Quelle: Blätter 1969 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHES GUTACHTEN ÜBER DIE SCHAFFUNG
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       VON VORAUSSETZUNGEN ZUR PRODUKTION VON KERNWAFFEN IN DER
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       BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
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       Einleitung
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       Bei der  Beurteilung der  Voraussetzungen für eine Produktion von
       Kernwaffen in  Westdeutschland müssen  die besonderen Bedingungen
       beachtet werden,  unter denen  sich Kernforschung und Kerntechnik
       in Westdeutschland  entwickeln. Es ist zu erwarten, daß diese be-
       sonderen Bedingungen  zu anderen technischen Lösungen führen, als
       sie von den "alten" Atommächten realisiert wurden.
       Die Entwicklung  der friedlichen  Kernenergetik baute  in  diesen
       Ländern auf den durch das militärische Programm geschaffenen Mög-
       lichkeiten auf.
       Länder, die  die Kernenergie  primär zu  friedlichen Zwecken nach
       ökonomischen  Gesichtspunkten  entwickeln,  schaffen  sich  damit
       zwangsläufig auch bestimmte technische Voraussetzungen, die durch
       ein später anlaufendes militärisches Programm genutzt werden kön-
       nen. Das  gilt insbesondere  dann, wenn  das betreffende Land auf
       dem Kernenergiesektor  eine, wenn  auch beschränkte, Autarkie an-
       strebt.
       Angesichts des  offenen Strebens  der Bundesregierung nach Verfü-
       gung über  Kernwaffen in irgendeiner Form erschien es uns notwen-
       dig zu  analysieren, inwieweit  in Westdeutschland  durch das be-
       kannte bundesdeutsche Kernenergieprogramm Voraussetzungen für die
       Produktion von  Kernwaffen geschaffen werden. Das Resultat dieser
       Analyse ist in dem vorliegenden Gutachten zusammengefaßt. Es wird
       der Nachweis  geführt, daß  durch die forcierte Entwicklung einer
       möglichst autarken  Kernenergiewirtschaft in  naher Zukunft  eine
       lückenlose Kette  von Einrichtungen geschaffen sein wird, die die
       Herstellung eigener  Kernwaffen ohne erhebliche zusätzliche Inve-
       stitionen ermöglicht. Die für den letzten Schritt zur Entwicklung
       und Produktion  der eigentlichen Kernwaffen benötigten Kenntnisse
       und Spezialisten sind zur gegebenen Zeit ebenfalls vorhanden.
       Bei der  Analyse der  Entwicklung in  der Bundesrepublik sind die
       spezifischen Gegebenheiten  des Landes zu berücksichtigen. In der
       Bundesrepublik sind  zwei Hauptrichtungen  zu erkennen. Am weite-
       sten fortgeschritten  ist der in enger Zusammenarbeit mit den Re-
       aktorkonzernen der  USA erfolgte  Aufbau einer  Industrie für den
       Bau von  Leichtwasserreaktoren (Siedewasserreaktoren  der AEG und
       Druckwasserreaktoren  von  Siemens-Schuckert).  Dieser  Weg  kann
       autark fortgeführt werden, bis auf die Lieferung des angereicher-
       ten Urans,  das z.Z.  nur aus  den USA  bezogen werden  kann. Der
       zweite Weg  wird ebenfalls  von Siemens-Schuckert mit Natur-Uran-
       Schwerwasser-Reaktoren verfolgt.  Die aus  der Zeit  des  Zweiten
       Weltkrieges stammende  Beherrschung des  Natur-Uran-Marktes durch
       die USA, England und Kanada ist im Schwinden, und die Bundesrepu-
       blik ist  aktiv in  dem Bestreben,  sich ausländische Reserven zu
       sichern. Falls  erforderlich, kann  ein beschränktes Programm mit
       den Uranvorkommen  der Bundesrepublik  völlig autark durchgeführt
       werden.
       
