Quelle: Blätter 1970 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER REDEN VON GUNNAR UND ALVA MYRDAL ANLÄSSLICH DER
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       VERLEIHUNG DES FRIEDENSPREISES 1970 DURCH DEN BÖRSENVEREIN DES
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       DEUTSCHEN BUCHHANDELS AM 27. SEPTEMBER 1970 IN FRANKFURT/MAIN
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       Rede von Gunnar Myrdal
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       Lassen Sie  mich Ihnen  zuerst, einfach  und demütig, meinen Dank
       aussprechen für die Ehrung, die uns zuteil geworden ist, und über
       die ich  mich aufrichtig freue. Es hat eine tiefe persönliche Be-
       deutung für  mich, daß  mir, zusammen mit Alva Myrdal, meiner Le-
       bensgefährtin, oft  meiner Arbeitskollegin, der Friedenspreis des
       Deutschen Buchhandels zugefallen ist.
       Dieser Preis  ist gestiftet  und wird  verliehen von  der Berufs-
       gruppe in  Deutschland, die  Bücher herstellt und verbreitet. Wir
       sind uns beide bewußt, Alva Myrdal und ich, daß in keinem anderen
       Lande diese Berufsgruppe von einem solchen Bildungsbewußtsein und
       einer solchen  Kulturverantwortlichkeit getragen  wird - und dem-
       nach eine so hohe Achtung genießt - wie in Deutschland.
       Wir sind  beide in  erster Linie  Autoren, Verfasser von Büchern,
       was ja  auch aus  der Zusammenstellung hervorgeht, die die Veran-
       stalter mit  so viel  Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit angefertigt
       haben. Dies  gilt ganz besonders für mich. Daß ich in die Verlei-
       hung des  Friedenspreises einbezogen worden bin, fasse ich in er-
       ster Linie  als eine  Geste der  Solidarität dem  Autor gegenüber
       auf, der gewiß nicht viel geleistet hat in bezug auf Friedensfor-
       schung im  engeren Sinn,  aber der  sein ganzes Leben dem Studium
       sozialwissenschaftlicher Probleme gewidmet hat.
       Wenn ich  in früheren Stadien meines Lebens für kürzere oder län-
       gere Zeit  praktische politische  Verantwortung getragen habe, im
       Reichstag und  in der Regierung meines Landes, oder im Dienst der
       Vereinten Nationen,  habe ich  mich selbst immer als "ausgeborgt"
       gefühlt, ausgeborgt von dem, was ich als meinen eigentlichen Auf-
       trag aufgefaßt habe: die gesellschaftlichen Probleme - eines Lan-
       des, eines  Erdteils oder der Welt - zu erforschen und die Resul-
       tate meiner Forschung der Allgemeinheit in Büchern vorzulegen.
       Der Abstand  zwischen der Forschung und den praktisch-politischen
       Stellungnahmen ist  aber für  mich nie  eine tief  einschneidende
       Kluft gewesen.  In meiner  Forschung gehe ich bewußt von explizit
       formulierten Wertvoraussetzungen aus. Ich sehe und untersuche die
       wirtschaftliche, soziale  und politische  Wirklichkeit von diesen
       Wertungen her.  Eine solche  von Wertungen  gesteuerte  Forschung
       kann deshalb  zu politischen  Schlußfolgerungen führen. Und diese
       Schlußfolgerungen können  den Anspruch erheben, rational zu sein:
       sie stellen  logische Schlüsse  dar aus den angegebenen Wertungen
       und dem  durch Anwendung  dieser Wertungen erworbenen Wissen über
       Tatsachen und deren ursächliche Zusammenhänge.
       Vor einigen  Monaten hatte  ich die  Ehre, anläßlich der Weltaus-
       stellung in Osaka, Japan, zwei Ansprachen zu halten. Das program-
       matische Thema  dieser Weltausstellung hieß "Progress and Harmony
       for Mankind", "Fortschritt und Harmonie für die Menschheit".
       Einleitend konnte ich meine Gründe dafür darlegen, warum ich eine
       solche Entwicklung  der Welt  für durchaus  denkbar  und  möglich
       hielt. Wenn  diejenigen, die  die Schicksale der Staaten steuern,
       und die  Völker, die hinter ihnen stehen, eine klare und richtige
       Wirklichkeitsbeurteilung hätten, wenn sie den Idealen, die allge-
       mein anerkannt  sind, treu  wären, und wenn sie für rationale Lö-
       sungen nationaler  und internationaler  Probleme zusammenarbeite-
       ten, dann  sollten heute größere Aussichten bestehen als je zuvor
       in der  Geschichte der  Menschheit, einen  raschen Fortschritt zu
       erleben und  einer immer  vollkommeneren Harmonie  innerhalb  und
       zwischen den Staaten entgegenzugehen.
