Quelle: Blätter 1967 Heft 12 (Dezember)


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       Günther Anders
       
       NEUE VIETNAM-GLOSSEN
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       Aus der Schule geplaudert I
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       Am 22. August 1966 hat Mr. McNamara vor Veteranen in New York aus
       der Schule  geplaudert; mindestens  hat er  verraten, was er sich
       von Schulen  erhofft. Das  Pentagon, so erklärte er nämlich, ver-
       füge über  den "weitaus  größten Erziehungskomplex  in der Welt",
       dessen restlose  Ausnutzung Amerika  in die Lage versetzen würde,
       jährlich etwa  100 000 Jugendliche,  die ohne solche Schulung für
       den Militärdienst  nicht tauglich wären, doch in die Armee aufzu-
       nehmen und  in dieser  für eine  bessere Zukunft auszubilden. Für
       wessen bessere  Zukunft, das  bleibt zwar,  da es sich ja um Boys
       handelt, die  nach Vietnams  (wo immer  diese liegen  mögen)  ge-
       schickt werden sollen, etwas undeutlich. Deutlich ist dagegen, zu
       welchem Zwecke  in den  Augen von  Mr. McNamara amerikanische Ju-
       gendliche lernen sollen: nämlich um fähig zu werden, zu töten und
       zu sterben. "Non scholae sed morti discimus"' sollte er zum Motto
       seines "Educational Program" machen.
       
       Aus der Schule geplaudert II
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       Die GIs,  die in  oder über  Vietnam ihre militärischen Pflichten
       gewissenhaft erfüllt  haben, genießen,  nicht anders  als die GIs
       nach dem  Zweiten Weltkrieg, Privilegien. Sie haben nicht nur An-
       spruch auf Kredit für Hausbau, sondern sogar auf die Finanzierung
       ihrer college  education - was bedeutet, daß alle diejenigen, die
       in Vietnam  mitgemordet, mindestens  durch Nichtverweigerung  des
       Wehrdienstes in der Zeit des Vietnamkrieges ihre Mordbereitschaft
       offiziell nachgewiesen  haben, dadurch automatisch ein Reifezeug-
       nis in ihrer blutigen Hand halten, ein Zeugnis nämlich, das ihnen
       bestätigt, daß sie nun fortgeschritten genug sind, um das Studium
       der Philosophie  oder der  Theologie oder der Jurisprudenz gratis
       aufzunehmen. -  Und da wagt man noch, denjenigen Philosophen, die
       die Voraussetzungen  der Kultur "mörderisch" nennen, nachzusagen,
       daß sie übertreiben.
       
       Definition der Immoralität
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       Es gibt nichts Erbärmlicheres als den Wunsch, moralisch sauber zu
       bleiben. Eine Reuter-Meldung vom 15. Mai 1967 berichtet von einer
       bekannten, im  Osten der Vereinigten Staaten gelegenen Privatuni-
       versität, daß deren Kuratoren beschlossen hätten, den dieser Uni-
       versität übergebenen  Forschungsauftrag betr.  Kriegsführung ver-
       mittels von Bazillenkulturen ("germ warfare") "sobald als practi-
       cable" an eine andere Institution zu transferieren. Was heißt "so
       bald als  praktikabel"? Kann  das etwas anderes bedeuten als: "so
       bald sich  eine andere  Institution dafür verbürgen kann, die be-
       reits geleistete  Vorarbeit  weiterzuführen,  damit  das  Projekt
       nicht versande"?  Die Kuratoren  selbst wollen saubere Finger be-
       halten und  am Bösen  nicht teilhaben. Aber um Gottes willen erst
       dann, wenn  feststeht, daß  andere Herren  so freundlich sind, am
       Bösen teilzuhaben und sich ihre Finger zu beschmutzen.
       Nach einer  besseren Definition  von Immoralität  würde man  wohl
       vergeblich suchen.
       
