieg
       müsse dringend unterschieden werden. Es war, als wollte Bloch mit
       kräftigeren Worten  der Einebnung  und Anpassung  entgegenwirken,
       die mit der Verleihung eines offiziellen Preises allzuleicht ver-
       bunden  sind.  Bloch  ist,  wie  die  Baseler  "National-Zeitung"
       schrieb, "nicht  so leicht  zu zähmen. Die Bedingung der Möglich-
       keit des  Friedens ist die Herstellung einer Gesellschaft, in der
       der Krieg  nicht mehr  für einige Mächtige Nutzen bringt; das ist
       die Lehre, mit der Ernst Bloch, allerdings ganz und gar nicht ge-
       sellschaftskonform,  für   die  Verleihung   des  Friedenspreises
       dankte." D. Red.
       
       I
       
       Nur sanft sein heißt noch nicht gut sein. Und die vielen Schwäch-
       linge, die  wir haben, sind noch nicht friedlich. Sie sind es nur
       im billigen, schlechten Sinn dieses Wortes, sind es allzu leicht.
       Ja, als  kleine Kinder ließen sie sich nichts gefallen, diese be-
       gehren auf,  daß man wunder meint, was es derart mit uns auf sich
       habe. Aber  danach kamen  auf zehn  Aufstände tausend Kriege, und
       die Opfer  blieben brav.  Daneben überall  die vielen Duckmäuser,
       sagen nicht  so und  nicht so,  damit es nachher nicht heißt, sie
       hätten so oder so gesagt. Leicht gibt sich bereits als friedlich,
       was mehr feig und verkrochen ist.
       
       II
       
       So hat  man jedenfalls  nicht gewettet,  wenn man auf ruhige Luft
       setzt. Ja,  auch was  lange und  duckmäuserisch beim  Ofen sitzt,
       konnte und  kann zu den Hunden gehören, die besonders leicht hin-
       ter dem  Ofen hervorzulocken sind. Der verdrückte Kleinbürger hat
       gezeigt, in  seinem Ernstfall,  wie pazifisch  er sein  kann. Und
       auch vorher,  selbst außerhalb  dessen gibt  es einen schmierigen
       Frieden,  nicht   nur  einen   schmutzigen  Krieg.   Ebensowenig,
       selbstredend, stimmte  es bei der anderen, der jeweils herrschen-
       den Seite, wenn sie sich als ruhesam, diesesfalls als rein defen-
       siv ausgab.  So auch  als Polizei liebend gern ein Freund des Pu-
       blikums, selber  ohne Tadel,  ein guter  Vater des  reibungslosen
       Verkehrs. Um  so ausschließlich die nicht so rechten, also linken
       Leute, die  auf dieser  Seite sich  auflehnenden als  gewalttätig
       auszugeben. Nur  sie begehen  dann  Landfriedensbruch,  sozusagen
       primär, erscheinen  allein als  gewalttätig. Gleich wie wenn auch
       in ruhigen Zeiten, wenn der Knüppel noch unbewegt im verdeckenden
       Sack bleibt,  das Vater-Ich  eine Bergpredigt wäre. Ungewalttätig
       durchaus, es  sei denn,  Gewalt werde  ihm geradezu aufgezwungen,
       eine bloße  Repression gegen  die allein  angreifende Opposition.
       Doch hat  bereits Thomas  Müntzer gesagt,  als er das Gewaltrecht
       des Guten  verteidigte: "Unsere  Herren machen es selbst, daß der
       gemeine Mann ihnen feind wird", und wies auf die Wechsler im Tem-
       pel hin  oder was ihnen hernach von berufener Stelle geschah, Al-
       lerdings: "Leid, Leid, Kreuz, Kreuz ist des Christen Teil", hatte
       Luther dagegen  gesagt, er bezog das aber, als ob sie keine Chri-
       sten wären, durchaus nicht auf die Fürsten und Herren von damals.
       Denen sei  ja eben  zur puren  Repression des  "Herrn Omnes"  das
       Schwert von  obenher gegeben:  für die  Mühseligen und Beladenen,
       die Erniedrigten  und Beleidigten blieb dann nur noch, als fehlte
       ihnen beides,  die "Geduld  des Kreuzes".  Indes, es sei erhellt:
       wie friedlicher Wandel ein anderes als der von Filzpantoffeln ist
       oder auf  ihnen, so  ist umgekehrt  Kampf fürs Gute nicht von der
       gleichen Art Gewalt wie die des Kriegs und seiner Herrschaft. Als
       häufiges Gemisch  von Limonade  und Phrase  wäre Pazifismus nicht
       das, was  er für viele Demokraten zu sein hat: Widerstand der so-
       zial-humanen Vernunft, aktiv, ohne Ausrede.
       
