Quelle: Blätter 1969 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       REFERAT VON PROF. DR. HOFMANN ANLÄSSLICH DER GRÜNDUNG
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       DER PARTEI "AKTION DEMOKRATISCHER FORTSCHRITT" (ADF)
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       AM 7. DEZEMBER 1968 IN FRANKFURT/MAIN
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       Wir sind  zusammengetreten, um unsere Absichtserklärung von Dort-
       mund einzulösen und aus den Kräften des Aktionsbündnisses für de-
       mokratischen Fortschritt  eine politische  Partei zu gründen. Wir
       sagen damit den herrschenden Gewalten nicht nur im sozialen, son-
       dern auch im politischen Raum und auf der Ebene der parlamentari-
       schen Willensbildung  den Kampf an. Wir schaffen eine Partei, die
       allen Anforderungen  des Parteiengesetzes sowie des Bundeswahlge-
       setzes genügt.
       Ja, wir  dürfen für  uns in  Anspruch nehmen, daß wir in Wahrheit
       jene Aufgaben erfüllen werden, die das Parteiengesetz von 1967 so
       formuliert:
       "Die Parteien  wirken an  der Bildung des politischen Willens des
       Volkes auf  allen Gebieten des öffentlichen Lebens mit, indem sie
       insbesondere auf  die Gestaltung der öffentlichen Meinung Einfluß
       nehmen, die  politische Bildung anregen und vertiefen, die aktive
       Teilnahme der  Bürger am politischen Leben fördern, zur Übernahme
       öffentlicher Verantwortung  befähigte  Bürger  heranbilden,  sich
       durch Aufstellung  von Bewerbern  an den  Wahlen in Bund, Ländern
       und Gemeinden  beteiligen, auf die politische Entwicklung in Par-
       lament und  Regierung Einfluß  nehmen, die von ihnen erarbeiteten
       politischen Ziele  in den  Prozeß der  staatlichen Willensbildung
       einführen und für eine ständige lebendige Verbindung zwischen dem
       Volk und den Staatsorganen sorgen."
       Was die  Parteien des  Bundestages hier  als ihr  eigenes Bild zu
       zeichnen gemeint haben - wir werden es Punkt für Punkt bewahrhei-
       ten; und  wir werden  diese Elle  an  die  herrschenden  Parteien
       selbst anlegen.  Wir wollen  dem ständigen  Rückzug der Regierung
       und ihrer  Parteien aus  der demokratischen Öffentlichkeit begeg-
       nen, jenem Rückzug in die abgedichteten Zimmer der Parlamentsaus-
       schüsse, der Regierungskanzleien, und jenem üblen Wechselbalg ei-
       nes geheim  tagenden sogenannten  "Gemeinsamen Ausschusses",  der
       aus der Mesalliance der beiden großen Notstandsparteien entspros-
       sen ist.  Wir wollen  eine Verfassungsordnung, die in den zwanzig
       Jahren seit ihrer Verkündung aufs schwerste beschädigt, beschnit-
       ten und  verkrüppelt worden  ist, die  in ein wahres Zerrbild des
       Grundgesetzes von  1949 verwandelt  worden ist, vor ihrer gänzli-
       chen Zerstörung  retten. Wir  wollen die Grundrechte neu beleben,
       indem wir sie ständig praktizieren.
       Wir sind  hierbei freilich nicht so naiv, an ein wohlverstandenes
       Eigeninteresse oder  an die  Vernunft der etablierten Gewalten zu
       appellieren. Wir wissen, daß die soziale Herrschaft des Großkapi-
       tals danach drängt, sich in den politischen Raum hinein zu erwei-
       tern. Wir  haben auch  gesehen: Die  bürgerlichen Parteien, unter
       sich gelassen,  haben den parlamentarischen Verfassungsstaat rui-
       niert. Indem wir den Anspruch des Großkapitals und seiner politi-
       schen Exponenten  bestreiten, treten mit uns die Kräfte der Demo-
       kratie aus der Defensive zur Gegenoffensive an.
       Wir hegen auch keine Illusionen darüber, was die Herrschenden aus
       dem Parlament,  aus dem Verfassungsstaat überhaupt gemacht haben.
