Quelle: Blätter 1968 Heft 01 (Januar)


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       Ulrich Sander
       
       AXEL SPRINGER ALS ERZIEHER DER JUGEND
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       I
       
       In der Diskussion über die Gefahren, die der Demokratie durch die
       Zusammenballung publizistischer  Macht in der Hand des Großverle-
       gers Axel  Springer erwachsen,  ist bisher wenig beachtet worden,
       daß sich Springer auch in der kommerziellen Jugendpresse in rela-
       tiv kurzer  Zeit eine monopolartige Stellung geschaffen hat. Man-
       fred Bissinger  und Gert  von Paczensky  haben  im  "Stern"  (Nr.
       46/67), bzw.  in den "Frankfurter Heften" (Nr. 11/67) darauf hin-
       gewiesen, daß  etwa Anfang  1958 Springer jene Politik herauskri-
       stallisierte, die  heute -  neben seiner  Machtfülle - im Mittel-
       punkt der  Auseinandersetzung um  die Pressekonzentration  steht.
       Erst nach diesem Zeitpunkt vervollständigte Springer sein Instru-
       mentarium zur  differenzierten Einflußnahme  auf die verschieden-
       sten Bevölkerungsgruppen:  Das aus  "Hamburger Abendblatt",  "Hör
       zu", "Kristall"  (inzwischen eingestellt), "Bild", "Bild am Sonn-
       tag", "Welt",  "Welt am  Sonntag" und "Das Neue Blatt" bestehende
       Verlagsprogramm wurde  durch Erwerb der Majorität der Ullstein AG
       um "BZ"  und "Berliner  Morgenpost" sowie durch Aufkäufe und Neu-
       gründungen um "Mittag" (inzwischen eingestellt), "Bravo", "Twen",
       "Kicker", "Funk  Uhr", "Das  Grüne  Blatt"  (inzwischen  mit  dem
       "Neuen  Blatt"   vereinigt),  "Tina"   (wieder  eingestellt)  und
       "Eltern"  erweitert;   die  Herausgabe   einer  Frauenzeitschrift
       "Jasmin" steht bevor.
       Mit einem  Anteil von 90,74 Prozent der Auflage der kommerziellen
       Jugendzeitschriften 1)  hat Axel  Springer nunmehr auch eine ein-
       zigartige Position  im Bereich der kommerziellen Jugendpresse er-
       langt. Gegenwärtig  werden nur noch drei kommerzielle Jugendmaga-
       zine an  den Kiosken  gehandelt, nachdem "Rasselbande", "Wir" und
       "Musikparade" (alle  Heinrich Bauer-Verlag)  zugunsten  Springers
       eingestellt wurden  und "OK"  (ebenfalls Bauer-Verlag) vom Sprin-
       ger-Konzern aufgekauft  wurde. (Vorübergehend  trug "Bravo" daher
       den Titel  "Bravo/OK".) Außer  durch "Twen"  und "Bravo"  ist die
       kommerzielle Jugendpresse  nur noch mit der aus dem "Micky Maus"-
       Verlag Ehapa  stammenden Zeitschrift  "MV 67" an den Kiosken ver-
       treten; die  anderen Zeitschriften,  die vom  Zeitschriftenhandel
       unter dem  Begriff "Jugendzeitschriften" genannt und ebenfalls an
       den Kiosken  gehandelt werden,  sind für  Kinder bis zu 15 Jahren
       bestimmt: "Micky Maus", "Superman und Batman", "Fix und Foxi" und
       "Felix". Der Anteil Springers an der Auflage aller für Kinder und
       Jugendliche bestimmten  periodischen Schriften  beläuft sich  auf
       rund 27  Prozent. Mit  "Eltern" und "Kicker" hat er außerdem zwei
       weitere Organe,  die pädagogisch  und informativ  auf die  Jugend
       wirken.
       Springer hat  keine einzige  Jugendzeitschrift selber  geschaffen
       und aufgebaut, dafür aber seit 1965 mehrere gekauft und ausgebaut
       und einige  eingehen lassen.  "Bravo" erscheint  gegenwärtig  wö-
       chentlich in  einer verbreiteten  Auflage von 725 000 Exemplaren;
       von "Twen"  werden zur  Zeit 122 000 Exemplare monatlich verbrei-
       tet. Das  Abklingen der  Beatwelle, mit  der alle Teenagerblätter
       erst ihre  Erfolge ermöglichen konnten (1. Quartal 1966: höchster
       Stand der verbreiteten Auflage aller Blätter, insgesamt 2389 Mil-
       lionen Exemplare),  verursachte im 1. Quartal 1967 einen Rückgang
       der Auflagenzahlen gegenüber dem 1. Quartal 1966 um 53,2 Prozent.