       Bemerkungen zum Stand der industriellen Entwicklung in der
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       Bundesrepublik und zu den internationalen Beziehungen
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       Seit 1955  werden in  der Bundesrepublik  Arbeiten auf dem Gebiet
       der Kernforschung  in größerem  Ausmaß durchgeführt.  Diese  For-
       schungen werden  durch umfangreiche  staatliche Mittel gefördert.
       Anlagen der  Großforschung wurden von Bund und Ländern in Organi-
       sationsformen des Privatrechts errichtet, wobei die Tendenz deut-
       lich erkennbar  ist, in  steigendem Maße  Forschungsinstitute  in
       Bundeseigentum  überzuführen   (Kernforschungszentrum  Karlsruhe,
       neuerdings auch  Kernforschungsanlage  Jülich  und  Institut  für
       Plasmaphysik in  Garching). Grundlagenforschung,  angewandte For-
       schung und  technische Entwicklung sind häufig in diesen Institu-
       tionen zusammengefaßt. Damit erlangt die Bundesregierung größeren
       Einfluß auf  die bedeutendsten Kernforschungszentren und hat grö-
       ßere Möglichkeiten  zur  Geheimhaltung.  Viele  Industriekonzerne
       sind an der Entwicklung und Produktion von kerntechnischen Ausrü-
       stungen beteiligt. Durch die Unterstützung der führenden Konzerne
       der USA  auf dem  Gebiet des Reaktorbaues wurde einigen Monopolen
       der Bundesrepublik ermöglicht, eine eigene Reaktorbauindustrie zu
       schaffen.
       Der Direktor für Wirtschaft bei der damaligen Euratom-Kommission,
       Dr. H.  Michaelis, erklärte  am 31.3.1965:  "Während französische
       Einzelunternehmen kaum in der Lage sind, komplette Kernkraftwerke
       zu bauen,  können die  deutschen Reaktorbaugruppen  entsprechende
       Arbeiten leisten".  Gegen starke Konkurrenz aus den USA, Großbri-
       tannien, Frankreich und Kanada hat die Siemens AG den Auftrag zur
       Errichtung eines  Kernkraftwerkes mit Schwerwasser-Reaktor in Ar-
       gentinien erhalten. Dieser Reaktor soll eine elektrische Leistung
       von 318 MW entwickeln; er stellt eine Weiterentwicklung des Mehr-
       zweckforschungsreaktors (MZFR) dar. Dieser Auftragserteilung gin-
       gen Verhandlungen auf Regierungsebene voraus. Wie der "Industrie-
       kurier"  vom  22.2.1968  mitzuteilen  wußte,  hatte  die  Bundes-
       regierung eine  Kapitalhilfe von  10 Prozent des Auftragsvolumens
       zugesagt, wenn der Auftrag einer westdeutschen Firma zugeschlagen
       wird.
       Durch Ausnutzung  der Möglichkeiten  der  internationalen  Zusam-
       menarbeit und  die Bereitstellung  großer finanzieller Mittel hat
       die Bundesrepublik  einen großen  Teil des  Rückstandes gegenüber
       den führenden  Atommächten aufgeholt. Westdeutschland gehört seit
       1958 der  "Europäischen Atomgemeinschaft"  (Euratom) an und trägt
       zum Forschungs-  und Investitionshaushalt  von Euratom 30 Prozent
       bei. Daneben  beteiligt sich  die Bundesrepublik unter anderem an
       der "Europäischen Gesellschaft für die chemische Aufarbeitung be-
       strahlter Brennstoffe"  (Eurochemic). Dazu  kommen noch  Abkommen
       mit den  USA, Großbritannien, Frankreich und Kanada, die die Bun-
       desrepublik in die Lage versetzen sollen, "wichtige wissenschaft-
       liche und  technische Kenntnisse zu erhalten, die für die Wieder-
       belebung der deutschen Kernforschung notwendig sind" 1).
       Besondere Bedeutung haben die engen Konzernverflechtungen mit den
       USA gewonnen.  Die Beziehungen  der AEG  und BBC-Krupp zu General
       Electric, von  Siemens-Schuckert zu  Westinghouse, der  Deutschen
       Babcock und  Wilcox zur  Amerikanischen Babcock  und Wilcox sowie
       zusammen mit Demag zur North-American Aviation und Atomics Inter-
       national, der  Gutehoffnungshütte zu  General Atomics, von MAN zu
       Allis Chalmers  sind wichtige Faktoren im sich immer mehr entfal-
       tenden Konkurrenzkampf  der westdeutschen und amerikanischen Kon-
       zerne gegen  die französische  und englische Reaktorindustrie 2).
       Daher wurde  schon die Frage der Überprüfung der europäischen Be-
       ziehungen gestellt.
       So erklärte  Prof. Winnacker,  Präsident des  westdeutschen Atom-
       forums, zugleich  Vorstandsvorsitzender der Farbwerke Hoechst und
       stellvertretender Vorsitzender  der westdeutschen Atomkommission,
       am 20.5.1965  auf einer Sitzung der westdeutschen Atomkommission:
       "Gerade  im   Rahmen  dieser  Zusammenarbeit  mit  der  Industrie
       (gemeint ist  die Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Kernfor-
       schungszentren) wird  man die Beziehungen zu Euratom nach Auslau-
       fen der  Assoziation am  31.12.1967 einer Überprüfung unterziehen
       müssen, und  zwar im Hinblick darauf, inwieweit bei einem fortge-
       schrittenen Stand  der Entwicklung  durch einen Kenntnisaustausch
       innerhalb der Gemeinschaft und auch gegenüber anderen Staaten bei
       fehlender Gegenseitigkeit  die Wirksamkeit der eigenen Arbeit be-
       einträchtigt werden kann."
       
       Mittel und Kader auf dem Gebiet der Kernforschung und Kerntechnik
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       Bis Ende 1966 wurden in der Bundesrepublik Deutschland nach offi-
       ziellen Angaben  vom Bund  3 Mrd. DM und von den Ländern 1,3 Mrd.
       DM für  Kernforschung und  kerntechnische Entwicklung ausgegeben.
       Für das  westdeutsche Atomprogramm von 1963-1967 stellte die Bun-
       desregierung 2,5 Mrd. DM zur Verfügung. Die jährliche Zuwachsrate
       betrug dabei  20 Prozent.  Das Bundesministerium für Wissenschaft
       und Forschung  gab 1967   570,8  Mio. DM bei einem Gesamtetat von
       fast 1,7  Mrd. DM  für die Kernforschung und Kerntechnik aus. Die
       Ausgaben des  Bundesministeriums für  diesen Zweck haben im Jahre
       1964 die Ausgaben der englischen Atomenergiebehörde überholt.
       Ende 1966  waren in  den Kernforschungszentren und Gesellschaften
       der Bundesrepublik  8 500  Mitarbeiter  beschäftigt.  Die  durch-
       schnittlichen Zuwachsraten lagen zwischen 1960 und 1966 höher als
       20 Prozent.  In der  Industrie arbeiteten  zur gleichen  Zeit auf
       diesem Gebiet  ca. 2 000 Personen, insgesamt also über 10 000. Im
       Vergleich dazu beschäftigten Ende 1964 die französischen Kernfor-
       schungsstätten und  andere Kernforschungseinrichtungen im Bereich
       der friedlichen und der militärischen Kernforschung 25 000 Mitar-
       beiter. Es  ist zu  erwarten, daß dieser Stand in der Bundesrepu-
       blik etwa 1970 erreicht wird.
       
