Quelle: Blätter 1970 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER ERKLÄRUNG VON SIEBEN PROFESSOREN DER HOCHSCHULE
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       FÜR BILDENDE KÜNSTE, WESTBERLIN, VOM 28. MAI 1970
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       Aus der  Darstellung Professor  Schriebers, des Stellvertretenden
       Direktors der Hochschule für bildende Künste (HfbK), über die der
       Tagesspiegel am  27. Mai berichtete, geht hervor, daß die Polizei
       am Sonnabend,  dem 23.  Mai, ohne  Provokation in die HfbK einge-
       drungen ist. Mit der Parade hatte diese Aktion nichts zu tun; die
       war bereits um 13 Uhr zu Ende. Auch die Zwischenfälle in der Har-
       denbergstraße lagen  eine Stunde  zurück, als  die Polizei in die
       Hochschule eindrang.  Sie hatte sich lange vergebens bemüht, eine
       Provokation zu  provozieren. Erst als Studenten polizeiliche Trä-
       nengaskörper zurückwarfen  - nicht  ohne vorher  zu rufen:  "Hört
       auf, oder  wir werfen zurück" - erst dann hatte die Polizei ihren
       "Anlaß". Darum "sahen die von Studenten benutzten Tränengaskörper
       denen der Polizei so ähnlich": zum Verwechseln ähnlich...
       Uns geht  es nicht  darum, der  Polizei am  Zeug zu  flicken. Sie
       hatte einen  harten Nachmittag;  aber ihr  Benehmen im  Hause der
       HfbK ist durch Nervosität nicht hinlänglich erklärt. Ein von lan-
       ger Hand  sorgfältig gepflegtes  Vorurteil kommt  hinzu. Von  den
       vielen, viel  zu vielen  Begebenheiten in unserem Hause seien nur
       einige erwähnt:
       Prügelnde Polizisten zerrissen Studienarbeiten, zertraten Modelle
       und zerstörten  Hochschuleinrichtungen. Maler wurden von den zer-
       schlagenen Staffeleien  weg  verhaftet.  Eine  Bildhauerwerkstatt
       wurde eingeschlagen.  Polizisten kletterten über das Dach der be-
       nachbarten Mensa und brachen mit Brecheisen durch Fenster und Tü-
       ren in  Räume der  HfbK ein. Die Polizisten schlugen ohne Vorwar-
       nung auf herumstehende Studenten und Personen ein. Von Polizisten
       mit gezogenen  Pistolen wurden sie - mit Lehrern - zu Gruppen zu-
       sammengetrieben. Polizisten  warfen innerhalb  der Hochschulräume
       in diese  Gruppen Tränengaskörper.  Einige Studenten  und  andere
       Personen mußten  sich mit  erhobenen Händen in einer Reihe an die
       Wand stellen.  Von Einsatzleitern und anderen Polizisten, die die
       Schußwaffe nach  wie vor auf sie richteten, mußten sie sich sagen
       lassen: "Jetzt müßte man mit einem MG dazwischenfahren!" - In der
       Eingangshalle sagte  ein Polizist  zum Stellvertretenden Direktor
       Schrieber, nachdem  dieser auf dem Hausrecht bestand: "Sie Arsch-
       loch, ich bin hier Hausherr."
       Auszug aus  der Zeugenaussage  eines unbeteiligten Westdeutschen,
       der in  der HfbK  als Gast  war: "...Ich wurde zu Boden geworfen,
       getreten und  mit Schlagstöcken  mißhandelt. Anschließend zerrten
       mich die Polizisten an der Treppe zum Raum 302, um mich dort zwi-
       schen die  Stühle zu  werfen und  erneut mit  den  Worten:  'Euch
       Schweinen werden  wir es  zeigen' auf  mich einzuschlagen und mir
       Haarbüschel auszureißen.  Einige Sekunden  war ich bewußtlos. Ich
       sollte mich  dann mit erhobenen Händen an die Wand stellen... und
       man riß  mir meine  Papiere aus  der Jacke,  die ich nur zum Teil
       später wiederfand.  Wieder zerrte  man mich, nachdem ich ca. fünf
       Minuten an der Wand gestanden hatte, den Korridor entlang bis zur
       Treppe. Dort  angelangt, hielten  mich je  ein Polizist links und
       rechts an  den Armen  fest, während  andere auf mich einschlugen,
       wobei sie  schrien: 'Euch Drecksäue werden wir fertigmachen'. An-
       schließend gab  man mir  einen Tritt, und ich fiel 17 Steinstufen
       bis zum ersten Treppenabsatz kopfüber hinab..."
       Handelte es sich um einen spontanen Ausbruch aufgestauter Wut, so
       dürfte man sogar über solche Vorgänge zur Tagesordnung übergehen,
       aber der 23. Mai war geplant. Es wurde "hart durchgegriffen"; und
       der Regierende  Bürgermeister hat angekündigt, daß gegebenenfalls
       die Polizei wieder ebenso eingesetzt werden würde. Der Innensena-
       tor ist  deutlicher geworden:  Er hat die Schußwaffe in Zusammen-
       hang mit  den Steinwürfen  auf Polizisten  vom TU-Gelände aus als
       das "in  diesem Augenblick möglicherweise angemessene Mittel" be-
       zeichnet. Er hat auch von neuen Methoden gesprochen, die er nicht
       im einzelnen  darstellen wolle.  Ist das die Vorbereitung auf die
       Einführung des sogenannten "Schießgesetzes" (Gesetz zur Anwendung
       unmittelbaren Zwanges)? Der 23. Mai könnte die Generalprobe gewe-
       sen sein.
       Unter diesen Umständen fragen sich die Lehrenden, ob sie die Ver-
       antwortung weiter  tragen können. Einige unter uns sind politisch
       aktiv. Unsere  Verantwortung erstreckt  sich auf  die vielen, die
       sich nicht  für Politik  interessieren und  meinen, wenn  sie nur
       nicht hinsehen,  so werde sich die Politik auch nicht für sie in-
       teressieren. Die  Politik kommt  jetzt zu ihnen. Seit dem vorigen
       Sonnabend sind  sie in ihrer Schule nicht mehr sicher. Darum kön-
       nen wir nicht länger "den Lehrbetrieb aufrechterhalten". Wir wer-
       den in  Seminaren und Vorlesungen, Übungen und Colloquien nur von
       dem einen Thema sprechen, daß der 23. Mai ein neues Faktum im Le-
       ben der  Hochschule darstellt:  Wir sind  im Hause eingeschlossen
       und dann  ausgehoben worden.  Das Wort  Eskalation verdeckt diese
       neue Situation: Es hat eine Operation stattgefunden.
       Durch den  23. Mai, an dem in der HfbK auch an völlig Unbeteilig-
       ten von  der Polizei  ein Exempel  statuiert wurde, kann der Ein-
       druck entstehen,  daß Berlin  vom Spuk seiner akademischen Jugend
       befreit werden  soll. Hierzu müssen wir uns verhalten. Wir können
       nicht länger pinseln und bosseln: Dokumentieren, sichern, aufklä-
       ren, das  sind die Künste, die wir jetzt lernen und anwenden müs-
       sen.
       Professor Ludwig Gabriel Schrieber
       Professor Werner Gailis
       Professor Alexander Gonda
       Professor Hardt Walther Haemer
       Professor Egon Hoelzmann
       Professor Herbert Kaufmann
       Professor Thomas Sieverts
       

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