Quelle: Blätter 1969 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BERICHT DER BERNAL-FRIEDENSBIBLIOTHEK ÜBER CHEMISCHE
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       UND BIOLOGISCHE KRIEGFÜHRUNG
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       Der nachfolgend  veröffentlichte Bericht der von der Bernal-Frie-
       densbibliothek (Bernal Peace Library) am 22. und 23. Februar 1968
       abgehaltenen Konferenz  über "Chemische und biologische Kriegfüh-
       rung" erschien unter dem Titel "CBW: Chemical and Biological War-
       fare" im  Verlag Dr.  Steven Rose, Harrap, London, am 24. Oktober
       1968. Als britische Einrichtung untersucht die Bernal-Friedensbi-
       bliothek hier die Materie primär anhand von britischen, bzw. bri-
       tisch-amerikanischen Tatbeständen  und Befürchtungen,  doch kommt
       ihren Untersuchungen  auch  für  den  Bürger  der  Bundesrepublik
       Deutschland ungeminderte Bedeutung zu. D. Red.
       
       1) Was sind chemische und biologische Waffen!
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       Vom Schießpulver  bis zu  Napalm sind alle Explosivstoffe das Er-
       gebnis einer  chemischen Reaktion. Chemische und biologische Waf-
       fen wirken  aber direkt als Ergebnis ihrer chemischen Eigenschaf-
       ten und  nicht durch  Luftdruck, Hitze  oder andere physikalische
       Wirkungen einer  chemischen Reaktion.  Sie zielen  darauf ab, le-
       bende Organismen  zu zerstören  oder zu  schädigen. Diese  Waffen
       können eingeteilt  werden in:  A -  Chemische Waffen; B - Entlau-
       bungsmittel; C - Biologische Waffen.
       
       A - Chemische Waffen
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       Chemikalien werden  als Gas, zerstäubte Flüssigkeit oder als fein
       pulverisierter Feststoff  verbreitet. Sie können auch von niedrig
       fliegenden Flugzeugen  versprüht oder mittels eines Aerosolnebels
       (Suspension feiner  Teilchen) verteilt werden. Die amerikanischen
       Streitkräfte in  Vietnam verwenden eine Art gigantisches Gebläse,
       genannt "Mighty  Mite", das hohe Konzentrationen von CS-Pulver in
       Tunnelsysteme, Keller und Häuser bläst. In den USA wurden umfang-
       reiche Arbeiten  über Beförderungssysteme  unternommen,  darunter
       auch der Bau von Sprengsätzen für die Sergeantrakete. Man glaubt,
       daß Rußland ähnliche Sprengköpfe für seine Scud-Rakete besitzt.
       Typen von erzeugten Gasen: Sie werden als irritierende Wirkstoffe
       beschrieben wie  z.B. Tränengase, Stickgase wie Chlorin und Phos-
       gen, die  auf die  Lungen wirken; Nesselgase, die in erster Linie
       die Haut reizen; Blutgase wie Zyanwasserstoff, die durch die Lun-
       gen in  den Blutkreislauf  gelangen; bläschenerzeugende  Gase wie
       die Arsen-  und Senfgase,  welche die  Haut und Lungen verbrennen
       und Blasenbildung hervorrufen und besonders toxisch sind; die als
       G- und  V-Wirkstoffe bekannten  Nervengase, die  als fürchterlich
       stark und tödlich wirkend bekannt sind; und schließlich die kamp-
       funfähig machenden  Gase wie  das amerikanische "BZ", welches die
       psychischen und physischen Funktionen verlangsamt.
       Das eine  irritierende Wirkung  erzeugende "CS"  ist das  von den
       Amerikanern in  Vietnam derzeit hauptsächlich angewandte Gas, das
       eine große Kontroverse ausgelöst hat, zum Teil, weil es in diesem
       Land entwickelt  wurde, und zum anderen, weil durch seine Wirkung
       Todesfälle nachgewiesen wurden.
       Die Nervengase  wie zum  Beispiel Serin und Tabun, die zuerst von
       Deutschland entwickelt wurden, zwingen den Körper, sich durch ein
       funktionelles Nebenprodukt  des Nervensystems  zu vergiften. Eine
       Verbesserung der deutschen Entdeckungen, die V-Stoffe, gelten als
       britische Entdeckung.  1960 bestätigte  das Verteidigungsministe-
       rium, daß es den USA Detailangaben über ihre Herstellungsprozesse
       zur Verfügung  gestellt habe.  Man glaubt, daß 1/100 Gramm dieses
       V-Gases bei  Berührung mit der Haut tödlich wirkt. Diese fast un-
       sichtbare Menge  ermöglicht es,  mit einem  einzigen Angriff  auf
       ganze Städte einzuwirken.
       Die Vorteile chemischer Waffen für die Militärs: Sie sind relativ
       billig und  leicht herzustellen. - Ihre Wirkungen fallen in einen
       weiten Bereich  und sind anhaltend. - Ein Reihe verschiedener of-
       fener und  verborgener Beförderungssysteme  sind möglich. - Viele
       Wirkstoffe sind  farb- und  geruchlos und  daher  außerordentlich
       schwierig festzustellen;  eine wirksame Aufdeckung und Behandlung
       ist verzögert  und vielleicht  unmöglich. - Die Stoffe lassen In-
       stallationen, Fabriken usw. intakt; sie dringen in Verstecke ein,
       die für  andere Waffenarten  unerreichbar sind,  und können daher
       Truppen aktionsunfähig machen beziehungsweise Schaden anrichten.
       Militärische Nachteile chemischer Waffen: Zu den Nachteilen gehö-
       ren ihre  Abhängigkeit von Wetterbedingungen wie Temperatur, Wind
       oder Nebel;  variierende Wirksamkeit je nach Freisetzung in offe-
       nen oder geschlossenen Räumen; Schwierigkeiten hinsichtlich ihres
       taktischen Einsatzes  wegen ihrer  Persistenz oder der Gefahr für
       die eigene Armee; Unmöglichkeit des gezielten Einsatzes gegen ein
       individuelles Ziel.
       
       B - Entlaubungs- und Pflanzenvertilgungsmittel
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       Das Versprühen gewöhnlicher Unkrautvertilgungsmittel aus Flugzeu-
       gen, um  die Position des Feindes durch Vernichtung der Belaubung
       erkennbar zu  machen, die  Nahrungsmittelversorgung  des  Feindes
       durch Vernichtung der Kulturen abzuschneiden und Bevölkerungen so
       "menschlich" wie  möglich zum Verlassen des Gebietes zu veranlas-
       sen.
       Die Nachteile  dieser Chemikalien liegen in den ungewissen ökolo-
       gischen Wirkungen einer hochgradigen Vergiftung des Bodens und in
       der unmittelbaren  Tatsache, daß  unweigerlich Kinder, Greise und
       Kranke betroffen  werden. Die feindlichen Soldaten werden bei den
       verfügbaren Nahrungsmitteln immer Vorrang haben.
       
