Quelle: Blätter 1970 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SOLDAT 70 - WEHRPFLICHTIGE MELDEN SICH ZU WORT
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       Die Vorgänge,  die mit  der nachstehend dokumentierten Initiative
       "Soldat 70"  ausgelöst  worden  sind,  werfen  ein  bezeichnendes
       Schlaglicht auf  Richtung und  Grenzen, die die Bundeswehrführung
       der Diskussion  um die  Reform der  bundesdeutschen Armee  vorzu-
       schreiben wünscht.  Anfang  Mai  1970  veröffentlichten  dreizehn
       wehrpflichtige Soldaten  in Bonn  die Studie  "Soldat 70", in der
       sie sich  kritisch mit der sogenannten Schnez-Studie und den Vor-
       stellungen des Bundesverteidigungsministers auseinandersetzen und
       eine Reihe  von Vorschlägen  und Forderungen zur Demokratisierung
       der Bundeswehr entwickeln. Zum ersten Mal wurde mit diesen Forde-
       rungen die  Stimme der  großen Masse der Wehrpflichtigen vernehm-
       bar. Zahlreiche  Mitunterzeichner schlossen  sich der  Initiative
       an. Die Hast und die Methoden, mit denen diese neue Stimme unter-
       drückt werden  soll, dokumentieren, welche Interessen in der Bun-
       deswehr gegenwärtig  den Ton  angeben. Drei Tage nachdem der Ver-
       teidigungsminister die Diskussion von "Soldat 70" im Rahmen eines
       "Wehrpflichtigen-Parlaments" in  Aussicht gestellt  hatte, verbot
       Generalinspekteur de  Maizière mit sofortiger Wirkung die Vertei-
       lung und  Diskussion des  Papiers in  den Kasernen.  Seit  diesem
       Zeitpunkt sehen  sich die  Initiatoren einer Welle von Drohungen,
       Spindkontrollen, Verhören,  Arreststrafen  und  Verfahren  ausge-
       setzt. Der Gefreite Georg Rohde und der Flieger Gerhard Gust wur-
       den sogar  mit der Begründung "staatsgefährdender Zersetzung" aus
       der Bundeswehr entlassen und warten auf einen Prozeß. Die Bundes-
       wehrführung hat  hier von  neuem Anschauungsmaterial  für die Be-
       rechtigung und Dringlichkeit der Forderungen ihrer demokratischen
       Kritiker geliefert  - Erfahrungen  und Forderungen, die nicht auf
       sich beruhen bleiben können. D. Red.
       
       Alle reden von der Bundeswehr. Wir auch. Wir sind junge Arbeiter,
       Angestellte und  Abiturienten, die  zur Zeit ihren Wehrdienst ab-
       leisten. Wir haben eine große Gemeinsamkeit mit den meisten unse-
       rer Kameraden:
       Dieser Barras stinkt uns!
       Denn wir  haben erfahren,  daß der  Anspruch der  Bundeswehr, für
       Frieden und  Demokratie einzustehen, im Widerspruch zur Wirklich-
       keit steht.
       Wir haben  erfahren, daß die Bundeswehr von Männern geführt wird,
       denen alles  Militärische zum Lebensinhalt und Selbstzweck gewor-
       den ist.  Wer aber  nicht mehr bereit ist, das Militär grundsätz-
       lich in  Frage zu  stellen, stellt  eine ständige  Bedrohung  für
       friedliches und ziviles Leben dar.
       Wir haben  nicht nur  von Frieden und Demokratie geredet, sondern
       wir haben  danach gehandelt.  Und wir  nehmen Paragraph 17, 2 des
       Soldatengesetzes ernst.  Wir wollen  das Ansehen  der Soldaten in
       der Öffentlichkeit  heben. Angesehen,  wie es  im  Soldatengesetz
       heißt, kann  aber nach unserer Meinung nur der sein, der sich für
       Frieden und  Demokratie einsetzt.  Deshalb finden sich in unseren
       Reihen auch  solche Soldaten,  die in Uniform gegen die Anwendung
       der Notstandsgesetze  und gegen  den Krieg der USA in Vietnam und
       Kambodscha demonstriert  haben. Deshalb gehören wir zu denen, die
       in den  Kasernen den alten und neuen Nazis den Kampf angesagt ha-
       ben.
       Wir müssen  leider feststellen,  daß die Meinung der Mannschaften
       und der Wehrpflichtigen anscheinend völlig uninteressant ist.
