Quelle: Blätter 1968 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER 17. PUGWASH-KONFERENZ ÜBER WISSENSCHAFT
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       UND INTERNATIONALE FRAGEN
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       Die 17.  Pugwash-Konferenz über  Wissenschaft und  internationale
       Fragen tagte  zur Zeit  des 10. Jahrestages der Konferenzgründung
       vom 3. bis 8. September 1967 in Ronneby (Schweden). Ihre rund 200
       Teilnehmer kamen aus über 40 Ländern.
       Die Diskussionen haben zum Ausdruck gebracht, daß unter den Teil-
       nehmern tiefe Besorgnis über den Ernst der Weltlage herrscht. Die
       Zahl der  Waffen vervielfacht  sich, und die Zerstörungskraft der
       Waffen nimmt ständig zu. In der Abrüstung ist kein Fortschritt zu
       verzeichnen; die  Verbreitung nuklearer  Waffen  wächst.  Laufend
       werden neue  radikale Waffen  entwickelt. Lokale  Kriege  brechen
       aus, verheeren  die in  Mitleidenschaft gezogene  Bevölkerung und
       schaffen die Drohung einer Eskalation zu größeren Konflikten. Die
       Kluft zwischen  reichen und  armen Ländern im Hinblick auf Ernäh-
       rung, Industrie und Wissenschaft wird immer weiter. Dringende und
       fortwährende Anstrengungen  sind erforderlich,  um die  bevorste-
       hende Krise  zu vermeiden  und um  eine wohlhabende,  stabile und
       friedliche Welt zu schaffen, wie die Wissenschaft sie möglich ge-
       macht hat.
       Wissenschaft und  Technik haben  der Welt  großen Nutzen gebracht
       und können das auch in Zukunft tun. In steigendem Maße müssen die
       Wissenschaftler jedoch  ihre Aktivität  in noch  weitere Bereiche
       tragen. Sie müssen ihre ganze Kraft dafür einsetzen, die zahlrei-
       chen Probleme  lösen zu helfen, die sich angesichts der Sicherung
       einer friedlichen  Zukunft ergeben.  Der Ruf der Wissenschaftler,
       der Wissenschaft  selbst, die weitere Entwicklung unserer Zivili-
       sation - all das steht auf dem Spiel.
       Der Sinn  für diese  Dringlichkeit war  der 17. Pugwash-Konferenz
       Ansporn für  ihre Arbeit.  Zur Durchführung  ihrer Untersuchungen
       teilte sich  die Konferenz  in sieben Arbeitsgruppen auf. Die Re-
       sultate dieser Arbeitsgruppen werden im folgenden zusammengefaßt.
       
       Probleme der Abrüstung
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       Die Textentwürfe  des Atomwaffensperrvertrages,  die die  USA und
       die UdSSR der 18-Mächte-Abrüstungskonferenz vorgelegt haben, wur-
       den von  einer der  Arbeitsgruppen geprüft.  Man gelangte  zu der
       Feststellung, daß  die Annahme  eines auf diesen Entwürfen basie-
       renden Vertrages  einen wesentlichen Schritt darstellen würde zur
       Verhinderung weiterer  Atomwaffenverbreitung und zur Verringerung
       der Gefahr eines atomaren Krieges. Ein Abschluß der Verhandlungen
       über den  Vertrag, insbesondere eine Überwindung der in Zusammen-
       hang mit dem Artikel III bezüglich des Kontrollsystems zutage ge-
       tretenen Differenzen,  sowie die Annahme des Sperrvertrages durch
       alle Staaten sollten zum frühestmöglichen Termin erreicht werden.