       Es gelang  dem Springer-Konzern, durch Konzentration den Rückgang
       der Auflagenzahlen zu stoppen und sie wieder ansteigen zu lassen:
       vom 1.  Quartal 1967  zum 2.  Quartal 1967  stieg die verbreitete
       Auflage bei "Bravo" von 683 000 auf 725 000 Exemplare, bei "Twen"
       von 102 000  auf 122 000. In den Zeitraum 1966/67 fallen auch die
       entscheidenden Konzentrationsmaßnahmen  des Konzerns  auf dem Ge-
       biet der  Jugendpresse. Diese  Entwicklung läßt  sich  wie  folgt
       skizzieren:
       Im Juni  1965 erwarb  der Axel  Springer-Verlag den  Kindler  und
       Schiermeyer Verlag  und damit  die Zeitschrift  "Bravo". Im  Juni
       1966 wurde  die Zeitschrift  "Twen" zusammen mit der Sportzeitung
       "Kicker" durch  den nunmehr Springereigenen Kindler & Schiermeyer
       Verlag vom Bauer-Verlag gekauft. (Bauer hatte diese Objekte durch
       Aufkauf der  Th. Martens  & Co.  GmbH erworben  und  sogleich  an
       Springer weitergegeben.) Im August 1966 kaufte Springer per Kind-
       ler & Schiermeyer beim Bauer-Verlag das Teenagerblatt "OK". ("OK"
       war eine  von mehreren Jugendzeitschriften des Bauer-Verlages; in
       ihr waren  u.a. die  Zeitschriften "Rasselbande" und "Wir" aufge-
       gangen.) Im  Februar 1967  startete Springer  in  dem  Kindler  &
       Schiermeyer-Tochterverlag Buch-  und Pressedienst  GmbH die deut-
       sche Ausgabe der Zeitschrift für 8- bis 12jährige Mädchen "Tina",
       die jedoch  im Mai 1967 wegen mangelnder Rentabilität eingestellt
       wurde. Im  April 1967  wurden "Bravo"  und "OK" vereinigt und für
       kurze Zeit  unter dem Titel "Bravo/OK" weitergeführt. Bald danach
       kehrte man  wieder zum vertrauten Titel "Bravo" zurück. Der Hein-
       rich-Bauer-Verlag stellte  dann  zum  22.  Mai  1967  sein  Organ
       "Musikparade" ein.  Die  letzte  Ausgabe  enthielt  Empfehlungen,
       künftig "Bravo"  zu lesen. Mit der im Oktober 1967 bekanntgegebe-
       nen Übernahme  der  Herausgeber-Funktion  bei  "Twen"  durch  den
       "Bild"-Chefredakteur Peter  Boenisch und der Stellung des "Twen"-
       Produktionschefs durch  Axel Springer jr. wurde eine weitere per-
       sonelle Voraussetzung  für eine  noch stärkere politische Anglei-
       chung dieses  Blattes an  die Gesamtkonzeption  des Springer-Kon-
       zerns geschaffen.  (Peter Boenisch  ist übrigens kein Unbekannter
       in der  kommerziellen Jugendpresse.  Er war der Gründungs-Chefre-
       dakteur des  "Bravo" und  schuf den  unvergleichlich verdummenden
       Stil dieser  Zeitschrift, die  seit einigen  Jahren von Liselotte
       Krakauer geleitet wird.)