       C - Biologische Waffen
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       Das amerikanische  Armeehandbuch führt vier Arten von Wirkstoffen
       in der  biologischen Kriegführung an: 1) Mikroorganismen wie Bak-
       terien, Viren und Pilze. 2) Toxine: chemische Giftstoffe, die von
       lebenden Organismen  stammen. 3)  Vektoren:  Krankheitsüberträger
       wie Insekten,  Vögel und  Tiere. 4)  Haustier- und Pflanzenschäd-
       linge.
       Im Bereich  der Mikroorganismen haben die Forscher u.a. die Pest,
       Tularemie, Milzbrand,  Cholera, Q-Fieber (Balkangrippe) und Psit-
       takose (Papageienkrankheit) erforscht. Toxine sind geringe Mengen
       einer höchst  giftigen Substanz,  die von ansonsten unschädlichen
       Bakterien ausgeschieden  werden. Da  es sich  um reines Gift han-
       delt, sind sie nicht ansteckend. Das tausendfach mehr als Nerven-
       gase tödliche Botulinus-Toxin zählt zu den letalsten Giftstoffen.
       1949 zeigte  Dr. Brock  Chisholm, während  des Krieges Leiter der
       kanadischen Forschung für chemische und biologische Kriegführung,
       daß diese  Waffe binnen  sechs Stunden alles menschliche Leben in
       einem bestimmten  Gebiet vernichten könnte, aber innerhalb von 12
       Stunden vollständig  verdunstet und ein völlig bewohnbares Gebiet
       hinterläßt (CBW, S. 13).
       In den USA und anderenorts werden nachweislich Untersuchungen mit
       getrockneten Bakterien  durchgeführt, die  in der  Luft  verteilt
       werden sollen und in der Feuchtigkeit des menschlichen Organismus
       wieder zu  leben beginnen. Das amerikanische Armeechemiekorps er-
       klärte im  Jahre 1960  vor dem  Kongreß, daß  100 000 Pfund eines
       solchen Stoffes ein Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Staa-
       ten. also annähernd 60 Millionen Menschen, vernichten würden.
       Militärische Vorteile  biologischer Waffen:  Das mit einem ersten
       Einsatz wirksam erfaßte Gebiet ist größer als bei chemischen Waf-
       fen. Versuche  haben gezeigt, daß Tausende von Quadratmeilen ohne
       weiteres einbezogen  werden können.  So eignen  sich die biologi-
       schen Waffen  ohne weiteres, gegen große Bevölkerungen eingesetzt
       zu werden.  - Die  biologischen Waffen  wirken wie die chemischen
       direkt gegen  die Bevölkerung  und ihre Nahrungsmittelversorgung,
       und sie  zerstören kein Eigentum. - Sie können sich selbst weiter
       verbreiten, wenn  sie ansteckend  sind.  Ihre  Feststellung  oder
       Identifizierung ist  sogar noch schwieriger als im Falle der che-
       mischen Waffen.  - Einige biologische Waffenwirkstoffe sind nicht
       unbedingt tödlich,  sondern können bloß inaktivieren. Die für die
       Verwendung notwendigen  geringen Mengen  verleihen gegenüber  der
       Vorbereitung, Lagerung und Verbreitung anderer Waffen einen unge-
       heuren Vorteil.  Sie können schnell und zu relativ niedrigen Pro-
       duktionskosten hergestellt  werden. Sie eignen sich zum verborge-
       nen Einsatz  und ziehen  daher nicht  unbedingt einen Gegenschlag
       nach sich.
       Militärische Nachteile  der biologischen Waffen: Glücklicherweise
       gab es  bisher bei  den biologischen  Waffen noch  zu viele unbe-
       kannte Faktoren,  um sie  selbst im  militärischen Sinne zu einem
       nützlichen Instrument  zu machen. Weder ist es möglich, sie genau
       zu dosieren  noch ihre gleichmäßige Verbreitung zu gewährleisten.
       Die Gefahren, daß sich die Infektion auf die eigenen Streitkräfte
       oder das eigene Land ausbreitet oder auf die Tier- oder Insekten-
       population überträgt  und dann  wieder in Erscheinung tritt, sind
       zu groß.  - Massiv  und erkennbar  eingesetzte biologische Waffen
       würden eine  Vergeltung herausfordern,  kleine Mengen sind bisher
       zu unsicher.
       
       2) Der Hintergrund der Entwicklung der chemischen und
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       biologischen Kriegführung und die rechtliche Situation
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       Die Haager  Konvention von  1907 untersagte  "die Verwendung  von
       Gift oder  giftigen Stoffen,  die dazu  geeignet sind, eine über-
       flüssige Schädigung hervorzurufen."
       Die chemische  KriegfÜhrung begann  in kleinem  Ausmaß im  Ersten
       Weltkrieg mit  einem Chlorgasangriff der Deutschen im Jahre 1915,
       obgleich es  allerdings auch  Behauptungen gab, daß die Franzosen
       schon früher  Tränengas angewendet hatten. Ab 1915 wurde von bei-
       den Seiten  zunehmend Phosgen-, Chlor- und Senfgas verwendet, und
       gegen Ende des Krieges waren sogar noch tödlichere Gase, wie z.B.
       Liwisit, zum Einsatz bereit.
       Nach dem  Krieg ergriffen  die USA  die Initiative zum Verbot der
       chemischen Kriegführung. Der von ihnen vorgeschlagene und ratifi-
       zierte Vertrag  von Washington  (1922) stellte die Verwendung von
       Stick-, Gift-  und anderen  Gasen im  Krieg außer  Gesetz. Leider
       wandte sich  Frankreich gegen  die  Einbeziehung  von  bestimmten
       Klauseln in  den Vertrag,  die mit der chemischen Kriegführung in
       keinerlei Zusammenhang  stehen, was zur Ablehnung des ganzen Ver-
       tragswerkes führte.
       Der zweite  Versuch, das  Genfer Protokoll  aus dem  Jahre  1925,
       fügte das zusätzliche Verbot der "bakteriologischen Kriegführung"
       hinzu. Aus verschiedenen Gründen, wie dem wachsenden Isolationis-
       mus, den nachdrücklichen Interventionen der Amerikanischen Chemi-
       schen Gesellschaft und der Amerikanischen Legion, kam das von den
       Vereinigten Staaten  zwar unterzeichnete Protokoll nicht über den
       Senat hinaus.  Großbritannien und 43 andere Staaten ratifizierten
       das Protokoll.  Seit dem  Krieg haben weitere 14 Staaten, so auch
       Indien, Pakistan,  Kuba und eine Reihe afrikanischer Staaten, das
       gleiche getan.  Chinas Zustimmung von 1929 wurde von der Volksre-
       publik China  anerkannt. Das  Vereinigte Königreich,  Frankreich,
       die UdSSR und einige andere Staaten gehören dem Vertrag unter der
       Bedingung der Reziprozität an.
       Das Genfer  Protokoll war wahrscheinlich ein Faktor, der die Ver-
       wendung der  chemischen und biologischen Waffen während des Zwei-
       ten Weltkrieges  verhinderte. Die  Italiener hatten zwar im Krieg
       gegen Abessinien  (1935-1936) Gas  verwendet, und  möglicherweise
       auch die Japaner in China (1937-1942) in geringem Ausmaß.
       Roosevelt erklärte sich 1943 für eine Politik, daß "die USA nicht
       als erste  die chemischen  und biologischen Waffen verwenden wür-
       den". 1945  entwarfen die  Amerikaner gemeinsam  mit  Frankreich,
       Großbritannien und  Rußland die Nürnberger Charta, die Kriegsver-
       brechen und  Verantwortung definiert.  Wenn sie  auch keinen spe-
       ziellen Artikel hinsichtlich der chemischen und biologischen Waf-
       fen enthält, kann doch darauf hingewiesen werden, daß eine derar-
       tige Kriegführung im Rahmen der Klauseln 6 und 7 untersagt ist.
       1960 bekräftigte  Eisenhower in  einer persönlichen Erklärung er-
       neut die  Politik der  USA, "nicht  als erste  die chemischen und
       biologischen Waffen  zu verwenden". 1966 stimmten die Vereinigten
       Staaten einer von Ungarn ausgearbeiteten Resolution der UNO-Gene-
       ralversammlung zu,  welche die strikte Einhaltung des Genfer Pro-
       tokolls seitens aller Staaten forderte.
       Formal unterstützen  die USA gegenwärtig das von ihnen noch immer
       nicht ratifizierte  Protokoll,  mit  Ausnahmen  hinsichtlich  des
       allumfassenden Verbots, und zwar: 1) Pflanzen und Kulturen werden
       vom Protokoll nicht erfaßt, daher sind Entlaubung und Vernichtung
       der Kulturen  zulässig. -  2) Die  USA befinden  sich mit Vietnam
       nicht im  Kriegszustand, das  Protokoll verbietet aber die Anwen-
       dung nur  "im Krieg".  - 3) Die in Vietnam eingesetzten Gase sind
       aufruhrbekämpfende Gase  und fallen  nicht unter das Verbot gegen
       "erstickende, giftige oder analoge Gase".
       Die offizielle britische Haltung zum amerikanischen Gaseinsatz in
       Vietnam schließt  sich diesem  Gesichtspunkt an.  In Beantwortung
       einer parlamentarischen Anfrage erklärte Stewart am 20. Mai 1968:
       "Mir ist hinsichtlich der Verwendung eines tödlichen Gases nichts
       bekannt."
       Bereits vor  der Anwendung  von Gas in Vietnam war die amerikani-
       sche Position vielleicht wegen der Differenzen zwischen dem State
       Department und  dem Verteidigungsministerium widersprüchlich. Das
       Armeefeldhandbuch FM 27-10 "Das Recht der Landkriegführung" (Juli
       1956) stellt ganz ausdrücklich fest: "Die Vereinigten Staaten ha-
       ben keinen  derzeit geltenden Vertrag unterzeichnet, der die Ver-
       wendung von  toxischen oder  nicht-toxischen  Gasen,  Rauch  oder
       Brandstoffen oder von bakteriologischen Waffen im Krieg verbietet
       oder einschränkt."
       