       Die Arbeitsgruppe  untersuchte Einwände gegen den Vertrag. Obwohl
       sie Einwände, die sich auf das Kontrollsystem beziehen, als über-
       trieben bezeichnete, war sie der Ansicht, es werde nützlich sein,
       solche Befürchtungen  so weit  wie möglich dadurch abzubauen, daß
       man die  Zudringlichkeit der Inspektion verringert. Aus dem glei-
       chen Grunde  wurde festgestellt,  es werde schließlich wünschens-
       wert sein, die friedlichen atomaren Einrichtungen der atomwaffen-
       besitzenden Staaten  der gleichen Inspektion zu unterstellen, die
       für die Staaten verlangt wird, die keine Atomwaffen besitzen. Das
       Kontrollsystem der  Internationalen  Atomenergie-Behörde  (IAEA),
       das bereits  von mehr  als 90  Ländern akzeptiert worden ist, hat
       sich als der geforderten Inspektion vollkommen adäquat erwiesen.
       Wegen der  sehr großen  Bedeutung einer frühzeitigen Vereinbarung
       über den Atomwaffensperrvertrag wäre es ein Fehler, seine Annahme
       von weiteren  Maßnahmen spezifischer Rüstungskontrolle oder Abrü-
       stung abhängig  zu machen.  Es ist zu erwarten, daß eine Einigung
       über den Atomwaffensperrvertrag einen so weitgehenden Einfluß auf
       das politische  Klima in der Welt ausüben würde, daß die Aussich-
       ten für weitere Maßnahmen der Rüstungskontrolle und der Abrüstung
       unter  Einschluß   der  Nuklearmächte   verbessert  würden.  Sehr
       hilfreich wäre es ferner, wenn Atomwaffenstaaten jetzt ihren Wil-
       len erklärten,  Diskussionen und  Studien über andere Abrüstungs-
       maßnahmen, die der Sperrvertragsverhandlung folgen würden, zumin-
       dest zu  initiieren. Unter anderem wurden vorgeschlagen: eine Er-
       weiterung des  Teststoppabkommens auf unterirdische Versuche; die
       frühzeitige Erörterung von Maßnahmen zur Begrenzung und zum Abbau
       des Rüstungswettlaufs auf den Gebieten der strategisch-offensiven
       Waffen und  der Raketenabwehrsysteme;  Einstellung der Produktion
       und Verminderung  der gelagerten  Bestände spaltbaren  Materials,
       das für  Rüstungszwecke bestimmt  ist; die  Schaffung atomwaffen-
       freier Zonen; Handelsbeschränkungen für konventionelle Waffen.
       Es wurde  darauf hingewiesen, daß ein wirksames Verfahren in die-
       ser Richtung in der Übernahme von Verpflichtungen durch die atom-
       waffenbesitzenden Staaten  bestehen würde,  keine atomaren Waffen
       gegen Staaten  einzusetzen, die dem Sperrvertrag beitreten, keine
       Atomwaffen besitzen  und versichern,  daß auf  ihrem  Territorium
       keine Atomwaffen installiert sind.
       
       Weitere Schritte zur Abrüstung
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       Bei der  Erörterung des  Problems, den  Stand der  Ausrüstung mit
       strategischen Atomwaffen zu begrenzen, gelangte man zu dem Resul-
       tat, daß die Möglichkeit, Beschränkungen für Raketenabwehrsysteme
       mit Beschränkungen  für strategische  Offensivsysteme zu koppeln,
       sorgfältig und mit höchster Priorität untersucht werden sollte.
       In der  Frage eines  umfassenden Teststopps wurde übereinstimmend
       festgestellt, daß heute die technischen Voraussetzungen dafür ge-
       geben sind, das Teststoppabkommen auf die unterirdischen Versuche
       auszudehnen; die Nuklearmächte sollten dringend aufgefordert wer-
       den, zu  diesem Zweck  Verhandlungen zum  frühestmöglichen Termin
       aufzunehmen.