       Wenn wir  die Möglichkeiten  des parlamentarischen  Systems, wenn
       wir die  durch die  Praxis der  bestehenden Gewalten  weithin zur
       Ideologie heruntergebrachten  Vorstellungen vom Verfassungsstaat,
       vom Rechtsstaat, vom Sozialstaat ernst nehmen, ernster als dieje-
       nigen, die  sie ständig  im Munde  führen, so geschieht es in der
       Einsicht, daß  ein funktionierendes,  inhaltlich erfülltes parla-
       mentarisches System,  daß eine  glaubhafte demokratische  Verfas-
       sungsordnung schon lange zum Hindernis des Herrschaftswillens je-
       ner Kräfte geworden sind, die sich allen Versuchen einer Domesti-
       zierung, einer  Kontrolle zu  entziehen suchen. Demokratie, ernst
       genommen, ist in Wahrheit heute zum gesellschaftlichen, zum poli-
       tischen Oppositionsprinzip geworden.
       Zur Probe  hierfür lassen  Sie mich, als einen für viele, den be-
       kannten deutsch-amerikanischen  Professor Götz  Briefs  zitieren:
       "Staat und  Wirtschaft im  Zeitalter der  Interessenverbände"  in
       "Laissez-faire-Pluralismus", Berlin  1966, Seite  82: "Ist  nicht
       der Sieg  des gesellschaftlichen  Pluralismus über die Demokratie
       vollendet, wenn  aus der  Demokratie als politischer Ordnungsform
       eine säkulare  Weltanschauung gemacht wird? Ist sie dann nicht in
       ihrem innersten  Wesen pervertiert zum Demokratismus? Demokratis-
       mus äußert  sich heute in der Forderung nach Demokratisierung al-
       ler Lebensgebiete...  Wenn die  Dinge auf  diesen Punkt  treiben,
       dann wird  unter der  Flagge des  Demokratismus der absolute, der
       totale Staat unvermeidlich sein."
       Darin zeigt  sich das Endzeitliche der Epoche: Das Bürgertum, das
       einmal geschichtlich auf den Plan getreten ist mit dem großen Ge-
       danken der  Volkssouveränität - es kann nur noch fortbestehen un-
       ter Verleugnung seiner Anfänge.
       So faßt  sich denn  auch die  Tagespolitik  unserer  herrschenden
       Kräfte heute  in einer  einzigen umfassenden Gesamttendenz zusam-
       men: Verhütung, Verhinderung dessen, was möglich, was fällig, was
       überfällig geworden  ist. Blicken wir um uns: Das Schauspiel, das
       die Bundesregierung  und ihre  treibenden Kräfte uns und der Welt
       gegenwärtig bieten,  ist  das  einer  Wiederbelebung  des  Kalten
       Krieges -  nach außen  und nach  innen. Nach  außen ist  man ent-
       schlossen, das politische CSSR-Geschäft bis zur Neige auszuschöp-
       fen - womit sich denn die wahre Natur auch der zeitweiligen soge-
       nannten "Neuen  Ostpolitik" zu  erkennen gibt.  Nun will  man die
       NATO wieder  auf Vordermann  bringen, die  Unterschrift unter den
       Atomwaffen-Sperrvertrag endgültig  verweigern, dem  Volk neue Rü-
       stungslasten bescheren,  deren Umfang  bereits die mittelfristige
       Finanzplanung durcheinanderbringt.  Mit alldem führt die erklärte
       Friedenspolitik der  Regierung eine  höchst metallene,  eine waf-
       fenklirrende Sprache.  Was soll  man etwa  von jener Äußerung des
       Militärexperten der  "Frankfurter Allgemeinen  Zeitung", Adelbert
       Weinstein, vom 10.10.1968 halten: "Bonn wird die herkömmliche mi-
       litärische Kraft  erhöhen müssen ... Druck muß gelassen mit Druck
       begegnet werden  können. Zusätzlich  müßte die Bundeswehr mit den
       Gesetzen des  revolutionären Volkskrieges  vertraut gemacht  wer-
       den."