       Wissenschaft und  Technik entwickeln  sich  heutzutage  in  immer
       schnellerem Tempo.  In einer gesunden Welt würde es möglich sein,
       mit vereinten Bemühungen diese neuen Kräfte, diese Errungenschaf-
       ten immer  besser auszunutzen  und mit  ihrer  Hilfe  die  ewigen
       Feinde des  menschlichen Glücks erfolgreich zu bekämpfen: die Un-
       wissenheit, den Hunger und andere in der Armut begründete Leiden;
       Krankheit und  vorzeitigen Tod;  die sozialen  Konflikte und  die
       Kriege; die rohe Gewalt.
       Aber die Welt von heute ist nicht gesund. Und was wir sehen, wenn
       wir uns  in der  Welt umschauen, deutet nicht darauf hin, daß sie
       auf dem  Wege sei  zu gesunden. Unsere gesteigerte Macht über die
       Kräfte der  Natur, eine  Folge des immer schnelleren Fortschritts
       von Wissenschaft und Technik, hat uns keinen Ansporn gegeben, un-
       ser Handeln  in der Richtung von Rationalität und gutem Willen zu
       disziplinieren. Die Errungenschaften von Technik und Wissenschaft
       werden nicht dazu verwendet, Glück und Harmonie der Menschheit zu
       fördern, sondern  im Gegenteil dazu, Zerstörung vorzubereiten und
       tatsächlich zu zerstören.
       Vor 25 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkrieges, gründeten die al-
       liierten Mächte nach ihrem siegreichen Kampf gegen die faschisti-
       schen Staaten  die Vereinten Nationen als ein Instrument für eng-
       ste Zusammenarbeit  zwischen den  Völkern. Dieses  überstaatliche
       Organisationssystem sollte universal sein.
       In der  Präambel der  Charta der  Vereinten Nationen  werden  die
       Ziele der Weltorganisation in folgender Weise definiert:
       "...nachfolgende Generationen  vor der  Geißel des  Krieges,  die
       zweimal während  unserer Lebensdauer  unsagbares  Leid  über  die
       Menschheit gebracht hat, zu erretten und
       von neuem  den Glauben an die menschlichen Grundrechte, die Würde
       und den  Wert der Person des Menschen, die Gleichberechtigung von
       Männern und Frauen, von großen und kleinen Völkern zu bekräftigen
       und
       Voraussetzungen zu schaffen, unter welchen Gerechtigkeit und Ach-
       tung vor  Verpflichtungen, wie  sie Verträgen und anderen Quellen
       internationalen Rechts entspringen, gewahrt werden können, und
       den sozialen  Fortschritt und  die Verbesserung der Lebenshaltung
       in größerer Freiheit zu fördern und zu diesen Zwecken
       Duldsamkeit zu  üben und in Frieden als gute Nachbarn miteinander
       zu leben und
       unsere Kräfte  zu vereinen,  um unter den Völkern Frieden und Si-
       cherheit zu  erhalten, und  mittels Annahme  von Grundsätzen  und
       Einführung von  Verfahren Gewähr dafür zu schaffen, daß Waffenge-
       walt, es  sei denn  im  gemeinsamen  Interesse,  nicht  gebraucht
       werde, und
       internationale Einrichtungen  zur Förderung  des wirtschaftlichen
       und sozialen Aufstiegs aller Völker zu benützen."
       Die ununterbrochenen  Kriege an  verschiedenen Stellen  der Welt,
       die phantastischen Kosten für diese Kriege und für die Kriegsvor-
       bereitungen sind natürlich die am meisten ins Auge fallenden Ver-
       stöße gegen  die Ideale und Ziele für die Zusammenarbeit zwischen
       den Völkern, welche die Charta der Vereinten Nationen verkündet.
       Ich kann  mir hier  nicht die  Zeit nehmen zu analysieren, welche
       entscheidenden Fehler die Mitgliedstaaten dieser Organisation be-
       gangen haben, so daß die Organisation als Ganzes keinen wesentli-
       chen Schritt zur Verwirklichung dieser Ideale hat tun können.
       In dem  ersten von  SIPRI publizierten Jahrbuch für 1968/69, wel-
       ches im  letzten Herbst  gerade während der Abrüstungsdebatte der
       Ersten Kommission  der UNO-Generalversammlung  auf den  Tisch kam
       und einiges  Aufsehen erregte,  konnte man lesen, daß die Welt in
       diesem letzten Jahre 30 Prozent mehr für militärische Zwecke aus-
       gegeben hatte,  und zwar  real gerechnet,  in unverändertem Geld-
       wert, als  im Jahre  1965. Für die beiden Supermächte war die Zu-
       wachsquote während dieser vier Jahre sogar etwas über 40 Prozent.