       Von den  Problemen der  Rüstungsbegrenzung zu denen der Abrüstung
       übergehend, wurde  erklärt, in  den letzten Jahren sei kein Fort-
       schritt auf dem Wege zu einer wirklichen weltweiten Abrüstung ge-
       macht worden.  Der wiederholte  Ausbruch lokaler  Kriege, die oft
       als solche  außerordentlichen Schaden  bewirkt haben, ist hier zu
       einer ernsten  Komplikation geworden.  Sie haben außerdem die in-
       ternationale Spannung  verschärft, internationale Sicherheitsver-
       einbarungen geschwächt und machen dadurch Abrüstungsverhandlungen
       sehr viel  schwieriger. Ein  zusätzlicher ernstlich erschwerender
       Faktor besteht darin, daß die militärische Forschung ständig wei-
       ter zur  Entwicklung neuer oder erheblich verbesserter Waffen und
       Waffensysteme führt.  Diese neuen  Waffen beschleunigen  den  Rü-
       stungswettlauf und  erschweren ernstlich  die  Suche  nach  Abrü-
       stungsvereinbarungen und  die  Verhandlungen  über  entsprechende
       Maßnahmen.
       Es wurde  festgestellt, daß  ein Vertrag über das Verbot weiterer
       Forschung auf  dem Gebiet  der Massenvernichtungsmittel  genauere
       Untersuchung verdient, selbst wenn die Probleme, die sich im Hin-
       blick auf entsprechende Verhandlungen und auf die Überwachung ei-
       nes solchen  Vertrages ergeben,  erschreckend groß zu sein schei-
       nen.
       Vor allem  ist es wichtig, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen,
       um eine  weitere Militarisierung  der Ozeane und des Weltraums zu
       verhindern. Die Internationalisierung des Meeresgrundes nebst dem
       Verbot jeglicher militärischen Nutzung ist eine interessante Mög-
       lichkeit. Ein  spezifischer Vorschlag  war, unter  dem Schutz der
       Vereinten Nationen  ein akustisches  Detektorsystem zu installie-
       ren, das  eine weltweite  Überwachung aller  zum Abschuß atomarer
       Waffen geeigneten Unterseeboote gestatten würde.
       Entwicklung und  Gebrauch neuer und gefährlicherer chemischer und
       biologischer Waffen stellen eines der Hauptprobleme der kommenden
       Jahre dar.  Wissenschaftliche und technische Analysen dieser Waf-
       fen können  die öffentliche  Aufmerksamkeit in stärkerem Maße auf
       die ihnen innewohnenden Gefahren lenken.
       Außerordentlich wichtig  ist es, daß sich alle Nationen strikt an
       das Genfer  Protokoll von  1925 halten,  das von der UNO im Jahre
       1966 einstimmig bekräftigt worden ist. Wir appellieren deshalb an
       alle Nationen, in jedem zwischen ihnen entstehenden Konflikt jeg-
       lichen Gebrauch  chemischer und  biologischer Waffen zu unterlas-
       sen. Wir  fordern außerdem entscheidende Anstrengungen zur Errei-
       chung eines  formellen Vertrages,  der von  allen Nationen unter-
       zeichnet werden  muß und der sowohl den Gebrauch aller chemischen
       und biologischen Waffen als auch ihre Weitergabe an andere Natio-
       nen untersagt.
       
       Verhütung und Lösung von Konflikten
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       Die sich mit diesem Thema befassenden Arbeitsgruppen kamen zu den
       folgenden  Schlußfolgerungen:  Internationale  Konflikte,  selbst
       wenn sie  nur lokalen  Charakter haben,  werden ausgeweitet durch
       die scharfe  Teilung der  Welt in militärische Blöcke, was zu der
       Gefahr einer  weltweiten Eskalation  von Konflikten  führt,  wenn
       diese Blöcke  in sie verwickelt werden. Es wird daher immer wich-
       tiger, existierende  Konflikte zu beenden und Methoden zu finden,
       um den  Ausbruch neuer Konflikte zu verhindern. Selbst die De-Es-
       kalation existierender  Konflikte stellt einen Schritt zur Schaf-
       fung einer besseren Atmosphäre in den internationalen Beziehungen
       dar. Die  UNO sollte  alle Nationen umfassen; in zunehmendem Maße
       muß ihr  die Rolle übertragen werden, internationale Konflikte zu
       lösen und zu verhüten.