       Vorkommen von Natururan, Anlagen zur Erzaufbereitung
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       und Verarbeitung der Konzentrate
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       In der  Bundesrepublik Deutschland  wurden mit  relativ  geringem
       Aufwand bisher  Vorkommen von rd. 1 000 t Natururan festgestellt,
       während die  möglichen Vorräte auf ca. 10 000 t geschätzt werden.
       Die Ausgaben  für Prospektierung  wurden 1966 und 1967 wesentlich
       erhöht. 1966  waren 50  bis 60 Geologen in der Uransuche beschäf-
       tigt 3).  Obwohl nach  Angaben des  Bundesministers  für  wissen-
       schaftliche Forschung,  Stoltenberg, vor  1975 kein Uran abgebaut
       werden wird,  soll mit der Erschließung der Vorkommen schon jetzt
       begonnen werden, "um die Voraussetzungen für einen möglichen spä-
       teren Abbau  zu klären".  In Menzenschwand, Schwarzwald, sind die
       Schürfungsarbeiten soweit  vorangeschritten, daß  erforderlichen-
       falls ohne großen Zeitverlust mit der Uranförderung begonnen wer-
       den kann.
       Angesichts der  bekannten Weltvorräte  von über einer halben Mil-
       lion Tonnen billigen Urans sind diese Zahlen nicht bedeutend. Als
       Robstoffbasis für ein ziviles Atomenergieprogramm sind diese Vor-
       räte völlig  unzureichend 4).  Die Bundesrepublik ist auf Uranim-
       port aus  Kanada, den USA, Großbritannien oder Südafrika angewie-
       sen. Die  westdeutsche Regierung bemüht sich besonders um den An-
       kauf von  Uranerz aus  Staaten wie Südafrika, die keine Garantien
       für die  ausschließlich friedliche  Nutzung des gelieferten Urans
       fordern. So fließt seit 1967 Uranerz aus Südafrika in die Bundes-
       republik.
       Wenn auch  die eigenen festgestellten Vorräte für das vorgesehene
       Kernkraftwerkprogramm  der   Bundesrepublik  völlig  unzureichend
       sind, so  könnten damit  genügend Reaktoren  versorgt werden,  um
       eine vom  militärischen Gesichtspunkt  bedeutsame Menge Plutonium
       herzustellen. Der  Uranbezug aus  Südafrika erweitert  diese Mög-
       lichkeiten wesentlich.  Die eigenen mit Sicherheit festgestellten
       Vorräte ermöglichen  den Betrieb  von schwerwassermoderierten Na-
       tur-Uran-Reaktoren von  ca. 600  MW für  rund 10  Jahre, ohne auf
       ausländische Lieferungen  oder Anreicherungsanlagen angewiesen zu
       sein.
       In Ellweiler  bei Birkenfeld/Nahe  wird eine  Versuchsanlage  zur
       Uranerzverarbeitung  betrieben,   die  jährlich  300 t  U308-Kon-
       zentrate herstellen kann. Sie wird durch Ankauf einer Mindestpro-
       duktion von  20 t/a aus  Bundesmitteln in  Betrieb gehalten.  Die
       chemische Aufarbeitung  von Konzentraten  erfolgt durch Nukem, in
       Wolfgang bei  Hanau, wo  in einer  Anlage mit einer Kapazität von
       40 t/a pulverförmiges  UO2  oder  Uranmetall  hergestellt  werden
       kann. Auch  die Kapazität  dieser Anlage wird noch nicht voll ge-
       nutzt. Brennelemente  können von Nukem und Siemens-Schuckert her-
       gestellt werden,  wofür Kapazitäten  bis zu  50 t/a zur Verfügung
       stehen. Die genannten Anlagen und Rohstoffe reichen aus, um jähr-
       lich soviel  Natururan zu produzieren, daß damit in Schwerwasser-
       reaktoren jährlich über 100 kg Pu erzeugt werden können bzw. über
       300 kg, wenn die Kapazität der Anlagen von Nukem entsprechend er-
       weitert wird.
       In den  letzten Jahren ist die Geschäftigkeit von seiten der Bun-
       desrepublik aufgefallen,  eine von  der Einflußnahme  von Euratom
       unabhängige Bezugsquelle  von Uran  zu sichern. Nachdem durch die
       Interessenvertretung der  kerntechnischen Industrie, das Deutsche
       Atomforum, die  Forderung  erhoben  wurde,  "marktwirtschaftliche
       Grundsätze" für die Versorgung von Uranerzen und Kernbrennstoffen
       durch die  Euratom-Agentur anzuwenden,  beschloß der Bundestag am
       12.3.1965, die Bundesregierung zu ersuchen, daß "die Vorschriften
       über die  Versorgung mit  Erzen,  Ausgangstoffen  und  besonderen
       spaltbaren Stoffen  so gestaltet  werden, daß  die Tätigkeit  der
       Agentur sich auf beobachtende, beratende, vermittelnde und ähnli-
       che Funktionen  beschränkt, solange  keine ausgesprochene Mangel-
       lage auf dem Gebiet der Versorgung eintritt" (Deutscher Bundestag
       - 4. Wahlperiode, Drucksache IV/3121).
       Das zwischen Euratom und den USA abgeschlossene Abkommen wird von
       Frankreich seit  dem 1.1.1965  nicht  mehr  anerkannt.  In  West-
       deutschland wird  selbst festgestellt, daß die Vertragsvorschrif-
       ten in  der Praxis liberal gehandhabt werden und daß Westdeutsch-
       land weitere Liberalisierungswünsche hat 5).
       Im Zusammenhang mit den im Juli 1966 in Kanada geführten Verhand-
       lungen über  die Lieferung  von Uranerzen wurde von westdeutscher
       Seite vermerkt,  daß durch  "überholte Vorschriften"  der kanadi-
       schen Regierung die Uranlieferungen beeinträchtigt werden und daß
       nach  kanadischen   Hinweisen  eine  Änderung  dieser  Bestimmung
       herbeigeführt werden  soll. Damit  würde dann  eine von bindenden
       Garantien freie weitere wesentliche Uranquelle zur Verfügung ste-
       hen.
       
