Quelle: Blätter 1968 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ZUM NS-EINFLUSS IN STAAT UND GESELLSCHAFT DER BRD
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       (AUSZÜGE AUS EINER PERSONALDOKUMENTATION)
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       Walter   B a r g a t z k y,   1910 geboren,  heute Präsident  des
       Deutschen Roten Kreuzes, tat sich im Dritten Reich als faschisti-
       scher Buchautor  und Nazi-Verwaltungsjurist hervor. Der NSDAP und
       dem  NS-Rechtswahrerbund  angehörend,  arbeitete  er  1937-39  im
       Reichsinnenministerium Nazigesetze mit aus (Ausländerstrafrecht).
       Während der  Besetzung Frankreichs 1940-44 schuf er als "Referent
       für völkerrechtliche  Fragen" beim  deutschen Militärbefehlshaber
       in Frankreich  die Grundlagen für die Entrechtung und Vernichtung
       der französischen  Juden mit. Seine Aufgaben im Bonner Innenmini-
       sterium (1954-62) weisen merkwürdige Parallelen zu denen im Drit-
       ten Reich  auf. Als Leiter der Abteilung "Öffentliche Sicherheit"
       hatte er  den Verfassungsschutz  unter sich,  bereitete die  Not-
       standsgesetzgebung vor, und als Leiter der Abteilung "Ziviler Be-
       völkerungsschutz" schuf  er die sogenannten "einfachen Notstands-
       gesetze" mit.  Er ist  auch der  Verfasser einer verlogenen Atom-
       schutz-Broschüre mit  dem Titel  "Jeder hat eine Chance", mit der
       alle bundesdeutschen  Haushaltungen beglückt  wurden. 1963-66 war
       Bargatzky -  trotz Protestes der Ärzteschaft gegen den Nichtfach-
       mann-Staatssekretär im  Bundesgesundheitsministerium. Nach seiner
       Pensionierung als  Beamter wurde  er im  Juli 1967  Präsident des
       Deutschen Roten  Kreuzes. Die Tatsache, daß das DRK in großem Um-
       fang NS-Kriegsverbrechern  Warnungen zugehen  ließ, denen im Aus-
       land Verhaftung  droht, kann  bei diesem Vorleben des Chefs - der
       übrigens gewählt wird - nicht mehr besonders verwundern.
       Dr. Günter   D i e h l,  Staatssekretär, Pressechef der Bundesre-
       gierung, wegen  verfassungswidriger Einflußnahme  auf die  Presse
       von der  FDP und  SPD in  letzter Zeit angegriffen, 1916 geboren,
       war während des ganzen Krieges mit Propagandaaufgaben beim NS-Au-
       ßenministerium beschäftigt. Nach der Eroberung Belgiens versah er
       Propagandaaufgaben in  Brüssel und  leitete später  von der Stadt
       Vichy aus (sein Sitz hierfür: die dortige Zweigstelle der NS-Bot-
       schaft in  Paris) die  gesamte NS-Rundfunkpropaganda im besetzten
       Frankreich. Seine  Aufgabe war es, durch Lügen über den Äther die
       französische Widerstandsbewegung  zu verwirren  und zu zersetzen;
       außerdem wurde  über die von Diehl angeleiteten Sender der Terror
       des NS-Regimes  im besetzten Frankreich mit Vorwänden gerechtfer-
       tigt. Der  NSDAP war  Diehl im  Jahr 1938 beigetreten. Zeitweilig
       war Diehl auch unmittelbar in Berlin im Ribbentropministerium zu-
       sammen mit  dem damaligen  NS-Propagandisten K.G.  Kiesinger  be-
       schäftigt. Im  Jahr 1944  (alliierte Invasion) betreute Diehl als
       Diplomat in  Neustadt/Weinstr. französische  Faschisten,  die  es
       vorgezogen hatten,  ihr Land  zu verlassen, darunter auch den Fa-
       schistenführer Doriot,  der nach  1945 in Frankreich hingerichtet
       wurde. Nach  dem Krieg wurde Diehl von dem Verleger Axel Springer
       als Redakteur für das "Hamburger Abendblatt" beschäftigt. Im Jahr
       1950 baute  er zusammen  mit dem  früheren NS-Propagandisten  Dr.
       Hans Schirmer, mit dem früheren NS-Diplomaten Herbert Blankenhorn
       (beide Reichsaußenministerium)  und mit  dem früheren NS-Juristen
       Dr. Hans Globke (Reichsinnenministerium) das Bonner Bundespresse-
       amt auf.  Diehl wurde  1952 Adenauers  Berater für  Außenpolitik.
