Quelle: Blätter 1969 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG AMERIKANISCHER WISSENSCHAFTLER
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       ZUR CHEMISCHEN UND BIOLOGISCHEN KRIEGFÜHRUNG
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       "The Federation  of American  Scientists (FAS)": Es ist dies eine
       die ganze  Nation umfassende Organisation von Wissenschaftern und
       Ingenieuren, Leuten,  die über  den heutigen  Einfluß der Wissen-
       schaft auf  nationale und  internationale Angelegenheiten besorgt
       sind. Das  nationale Zentrum des Verbandes ist in Washington, DC,
       und der Präsident ist Jay Orear von der Cornell Universität.
       Der Verband  der amerikanischen Wissenschafter ist überzeugt, daß
       die amerikanische Entwicklung, Erprobung und Herstellung von bio-
       logischen und  chemischen Waffen  zur Massenvernichtung zwecklos,
       gefährlich und provokatorisch ist und aufgegeben werden sollte.
       Es ist  höchst unwahrscheinlich,  daß die Vereinigten Staaten, in
       Wahrung ihrer nationalen Sicherheit, je Nervengas werden anwenden
       müssen, sei es in einem Konflikt in Asien, in Afrika oder Europa,
       im eigenen  Land oder sonst irgendwo. Und doch werden solche Waf-
       fen entwickelt  und erprobt, wie sich kürzlich herausstellte, als
       auf dem Dugway Testgelände, Utah, 6400 Schafe versehentlich getö-
       tet wurden.  Ebensowenig werden  es die Vereinigten Staaten nötig
       haben, die Ernte ganzer Völker durch Pilzgifte zu zerstören (rice
       blast fungus),  aber Fort  Detrick (der Herstellungsort) teilt an
       seine Forscher  Orden aus für die Entwicklung dieser Zerstörungs-
       mittel. Warum herstellen, was nie gebraucht wird?
       Überdies, ob  sie nun für den Gebrauch gegen Leute oder Nahrungs-
       mittel eingesetzt  werden sollen,  bildet die Entwicklung, Erpro-
       bung und  Lagerung solcher  Waffen für  unser eigenes  Volk  eine
       große Gefahr.  Die Schafschlächterei  in Utah  zeigte zur Genüge,
       daß durch  Unachtsamkeit in der Manipulation solcher Mittel Leben
       zerstört werden  mag. Oder,  wenn die asiatische Grippe sich über
       die ganze  Welt ausbreiten  kann, so wäre dasselbe möglich für zu
       wenig sorgfältig gehütete Arten von künstlich erzeugten Krankhei-
       ten. Alle paar Jahre ereignen sich außergewöhnliche Todesfälle in
       Fort Detrick,  die für  die ungenügend  unter Kontrolle gehaltene
       Gefahr einen  dramatischen Beweis darstellen. Daß das biologische
       Zentrum der  Armee der Vereinigten Staaten (Fort Detrick) so eif-
       rig nach  einer Insel  im Stillen  Ozean, auf der sich gewöhnlich
       keine Vögel  finden, als  Erprobungsgelände sucht,  verrät Umfang
       und Gefahren des Problems.
       Allgemein gesagt,  ist es  töricht, wenn  eine reiche Nation, mit
       den stärksten  Abschreckungsmitteln der Welt, andere Völker ermu-
       tigt, billige  Waffen zu  entwickeln, die  unsere Macht lahmlegen
       und unser  Volk zerstören  könnten. Wir sollten weder durch unser
       Handeln noch durch unsere Erklärungen die Wahrscheinlichkeit che-
       mischer oder biologischer Kriegsführung erhöhen. Berichte von der
       Herstellung solcher  Waffen, die  unvermeidlich entstehen, werden
       andere anreizen,  ähnliches zu  unternehmen und  ihr  Handeln  zu
       rechtfertigen, auch  wenn sie bis jetzt keine solchen Waffen ent-
       wickelt haben.
       Schließlich verabscheut  das Gewissen  der Menschheit solche Waf-
       fen. Warum überflüssige Waffen herstellen, deren Gebrauch auf im-
       mer unsere nationale Ehre beflecken müßte?
       Als Schritt  auf eine Politik hin, die besser mit unserm Gewissen
       im Einklang  ist und unserer echten Sicherheit dient, schlägt die
       FAS der Regierung vor, aus dem militärischen Voranschlag alle Po-
       sten zu  streichen, die  für Forschung,  Entwicklung, Herstellung
       oder Lagerung  von biologischen und chemischen Waffen zur Massen-
       vernichtung bestimmt  sind, ob  sie nun  gegen Menschen oder Nah-
       rungsmittel eingesetzt  werden sollen.  Aus "The  Bulletin of the
       Atomic Scientists", September 1968 (deutsch nach "Neue Wege", Zü-
       rich, November 1968).
       

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