       Vernichtungen
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       Es ist  das Verdienst des furchtlosen republikanischen Fraktions-
       vorsitzenden im Kongreß der Vereinigten Staaten, Ford, seine Mit-
       bürger  auf  einen  Skandal  aufmerksam  gemacht  zu  haben,  der
       tatsächlich beweist, daß die Moral in den USA vernichtet ist, und
       daß selbst  in den  Armed Forces  von moralischen Maßstäben keine
       Rede mehr  sein kann. Die Sternstunde, in der diese Wahrheit auf-
       gedeckt wurde,  trat am  8. August 1967 ein. Es habe sich nämlich
       herausgestellt, berichtete  Ford an diesem Tage - und die Ungläu-
       bigkeit seiner  Zuhörer war gewiß nicht geringer als seine eigene
       Indignation -, es habe sich herausgestellt, daß nahezu die Hälfte
       aller jener  Ziele in  Nordvietnam, die  nicht nur angreifbar und
       vernichtbar seien, sondern die anzugreifen und zu vernichten auch
       wirklich lohnen würde, aus rätselhaften Gründen nicht angegriffen
       und nicht vernichtet würden. Ich wiederhole, um Mißverständnissen
       vorzubeugen: "Nahezu die Hälfte solcher Ziele". Es müsse, so fuhr
       Ford fort,  geheimgehaltene Beschränkungen geben, die den Piloten
       gewissermaßen Sabotage  auferlege, also sie daran hindere, solche
       Zielobjekte, wie es sich gehöre, zu vernichten.
       Man kann  es gewiß keinem rechtschaffenen Manne verübeln, wenn er
       solchen Verdacht vor der Öffentlichkeit ausbreitet. Ein Mann, der
       das tut,  obwohl er  weiß, daß er damit höchste Stellen des Esta-
       blishments suspekt  macht, der beweist damit sogar ganz ungewöhn-
       liche Zivilcourage. Hut ab also vor dem Fraktionsvorsitzenden der
       Republican Party.  Bedeutsam ist  seine Zivilcourage nicht allein
       im Interesse  der Aufrechterhaltung  der Freiheit  der demokrati-
       schen Gesellschaft  als solcher,  sondern vor  allem im Interesse
       derer, die  dadurch, daß  sie Tausende  von Objekten und Menschen
       nicht treffen dürfen, aufs direkteste betroffen sind, also im In-
       teresse der  bedauernswerten  amerikanischen  Bomberpiloten.  Für
       Menschen -  und zu diesen gehören natürlich auch diese Piloten -,
       die von  frühauf dazu  erzogen worden sind, ihre Pflichten gewis-
       senhaft zu  erfüllen und ihre Suppenteller leer zu essen, für die
       muß es  natürlich qualvoll sein, zur Nachlässigkeit verurteilt zu
       sein, also  dazu, Zielobjekte  möglicher Vernichtung aus- und üb-
       rigzulassen. Ohne eine gewisse seelische Beschädigung kann solche
       Repression wohl  kaum vor sich gehen. Jedenfalls wäre es für kei-
       nen Psychologen, und zu allerletzt für amerikanische Psychologen,
       die ja  eine "Psychology of Frustration" ausgebildet haben, über-
       raschend, wenn  eine große Anzahl jener Bombenpiloten, die tagein
       tagaus in  nahezu 50  Prozent der Fälle dem Reiz, um nicht zu sa-
       gen: der  Verpflichtung, Objekte zu vernichten, hatten Widerstand
       leisten müssen,  die also chronisch und systematisch dazu gezwun-
       gen waren,  Pfuscherarbeit zu  leisten, oder,  sexualpathologisch
       ausgedrückt, täglich die peinvolle und ungesunde Askese-Erfahrung
       der "aggressio  interrupta" hatten durchmachen müssen - wenn also
       ein sehr  hoher Prozentsatz dieser Männer schließlich entweder im
       Gangstermilieu landen  oder in  den "Mental  Hospitals" der Armed
       Forces ihr vernichtetes Leben abschließen würden.
       
       Das noch Infamere
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       Als wir vor Jahren zum erstenmal davon hörten, daß die Leiber der
       in den Lagern Vergasten zuweilen nicht nur verbrannt wurden, son-
       dern daß  deren abfließendes Körpferfett kanalisiert und zu Seife
       verarbeitet wurde, da wagte keiner von uns, den anderen anzublic-
       ken. Da  Menschen solches  Menschen angetan  hatten, schämten wir
       uns, Menschen zu sein. Wie hätten wir damals ahnen können, daß es
       eines Tages  noch Schlimmeres würde geben können? Daß wir uns ei-
       nes Tages  noch tiefer würden schämen müssen? Aber dieser Tag ist
       eingetreten. Denn  noch schlimmer  als der Produktionsvorgang der
       Fettgewinnung, an dem die zu dieser Arbeit Gezwungenen vermutlich
       wenig Vergnügen  gefunden hatten,  noch schlimmer als der ist der
       Witz, der  mehr als  zwanzig Jahre  später an diese Fettgewinnung
       anknüpfte. "Wiedergutmachung ist", so lautet dieser Witz, den ein
       Unteroffizier der  Bundeswehr, und  nicht etwa im Kasino, sondern
       im Ausbildungsunterricht,  also seinen  Rekruten, erzählte  - man
       möchte sich  die Ohren  verstopfen, um  das Beifallsgröhlen nicht
       hören zu müssen -, "Wiedergutmachung ist, wenn man oben ein Stück
       Seife hineinsteckt,  und unten kommt ein Jude heraus". 1) Die In-
       famie dieses  Witzes ist  zwar unauslotbar.  Erkennbar  ist  aber
       doch, daß er
       die Verarbeitung der Juden zu Seife blinzelnd zugibt;
       diese Produktion  als einen  so lustigen Vorgang unterstellt, daß
       dieser -  warum nicht? - zur Abwechslung auch einmal in umgekehr-
       ter Richtung ausprobiert werden kann;
       den Haß  auf die Wiedergutmachung dadurch bewältigt, daß er diese
       verhöhnt. - Ob auch dieser Infamie eine noch infamere wird folgen
       können?
       