       Heute sind  die Militärausgaben  in der  Welt ebenso groß wie das
       gesamte Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung.
       Verglichen mit  den Jahren  vor dem  Ersten Weltkrieg - auch dies
       bekanntlich eine  Periode des Wettrüstens - sind die Rüstungsaus-
       gaben in der Welt um das Zehnfache gestiegen, und zwar immer noch
       real gerechnet.  Tief tragisch  ist dabei, daß auch die unterent-
       wickelten Länder  einen so  großen Anteil ihres knappen Volksein-
       kommens für  Rüstungszwecke ausgeben,  gewöhnlich ein  Vielfaches
       von dem, was sie beispielsweise für Erziehung und Unterricht ver-
       wenden. In  dieser Handlungsweise  werden sie  meist bestärkt und
       unterstützt von  den Großmächten, deren Antagonismus auch in die-
       sem Wetteifern zum Ausdruck kommt.
       Wie das noch nicht erschienene SIPRI-Jahrbuch für 1969/70 aufzei-
       gen wird,  ist im  letzten Jahre  ein Stillstand im Anwachsen der
       Rüstungsausgaben für  die Welt  als Ganzes  eingetreten.  Da  die
       technische Entwicklung,  wie wir aus Erfahrung wissen, sich immer
       als ein  Antriebsmoment für die Steigerung der Rüstungskosten er-
       wiesen hat  und da  sich diese  Entwicklung weiter  im  schnellen
       Wachstum befindet,  ist es  aber leider fraglich, ob das mehr als
       nur eine zufällige Pause in dieser unglücklichen Entwicklung dar-
       stellt.
       Alva Myrdal ist seit fast neun Jahren an den Verhandlungen betei-
       ligt, die  darauf hinauslaufen, auf multilateraler Basis Abkommen
       über eine  kontrollierte Rüstungsbegrenzung  zustande zu bringen.
       Sie hat  auch die  ausschlaggebende Rolle  bei der  Schaffung des
       Stockholmer Internationalen  Friedensforschungsinstituts,  SIPRI,
       gespielt. Sie  wird in ihrer Dankesrede auf wichtige Probleme und
       Aspekte der Abrüstungsarbeit eingehen.
       Es ist  selbstverständlich, daß  die stolzen  Versprechungen  der
       Charta der Vereinten Nationen:
       - "den sozialen  Fortschritt und  die Verbesserung der Lebenshal-
       tung in größerer Freiheit zu fördern"
       - und "internationale Einrichtungen zur Förderung des wirtschaft-
       lichen und sozialen Aufstiegs aller Völker zu benützen",
       sich primär  auf die Wohlfahrt der großen Mehrheit der Menschheit
       beziehen, die in den unterentwickelten Ländern lebt, und zwar na-
       türlich wieder  in erster Linie auf die große Masse der Armen un-
       ter ihnen.
       Nach vielen Jahren intensiver Studien bin ich zu der Schlußfolge-
       rung gelangt,  daß sowohl unsere wissenschaftliche wie unsere po-
       puläre Literatur  auf diesem Gebiet - also die Literatur, die die
       Ansichten der gebildeten Menschen in den reichen wie in den armen
       Ländern widerspiegelt  - schwer belastet ist von Vorurteilen, von
       Verzerrungen, von  "biases". Diese  "biases" liegen  alle in  der
       Richtung einer diplomatisch verbrämten, einer hyperoptimistischen
       Darstellung der Verhältnisse in diesen Ländern.
       Wir leben  so sehr im "Paradies der Toren" - und es gibt opportu-
       nistische Gründe  dafür -, daß die Menschen zu überoptimistischen
       Ansichten ihre Zuflucht nehmen. Wir sind alle geneigt zu glauben,
       was wir  glauben wollen.  Wenn diese Ansichten über die unterent-
       wickelten Länder  korrekt wären,  dann könnte  die Hilfe  von den
       entwickelten Ländern  billiger werden,  und die gebildeten oberen
       Schichten in  den unterentwickelten  Ländern brauchten  nicht die
       Notwendigkeit innerer  Reformen im Interesse der armen Massen an-
       zuerkennen.
       Wir fahren fort, die Entwicklung dieser Länder mit Hilfe von ein-
       fachen Zuwachsquoten des Nationaleinkommens zu kennzeichnen. Sta-
       tistisch gesehen,  sind diese Quoten außerordentlich zweifelhaft,
       und zwar  sowohl in  bezug auf  die Definition  der benutzten Be-
       griffe als auch bezüglich des Primärmaterials, auf das sich diese
       Berechnungen stützen. In Übereinstimmung mit dem allgemeinen Cha-
       rakter der  opportunistischen "biases",  von denen ich gesprochen
       habe, geben diese Zahlen ein stark verschönertes Bild dessen, was
       heute in diesen Ländern vor sich geht.