       Reaktoren in der Bundesrepublik
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       In der  Bundesrepublik Deutschland sind jetzt 36 Reaktoren in Be-
       trieb oder  im Bau,  darunter 3  Kernkraftwerke,  7  Versuchslei-
       stungsreaktoren, 16 Forschungsreaktoren und 10 Unterrichtsreakto-
       ren. Der  Bau zweier  weiterer Kernkraftwerke von je mehr als 600
       MWe (Würgassen,  Stadersand/Elbe) wurde 1967 beschlossen. An Ver-
       suchskraftwerken laufen  der Siedewasser-Reaktor  in Kahl  mit 15
       MWe, der 1961 in Betrieb ging, und der Mehrzweckforschungsreaktor
       in Karlsruhe mit 50 MWe, der 1965 in Betrieb ging. Die Inbetrieb-
       nahme des  Demonstrationskernkraftwerkes mit  Siedewasser-Reaktor
       in Gundremmingen  mit 237 MWe erfolgte 1966, ebenso des Kugelhau-
       fen-Reaktors mit  15 MWe  in Jülich. Das Kernkraftwerk Lingen mit
       252 MWe  wurde am 20. Mai 1968 in Betrieb genommen. Die in Jülich
       von Brown-Boveri  und Krupp  verfolgte Reaktorentwicklung ist auf
       den Thorium-Uran-233-Zyklus orientiert.
       Die mit  einem Schiffsreaktor von 38 MWe ausgerüstete "Otto Hahn"
       hat 1968  die erste Probefahrt durchgeführt. Der D2O-Druckröhren-
       Reaktor Niederaichbach  mit 100 MWe, das kompakte natriumgekühlte
       Versuchskraftwerk in  Karlsruhe mit 20 MWe, der Heißdampf-Reaktor
       Großwelzheim mit 25 MWe und der Druckwasser-Reaktor Obrigheim mit
       283 MWe  sollen in den Jahren 1968/1969 in Betrieb gehen. Daneben
       laufen noch  eine Reihe von Planungsstudien und vor allem umfang-
       reiche und  ehrgeizige Arbeiten  zur  Entwicklung  von  schnellen
       Brutreaktoren. Zwischen  1971 und 1974 sollen zwei Prototypen mit
       je 300  MWe mit  Natriumkühlung und Dampfkühlung den Betrieb auf-
       nehmen.
       Seit 1966  sind in  der Bundesrepublik Leistungsreaktoren mit 317
       MWe in  Betrieb. Bis  1970 erhöht  sich diese  Zahl auf fast 1000
       MWe. 1975  soll eine Kernkraftwerkkepazität von ca. 5 000 MWe und
       1980 von ca. 25 000 MWe zur Verfügung stehen.
       Bezeichnend für das heutige Stadium ist die absolute Vorrangstel-
       lung der  amerikanischen Entwicklung  der Druckwasser- und Siede-
       wasser-Reaktoren. Demgegenüber  ist die  westdeutsch-französische
       Zusammenarbeit auf  der Grundlage  der französischen graphitmode-
       rierten und schwerwassermoderierten Reaktoren nicht über das Dis-
       kussionsstadium hinausgekommen.  Ob sich  bei der Entwicklung und
       dem in  der zweiten  Hälfte der  70er  Jahre  erwarteten  Einsatz
       schneller Brutreaktoren  wiederholen wird,  ist noch  eine offene
       Frage. Es  gibt Anzeichen, daß die Bundesrepublik sich bei dieser
       Entwicklung von  der  amerikanischen  Vorherrschaft  zu  befreien
       sucht und  schon jetzt  den späteren  Konkurrenzkampf mit den USA
       ins Auge faßt. Eine selbständige Entwicklungsrichtung stellen die
       Schwerwasser-Reaktoren dar.
       
       Die Plutoniumerzeugung in den Reaktoren der Bundesrepublik
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       Die Schwerwasser-Reaktoren können mit Natururan betrieben werden.
       Deshalb kann  Westdeutschland mit diesen Reaktoren ein beschränk-
       tes, völlig autarkes Kernenergieprogramm durchführen. Nach Karls-
       ruher Angaben  produziert der  MZFR  (Mehrzweckforschungsreaktor)
       jährlich 38 kg  Plutonium bei  dem offiziell vorgesehenen Abbrand
       von 4 500 MWd/t. Bei diesem Abbrand wird das Plutonium durch Bei-
       mischung des  Isotopos Pu-240  "denaturiert" - es ist ohne Isoto-
       pentrennung für  militärische Zwecke  unbrauchbar. Die  zulässige
       Beimischung von  6 Prozent  wird schon bei einem Abbrand von etwa
       1000 MWd/t erreicht 6).
       Da die  Brennelemente dieses Reaktors ohnehin kontinuierlich ohne
       Öffnen des  Reaktordeckels ausgewechselt werden, kann der Betrieb
       ohne Störungen  auf einen  Abbrand von 1000 MWd/t umgestellt wer-
       den. Der  Verbrauch an  Brennelementen wird  dabei auf das 4- bis
       5fache und  die Plutonium-Produktion  auf 48 kg pro Jahr steigen.
       Der Reaktor  MZFR kann somit zu einer beliebigen Zeit zur Produk-
       tion bombenreinen Plutoniums übergehen und in einem Jahr genügend
       Plutonium für  8 A-Bomben  des Nagasaki-Typs  herstellen 7). 1970
       soll ein  Reaktor ähnlichen  Typs mit doppelter Leistung bei Nie-
       deraichbach den Betrieb aufnehmen.
       In den  Leichtwasser-Reaktoren wird  die kritische Pu-240-Konzen-
       tration bei  einem Abbrand von etwa 4 000 MWd/t erreicht, während
       der vorgesehene Abbrand 16 500-24 000 MWd/t beträgt. Auch in die-
       sem Falle ist es möglich, den Abbrand ohne wesentliche Änderungen
       im Betriebsablauf auf 4 000 MWd/t zu reduzieren. Allerdings müßte
       der dabei  eintretende, um  den Faktor  4 bis 6 erhöhte Bedarf an
       angereichertem Uran  auffallen. Dieser  Weg ist vorläufig nur mit
       Zustimmung des  Lieferlandes, d.h.  in diesem Falle der USA, mög-
       lich. In Kahl und Gundremmingen (Inbetriebnahme 1966) könnten auf
       diese Weise  jährlich ca. 150 kg militärisch reines Plutonium er-
       zeugt werden. Mit den bis 1969 in Betrieb befindlichen Leichtwas-
       ser-Reaktoren würde  die Produktionskapazität  etwa 430 kg betra-
       gen.
       Bei diesen  Betrachtungen wurde  die Möglichkeit  einer  späteren
       Aufarbeitung des  Reaktorplutoniums durch  Isotopentrennung außer
       acht gelassen.  Wie in  den Abschnitten 8 und 9 gezeigt wird, be-
       stehen jedoch  reale technische Möglichkeiten, mit relativ gerin-
       gem Aufwand  eine solche nachträgliche Isotopentrennung vorzuneh-
       men. Ein  solcher, vom  "klassischen"  Herstellungsverfahren  des
       Bombenplutoniums abweichender Weg würde erlauben,
       a) die als  Leistungsreaktoren ausgelegten Anlagen ökonomisch und
       ohne zusätzlichen Brennstoffbedarf zu betreiben;
       b) die gesamte  in Leistungsreaktoren erzeugte Plutoniummenge als
       Rohstoff zur Herstellung von Kernwaffen verfügbar zu machen;
       c) die Vorbereitungen zur Herstellung und gegebenenfalls die Her-
       stellung  der   Kernwaffen  geheimzuhalten   und  weitgehend  vom
       "friedlichen" Kernenergieprogramm zu entkoppeln;
       d) die Entwicklung  von Wasserstoffbomben aufzunehmen, ohne Anla-
       gen für die Urantrennung zu besitzen.
       Wenn diese  Möglichkeit genutzt wird, so können sämtliche Reakto-
       ren in  der für die ökonomische Nutzung in Kernkraftwerken vorge-
       sehenen Weise  betrieben werden. Die Pu-Produktion wird geringer.
       Die Produktionskapazität  der Schwer-  und Leichtwasser-Reaktoren
       hat Ende  1966 ca.  140 kg und wird 1970 ca. 370 kg betragen, mit
       einem Gehalt von durchschnittlich 75 Prozent militärisch verwend-
       barem Plutonium.
       Nach  den   offiziellen  Berichten   des  II.   Euratomkongresses
       (September 1965)  beträgt die  kumulierte Plutoniummenge  aus der
       Eigenproduktion der  Bundesrepublik im  Jahre 1970   500 kg, 1975
       beinahe 4 t und 1980  10-20 t 8).
       