       Nach Tätigkeit  als Diplomat (Chile) und als Leiter der Auslands-
       abteilung des  Bundespresseamts (Ministerialdirigent) wurde Diehl
       im Mai  1966 Leiter  des "Planungsstabes" im Bonner Außenministe-
       rium. Dieser  Planungsstab konzipierte  unter anderem  die  soge-
       nannte "neue  Ostpolitik", die  Adenauers primitive  "Politik der
       Stärke" durch  ein Bündel  wirtschaftlicher, psychologischer  und
       propagandistischer Maßnahmen ersetzt, jedoch nach wie vor auf die
       Wiederausdehnung des  kapitalistischen Systems  auf Osteuropa ge-
       richtet ist.  Seine jetzige Funktion als Bundespressechef beklei-
       det Diehl  seit November 1967. Diehls Vorgänger auf diesem höchst
       einflußreichen Posten  hatten dem  Naziregime ebenfalls  wichtige
       Dienste geleistet:  Felix v.  Eckardt  (Pressechef  1952-62)  als
       Drehbuchautor  faschistischer  Hetzfilme,  Karl-Günther  v.  Hase
       (Pressechef 1962-67)  als Offizier  im Generalstab  der Naziwehr-
       macht und  als fanatischer  Durchhalte-Offizier im Raum Schneide-
       mühl (1945). Das Presseamt der Bundesregierung stellt einen mäch-
       tigen Apparat  mit etwa  700 Beschäftigten  zur Beeinflussung der
       öffentlichen Meinungsbildung und zur politischen Agitation dar.
       Volkmar   H o p f   (62), Präsident  des Bundesrechnungshofes  in
       Frankfurt/M., ist  ein aktiver NS-Jurist gewesen. Als Beigeordne-
       ter im Deutschen Städtetag und als Gesetzeskommentator nahm er im
       Jahr 1933  Einfluß auf die Liquidierung der Provinziallandtage in
       Preußen, die  damals durch  faschistisch gelenkte  Provinzialaus-
       schüsse ersetzt  wurden. Parteigenosse  Hopf (seit  1934)  machte
       sich in  den ersten Jahren des Hitlerregimes auch als offizieller
       Kommentator von  NS-Gesetzes einen Namen, nach denen z.B. Gemein-
       debeamte in  Preußen  von  1933  an  bei  ihrer  Anstellung  ihre
       "arische Abstammung"  nachzuweisen hatten  und im Fall der Heirat
       durch Urkunden  belegen mußten, daß die Braut nicht jüdischer Ab-
       kunft ist.  Als Landrat  im Landkreis  Franzburg-Barth  (Pommern)
       ließ sich  Hopf ab 1935 die Veröffentlichungen der Gemeinden vor-
       her vorlegen und sandte sie der NSDAP und dem Reichspropagandami-
       nisterium zur  Zensur ein. Von diesem Posten aus ließ er auch po-
       litisch unliebsame  Menschen in  das KZ  Sachsenhausen einweisen.
       Landrat Hopf bemühte sich auch intensiv um die nazistische Erzie-
       hung der  Jugend, ordnete  Geldsammlungen für die Hitlerjugend an
       und schaltete  die  bestehenden  Jugendorganisationen  in  seinem
       Kreis durch entsprechende Verfügungen aus.
       Nach der  Annexion der Tschechoslowakei wurde Hopf im Sommer 1939
       durch den Hitlerstellvertreter Heß zum Kreishauptmann in Zlin er-
       nannt, wo  er u.a.  Maßnahmen gegen  die Flucht tschechischer NS-
       Gegner ergriff, die über die Slowakei nach Ungarn emigrierten. Am
       Krieg nahm Hopf später als Staffelkapitän in der Luftwaffe teil.
       Nach dem Zusammenbruch führte Hopfs Weg - wie bei den meisten Na-
       zis -  über die  Industrie (Syndikus eines Unternehmerverbandes).
       Im Jahr  1951 findet man ihn bereits im Bundesinnenministerium in
       Bonn, wo  er bis zum Ministerialdirektor aufstieg. 1955 wechselte
       er ins Bundesverteidigungsministerium über. Hier wurde er Staats-
       sekretär und  vollzog 1962 zusammen mit seinem Minister Franz-Jo-
       sef Strauß unter Bruch der Verfassung die berüchtigte SPIEGEL-Ak-
       tion wegen  angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen - in Wirk-
       lichkeit eine Terrormaßnahme gegen eine unerwünschte Zeitschrift.