       Alle reden von Schnez, Schmidt, den Problemen der Unteroffiziere,
       der jungen  Offiziere. Wir  meinen, es ist höchste Zeit, daß sich
       auch die Wehrpflichtigen zu Wort melden und an die Öffentlichkeit
       treten.
       Wir wenden  uns an  die Gewerkschaften, an die Jugendverbände und
       alle demokratischen  Vereinigungen, unsere  Probleme zu  erkennen
       und uns zu helfen.
       Wir wenden uns an die demokratischen Journalisten, über unser An-
       liegen objektiv zu berichten.
       Wir wenden uns an den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages:
       Wenn Sie  das Zutrauen, das wir Soldaten zu Ihrem Amt schon lange
       nicht mehr  haben, wiedergewinnen  wollen, dann  unterstützen Sie
       unsere Forderung!
       Verlesen Sie  unser Papier "SOLDAT '70" vor dem Deutschen Bundes-
       tag!
       Vor allen  Dingen wenden  wir uns an unsere Kameraden: Setzt Euch
       mit unseren  Gedanken auseinander. Diskutiert sie in den Kasernen
       und  in   der  Öffentlichkeit.  Unterstützt  unsere  Forderungen.
       Schreibt uns Eure Meinung.
       
       I. Staat, Gesellschaft und Bundeswehr
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       Bei vielen von uns Wehrpflichtigen gibt es ein berechtigtes Unbe-
       hagen über  die Entwicklung in der Bundeswehr. Die da "oben" sind
       erschreckt über  die große  Zahl derer,  die  während  des  Wehr-
       dienstes den  Kriegsdienst verweigern  und die Brocken hinschmei-
       ßen. Deshalb  greifen sie zu Mitteln der Diffamierung, des Straf-
       dienstes und schwingen die Alarmglocken.
       Die da  "oben" sind  erschreckt über  die weiter anwachsende Zahl
       derer, die nicht zum Bund wollen und den Kriegsdienst verweigern.
       Deswegen werden  diese jungen  Menschen in politischer Quarantäne
       gehalten, und  ihr Idealismus wird durch einen stumpfsinnigen Er-
       satzdienst verhöhnt.
       Die da "oben" sind schließlich besonders deshalb erschreckt, weil
       die Zahl  derer wächst  die sich  nicht in  politische Quarantäne
       stecken lassen und sich als Staatsbürger nicht vorübergehend pen-
       sionieren lassen  wollen, sondern als Soldaten für Demokratie und
       Frieden einstehen.
       Die da "oben" sind schließlich besonders deshalb erschreckt, weil
       die Zahl derer wächst, so aus:
       Wer seinen  Kopf zum  Denken benutzt und auch danach handelt, dem
       kann es passieren, daß er in den Bau wandert. Wer seinen Kopf nur
       zum Haareschneiden  hat (und sonst zu nichts), der hat neuerdings
       die "Freiheit", jetzt auch eine gemäßigte Mähne zu tragen.
       Daß man  jetzt die  alten Zöpfe offen tragen darf, das sollen of-
       fensichtlich die "Reformen" sein.
       Inzwischen haben sich aus allen möglichen politischen Ecken Stim-
       men in  der Diskussion um die "Modernisierung und Reform der Bun-
       deswehr" zu Wort gemeldet.
       Voran die  Generale: Schnez  und sein  Programm haben die Öffent-
       lichkeit erregt.  Sie wollen  die Militärmacht der demokratischen
       Kontrolle noch mehr als bisher entziehen. Andererseits wollen sie
       den Einfluß  ihrer Macht auf das zivile Leben bei uns verstärken.
       In den  Schulen soll  z.B. verstärkt für den Barras geworben wer-
       den; insgeheim  wollen sich  die Herren  Generale die gesetzliche
       Möglichkeit verschaffen, die Jugend insgesamt in den Griff zu be-
       kommen.
       Mit ihnen  Verteidigungsminister Schmidt: Er ist ihr Mann und er-
       füllt ihre  Wünsche. Gegen  den Protest aus seiner eigenen Partei
       und der  Parteijugend stellt  er sich  hinter  Schnez  und  seine
       "Strafbataillone".