       Insbesondere in Europa sollten alle bestehenden Grenzen anerkannt
       werden. Für  die europäische  Sicherheit wäre es förderlich, wenn
       alle Staaten  die Deutsche Demokratische Republik in ihren gegen-
       wärtigen Grenzen  anerkennen würden und wenn beide deutsche Staa-
       ten zu den Vereinten Nationen zugelassen würden - dies alles ohne
       Vorentscheidung bezüglich  der Möglichkeit ihrer zukünftigen Wie-
       dervereinigung. Rüstung  und Wehretats  beider deutscher  Staaten
       sollten wesentlich  reduziert werden.  Alle europäischen  Staaten
       sollten einen  Vertrag unterzeichnen,  der Gewaltanwendung in den
       internationalen Beziehungen verbietet, sie sollten ferner ein In-
       strumentarium zur Beilegung von Streitigkeiten schaffen. Es liegt
       im Interesse  der europäischen  Sicherheit, daß alle europäischen
       Staaten einschließlich beider deutscher Staaten, sobald der Atom-
       waffensperrvertrag vereinbart worden ist, diesen unterzeichnen.
       Die gegenwärtig  in Vietnam,  im Nahen Osten und in Afrika andau-
       ernden Konflikte  verursachen furchtbares Leid und können sich in
       jedem Augenblick  zu einem  weltweiten thermonuklearen Krieg aus-
       weiten.
       Was Vietnam anbetrifft, so ist es notwendig,
       a) daß die  Bombardierung Nordvietnams  sofort und ohne Vorbedin-
       gungen eingestellt wird;
       b) daß nach  dieser Einstellung  unverzüglich  Verhandlungen  für
       eine friedliche Lösung beginnen;
       c) daß im  weiteren Verlauf  eine Konferenz anberaumt wird, um in
       Südostasien in  seiner Gesamtheit  einen stabilen  Frieden herzu-
       stellen.
       Der Konflikt  im Mittleren Osten war Gegenstand einer langen Dis-
       kussion, es  wurde jedoch  keine allgemeine  Übereinstimmung  er-
       reicht.
       Im südlichen  Teil des  afrikanischen Kontinents ist die Entwick-
       lung zu  nationaler Unabhängigkeit und demokratischer Regierungs-
       form aufgehalten worden und ist sogar rückläufig. Während bei den
       Vereinten Nationen der Ruf nach Aktion aus verständlichen Gründen
       immer leidenschaftlicher  wird, gibt  es kein  Anzeichen für  ein
       wirksames Eingreifen  der UNO, nicht einmal für die volle Ausfüh-
       rung von  UNO-Resolutionen. Alle  Großmächte  sollten  wesentlich
       mehr dafür  tun, die  Prinzipien der  UNO in Afrika zu verwirkli-
       chen.
       Große Betroffenheit wurde über die tragischen Ereignisse in Nige-
       ria zum  Ausdruck gebracht,  die bereits Tausende von Todesopfern
       gefordert und Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht haben.
       
       Internationale wissenschaftliche Projekte
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       In der  Diskussion über internationale wissenschaftliche Projekte
       wurde dem früheren Pugwash-Vorschlag besondere Aufmerksamkeit ge-
       widmet, eine  Internationale Wissenschafts-Stiftung zu errichten.
       Dies würde jungen Wissenschaftlern in den Entwicklungsländern die
       Durchführung von  Forschungsprogrammen ermöglichen,  für die ihre
       Länder nicht die erforderlichen Mittel bereitstellen können. Eine
       solche Stiftung  würde dazu  beitragen, den  Verlust  an  Wissen-
       schaftlern zu  reduzieren, den  Länder zu  verzeichnen haben, für
       die die  Erhaltung ihres wissenschaftlich ausgebildeten Nachwuch-
       ses von vitaler Bedeutung ist.
       Eine geeignete  Organisation der UNO sollte die Schaffung der In-
       ternationalen Wissenschafts-Stiftung  auf ihre  Durchführung prü-
       fen.