       III
       
       Um dazu  nicht entmannt  zu sein,  muß zwischen  Kampf und  Krieg
       dringend unterschieden  werden. Ersterer ist als sozialer auf ab-
       sehbare Zeit  nolens volens  geburtshelferisch, will mit fälliger
       Frucht an  den Tag.  Er reicht vom Streik bis zu Umwälzungen, von
       denen die folgenreichste die bürgerliche war, die antifeudale Be-
       freiung. Ihr Kampf war freilich weder in der englischen noch ame-
       rikanischen noch  französischen Revolution  ein abstrakter Putsch
       noch eine  Fetischierung des  Kampfs selber,  die dann permanente
       Revolution hieße.  Nicht so,  sondern mittels  seiner, durch  ihn
       hindurch soll  ja seine  Frucht gerade  als Ende,  als Gewinn des
       Kampf-Widerstandes, hergestellt  werden,  das  ist  als  sozialer
       Friede. Vor allem der russische Revolutionskampf war nirgends er-
       obernd wie ein Krieg, sondern eben nur geburtshelferisch für jene
       nicht mehr antagonistische Gesellschaft abgezielt, womit die alte
       schwanger ist.
       
       IV
       
       Sehr früh  wurde diese  menschenfreundliche Art des Kampfs gefei-
       ert, fordernd  bis heute.  Auch sie ist ehrwürdig, nicht nur Nim-
       rod, der  die Menschen  "zuerst mit Mein und Dein übermocht", der
       starke Jäger, hat seine Tradition. Die starke andere beginnt beim
       ältesten biblischen  Propheten, bei  Amos um 800 v. Chr. sogleich
       mit Feuer  und Regenbogen. "Darum (Amos 2, 6; 5, 24), daß sie die
       Gerechten um  Geld und  die Armen um ein Paar Schuhe verkaufen...
       Es soll aber das Recht offenbart werden und die Gerechtigkeit wie
       ein starker  Strom." Auch Jesaja hält es in diesen beiden Punkten
       nicht viel anders, wie denn fast alle Propheten, um keines Kirch-
       hoffriedens willen,  gegen die  Ahabs  und  Isabels  aufgestanden
       sind. Das  sind alte  Geschichten, samt  den  Schwerten,  die  zu
       Pflugscharen, den Lanzen, die zu Sicheln werden, "und wird", sagt
       Jesaja 2, 4, "kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben und
       werden hinfort  nicht mehr  Krieg lernen". Alte Geschichten, aber
       zu einem  Leben, "wo  die Tyrannen ein Ende haben und der Gerech-
       tigkeit Frucht  wird Friede  sein, wo niemand schreckt". Alte Ge-
       schichten gewiß,  doch die  Verhältnisse sind  nicht so, daß der-
       gleichen nicht  als fast völlig unabgegolten aus der Zukunft her,
       aus einem  Kampf um  die Zukunft  heftig postuliert.  Ersichtlich
       bleibt hier ein sehr früher riesiger Resonanzboden, auch für ver-
       hinderte Marxleser,  ein Plus  für den  Kampf um  echten sozialen
       Frieden aus  Aufklärung. Vor allem aber wirkt das aufreizende Je-
       suswort darin:  "Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer entzünde auf
       Erden, was  wollte ich  lieber, es  brennte schon" (Luk, 12, 49),
       ein Kampffeuer  für die  Mühseligen und  Beladenen, ohne  Frieden
       "mit Belial  und seinem Reich". Hat den wenig profithaften Ruf in
       sich: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, habt ihr mir ge-
       tan"; reeller  Kampf für den Frieden, ist ebenso unverwechselbar,
       in seinem ganz unwölfischen, einzig moralischen Widerstandsrecht,
       vom Krieg  toto coelo  verschieden. Auch vom Defensivkrieg, prak-
       tisch schon  deshalb, weil mindestens zwischen den hochgerüsteten
       Großstaaten keiner  zu den Frömmsten gehört, die nicht in Frieden
       leben können,  wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und wenn
       eine Kirche bisher auf beiden Großseiten die Waffen gesegnet hat,
       auch die  der Nazis,  also echtesten Krieges, so war es von da zu
       den Pforten  der Hölle  schließlich nicht weit. Einleuchtend weit
       aber vom  Kampf dagegen;  als welcher eben in Gesellschaften, die
       sich seit dem alten Amos nicht so grundlegend geändert haben, die
       Befreiung aus  Krieg und Furcht nicht von jenen Mächten erwartet,
       die diese  Furcht erst erzeugt haben und erzeugen. Auch das, erst
       recht das  ist dann ein Wort zum Sonntag, an dem die Herren unse-
       rer Welt,  von den  Kreuzigungen bis Auschwitz, den Autadafes bis
       Vietnam, ja durchaus nicht ruhen.
       