       3) Die amerikanische Beteiligung an der Erforschung
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       und Anwendung der chemischen und biologischen Waffen
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       In den Fünfzigerjahren war die chemische Abteilung der amerikani-
       schen Armee  demoralisiert, ohne  viel Ansehen und in Gefahr, ge-
       schlossen zu  werden. Ihr Budget war bloß mit 35 Millionen Dollar
       jährlich veranschlagt. 1959 beschloß sie, sich mit einer Kampagne
       "Operation blauer Himmel" direkt an die Öffentlichkeit zu wenden.
       Es handelte  sich dabei  um das  kluge neue  Konzept des "Krieges
       ohne Tod"  zur Durchbrechung  des  nuklearen  Stillstandes:  kein
       Blutvergießen, keine  Zerstörung, nur  außer Funktion  setzen und
       dann übernehmen.  Dies war  naiv, aber wirksam. Unterstützung kam
       von der  Regierung und  Privatunternehmen. 1961 hatte das gesamte
       Forschungs- und  Entwicklungsbudget für alle drei Waffengattungen
       57 Millionen  Dollar erreicht.  1964 betrug es 158 Millionen Dol-
       lar. Spätere Ziffern blieben geheim, aber Dr. Steven Rose spricht
       von 300 Millionen Dollar jährlich für die gegenwärtigen Ausgaben.
       Derzeit ist  die Arbeit an den chemischen und biologischen Waffen
       fest in  Großunternehmen, in der Regierung und an den Universitä-
       ten verankert.  Bis zu  65 Prozent des gesamten Entwicklungs- und
       Forschungsbudgets  wurde   gelegentlich  an  Geschäftsunternehmen
       (Newcastle, S.  23) vergeben, und mindestens 50 Universitäten be-
       teiligen sich  an der  chemisch-biologischen Waffenforschung. Die
       chemische Abteilung der Armee führt auch ihre eigenen Forschungen
       durch.
       
       Einige Armeezentren
       -------------------
       
       Edgwood Arsenal:  Hauptzentrum für  die Forschung  an  chemischen
       Waffen. -  Fort Detrick  (Maryland): Zentrum  für die Erforschung
       der biologischen  Kriegführung. Ungefähr 1500 Morgen, 700 wissen-
       schaftliche und  medizinische Personen,  militärische Einrichtung
       mit einem  Wert von  76 Millionen  Dollar. Konzentriert  sich auf
       Milzbrand, Ruhr, Bruzellose (Maltafieber), Strahlenpilzkrankheit,
       Pest und  Tularemie, wobei  versucht wird, bei diesen Krankheiten
       eine Resistenz gegen Antibiotika zu züchten, um sie virulenter zu
       machen. Es  wurden auch  Pflanzenkrankheiten untersucht,  um eine
       wirksame Waffe  gegen die  Reiskulturen zu  finden (Science  133,
       Jan. 1967).  Dieses Zentrum arbeitet mit britischen Wissenschaft-
       lern aus  Porton zusammen.  - Dugway  Versuchsgelände (Utah): er-
       streckt sich  über  ungefähr  1800  Quadratmeilen.  Versuche  mit
       nichttödlichen Stoffen  an freiwilligen  Personen. Im  März  1968
       wurden 25  Meilen von  Dugway entfernt  über 6000 Schafe getötet,
       die Schnee gefressen hatten, der anscheinend durch Nervengas ver-
       giftet war,  das nach Versuchen mit Granaten vom Dugway Versuchs-
       gelände herübergezogen  war. -  Rocky Mountain  Arsenal und  Pine
       Bluff Arsenal: Massenproduktionszentren
       
       Einige kommerzielle Zentren
       ---------------------------
       
       Food Machinery  Corporation, Newport,  Indiana: Hauptwerk für die
       Produktion von Nervengas, Sarin. Beschäftigt 300 Personen und ar-
       beitet seit  1960 im 24 Stundenbetrieb. - Travelers Research Cor-
       poration (Hartford, Conn.): arbeitet an einem System für die Ent-
       wicklung von Pest und Tularemie als Waffe.
       Diese Beschleunigung  der Forschung  wurde nicht nur durch Propa-
       ganda in  der Öffentlichkeit  und die  finanzielle Förderung  von
       Chemieunternehmen, sondern  auch durch Anpassung an die Strategie
       der Regierung  ermöglicht. Die  Forschung war  auf die  folgenden
       Ziele ausgerichtet:
       1) Erhöhte Aktionsfreiheit  unter den  Bedingungen des  nuklearen
       Stillstandes;
       2) praktische Probleme  bei der  Führung eines begrenzten Krieges
       gegen ein  kleines unterentwickeltes Land, und die Notwendigkeit,
       eine wirksame Anti-Guerillawaffe zu finden.
       Die letzten  zehn Jahre  waren in den USA durch eine erhöhte Dul-
       dung des  Gebrauches von  Gasen, aber  auch durch eine verstärkte
       Unruhe bei  den Studenten,  in  wissenschaftlichen  Kreisen,  bei
       Journalisten und  der öffentlichen Meinung gegen diese Waffen und
       die damit  zusammenhängende Forschung gekennzeichnet. Dies führte
       zu der paradoxen Situation, daß bis zur Konferenz über die chemi-
       sche und  biologische Kriegführung  und der  mit ihr  verbundenen
       Kampagne in  diesem Land  in den  Staaten allmählich weitaus mehr
       über diese Probleme durchsickerte als hier.
       
       Chemische und biologische Waffen im Einsatz in Vietnam
       ------------------------------------------------------
       