       Bei der  Erörterung der Fortschritte des Internationalen Biologi-
       schen Programms  wurde die  Aufmerksamkeit auf  die Tatsache  ge-
       lenkt, daß  in den  reicheren Ländern  ein  befriedigender  Fort-
       schritt erzielt  werden konnte, daß es jedoch in den ärmeren Län-
       dern hauptsächlich  aufgrund fehlender Mittel nicht gelungen ist,
       das Programm zu entwickeln. Dennoch ist für diese Länder die Ver-
       wirklichung des  Programms besonders  wichtig, und es müssen Wege
       gefunden werden, die notwendige Unterstützung zu erreichen.
       Bedeutende Fortschritte  in  der  internationalen  Zusammenarbeit
       sind auf  den Gebieten  der  Weltraumforschung,  der  Entwicklung
       weltweiter Nachrichtenverbindung durch den Einsatz von Satelliten
       und in  der Planung  eines globalen Programms der Atmosphärenfor-
       schung gemacht  worden. Es  wurde empfohlen,  das Meteorologische
       Programm über eine Organisation zur Zusammenarbeit mehrerer auto-
       nomer Zentren  zu entwickeln,  von denen  eins auf  der südlichen
       Halbkugel liegen sollte.
       Frühere Empfehlungen wurden bekräftigt; sie befürworten Maßnahmen
       zur Erleichterung des Reisens von Wissenschaftlern zu internatio-
       nalen Konferenzen und zur Verbesserung der Möglichkeiten für Wis-
       senschaftler, zeitweilig in anderen Ländern zu arbeiten.
       
       Entwicklung, Bildung und Technologie
       ------------------------------------
       
       Das Welternährungsproblem  wurde diskutiert. Über ein Fünftel der
       Bevölkerung in den ärmeren Ländern der Erde lebt nahe dem Hunger-
       tode, weit  unter dem  Minimum ihrer physiologischen Bedürfnisse.
       Eine Beschränkung  des Bevölkerungszuwachses ist von wesentlicher
       Bedeutung, wird aber kurzfristig nur wenig Abhilfe schaffen. Wenn
       ein Unglück vermieden werden soll, dann muß sofort gehandelt wer-
       den, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu steigern, vor allem
       durch eine  Verbesserung der  Ernteerträge. Relativ wenig ist be-
       kannt über die Produktion wichtiger Nahrungsmittel in den Tropen.
       Das Problem  besteht nicht einfach in der Übertragung der Techno-
       logie; es  ist in  sich auch nicht ausschließlich technologischer
       Natur, da religiöse, wirtschaftliche und soziale Faktoren berück-
       sichtigt werden müssen.
       Eng mit dem Problem gesteigerter Nahrungsmittelversorgung ist das
       einer schnellen wirtschaftlichen Entwicklung verbunden. Hier kön-
       nen die  entwickelten Nationen in großem Umfang helfen, indem sie
       multilaterale und  bilaterale Verfahren  technischer Hilfe kombi-
       nieren. Es sollten auch Methoden untersucht werden, wie die Über-
       tragung der Technologie industrieller Unternehmen in entwickelten
       Ländern auf  ähnliche Organisationsformen  in Entwicklungsländern
       erleichtert werden  kann. Eine  enge Zusammenarbeit zwischen Wis-
       senschaftlern aus  entwickelten und  Entwicklungsländern ist  die
       Voraussetzung für den Erfolg all dieser Programme.
       Ein Beispiel  für ein praktikables und potentiell überaus nützli-
       ches technisches  Projekt ist  die Schaffung  komplexer landwirt-
       schaftlich-industrieller Energieversorgungszentren in küstennahen
       Wüsten oder  fruchtbaren Halbwüsten. Diese könnten in beispiello-
       ser Weise  die regionale  Nahrungsmittelversorgung fördern und zu
       einem Durchbruch  zur Industrialisierung  werden. Sie wurden, ba-
       sierend auf  einem umfassenden  System von Atomreaktoren, billige
       Wärmeenergie und  elektrischen Strom für die Wasserentsalzung und
       die Düngemittelproduktion liefern. Die Wirtschaft ganzer Regionen
       könnte durch große Projekte dieser Art völlig verändert werden.