       V
       
       Die neuerdings  bittersten Sätze  wider den  Krieg hat  Kant  ge-
       schrieben, erfolglos  wie gleichfalls  bekannt. Desto richtender,
       fordernder, stehen  sie vor uns, in einer noch dickeren Luft, nun
       über die  ganze Erde  gespannt. Wobei erst recht der Unterschied,
       der vielleicht  doch rettende,  zwischen Kampf, nämlich einem der
       freizügigsten damals,  und den  Machtkriegen durchgreift. So wenn
       der unbedingte  Antibellist Kant  so ganz andere Worte und Weisen
       über das  damalige französische  Ereignis findet  als über  jeden
       Krieg, ausnahmslos.  Im "Streit  der Fakultäten"  sagt Kant  über
       sein Preußen  und was damit nicht nur feudal zusammenhängt: "Denn
       für die  Allgewalt der Natur oder vielmehr ihrer uns unerreichba-
       ren obersten Ursache ist der Mensch nur eine Kleinigkeit. Daß ihn
       aber auch  die Herrscher  von seiner eigenen Gattung dafür nehmen
       und als  eine solche behandeln, indem sie ihn teils tierisch, als
       bloßes Werkzeug  ihrer Absichten  belasten, teils in ihren Strei-
       tigkeiten gegeneinander aufstellen, um sie schlachten zu lassen -
       das ist  keine Kleinigkeit,  sondern Umkehrung  des Endzwecks der
       Schöpfung selbst." Die gleiche Schrift aber sagt über das Gewalt-
       recht des  Guten in der französischen Revolution folgende, an dem
       radikalen Pazifisten Kant nicht weniger unvergeßliche Sätze, noch
       1798: "Die  Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unse-
       ren Tagen  haben vor  sich gehen  sehen, mag gelingen oder schei-
       tern; sie  mag mit Elend und Greueltaten dermaßen angefüllt sein,
       daß ein  wohldenkender Mensch sie, wenn sie, zum zweiten Male un-
       ternehmend, glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experi-
       ment auf  solche Kosten  zu machen  nie beschließen würde - diese
       Revolution, sage ich, findet doch in den Gemütern aller Zuschauer
       (die nicht  selbst in  diesem Spiele  mit verwickelt  sind)  eine
       Teilnehmung dem  Wunsche nach,  die nahe  an Enthusiasmus grenzt,
       und deren  Äußerung selbst  mit Gefahr  verbunden war,  die  also
       keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur
       Ursache haben  kann." Die  Differenz zur  Beurteilung der  Macht-
       kriege liegt  auf der Hand, und die sogenannten Befreiungskriege?
       - gegen  deren Früchte  wurde 1848 genau in der Paulskirche abzu-
       rechnen versucht. Wohl aber gibt es eine Verbindung des kategori-
       schen Imperativs  mit der  Erstürmung der Bastille; beim gleichen
       Kant, der  das Gewalttätige  am Krieg  durchaus nicht  als bloßen
       Schönheitsfehler beurteilte  und dieses  selber am  wenigsten aus
       moralischer Anlage hervorkommen ließ. Vielmehr ist bereits im Ti-
       tel Kants  Entwurf "Zum  ewigen Frieden"  auf eine internationale
       Kodifizierung von  Nicht-Krieg gerichtet,  worin auch bei weniger
       moralischer Anlage  der Herrschenden  die Politik  keinen Schritt
