Quelle: Blätter 1970 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       TISCHREDE DES BUNDESKANZLERS
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       Der Bundeskanzler erwiderte:
       
       Herr Vorsitzender des Ministerrates!
       Lassen Sie  mich Ihnen  danken, auch  im Namen  von Außenminister
       Scheel und  unserer Delegation, für die Einladung nach Moskau und
       die großzügige  Gastfreundschaft, die  wir bei Ihnen gefunden ha-
       ben.
       Die zahlreichen  Gespräche der letzten acht Monate haben mehr be-
       wirkt als die Formulierung eines Vertrages. Ihre und meine Mitar-
       beiter haben Gelegenheit gehabt, sich kennenzulernen, ihre Gedan-
       ken auszutauschen  und sich  zu verstehen,  selbst wenn  man sich
       nicht im  ersten Anlauf verständigen kann. Dabei möchte ich Herrn
       Gromyko -  mit dem  ich ja in den letzten beiden Jahren schon ei-
       nige Male  zusammengetroffen war  - für sein persönliches Engage-
       ment danken.  Ich sehe  zu meiner  Freude, daß er trotz der Länge
       der Gespräche nicht außer Atem gekommen ist, sondern diesen Mara-
       thon-Lauf in bewundernswerter Kondition beendet hat.
       Gestern nachmittag habe ich zum erstenmal in meinem Leben den Bo-
       den der  Sowjetunion betreten,  und dabei  war mir bewußt, welche
       Erinnerungen und Wunden unsere Staaten und nicht zuletzt die Völ-
       ker bis zum heutigen Tage tragen.
       Ich weiß mich in einem Lande, in dem es einen besonderen Sinn für
       Geschichte gibt.  Eine Geschichte, die niemand ungeschehen machen
       kann und  die niemand  leugnen darf. Wer sie vergißt oder zu ver-
       gessen versucht, wird krank an seiner Seele.
       Aber ebenso wahr ist, daß kein Volk auf die Dauer leben kann ohne
       Stolz und  ohne die  Aussicht, seinen Willen friedlich zu vollen-
       den. Die Geschichte darf nicht zu einem Mühlstein werden, der uns
       niemals aus der Vergangenheit entläßt.
       Ich verstehe  diesen  Vertrag  in  gewisser  Hinsicht  als  einen
       Schlußstrich und als einen neuen Anfang, der unseren beiden Staa-
       ten gestattet, den Blick nach vorn zu richten in eine bessere Zu-
       kunft. Als  einen Vertrag, der uns von den Schatten und den Bela-
       stungen der  Vergangenheit befreien soll - Sie wie uns. Der Ihnen
       wie uns die Chance eines neuen Anfangs gibt.
       Das Werk,  das hier  begonnen wurde, wird seinen vollen Sinn erst
       erfüllen, wenn  wir damit  zu einer wirksamen und wirklichen Ent-
       spannung in  der Mitte  Europas beitragen.  Dabei darf kein Punkt
       vergessen werden. Das Werk wäre unvollständig, wenn wir nicht da-
       für sorgen  würden, daß es nirgendwo in der Mitte Europas mehr zu
       Spannungen kommen  kann und  daß befriedigende Regelungen überall
       geschaffen werden,  wo es  sie heute  noch nicht gibt. Lassen Sie
       uns alle dies Werk vollenden.
       Trotz der  Meinungsverschiedenheiten, die  weiter bestehen, trotz
       der verschiedenen  Gesellschaftsordnungen können wir ein Beispiel
       geben, wie  in dieser schwierigen Welt eine friedliche Koexistenz
       verwirklicht wird, gegen niemanden, zum Nutzen aller, der Staaten
       und der Völker in beiden Teilen Europas.
       Ich hoffe,  die Zeit  der Entfremdung  liegt hinter uns. Das Bild
       des Deutschen  vom Russen  und umgekehrt  entspricht häufig nicht
       der Wirklichkeit,  von der  wir doch  ausgehen wollen. Lassen Sie
       uns Menschen  aus allen Schichten miteinander in Verbindung brin-
       gen, damit Vorurteile verschwinden und neues Verstehen folgt.
       Ich möchte  mein Glas  erheben und  trinken auf  Ihr persönliches
       Wohl, auf  das Wohl  der sowjetischen Regierung, des Vorsitzenden
       des Staatsrates,  auf das  Wohl des Ersten Sekretärs, mit dem ich
       ein interessantes  Gespräch führen  konnte, auf  das Wohl unserer
       Völker und  auf das Wohl der Zusammenarbeit zwischen unseren Völ-
       kern, und  damit möchte  ich zugleich auf die Jugend trinken, die
       zugleich die  Mehrheit unserer Völker ist und der wir den Weg zu-
       einander frei machen wollen. Auf eine Zukunft der ehrlichen Part-
       nerschaft und des Friedens.
       

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