       
       II
       
       Wenn man  auf die  einzigartige Stellung Springers in der Jugend-
       "Bildung" hinweist,  kann man  damit nicht  nur "Bravo",  "Twen",
       "Eltern" und  "Kicker" meinen. Es gibt nichts Gedrucktes, das von
       mehr jungen  Menschen gelesen  wird, als  das  von  Springer  Ge-
       druckte, und keine andere Altersgruppe liest mehr Springer-Veröf-
       fentlichungen als  die Jugend. In den entscheidenden Lebensjahren
       von 14  bis 29  Jahren, in denen der junge Mensch die Schule ver-
       läßt, eine  Berufsausbildung durchläuft,  Soldat wird, volljährig
       sowie aktiv und passiv wahlberechtigt wird, heiratet und eine Fa-
       milie gründet  - in  denen  er  sich  zum  verantwortungsbewußten
       Staatsbürger entwickeln sollte -, werden mehr "Bild"-Zeitungs-Ex-
       emplare konsumiert als in allen anderen Altersgruppen. Die Leser-
       analyse der  "Bild"-Zeitung (die jüngste wurde im Herbst 1967 von
       der "Bild"-Anzeigenabteilung  veröffentlicht) muß  berücksichtigt
       werden, wenn  man über  den Einfluß  Springers auf das Denken und
       Handeln der Jugendlichen spricht. Die "Bild"-Zeitung erreicht pro
       Nummer 33,2  Prozent der  14- bis 19jährigen und 30,3 Prozent der
       20- bis  29jährigen. Mehr  als die  Hälfte der Angehörigen dieser
       Altersgruppen lesen  mindestens einmal  in der Woche "Bild"; rund
       ein Zehntel  liest "Bild"  ausschließlich und  täglich. (Zum Ver-
       gleich: "Bild" erreicht 26,7 Prozent der 30-39jährigen, 25,1 Pro-
       zent der  40-49jährigen, 23,0  Prozent der 50-59jährigen und 17,6
       Prozent der  60-70jährigen.) Die  14- bis 19jährigen, die 10 Pro-
       zent der  Gesamtbevölkerung von 14 bis 70 Jahren ausmachen, stel-
       len 13  Prozent der  "Bild"-Leser; die  20- bis 29jährigen mit 22
       Prozent Bevölkerungsanteil  stellen 25  Prozent der "Bild"-Konso-
       menten. Lediglich noch bei den 30- bis 39jährigen (18 Prozent Be-
       völkerungsanteil, 19  Prozent "Bild"-Leseranteil)  überwiegt  der
       "Bild"-Anteil den Bevölkerungsanteil, bei den älteren Altersgrup-
       pen ergibt sich ein umgekehrtes Verhältnis.
       Doch zurück  zur "reinen" Jugendpresse des Konzerns. Jeder kriti-
       sche Leser  - besonders  von "Bravo"  - fühlt sich an das oft zi-
       tierte Wort  des Pressezaren Springer erinnert, das im "Sonntags-
       blatt" vom 5. Juli 1959 veröffentlicht wurde:
       "Ich war mir seit Kriegsende darüber klar, daß der deutsche Leser
       eines auf keinen Fall wollte, nämlich nachdenken. Und darauf habe
       ich meine  Zeitungen  eingestellt."  Dieser  Ausspruch  Springers
       trifft jedoch  nicht den  Kern seiner heutigen Bemühungen auf dem
       Gebiet der  Jugendbildung. Insgeheim  wird er den Ausspruch schon
       längst modifiziert  haben, etwa so: "Ich war mir, als ich 'Bravo'
       kaufte, darüber klar, daß der deutsche Jugendliche eines auf kei-
       nen Fall  soll, nämlich  nachdenken. Und  darauf stelle ich meine
       Jugendblätter ein."
       Gegen die "Bild"-Zeitung wird oft der Vorwurf erhoben, ihre poli-
       tischen Meldungen  seien verzerrt  und würden den Tatsachen nicht
       gerecht, aber  daß sie  vieles  nicht  veröffentliche,  sei  noch
       schlimmer, da  wichtige Vorgänge  so verschwiegen  würden. Dieser
       Vorwurf muß  in noch  stärkerem Maße gegen "Bravo" und "Twen" ge-
       richtet werden.  Diese Blätter  enthalten nichts,  was den jungen
       Menschen bilden  oder informieren  könnte, aber sie enthalten al-
       les, was zu seiner Anpassung an die Gesellschaft, so wie sie ist,
       notwendig ist.  Dazu ein  Beispiel: Die  Ausgabe  Nr.  52/67  von
       "Bravo" ist jeder anderen ähnlich, sie enthält ausschließlich Be-
       richte  über  die  Schauspieler  und  Sänger  Diana  Rigg,  Cliff
       Richard, Rupert Davies, Peggy March, Roger Moore und James Brown,
       ferner den  Wettbewerb "Wer  wird Bravo-Girl/Boy 67?", den Report
       "Jugend und  Sex 68", eine "Teenager"-Presseschau, die Serie "Ich
       kann nicht  lieben", eine  "Musikbox", ein Horoskop, mehrere far-
       bige Starporträts,  Angaben über  neue Schallplatten, Song-Texte,
       den Roman  "Zweimal Himmel und zurück", Filmbeschreibung "Rheins-
       berg" (ohne  Hinweis auf  Tucholsky),  eine  Leserbriefecke,  das
       Fernsehprogramm, die  Leserbrief-Aktion "Anonym" und Berichte der
       ehrenamtlichen "Bravo"-Reporter  (die  vollkommen  dem  Stil  der
       hauptamtlichen "Bravo"-Leute  entsprechen). Außerdem  enthält die
       Ausgabe zahlreiche  Anzeigen, die als solche kenntlich sind. Wer-
       bung enthalten jedoch auch der Text und die Fotos in dieser Zeit-
       schrift. So  wie diese  Ausgabe sind alle "Bravo"-Hefte. Es fehlt
       jeder Beitrag,  der der politischen, sozialen und gesellschaftli-
       chen Interessenlage junger Menschen entsprechen könnte.