       tun könnte,  ohne zuvor der Moral gehuldigt zu haben. Das war re-
       bus sic stantibus eine noch abstrakte Utopie (trotz wie wegen des
       erstmaligen Vorschlags  eines Völkerbunds  in dieser Schrift); es
       fehlt noch  die ökonomische Analyse des Kriegtreibenden. Doch da-
       für fehlt  die andere  Denunzierung, auch  Adresse nicht, nämlich
       die mit  Ökonomischem nicht  ganz erschöpfte  Macht. Fast als ein
       vor, gar  in dem Kriegsfall Regierendes an-sich, ob mit oder auch
       ohne namentlichen  Thron. Derart befindet der Entwurf "Zum ewigen
       Frieden", um seinetwillen: "Daß Könige philosophieren oder Philo-
       sophen Könige  werden, ist  nicht zu erwarten, aber auch nicht zu
       wünschen; weil der Besitz von Macht das freie Urteil von Vernunft
       unvermeidlich verdirbt."  Noch über  den Krieg  (der ultima ratio
       regis) hinaus  wird hier  von Gewalt  als einem persönlichen oder
       auch amtlichen Besitz gesprochen, einem sich weiterhin einer gan-
       zen eigenen  Schicht von Hofschranzen oder von Bürokratie mittei-
       lenden, welcher  bei sich  selber das  freie Urteil  der Vernunft
       verdirbt, am  erwünschten Hammelvolk  darunter autoritär hindert.
       An dieser  Stelle  besonders  läßt  Kant  die  rein  ökonomischen
       Kriegsursachen aus,  doch diesenfalls  mit einem gerade heute be-
       merkenswerten Gewinn:  er denunziert  noch einen  anderen Faktor,
       den verdinglichter  Herrschaft als  solcher. Zweifellos, ohne die
       miteinander  streitenden  Profitinteressen  hätte  es  mindestens
       keine Initialzündung  zu modernen  Kriegen gegeben.  Auch setzten
       sich mindestens  in der  Neuzeit, trotz  des ideologischen  Gewä-
       sches, Kriegsziele  von eindeutig  ökonomisch  schluckender  Art.
       Trotzdem trifft  die Kantische  Denunzierung des Gewalt-Besitzes,
       als eines gegebenenfalls auch ökonomisch unsinnigen oder unsinnig
       werdenden Faktors, jenes erzbellikose Motiv, das zum ökonomischen
       hinzukommt, es  sogar institutionell  überholen kann.  So  unver-
       nunfthaft, daß  dann verbissen  kriegführende Macht  dessen,  was
       sich als  Militarismus  verselbständigt,  Ökonomisches  eher  als
       Ideologie denn als Unterbau in sich haben mag. Paradox genug, wie
       die Macht schmeckt, wie sie unvernünftig, also doppelt gefährlich
       werden kann;  indes Marx  hätte gerade  heutzutage die  Kantische
       Warnung kaum übersehen. Um des Friedens willen, der nicht aus pu-
       rem Profittrieb,  sondern aus  der daraus  entspringenden  reinen
       Machthaberei beschädigt ist. Wozu uns im ersten und zweiten Welt-
       krieg Deutschlands,  dann im so viel kleineren, doch konzentriert
       entsetzlichen Amoklauf  Vietnam ein genügend absurdes Exempel an-
       blickt. Verdinglichte  Macht, gar mit dem bekannten Druck auf den
       Knopf, verdient mehr als je die Bitterkeit, womit Kant über einen
       Hauptfaktor geschrieben, der die Vernunft verdirbt, noch über den
       bloßen Geschäften des Herrn Julius Caesar.
       