       Er redet viel von Reformen. Wir haben nichts gegen Reformen, wenn
       sie der Demokratie nützen. Was Schmidt jedoch will, ist eine Bun-
       deswehr frei  von "bürokratischem Ballast", frei von "technischen
       Unzulänglichkeiten" -  aber auch frei von Demokratie! Die Bundes-
       wehr soll ein perfekt funktionierendes Instrument in der Hand ei-
       niger Generale  (Schnez und  ähnliche) und  einiger Rüstungsbosse
       werden (wie  der Industrielle  Mommsen, der  unter Hitler  an Rü-
       stungsindustrielle die Aufträge vergab und heute bei Schmidt sich
       anschickt, als Staatssekretär Ähnliches zu tun).
       Vor dem  Hintergrund der  Schnez-Studie und  der  Politik  Helmut
       Schmidts müssen  wir dringend  auf Folgendes  warnend  hinweisen:
       Eine technisch so reformierte Armee mit weitgehend unkontrollier-
       ten Machtbefugnissen ihrer Führung und einem willfährigen Vertei-
       digungsminister haben  in den  USA die  Voraussetzungen  für  den
       Vietnam-Krieg und den Eingriff in Kambodscha geschaffen.
       Soll es auch bei uns so weit kommen, daß Generale Politik auf ei-
       gene Faust,  aber auf  unsere Kosten und Knochen machen? Sieht so
       der Schlußstrich der SPD unter die Politik der CDU/CSU aus? Schon
       hören wir  Stimmen aus  der NPD,  welche  die  Vorstellungen  von
       Schnez und  Schmidt offen  begrüßen und  erklären, daß damit ihre
       eigenen erfüllt seien.
       
       II. Staatsbürger in Uniform
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       Immer wieder  wird uns  erzählt, Soldaten  seien "Staatsbürger in
       Uniform". Wir aber haben das Gegenteil erfahren müssen. Die freie
       Meinungsäußerung endet  hinter dem Kasernentor. Wer seine Meinung
       kritisch und offen zu allen Fragen sagt, wird daran gehindert und
       bekommt Druck.
       Wir haben in Flugblättern unsere Stimme gegen Mißstände beim Bund
       erhoben. Wir  haben uns  z.B. dagegen  gewehrt, daß die alten und
       neuen Nazis  wieder frech  und offen in der Bundeswehr Propaganda
       machen und  als Kandidaten der NPD auftreten dürfen. Das Ergebnis
       war: Nicht  sie, sondern wir wurden verknackt - von Ausgangssper-
       ren bis  zum Bau. Wenn das Grundgesetz für alle gelten soll, dann
       dürfen Bürger  auch in Uniform nicht weniger Rechte haben. Deswe-
       gen fordern wir:
       - Freie politische  und gewerkschaftliche Betätigung aller Solda-
       ten im  Rahmen des Grundgesetzes, außerhalb und innerhalb der Ka-
       sernentore.
       - Volles Recht auf Demonstration, auf Flugblatt- und Plakataktio-
       nen.
       - Dienstbefreiung nach freier Wahl für politische Betätigung.
       - Freistellung zur  Ausübung des  passiven  Wahlrechts  auch  für
       Wehrpflichtige.
       - Freie Betätigung  aller demokratischen  Organisationen  in  der
       Bundeswehr.
       - Erhaltung des uneingeschränkten Beschwerderechts.
       - Verbot der  Tätigkeit von NPD-Mitgliedern und solchen Soldaten,
       die für den alten Nazi-Geist zu Felde ziehen.
       - Gesetzlich garantierte  Möglichkeit der  Anrufung  ziviler  Ge-
       richtsbarkeit bei  allen Disziplinarstrafen,  mit  aufschiebender
       Wirkung.
       - Änderung jener  Paragraphen im Soldatengesetz, die die grundge-
       setzlich verankerten Bürgerrechte beschneiden.
       
       III. Vertrauensleute
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       Wir "dürfen"  unsere Vertrauensleute  wählen. So  weit so gut. Zu
       sagen haben  sie nichts.  In den Augen der Kameraden sind sie die
       berühmten "armen  Schweine", die,  wenn sie  in unserem Interesse
       auftreten, dafür  mit persönlichen  Nachteilen rechnen müssen, in
       andere Einheiten  versetzt werden.  Oftmals werden sie zu Sonder-
       diensten eingeteilt, so daß sie ihre Aufgaben als Vertrauensleute
       nicht in dem nötigen Umfang wahrnehmen können.