       Ergänzend einige  typische Beispiele aus "Bravos" "redaktionellem
       Teil": Die bewunderten Stars werden als in ihrem Privatleben noch
       weitaus netter  dargestellt, als sie ohnehin schon zu sein haben.
       Diana Rigg,  als "Emma  Peel" "clever,  hart  und  entschlossen",
       lehnt -  laut "Bravo" - im Privatleben "Rummel und Verwirrung je-
       der Art" ab; sie "läßt auch die extremsten Meinungen gelten, ohne
       daß sie sie sofort teilen würde" - selbstverständlich. Über Cliff
       Richards Entschluß,  sich der  religiösen Bewegung  Billy Grahams
       anzuschließen -  eine uralte  Masche des  Show-Geschäftes -, wird
       berichtet, als  wäre es  das Größte,  was denkbar  ist. Dann wird
       noch etwas  Pseudo-Demokratie getrieben (es liege allein beim Pu-
       blikum, wann  Cliff Richard  abtritt), an Richards Herkunft erin-
       nert (kleiner Angestellter in einer Fabrik) und das Show-Geschäft
       "mörderisch" genannt.  So ähnlich werden viele Stars dargestellt:
       Aus dem  Nichts nach  oben und  immer noch ein guter Mensch - das
       kannst auch  Du! (Über  den Negersänger  James Brown:  "Vom Baum-
       wollpflücker zum Soul-König".) Die Kandidaten für die engere Wahl
       für das Bravo-Girl und den Bravo-Boy sehen alle so aus, als wären
       sie den  Bravo-Fotos und -Anzeigen entsprungen. Es ist als sicher
       anzunehmen, daß  auch wirklich  das Mädchen und der Junge von den
       Lesern "gewählt"  wird, die dem von dieser Zeitschrift entwickel-
       ten Typ  entsprechen. In  dem Sex-Report  wird viel  geschwafelt,
       aber nichts  gesagt, geschweige  denn dem  Jugendlichen geholfen.
       (Denn gegen  gesellschaftliche Tabus  verstößt "Bravo"  nicht!  -
       darüber darf die moderne Aufmachung nicht hinwegtäuschen.) Bemer-
       kenswert ist  in diesem  Sex-Report die  Beantwortung der  Frage,
       warum für  die Jugend  von heute das Sexualproblem größer sei als
       für frühere  Generationen (was  erst bewiesen  werden müßte).  Da
       heißt es,  im Gegensatz  zu ihren Eltern, die während des Krieges
       jung waren,  wachsen die heutigen Jugendlichen "in einer normalen
       Zeit auf";  "die Welt  ringsum ist  im Lot - und daher können sie
       sich um  so mehr auf ihre inneren Spannungen konzentrieren". Hier
       wird "Bravo" eminent politisch: für den Jugendlichen hat die Welt
       trotz Vietnam-Krieg,  Bildungsnotstand, wirtschaftlicher  Schwie-
       rigkeiten, Benachteiligung  junger Menschen  in Politik und Beruf
       und trotz  Notstandsgesetzen "im  Lot" zu sein. Problematisch sei
       nur der  "erwachende Sex", aber darüber hilft "Bravo" mit einigen
       Sprüchen hinweg. Weiter zum Inhalt: Die Teenager-Presseschau soll
       nachweisen,  daß  junge  Menschen  in  aller  Welt  die  gleichen
       "Bravo"-Nichtigkeiten in  ihren Zeitschriften zu lesen bekommen -
       was nicht stimmt. Die amerikanische Sängerin Peggy March wird als
       das einfache  Mädchen geschildert, das "auch für 20 Pfennig" sin-
       gen würde,  wenn es nur darf, und das Deutschland, seine Menschen
       und seine Sprache ganz besonders liebe (dieser verbrämte Nationa-
       lismus "Bravos" ist in zahlreichen Stargeschichten enthalten: Die
       Gesänge kommen  von draußen,  aber die Akustik ist nur bei uns in
       Ordnung!).