       VI
       
       Um auf  vielfach anderes  zu kommen, hat Kant auch an einer lange
       unerwarteten Stelle  nicht recht?  Einen inneren,  keinen äußeren
       Krieg angehend,  erbarmungslos Feinde  erfindend, brauchend;  das
       nicht nur  durch einen  Alleinherrscher, wie  er immer  um seiner
       selbst willen  da ist. Sondern auch die Macht besonderer Bürokra-
       tie gehört dazu, der Apparatschik als anders herrschenden Klasse,
       eigens verdinglicht.  Keine Rede sei freilich davon, daß Diktatur
       des Proletariats  selber zu  einer solchen übers Proletariat hin-
       führe, nachdem  das Verhältnis Knecht - privater Herr aufgehoben.
       Jedoch eine  Selbsterhaltung von  Macht an  sich läßt leicht auch
       bei Sozialisierung,  gar Nationalisierung der Betriebe, ja durch-
       aus mit  ihr, den Machtstaat sich erhalten, der am besten die so-
       zialistische Vernunft  verdirbt. Ist  sie doch  die geplante Ver-
       nunft zum  wirklich zwischenmenschlichen  Frieden,  zu  nur  noch
       nicht-antagonistischen Widersprüchen, als dem wirklichen Salz des
       Lebens. Wonach auch, bei ermöglichtem Ende der Klassen, der Herr-
       schaft Menschen  über Menschen,  gerade das militante Zentrum der
       Oppression überflüssig  zu werden hätte. Oder wie die sozialisti-
       sche Vernunft  ohne Apparatschiks sagte: "Der Staat stirbt ab, er
       verwandelt sich aus einer Regierung über Personen in eine Verwal-
       tung von Sachen und Produktionsprozessen." Das stärkste Machtgift
       dagegen ist  und bleibt  aber, nach so vielen Jahren, ersichtlich
       eine auf  ihren Stühlen  fast für  sich etablierte Befehlsgewalt.
       Dergleichen involviert  zwar keinerlei Krieg, wie er die Westtra-
       dition der  herrschenden Macht  begleitet, wohl  aber das selbst-
       zweckhaft  Gewordene  eines  verdinglichten  Belagerungszustands,
       kurz jenes Autoritäre, das als solches genau der linken Jugend in
       der Welt unerträglich geworden ist. Den künftig möglichen Trägern
       des sozialistischen Friedens also, doch mit Individuum als keiner
       Strafsache und  mit jener  wirklichen Solidarität,  die nicht nur
       die Mühseligen  und Beladenen  zu stillen hätte, sondern im glei-
       chen Zug des endlich aufrechten Gangs die Erniedrigten und Belei-
       digten zu  emanzipieren. "Aufklärung",  sagte Kant  unabgegolten,
       "ist Ausgang  des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit";
       erst dann  werde der  befreite Mensch,  mit der Gesellschaft, des
       Friedens voll. Womit hörbar zwar noch nicht die ökonomische, wohl
       aber die  mindestens so aktuelle innenpolitische Abhängigkeit ge-
       troffen ist;  die im  Westen keineswegs  liberalisierte, im Osten
       vorerst noch  exaggerierte. Wobei genau der junge Marx, in seiner
       "Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", die ei-
       gentlichen Kriegsopfer  der Unterdrückung, ja Hierarchie, mit ei-
       nem gleichsam  konkreten Kant ansprach - die Lage der arbeitenden
       Klasse, aber  auch Metternich  und den  Zarismus meinend. Mit dem
       von Marx  selber so  genannten kategorischen Imperativ contra Ge-
       walt: "alle  Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein er-
       niedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes Wesen ist". Das ist
       keinerlei balsamisch  geblasener Trompetenton  für  einen  ewigen
       Frieden mit  nichts als  Palmenzweigen schon unterwegs. Doch wird
       selbst die Religion, deren Kritik dem neuen kategorischen Impera-
       tiv hier  vorhergeht, nicht nur balsamisch gefaßt, als "Opium des
       Volkes", sondern  ebenso, cum  grano Münzerischer Erinnerung, als
       "Ausdruck des  wirklichen Elends",  ja zum Teil als "Protestation
       gegen das wirkliche Elend". Sie selber gab sich nicht überall nur
       als Friede  mit dieser Welt, mit imaginärem Heiligenschein um ihr
       Jammertal. Statt  Ketzergeschichte, Sprengung,  Vermenschlichung,
       kein Jammertal  lassend, aber auch kein Diesseits als bloße kalte
       Schulter oder  bloß Druck und Stoß. Wonach erst recht der katego-
       rische Imperativ des jungen Marx, um des wirklichen Friedens wil-
       len, sein Diesseits nicht als bloße Kahlheit hat: "Die Kritik hat
       die imaginären  Blumen an  der Kette  zerpflückt, nicht damit der
       Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er
       die Kette  abwerfe und die lebende Blume breche." Die erbitterten
       Sätze Kants,  mit denen er den Frieden nicht imaginär, sondern so
       erreichbar wie  moralgemäß fassen wollte, gehen dergestalt in un-
       erniedrigter Vernunft  weiter. Noch als Utopikum, gewiß - im Hin-
       blick auf  Negroes, Vietnam, Sibirien -, es gibt aber, bei Strafe
       unseres Untergangs,  kein fällig interessanteres. Ist es schon zu
       lange verdammt,  ein Fernziel zu sein, so bleibt keines auch evi-
       denter  als:  Friede  auf  Erden  statt  bloßer  Friedensschlüsse
       (eigentlich Waffenstillstände), und endlich ein Wohlgefallen.
       