       Vor wem?
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       Wie gut es Karl Kraus noch gehabt hatte! Denn gleich, ob er durch
       den Hohn,  den er über seine Opfer ausgoß, seine stupiden, vulgä-
       ren und blutbefleckten Zeitgenossen wirklich blamiert hat, und ob
       es ihm  wirklich gelungen  ist, ein  bißchen gegen die Gemeinheit
       seiner Mitwelt  auszurichten -  undenkbar scheint  es mir, daß er
       diesen Erfolg  für völlig  unmöglich gehalten  habe.  Ohne  diese
       Hoffnung würde  seine Unermüdlichkeit  rätselhaft bleiben.  - Und
       selbst diese Minimalhoffnung bleibt uns mißgönnt.
       Blamieren erfordert  stets drei:  einen Ersten, der einen Zweiten
       blamiert; diesen Zweiten; und schließlich - denn ohne ein "coram"
       gibt es  keine Blamage  - denjenigen,  vor dem man diesen Zweiten
       blamiert.
       Nun, an  Blamablen mangelt  es gewiß  nicht. Und  Männer, die das
       Zeug haben,  die Blamablen  von heute  zu blamieren  und die dazu
       auch die  moralische Legitimierung  besitzen, die  gibt es  gewiß
       ebenfalls. Aber  wie steht  es mit dem "coram"? Gibt es denn noch
       Gruppen oder  Instanzen, vor  denen die zu Blamierenden sich bla-
       mieren könnten?  Gruppen oder  Instanzen, die die Blamierten oder
       die sich  Blamierenden als  blamiert empfänden?  Vor wem hat sich
       denn Adenauer  blamiert, als  er ohne  jede Unterlage,  aber auch
       ohne sich verpflichtet zu fühlen, auch nur den Schatten einer Un-
       terlage vorzuweisen, den "Spiegel" als einen "Abgrund von Landes-
       verrat" bezeichnete? Und vor wem hat sich denn Augstein blamiert,
       als er  sich trotz  dieser Infamie mit Adenauer zu einem gemütli-
       chen Plausch  zusammensetzte? Und  vor wem hat sich denn - um das
       vulgärste Beispiel zu nennen - Johnson blamiert, als er den Komi-
       ker Bob  Hope, ehe er diesen als Spaßmacher für die dortigen Mör-
       der nach  Vietnam schickte,  mit dem Ausspruch entließ, daß "ohne
       Bob Hope's  Witze kein  Krieg ein  wirklicher Krieg" sei? Und vor
       wem denn,  als er  diese Worte, die er offenbar überwältigend ko-
       misch fand,  für pressereif  hielt und für die Agenturen freigab?
       Ich wiederhole:  vor wem? Vor uns Europäern vielleicht? Reden wir
       uns doch  nichts ein.  Um keine Spur besser sind wir als die drü-
       ben. Da  wir ja  in derselben  Zeitung, nein, in derselben Korre-
       spondentenmeldung, und zwar nur zehn Zeilen später, den Mann, der
       den Hanswurst aufs Schlachtfeld geschickt hat, als den selbstver-
       ständlich achtungswürdigen  und ernstzunehmenden  Präsidenten der
       Vereinigten Staaten wiederfinden.
       Nehmen wir  diesen Fall  als Beispiel. Gehen wir die Aktoren, die
       zu dieser Situation gehören, der Reihe nach durch.
       Ist Johnson  auf den  Gedanken gekommen,  daß er sich durch seine
       Gemeinheit blamiert  habe oder auch nur hätte blamieren können? -
       Nein.
       Ist der von Johnson zum Hanswurst der Blutbäder ernannte Bob Hope
       auf den  Gedanken gekommen, daß er dadurch blamiert sei oder auch
       nur blamiert sein könnte? - Nein.
       Sind die Korrespondenten auf den Gedanken gekommen, daß sie John-
       son und  Bob Hope  durch ihre  Reports blamiert haben oder hätten
       blamieren können? - Nein.
       Oder auf den Gedanken, daß sie (da sie diese Vulgaritäten ja ver-
       öffentlichten, ohne deren Anstößigkeit zu kommentieren) auch sich
       selbst blamierten oder hätten blamieren können? - Nein.
       Oder auf  den Gedanken,  daß sie ihre Leser (da sie von diesen ja
       erwarteten, daß sie auf Grund der Erwähnung des Komikernamens den
       Vietnamkrieg erfreulich finden würden) blamiert haben oder hätten
       blamieren können? - Nein.
       Oder sind  diese Leser schließlich auf den Gedanken gekommen, daß
       sie sich durch ihre Indolenz oder durch den Spaß, den sie an die-
       sen Gemeinheiten wirklich hatten, blamiert haben oder hätten bla-
       mieren können? - Wiederum nein.
       Nein, heute jemanden zu blamieren, das ist, da es keine Instanzen
       mehr gibt,  vor denen  man ihn  blamieren könnte, nicht mehr mög-
       lich. Und  die blamable Tatsache, daß das nicht mehr möglich ist,
       die hängt  ebenfalls in der Luft, denn wer fühlte sich denn durch
       diese blamiert,  wer könnte  sich denn durch sie blamiert fühlen?
       "Difficile satyram  non scribere", hatte es einmal geheißen. Gute
       Zeiten! Denn  heute müßte  es leider, da die Hand, die nicht mehr
       weiß, für  wen sie  eigentlich  schreibt,  immer  in  der  Gefahr
       schwebt, zu erlahmen, heute müßte es nun heißen: "Difficile saty-
       ram scribere".
       