       Daß sich  die Star-Masche der Springer-Presse in einem sehr nega-
       tiven Sinne  aktivierend auf  die  Jugendlichen  auswirken  kann,
       dürfte die  Vorbereitung und  Durchführung der  Bravo-Tournee mit
       den Rolling  Stones im  September 1965 bewiesen haben. Die Sprin-
       ger-Blätter betrieben  eine  publizistische  Stimmungsmache,  die
       schließlich die  Zerstörung der Berliner Waldbühne "aus Begeiste-
       rung" nach  sich zog. (In der Dokumentation "Springer enteignen?"
       des Westberliner  Republikanischen Clubs wird dieser Vorgang aus-
       führlich geschildert.)
       
       III
       
       Man hat  den redaktionellen Teil von "Bravo" und "Twen" die Fort-
       setzung der  Anzeige mit anderen Mitteln genannt. Die Zeitschrif-
       ten werden als Instrumente einer auf Profitmaximierung orientier-
       ten Industrie  genutzt. Die  Konsumideologie,  die  Anpassungsbe-
       mühungen und  eine antiaufklärerische Haltung gehen dabei Hand in
       Hand. Helmut Fritz stellte im Jugendfunk des Hessischen Rundfunks
       zu "Bravo"  fest: "Die  Doppeldeutigkeit des Wortes 'Artikel' ist
       in diesen  Blättern erhalten  geblieben. Das  lockt natürlich die
       Inserenten." Diese Feststellung wurde vom Springer-Konzern selbst
       bestätigt; er  wirbt auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen
       Inserenten mit der Losung: "Unsere Leser sind junge Leute. Unsere
       Leser suchen  das Neue - Sie können einen Markt von 20 Milliarden
       DM Kaufkraft erschließen."
       Die Bemühungen  der populären  Springer-Blätter,  entpolitisierte
       Arbeitnehmer gegen  das kritische  politische Engagement zahlrei-
       cher Studenten aufzuhetzen, haben zu bemerkenswerten Ausführungen
       des rechtsextremen Publizisten William S. Schlamm in der "Welt am
       Sonntag" (10.12.1967) geführt. Schlamm deckt die ganze Konzeption
       Springerscher Jugendpolitik auf, indem er bemerkt, die jungen Ar-
       beiter seien heute "vergnügter, lebensfroher und zufriedener, als
       sie es  jemals vorher  waren", und er fragt: "Vielleicht sind die
       revolutionären Bürgersöhne  im Grunde  nur deswegen so erbittert,
       weil der  soziale Aufstieg (!) der Arbeiterjugend die Klassenpri-
       vilegien des  Akademikers reduziert?" Dieser demagogischen Bemer-
       kung folgt  dann bei Schlamm die Forderung, Studenten zu relegie-
       ren, die  nicht bereit  sind, "das  Wissen und Können der Gesell-
       schaft zu  erwerben und  zu bereichern". Schließlich: "Auf keinen
       Fall dürften  die deutschen  Studenten in der hochmütigen Annahme
       bestärkt werden,  daß sie  mehr und  andere Rechte  haben als die
       deutschen Jungarbeiter."  Angesichts der wenigen Rechte der Jung-
       arbeiter eine  bemerkenswerte These  - und die unverhüllte Umkeh-
       rung der Forderung "Mehr Arbeiterkinder an die Universitäten".