       VII
       
       Nur, trotz  allem, es  geht kein Tanz vor dem Essen. Den nächsten
       Schritt zu besorgen, darauf kommt es zuerst und ursächlich an. So
       sind die  damit bedeuteten  Nahziele friedensfördernder  Art, bis
       zur gemeinsamen  Freiheit vom  Erwerb statt  des  Erwerbs,  nicht
       überschlagbar. Am  wenigsten um  dadurch scheinbar  schneller ans
       Ziel zu  kommen, an  eine Gesellschaft, wo nicht mehr homo homini
       lupus zu  sein hätte.  Gewiß haben  nicht nur die schlechten Ver-
       hältnisse "den"  Menschen "verdorben",  so daß  deren Veränderung
       allein schon reichte. Doch der bekannte Aggressionstrieb, vom in-
       dividuellen bis  zum Kriegsverbrechen  tauglich, kann  beschäfti-
       gungsloser werden,  sobald er  sich nicht  auch lohnt. Sobald die
       sozialen Anreize zu ihm, die sozialen Prämien und Karrieren durch
       ihn rein institutionell außer Betrieb sind. Wonach etwa kraft ei-
       nes ausreichend  produzierten  gesellschaftlichen  Reichtums  für
       alle (was  technisch jetzt  schon angehen könnte) eine Ausnutzung
       des Nächsten  nicht mehr  nützlich wäre.  Weshalb auch  eine neue
       Machtklasse auf  einem politisch  immer leereren, auch anachroni-
       stischer werdenden  Feld verbliebe.  Sozialismus im Westen, Demo-
       kratie im  Osten machten wohl jede offene wie schlecht versteckte
       Kommandogewalt über  unseren, gar gegen unsere Köpfe so wenig ak-
       tuell, wie  es Reichsäpfel  und Erbfolgekriege  sind. Zweifellos,
       die Kategorie  Fortschritt steht  heute schlecht im Kurs, und sie
       hat sich  ebenso oft  blamiert, wie  sie billig  und  banal  sein
       konnte. Aber  deren selber  billige oder umgekehrt Sisyphus bemü-
       hende Ablehnung  zeigt wie  oft nur  an, daß  kein Engagement für
       Nahziele wirkte.  Oder daß  man die  Geschichte besonders deshalb
       als bloßen  statischen Dreckhaufen  anzusehen beliebte,  weil man
       selber unfähig  war, an  Nahzielen Geschichte zu machen. Als Ver-
       mittlung gerade  der Fernziele,  wie sie  am wenigsten  vergessen
       sein dürfen,  denen genau  aber das  Fortschrittsdenken, als  das
       durch Nahziele  vermittelte Prozeßdenken, Treue hält. Eine Treue,
       zu der eben auch jener Kantsatz zuständig ist, wonach die Stelle,
       welche wir  in der  künftigen, sei  es intelligiblen, sei es noch
       transzendenten Welt  einnehmen, sehr  wohl durch die Art bestimmt
       ist, wie  wir unseren hiesigen Posten ausgefüllt haben. Und ande-
       rerseits bewirkt  die Besorgung der Nahziele im Fortschritt, also
       als relative Zwecke in sich selbst, daß nicht die jeweils lebende
       Generation  -   "analog"  dem   Einsatz  für   ein  kommandiertes
       "Kriegsziel" -  für Fernziele  ganz jenseits  ihres kurzen Lebens
       verheizt werden  kann. Deshalb  aber müssen auch in jedem Nahziel
       die Fernziele  mehr als nur implicite anwesend sein, nämlich über
       ihre bloße  conditio sine  qua non hinaus als partizipierbar vor-
       scheinen. Ja,  wenn das fälligste Fernziel, also das Utopikum ei-
       ner Ermöglichung von Platz für realen Humanismus, wenn dieses ge-
       sellschaftliche Fernziel  nicht den  jeweiligen Nahzielen des ge-
       sellschaftlichen Fortschritts  im Visier  ist, dann hört das Nah-
       ziel auf, eine Stufe zum Ziel zu bleiben, es wird opportunistisch
       schwankendes Rohr.  Immer wieder  hat gerade  der Friede, radikal
       wie kostbar  genug gefaßt, das Eigentümliche, daß er beides, Nah-
       ziel wie  Fernziel in  sich benachbart  haben muß. Deshalb ist in
       ihm zwar  jede mörderische  Spannung gesetzlich abgeschafft, doch
       der Friede  ist keineswegs  ohne neue Spannung, wenn die bisheri-
       gen, die  bloß antagonistischen  Widersprüche in  ihm  aufgehoben
       sind. Friede ist deshalb auch keineswegs, wie bloßer Nicht-Krieg,
       die Ruhe  als mögliche  Schalheit, vielmehr:  die Ruhe  -  dieses
       tiefste Fernziel  im Frieden  selber - wird dann erst das Problem
       des vollen  Beisichseins. Erscheint als das Problem der noch völ-
       lig utopischen  Gegenwelt zur  Ruhe des  Todes und doch als immer
       neu versuchtes Lösewort zu echter, gerade uns selber enthaltender
       Stille. Friede  in solch  höchster Anti-Schalheit  hat derart, in
       seiner eigentümlichen Transparenz von Nahziel und Fernziel, sogar
       die am meisten metaphysische Bezeichnung des höchsten Guts gefun-
       den; folgerichtig  gehört Dona nobis pacem nicht zuletzt hierher.
       So vieles also hat das Fest des Friedens schon bedeutet, indes es
       noch kaum  je das Fest eines Kriegsbeginns gab. Inter arma silent
       musae, das  heißt, die  Kriege mögen  bisweilen  Lokomotiven  der
       Weltgeschichte sein,  aber nur  die Werke  des Friedens zählen in
       der Kultur.  Desto eigener wirkt seine schwere Geburt mitsamt der
       Karikatur des  Kirchhoffriedens, bis  hin zum  generellen Atomtod
       als besonders  gründlichem Gestilltsein  - corruptio  optimi pes-
       sima, auch  hier. Dabei  gilt doch das so wenig satanisch wesende
       Fernziel Friede ebenso in allen Sozialutopien wie gar "Über allen
       Gipfeln ist  Ruh" im Gedicht aller höheren Religionen, erst recht
       aller Tiefe.
       