       Entlaubungsmittel
       -----------------
       
       Erstmals von  der südvietnamesischen  Regierung Ende 1961 verwen-
       det. Goldwaters  Argumente in  der Wahlkampagne  von 1964 für die
       Verwendung von  Entlaubungsmitteln wurden  von Johnson  entrüstet
       zurückgewiesen, obwohl  die Vereinigten Staaten mit der Anwendung
       in begrenztem Maßstab bereits begonnen hatten. Aber nach Johnsons
       Sieg wurde die Entlaubungskampagne verstärkt.
       Ein vom  Pentagon angeforderter  Bericht führt  aus, daß im Jahre
       1967   843 606 Morgen Dschungel und 121 000 Morgen Kulturland mit
       einem Kostenaufwand  von 39  Millionen Dollar besprüht wurden. Es
       war für  1968 geplant,  45 Millionen  Dollar auszugeben,  aber im
       Juni des  gleichen Jahres  berichtete das  amerikanische  Magazin
       "Science" (zitiert  im "Guardian"  vom 25.  Juni), daß der Voran-
       schlag des  Pentagon für  die 12  Monate vom  1. Juli an auf 70,8
       Millionen Dollar  erhöht worden war. Dr. Minarik von Fort Detrick
       gab im  Januar 1968  in einer  Ansprache den weit größeren Betrag
       von fast  100 Millionen Dollar an. Er gestand auch die Verwendung
       eines arsenhaltigen  Sprühmittels, der Kakodylsäure, ein, das be-
       deutend giftiger ist als die gewöhnlichen Pflanzenvertilgungsmit-
       tel. Abgesehen  von den unmittelbaren Folgen - Hungersnot der Zi-
       vilbevölkerung und  die Unmöglichkeit,  die Soldaten  von den Le-
       bensmitteln fernzuhalten  -, sind  amerikanische  Wissenschaftler
       über die langfristigen Wirkungen besorgt: "Wir haben uns auf eine
       massive Umweltbeeinflussung  eingelassen, ohne  uns der  biologi-
       schen Folgen  bewußt zu  sein" (Dr.  Barry Commoner in einer Rede
       vor der  Amerikanischen Vereinigung  für den Fortschritt der Wis-
       senschaft).
       Dr. Galston hob bei der letzten Konferenz über die chemischen und
       biologischen Waffen  hervor, daß die Entlaubung die Durchschnitt-
       stemperatur erhöht,  die Winde  verstärkt, die Niederschläge ver-
       mindert und  die Umwandlung  des Bodens  in Gestein  fördert.  Er
       sprach seine  Besorgnis über  die Verweildauer von Chemikalien im
       Boden aus.  Eine geringgradige  Vernichtung von  Kulturen ist un-
       wirksam, in  genügend großem Maße für die ganze Gemeinschaft aber
       verheerend, insbesondere  in einem  Land, das  sich von  Reis er-
       nährt.
       
       Reizgase
       --------
       
       Es handelt  sich hier um ein weiteres Beispiel der allmählich be-
       schleunigten Verwendung.  Die Reizgase standen erstmalig 1962 zur
       Verfügung, wurden  aber erst  Dezember 1964  im Kampf eingesetzt.
       Der Verteidigungsminister  identifizierte die verwendeten Gase im
       März 1965 als "DM", "CS" und "CN". Sie wurden im Freien und nicht
       zur "Durchspülung"  von Tunnels verwendet. Dean Rusk betonte: "Es
       gab keine  politische Entscheidung,  in Vietnam  den Gaskrieg  zu
       entfachen... Wir  sprechen über  ein Gas,  das von der Polizei in
       der Welt  allgemein als  Mittel zur Aufruhrbekämpfung zum Einsatz
       kommt..., um  zu vermeiden, daß unschuldige Menschen getötet oder
       verletzt werden" ("New York Times" vom 25.3.1965).
       Die überwältigende  Gegenreaktion in den USA führte dazu, daß die
       Verwendung von  Gas zeitweilig  eingestellt oder  zumindest nicht
       bekanntgegeben wurde.  Im September  1965 wurde  ein Offizier des
       Marinekorps nach  Hause geschickt, weil er in einer Militäroffen-
       sive 48 Kanister CN-Gas verwendet hatte. Später wurde er von die-
       ser Beschuldigung  allerdings wieder  freigesprochen.  Möglicher-
       weise wurde  dieser Zwischenfall  inszeniert, um  die öffentliche
       Reaktion zu testen, die unbeachtlich war.
       Ende 1965 wurde der Gebrauch von Gas ausgedehnt. Es gibt Berichte
       von neuen  Gasen, die  in der  ursprünglichen Beschreibung  nicht
       enthalten sind. Von diesem Zeitpunkt an kamen immer mehr Berichte
       über die Verwendung von Gas, um begrenzte Räume, wie Bunker, Tun-
       nels und Schutzräume, zu säubern. Unter den in Vietnam gelagerten
       Gasen befindet  sich CNS, ein Brechreiz erzeugendes Gas, mit län-
       ger anhaltenden  Wirkungen als die durch CS verursachten, und BZ,
       ein lethargisch  machendes Gas,  das zeitweilig das Denken beein-
       flußt. Wegen  der äußerst  strengen Sicherheitsmaßnahmen  und der
       widersprechenden Berichte  in  nichtamerikanischen  Quellen  läßt
       sich nicht  genau feststellen,  welche Gase  in Vietnam verwendet
       wurden. Es ist aber möglich, daß Stoffe in verschiedenen Kombina-
       tionen experimentell auf ihre Wirkung erprobt wurden, daß Gas au-
       ßer zum  taktischen Einsatz zur Säuberung von Tunnelsystemen usw.
       auch zu  Feldversuchen unter  Kampfbedingungen getestet wurde die
       im Versuchsgelände oder im Laboratorium nicht gegeben sind.
       Die Amerikaner stellten sich immer auf den Standpunkt, daß die in
       Vietnam verwendeten  Gase nicht  tödlich sind. Selbstverständlich
       ist diese  Beschreibung für  Gase sinnlos. Ebenso wie Anästhetika
       sind sie  nur dann  nicht tödlich,  wenn sie  richtig  und  unter
       strenger Kontrolle  verwendet werden,  und nicht  dann, wenn  sie
       mittels Mighty  Mite unter  Druck in Tunnels gepreßt oder aus un-
       mittelbarer Nähe eingesetzt werden.
       Dr. Steven Rose berichtete einer Gruppe von Abgeordneten im Juli,
       daß CS-Gas  dokumentarisch nachgewiesen  den Tod von mehr als 350
       Personen verursacht hat ("Guardian", 1. Juli 1968).
       Einige Beispiele  besonderer Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang:
       Die "New  York Times" vom 25. März 1965 berichtete, daß durch den
       Einsatz von nichttoxischem Gas in Tunnels der australische Korpo-
       ral Robert Bowtell getötet wurde, sechs andere Soldaten ins Kran-
       kenhaus eingeliefert  werden mußten, obwohl sie zur Zeit der Ver-
       wendung des  Gases Gasmasken  getragen hatten.  - Der  kanadische
       Arzt Dr.  Vennemma, der  in einem Zivilkrankenhaus in Vietnam ar-
       beitet, berichtete  in einem  Brief an die Amerikanische Vereini-
       gung zur Förderung der Wissenschaft, daß die Todesrate bei den in
       seinem Krankenhaus behandelten zivilen Gasvergifteten bei Kindern
       90 Prozent,  bei Erwachsenen 10 Prozent beträgt. Er sei nicht si-
       cher, ob  es sich  bei dem  fraglichen Gas  um CS gehandelt habe,
       aber unbestreitbar um ein tödliches.
       