       Wir verdrängen  aus unserer  Sicht und  aus unserem Forschungsbe-
       reich die  Mehrzahl der  ungünstigen Faktoren, die heute der Ent-
       wicklung dieser Länder im Wege stehen. Lassen Sie mich nur einige
       nennen: die  eingewurzelte Klassenstruktur dieser Gesellschaften;
       die extrem  ungleichen Machtverhältnisse; die ungünstigen Auswir-
       kungen auf die Produktivität, die darauf zurückzuführen sind, daß
       die Masse der Bevölkerung auf niedrigstem Lebensstandard lebt und
       arbeitet.
       Die Hauptbedingung  für wirklichen,  dauerhaften  Fortschritt  in
       diesen Ländern sind radikale innere Reformen. Diese Reformen müs-
       sen den  Trend wenden,  der jetzt  auf eine  Verschärfung der Un-
       gleichheit der  Lebensbedingungen in  fast allen  diesen  Ländern
       hinsteuert. In  den meisten  dieser Länder sind die Bodenreformen
       verpfuscht worden,  und die ganze Frage der Bodenreform ist jetzt
       in der  öffentlichen Debatte  nahe daran, unter den Tisch zu fal-
       len, besonders in der von Washington ausgehenden naiven Verkündi-
       gung einer "grünen Revolution".
       Die Korruption  ist in diesen Länder evident, und sie greift fast
       überall immer weiter um sich. Ohne ein weit höheres Maß von sozi-
       aler Disziplin  läßt sich eine schnelle und dauernde Aufwärtsent-
       wicklung nicht erzielen.
       Die Erwachsenenbildung  wird in  fast allen  nichtkommunistischen
       unterentwickelten Ländern vernachlässigt. Der Schulunterricht be-
       darf radikaler  Reformen, sowohl  in bezug  auf seinen Inhalt wie
       auf seine  Organisation. Gegenwärtig  ist das Unterrichtswesen in
       diesen von  sozialer Ungleichheit  gekennzeichneten Ländern meist
       eher dazu  geeignet, die  sozialen Gegensätze zu bewahren oder zu
       verschärfen und damit der Entwicklung neue Hindernisse in den Weg
       zu legen.
       Nur einige  wenige unterentwickelte Länder haben bisher effektive
       Pläne zur Verbreitung der Geburtenkontrolle ausgearbeitet und die
       Durchführung dieser  Pläne ernstlich  in Angriff genommen. Da man
       auch in  den Ländern, wo solche Versuche unternommen worden sind,
       auf vielerlei  Schwierigkeiten gestoßen  ist, sind  die Resultate
       bisher nicht  gerade groß.  Die in  den Planungen gesetzten Ziele
       sind in  der Regel  nicht erreicht worden. Dies gilt mit Ausnahme
       von einigen  wenigen, vorwiegend  kleineren Ländern,  die zumeist
       unter japanischem  oder chinesischem  Kultureinfluß gestanden ha-
       ben. Bestenfalls  können diese Maßnahmen den Zuwachs der Bevölke-
       rung im  arbeitsfähigen Alter  nicht vor Ende dieses Jahrhunderts
       zum Stillstand kommen lassen.
       Diese und  ähnliche innere Reformen müssen von den Ländern selbst
       durchgeführt werden.  Mit Ausnahme  der Bevölkerungspolitik - bis
       zu einem  gewissen Grade  - stoßen solche Reformen auf den harten
       Widerstand der  dünnen oberen  sozialen Schichten  in diesen Län-
       dern, die  fast durchweg die eigentliche Macht fest in ihren Hän-
       den halten, und zwar unabhängig davon, welche Art von politischem
       Regime in dem Lande herrscht.
       Die Hilfe,  die von  den entwickelten  Industriestaaten geleistet
       wird, wie  auch die sonstige finanzielle und industrielle Aktivi-
       tät, die  von diesen ausgeht, zeigt meist die Tendenz, diese obe-
       ren Schichten  zu stützen und zu begünstigen, also die Schichten,
       die dem  sozialen Ausgleich  und Reformen aller Art abweisend ge-
       genüberstehen. In  derselben Richtung  wirken die  Vorurteile der
       Forschung und der allgemeinen Debatte. Diese wesentlichen inneren
       Fragen der unterentwickelten Länder werden nämlich hier meist um-
       gangen, was  in Wirklichkeit  den reaktionären  Kräften  Vorschub
       leistet.