       VIII
       
       Was erst  heraufkommt, ist  selten schon voll bedingt, gar ausge-
       macht. Seine  Ferne ist  noch geschehend,  also  zeitlich,  nicht
       räumlich, liegt  in der  Zukunft. Der  Inhalt des  so Fernen  ist
       sowohl als  ein uns guter wie aber auch als ein uns vernichtender
       noch im  Schwange, unausgetragen,  unfertig; er kann jedoch, wenn
       es reifer  darin zugeht, in etwas vorbemerkt werden. Als befürch-
       tet Übles,  daher tunlichst mit uns zu Verhinderndes, als erhofft
       Gutes, daher mit uns tunlichst zu Beförderndes. Hoffnung, vor al-
       lem Dialektik  der Hoffnung hat zum Unterschied vom negativ Kapi-
       tulierenden das  Stolze und  vielsagend Unentsagende, daß sie be-
       kanntlich auch am Grab noch aufgepflanzt werden kann, ja daß sich
       sogar wider  die Hoffnung hoffen läßt. So leicht und wertlos kann
       sie aber als bloßes wishful thinking auch sein, daß der Satz dann
       stimmt: Hoffen  und Harren macht manchen zum Narren. Denn begrif-
       fen vielsagend  wird die Hoffnung erst als geprüfte, unabstrakte,
       dem objektiv-real  Möglichen vermittelte.  Dergestalt, daß danach
       gerade auch der Satz stimmt: Eine Landkarte, worauf das Land Uto-
       pia fehlt, verdient nicht einmal einen Blick. Am wenigsten wieder
       hat Kant das verleugnet; sondern in den "Träumen eines Geisterse-
       hers" findet sich, wenn auch bei Gelegenheit eines mehr jenseitig
       metaphysischen Knotens,  als unschätzbarer,  nun  nicht  mehr  zu
       übersehender Text:  "Ich finde  nicht, daß irgendeine Anhänglich-
       keit oder sonst eine vor der Prüfung eingeschlichene Neigung mei-
       nem Gemüte  die Lenksamkeit  nach allerlei Gründen für oder wider
       benehme, eine  einzige ausgenommen.  Die Verstandeswaage ist doch
       nicht ganz  unparteiisch, und ein Arm derselben, welcher die Auf-
       schrift führt:  Hoffnung der  Zukunft (bei  Kant  gesperrt),  hat
       einen mechanischen  Vorteil,  welcher  macht,  daß  auch  leichte
       Gründe, welche  in die ihm angehörige Schale fallen, die Spekula-
       tionen von an sich größerem Gewichte auf der anderen Seite in die
       Höhe ziehen.  Dieses ist die einzige Unrichtigkeit, die ich nicht
       wohl heben  kann und die ich in der Tat auch niemals heben will."
       Ein  Bekenntnis   Kants,  mit   dem  ironisch   gebrauchten  Wort
       "Unrichtigkeit", wobei aber solch bloßer Kantianismus uns hier so
       wenig angeht, daß der große Satz auch außerhalb Kantianischer Be-
       gründung wahr ist, ja den nicht "mechanischen Vorteil" hat, immer
       wahrer zu  werden. Das genau heute bei der schweren Geburt, worin
       das Licht  steht, bei falschem Frieden mit einer Welt bloßer Vor-
       handenheit; die Weichen müssen neu gestellt werden, die Kraft zur