       Biologische Kriegführung
       ------------------------
       
       Es kann  nicht direkt  nachgewiesen werden, daß die Amerikaner in
       Vietnam biologische Waffen einsetzen, obwohl klar ist, daß in den
       Staaten ausgedehnte  Forschungsarbeit auf diesem Gebiet geleistet
       wird. Dr.  Robert Ellis,  ein leitender Angestellter der New Eng-
       land Firm  of Travelers Research, bestätigte, daß seine Firma mit
       dem Verteidigungsministerium  einen Vertrag  für die  Entwicklung
       eines zur  Verwendung in  Vietnam geeigneten Systems der Verbrei-
       tung der Pest auf dem Luftwege abgeschlossen hat. Ein Teil dieses
       Projekts befaßt  sich mit der Entwicklung eines Pestbazillenstam-
       mes, der  besonders resistent gegen Antibiotika ist, in einem an-
       deren Teil des Projekts wird die Haltung führender Regierungsmit-
       glieder zu einer möglichen Anwendung der biologischen Waffen stu-
       diert (Viet Report, Juni-Juli 1966).
       Die Gesellschaft  PSR (Physicians  for  Social  Responsibility  -
       Ärzte für  soziale Verantwortung), die hinter diesen Vertrag kam,
       stellt in  einer Untersuchung  fest, daß  sie von  Dr. Ellis, dem
       Verteidigungsministerium und dem State Department widersprechende
       Informationen erhalten  habe. Ein  Beamter des  Weißen Hauses er-
       klärte ihr, daß das State Department seine Opposition zur Verwen-
       dung der bakteriologischen Waffen in einem an den Präsidenten ge-
       richteten entsprechenden  Memorandum im Juni 1965 revidiert habe.
       Eine offizielle Ankündigung darüber erfolgte nicht.
       Tatsache ist,  daß die  WHO-Ziffern über  die Pest  in Südvietnam
       kürzlich erstaunlich angestiegen sind. Früher trat die Seuche im-
       mer seltener  auf, 1954  gab es keinerlei Fälle. Ab 1954 nahm die
       Zahl der Fälle nach und nach zu:
       1964 - 227 Fälle; 1965 - 4500 Fälle; 1966 - 2649 Fälle in den er-
       sten sechs Monaten!
       Die Weltgesundheitsorganisation  war nicht  in der  Lage, spätere
       Statistiken zu  liefern, da  sie der Zensur unterliegen. Ziffern,
       die von  der amerikanischen  Botschaft in  Saigon im  April  1968
       freigegeben wurden, zeigen folgendes Bild:
       1967 - 2438 verdächtige Fälle in den ersten drei Monaten des Jah-
       res 1967;  1968 - 1647 verdächtige Fälle in den ersten drei Mona-
       ten.
       Diese Ziffern  stammen vom südvietnamesischen Gesundheitsministe-
       rium und wurden wahrscheinlich deshalb freigegeben, um das Absin-
       ken von 1967 auf 1968 zu zeigen. Sie sind unmöglich zu überprüfen
       und wahrscheinlich  ungenau, beweisen  aber, daß  die Verbreitung
       der Pest  alarmierend ist.  Natürlich existieren  in Vietnam  die
       klassischen Bedingungen für die Ausbreitung von Epidemien. Obwohl
       die statistischen  Ziffern in den umgebenden Ländern sehr niedrig
       sind, ist es möglich, daß die Krankheit durch Schiffe von Indone-
       sien eingeschleppt wird und sich dann natürlich ausbreitet.
       Amerikanische Soldaten  werden vor  ihrer Abreise  gegen die Pest
       immunisiert und erhalten dann alle vier Monate Nachimpfungen. Ein
       an Pest erkrankter amerikanischer Soldat wurde in die USA zurück-
       geschickt.
       Wenn man  dies im Zusammenhang mit anderen amerikanischen Aktivi-
       täten in  Vietnam und  mit dem Aufwand für die Forschung und Ent-
       wicklung auf dem Gebiet der bakteriologischen Kriegführung sieht,
       kann die  Möglichkeit nicht völlig ausgeschlossen werden, daß die
       Amerikaner Vietnam  als Versuchsgelände für den bakteriologischen
       Krieg benützen,  obwohl die  Wahrscheinlichkeit wegen der Schwie-
       rigkeit der  Sammlung brauchbarer statistischer Angaben und wegen
       der mit einem solchen Schritt verbundenen Gefahren entfernt ist.
       
       4) Wie steht es um die Politik und Arbeit anderer Länder
       ========================================================
       auf dem Gebiet der chemischen und biologischen Kriegführung?
       ============================================================
       
       Es muß  angenommen werden,  daß auf dem Gebiet der chemischen und
       biologischen Kriegführung  in den  meisten größeren  Ländern  der
       Welt Forschungsarbeit  geleistet wird. Mehr weiß man über die Ar-
       beit in  den Vereinigten Staaten, und zwar aus folgenden Gründen:
       a) Es  ist das einzige Land, das gegenwärtig die chemische Krieg-
       führung anwendet,  und dies  in großem  Maßstab; b)  die unkonse-
       quente Sicherheitspolitik  hinsichtlich der chemischen und biolo-
       gischen Kriegführung  in den  letzten Jahren  hat die Verbreitung
       von Informationen  begünstigt; c)  das Anwachsen der Protestbewe-
       gung der Studenten und Wissenschaftler gegen den Vietnamkrieg hat
       Informationen ans Licht gebracht.
       Ähnliche Forschungsarbeit  wird in  Kanada (Southern Alberta) und
       in Rußland (nahe der Kaspischen See) unternommen. Die von den Ja-
       panern in  den Dreißigerjahren in der Mandschurei errichtete Sta-
       tion wird  wahrscheinlich von der chinesischen Regierung benützt.
       Die USA  berichteten über  die Entdeckung von Verstecken von Gas-
       granaten chinesischer Provenienz in Vietnam. Es scheint klar, daß
       angeblich von  Ägypten geliefertes  Senfgas im  Yemen zum Einsatz
       kam. Es  gab auch unbestätigte Beschuldigungen, daß auch V-Stoffe
       verwendet worden  seien. Als  sich im  Mai 1968  bei Studenten in
       Frankreich durch  den Einsatz  von CS lang anhaltende und schwere
       Wirkungen zeigten,  wurde klar, daß dieses Gas auch in Frankreich
       existiert.
       
       5) Wie steht Großbritannien zu der chemischen
       =============================================
       und biologischen Kriegführung?
       ==============================
       
       Rechtlich ist  die britische  Haltung ganz  offen und  eindeutig.
       Großbritannien hat  das Genfer  Protokoll  unterzeichnet,  behält
       sich jedoch das Recht der Vergeltung vor, falls es mit chemischen
       oder biologischen  Waffen angegriffen  werden sollte. Die gesamte
       Forschungsarbeit dient  in diesem Lande der Aufgabe, etwaige che-
       mische oder  biologische Waffen  zu identifizieren  und Verteidi-
       gungsmaßnahmen dagegen zu entwickeln.
       In Wirklichkeit  ist diese  Haltung jedoch  nicht so einfach, wie
       dies immer deutlicher durch öffentliche Anfragen und einen gewis-
       sen Druck  zum Ausdruck  kommt, der  sich seit  der Konferenz der
       J.D. Bernal Peace Library im Februar 1968 entfaltet hat.
       Großbritannien tauscht im Rahmen des Programms für technische Zu-
       sammenarbeit vom Jahre 1958 und dem Grundnormen-Abkommen von 1964
       wissenschaftliche Informationen  mit den  USA, Kanada und Austra-
       lien aus,  obwohl die  genauen Bedingungen  dieser Abkommen nicht
       bekannt gemacht  wurden. Sie  sind allgemein  als Vierer-Abkommen
       bekannt. Dies  bedeutete, daß die USA die kurz nach dem Krieg ge-
       machte britische  Wiederentdeckung des  CS  übernahmen  und  wei-
       terentwickeln konnten:  "Wir hatten das Glück, in der unmittelba-
       ren Nachkriegszeit  einen Wirkstoff  namens CS wiederzuentdecken,
       da dieses chemische Produkt bereits vorher hergestellt worden war
       und praktisch 15 Jahre lang weltweit in Verwendung stand und auch
       weiterhin noch  steht. Durch  dieses Gas muß man weinen, die Nase
       schmerzt, es  schnürt die  Brust zusammen  und verursacht Husten-
       reiz. Dies  dauert so  lange, als man sich in der Gaswolke befin-
       det, die natürlich wahrscheinlich unsichtbar ist. Aber sobald man
       innerhalb von  fünf bis  zehn Minuten  aus der Wolke herauskommt,
       verschwinden die  Wirkungen, obwohl  man vorher  in der Wolke ge-
       glaubt hat, sterben zu müssen, und man erholt sich nachher wieder
       vollständig" (Eric  Haddon, CDEE,  Porton, in  der Fernsehsendung
       "Eine Heimsuchung für eure Kinder").
       1960 bestätigte  das britische  Verteidigungsministerium, daß  es
       Detailangaben über  den Herstellungsprozeß  von Nervengas  an die
       USA weitergeleitet habe: "Nehmen wir die Nervenwirkstoffe. Einige
       der zuletzt  entwickelten waren das Ergebnis der Arbeit eines In-
       dustriekonzerns in  unserem Lande für bessere Insektizide. Er in-
       formierte uns,  daß er  eine wirklich niedrige Toxizität für Men-
       schen erreichen  wollte, aber  zu seinem  Schrecken  festgestellt
       habe, daß  einige der  von ihm hergestellten Stoffe eine ziemlich
       hohe Toxizität  besitzen. Wir  gingen der Sache tatsächlich nach,
       informierten die Amerikaner im Rahmen unserer Verbindung, und die
       Amerikaner stellen  diesen Stoff,  wie Sie  wissen, jetzt tonnen-
       weise für  offensive Zwecke  her" (Eric  Haddon, CDEE, Porton, in
       der Fernsehsendung: "Eine Heimsuchung für eure Kinder").
       Am 30.  Juni 1968  berichtete der  "Sunday Observer",  daß das US
       Journal of  Microbiology (Zeitschrift  für allgemeine Mikrobiolo-
       gie) einen  Artikel veröffentlicht  hatte, der die Zusammenarbeit
       zwischen britischen Wissenschaftlern in Porton und amerikanischen
       Wissenschaftlern in  Fort Detrick auf dem Gebiet des Pestbazillus
       beschreibt. Dr.  Bernard Dixon,  stellvertretender  Chefredakteur
       von "World  Medicine", erklärte, daß diese Gemeinschaftsforschung
       möglicherweise zu  der Herstellung eines der gefährlichsten Orga-
       nismen führen könnte, die die Welt jemals gekannt hat.
       