       Inzwischen sind, für die Welt als Ganzes, die öffentlichen inter-
       nationalen Hilfeleistungen  an die  unterentwickelten Länder nach
       einer Periode des Anwachsens wieder zum Stillstand gekommen; real
       gesehen sind  sie, in  Anbetracht der  raschen allgemeinen Preis-
       steigerungen, sogar erheblich zurückgegangen.
       Mehr noch:  die Qualität  dieser Hilfeleistungen hat sich in ver-
       schiedener Hinsicht  verschlechtert. Zunächst wird ein immer grö-
       ßerer Teil  der Hilfe an den Export des Geberlandes gebunden. Da-
       durch wird  die Wahlfreiheit  des Empfängerlandes beeinträchtigt:
       man kann  nicht die  Waren kaufen,  die man am dringendsten benö-
       tigt, und man kann es nicht auf denjenigen Märkten tun, wo sie am
       billigsten sind.
       Weiter sind Darlehen immer mehr an die Stelle von Gaben getreten.
       Zwar sind,  wenigstens bis  vor einigen Jahren, die Zinssätze und
       die übrigen  Darlehensbedingungen so angepaßt worden, daß sie für
       die Empfängerländer günstig sein sollen, aber die Entwicklung hat
       doch zu  einer explosionsartig anwachsenden Schuldenbelastung ge-
       führt, die  bereits jetzt  die Zahlungsbilanz vieler unterentwic-
       kelter Länder  schwer erschüttert und in Zukunft in noch alarmie-
       renderer Weise erschüttern wird.
       Es gibt keine überzeugenden Anzeichen dafür, daß der Strom finan-
       zieller Hilfe  von den  entwickelten Industrieländern  sich, aufs
       Ganze gesehen, wieder wesentlich verbreitern und daß seine Quali-
       tät sich verbessern wird. Eine weitere Verschlechterung erscheint
       im Gegenteil nicht ausgeschlossen.
       Sowohl in bezug auf die staatlichen wie in bezug auf die privaten
       Zuwendungen an  die unterentwickelten  Länder herrscht zudem eine
       völlige Verwirrung  in der  statistischen Erfassung und Bewertung
       der Beiträge.  Insgesamt läuft  diese Verwirrung  auf eine bedeu-
       tende Überschätzung der aufgewendeten Beträge hinaus.
       Die unterentwickelten Länder tragen alle an dem schweren Erbe ei-
       ner ungünstigen  Handelsposition. Seit  dem Ende des Ersten Welt-
       krieges hat  sich diese  Position weiter  verschlechtert, und die
       Verschlechterung setzt sich noch fort. Besonders in bezug auf den
       Absatz sowohl  ihrer landwirtschaftlichen wie ihrer industriellen
       Erzeugnisse sind diese Länder schwer diskriminiert. Vernünftiger-
       weise sollten  sie statt  dessen bevorzugt  sein, wenn es nämlich
       wirklich die  Absicht der  Industrieländer wäre,  ihnen in  ihrer
       Entwicklung zu helfen. Die UNCTAD-Konferenz in New Delhi im Früh-
       jahr 1968 schaffte keine wesentliche Verbesserung der Situation.
       Ich muß  hier für die Belege meiner Behauptungen und Anklagen auf
       meine gedruckten Schriften verweisen.
       Nun, es  gibt auch  Zeichen ganz  anderer Art, die es uns klarma-
       chen, daß  die Menschheit  auf falschen  Wegen ist. Eine drohende
       Gefahr, deren  wir uns erst in den letzten Jahren voll bewußt ge-
       worden sind,  bezieht sich auf die erschreckend rasch fortschrei-
       tende Vergiftung unserer Luft, unseres Wassers, unserer Erde.
       Ich bin  kein Sachverständiger  für  ökologische  Probleme.  Aber
       meine Freunde und Kollegen unter den Naturwissenschaftlern versi-
       chern mir, daß sich diese Vergiftung rasch ausbreitet und daß sie
       auf immer  neue Bereiche  des menschlichen Lebens übergreift. Die
       kommunistischen Länder  sind von  dieser Gefahr in gleicher Weise
       bedroht. Auch  die unterentwickelten  Länder leiden bereits unter
       den Auswirkungen  dieser Milieuvergiftung.  Die allgemeinen Ursa-
       chen der  gefahrvollen Entwicklung  liegen bis  zu einem gewissen
       Grade in der Vermehrung der Weltbevölkerung und in dem Urbanisie-
       rungsprozeß, der sich in der ganzen Welt geltend macht. Aber eine
       noch größere  Rolle als Ursache spielt die rücksichtslose Ausnut-
       zung der modernen Technik, eine Ausnutzung, die einzig und allein
       oder ganz  überwiegend auf  kurzsichtigem  Gewinnstreben  beruht.