       Verräter heute
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       Nichts ist  heute beliebter als der Ruf "Verrat!". So beliebt ist
       er deshalb,  weil, die  ihn rufen, mit seiner Hilfe das wirkliche
       Verbrechen von  heute geheimhalten können: nämlich ihr Verbrechen
       der Geheimhaltung.
       Als Hochverräter haben wir heute nicht diejenigen zu klassifizie-
       ren, die  ihren Mund  zu weit  aufreißen, sondern diejenigen, die
       ihren Mund  zu fest  versiegeln, die nämlich diejenigen Tatsachen
       nicht verraten,  die, wenn  die Menschheit überleben soll, jeder-
       mann wissen muß.
       
       "Lasciate ogni speranza"
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       Nichts schreckenerregender  als die  Stimme des  guten Gewissens.
       Wenn ihr  erfahrt, daß  jemand behauptet,  diese Stimme gehört zu
       haben, dann  laßt alle  Hoffnung fahren,  der Barbarei steht dann
       nichts mehr  im Wege. Denn die mit gutem Gewissen aus 15 000 feet
       Höhe unter  dem Titel  "mopping up operations" durchgeführten Ab-
       schlachtungen sind  viel gewissenloser,  als es  die bösartigsten
       Mafia-Morde in  Sizilien gewesen waren. Solange noch bösartig ge-
       mordet wurde,  lag es ja noch im Bereich der Möglichkeit, daß das
       Fehlen von  Gewissen als Lücke erkannt und registriert wurde, so-
       gar vom Mörder selber. Und selbst die Möglichkeit einer Sinnesän-
       derung war  damals noch  nicht ausgeschlossen.  Seit dagegen  mit
       gutem Gewissen  gemordet wird,  ist es unmöglich, daß eine solche
       Lücke noch als Lücke erkannt wird.
       Die systematische  Produktion von  Unmoralität, die  nun seit  25
       Jahren vor  sich geht, die vollzieht sich niemals als ausdrückli-
       che Demontierung  von Moral,  sondern umgekehrt  stets als  deren
       scheinbare Rettung  oder Aufrechterhaltung. - Was heißt überhaupt
       "die Stimme  des guten  Gewissens"? Gibt es denn überhaupt etwas,
       was diesem  Ausdruck entspricht?  Ist eine solche Stimme denn je-
       mals zu  vernehmen? Auf  ebenso unbestreitbare Weise zu vernehmen
       wie die  Stimme des schlechten Gewissens? Oder ist nicht die Rede
       von einem,  dem schlechten  Gewissen analogen,  "guten  Gewissen"
       eine Erfindung  der -  Gewissenlosen? Besteht  nicht das, was man
       als die  "Stimme des  guten Gewissens" bezeichnet, einfach in der
       Tatsache, daß  die Stimme  des schlechten  in uns  verstummt ist?
       Oder darin, daß wir zu taub geworden sind, um diese zu vernehmen?
       -
       Die wirklichen Anständigen können es sich nicht nur ersparen, ihr
       gutes Gewissen  auf dem  Präsentierteller herumzutragen,  sondern
       auch, ein gutes Gewissen zu haben.
       