       Die Einrichtungen in Porton
       ---------------------------
       
       Über diese beiden Einrichtungen war in der Öffentlichkeit bis zum
       Zeitpunkt der  BBC-Fernsehsendung vom  6. Juni 1968 "Eine Heimsu-
       chung für eure Kinder" und des Berichtes des Komitees für Wissen-
       schaft und Technik, der am 8. Juli 1968 veröffentlicht wurde, we-
       nig bekannt.  Dieser Bericht  erschien teilweise  zensuriert. Die
       Zeitschrift "Nature" erklärte dazu: "Wie in einem viktorianischen
       Roman hat die Aussage die Tendenz, sich in Augenblicken der Span-
       nung in  eine Reihe  von Sternchen  aufzulösen, um die Schrecken,
       die zu furchtbar sind, ausgesprochen zu werden, nur anzudeuten."
       
       CDEE - The Chemical Defence Experimental Establishment
       ------------------------------------------------------
       (Experimentelle Abteilung für chemische Verteidigung)
       -----------------------------------------------------
       
       Sie wurde  1916 vom  Kriegsministerium geschaffen,  um die Gefahr
       der chemischen  Kriegführung zu untersuchen und einzuschätzen und
       die drei  Waffengattungen über  die Möglichkeiten des Schutzes zu
       beraten. Für  den Betrieb  ist ein Aufwand von 1 600 000 Pfund im
       Jahr erforderlich.  Die Abteilung  beschäftigt 70 Wissenschaftler
       und Ingenieure  sowie 120  Laboranten. Die  Installation hat eine
       Ausdehnung von  7000 Morgen für Versuche, verfügt aber selbstver-
       ständlich auch über Arbeitsmöglichkeiten in den größeren Geländen
       in den USA und Kanada. Porton unterhält eine Außenstation in Nan-
       cekuke, Cornwall,  wo die  Möglichkeit für  die Produktion chemi-
       scher Stoffe  in militärischen  Quantitäten untersucht  wird.  In
       Nancekuke wird  CS hergestellt. Ein Teil davon wird in die Schur-
       muley Fabrik  nach Guildford  gesandt, dort in Kanister abgefüllt
       und ungefähr  an die Hälfte der Polizeikräfte im Lande geliefert.
       Ungefähr sechs  Tonnen jährlich  werden an  ausländische Polizei-
       kräfte exportiert,  was ca.  25 000 Pfund  einbringt. Das von den
       USA in  Vietnam verwendete  CS wird nicht in unserem Lande herge-
       stellt. Parlamentarische  Anfragen über  die genaue Situation der
       Lizenzabkommen mit  den USA  wurden vom  Verteidigungsministerium
       nicht völlig klar beantwortet.
       Das Nervengas  VX wird  ebenfalls in  Nancekuke, aber nur in Ver-
       suchsquantitäten hergestellt.
       
       MRE - The Microbiological Research Establishment
       ------------------------------------------------
       (Die Abteilung für mikrobiologische Forschung)
       ----------------------------------------------
       
       Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges geschaffen. Sie verfügt
       über 48  Wissenschaftler und  76 Laboranten  und kostet  jährlich
       500 000 Pfund.  Über 80  Prozent der hier durchgeführten Arbeiten
       wird in der Literatur veröffentlicht.
       Obwohl die  Leiter betonen, daß beide Abteilungen in erster Linie
       für die  militärische Verteidigung  arbeiten, haben  sie auch auf
       dem zivilen  Sektor zur  Entwicklung besserer Luftfilter, Schutz-
       kleidung und verschiedener Impfstoffe beigetragen.
       Ein Mitglied  des amerikanischen Normenausschusses im Vereinigten
       Königreich und  13 Offiziere  sind in  Porton stationiert, um die
       Standardisierung der Ausrüstung mit den USA und unseren bewaffne-
       ten Streitkräften  zu gewährleisten.  Es gibt  auch Standardisie-
       rungsabkommen  mit   der  NATO   und  bilaterale   Abkommen   mit
       NATO-Ländern.
       Die CDEE  in Porton  hat 27  Forschungsaufträge an  Universitäten
       vergeben, MRE  fünf. Keiner steht unter besonderer Geheimhaltung.
       Die mit  der Arbeit betrauten Universitäten haben sich allerdings
       einverstanden   erklärt,    vor   einer    Veröffentlichung   das
       "Department" zu  konsultieren. Die  Genehmigung könnte verweigert
       werden, wenn es das nationale Interesse und die nationale Sicher-
       heit erfordern  (Parlamentarische Beantwortung  durch den  Unter-
       staatssekretär für Verteidigung, 26. Februar 1968).
       
       Wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit über die chemischen
       ----------------------------------------------------------
       und biologischen Waffen in Großbritannien
       -----------------------------------------
       
       Seit Januar  1969 ist eine wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit
       über die  chemischen und  biologischen Waffen  im allgemeinen und
       die britische Beteiligung an den amerikanischen Aktionen in Viet-
       nam im besonderen festzustellen.
       1) Parlamentsmitglieder stellten  Fragen, um Licht in die folgen-
       den Angelegenheiten zu bringen: Geheimgehaltene Verteidigungsauf-
       träge an  den Universitäten;  der genaue Charakter des Vierer-Ab-
       kommens für  Informationen; die  Arbeit in  Porton und Nancekuke;
       das Verhältnis  zwischen den  britischen und  den  amerikanischen
       chemischen und biologischen Waffen.
       2) Viele britische  Wissenschaftler einschließlich der Hälfte al-
       ler britischen  Nobelpreisträger führen eine Kampagne für die Be-
       kanntgabe der  gesamten von  der MRE in Porton durchgeführten Ar-
       beit und  für die Übertragung dieser Arbeit aus der Kompetenz des
       Verteidigungsministeriums in die einer Zivilbehörde, vorzugsweise
       des Gesundheitsministeriums.  "Wir haben  gesehen, wie  britische
       chemische Forschungsergebnisse den Amerikanern zugänglich gemacht
       worden sind,  die offensive  Waffen entwickeln. Es könnte nun die
       Situation eintreten,  daß die britische biologische Forschungsar-
       beit von den Amerikanern benützt wird, um Waffen für den Bakteri-
       enkrieg zu  entwickeln" (Maurice  Wilkins, "Guardian",  27.  Juni
       1968). Wilson  antwortete, daß  einige geheime  Maßnahmen wichtig
       seien, um  die Bereitschaft  des Landes  sowie einige  Stoffe, an
       denen wir arbeiten, nicht preiszugeben.
       3) Gruppe gegen die chemischen und biologischen Waffen: ins Leben
       gerufen von Frau Compton in Devon und in Zusammenarbeit mit ande-
       ren Gruppen wie FOR und CND gebildet, um Teach-ins abzuhalten und
       an Zeitungen zu schreiben.
       4) Studentengruppen, insbesondere  an der  Universität von Essex,
       haben Demonstrationen durchgeführt.
       Die Regierung hat auf diesen Druck hin mit der Ankündigung geant-
       wortet, daß  es bei  der MRE  in Porton "Offene Tage" geben werde
       und daß  der Staatsminister  für Abrüstung,  Fred Mulley, der 18-
       Staaten-Abrüstungskonferenz in  Genf am 6. August 1969 Vorschläge
       überbringen wird.
       