       Keine anderen Kosten werden dabei in Rechnung gestellt als die im
       engsten Sinne betriebswirtschaftlichen.
       Unter solchen Gesichtspunkten werden heute sowohl öffentliche wie
       private Betriebe  geplant, so  werden Automobile  konstruiert, so
       versuchen Landwirte, ihren Ertrag zu vergrößern.
       Soll dieser  Entwicklung Einhalt geboten werden, so bedarf es en-
       ergischer öffentlicher  Eingriffe, gesellschaftlicher  Kontrolle,
       auch bedeutender  öffentlicher Ausgaben. Nicht zuletzt werden in-
       ternationale Abkommen  vonnöten sein, da die Gefahren der Vergif-
       tung der  Elemente nicht  an nationalen  Grenzen haltmachen. Eine
       ökologische Weltkonferenz  unter den  Auspizien der  UNO ist  be-
       kanntlich für 1972 nach Stockholm einberufen.
       Ob es  möglich sein wird, die öffentliche Meinung in dieser Frage
       so zu aktivieren und zu schärfen, daß sich die Regierungen veran-
       laßt fühlen, bedeutende Kosten auf sich zu nehmen und weitgehende
       Einschränkungen der  individuellen Handlungsfreiheit zu akzeptie-
       ren, um  das menschliche Milieu zu entgiften, ehe der Schaden ir-
       reparabel geworden ist, erscheint fraglich.
       Ein weiterer Zug in der modernen Entwicklung, der eine ernste Be-
       drohung der menschlichen Wohlfahrt darstellt, ist das epidemische
       Umsichgreifen des Gebrauchs von Narkotika. Die chemische, medizi-
       nische und pharmazeutische Forschung wird zweifellos in den näch-
       sten Jahren  in rascher Folge eine Reihe von neuen Drogen entwic-
       keln, die  Menschen zum  Mißbrauch verleiten  werden und  die auf
       Körper und Geist destruktive Wirkung ausüben.
       Den Mißbrauch  von Drogen zu bekämpfen, ist, wie wir wissen, eine
       sehr schwierige  Aufgabe. Enge  internationale Zusammenarbeit ist
       erforderlich, sowohl  hinsichtlich der Produktion wie der Distri-
       bution dieser  Mittel. Aber  auch im  Falle einer  solchen Zusam-
       menarbeit hat  sich eine Grenzkontrolle des illegalen Handels mit
       Narkotika als  wenig effektiv erwiesen. Und bei der weiteren Ent-
       wicklung von  Wissenschaft und Technik muß man wahrscheinlich da-
       mit rechnen,  daß die  technische Herstellung  von Drogen, höchst
       gefährlichen Drogen, die zum Mißbrauch verleiten, immer einfacher
       werden wird,  so daß die Herstellung in Laboratorien ohne kompli-
       zierte Ausrüstung  erfolgen kann,  was natürlich  die Möglichkeit
       der Kontrolle weiter erschwert.
       Ich muß gestehen, daß mich der Gedanke an die zukünftige Entwick-
       lung auf  dem Gebiet  der Drogen  mit Angst  erfüllt. Hier  liegt
       wirklich ein abschreckendes Beispiel vor, wie die Entwicklung von
       Wissenschaft und Technik fast automatisch sich destruktiv auf die
       Wohlfahrt der Menschheit auswirken kann.
       So weit  gediehen in  meiner Exemplifikation  der  Gefahren,  die
       heute dem Glück und der Harmonie der Menschen drohen, muß ich die
       Frage stellen,  ob unsere gegenwärtige Situation von größeren Ge-
       fahrenmomenten gekennzeichnet  ist als die früherer Generationen.
       Leider glaube ich, daß diese Frage mit Ja beantwortet werden muß.
       Viele der  Gefahren, die ich aufgezählt habe, sind einzigartig in
       der Geschichte  der Menschheit.  Das gilt von der Bevölkerungsex-
       plosion, von der Vergiftung unseres ökologischen Milieus, von der
       epidemischen Ausbreitung des Gebrauchs von Narkotika.
       Das Wettrüsten  hat jetzt  Dimensionen angenommen,  die ungeheure
       Mengen von finanziellen Hilfsmitteln einer vernünftigen Anwendung
       im Dienste  der Menschheit  entziehen. Gleichzeitig ist es offen-
       bar, daß diese Anhäufung militärischer Arsenale auf längere Sicht
       das Risiko  einer neuen,  noch furchtbareren  Weltkatastrophe we-
       sentlich erhöht. Dazu kommen die besonderen Gefahren, die von der
       Anhäufung und der möglichen Anwendung der immer mehr verfeinerten
       chemischen und biologischen Kampfmittel drohen. Sie sind dramati-
       sche neue  Schrecken, die  sich am Horizont unserer Zeit abzeich-
       nen.