       Wir sind der Ansicht, daß ein Vertrauensmann erst dann seinen Na-
       men voll verdient, wenn ihm folgende Möglichkeiten gesetzlich ge-
       geben sind:
       - Gewählte Vertrauensleute dürfen nicht versetzt werden. Die Ver-
       trauensleute dürfen nur von denen abgewählt werden, von denen sie
       ihr Mandat erhielten.
       - Die Vertrauensleute  dürfen Versammlungen der Soldaten einberu-
       fen.
       - Versammlungen sollen  regelmäßig während des Dienstes einmal im
       Monat stattfinden.
       - Mitbestimmung bei der Erstellung des Dienstplanes.
       - Mitbestimmung über  personelle Entscheidungen im Kompanierahmen
       (z.B. Absetzung des Kompaniechefs).
       - Beschwerderecht der Vertrauensleute für ihre Kameraden.
       - Wahl der Vertrauensleute auf Bataillons- und Divisionsebene.
       - Mitbestimmung bei  der Urlaubs- und Wochenendsdienstbefreiungs-
       regelung.
       - Mitbestimmung über  Verpflegung und  Kantinenpreise. Selbstver-
       waltung der Soldaten über die Kantine.
       - Mitbestimmung über  die Inhalte  der  "Aktuellen  Information".
       Freie Wahl der Referenten.
       Als junge Arbeiter und Angestellte haben wir uns in den Betrieben
       und Büros  für mehr  Rechte und für unsere Interessenvertretungen
       eingesetzt. Wir  sehen gar nicht ein, warum wir in der Bundeswehr
       damit aufhören sollten.
       
       IV. Außenpolitische Zielsetzung der Bundeswehr
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       Uns wird  immer wieder  gesagt, die Bundeswehr sei ein Instrument
       zur Sicherung des Friedens.
       Wir aber haben das Gegenteil erfahren.
       Ständig vermittelt  man uns  ein ganz  bestimmtes "Feindbild". In
       der Grundausbildung,  im Schießstand,  in der "Aktuellen Informa-
       tion" werden  wir auf  den Fall  "Rot" gedrillt.  Der Feind steht
       demnach ausschließlich  im Osten.  In den Winterhärteübungen wird
       uns klargemacht, was wir im "russischen Winter" durchzustehen ha-
       ben. Wir pauken sowjetische Panzertypen und den Aufbau der Armeen
       der sozialistischen Länder.
       Wir müssen  feststellen, daß  eine solche "Ausbildung" sich nicht
       wesentlich von  der Zielsetzung  der Hitler-Armee  unterscheidet,
       die sich als ein Instrument des Krieges und der Eroberungspolitik
       verstand. Dieser  Geist dient nicht der Friedenssicherung. Dieser
       Geist ist bestimmt vom "Ostlandreitertum" und soll uns bereit ma-
       chen, Revanche zu nehmen für den Zweiten Weltkrieg.
       Unsere Kasernen  heißen: "Deutschordenkaserne",  "Kaiser-Wilhelm-
       Kaserne", unsere  Schiffe werden  benannt nach Nazi-Admiralen. In
       den Kasernen  gibt es  "Traditionsräume" mit  den Requisiten  der
       kaiserlichen und Nazi-Armee.
       Der Antikommunismus  ist immer  noch die ideologische Haupttrieb-
       kraft für  diese Erscheinungen  und bestimmend  für den Geist der
       Bundeswehr. Die  europäischen Nachkriegsgrenzen wurden von Parla-
       ment und  Regierung der BRD - und damit von der Bundeswehrführung
       - immer  noch nicht völkerrechtlich anerkannt. Das steht zu Frie-
       den und Sicherheit im Widerspruch.
       Mit Frieden  und Sicherheit  hat es auch nichts zu tun, wenn Bun-
       desverteidigungsminister  Schmidt   wie  seine  Vorgänger  danach
       strebt, über den Einsatz von Atomwaffen mitzuentscheiden. Wenn an
       den Trägerwaffensystemen  für A-Waffen  festgehalten wird, wie es
       erneut aus  dem Verteidigungsweißbuch  hervorgeht, das den Ankauf
       von MRCA-Bombern (mit Aktionsradins bis zum Ural und mit Kernwaf-
       fensystem) vorsieht, so wird uns der Glaube an friedliche Absich-
       ten recht schwer gemacht.