       Im übrigen  orientiert sich  Schlamm an einem Bild, das zwar dank
       "Bild" und  "Bravo" auf  viele Jugendliche  noch immer  zutrifft,
       aber glücklicherweise kaum der Haltung der in den Arbeiterjugend-
       verbänden organisierten,  politisch engagierten Jugendlichen ent-
       spricht. So  hat ein Seminar der Jugend der IG Metall Material 2)
       zur Beurteilung der kommerziellen Jugendpresse erarbeitet, in dem
       es heißt:
       "Im Schlager hören wir nur von der perfekten Welt, in Zeitschrif-
       ten wie  'Bravo' sehen  wir, wie sie aussieht. Die Stars, die wir
       hier finden,  sind -  nach Auffassung von 'Bravo'-Menschen wie du
       und  ich,   nur  mit   dem  kleinen  Unterschied:  sie  haben  es
       'geschafft'." Weiter  wird festgestellt:  "Unter dem Vorwand, die
       Jugend sei  völlig anders  als die ältere Generation und sie habe
       das Recht, ihre Andersartigkeit zu demonstrieren, werden hier Ge-
       schäfte gemacht.  Die Unterschiede  zwischen den Generationen be-
       schränken sich jedoch nur auf den formalen Bereich; die Ordnungs-
       vorstellungen und  Moralvorschriften von  gestern und  vorgestern
       werden keineswegs angetastet, denn dies liefe den Maximen der ka-
       pitalistischen Wirtschaft  zuwider. 'Bravo'  dient nicht der Auf-
       klärung, der Kritik an gesellschaftlichen Mißständen, sondern ist
       ein Instrument  der kollektiven  Anpassung." Die  jungen  Gewerk-
       schafter dringen in ihrer Analyse auch zur Kernfrage unserer heu-
       tigen Pressemisere  vor, wenn sie schreiben: "Wer besitzt eigent-
       lich die im Grundgesetz garantierte Meinungs- und Pressefreiheit?
       Die  Eigentümer   von  Zeitungsdruckereien,   Filmgesellschaften,
       Schallplattenfirmen oder  der Zeitungsleser,  Kinobesucher, Zuhö-
       rer...? Tatsache  ist doch  wohl, daß derjenige, der die Druckma-
       schinen und  Verlage besitzt,  auch bestimmt,  was auf das Papier
       gedruckt wird. Paul Sethe meint: Frei ist, wer reich ist. - Soll-
       ten die  privaten Massenmedien kontrolliert werden? Auf dem Boden
       der Privatinitiative kann leicht eine private Pressozensur gedei-
       hen. Die öffentliche Kontrolle wäre eine bessere Garantie für die
       Presse- und  Meinungsfreiheit als  die 'Kontrolle'  der Unterneh-
       mer."
       
       IV
       
       Es wurde bisher die Rolle Springers bei der Beeinflussung der Ju-
       gend dargestellt.  Wie sieht  nun die  Gesamtsituation in der Ju-
       gendpresse aus?  In der Bundesrepublik und West-Berlin erscheinen
       gegenwärtig rund  170 Jugend-  und Kinderzeitschriften  mit einer
       jährlichen verbreiteten  Gesamtauflage von  145,5 Millionen Exem-
       plaren. Hinzu  kommen über  900 jugendeigene  Zeitungen (Schüler-
       zeitschriften, Amateurblätter  von Jugendlichen  usw.) mit  einer
       Jahresauflage von  nahezu 5  Millionen  sowie  etwa  100  Studen-
       tenzeitschriften mit  einer Jahresauflage von 1,4 Millionen Exem-
       plaren. Die  Vorrangstellung der  zum Springer-Konzern gehörenden
       Jugendzeitschriften ergibt  sich aus  ihrem Marktanteil  -  90,74
       Prozent der  kommerziellen Auflage  und 26,93 Prozent der Auflage
       aller Kinder-  und Jugendblätter (die jährliche Gesamtauflage be-
       trägt 39,2 Millionen "Bravo"- und "Twen"-Exemplare) - und aus der
       Tatsache, daß die Jugendpresse nahezu ausschließlich durch Sprin-
       ger an  den Kiosken vertreten wird. Rolf-Ulrich Kaiser schrieb im
       April 1967  in der  in Verbindung mit dem Deutschen Bundesjugend-
       ring erscheinenden  Fachzeitschrift "Deutsche  Jugend" zu  diesem
       Problem: "Angesichts  dieses Monopols  in der Jugendpresse drängt
       sich die  Frage auf,  in welcher  Situation die nichtkommerzielle
       Jugendpresse steht. Die Frage ist schnell beantwortet; denn diese
       Zeitschriften sind  bedeutungslos geworden.  Wer heute  nicht  am
       Kiosk angeboten  wird, spielt  für das Interesse der weiteren Ju-
       gend keine Rolle." Ähnliches wird in der vom Frankfurter Institut
       für Jugendbuchforschung  herausgegebenen Schrift  "Das Elend  der
       Jugendzeitschriften" festgestellt:  "Die Tatsache, daß 'Bravo' an
       jedem Kiosk zu haben ist, hat sicher dazu beigetragen, die Aufla-
       genziffer dieser Zeitschrift so gewaltig in die Höhe schnellen zu
       lassen. Eine über die Schule oder den Verband an den Jugendlichen
       gebrachte Zeitschrift  ist für  diesen leicht  mit dem Geruch der
       schulmeisterlichen Bevormundung, der Pflichtlektüre oder des Mit-
       gliedsorgans verbunden,  während der eigenhändige Kauf einer Num-
       mer von 'Bravo' oder eines anderen Periodikums für ihn eine unbe-
       einflußte Entscheidung ist."