       Die Abtrennung des Plutoniums
       -----------------------------
       
       Die ausgebrannten  Brennelemente der Reaktoren werden z.Z. entwe-
       der für  spätere Nutzung gelagert oder in chemischen Wiederaufbe-
       reitungsanlagen verarbeitet,  um das  Plutonium abzutrennen.  Das
       letztere geschieht  fast ausschließlich  für militärische Zwecke,
       da der Einsatz des Plutoniums in Kernkraftwerken noch nicht indu-
       striell ausgereift  ist. In  5 bis  10 Jahren ist mit dem breiten
       Einsatz von Plutonium in Kernreaktoren zu rechnen.
       Für die  Abtrennung des Plutoniums sind in England und Frankreich
       große Wiederaufbereitungsanlagen  für  metallische  Brennelemente
       des in  den französischen und englischen Graphitreaktoren verwen-
       deten Magnox-Typs entstanden. Ihre Kapazität kann alle absehbaren
       Bedürfnisse für diesen Typ decken.
       In England  entsteht außerdem eine Anlage mittlerer Größe für die
       Wiederaufbereitung oxydischer Brennelemente mit einer Jahreskapa-
       zität von  300 t. In  Mol (Belgien)  wurde 1966 mit westdeutscher
       Beteiligung (vor  allem Farbwerke  Hoechst) eine Anlage der Euro-
       chemic mit  einer Kapazität  von 150 jato in Betrieb genommen, in
       der metallische  und oxydische  Brennelemente verarbeitet  werden
       können. Die  Kapazität kann aber ohne wesentliche Änderungen ver-
       doppelt werden.  Die Auslastung dieser Anlagen ist noch nicht ge-
       sichert. Erst  frühestens 1972 kann die Kapazität von 150 t/a auf
       Grund des z.Z. noch geringen Bedarfs voll genutzt werden 9). Ren-
       tabilität kann erst nach Ausnutzung der vollen Kapazität erreicht
       werden.
       Darüber hinaus  wird in Karlsruhe ebenfalls unter Beteiligung der
       Farbwerke Hoechst eine chemische Wiederaufbereitungsanlage in ei-
       gener Regie  der Bundesrepublik  errichtet, die  Ende 1969 in Be-
       trieb gehen  soll. Im Januar 1967 begann der Bau der Anlage. Ihre
       Kapazität soll  40 t/a betragen,  kann aber auch - wie die Erfah-
       rungen bei  der Inbetriebnahme der Moler Anlage zeigen - bei über
       100 t/a liegen.  Der Bau  dieser Anlage war in der Bundesrepublik
       lange ein Streitobjekt.
       Auch im Ausland wurden lebhafte Diskussionen hervorgerufen, da es
       unverständlich schien,  daß die  Bundesrepublik zusätzlich zu der
       Möglichkeit, in  Mol Erfahrungen zu sammeln, eine auf Grund ihrer
       kleinen Kapazität  verhältnismäßig teure  Pilotanlage  errichtet.
       Zur gleichen Zeit baut England mit seinen reichen Erfahrungen auf
       dem Gebiet  der Wiederaufbereitung eine größere Anlage und bemüht
       sich - zunächst vergeblich -, wie auch Mol, genügend Aufträge für
       die Auslastung  der Anlage zu erhalten. Es besteht also z.Z. kein
       unmittelbarer ökonomischer  Zwang, in der Bundesrepublik eine ei-
       gene Wiederaufbereitungsanlage  zu errichten.  Alle bisher in Eu-
       ropa errichteten  oder im Bau befindlichen Wiederaufbereitungsan-
       lagen werden  staatlich subventioniert. Eine Expertenberatung der
       Euratomländer im  Oktober 1966 in Madrid ergab, daß die in Europa
       bestehenden Überkapazitäten auf dem Gebiet der Wiederaufbereitung
       erst 1975 ausgelastet werden können. Trotzdem wird neuerdings der
       Bau einer weiteren Anlage mit einer Kapazität von 300 jato venti-
       liert 10).
       Mit der  Karlsruher Wiederaufbereitungsanlage  ist  der  Weg  vom
       Uranerz bis  zum Plutonium abgeschlossen, der erforderlichenfalls
       in gewissem Umfang autark verfolgt werden kann. Aus dem MZFR fal-
       len bei einem Abbrand von 4 500 MWd/t jährlich 13 t ausgebrannter
       Brennelemente mit einem Plutoniumgehalt von 38 kg an. Aus den bis
       1970 geplanten  Kernkraftwerken kommen ca. 60 t hinzu. Der Pluto-
       niumgehalt wird  insgesamt ca. 370 kg betragen. In Karlsruhe oder
       auch bei  teilweiser Nutzung  der Anlage  der Eurochemic kann das
       Plutonium abgetrennt  werden. Mit Hilfe einer Isotopentrennanlage
       können hieraus 32 kg bzw. 300 kg militärisch reines Plutonium er-
       zeugt werden,  genügend für  5 bis 6 bzw. 50 Bomben vom Nagasaki-
       Typ.
       Militärisch reines  Plutonium kann  auch ohne Isotopentrennanlage
       erzeugt werden,  wenn der  Abbrand reduziert  wird. Aus  dem MZFR
       fallen dann  jährlich fast  60 t an, von denen mindestens 40 jato
       in Karlsruhe  auch ohne Nutzung der Eurochemic-Anlage verarbeitet
       werden können.  Daraus können ca. 32 kg Pu gewonnen werden, genü-
       gend für  5 bis  6 Bomben  des Nagasaki-Typs. Für die Bearbeitung
       der gesamten  ab 1970 anfallenden Menge wäre bei dem verringerten
       Abbrand eine  zusätzliche Wiederaufbereitungskspazität  von  etwa
       300 jato erforderlich,  mit der  580 kg Plutonium  aus den ausge-
       brannten Brennelementen gewonnen werden können.
       Die weitere Bearbeitung des Plutoniums kann in der 1964 gegründe-
       ten Gesellschaft Alkem (Alpha-Chemie und Metallurgie GmbH) erfol-
       gen, die  eine Anlage  mit einer  Produktionskapazität von  einer
       Tonne Plutonium im Jahr besitzt.
       