       Die Versorgung  mit Wissenschaftlern  und  Technikern  entspricht
       kaum den Bedürfnissen. Außerdem findet in großem Maßstab eine Ab-
       wanderung von Wissenschaftlern, Technikern und Physikern aus Ent-
       wicklungsländern in entwickelte Länder statt. Formen legaler Kon-
       trolle oder Einschränkung dieser Abwanderung sind denkbar, wurden
       jedoch allgemein  für unzulässig  gehalten. Bei den Entwicklungs-
       ländern liegt die Verantwortung, die Quote ausgebildeter Arbeits-
       kräfte näher an die Bedürfnisse örtlicher und regionaler Entwick-
       lung heranzuführen  und attraktive  Arbeitsbedingungen  für  ihre
       Wissenschaftler und  Techniker zu schaffen. Die entwickelten Län-
       der sollten  sich bemühen,  mehr Wissenschaftler auszubilden, als
       sie selbst  brauchen, damit einige für die Arbeit in anderen Tei-
       len der Welt verfügbar sind.
       Eine mögliche Sofortmaßnahme, um die Zahl der Wissenschaftler und
       Techniker in  Entwicklungsländern  zu  erhöhen,  besteht  in  der
       Schaffung eines breit angelegten Stipendierungsprogramms für Stu-
       denten aus  diesen Ländern, die in entwickelten Ländern ausgebil-
       det werden und am Ende wieder für die Bewältigung der technischen
       und anderer Aufgaben in ihren Heimatländern zur Verfügung stehen.
       Weitere Empfehlungen  betreffen Hilfsmaßnahmen  für die weltweite
       technologische Entwicklung eine Studie über die Anwendung techno-
       logischer Erkenntnisse  (Nachrichtenverbindung  über  Satelliten,
       neue Methoden, Hilfsmittel usw.) auf das Bildungswesen; sowie die
       Unterstützung von  Entwicklungsländern bei  der  Einrichtung  gut
       ausgerüsteter internationaler Forschungszentren.
       
       Die soziale Verantwortung des Wissenschaftlers
       ----------------------------------------------
       und die Zukunft der Pugwash-Bewegung
       ------------------------------------
       
       Angesichts der verhängnisvollen Konflikte der Gegenwart und ange-
       sichts der  vielen langfristigen  Probleme, vor denen die Mensch-
       heit steht,  müssen die  Wissenschaftler ihre  Anstrengungen ver-
       stärken, um  zur Schaffung  einer friedlichen  und in  steigendem
       Maße prosperierenden  Welt beizutragen.  Viele der  Gefahren, die
       die Menschheit  bedrohen, hängen  mit dem Fortschritt der Wissen-
       schaft zusammen,  und ihre  Abwendung hängt  ganz entscheidend ab
       von einer  konstruktiven Anwendung  von Wissenschaft und Technik.
       In dieser Situation bedeutet es ein Ausweichen vor der Verantwor-
       tung, wenn  sich Wissenschaftler selbstgefällig in ihre Laborato-
       rien zurückziehen  und sich gegenüber den Auswirkungen ihrer Ent-
       deckungen und gegenüber dem Schicksal der Menschheit gleichgültig
       verhalten.
       Die Wissenschaftler  der Pugwash-Bewegung nehmen diese Verantwor-
       tung auf sich. Auf dieser 17. Konferenz sind die Teilnehmer über-
       eingekommen, die Aktivitäten der Pugwash-Bewegung auszudehnen und
       mehr Wissenschaftler  und Techniker, insbesondere solche der jün-
       geren Generation,  in ihre  Arbeit einzubeziehen.  Zusätzlich zur
       jährlichen Generalversammlung ist die Veranstaltung von Symposien
       geplant, die  dem gründlicheren  Studium so  schwieriger Probleme
       wie denen  der Abrüstung,  der Lebenserziehung  im Zeitalter  der
       Wissenschaft und der technologischen Entwicklung der unterentwic-
       kelten Teile der Welt dienen sollen.
       
       Ronneby/Schweden, 3.-8. September 1967
       

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