Quelle: Blätter 1968 Heft 04 (April)


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       Die politische Satire
       
       GENOSSE TREND (BERLIN) SPRICHT
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       Genossinnen und  Gen... (Buhrufe vom Präsidiumstisch) ... eh, hm,
       ... Parteifreunde  und Parteifreundinnen!  Meine Herren Minister!
       Wir Sozialdemokr...  (Unruhe, erregte Zurufe vom Präsidiumstisch:
       "Linker Spinner!  Koalitionsspalter!!") ...  eh ...  wir SPD-Mit-
       glieder  und  Träger  der  Regierungsmitverantwortung  ...  (fre-
       netischer Beifall)  sind stets eine Partei gewesen (Beifall) ...,
       die sowohl  einerseits als  auch andererseits! Und das ist es ja,
       was uns  so stark  gemacht hat!  (Aufbrausender Beifall des Herrn
       Gen. Minister Wehner) Das sollen sich die Herren Ristock und Beck
       einmal hinter  ihre ungeschnittenen  Ohren  schreiben,  wenn  sie
       meinen, in  unserer traditionsreichen  Partei sei  noch Platz für
       eine Gesinnung  ... (lebhafter  Beifall) ...  wie die  ihre.  Das
       kommt doch  aus ganz dunklen Kanälen, wie der Herr Genosse Franke
       vorhin so richtig ausführte (Applaus von den Hinterbänken).
       Einerseits-andererseits, das  ist der  Standpunkt, an dem wir mit
       Beharrlichkeit und  Gelassenheit festhalten. Natürlich ist unsere
       Partei, gerade  dieser Kompromißlosigkeit  wegen,  oft  Angriffen
       ausgesetzt. So  hat vor  genau 40  Jahren ein  gewisser Tucholsky
       (Unruhe im  Saal) - da brauchen Sie gar nicht so hämisch zu grin-
       sen, meine  Herren aus  Südhessen -  (Beifall) ...  ein  gewisser
       Tucholsky gesagt,  und damit  hat er die SPD gemeint: "Skatbrüder
       sind wir,  die den Marx gelesen!" (Gen. Olaf Radke lacht laut und
       wird durch  die Polizei  entfernt) Selbstverständlich spielen wir
       SPD-Mitglieder gern  mal einen  zünftigen Skat,  aber wir  tun es
       stolz und bewußt! (Das Fernsehen beginnt zu drehen) Wenn wir Skat
       spielen,  so   tun  wir   das  auch  für  unsere  Skatbrüder  und
       -schwestern im  anderen Teil  Deutschlands!!! (Begeisterung,  Zu-
       rufe: "Re!  Bock! Contra!!) Dennoch müssen wir uns gegen den sau-
       beren Herrn  Tucholsky verwahren:  wer ist denn eigentlich dieser
       Marx... (Kopfschütteln,  Papierrascheln im  Saal) ... den wir an-
       geblich gelesen  haben sollen?  (Ratlosigkeit, Herr Gen. Minister
       Wehner: "Da war doch mal so etwas...??")
       Zu den  Sachfragen: Vietnam?  Das ist ein weites Feld. Einerseits
       sind wir  gegen jeden Krieg, also auch gegen diesen; andererseits
       hat es  schon immer  Kriege gegeben,  und daran  werden auch  wir
       nichts ändern  können. (Beifall) Notstand? Schon einmal haben wir
       SPD-Mitglieder einen verhängnisvollen Fehler gemacht, bei der Ab-
       lehnung des  sog. Ermächtigungsgesetzes; die Folge: von einem so-
       zialdemokratischen Einfluß,  geschweige denn von einer Mitverant-
       wortung war  in den  nächsten 12  Jahren nicht mehr zu reden. Das
       wird uns  nicht noch  einmal passieren!  (Beifall) Mitbestimmung?
       Einerseits - in der Theorie -  natürlich Ja; andererseits: lassen
       Sie uns  mit Herrn  Gen. Prof. Schiller die Sache in großen Zügen
       sehen! Warum  so kleinlich  Mitbestimmung im  Betrieb,  wenn  wir
       schon Mitverantwortung  auf der  soviel  höheren  Regierungsebene
       tragen? Oder-Neiße?  Das wollen wir einerseits akzeptieren, ande-
       rerseits aber  nicht (Beifall)... müssen jedoch auf einer genauen
       Formulierung bestehen!  Es ist  doch ein  großer Unterschied,  ob
       "Oder-Neiße" oder "Oder oder Neiße"! (Starker Beifall)
       Öffnung nach  links? Es  war doch  schließlich Herr  Gen. Senator
       Neubauer, der die Politik "Laßt 100 Veilchen blühen!" durch seine
       Polizei bei  uns zum Begriff machte. Und - soweit geht unser Ein-
       fluß -  es gibt jetzt Namensschilder für Polizisten (Buh-Rufe von
       der Polizei-Gewerkschaft) ... in Prag (Beifall). Laßt uns deshalb
       weiter einerseits  neue Wege  suchen, andererseits  diese keines-
       falls beschreiten! Wollt Ihr den totalen Mief? (Plenum: "Jaaa!!")
       
       Dietrich Kittner
       
       

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