       Das britische Arbeitsdokument über die chemische
       ------------------------------------------------
       und biologische Kriegführung
       ----------------------------
       
       Die chemische  und die  biologische Kriegführung  sollen getrennt
       behandelt werden.
       Die Forschungsarbeit  für chemische  Waffen erfordert  in  vielen
       Ländern bereits beträchtliche Investitionen. Gase wurden im Krieg
       schon verwendet;  die Frage der Unterscheidung zwischen tödlichen
       und nichttödlichen Gasen ist zu kompliziert.
       Die Frage  der chemischen Kriegführung sollte daher zwecks Ausar-
       beitung eines  Berichts über den Charakter und die Anwendung che-
       mischer Waffen an den UNO-Generalsekretär verwiesen werden.
       Es gibt  Vorschläge für eine neue Konvention zum Verbot mikrobio-
       logischer Methoden  der Kriegführung, um das Genfer Protokoll von
       1925 zu  ergänzen, aber nicht zu ersetzen. Jene Staaten, die sich
       der Konvention anschließen, würden zustimmen, solche Methoden der
       Kriegführung unter keinen Umständen anzuwenden und auch keinerlei
       Forschungsarbeit auf  dem Sektor  der mikrobiologischen Waffen zu
       unternehmen.
       Die Schwierigkeiten  der Überprüfung  und Kontrolle  werden aner-
       kannt; es  wird jedoch vorgeschlagen, eine kompetente Instanz von
       Experten unter  den Auspizien  der UNO  zu schaffen, die alle Be-
       schuldigungen der  Anwendung mikrobiologischer Waffen zu untersu-
       chen hätte. Es sollten Bestimmungen für die Vernichtung aller ge-
       lagerten mikrobiologischer  Waffen und  Zusatzgeräte und  für die
       Aufhebung der  Geheimhaltung über  die Forschungsarbeit  auf ver-
       wandten Gebieten erlassen werden.
       Die russische  Reaktion war, daß es wichtiger wäre, Möglichkeiten
       in Betracht  zu ziehen,  um das Genfer Protokoll wirksamer zu ma-
       chen, und  alle Länder, insbesondere die USA und Japan, zu veran-
       lassen, es  zu ratifizieren.  Herr Roschtschin  berief sich dabei
       auf den  Appell der UNO-Generalversammlung von 1966, der zum Bei-
       tritt aufrief und dem die USA bereits zugestimmt haben.
       Die amerikanische  Reaktion war neutral. "Die Vereinigten Staaten
       unterstützen weiterhin  die verdienstvollen Ziele des Genfer Pro-
       tokolls. Die  neue von  Großbritannien vorgeschlagene  Konvention
       würde das Genfer Protokoll nicht aufheben, sondern ergänzen."
       Man kommt  schwer um  das Gefühl  herum, daß es sich hier bei der
       britischen Regierung  um den  Versuch handelt, die Kritiker ihrer
       Politik hinsichtlich  der chemischen  und biologischen  Waffen im
       eigenen Lande  zu entwaffnen,  ohne sich gegen die amerikanischen
       Praktiken der  chemischen Kriegführung stellen oder sie diskredi-
       tieren zu  müssen. Es  wäre allerdings  bedauerlich, wenn man zu-
       ließe, die  Frage fallen  zu lassen. Ein UNO-Bericht über die An-
       wendung chemischer Waffen könnte ein Anfang sein. Die Pugwash-Ex-
       perimente für die Möglichkeit einer Untersuchung der biologischen
       Waffenforschung und für Methoden zur raschen Aufdeckung mikrobio-
       logischer Wirkstoffe  in der  Luft könnten mehr Schutz bieten als
       die Schaffung einer internationalen Körperschaft zur Untersuchung
       von Beschuldigungen  über die  Anwendung biologischer Waffen nach
       erfolgtem Einsatz.
       
       6) Welche Probleme ergeben sich aus der Forschung und
       =====================================================
       Anwendung der chemischen und biologischen Kriegführung?
       =======================================================
       