       Oder  von   folgender  Äußerung   Wolfgang  Sternsteins   in  den
       "Gewerkschaftlichen Monatsheften"  über "Die  Lehren  von  Prag":
       "Die psychologische  Offensive gegen die Besatzungstruppen leitet
       bereits über  zu dem  zweiten  Kriegsschauplatz  des  gewaltlosen
       Kampfes -  den Heimatländern  der Besatzungsarmeen. Sie hat nicht
       nur zur  Folge, daß die Soldaten anfangen, ihren Offizieren unbe-
       queme Fragen zu stellen, Befehle zu umgehen oder offen den Gehor-
       sam zu  verweigern, sie  hat darüber hinaus weitreichende Auswir-
       kungen auf  die Länder  der Invasoren. Durch ihre 'Frontberichte'
       verstärken die heimkehrenden Soldaten die latent vorhandene Oppo-
       sition im  eigenen Land  und zerreißen  den Schleier von Lüge und
       Propaganda, den  man über die Vorgänge im besetzten Gebiet zu le-
       gen sucht. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dadurch eine Entwick-
       lung eingeleitet wird, die zum Sturz der für die Invasion verant-
       wortlichen Regierung  führt... Die Akten über den Fall Tschechos-
       lowakei sind noch nicht geschlossen... Wenn es möglich war, durch
       improvisierte gewaltlose  Aktionen einer  Armee von  650 000 Mann
       eine Woche lang erfolgreich Widerstand zu leisten, sollte es dann
       nicht  möglich   sein,  durch   systematische  Vorbereitung   und
       Ausbildung der  Bevölkerung noch bessere Ergebnisse zu erzielen?"
       ("Gewerkschaftliche Monatshefte", Heft 11/1968, S. 646/648.)
       Dies alles  geschieht unter  Mithilfe einer  SPD-Führung, die uns
       erst in diesen Tagen die Groteske geboten hat, jeden Verdacht mit
       Entrüstung von  sich zu  weisen, sie  habe je an eine Anerkennung
       der DDR gedacht!
       Nach innen  gibt man  zu erkennen,  wozu man Notstandsvollmachten
       verlangt hat. Die Polizeichefs der Bundesrepublik haben in diesen
       Tagen erklärt,  die Polizei  werde  künftig  bei  Demonstrationen
       "nicht mehr  tatenlos zusehen"  - was  sie bisher  offenbar getan
       hat. In  der "Zeit" vom 29.11.1968 kann man folgendes lesen: "Der
       Leiter der zentralen Hubschrauberausbildungsstätte vieler Länder-
       polizeien, dem  Bundesinnenministerium zugeordnet, will den Heli-
       kopter nicht allein als Führungsmittel, sondern auch als Einsatz-
       mittel für nicht gerade polizeigemäße Aufgaben verstanden wissen.
       Für den  Straßenkampf, meint  er, müßte  der Tiefflug  intensiver
       geübt werden.  Dazu aber 'wird selbstverständlich verbotenerweise
       wirklichkeitsnah ausgebildet',  bekennt er  freimütig und  erläu-
       tert: 'Handgranaten lassen sich (aus dem Hubschrauber) leicht ab-
       werfen.' Ein  hoher Polizeioffizier,  während des  Zweiten  Welt-
       krieges Leiter  einer Straßenkampfschule  im polnischen  Mokotov,
       faßte in  einer unveröffentlichten Studie die Ergebnisse des War-
       schauer Aufstandes  zusammen und  übertrug sie  mit leichter Hand
       auf die  Städte der  Bundesrepublik  -  für  die  Bekämpfung  von
       'Störern' im Innern. Nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze
       ist an  einigen Polizeischulen  die Ausbildung am Maschinengewehr
       verstärkt worden."
       Eine Flut von Prozessen gegen Demonstranten geht durchs Land; von
       Prozessen, die auch viele Richter - zu ihrer Ehre sei es gesagt -
       in Gewissensnot bringen. Den Wehrdienstverweigerern droht man mit
       verschärften Bestimmungen - erschreckt durch den Umstand, daß al-
       lein in  den ersten  zehn Monaten dieses Jahres rund 3000 Anträge
       gestellt worden  sind, weit  mehr als in den zurückliegenden zehn
       Jahren zusammengenommen.  Der Vorsitzende  des  Verteidigungsaus-
       schusses des  Bundestages, der  CSU-Abgeordnete  Zimmermann,  hat
       hierzu in  diesen Tagen  erklärt, eine  solche Häufung von Fällen
       der Wehrdienstverweigerung  gefährde die "Einsatzbereitschaft der
       Bundeswehr". "Auch  nur ein  Soldat als Kriegdienstverweigerer in
       einer Kompanie  verursacht Unruhe"  (vgl. "Frankfurter Rundschau"
       vom 5.12.1968).  Allerdings: wenn der Wille zur Wehrdienstverwei-
       gerung heute bereits politische Dimensionen angenommen hat - kann
       die Bundesregierung  darüber erstaunen,  nachdem sie  selbst  die
       Bundeswehr, ebenso  wie den Bundesgrenzschutz, mit Artikel 91 der
       neuen Notstandsverfassung  zum Einsatz  gegen die eigene Bevölke-
       rung vorgesehen  und bereits für diesen Zweck eingeübt hat? Unter
       allen solchen  Umständen kann  es nicht  wundernehmen, wenn unser
       Land heute in der demokratischen Weltöffentlichkeit dem unverhoh-
       lenen Mißtrauen, einer Mischung von Furcht und Feindseligkeit be-
       gegnet.