       Eine Aufteilung  der Gesamtauflage der genannten rund 170 Jugend-
       und Kinderblätter ergibt dieses Bild:
       Kommerzielle Jugendzeitschriften 29,68 Prozent
       Kommerzielle Kinderzeitschriften 28,36 Prozent
       Zeitschriften der Jugendverbände für Kinder und Jugendliche 18,29
       Prozent
       Zeitschriften anderer Institutionen (Schülermitverantwortung, Be-
       hörden,  Lehrerverbände,   Fachzeitschriften,  Werbezeitschriften
       usw.) 23,64 Prozent.
       Der Vormarsch  Springers in der Jugendpublizistik hat sich in ei-
       ner Zeit  abgespielt, in der die Organe der Jugendverbände Einbu-
       ßen verzeichnen  mußten: In den letzten beiden Jahren mußten sol-
       che Jugendzeitschriften  freier Träger  der Jugendarbeit  wie "Ja
       und Nein" (Eßlingen), "Kurier" (Düsseldorf), "Junge Gemeinschaft"
       (Organ  der   Sozialistischen  Jugend  -  Die  Falken),  "Motive"
       (evangelische Schülerzeitschrift),  "Horizont" (evangelische Mäd-
       chenzeitschrift), "Der Ring" (Turnerjugend) und "Jugend unter dem
       Wort" (evangelische Jugendzeitschrift) aus wirtschaftlichen Grün-
       den ihr Erscheinen einstellen.
       Pastor Martin  Schröter (Dortmund),  einst Herausgeber  der Zeit-
       schrift "Jugend unter dem Wort", stellt in einem Brief an den Au-
       tor zu dieser Entwicklung fest, sie liege in der "allgemeinen Fi-
       nanzmisere" und  in der "Konzentration der Presse in der Hand fi-
       nanzstarker  Konzerne,  bzw.  des  Springer-Konzerns"  begründet.
       Schröter: "Wenn  wir uns darauf einlassen könnten, dem Nichtnach-
       denken der  Jugend entgegen zu kommen, hätten wir vielleicht auch
       mehr Chancen  für einen  größeren Abonnentenkreis,  mehr  Chancen
       also dafür,  am Leben  zu bleiben. Aber alle Versuche, junge Men-
       schen auch  durch die Presse zu kritischen demokratischen Staats-
       bürgern zu erziehen - d.h. zugleich, ihnen Mut zu machen zu einer
       politischen und  gesellschaftlichen Opposition  -, werden, so wie
       die Dinge  heute liegen,  im Keime erstickt." Trotzdem bleibt die
       Aufgabe bestehen,  auch mit  dem Mittel der Jugendpublizistik dem
       Ziel der  politischen  Bildungsarbeit  -  so  wie  es  die  demo-
       kratischen Jugendverbände verstehen - näher zu kommen.
       Auf Hilfe  von der  Bundesregierung ist  dabei gegenwärtig jedoch
       kaum zu  hoffen. Bundesinnenminister  Paul Lücke  erklärte am  7.
       Juni 1967, das Grundrecht der Pressefreiheit sei in der Bundesre-
       publik nicht  bedroht, und der Bundesminister für Familie und Ju-
       gend, der  CDU-Generalsekretär  Dr.  Bruno  Heck,  gestattet  der
       "Bild"-Zeitung, mit  diesem Heck-Ausspruch  zu werben: "Die Bild-
       Zeitung hat  entscheidend dazu  beigetragen, den  Familiensinn zu
       fördern." (Ob  er dabei  an "Bild"-Schlagzeilen  gedacht hat wie:
       "Mit 9  verführt - mit 11 verkuppelt - mit 14 Jahren reif für St.