       Möglichkeit der Herstellung von bombenreinem Plutonium
       ------------------------------------------------------
       durch Gaszentrifugen
       --------------------
       
       Die Erzeugung  von militärisch verwendbarem Plutonium kann entwe-
       der durch  Reduzierung des Abbrandes der Brennelemente in Reakto-
       ren oder  durch nachfolgende Reinigung des Plutoniums von dem un-
       erwünschten Plutonium-Isotop 240 mit Hilfe einer Isotopentrennan-
       lage erfolgen.
       Der erste  Weg wurde  von den "alten" Atommächten beschritten. Er
       hat den  Nachteil, daß  der Uranverbrauch  der Reaktoren  auf ein
       Vielfaches der  Menge ansteigt,  die für den wirtschaftlichen Be-
       trieb der  Kernkraftwerke benötigt  wird. Da die eigenen Uranvor-
       kommen der  Bundesrepublik Deutschland beschränkt sind, würde ein
       überhöhter Uranimport  resultieren, der  nur  mit  Kollusion  der
       Uran-Lieferanten geheimgehalten  werden könnte.  Das gilt im ver-
       stärkten Maße für die Lieferung angereicherten Urans, das für die
       Leichtwasser-Reaktoren benötigt  wird, da die Bundesrepublik über
       keine eigenen  Anreicherungsanlagen verfügt  und der  Bau solcher
       Anlagen kaum geheimgehalten werden könnte.
       Der zweite Weg setzt die Entwicklung eines technisch verwendbaren
       Verfahrens zur  Trennung der Plutontum-Isotope voraus, durch wel-
       ches ein Plutonium-240-Anteil von über 20 Prozent auf höchstens 6
       Prozent reduziert  werden kann.  Zu diesem  Zweck ist das für die
       Trennung der  Uran-Isotope von  den  Atom-Großmächten  angewandte
       Diaphragmen-Diffusionsverfahren nicht  geeignet. Es erfordert zur
       Füllung der  vielstufigen Trennkaskade  zu große Plutoniummengen,
       und die  starke Radioaktivität  des Plutoniums  hat eine zu große
       Bildung feinstdisperser  fester Plutoniumverbindungen  zur Folge,
       durch die  die feinporigen Diaphragmen zu schnell verstopfen. Das
       für diesen  Zweck geeignetste  Verfahren ist die Isotopentrennung
       mit Hilfe  von Gas-Ultrazentrifugen.  Die geforderte  Reduzierung
       des unerwünschten  Plutonium-Anteils kann in sehr kurzer Zeit er-
       reicht werden,  so daß  die radioaktive Zersetzung des Plutonium-
       Hexafluorides keine unüberwindliche Schwierigkeit bedeutet.
       Gas-Zentrifugen für  die Trennung  der Uran-Isotope werden in der
       Kernforschungsanlage Jülich  unter strenger Geheimhaltung entwic-
       kelt und  in ihrer  Zusammenarbeit in mehreren Einheiten erprobt.
       Diese Zentrifugen  eignen sich  besonders gerade für die Trennung
       auch der Plutonium-Isotope. Die Kapazität von 10 Zentrifugen die-
       ses Typs würde genügen, um in einem Jahr Plutonium für eine Bombe
       vom Nagasaki-Typ  herzustellen. Der  dazu erforderliche räumliche
       und energetische  Aufwand ist  so gering,  daß er in keiner Weise
       auffallen würde.
       Westdeutsche Pressemeldungen lassen den Schluß zu, daß eine west-
       deutsch-niederländische Zusammenarbeit  auf dem Gebiet der Ultra-
       zentrifugen existiert. Über die Möglichkeiten dieser neuen Erfin-
       dung schrieb  die "Frankfurter  Rundschau"  am  25.  April  1968:
       "...daß die  benötigten Einrichtungen  so klein  und billig  sein
       werden, daß  die meisten  Länder sich  eine derartig unauffällige
       Fabrik leisten könnten. Theoretisch würde ein solches Land insge-
       heim eine  Kernbombe entwickeln  können, ohne daß die übrige Welt
       etwas davon merkt."
       