       Kein Zweifel:  Eine entschiedene  Wende tut  not. In einem Augen-
       blick, da  unser Land  in die Eiszeit des Kalten Krieges nach au-
       ßen, in Verhältnisse einer permanenten Notstandsdiktatur nach in-
       nen überführt  zu werden droht, tritt unsere Partei zum Kampf an.
       Wir führen  damit unter neuen Bedingungen jene große geschichtli-
       che Linie  fort, die  in Deutschland  vom Kampf der Liberalen des
       neunzehnten Jahrhunderts  um eine  Verfassung und um Volksrechte,
       über die Erhebungen von 1848, über die kämpferische Arbeiterbewe-
       gung, über die Revolution von 1918, über den Widerstand gegen den
       Nationalsozialismus und seine gesellschaftlichen Helfer, über das
       Ringen um  politische und  soziale Erneuerung nach 1945, über die
       Bewegung gegen  die Wiederaufrüstung  bis hin zum Kampf gegen die
       Notstandsordnung führt;  eine Entwicklungslinie  mit vielen Rück-
       schlägen, Niederlagen,  Opfern und halben Erfolgen, mit einem ge-
       waltigen, noch unerfüllten geschichtlichen Pensum. Wir wissen aus
       einer langen schmerzhaften Erfahrung unserer jüngeren Geschichte,
       daß jede bürgerliche oder gar eine auf sich gestellte intellektu-
       elle Bewegung scheitert, wenn sie nicht zu der festen Massenkraft
       der arbeitenden Schichten findet. Wir haben gelernt.
       Wir rufen  unsere Mitbürger  zur demokratischen  Selbsthilfe auf.
       Wir wenden  uns an den arbeitenden, an den denkenden, an den lei-
       denden Teil  der Gesellschaft. Unser Programm zeigt Ansatzstellen
       des Handelns  auf. Wir werden durch unser tägliches Beispiel vor-
       führen, wie man eingreifen kann.
       Wir werden alle jene, die an uns eilfertig mit der Elle der Fünf-
       Prozent-Klausel herantreten und sich darüber zu beruhigen suchen,
       wir seien  vorläufig nur spannenlang, in Verlegenheit setzen, in-
       dem wir unverzüglich beginnen, Politik zu treiben, und zwar Poli-
       tik im  großen. Wir  arbeiten nicht in kurzatmigen Kampagnen, auf
       bloße Nahziele  hin. Wir sind daher weder durch Tageserfolge noch
       durch Rückschläge zu beirren.
       Wir starren  auch nicht  auf einen Wahltermin im nächsten Septem-
       ber. Und  doch werden  wir einen Wahlkampf in aller Härte führen,
       als Mittel  der Mobilisierung  des Bewußtseins,  als Mittel,  die
       herrschenden Parteien und ihre Politik dem Forum einer kritischen
       Öffentlichkeit auszusetzen.  Wir werden  unseren Mitbürgern Gele-
       genheit geben, sich von dem Unterschied zwischen Worten und Taten
       der Parteiführer  zu überzeugen. Wir werden die fälligen Alterna-
       tiven zeigen.
