Quelle: Blätter 1970 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       TISCHREDE VON MINISTERPRÄSIDENT KOSSYGIN
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       Am 12. August 1970 gab der sowjetische Ministerpräsident im Fest-
       saal des Facettenpalastes im Kreml ein Essen für die deutsche De-
       legation.
       
       Im Namen  der sowjetischen  Regierung begrüße ich den Bundeskanz-
       ler, Herrn  Willy Brandt,  den Herrn  Außenminister Walter Scheel
       sowie die  sie begleitenden  Persönlichkeiten, die  in Verbindung
       mit dem Abschluß des Vertrages zwischen der Union der Sozialisti-
       schen Sowjetrepubliken  und der  Bundesrepublik Deutschland  nach
       Moskau gekommen  sind. Der  heutige Tag wird ein denkwürdiger Tag
       sein in  den Beziehungen  zwischen beiden Ländern. In der Vergan-
       genheit gab  es nicht  viele Ereignisse,  die Grund gewesen sind,
       eine friedliche  Zusammenarbeit zwischen  unseren Ländern als ein
       erreichbares praktisches Ziel in Fluß zu bringen, obwohl die Leh-
       ren der  Geschichte und  die Lebensinteressen  der Völker  beider
       Länder zweifellos  die Beseitigung der Hindernisse auf diesem Weg
       gefordert haben.  Lange Jahre  haben sich die Sowjetunion und die
       Bundesrepublik Deutschland  im internationalen  politischen Leben
       bei der Lösung wichtiger Probleme oft auf entgegengesetzten Polen
       befunden.
       Der eben  unterzeichnete Vertrag  ist das  Ergebnis langwieriger,
       oft sehr schwieriger Verhandlungen. Aber man kann seine Befriedi-
       gung darüber zum Ausdruck bringen, daß beide Seiten nicht vor den
       Schwierigkeiten zurückgeschreckt sind, die auf dem Wege zu dieser
       Vereinbarung standen, weil das Ziel, um dessen Erreichung sie so-
       viel Mühe  an den  Tag legten,  die gemachten  Anstrengungen wert
       ist.
       Vor uns liegt die Aufgabe, eine Wende in den Beziehungen zwischen
       der Sowjetunion  und der  Bundesrepublik zu vollziehen. Schon die
       Erfahrung aus der Vergangenheit muß lehren, die Güter hoch zu be-
       werten und im vollen Maße auszunützen, die jeder Tag des Friedens
       in sich trägt und die durch die Zusammenarbeit zwischen den Staa-
       ten vermehrt werden.
       Wir hoffen, daß nach der Unterzeichnung des Vertrages die prakti-
       schen Schritte zur Entwicklung der Beziehungen zwischen der UdSSR
       und der Bundesrepublik Deutschland auf den verschiedenen Gebieten
       nicht auf  sich warten  lassen. Die  Sowjetunion ist dazu bereit,
       und sie geht davon aus, daß die Prinzipien der friedlichen Koexi-
       stenz die  einzig vernünftige  und aussichtsreiche  Grundlage für
       die  Beziehungen   zwischen  der  UdSSR  und  der  Bundesrepublik
       Deutschland als auch überhaupt zwischen Ländern mit verschiedener
       Gesellschaftsordnung darstellen.
       Jede der  Regierungen übernahm  ernste Verpflichtungen  und  eine
       große Verantwortung gegenüber ihren eigenen Völkern und Europa im
       ganzen. Die Treue zu diesem Vertrag, seine konsequente Verwirkli-
       chung werden  zweifellos ein  wichtiges Element der Erhaltung der
       Stabilität und der Ruhe auf dem europäischen Kontinent bilden.
       In diesem  Sinne steht  der von den Regierungen der UdSSR und der
       Bundesrepublik Deutschland  unternommene Akt  nicht isoliert.  Er
       steht vielmehr in einer Reihe mit anderen Bemühungen, die von den
       Regierungen der  europäischen Staaten  zur Gesundung der Lage und
       der Schaffung  zuverlässiger Pfeiler für die Sicherheit in Europa
       unternommen werden.  Man muß bemerken, daß das alles in den poli-
       tischen und gesellschaftlichen Kreisen Europas, und nicht nur Eu-
       ropas, die  unseren Verhandlungen gewaltige Aufmerksamkeit zuteil
       werden lassen, gut verstanden wird.
       Mißgünstige Stimmen  gibt es  natürlich auch.  Aber das  sind die
       Stimmen derjenigen,  denen das  Gefühl des  politischen Realismus
       und der  Sorge um  die friedliche Zukunft der europäischen Völker
       fremd ist.
       Wer wirklich für die internationale Entspannung und für den Frie-
       den ist, der muß anerkennen, daß dieser Akt eine äußerst wichtige
       Entscheidung darstellt.  Uns ist nicht bekannt, daß irgend jemand
       eine grundsätzlich  andere, der Sache der europäischen Sicherheit
       dienende Lösung  der Fragen vorgeschlagen hat, die den Gegenstand
       des Vertrages  zwischen der  Sowjetunion und  der  Bundesrepublik
       Deutschland bilden.
       Zum Abschluß  möchte ich  sagen, daß  der unterzeichnete  Vertrag
       nicht möglich  gewesen wäre,  wenn er  nicht durch die ganze Ent-
       wicklung der  europäischen Wirklichkeit,  durch  den  natürlichen
       Gang der internationalen Beziehungen vorbereitet worden wäre.
       Der Vertrag  ist vom  Leben selbst  diktiert. Er  entspricht  den
       langfristigen Interessen  des Friedens.  Gestatten Sie mir vorzu-
       schlagen, auf  den Vertrag zwischen der Union der Sozialistischen
       Sowjetrepubliken und  der Bundesrepublik  Deutschland zu trinken.
       Darauf, daß  dieser Vertrag der Verbesserung und allseitigen Ent-
       wicklung der  Beziehungen zwischen  der UdSSR und der Bundesrepu-
       blik Deutschland dienen möge, im Interesse der Völker beider Län-
       der, der Festigung des Friedens in Europa und der ganzen Welt.
       Auf das Wohl des Bundeskanzlers, Herrn Willy Brandt, auf das Wohl
       des Herrn  Außenministers Walter  Scheel und der Sie begleitenden
       Persönlichkeiten!
       

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