       Möglichkeit der Herstellung von Bombenplutonium mit Hilfe
       ---------------------------------------------------------
       von elektromagnetischen Massentrennern
       --------------------------------------
       
       Bekanntlich wurde das Material für die erste U-235-Bombe der USA,
       die auf Hiroshima abgeworfen wurde, mit Hilfe elektromagnetischer
       Massentrenner erzeugt.  Dieses Verfahren wurde später wieder auf-
       gegeben, da  das inzwischen  entwickelte  Gas-Diffusionsverfahren
       sich als  ökonomischer erwies.  Es ist  nicht anzunehmen, daß das
       elektromagnetische Verfahren  für die Zwecke der Urantrennung je-
       mals wieder aufgegriffen wird.
       Grundsätzlich anders  liegen aber  die Verhältnisse  für die Auf-
       gabe, aus  militärisch nicht oder schlecht verwendbarem Plutonium
       bombenreines Plutonium  zu gewinnen,  bei der  es sich um die Ab-
       trennung einer  kleinen Menge  (höchstens 30  Prozent) des  uner-
       wünschten Pu-240  von der  Hauptmenge des Pu-239 handelt. Im Ver-
       gleich zur  Urantrennung wird  der notwendige Aufwand um etwa das
       Hundertfache reduziert  und damit  ein möglicher Weg zur Herstel-
       lung bombenreinen Plutoniums eröffnet.
       In einem  Massentrenner vom  "Calutron"-Typ, wie er vor 25 Jahren
       in den  USA zur Urantrennung eingesetzt wurde, können Ionenströme
       von etwa  100 mA verarbeitet werden. Das entspricht für Plutonium
       einem Materialdurchsatz  von etwa  20 g/Tag, die in einem Schritt
       praktisch vollständig gereinigt werden.
       Mit Hilfe eines einzigen "Calutrons" könnte also das Material für
       eine Pu-Bombe in etwa einjähriger Betriebszeit erzeugt werden.
       Ein "Calutron"  der ursprünglichen Form hat die Dimensionen eines
       kleinen Zyklotrons.  Die neueren  Entwicklungen auf diesem Gebiet
       zeigen, daß diese Dimensionen bei gleicher Leistungsfähigkeit we-
       sentlich reduziert  werden können. Die westdeutschen Unternehmen,
       die selbst Zyklotrone und Massenspektrometer bauen, verfügen über
       alle notwendigen  technischen Voraussetzungen, um eine elektroma-
       gnetische Massentrennanlage  in kurzer Zeit zu errichten. Der Bau
       einer solchen Anlage mit mehreren elektromagnetischen Massentren-
       nern ist relativ leicht geheimzuhalten.
       
       Die Konstruktion von Kernwaffen (A-Bomben)
       ------------------------------------------
       
       Die Bundesrepublik  besitzt alle  notwendigen Voraussetzungen, um
       die auf klassischen ballistischen Elementen beruhende Technik der
       Zündvorrichtung einer  Atombombe vom Nagasaki-Typ zu realisieren.
       Diese Arbeiten  haben einen  verhältnismäßig geringen  Umfang und
       können daher leicht geheimgehalten werden.
       Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die endgültige Produktion
       unter westdeutscher  Anleitung in einem dritten Staat durchzufüh-
       ren, um dem Wortlaut der Pariser Verträge gerecht zu werden.
       Wir stellen fest, daß die Bundesrepublik die Voraussetzungen hat,
       in kurzer  Frist die Produktion von A-Bomben aufzunehmen. Auch in
       dem Fall,  daß alle  ausländischen Lieferungen eingestellt werden
       sollten, besitzt  die Bundesrepublik die Voraussetzungen für eine
       beschränkte Produktion.  Die Endphase der Herstellung kann leicht
       vor der internationalen Öffentlichkeit verborgen werden.
       
       Möglichkeiten der Herstellung von Wasserstoffbomben
       ---------------------------------------------------
       in der Bundesrepublik
       ---------------------
       
       An den Zünder einer Wasserstoffbombe werden besondere Anforderun-
       gen gestellt.  So ist  z.B. eine Plutonium-Bombe vom Nagasaki-Typ
       dafür nicht geeignet. Die bisher von den Atommächten entwickelten
       Wasserstoffbomben enthalten  wahrscheinlich eine  U-235-Bombe als
       Zünder.
       Gegenwärtig verfügt  die Bundesrepublik über keine Isotopentrenn-
       anlage auf  der Grundlage  des Gas-Diffusionsverfahrens für Uran.
       Seit 1967  verstärken sich jedoch die westdeutschen Bestrebungen,
       solche sehr  kostspieligen Anlagen  in Zusammenarbeit mit anderen
       westeuropäischen Ländern in der Bundesrepublik oder anderen Staa-
       ten unter  westdeutscher Beteiligung  zu errichten. Entsprechende
       Studien werden  durchgeführt. In  der Stellungnahme des Deutschen
       Atomforums zum Kernwaffensperrvertrag heißt es z.B.: "Es muß auch
       sichergestellt werden,  daß Anlagen für die Anreicherung von Uran
       für friedliche Zwecke in Deutschland und in anderen Ländern unter
       deutscher Beteiligung  gebaut und  betrieben werden  dürfen". Ein
       solches Projekt  könnte kaum  mit angeblichen Notwendigkeiten der
       friedlichen Kernenergieentwicklung  begründet werden, da z.B. die
       amerikanischen Anlagen  nur die halbe Kapazität nutzen und die in
       der Welt  bereits vorhandenen  Anlagen den  voraussehbaren Bedarf
       der Kernenergiewirtschaft voll decken können.
       Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit möglich, Pu-239 als Initial-
       zünder für Wasserstoffbomben zu verwenden. Hierfür ist ein beson-
       ders hoher Reinheitsgrad erforderlich, der am leichtesten mit dem
       elektromagnetischen Massentrenner  zu erreichen  ist. Es  ist si-
       cher, daß  der erforderliche  Reinheitsgrad in  einer  Stufe  der
       elektromagnetischen Massentrennung erreicht werden kann, wenn das
       Plutonium mit  Hilfe von  Zentrifugen vorher auf die für A-Bomben
       notwendige Qualität  gereinigt wurde  11). Es  besteht daher  die
       reale technische  Möglichkeit, daß in der Bundesrepublik parallel
       zur Entwicklung  von A-Bomben  auch die  selbständige Herstellung
       von H-Bomben in Angriff genommen werden kann.
       