       Wir werden  unsere eigenen  Wahlbewerber in voller Öffentlichkeit
       aufstellen; und  die soziale  Zusammensetzung unserer  Kandidaten
       soll dem  wirklichen Aufbau unseres Volkskörpers entsprechen. Al-
       lem voran wollen wir die arbeitenden Menschen - die Arbeiter, die
       einfachen und  mittleren Angestellten,  die Techniker und Ingeni-
       eure, die  werktätige Intelligenz - ihren Enttäuschungen und Ent-
       mutigungen entreißen: Unsere Partei ermöglicht ihnen die Wahl von
       Kräften, die  nicht nur  fest und unverbrüchlich zu ihnen stehen,
       sondern vielmehr  zu ihnen selbst gehören. Wir wollen endlich un-
       sere Mitbürger  der Pein entheben, nur die Wahl zwischen Parteien
       des Großkapitals  zu haben,  die Wahl zwischen CDU/CSU, SPD, FDP,
       NPD -  was soviel  heißt wie  die Wahl  zwischen Typhus, Cholera,
       Pocken und Selbstmord.
       Die Partei,  die zu  gründen wir  im Begriff stehen, geht aus den
       Kräften des Aktionsbündnisses für demokratischen Fortschritt her-
       vor. Sie  steht fest auf dem Boden dieses Bündnisses und soll, so
       meinen wir, die Einlader, sich an dessen Programm anschließen. So
       wenig wie  innerhalb des  Bündnisses irgendeine  der  geschlossen
       mitwirkenden Gruppierungen  einen Führungsanspruch  gegenüber den
       anderen geltend  machen darf  und geltend  machen will,  so wenig
       wird nach den Vorstellungen der Initiatoren auch die zu gründende
       Partei die Führung gegenüber den Bündniskräften beanspruchen. Die
       Partei soll  vielmehr die  Vorstellungen des Bündnisses, die Wün-
       sche und  die Initiativen der Bevölkerungsgruppen, die in ihm tä-
       tig werden,  prüfen, von  Fall zu  Fall übernehmen und vertreten,
       sie in  den Raum  von Regierung  und Parlament  hineintragen. Die
       Partei stellt  sich dem  Bündnis zur Verfügung. Sie wird auch als
       Wahlkandidaten diejenigen  vorzugsweise benennen,  die in der Tä-
       tigkeit, in der Aktion der verbündeten Kräfte selbst hervorgetre-
       ten sind  und die  Gewähr für  ein enges Verhältnis unmittelbarer
       Zusammenarbeit zwischen Parlamentsvertretern und außerparlamenta-
       rischer Bewegung bieten.
       Die Kooperation der Parlamentarier, der Parteien, auch der Regie-
       rung mit Kräften des außerparlamentarischen, des vorparlamentari-
       schen Raumes  ist nichts  Ungewöhnliches. Im Zeichen jener allbe-
       kannten "Herrschaft  der Verbände"  unterliegen, ja gehorchen die
       Parteien weithin  den Einflüssen,  auch den Einflüsterungen jener
       gesellschaftlichen Gruppen,  von denen  sie obendrein  finanziert
       werden. Eben  hierdurch setzt  sich  wirtschaftlichsoziale  Herr-
       schaft in politische Herrschaft um. Während aber die herrschenden
       Parteien in  Wahrheit Parteien  der Herrschenden sind, werden wir
       eine Partei  der Herrschaftsunterworfenen sein. Während jene Par-
       teien ihre  Verbindungen zu  den Gruppen, von denen sie abhängen,
       vor dem  Volk verbergen, werden unsere parlamentarischen Abgeord-
       neten die  Verbindung zu  denen in  aller Öffentlichkeit pflegen,
       von denen allein sie beauftragt worden sind - und das sind in un-
       serem Falle ausschließlich die Wähler selbst. Unsere Abgeordneten
       werden jenen  Schutzwall des  Schweigens  durchbrechen,  der  das
       wahre Treiben  der etablierten  Gewalten umgibt.  Sie werden ihre
       Erfahrungen, ihr  Wissen, ihre  Informationen auf die Straße tra-
       gen. Unsere Abgeordneten werden den einverschworenen Parteien zu-
       rufen: Auf uns könnt ihr euch nicht verlassen!
       Unsere Parlamentsmitglieder werden sich nicht als Vertreter, son-
       dern als Beauftragte des Wahlvolks betrachten. Sie werden die de-
       mokratische Initiative nicht an sich ziehen, sondern vielmehr vom
       Parlament aus im Volke selbst vervielfachen. Sie werden neue For-
       men der  Anteilnahme der Kräfte des Volkes selbst am öffentlichen
       Leben entwickeln  und damit  auf einen  Prozeß von  wahrhaft  ge-
       schichtlicher Bedeutung  hinarbeiten: Indem wir die demokratische
       Selbsttätigkeit auf allen Lebensgebieten wecken, eröffnen wir die
       Zukunftsperspektive einer  sich selbst  verwaltenden, einer  frei
       gewordenen Gesellschaft.