       Betrug vermittels falscher Sprachform
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       Wo Schuldige  unterschlagen werden sollen, da werden deren Aktio-
       nen als  selbstständig funktionierende Prozesse hingestellt. "Der
       Vietnamkrieg droht", so behauptet die Wiener "Presse" vom 23. Au-
       gust 1966, "sich immer mehr auf weitere Länder Hinterindiens aus-
       zudehnen". Offenbar ist dieser Krieg ein selbständiges Wesen, das
       sich von sich aus ausdehnen kann, nein, sogar die noch raffinier-
       tere Fähigkeit  hat, mit  Selbstausdehnung zu drohen. Wenn solche
       Ausdehnung automatisch  vor sich  geht, dann  ist  sie  natürlich
       höchst gefährlich.  Kein Wunder  also, wenn die Amerikaner darauf
       reagieren. Was  um so  berechtigter ist,  als ihre  Reaktion  den
       höchsten moralischen  Erfordernissen genügt. Der übernächste Satz
       in diesem  Zeitungstext teilt nämlich nicht nur mit, daß die Ame-
       rikaner auf Grund der mysteriösen Selbstausdehnung, vermutlich um
       diesen beunruhigenden Vorgang unter Kontrolle zu halten, fünf mi-
       litärische Flugplätze  anlegen, vielmehr  "haben die  USA" - auch
       heute gibt  es eben  noch wahre Selbstlosigkeit -, "wie am Montag
       aus informierten  Kreisen in Bangkok verlautete, beschlossen, für
       die Kosten der Vergrößerung von fünf militärischen Flugplätzen in
       Thailand aufzukommen".
       Hut ab!  Man stelle sich das vor: Da dehnt sich also aufs unheim-
       lichste und  ohne alle  Schuld Amerikas  in Vietnam ein automati-
       scher Krieg aus. Und die armseligen USA, die doch weiß Gott nicht
       dazu verpflichtet  wären, sich um diesen fernen Kontinent zu küm-
       mern, die  springen ein,  so als wäre das fremde Land ihr eigenes
       Land, um  dort den  sich automatisch ausdehnenden Vietnamkrieg in
       Schach zu  halten. Also  diese Leute greifen in die eigene Tasche
       und lassen harte Dollars springen, damit es in einem fernen Lande
       Flugplätze gebe...
       So sehen  Vietnamkrieg-Nachrichten in führenden Zeitungen Europas
       aus. Als Quellen für diese eine Nachricht hat die "Presse" gleich
       die ap,  afp, dpa,  upi und  Reuter zusammen zitiert. Die Meldung
       kann also nicht nur nicht falsch sein, vielmehr strahlt sie sogar
       die fünffache Wahrheit der fünf Agenturen aus.
       
       Tauben und Habichte
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       Die Propaganda  dafür, nur  im Süden  zu morden, nicht dagegen im
       Norden, die erfordert ungewöhnlich große Zivilcourage. Keine ver-
       nünftige "Taube" wird daher von denjenigen, die er zu fellow-Tau-
       ben zu  machen wünscht, verlangen, ihr revolutionäres Taubenprin-
       zip so ohne weiteres und über Nacht zu akzeptieren. Zwischenposi-
       tionen müssen  gefunden werden.  So hat  z.B. die unter dem Namen
       "Sane" bekannt gewordene amerikanische "Action on Disarmanent and
       the Peace  Race" Pamphlete  veröffentlicht und  verbreitet, deren
       Titel nicht  etwa lauten: "Be a dove and no longer a hawk!" ("Sei
       eine Taube  und nicht  mehr ein  Habicht!") sondern: "Not a dove,
       but no  longer a  hawk" ("Keine  Taube, aber  auch  kein  Habicht
       mehr"). Welcher  politische Vogel  in der  Mitte zwischen  diesen
       beiden sein Nest baut, das müßten Berufsornithologen feststellen.
       Man glaube  aber nicht etwa, daß diese Zwischenvögel oder die für
       Zwischenvögel eintretenden  Männer als Kompromißler oder als Kon-
       formisten gelten,  oder daß sie sich selber als solche einstufen.
       Im Gegenteil:  auch sie  gelten als Oppositionelle und betrachten
       sich selber als Oppositionelle; und für diese Zwischenvögel-Posi-
       tion zu  werben, halten  sie sogar für eine beinahe revolutionäre
       Tätigkeit. - So sehen Revolutionäre von heute aus.
       
       Establishment
       -------------
       
       Ein für  allemal  muß  "established"  werden,  daß  der  Ausdruck
       "Establishment" nichts  anderes ist  als eine  verharmlosende Be-
       zeichnung, mit der die herrschende Klasse sich selbst bezeichnet,
       um nicht  offen zugeben zu müssen, daß sie die herrschende Klasse
       sei. Hinter  dem  Worte  steht,  genauso  wie  hinter  dem  Worte
       "formierte Gesellschaft",  die Politik  des verschämten  Klassen-
       kampfes. -  Nichts fragwürdiger  als die  Mitbenutzung des Wortes
       "Establishment" durch  diejenigen, die  zu  diesem  Establishment
       nicht nur  nicht gehören,  sondern von  diesem von vornherein als
       dessen Opfer bestimmt gewesen waren.
       