       Notwendigkeit der Erprobung von Kernwaffen
       ------------------------------------------
       
       Die physikalischen  Grundlagen der  Wirkungsweise von  Kernwaffen
       sind in  einem solchen Umfange bekannt, daß eine vorherige Erpro-
       bung nicht  unbedingt notwendig ist. Auch die erste amerikanische
       Atombombe, die  auf Hiroshima  abgeworfen wurde, ist vorher nicht
       erprobt worden.  Lediglich der Nagasaki-Typ wurde vorher erprobt,
       wobei bereits  der erste Versuch erfolgreich war. Der Implosions-
       mechanismus kann auch ohne die nuklearen Bestandteile der A-Bombe
       in konventionellen  militärischen Forschungseinrichtungen entwic-
       kelt und erprobt werden.
       
       Möglichkeiten der internationalen Kontrolle zur Verhinderung
       ------------------------------------------------------------
       der geheimen Produktion von Kernwaffen
       --------------------------------------
       
       Wie gezeigt wurde, bestehen in der Bundesrepublik Deutschland un-
       ter Ausnutzung  der forcierten  Entwicklung der  Kernenergiewirt-
       schaft die  realen wissenschaftlich-technischen und im weitgehen-
       den Maße auch die produktionstechnischen Voraussetzungen für eine
       eigene Produktion  von Kernwaffen.  Die Endphase  der Herstellung
       kann leicht geheimgehalten werden, insbesondere, wenn der Weg der
       Isotopentrennung des Plutoniums beschritten wird.
       Eine einseitige  Erklärung der Bundesregierung, keine Herstellung
       von Kernwaffen  betreiben zu wollen, ist daher keine ausreichende
       Garantie, zumal,  da sich  die z.Z. gültige Verpflichtung nur auf
       das Territorium  der Bundesrepublik  beschränkt  und  daher  z.B.
       durch Verlagerung  der Endherstellung  in ein  anderes Land  ohne
       formale Verletzung umgangen werden kann.
       Ein Prüfstein  der Verpflichtung,  keine Atomwaffen herzustellen,
       könnte die  Bereitschaft der Bundesregierung sein, sich einer um-
       fassenden internationalen  Kontrolle auf dem Kernenergiegebiet zu
       unterwerfen. Ein  wirksames  Kontrollsystem  ist  technisch  ohne
       großen Aufwand realisierbar 12).
       Da die  letzten Schritte  bei der Herstellung von A-Bomben leicht
       geheimgehalten werden  können, muß  ein effektives Kontrollsystem
       das Ziel haben, jede Abzweigung spaltbarer Materialien (d.h. Plu-
       tonium, angereichertes Uran und U-233) für militärische Zwecke zu
       entdecken. Einer solchen Kontrolle müßten mindestens alle Anlagen
       unterstellt werden, in denen spaltbare Materialien - insbesondere
       Plutonium -  produziert oder  verarbeitet werden  sowie alle  Im-
       porte, Vorräte  und weitere  Verwendung dieser  Materialien.  Die
       Kontrolle muß  um so  schärfer sein, je lückenloser die Kette von
       Produktionseinrichtungen zur  Herstellung von  hochangereichertem
       Uran, Plutonium oder U-233 ist.
       
       Prof. Dr.  Max Steenbeck,  Vorsitzender des  Forschungsrates  der
       Deutschen Demokratischen Republik.
       Prof. Dr.  Klaus Fuchs, Stellvertreter des Direktors des Zentral-
       instituts für  Kernforschung der  Deutschen Akademie  der Wissen-
       schaften zu Berlin.
       Prof. Dr.  Karl Rambusch,  Direktor des VEB Atomkraftwerk Rheins-
       berg (Mark).
       Prof. Dr. Justus Mühlenpfordt, Direktor des Instituts für stabile
       Isotope der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.
       Prof. Dr.  Karl F. Alexander, z.Z. Vereinigtes Institut für Kern-
       forschung Dubna.
       
       "Internationales Institut  für den Frieden", Wien, Juli/September
       1969.
       
       _____
       1) "Bundesbericht Forschung  I des Bundesministeriums für wissen-
       schaftliche Forschung", Bonn 1965, S. 37.
       2) Ein Beispiel  hierfür ist die von der AEG und General-Electric
       gemeinsam gegründete Gesellschaft "KRT-Kernreaktorteile GmbH" zur
       Produktion von Kernbrennstoff und Ausrüstungen für Kernkraftwerke
       für den europäischen Markt (EuroNuclear, Juni 1965, S. 321).
       3) Kerntechnik 8/9 1966.
       4) Nach westdeutschen  Schätzungen wird der kumulierte Uranbedarf
       der Bundesrepublik  bis zu  Beginn der  80er Jahre  auf insgesamt
       40 000  bis   50 000 t  steigen   (Bundesbericht  Forschung   II,
       28.7.1967, Seite 72).
       5) Abschied von Euratom? Atomwirtschaft 8/9 1966.
       6) Die Verhältnisse  liegen ähnlich wie bei Natururan-Graphit-Re-
       aktoren. In  englischen Calder-Hall-Reaktoren  die der Produktion
       von militärischem  Plutonium dienen, darf der Abbrand nur 750 bis
       1250 MWd/t erreichen (Atomkernenergie Juni 1962, S. 238).
       7) Für die  Herstellung einer  Bombe vom  Nagasaki-Typ (mit einer
       Sprengkraft Äquivalent  von 20 000 t TNT)  werden 6 kg  Plutonium
       benötigt. Bei verbesserten Typen wird an Stelle der Implosion ei-
       ner Vollkugel die Implosion einer Hohlkugel verwendet. Dabei kann
       die benötigte Menge des Plutoniums wesentlich reduziert werden.
       8) Internationaler Bericht  der Sektionen  Ia und IV, Bericht KFK
       366.
       9) Atomwirtschaft Heft 8/9/1966.
       10) Atomwirtschaft, Juni 1966.
       11) Eine zweistufige  elektromagnetische Trennung  ist im vorlie-
       genden Fall aus technischen Gründen kaum anwendbar; der Zentrifu-
       genprozeß ist  für die  Reinigung auf  A-Bomben-Qualität gut ver-
       wendbar, aber die Erreichbarkeit der für den Zünder einer H-Bombe
       erforderlichen Qualität mit Zentrifugen ist zweifelhaft.
       12) IAEA, Garantiesystem der Organisation, INFCIRC/66.
       

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