Quelle: Blätter 1970 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       STELLUNGNAHME VON PROF. DR. ANDREAS DRESS, BIELEFELD, AUF
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       DEM KONGRESS FÜR MATHEMATIKER IN MADISON/USA IM APRIL 1970
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       Andreas Dress,  Jahrgang 1938, Bielefelder Professor für Mathema-
       tik, war  im April  1970 zu  einem Mathematiker-Treffen  in Madi-
       son/Wisconsin eingeladen  worden, das  von der  sehr  angesehenen
       American Mathematical Society veranstaltet wurde. Dress, der ein-
       zige deutsche  Mathematiker dort,  hielt einen  stark  beachteten
       Vortrag zur Darstellungstheorie endlicher Gruppen. Er schloß die-
       sen Vortrag  mit einer sehr dezidierten politischen Erklärung zum
       Nachkriegsfaschismus und  -imperialismus ab.  Die  Erklärung  hat
       folgenden Wortlaut:
       
       Am Schluß meines Vortrags möchte ich nun all denen danken, die es
       mir ermöglicht haben, an dieser Konferenz teilzunehmen. Ich meine
       hier nicht  die deutschen oder amerikanischen Behörden, die meine
       Reise bezahlt  haben, sondern die versteckten Geldgeber: die aus-
       gebeuteten Massen in der westlichen Gesellschaft und in der Drit-
       ten Welt.
       Ich bin  in ein  faschistisches Land  hineingeboren worden. Viele
       meiner Verwandten,  die das  Nazi-Regime bekämpft haben, sind von
       den Faschisten ermordet worden, kurz bevor die Alliierten einmar-
       schierten. Dietrich Bonhoeffer war mein Onkel.
       In erster  Linie war  jedoch für viele Intellektuelle in Deutsch-
       land die  Reaktion auf  den Nationalsozialismus  eine Geschmacks-
       frage. Vermutlich  haben sie  sich  kaum  über  die  ökonomischen
       Strukturen Gedanken  gemacht, die  das Wachsen  des Faschismus so
       sehr begünstigt haben.
       In den  frühen 30er  Jahren wurden  schon nahezu alle Sozialisten
       und Gewerkschaftler  in Konzentrationslager  überführt,  ehe  sie
       überhaupt anfangen konnten, eine gemeinsame Front gegen die Nazis
       zu bilden.
       Die bürgerlich-intellektuellen deutschen Widerstandsgruppen fühl-
       ten wohl keine Solidarität mit der Arbeiterklasse. Ich glaube so-
       gar, sie  fühlten sich erleichtert, nicht mit ihr zusammen arbei-
       ten zu  müssen. Das  kann wohl der schwerwiegendste Grund für ihr
       Versagen auch nach dem Kriege sein.
       Trotz all  unserer Kinderträume  von einer  befreiten und  freien
       Welt am  Ende des  Zweiten Weltkrieges  hat sich  nichts wirklich
       verändert. Unser  Leben steht noch immer unter den Vorzeichen der
       Unterdrückung, Ausbeutung und des sinnlosen Massenmordes.
       In aller Welt lassen sich leicht Beispiele finden: der gnadenlose
       Mord an  den Black  Panthers in den Vereinigten Staaten; Englands
       Unterstützung der  verbrecherischen Regierungen von Südafrika und
       Rhodesien; die Unterstützung der faschistischen und kolonialisti-
       schen Regierungen  von Portugal  und Spanien durch Frankreich und
       Westdeutschland; um nicht Vietnam, Laos und Kambodscha zu nennen.
       Die Intellektuellen  und Wissenschaftler  der sogenannten  freien
       Welt haben  eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung des Kapita-
       lismus und Imperialismus zu übernehmen.
       1) Sie sind  den Menschen  verantwortlich, d.h.  sie dürfen nicht
       weiter im  Elfenbeinturm der  Reinen Wissenschaft hausen, sondern
       müssen aktive politische Menschen werden.
       2) Wir sind  für die  Bildung der  Jüngeren verantwortlich. Daher
       müssen wir  jede erreichbare  Information sammeln  und an  unsere
       Studenten weitergeben,  die ihnen  zu verstehen  erleichtert, wie
       Kapitalismus und Imperialismus arbeiten und wie sie bekämpft wer-
       den können.
       3) Wir sollten solidarisch mit den Unterdrückten handeln und jede
       Gelegenheit nutzen,  ihnen zu  helfen. Solidarität mit den Unter-
       drückten darf nicht ein bloßer Slogan für uns bleiben.
       Und zum  letzten: Gelegenheiten bieten sich nicht von selbst, wir
       werden neue  Wege suchen und finden müssen, Hilfe zu leisten, Un-
       terstützung zu  bekommen, alle  möglichen Quellen auszunutzen und
       für eine neue Gesellschaft zu kämpfen und sich zu entwickeln.
       So werden vielleicht die Menschen, die unsere Forschung bezahlen,
       letzten Endes auch davon profitieren.
       

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