Quelle: Blätter 1969 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SOLDATEN DER BUNDESWEHR! WER KANN BERICHTEN...
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       (AUFRUF DES SCHRIFTSTELLERS H. GÜNTER WALLRAFF
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       AN DIE SOLDATEN DER BUNDESWEHR VOM 28. FEBRUAR 1969)
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       Die Bundeswehr ist umstritten. Zu Recht. Regierung, Großindustrie
       und Generalität  machen sich Sorge darüber, daß ihre "Kampfkraft"
       nicht auf den gewünschten Stand komme oder gar nachlassen könnte,
       weil immer  mehr Jugendliche den Kriegsdienst verweigern und auch
       in der  Truppe ein kritischer Geist um sich greift, der den Mili-
       taristen in Uniform und Zivil nicht gefällt.
       In der  Bevölkerung wiederum haben diejenigen, die die Demokratie
       in unserem  Lande für  bedroht halten, die Sorge, daß die Bundes-
       wehr zum Werkzeug der Ewig-gestrigen hochgezüchtet wird - daß sie
       für offensive  Aufgaben, die mit dem Völkerrecht nicht zu verein-
       baren sind,  und schließlich  für Bürgerkriegszwecke  ausgebildet
       werden könnte.
       Wächst in  der Bundeswehr eine Gefahr für die Bevölkerung und die
       Demokratie heran,  oder ist  sie, wie offiziell beteuert wird, zu
       unserem Schutz da?
       Um das entscheiden zu können, muß man herausbekommen, welche Auf-
       gabe der  Bundeswehr von  den Mächtigen in Politik und Wirtschaft
       tatsächlich zugemessen  wird. Und um das zu erkennen, muß die Öf-
       fentlichkeit wissen,  was hinter den Kasernentoren wirklich prak-
       tiziert wird,  wozu und in welchem Geist die Soldaten ausgebildet
       werden, wie die Ausbildungsmethoden sind und wie der Kasernenall-
       tag.
       Wie die  Selbstdarstellungen der Bundeswehr aussehen, ist hinrei-
       chend bekannt.  Was fehlt, ist die Stimme des einfachen Soldaten,
       gleich ob Arbeiter, Angestellter oder Student. Deshalb möchte ich
       ein Buch  zusammenstellen, in  dem diejenigen, die sonst nicht zu
       Wort kommen  (die heute  dienen oder  in den  letzten Jahren beim
       "Bund" waren),  darüber  berichten,  ob  sie  in  der  Bundeswehr
       tatsächlich demokratischem  Verhalten, Respekt vor den Grundrech-
       ten unserer  Verfassung, sozialer  Gerechtigkeit und  der Bereit-
       schaft zu  Frieden und  Völkerverständigung begegnet  sind - oder
       inwieweit die Praxis der Truppe den schönen Worten ihrer Befehls-
       haber und  ihrer Werbeprospekte widerspricht. Das ist keine Frage
       von "militärischen  Geheimnissen", die  Sie mir  nach dem  Gesetz
       nicht zuschicken dürfen und die mich nicht interessieren.
       Schicken Sie mir Kurzberichte, Tagebuchaufzeichnungen oder einfa-
       che Hinweise  über Schleifermethoden,  Rechtsverstöße, Schikanen,
       Diskriminierungen wegen weltanschaulicher, politischer oder reli-
       giöser Anschauungen,  besondere soziale Härten, Unterdrückung von
       Kritik Andersdenkender, tendenziösen politischen Unterricht, Hul-
       digung nazistischer  Vorbilder, scharfmacherische  oder revanchi-
       stische Äußerungen von Vorgesetzten, kriegsverherrlichende Lieder
       und Parolen, völker- und rassenverhetzende Tendenzen.
       Öffentlichkeit ist  Voraussetzung  für  demokratische  Kontrolle.
       Tragen Sie mit dazu bei.
       Schreiben Sie an
       H. Günter Wallraff, 5 Köln-Weidenpesch, Hildebrandstraße 3.
       Eine Bestätigung,  daß Ihre  Arbeit bei mir eingetroffen ist, er-
       halten Sie innerhalb von 14 Tagen.
       Bitte an Soldaten der Bundeswehr weitergeben!
       

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