       Moden
       -----
       
       "Ich denke",  erklärte der Stellvertretende Außenminister Katzen-
       bach in einem Gespräch mit Senatoren, das am 21.8.1967 stattfand,
       "daß die  Erklärung eines  Krieges in  der internationalen  Arena
       altmodisch geworden  ist." Hitler hätte das niemals gesagt, frei-
       lich hat er diese Mode der Nichtkriegerklärung eingeführt. Es ist
       immerhin bemerkenswert,  mit welcher  Selbstverständlichkeit sich
       Regierungsmitglieder auf von Hitler eingeführte "Moden" berufen.
       
       Demokratie
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       Definition: Demokratie  ist das  Recht, diejenigen, von denen man
       in einer  Wahl unter  Umständen besiegt  wird, militärisch zu be-
       kämpfen. Und zwar hat man dieses Recht, weil Demokratie ja in dem
       "Recht, mit anderen uneinverstanden zu sein" besteht und weil mi-
       litärische Bekämpfung eben eine unter anderen Methoden darstellt,
       ein solches Uneinverständnis zu verwirklichen.
       Das ist kein Witz, nein das ist wahrhaftig nicht witzig. Vielmehr
       ist das  eine Erklärung,  die laut Washington Post Marshall Ky am
       14.Mai 1967 in einer Pressekonferenz abgegeben hat. Wörtlich lau-
       tet sie: "I am going to fight (the winning candidate with whom he
       disagrees) militarily.  In any  democratic country  you have  the
       right to disagree with others."
       Jetzt wissen  wir also,  zur Unterstützung  welcher Art von Demo-
       kraie der  Demokrat Johnson  Hunderttausende von Asiaten und Tau-
       sende von Amerikanern auf dem Altar der freien Welt opfert.
       
       Das höchstindustrialisierte Land der Welt,
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       mindestens das Land mit den meisten strategisch wichtigen und für
       die freie  Welt bedrohlichen  Industrieanlagen ist - darüber gibt
       es keinen  Zweifel -  Nordvietnam gewesen,  und das  ist es  auch
       heute, und  das wird es vermutlich auch morgen sein, und das wird
       so lange  gelten, wie  das Land  von der amerikanischen Luftwaffe
       zerbombt wird.  Seit mehr als zwei Jahren werden wir täglich amt-
       lich darüber  informiert, daß  Fabrikinstallationen, Raffinerien,
       Brücken, Ölanlagen,  vor allem Eisenbahnknotenpunkte, angegriffen
       worden  seien;  aber  offensichtlich  sind  diese  Objekte  gegen
       Schläge gefeit  - warum müßten sonst die Angriffe täglich wieder-
       holt werden? Oder das Potential des Landes ist so gigantisch, daß
       die paar  Zerstörungen, die  die armseligen amerikanischen Bomben
       vorgestern, gestern  und  heute  angerichtet  haben,  unerheblich
       bleiben. Gleichviel,  es nutzt nichts, jeden Tag müssen neue Ein-
       sätze geflogen werden.
       Welch eigentümlicher  Existenzbeweis! Vom  Dasein dieser  Knoten-
       punkte, und  wie die  anderen Objekte  alle heißen mögen, und von
       deren sensationeller  Zahl und  von deren  atemberaubendem Ausmaß
       hatten wir früher niemals etwas gehört. All das wird nun erst be-
       kannt, nun  erst durch  deren Vernichtung. "Ich bin zerbombt wor-
       den", scheint  jeder Knotenpunkt auszurufen, "also bin ich". Oder
       richtiger: "also war ich."
       
       Gott als Diffamierungsgerät
       ---------------------------
       
       "Ungeachtet", heißt es in Fettdruck im Wiener "Kurier" vom 1. Au-
       gust 1967,  "ungeachtet Präsident  Johnsons Aufruf  zum Gebet für
       Bürgerfrieden und  nationale Versöhnung  brachen Sonntag abend in
       Portland, Riviera Beach, Wichita und Cleveland Negerunruhen aus."
       Diese Worte  wollen uns  nahelegen, nun in den aufbegehrenden Ne-
       gern nicht  mehr nur Rebellen gegen Wohn-, Sanitäts-, Schul-, Ar-
       beits- bzw.  Arbeitslosigkeitsverhältnisse zu sehen, sondern auch
       einen Mob,  der gegen Gott selbst aufbegehrt, da er ja, statt für
       Versöhnung zu beten, und sogar trotz des ausdrücklichen Ersuchens
       um ein solches Gebet, auf den Straßen herumlärmt.
       Letztlich anzuklagen  ist in  diesem Falle  natürlich  nicht  der
       "Kurier", der diese Nachricht nicht anders als zehntausend andere
       Blätter gebracht hat, sondern der öffentlich zum Beten aufrufende
       Johnson. Wenn  Unpolitische oder Verzweifelte unter den Bedrohten
       im Beten ihren letzten Ausweg sehen, so ist das menschlich natür-
       lich begreiflich,  wenn auch, da ja politische Freiheit noch nie-
       mals als Manna vom Himmel gefallen ist, traurig. Aber wenn derje-
       nige, dem  die Macht in Händen hält, den Entmachteten, die er je-
       derzeit mit Gewalt zum Verstummen bringen könnte, anempfiehlt, zu
       Gott zu beten, dann stellt das den Höhepunkt der Scheinheiligkeit
       dar. Diejenigen in Amerika, die effektiv gläubig sind, sollten im
       Interesse ihrer  Religion und  zu Ehren  ihres Gottes Johnson als
       Gotteslästerer bezeichnen.
       