       Pauli"?)
       Der CSU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für
       Familien- und  Jugendfragen, Karl-Heinz  Vogt, deutete  in  einem
       Brief an  den Autor  an, daß  "die 1965 getroffenen Maßnahmen der
       Subventionseinstellung für  das über  den Bundesjugendplan zu er-
       reichende Jugendschrifttum  neu überlegt  werden  müßten,  -  was
       selbstverständlich zu  begrüßen wäre. An die Macht Springers wagt
       sich allerdings  Vogt nicht  heran: "Nur  aus der  Tatsache,  daß
       diese Publikationen im Springer-Verlag oder einem ihm angeschlos-
       senen  Verlag  erscheinen,  kann  eine  'Bewußtseinsmanipulation'
       nicht abgeleitet  werden." Nur aus dieser Tatsache sicher nicht -
       das behauptet  niemand -,  aber auch  aus dieser Tatsache, ferner
       aus der  redaktionellen Konzeption  und  aus  der  monopolartigen
       Stellung erwachsen die Gefahren.
       In einer  Umfrage, die  der Autor durchführte und veröffentlichte
       3), wurden  von Politikern der SPD und der FDP, Wissenschaftlern,
       Publizisten, Jugendleitern  und Gewerkschaftern  die verschieden-
       sten Vorschläge  für die Beseitigung der als unerträglich empfun-
       denen Vormachtstellung  Springers auf dem Gebiet der Jugendpresse
       vorgebracht: Enteignung  oder Entmachtung  Springers, öffentliche
       demokratische Kontrolle und Mitbestimmung über seine Organe, Auf-
       lagenbegrenzung, Gesetzgebung zur Sicherung der Informationsfrei-
       heit, Schaffung  unabhängiger Überwachungsinstitutionen und - im-
       mer wieder genannt - verstärkte Förderung der Springer-unabhängi-
       gen demokratischen Jugendpresse, besonders der freien Träger, da-
       mit ein  Gegengewicht geschaffen wird. Jugendverbände und -ringe,
       so wird  vereinzelt vorgeschlagen,  sollten bei  der Vergabe  der
       Mittel als unabhängige demokratische Selbstverwaltungseinrichtun-
       gen tätig  werden, so daß eine Einflußnahme der Regierung auf die
       redaktionelle Gestaltung der Jugendblätter verhindert wird.
       Zur Durchsetzung  dieser Forderungen werden außerparlamentarische
       Aktionen und Petitionen an den Bundestag und die Länderparlamente
       empfohlen. Vordringlich  sei die  öffentliche Aufklärung über die
       Gefahren der  Pressekonzentration für die Demokratie. Weitere An-
       regungen sind: Herausgabe eines Weißbuches, Information der Abge-
       ordneten, wissenschaftliche  Untersuchungen, Herausgabe einer ge-
       meinsamen, auf dem Markt sich behauptenden Zeitschrift der freien
       Träger der  Jugendarbeit, Organisation  eines  Käuferstreiks  für
       Springer-Erzeugnisse, öffentliche  Kongresse und  Demonstrations-
       märsche.
       In den  Stellungnahmen wird  immer wieder  das gemeinsame Handeln
       der Jugendorganisationen,  der Studenten  und Pädagogen gegen die
       Bewußtseinsmanipulation durch  den Springer-Konzern  befürwortet.
       Anders kann  das jetzt  Notwendige sicher nicht getan werden. Der
       "Anspruch auf  ausschließliche und  allgemeine Gültigkeit der je-
       weiligen springerschen Ansichten" (Gert von Paczensky) muß besei-
       tigt werden, und zwar durch die Betroffenen selbst.
       
       _____
       1) Diese und folgende Auflagen-Angaben wurden vom Autor aus aktu-
       ellen Fachzeitschriften  und -büchern  zusammengetragen bzw.  er-
       rechnet. Statistiken fehlen.
       2) Erstmals veröffentlicht  in der  Dokumentation des Autors über
       die Situation  der Jugendpresse  (Selbstverlag Ulrich  Sander, 62
       Wiesbaden, Rheinstr. 104 - November 1967).
       3) In der schon genannten Dokumentation veröffentlicht.
       

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