       Argumente für  die Fortsetzung der gegenwärtigen britischen Poli-
       tik der geheimen Forschung und für das Recht auf Vergeltung:
       1) Diese Politik  ist notwendig für die richtige Verteidigung des
       Landes. -  Es gibt das Beispiel der abschreckenden Wirkung durch-
       gesickerter Berichte  über die geheime Forschung im Zweiten Welt-
       krieg. -  Es besteht die Gefahr, daß andere Länder unsere Geheim-
       nisse erfahren  und diese  für offensive Zwecke gegen uns verwen-
       den. -  Durch das  Vierer-Abkommen haben wir Zugang zu den großen
       Einrichtungen der amerikanischen Forschung und wenden daher wenig
       Geld für  unsere eigene  Forschung auf.  Dies würde  sich ändern,
       wenn die  Geheimhaltung aufgehoben  wird. - Die Aufrechterhaltung
       einiger geheimer  Arbeiten würde es dem Land ermöglichen, auf in-
       tensivere militärische  Arbeit umzuschalten,  wenn sich  dies als
       notwendig erweisen  sollte. -  Die Arbeit  in unserem  Lande  ist
       nicht provokatorisch  und bewegt sich in einem so kleinen Rahmen,
       daß eine Lagerung vermieden werden kann. Wir haben auch keine Ar-
       beit an  Beförderungssystemen unternommen.  - Zum Unterschied von
       einem nuklearen  Angriff könnte einem chemischen und biologischen
       Angriff Widerstand geleistet werden, da es vernünftige Aussichten
       auf Gegenmittel  gibt. Es  ist die Aufgabe von Porton, sie zu er-
       forschen, zu  erproben und  einzusetzen. - Die Kenntnis eines po-
       tentiellen Feindes,  daß wir gegen ein spezifisches Gas oder eine
       biologische Waffe  geschützt sind, könnte ihn zur Änderung in der
       Wahl des Wirkstoffes veranlassen.
       2) Man kann  keine Waffe ignorieren, die im Krieg die Möglichkeit
       bietet, den Sieg herbeizuführen und die Zahl der Opfer zu vermin-
       dern. Ein zivilisierter Krieg ist nicht möglich. Jede Unterschei-
       dung zwischen zum Beispiel Napalm und Gas ist falsche Moral. Wenn
       unser Land  jemals in  einen Krieg gerät, muß es mit allen ihm zu
       Gebote stehenden Waffen kämpfen, um zu gewinnen.
       3) Wir müssen  auf internationaler Ebene versuchen, die Kontrolle
       über die  chemischen und  biologischen Waffen zu gewinnen, dürfen
       aber unsere  eigene Forschung  nicht einstellen,  bis eine solche
       Kontrolle gesichert ist.
       Im Laufe der Zusammenstellung dieses Materials wurden Kritiken an
       der derzeitigen  Haltung des  Vereinigten Königreiches  laut, die
       nachstehend zusammengefaßt sind:
       1) Im Interesse  einer weiteren  Abrüstungskontrolle sollten Vor-
       schläge oder  Praktiken vermieden  werden, die  die Gefahr  einer
       Verwässerung des  einzigen Waffenverbots  mit sich  bringen,  das
       während des Zweiten Weltkrieges standgehalten hat.
       2) In Friedenszeiten  ist eine  Geheimhaltung eher provokatorisch
       als schutzbietend.  Selbst im  Zweiten Weltkrieg war es nicht die
       Geheimhaltung die uns vor Gasangriffen schützte, sondern weil wir
       absichtlich durchsickern ließen, daß wir darauf vorbereitet sind.
       Professor E.H.S.  Burhop von der Universität London erklärte laut
       Berichten, daß  es durch die Veröffentlichung von Ergebnissen ein
       zu erwartendes  Risiko geben könnte, da eine erfolgreiche wissen-
       schaftliche Entdeckung  eines Mikroorganismus oder eines schädli-
       chen  Stoffes  einem  anderen  Lande  zugänglich  gemacht  werden
       könnte. Ein  solches Ereignis scheint jedoch unwahrscheinlich, da
       alle auf  diesem Sektor  arbeitenden Länder  ungefähr gleich weit
       und ungefähr auf dem gleichen Niveau fortgeschritten sind.
       Die Bekanntgabe  von Verteidigungsmaßnahmen  muß deren Wert nicht
       unbedingt herabsetzen.  Eine wirksame  Verteidigung könnte  durch
       die Demonstration des Wissens erhöht werden.
       3) Die Folgen  der geheimen  Forschung und  der Verteidigungsauf-
       träge an Universitäten sind besonders in Friedenszeiten beunruhi-
       gend und  sprechen gegen die wirklich freie und offene Forschung,
       die ein Merkmal der Welt des Lernens sein muß.
       4) Die moralische  Auflehnung gegen  die chemischen  und biologi-
       schen Waffen  sollte nicht  unterschätzt werden. Sie richtet sich
       aber mehr gegen die britische Haltung im Rahmen des Vierer-Abkom-
       mens als  gegen die Waffen an sich. Dies kommt in der nachstehen-
       den Meinung  zum Ausdruck:  "Wie können  es die  Politiker wagen,
       Hoffnungen in internationale Kontrollen zu setzen und eine Tugend
       in der  Tatsache zu  sehen, daß  Großbritannien diese  Waffe noch
       nicht verwendet aber insgeheim Alliierten überlassen hat, die sie
       einsetzen können oder könnten? Man kann nur Entrüstung empfinden,
       daß die  Nation in  eine so  schwierige Lage versetzt worden ist"
       (Aus einem Inserat in einer nationalen Kirchenzeitschrift).
       "Was jedoch  viele von  uns mit  Sorge erfüllt, ist die Frage, ob
       die Ergebnisse ihrer Untersuchungen... an Instituten jenseits un-
       serer Grenzen mitgeteilt werden. Sind es nicht gerade jene, nicht
       an die  Genfer Konvention gebundenen Institutionen, die praktisch
       mit der  Weiterentwicklung und  Perfektionierung gerade jener In-
       strumente des  chemischen Angriffes  beschäftigt sind,  gegen die
       Porton die  Gegenmittel sucht (Lord MacLeod in einem Brief an die
       "Times" vom 28. Juni 1968)?"
       Die britische Zusammenarbeit mit den USA zusammen mit unserer ei-
       genen Forschung  weckt den Argwohn anderer Länder und trägt nicht
       dazu bei, ein Kontrollabkommen zu erreichen.
       5) Ist das  Endergebnis dieser  Form der Forschung dazu bestimmt,
       die Möglichkeit  der chemischen  und biologischen Kriegführung zu
       vergrößern oder  zu verringern?  Die  Vereinigung  amerikanischer
       Wissenschaftler (Federation  of American  Scientists)  veröffent-
       lichte im  Mai 1968  eine Erklärung,  die auch für unser Land an-
       wendbar ist: "Es ist für eine reiche Nation mit der stärksten Ab-
       schreckungsmacht auf Erden verrückt, andere Nationen zur Entwick-
       lung billiger  Waffen zu ermutigen, die unsere Macht neutralisie-
       ren oder unser Volk vernichten könnten... Wir sollten weder durch
       unsere Handlungen  noch durch unsere Erklärungen die Stichhaltig-
       keit der chemischen und biologischen Kriegführung erhöhen."
       Wenn wir unsere geheime Forschung über die chemische und biologi-
       sche Kriegführung  fortsetzen, haben wir mehr zu verlieren als zu
       gewinnen.
       6) Garantiert die  in Porton  durchgeführte Arbeit  wirklich  die
       Verteidigung unseres Landes gegen die chemischen und biologischen
       Waffen?
       Die einzigartige Empfindlichkeit des Vereinigten Königreiches für
       einen derartigen Angriff wurde bereits betont, denn wir sind eine
       kleine Insel  mit großen Bevölkerungskonzentrationen und ziemlich
       permanenten Westwinden ausgesetzt.
       Trotz den  Versicherungen von  Regierungssprechern und den Abtei-
       lungsdirektoren in  Porton bietet  die dort  durchgeführte Arbeit
       keine Verteidigung für die Zivilbevölkerung. Ein Angriff mit ähn-
       lichen Nervengasen, wie sie in den Fünfzigerjahren in Porton ent-
       wickelt wurden,  würde uns  ohne Verteidigungsmöglichkeit lassen.
       Wir haben  keine Schutzkleidung,  keine  Luftfiltergeräte,  keine
       Atropinspritzen  oder  Immunisierungsmethoden  für  den  Zivilge-
       brauch. Die  einzige Verteidigungsmöglichkeit gegen einen Angriff
       mit chemischen  oder biologischen Waffen ist eine hinreichend in-
       formierte und  offen geschützte  Bevölkerung. Will unser Land das
       Geld ausgeben,  das für die Gewährleistung eines solchen Schutzes
       notwendig ist?
       7) Die Argumente  gegen die Anwendung von Gasen oder biologischen
       Waffen in  jedem Maße  oder unter  allen Umständen bedeuten keine
       falsche Moral.
       Die chemischen und biologischen Waffen sind wie die nuklearen als
       totale Waffe anzusehen, die potentiell die ganze Bevölkerung ver-
       nichten können.  Der Angriff eines einzigen Bombers mit Nervengas
       könnte derzeit  eine gleiche  Zahl von  Toten zur Folge haben wie
       der Atombombenangriff  auf Hiroshima  und Nagasaki. "Feldversuche
       mit biologischen  Waffen und  insbesondere der  tatsächliche Aus-
       bruch eines  mit biologischen  Waffen  geführten  Krieges  würden
       heutzutage eine  Bedrohung der gesamten Menschengattung bedeuten"
       (M. Mesdon  bei der Konferenz über chemische und biologische Waf-
       fen im Februar 1968).
       
       Einige Vorschläge für eine Änderung der britischen Politik
       ----------------------------------------------------------
       und für eine Kontrolle der chemischen und biologischen Waffen
       -------------------------------------------------------------
       
       1) Neuerliche Bestätigung  und Konsolidierung  des Genfer  Proto-
       kolls von 1925. - Schluß mit der falschen Unterscheidung zwischen
       "tödlichen und  nichttödlichen" Gasen.  Ein erster Schritt hierzu
       könnte die  Ausarbeitung eines Berichtes seitens des UNO-General-
       sekretärs über Gase und die Folgen ihrer Anwendung sein, wie dies
       von Fred  Mulley in  Genf vorgeschlagen  wurde. - Arbeit im Sinne
       des Abkommens  über die "offene Forschung" auf dem Gebiet der Mi-
       krobiologie, wie  es von  den  Pugwash-Konferenzen  ausgearbeitet
       wurde, das  es jedem  Lande nahezu  unmöglich machen  würde, eine
       biologische Waffe geheim zu erproben.
       2) Beendigung des  Informationsabkommens hinsichtlich  der chemi-
       schen und biologischen Waffen mit den USA, Kanada und Australien.
       3) Einstellung jeden Exports von chemischen Wirkstoffen.
       4) Überstellung von  Porton in die Kompetenz des Gesundheitsmini-
       steriums und freier Zutritt für die Öffentlichkeit in Porton.
       5) Information der  Öffentlichkeit über die Fakten der chemischen
       und biologischen  Waffen wie  in Schweden,  so daß Entscheidungen
       auf Grund  der Kenntnis  der Sachlage über eine etwaige Verteidi-
       gung und deren Kosten getroffen werden können.
       
       Aus einer  Dokumentation des  "Internationalen Instituts  für den
       Frieden", Wien, Januar-März 1969; unwesentlich gekürzt.
       

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