       Was Harmonie ist
       ----------------
       
       Am 3. September 1967 meldete der Rundfunk, Präsident Johnson habe
       erklärt, daß  es im Kreise seiner Mitarbeiter keinerlei Meinungs-
       verschiedenheit über  den Vietnam-Krieg  gebe. Offenbar liegt für
       Panik wirklich  kein Anlaß vor, wir dürfen wirklich mit gutem Ge-
       wissen ruhig  einschlafen. Denn,  so heißt es bei Johnson weiter,
       ausnahmslos. Alle  befürworteten die  Fortsetzung der eskalierten
       Bebombung von  Nordvietnam, in  dieser Hinsicht herrsche in ihrem
       Kreise vollkommene Harmonie.
       Es fehlt  nur, daß  er gesagt hätte: "die friedlichste Harmonie",
       aber "Harmonie"  hat er  gesagt - was uns dazu nötigt, "Harmonie"
       neu zu definieren.
       Unter "Harmonie"  haben wir  nun also  die Tatsache zu verstehen,
       daß sich  Kriegsverbrecher über  die Antworten auf die Frage, wen
       sie wo und mit welchen Mitteln ausrotten sollen, einig sind.
       
       "We have nothing to hide"
       -------------------------
       
       In der  gesamten Presse  der Welt, vor allem aber in der der USA,
       erscheinen seit  langem und immer wieder Photos, von denen jeder-
       mann im ersten Augenblick annehmen muß, daß sie hochmodern ausge-
       rüstete Feuerwehrleute  bei ihrer  Arbeit darstellen.  Jedenfalls
       halten die abgebildeten Männer ihre Schlauch-Geräte genau so, wie
       Feuerwehrmänner ihre  Schläuche halten; und auch sie spritzen et-
       was -  was, das  läßt sich  nicht sofort  erkennen - in brennende
       Häuser und  in lodernde  Dachstühle, kurz:  wenn uns diese Bilder
       mit größtem  Vertrauen erfüllen, so ist das sehr begreiflich. Nur
       daß wir  leider, wenn wir die erläuternde Bildunterschrift lesen,
       eines besseren, bzw. etwas sehr viel schlechteren belehrt werden:
       nämlich daß  die abgebildeten  Männer im  Unterschied zu üblichen
       Feuerwehrleuten nicht  auf Flammen  zielen, sondern  mit  Flammen
       zielen, und daß sie auf die Häuser und die Menschen nicht deshalb
       zielen, weil  sie diese  zu erretten  wünschen, sondern umgekehrt
       deshalb, weil sie sie einzuäschern wünschen. Eine "negative fire-
       brigade" sind sie also.
       "Ganz üble Fälschungen, Montagen, Retouchierungen und Verleumdun-
       gen", könnte man denken. Oder: "Selbst wenn die Photos, und sogar
       deren Unterschriften,  keine Fälschungen sein sollten - die abge-
       bildeten Männer,  die die  traurige Pflicht auf sich genommen ha-
       ben, eine  so unerfreuliche  und so leicht als Brandstiftung miß-
       deutbare Arbeit  zu leisten,  die werden  schon wissen, warum sie
       das getan  haben. Und  selbst wenn  sie sich  über die Bewandtnis
       ihres Tuns  persönlich nicht  ganz im klaren sein sollten, selbst
       dann wird die Sache schon in Ordnung sein, objektiv wird es schon
       seinen Grund,  seinen sehr  legitimen Grund haben, wenn sie damit
       betraut sind;  vermutlich ist  es eben ohne zu solchen Opfern be-
       reite Männer  nicht möglich,  unsere freie  Welt von kommunismus-
       verseuchten Dörfern  und Menschen  zu befreien  und zu  reinigen.
       Übel dagegen,  ganz üble  Kreaturen, müssen  diejenigen sein, die
       ein Interesse  daran haben  und daran gehabt haben, Amerikaner in
       Uniform bei  solchen leicht  mißdeutbaren Arbeiten  abzuphotogra-
       phieren. Viet  Congs vermutlich, die das hinterrücks getan haben;
       schon den  Japanern und den Franzosen haben die ja ähnlich mitge-
       spielt, diese  Brüder kennt  man ja, die sich aus blindem Haß auf
       die freie  Welt darauf kaprizieren, das Land, in dem sie zufällig
       zur Welt gekommen waren, von den 450 000 legitim nach Vietnam im-
       portierten Vertretern  der freien  Welt zu  befreien. Oder  viel-