       Wir sind bei alledem keine Schwärmer. Wir verkennen nicht die ge-
       gebenen Kräfteverhältnisse. Wir verkennen nicht jenes tiefgestaf-
       felte innere  Verteidigungssystem, das die herrschenden Kräfte in
       Gesellschaft und  Staat, nicht zuletzt mit den Notstandsvollmach-
       ten, aufgebaut haben. Wir verkennen nicht die Schwäche jener kri-
       tischen Geister  in anderen  Parteien, auch  in der SPD, die, auf
       sich allein gestellt, immer von den professionellen Routiniers in
       ihren Führungsspitzen  überspielt werden  und die  in  uns  nicht
       einen Gegner,  sondern vielmehr  einen notwendigen  Flankenschutz
       erblicken sollten.  Wir sagen es allen kritischen Köpfen in unse-
       rem Volke,  auch in  den anderen  Parteien: Wir  zielen  auf  den
       Hauptgegner: auf  das Großkapital im gesellschaftlichen Raum, auf
       die CDU/CSU und auf den durch sie ermutigten Neonazismus im poli-
       tischen Raum.
       Eben hierdurch  beunruhigen wir  schon heute  unsere Gegner.  Wir
       nennen die  Verhältnisse,  die  gesellschaftlichen  Fronten,  die
       Kräftekonstellationen beim  Namen; wir  bezeichnen unseren Haupt-
       gegner und nehmen den Kampf gegen ihn auf; wir sind entschlossen,
       eine durchdachte  und langfristige  Politik zu  führen; wir  sind
       konsequente Demokraten, die nichts zu verbergen haben und die da-
       her auch  alle Geheimdienste  der Bundesregierung in Verlegenheit
       bringen; wir  wollen ein  gewaltiges Potential in unserer Gesell-
       schaft ausschöpfen; wir sprechen eine neue Sprache. All dies wird
       ernst genommen,  wie zahlreiche Pressestimmen über den Dortmunder
       Gründungskongreß des  Aktionsbündnisses zeigen.  Um nur  ein Bei-
       spiel anzuführen:  Die "Gesellschaftspolitischen  Kommentare" der
       CDU haben  als bedenkliches  Ergebnis des  Dortmunder  Kongresses
       vermerkt, daß uns der Einbruch in neue Schichten gelungen ist: in
       die Arbeiterschaft  und in  die Jugend.  Und eben  diese "Gesell-
       schaftspolitischen Kommentare"  der CDU  ringen sich  das  Einge-
       ständnis ab: Die "linke Sammlungsbewegung" muß als derzeit "opti-
       male  Konzentration"  angesehen  werden.  Man  wird  uns  selbst-
       verständlich weiter  anschwärzen, weiter  verleumden, die Öffent-
       lichkeit irreführen  - womit  sich denn  auch der ganze Charakter
       unserer sogenannten  unabhängigen Presse  zu erkennen  gibt.  Man
       wird uns  weiter mitleidige  Wahlhoroskope stellen  - so als wenn
       wir den  Stimmenfetischismus der  anderen teilten.  Man wird  uns
       weiter als  bloße Hilfstruppe  der Kommunisten  verschreien.  Ich
       denke allerdings:  die Mitarbeit von Kommunisten, als einigen un-
       ter vielen  anderen, von Sozialisten bis zu Pazifisten, von Libe-
       ralen bis hin zu kirchlichen Gruppen - um hier nur weltanschauli-
       che Tönungen  zu bezeichnen  -, diese Mitarbeit wird dazu führen,
       daß die  Behauptung, dies  und jenes  werde auch  von Kommunisten
       vertreten, in der Öffentlichkeit endlich nicht mehr als ein Argu-
       ment zur Sache empfunden wird. Man muß sich etwas anderes einfal-
       len lassen, wenn man uns treffen will.
       So dürfen  wir heute,  alles in allem genommen, in dem Bewußtsein
       der guten  Sache, in der tiefen Überzeugung von der Notwendigkeit
       unseres Beginnens,  mit Entschlossenheit  und Zuversicht an unser
       Werk der demokratischen Selbsthilfe schreiten.
       

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