       Seitdem Hopf  Präsident des  Bundesrechnungshofes ist (1964), un-
       terliegen die gesamten Staatsausgaben auf Bundesebene (etwa 70-80
       Milliarden Mark  jährlich) einschließlich  des Rüstungsetats  und
       der berüchtigten  düsteren Geheimfonds  für  Regierungspropaganda
       der nachträglichen  Kontrolle dieses  Faschisten. Als  für diesen
       Posten nach  einem geeigneten Beamten gesucht wurde, zog die Bun-
       desregierung noch  zwei weitere ehemalige NS-Beamte in die nähere
       Wahl: Präsident  Oeftering von der Bundesbahn und Präsident Bles-
       sing von  der Bundesbank,  die aber dann auf ihren bisherigen Po-
       sten, die  sie beide seit 1957 bis heute bekleiden, belassen wur-
       den.
       Man überlege einmal die Wirkung, die auf die "freiheitliche Demo-
       kratie" in der Bundesrepublik ausgehen muß infolge des Umstandes,
       daß das  seit seinem Bestehen von aktiven Dienern des Naziregimes
       geleitete Bundespresseamt über die Verwendung seiner Finanzmittel
       nur dem  Bundesrechnungshof gegenüber rechenschaftspflichtig ist,
       der nunmehr  ebenfalls von einem "Kameraden" geleitet wird. Dabei
       ist wichtig,  daß gewisse einflußreiche Journalisten, Kommentato-
       ren, Verlage  usw. heimlich  Honorare vom Bundespresseamt gezahlt
       bekommen und  deren Informanten  auch: die Öffentlichkeit erfährt
       von jenem  Dschungel geistiger  Korruption durch Schmiergelder so
       gut wie nichts. Die Ex-Nazis halten jedenfalls auf dem Gebiet der
       Meinungsmanipulation und  Nachrichtenunterdrückung die  Fäden  in
       der Hand.
       Prof. Dr.  Karl  H o l z a m e r  (62), der heutige Intendant des
       Zweiten Deutschen  Fernsehens (ZDF),  studierte  Psychologie  und
       wurde im  Jahr 1933  "Sachbearbeiter für  religiöse Morgenfeiern"
       beim Reichssender Köln. Im Kriege betätigte er sich als Oberleut-
       nant in einer sogenannten Propagandakompanie der NS-Luftwaffe als
       Rundfunk-Kriegsberichter.  So   erschien  er   im  Juni  1944  in
       Frankreich im  Auftrag des OKW, um beim Abschuß der ersten V1-Ra-
       keten auf  London von  einem erhöhten  Beobachtungsstand aus  mit
       entsprechendem Pathos über den Einsatz der neuen Vernichtungsmit-
       tel (vgl.  DIE BRAUNE SPUR 3/1968, S. 11 f.) zu berichten und de-
       ren Getöse  als besonderes "Erlebnis für die Heimat" den Volksge-
       nossen zu  Gehör zu  bringen. Der NS-Rundfunk übertrug seine Ton-
       bänder in entsprechenden Propaganda-Dauersendungen, um das eigene
       Volk mit  dem Wunderwaffen-Gefasel über die bevorstehende Nieder-
       lage und  über den Rückzug an sämtlichen Fronten hinwegzutäuschen
       und sinnlos weiter in Kampfbereitschaft zu halten. Vor seiner Tä-
       tigkeit beim  Zweiten Deutschen  Fernsehen war  Holzamer bis 1960
       Vorsitzender des Rundfunkrates beim Südwestfunk (Baden-Baden) und
       früher auch Direktor des "Studienbüros für Jugendfragen" (Bonn).
       Dr. Kurt   L o t z   ist  seit Mai 1968 Vorstandsvorsitzender der
       Volkswagenwerke und  damit Chef des größten westdeutschen Automo-
       bilkonzerns. Lotz,  1912 geboren,  absolvierte im  Dritten  Reich
       freiwillig eine  Polizeiausbildung (1943:  Leutnant), bewarb sich
       mit Erfolg als Generalstabsoffizier bei der NS-Wehrmacht und fun-
       gierte als  Verbindungsmann zwischen  der  Rüstungsabteilung  der
       Luftwaffe (Göring)  und dem Rüstungsministerium (Speer). Nach dem
       Krieg machte er in der deutschen Tochterfirma BBD (Sitz Mannheim)
       des schweizerischen  Elektrokonzerns Brown,  Boveri &  Cie.  eine
       steile Karriere.  Im Jahr 1967 wechselte er wegen Differenzen mit
       der schweizerischen Konzernleitung zu VW über.
