Quelle: Blätter 1969 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       HEINRICH ALBERTZ, BILANZ EINER POLENREISE
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       Der ehemalige  Regierende Bürgermeister  von Westberlin  Heinrich
       Albertz hielt sich Anfang September 1969 für einige Tage in Polen
       auf. Nach  seiner Rückkehr veröffentlichte er in der "Frankfurter
       Rundschau" vom 15.9.1969 die folgende Bilanz seiner Eindrücke und
       Gespräche. D. Red.
       
       Wer am  2. September  1969 nach Polen einreiste, traf überall auf
       die Plakate "1939 - nie wieder". Die deutsche Schande schrie mich
       von den  Wänden an.  Wer 25  Jahre in Breslau gelebt hat, das nun
       Wroclaw heißt,  gerät in ein schwer auszumessendes Meer von Erin-
       nerungen, gegen die kein Damm des Wegsehens hilft.
       Aber dies  ist schon  das Erste: Die polnischen Freunde verstehen
       beides. Über einen Berg von Verbrechen hinweg und über den Graben
       der eigenen  Vergangenheit ist die tiefe Menschlichkeit jeder Be-
       gegnung ein  unvergeßliches Erlebnis.  Ich habe  nirgendwo in der
       Welt, außer in Hitlers Gefängnissen und in Israel, solche Gesprä-
       che geführt.  Vom stellvertretenden  Außenminister bis zum Erzbi-
       schof von  Wroclaw, von  der jungen Studentin, die mich in Krakau
       durch die  polnische Königsgeschichte führte, bis zu dem zufälli-
       gen Nachbarn  im Zug  zwischen Breslau und Posen. Dieses Volk ist
       in einer  tiefen Solidarität  verbunden. Sein Schicksal und seine
       Leistung hat  in einem auffälligen Gegensatz zu uns Deutschen das
       Antlitz des  Menschen nicht verstellt. Es ist schwer, zwölf Stun-
       den nach  der Rückkehr  die Summe der Erfahrungen dieser Reise zu
       ziehen, ich will es trotzdem versuchen.
       1) Der Friede mit Polen ist überfällig. Wenn nach dem 28. Septem-
       ber noch  einmal die Enttäuschung über halbe Schritte und verbale
       Beteuerungen ohne Entscheidung in der Sache eintritt, werden alle
       Ansätze des Vertrauens zwischen Polen und Deutschen guten Willens
       wieder zerstört sein.
       2) Die Polen, mit denen ich gesprochen habe, wissen, daß es keine
       isolierte Lösung  der polnisch-deutschen Frage gibt. Aber sie sa-
       gen wohl mit Recht, daß der Schritt über den Rubikon der Anerken-
       nung der polnischen Westgrenze der Einstieg in eine endliche Ord-
       nung des europäischen Friedens sein könnte.
       3) Der vordergründige  Einwand, was für solche Anerkennung zu ha-
       ben sei,  heißt nichts oder alles. Nichts im Sinne eines primiti-
       ven Aushandelns,  alles im  Sinne einer  endlich aufgeschlossenen
       Tür nach Osten.
       4) Es gibt  keinen Schritt  von Bonn  nach Warschau an Ost-Berlin
       vorbei. So  wenig geliebt  die unmittelbaren  deutschen  Nachbarn
       sein mögen  - wer  die Kontrollen  in Kunowice und Frankfurt/Oder
       vergleicht, hat  das massive  Anschauungsmaterial -, so ist jeder
       Versuch, die DDR von hinten zu umgehen, zum Scheitern verurteilt.
       Die Anerkennung  der polnischen Westgrenze und die Normalisierung
       der Beziehungen  zwischen Polen und der Bundesrepublik gehören in
       einen Zug  oder in mehreren Zügen mit der Anerkennung der DDR zu-
       sammen.
       5) Ich habe  viel Verständnis für die absurde Situation West-Ber-
       lins gefunden.  Die kluge  und deutliche Haltung meines Amtsnach-
       folgers hat hier offenbar eine erste Wirkung nicht verfehlt.
       6) Es muß alles getan werden, um dem eigenen Volk, vor allem mei-
       nen ostdeutschen  Landsleuten, klarzumachen, daß Breslau, Stettin
       und Danzig heute polnische Städte sind. Das ist bitter und schwer
       zu begreifen. Selbst mir ist es nicht leicht gefallen, den Schock
       der sichtbaren  Wirklichkeit zu  überwinden. Nicht  jeder hat das
       Glück, am ersten Tag in Wroclaw in Erzbischof Kominek einem Polen
       und einem  Priester zu begegnen, der einem diesen Schock überwin-
       den hilft.
       7) Das bedeutet  praktisch entschlossene  Abkehr von den Symbolen
       der Lüge: Wetterkarte im Fernsehen, Subventionen an die deutschen
       Revanchisten. Jede  Information über die Tatsachen, wie sie sind.
       Das bedeutet  freilich auch, daß die polnischen Behörden die Hin-
       dernisse für  den Besuch Polens durch Bürger des westlichen Teils
       Deutschlands abbauen müssen, vor allem für die junge Generation.
       Der Weg  wird lang  und schwierig und voller Rückschläge sein und
       viel Geduld  brauchen. Aber  die Gutwilligen in und außerhalb der
       Ämter und  Funktionen werden  kämpfen und durchhalten müssen. Wer
       in Auschwitz war und die Dokumentarfilme über den Warschauer Auf-
       stand gesehen  hat, kommt als ein anderer zurück. Wir haben es an
       Klaus Schütz  gesehen. Die Entscheidungen der Wahl stehen vor uns
       und die  noch wichtigeren Konsequenzen, die nach der Wahl gezogen
       werden müssen.
       Der goldene  September über  Polen war  voller Hoffnung.  Fast zu
       viel Hoffnung.  Ich habe  in dieser Hoffnung fast alle, auch sehr
       kritische Fragen  gerade noch beantworten können. Es wäre furcht-
       bar, wenn  die Antworten  der Verantwortlichen nach der Wahl aus-
       blieben.
       

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