       Wenn  Verteidigungsminister   Schmidt  feststellt,  daß  der  So-
       wjetunion an  einem Krieg  nichts gelegen  ist, daß  sie ein  Le-
       bensinteresse am  Frieden hat, dann muß auch in der Bundeswehr im
       vollen Umfange dem Rechnung getragen werden.
       Andererseits sollen  wir im  Rahmen der  NATO dazu herhalten, fa-
       schistische Terrorregime  wie in  Griechenland, Portugal und Spa-
       nien am Leben zu erhalten. Als NATO-Partner sollen wir zum Still-
       halten gegenüber dem Verbrechen der USA in Vietnam, Laos und Kam-
       bodscha gezwungen werden. Die Repressalien gegen Soldaten, die in
       Uniform dagegen protestieren, sind uns Beweis genug.
       Deshalb fordern wir:
       - Endlich Schluß mit dem Antikommunismus.
       - Schluß mit  der Hetze  gegen die Sowjetunion, gegen die DDR und
       alle anderen sozialistischen Länder.
       - Völkerrechtliche Anerkennung  der DDR  und der nach dem Zweiten
       Weltkrieg entstandenen Grenzen in Europa.
       - Sofortige Ratifzierung des Atomwaffensperrvertrages.
       - Sofortigen Austritt aus der NATO.
       - Strikte Neutralität der BRD.
       - Weg mit  den Plänen  über Atomminen  an den Grenzen der DDR und
       den gefährlichen Planspielen mit atomaren "Warnschlägen" über die
       Ostsee.
       - Weg mit den Kernwaffenträgern.
       - Verbot der Lagerung und Herstellung von chemischen und biologi-
       schen Kampfstoffen auf dem Boden der BRD.
       
       V. Die Bundeswehr als innenpolitisches Instrument
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       Uns wird immer wieder gesagt: Die Bundeswehr schützt die Freiheit
       der Bürger  unseres Landes. Wir haben das Gegenteil erfahren: sie
       bedroht unsere Freiheit.
       Wir werden  gezwungen, für  sogenannte  "innere  Krisenfälle"  zu
       üben. Wir  müssen die Niederschlagung von Streiks und den Einsatz
       gegen Demonstranten proben.
       Letzten Endes  bedeutet das: Wir sollen gegen unsere eigenen Kol-
       legen in  den Betrieben,  wir sollen am Ende gegen uns selbst und
       unsere eigenen Interessen vorgehen.
       Die Notstandsgesetze  haben der Bundeswehr grünes Licht dafür ge-
       geben. Was  in Griechenland passiert ist, haben wir nicht verges-
       sen. Wir weigern uns, den Steigbügelhalter für eine Militärdikta-
       tur zu spielen, und fordern deshalb:
       - Die Beseitigung  der antidemokratischen  Paragraphen des Solda-
       tengesetzes.
       - Weg mit der Notstandsgesetzgebung.
       - Unterbindung aller Versuche von Anfang an, Kameraden durch Son-
       derausbildung zur  Bespitzelung anderer Kameraden zu erziehen und
       zu zwingen.
       - Abschaffung aller Formen einer Leistungsbewertung, die nach dem
       Prinzip "teile und herrsche" wirken sollen.
       
       VI. Der alte Geist
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       Uns wird  immer wieder  gesagt: In  der Bundeswehr gibt es keinen
       Neonazismus. Wir  aber haben  erfahren müssen, daß die Bundeswehr
       ein wahres Paradies für die alten Kommißköpfe, Unteroffiziere und
       Offiziere der  Hitler-Wehrmacht ist.  Sie machen  in "Traditions-
       pflege" und  verherrlichen die  soldatischen Prinzipien der Nazi-
       Armee. Dabei  bleiben sie  jedoch nicht stehen: sie versuchen die
       Soldaten in  diesem Geist  zu beeinflussen, und leider nicht ohne
       Erfolg. Eine stattliche Anzahl von Offizieren und Unteroffizieren
       kandidierten auf  den Listen  der neonazistischen  NPD. Wer  sich
       dagegen  auflehnt,   wird  bestraft.   So  stellen   die  "Jungen
       Nationaldemokraten", die  Jugendorganisation der  NPD, mit tiefer
       Befriedigung fest, daß ein großer Teil ihrer Mitglieder ehemalige
       Wehrpflichtige sind.  Das kann  denjenigen nicht  verwundern, der
       kennengelernt  hat,  daß  der  alte  Untertanengeist  immer  noch
       oberstes erzieherisches  Ziel der  Bundeswehr ist!  Die "Ruhe und
       Ordnung"-Parolen der  NPD sind  tief im  Bewußtsein einer  großen
       Zahl der Offiziere und Unteroffiziere verwurzelt.