       Prof. Dr.  Boris   M e i s s n e r,  Präsident des "Göttinger Ar-
       beitskreises", eines  "wissenschaftlichen" Gremiums  für  Völker-
       kunde mit  Stoßrichtung Osten. Er bekleidet noch viele andere Po-
       sten und  gehört zu den Oststrategen, die das Bundesaußenministe-
       rium in  Bonn beraten.  Dieser Professor  ließ sich  nicht nur an
       Universitäten ausbilden,  sondern auch  bei der  obersten SA-Füh-
       rung. Er  führte im Krieg faschistische estnische Verbände an und
       half  so   deutschen  Lebensraum   gewinnen.  Es   trug  ihm  die
       "Tapferkeitsmedaille für  Ostvölker" ein. Schon in Zeiten der Il-
       legalität war  dieser "Völkerkundler" für die Faschisten Estlands
       als Kreisamtsleiter tätig gewesen.
       Friedrich  R u g e,  Präsident des "Verbandes der Reservisten der
       Bundeswehr" (Bonn) und Präsident des "Arbeitskreises für Wehrfor-
       schung" (Stuttgart), war auch vier Jahre lang Inspekteur der Bun-
       desmarine. Er  war Vizeadmiral in der NS-Marine. Außerdem gehörte
       er der "Seekriegsführung" an und ist so mitverantwortlich für die
       fortgesetzten Verletzungen  der internationalen Abkommen über die
       Seekriegsführung seitens  der NS-Marine  wie z.B.  Versenkung von
       Rettungsschiffen des Gegners.
       Prof. Peter-Heinz   S e r a p h i m,  Präsident der "Verwaltungs-
       und Wirtschaftsakademie"  (Bochum). Im Dritten Reich betätigte er
       sich laufend  antisemitisch, z.B. als Korrespondierendes Mitglied
       des "Instituts  zur Erforschung  der Judenfrage"  (1941) und  als
       Verfasser des  Buches  "Das  Judentum  im  osteuropäischen  Raum"
       (1938), in  dem es  heißt, die Deutschen hätten sich zum rassisch
       bestimmten Antisemitismus  hingewendet, während den Polen und Ru-
       mänen bisher  eine Weltanschauung  fehle, die "den Juden als ras-
       sisch bestimmte  Gruppe faßt" und behandelt, was ein entscheiden-
       der Mangel  sei. Seraphim lieh dem Verbrecherregime aber auch als
       Chefredakteur der  judenfeindlichen Hetzschrift "Weltkampf" seine
       Dienste.
       Heinz   W i c h m a n n,   Präsident der  Bundeswehrverwaltung in
       Schleswig-Holstein (= Wehrbereich I); er leitete außerdem in Bonn
       im Bundesverteidigungsministerium  die Rechtsabteilung und vorher
       die Personalabteilung.  Im Dritten  Reich war  er der persönliche
       Referent des "Reichskommissars Ostland", d.h. des Gauleiters Hin-
       rich Lohse  (Sitz in  Riga/Lettland). Durch  seine Hände  ging in
       großem Umfang  der Schriftverkehr dieses abgeurteilten Kriegsver-
       brechers, wozu beispielsweise auch die "Erfolgsberichte" über Ju-
       denmaßnahmen in  den vier  Generalkommissariaten gehörten, welche
       Lohse kraft  seiner Stellung unterstanden. In Riga wurden die Ju-
       den von den Nazis erst in einem Getto zusammengefaßt, zur Zwangs-
       arbeit eingesetzt,  dann deportiert,  um schließlich  die  leeren
       Wohnstätten mit aus Deutschland nach Lettland abgeschobenen Juden
       belegen zu  können. Das  Reichskommissariat Ostland fungierte als
       Zivilverwaltung und hat erheblichen Anteil daran, daß dem Gaulei-
       ter Lohse Ende 1941 über seinen Adlatus, Parteigenossen Wichmann,
       gemeldet werden  konnte, in Lettland sei nunmehr das gesamte fla-
       che Land "judenfrei".
       
       Aus dem  Informationsdienst "Die  braune Spur", herausgegeben von
       Wolfgang Koppel, Karlsruhe
       

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