       Hoffnung erforscht, so daß die "leichten Gründe", welche nach der
       großen Intuition  Kants "Spekulationen  von an  sich größerem Ge-
       wichte" zugunsten  der Hoffnung in die Höhe ziehen, zweifach sehr
       viel schwerer  werden. Indem  das Engagement der Hoffnung erstens
       nicht mehr  abstrakt an  den Gang  der  Ereignisse  herangebracht
       wird, und  zweitens die  Wissenschaft von  der Welt dieser Ereig-
       nisse nicht  mehr auf  einen  mechanistischen  Sektor  beschränkt
       wird, worin  nichts Neues  geschieht. Sondern  wo die "Anlage zur
       besseren Zukunft",  als das  in ihr  noch Ungeschehene, die bloße
       Abgeschlossenheit einer  Fakt- und Mechanismuswelt auch konstitu-
       tiv "ergänzt",  ja prozeßhaft-dialektisch sprengt. Dann also kann
       gerade auch die "Unrichtigkeit" von Hoffnung sich umkehren, indem
       nun die  bloße Faktwelt als unrichtig geworden, ja als unwahr er-
       kennbar wird. Ohne appeasement damit, doch voll Allianz mit allem
       möglicherweise Heilenden, Heilsamen, wie es keinesfalls geworden,
       doch ebenso  noch nicht vereitelt ist. Unzufriedensein, nicht Zu-
       friedenheit, leicht  einzuwickelnde, mißt auch der Hoffnung Frie-
       den ihren wahren Rang in dieser Welt.
       
       IX
       
       Denn Wahrheit, dies ernsteste Wort, ist mit dem Vorhandenen nicht
       erschöpft. Tausend  Jahre Unrecht machen keine Stunde Recht, tau-
       sendfach reproduzierter  Krieg entwertet  nicht, was  ihn endlich
       aufheben will und könnte.
       Item, es  gibt noch  eine andere  Wahrheitsschicht als  die bloße
       kontemplative Anpassung  des Gedankens  an soziale Tatsachen, und
       dieser besseren  Wahrheit wollen wir auch im Widerstand gegen al-
       les imperiale  Unrecht in der Welt gemäß sein, gemäß handeln. Die
       "Präliminar- und  Definitivartikel zum  Ewigen Frieden" treten so
       erst nach  wahrheitsgemäßer Abschaffung  all der hohen Verbrechen
       in Kraft,  die so  besonders faktisch  sind. Die gegen den Willen
       fast der  ganzen, hierin  fast rätselhaft ohnmächtigen Menschheit
       das Blutvergießen  (gar schwach  und altmodisch  ausgedrückt) als
       einziges am  Leben halten.  Daß aber  auch der Friede ein anderes
       als Nicht-Krieg sei und werde, dazu gehört kausale wie erst recht
       finale Aufklärung  ohne Unterlaß, eine solche also, die sich auch
       gar nicht  davor scheut,  in die so exakte wie weckende Phantasie
       zu greifen. Pax vobiscum, das ist bis jetzt nur ein Gruß, besten-
       falls ein  zwischenmenschliches Portal;  wieviel wahrer  wäre das
       als Haus. Und wenn die Verhältnisse die Menschen bilden, so hilft
       nichts als  die Verhältnisse  menschlich zu  bilden; es  lebe die
       praktische Vernunft.
       

       zurück