       Gegen den  Neonazismus werden  wir uns  weiterhin mit aller Kraft
       wehren und fordern:
       - Auflösung der NPD.
       - Entlassung aller  Unteroffiziere und  Offiziere,  die  sich  in
       neonazistischen Organisationen betätigen.
       - Entfernung aller  Offiziere und Generäle, die der Hitler-Clique
       dienten.
       - Ausmistung aller Bundeswehr-Büchereien und Entfernung aller Bü-
       cher mit kriegsverherrlichendem und antihumanistischem Inhalt.
       - Verbot der alten und neuen Nazi-Lieder und solcher Lieder, wel-
       che sich  vom Inhalt  her gegen die bestehenden Grenzen in Europa
       richten (z.B. Schlesierland - mein Heimatland).
       - Sofortige Änderung von Kasernen- und Schiffsnamen, die eine re-
       aktionäre und  militaristische Tradition verkörpern, und Umbenen-
       nung nach Demokraten, Widerstandskämpfern und Antifaschisten.
       
       VII. Wehrgerechtigkeit
       ----------------------
       
       Es wird  viel von  Gerechtigkeit in diesem Staat gesprochen, auch
       von Wehrgerechtigkeit. Dafür kommen aus den verschiedensten Ecken
       eine Menge  von Plänen  und Vorschlägen. Vor der Einberufung wird
       immer wieder  gesagt, daß  durch den Militärdienst keine sozialen
       Härten auftreten. Wir haben das Gegenteil erfahren. Die Regierung
       behandelt die  Soldaten ungerecht  - sie werden sozial benachtei-
       ligt und politisch entmündigt.
       Die "Wehrgerechtigkeit",  wie sie  z.B. Helmut  Schmidt versteht,
       bedeutet die  Ausdehnung der  Ungerechtigkeit auf  alle im  wehr-
       pflichtigen Alter.  Sein Geschimpfe  über die "Drückeberger" soll
       vertuschen, daß sich die Bundesregierung davor drückt, den Solda-
       ten die  gleichen sozialen  und politischen  Rechte zuzugestehen,
       wie sie  die Nicht-Dienenden  haben. Wenn Schmidt und seinesglei-
       chen den Neid der Arbeiter in Uniform auf ihre jungen Kollegen in
       den Betrieben  züchten wollen, indem sie davon sprechen, daß "die
       einen dienen  und die  anderen verdienen",  so fordern  wir:  Wer
       dient, soll auch verdienen! Denn das ist das Gesicht der Schmidt-
       schen "Gerechtigkeit":  Der junge Facharbeiter in Uniform hat bis
       zu 90  Prozent weniger  Geld als  vorher. Aber  die  Industriebe-
       triebe, die  ins Rüstungsgeschäft einsteigen, haben nicht nur den
       gleichen Profit  wie andere Unternehmer, sondern sogar noch mehr.
       Wir wehren  uns dagegen,  daß wir  gegen unsere Kollegen mit Neid
       aufgeladen werden sollen.
       Deswegen meinen  wir, wenn schon soviel von Gerechtigkeit geredet
       wird, müssen folgende Forderungen vorrangig verwirklicht werden:
       - Erhöhung des  Wehrsoldes auf mindestens DM 350,- für Abiturien-
       ten, Lehrlinge, Studenten oder 90 Prozent des vor der Wehrdienst-
       pflicht erreichten Brutto-Einkommens.
       - Freie Benutzung  öffentlicher Verkehrsmittel  vom  Heimat-  zum
       Standort.
       - Auszahlung des Verpflegungsgeldes nicht nur an Wochenenden.
       - Freie Wahl der ärztlichen und medizinischen Hilfe.
       Das ist  schon gerechter,  aber noch  lange keine "Wehrgerechtig-
       keit". Ein Schritt weiter in Richtung Gerechtigkeit ist es schon,
       wenn die  im zivilen  Bereich erkämpften und gültigen Rechte auch
       für die  Bundeswehr  verbindlich  werden,  d.h.  wenn  wir  einen
       eigenen und  wirksamen Vertrauenskörper haben, wenn wir das Recht
       auf Mitbestimmung  haben und  wenn letzten Endes zwischen zivilem
       und militärischem  Leben alle  einschneidenden Schranken gefallen
       sind.