       Nochmals gesagt:  Diese Gefahren'  unerhört in der Geschichte der
       Menschheit, sind  das Resultat  einer perversen, einer verrückten
       Verwendung wissenschaftlicher Entdeckungen und technischer Errun-
       genschaften. Pervers  und verrückt,  weil es  eine Verwendung für
       destruktive Zwecke ist.
       Einer meiner Freunde traf Bertrand Russell wenige Monate vor sei-
       nem Tod.  Russell war  bei dieser Begegnung noch voll und ganz im
       Besitz seiner  geistigen Kapazität. In ganz sachlicher Weise kal-
       kulierte er  die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Menschheit das
       Ende des 20. Jahrhunderts überleben werde, auf 50 Prozent. Andere
       erfahrene Experten haben mir Schätzungen des Risikos der Vernich-
       tung der  Menschheit mitgeteilt,  die sich auf derselben Zahlene-
       bene bewegen. Niemand hat das Risiko als gering beurteilt.
       Legt man  all dies  zusammen, kann kein Zweifel darüber bestehen,
       daß die  Situation der  Menschheit tatsächlich  verzweifelter ist
       als je  zuvor. Nicht  nur Fortschritt und Glück sind in Frage ge-
       stellt, sondern nachgerade die Existenz.
       Ich erhebe  den bestimmten Anspruch, damit nicht dem Pessismismus
       Ausdruck zu  geben, sondern dem Realismus. Der Mut, der jetzt von
       uns gefordert  ist, ist der Mut der Verzweiflung, nicht der eines
       illusorischen, opportunistischen Optimismus.
       Ich bin  auch nicht  Defaitist. Die Entwicklung läßt sich wenden,
       die schrecklichen Gefahren lassen sich in herausfordernde Chancen
       verwandeln.
       Die Geschichte ist nicht blindes Schicksal, sie wird von Menschen
       bestimmt. Wenn  wir unsere Völker, unsere Mitmenschen dahin brin-
       gen können,  die Gefahren  einzusehen - die Gefahren, die letzten
       Endes alle auf Unwissenheit und auf Verrat an den Idealen beruhen
       -, dann  könnten sie,  dann könnten  wir alle  unsere Regierungen
       zwingen, einen anderen Kurs einzuschlagen.
       Das Versagen  der Vereinten  Nationen könnte  in Erfolg  gewendet
       werden; das Wettrüsten könnte zum Stillstand kommen, wenn wir uns
       dazu entschlössen, daß es aufhören soll.
       Als ich  vor einigen Jahren, anläßlich der Generalversammlung von
       FAO, der internationalen Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisa-
       tion, den  Auftrag hatte, vor 120 Agrarministern und ihren Stell-
       vertretern zu sprechen, gab ich einem Gedanken Ausdruck, der mich
       lange und in steigendem Ausmaß bedrückt und beunruhigt hatte. Ich
       möchte mir  erlauben, hier  abschließend diese Worte zu wiederho-
       len:
       "Ich fürchte,  wir sind dabei, uns daran zu gewöhnen, unbekümmert
       weiter dahinzuleben,  uns den  Geschäften des  Tages  hinzugeben,
       ohne auch nur einen Gedanken zu verwenden an die Möglichkeit oder
       Wahrscheinlichkeit des  Undenkbaren, das vor uns liegt. Zu diesem
       Undenkbaren rechne  ich die  Frage, wozu  das atomare  Wettrüsten
       wohl führen  mag und  die bisher  weniger beachtete  Vorbereitung
       chemischer und  biologischer Kriegsführung.  Mit jedem  Tag,  der
       vergeht, ohne daß effektive zwischenstaatliche Abkommen getroffen
       werden, die  dieser Entwicklung  Einhalt gebieten, mit jedem sol-
       chen Tag  wird es  leichter und billiger für die Länder, für alle
       Länder, sich zum Völkermord bereit zu machen...
       Es scheint,  wir nehmen  uns hier  ein Beispiel an dem gewiß ganz
       rationalen Muster,  nach dem  wir unser  individuelles Leben ein-
       richten, indem  wir fröhlich in den Tag leben, arbeiten, uns ver-
       gnügen, obwohl  wir wissen,  daß wir der persönlichen Katastrophe
       des Todes  entgegengehen. Andernfalls wäre aber das Leben untrag-
       bar, wir  können ja doch nichts daran ändern, und wir wissen: un-
       sere Völker, die Menschheit, sterben nicht mit uns, sondern leben
       weiter.