       leicht sind die Photos von jenen Nordvietnamesen aufgenommen wor-
       den, die  die bodenlose  Frechheit hatten,  sich heimlich  in den
       Süden einzuschleusen.  Wenn man  dahinter nicht  sogar Mitglieder
       des Russellschen  Kriegsverbrechertribunals  zu  suchen  hat,  da
       diese ja  bekanntlich und zugegebenermaßen nichts besseres zu tun
       wissen, als  die freie  Welt mit  Wahrheiten zu  beglücken,  nach
       denen diese  kein Bedürfnis gezeigt hat - was letztlich natürlich
       auf Freiheitsberaubung herausläuft..."
       Bedauere. Alles schief, alles falsch, schief und falsch von A bis
       Z. Gleich  ob Bilder  oder erläuternde  Unterschriften, weder von
       Viet Congs  stammen diese, noch von Nordvietnamesen, noch von un-
       sereins. Sondern durchweg von Amerikanern.
       Auch das  wird man  als Möglichkeit vielleicht zugeben. "Illoyale
       Bürger", wird  man erklären,  und Unamerican activities hat es ja
       schließlich auch früher schon gegeben. Die Chance, daß irgendeine
       Kreatur der  civil rights-Bewegung  oder der End the Draft-Gruppe
       oder ein  foolish member of a foolish committee die Tatsache, daß
       heute die Vereinigten Staaten traurigerweise dazu gezwungen sind,
       täglich Tausende  von Bürgern nach Vietnam zu fliegen, ausgenutzt
       hat, um sich, als Photograph oder Reporter getarnt, in den Feuer-
       zauber des  Dschungelkrieges unautorisiert  einzuschleichen-diese
       Chance ist natürlich nicht aus der Welt zu schaffen.
       Bedauere noch  einmal. Alles  schief, alles  falsch,  schief  und
       falsch von A bis Z. Denn die Bilder sind nicht hinterrücks aufge-
       nommen worden,  sondern in  aller Offenheit von ganz normalen und
       amtlich akkreditierten  Pressephotographen.  "...und  von  diesen
       heimtückisch an  die Viet  Cong oder  an eine  nordvietnamesische
       oder sowjetrussische oder chinesische Agentur für gutes Geld ver-
       kauft worden."
       Bedauere zum  letztenmal. Verkauft worden ist dieses Bildmaterial
       nämlich auf  Grund fester Verträge an amerikanische Agenturen, an
       sehr große sogar und an zuhause und international angesehene. Und
       diese haben das Material an amerikanische Zeitungen verkauft, und
       ebenfalls an sehr große und zuhause und international angesehene,
       und in  diesen sind  die angeblich  anstößigen Textierungen  dann
       vorgenommen worden. Sofern es aber wirklich zutreffen sollte, daß
       diese Bilder auch in Nordvietnam oder in China oder in Sowjetruß-
       land bekannt  gemacht worden  sind, so allein deshalb, weil diese
       zuvor in amerikanischen Blättern erschienen waren, weil sich also
       die Nordvietnamesen  und die  Chinesen und die Sowjetrussen haben
       bedienen können.  Kurz: alles hat sich völlig offen und ohne jede
       Heimtücke abgespielt. Denn nichts gilt heute genereller und unbe-
       streitbarer als  jene Maxime, die Präsident Eisenhower einmal ge-
       prägt hat (wenn ich mich recht entsinne, anläßlich der TV-Sendung
       über eines  seiner Unterleibsorgane, an dem er sich hatte operie-
       ren lassen  und das er keinem seiner Zweihundertmillionen Mitbür-
       ger hatte mißgönnen wollen), und wie es auch in dem berühmten Re-
       klametext einer  großen bug-Firma  heißt: denn  nichts gilt heute
       genereller und  unbestreitbarer als  die Maxime: "We have nothing
       to hide."
       
       _____
       1) "Der Stern",  22.1.67, S.  103. -  Unteroffizier Lehmann,  der
       Witzeerzähler, ist  unterdessen an die Kampftruppenschule Hammel-
       burg  versetzt   und  zum  Stabsunteroffizier  befördert  worden.
       (Ebenda, S. 104)
       

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