       Wer es  wirklich ernst  meint mit dem Frieden und mit der Wehrge-
       rechtigkeit, der  wird sich dann guten Gewissens nicht mehr gegen
       eine Verkürzung  der Wehrdienstzeit auf zunächst 12 Monate wehren
       können. Dem  wird die Forderung nach Senkung der Rüstungsausgaben
       um zunächst 10 Milliarden DM zum Anliegen.
       Der wird  nicht umhin  können, dann  auch  die  Truppenstärke  um
       zunächst die Hälfte zu senken.
       Und der wird sich letztendlich im Rahmen einer echten Friedenspo-
       litik in  Europa der  fälligen Entmilitarisierung  und  Abrüstung
       nicht verschließen können.
       Alle anderen  Modelle einer sogenannten Wehrgerechtigkeit enthül-
       len vor diesem Hintergrund ihren wahren Charakter. Wer mehr Wehr-
       pflichtige statt  weniger einziehen  will, wer von einem sozialen
       Pflichtjahr für  Mädchen träumt,  wer von  einer "Wehrsteuer" für
       "Nichtdienende" redet,  der muß sich den Vorwurf gefallen lassen,
       daß er,  wie Hitler  mit seiner totalen militärischen Volkserfas-
       sung getan hat, einer militärischen Lösung der gesellschaftlichen
       Probleme den  Vorrang gibt. Von solcher "Gerechtigkeit" haben wir
       und unsere Eltern seit dem Zweiten Weltkrieg die Schnauze voll.
       
       Wir wenden uns an unsere Kollegen und Kameraden!
       ------------------------------------------------
       
       Hier haben Soldaten ihre Forderungen erhoben und ihre Meinung ge-
       sagt. Hiermit  haben wir  einen Anfang  gemacht, damit  auch  die
       Stimme der Wehrpflichtigen gehört wird.
       Diese Gedanken werden wir in die Kasernen, Betriebe, Gewerkschaf-
       ten und  Jugendverbände tragen.  Wir meinen nicht, daß unser Pro-
       gramm bereits  vollständig und  mit dieser  Studie  abgeschlossen
       ist.
       Jetzt wird  es darauf  ankommen, daß unsere Kameraden unsere Vor-
       stellungen kennenlernen - daher werden wir alle Möglichkeiten zur
       Bekanntmachung von  "Soldat '70" nutzen. Wir rufen dazu auf, die-
       ses Programm  zu diskutieren,  es weiterzuentwickeln,  es zu ver-
       wirklichen. Dafür sind wir zum Kampf angetreten.
       Das sind wir: (Schreibt uns!")
       Flieger Manfred  Eger, 7801  Klingholz, Haus  13 -  Panzerschütze
       Günther Eiermann,  6987 Külsheim, Prinz-Eugen-Kaserne, 1. Pz.Btl.
       364 -  Panzerkanonier Hans  Froeschen, 2 Hamburg 92, Röttiger-Ka-
       serne, Cuxhavener  Str. 545 c, 3./pz. Art.-Btl. 75 - Flieger Ger-
       hard Gust,  2944 Wittmund, Stab Jagdgeschwader 71 "Richthofen", S
       4 Nachschub  - Panzergrenadier  Wolfgang Hoffmann,  5438  Wester-
       burg/Westerwald, 1./Pz.-Gren.-Btl.  152, Wäller-Kaserne - Schütze
       Wolfgang Jerrentrup,  6987 Külsheim,  Prinz-Eugen-Kaserne, Ausb.-
       Inst.-Kp. 3/12  - Gefreiter  Jakob Kalker, 5131 Teveren, Postfach
       F 3 -  Flieger Udo  Kniffel, 5353  Mechernich, Bleiberg  Kaserne,
       Postfach 220/8  - Panzergrenadier Eugen Meves (Anschrift siehe H.
       Froeschen) -  Gefreiter Georg Rohde, 314 Lüneburg, Scharnhorstka-
       serne, 1./Vers.-Btl.  86 - Gefreiter Peter Schäfer, 5 Köln-Longe-
       rich, Bergheimer  Weg 1,  1./s. Transportabt. 933 - Schütze Peter
       Tuchscherer, 848  Weiden, Frauenrichter  Str. 1421 - Panzergrena-
       dier Arne Winter (Anschrift siehe H. Froeschen).
       

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