       Aber diese  Einstellung, rational wie sie für ein Individuum sein
       mag, ist gefährlich irrational für die Gesellschaft, nämlich wenn
       wir sie als Mitglieder eines Volkes und der Menschheit einnehmen.
       Soziale Katastrophen sind etwas anderes als die Gewißheit des To-
       des für  den Einzelnen, denn soziale Katastrophen können und müs-
       sen abgewendet werden. Wenn wir uns nicht unserer Voraussicht be-
       dienen und  gemeinsam Maßnahmen  gegen die  sozialen Katastrophen
       ergreifen, dann  werden wir  alle zugrunde  gehen; dann  gibt  es
       keine Nachwelt."
       
       Rede von Alva Myrdal
       --------------------
       
       Mein Mit-Preisträger hat an diesem für uns so ehrenvollen Tag be-
       reits unsere  tiefe Dankbarkeit  dafür ausgedrückt,  daß uns  der
       Friedenspreis des  Deutschen Buchhandels verliehen worden ist. Da
       er nicht  nur "mein  verehrtre Herr  Vorredner" ist,  sondern wir
       auch verheiratet sind, haben wir ja über unser Auftreten hier ge-
       wisse Vereinbarungen  treffen können.  Zusammenarbeit und Rollen-
       verteilung -  anstelle von  Doppelarbeit und Wiederholung - haben
       wir als  Motto für  unsere Dankesbezeugung  gewählt, wie  für  so
       vieles andere,  was wir in unserem Leben zusammen getan haben. An
       dem Gesagten  habe ich  also nichts  zu ändern,  wenn auch vieles
       hinzuzufügen wäre.
       Daß man sich eines Friedenspreises eigentlich nicht würdig fühlt,
       da ja der wirkliche Friede nicht erreicht ist, haben andere Frie-
       denspreisträger vor  mir gesagt.  Und das  ist eine erschütternde
       Realität für  jeden, der versucht, für den Frieden zu wirken: daß
       die Weltgemeinschaft, in der die Menschen in Frieden und Freiheit
       leben, "under  the rule  of law",  im Zeichen selbstgewählter Ge-
       setzlichkeit -  daß diese  Weltgemeinschaft immer  noch in  uner-
       reichbare Ferne zu entweichen scheint.
       Aber wir können es uns ja nicht leisten, einfach zu warten. Weder
       die Weltwirtschaft  noch die  Nerven der  Menschen lassen das zu.
       Über die schädlichen Auswirkungen der Rüstungen, der Kriegsvorbe-
       reitungen, der  Konflikte mit unserem Wohlstand und unserer Wohl-
       fahrt hat mein Mann eben schon gesprochen. Von dem Druck, dem die
       Nerven der Menschen tagtäglich ausgesetzt sind, zeugt die ständig
       schwellende Flut der Nachrichten über Gewalttaten und Brutalität.
       Was können  wir denn  tun? Wo können wir unsere Kräfte in strate-
       gisch-kluger Weise  einsetzen? Die Friedensforschung, auf die bei
       dieser Preisverleihung besonderer Wert gelegt worden ist, ist ein
       Ansatzpunkt, aber nicht mehr. Wir können ja nicht auf den Frieden
       warten, bis die Friedensforschung ihr Werk vollendet hat!
       Den Frieden  zu erreichen  - das  ist eine Sache der Vernunft und
       der Moral.
       Wir wollen  wohl glauben, daß die Menschen in ihrem Innersten den
       Frieden auf  Erden wünschen.  Aber diese  Wertung  unterliegt  so
       vielen Anfechtungen  - z.B. Revanche-Gedanken - und so vielen Ma-
       nipulationen -  z.B. durch  die Massenmedien  -, daß  sie  bisher
       nicht ausgereicht hat, eine so starke moralische Kraft zu werden,
       die die  gesamte internationale Politik verändern könnte. Deshalb
       glaube ich  auch nicht,  daß allgemeine Appelle vom Typ "Wir for-
       dern den Frieden!" bei den beschlußfassenden Instanzen, d.h. also
       bei den Nationen, eine Wirkung haben.
       Ich glaube  nicht einmal  an die  Möglichkeit einer theoretischen
       "Friedensplanung". Es  gibt ja keinen internationalen Generalstab
       für den  Frieden, keinen Generalstab, der Macht hat, wie sehr wir
       auch wünschen  würden, daß  sich die Vereinten Nationen in dieser
       Richtung entwickelten.  Die internationale  Politik ist,  leider,
       eine Resultante vieler allzu national gesonnener Willenskräfte.
       Die Herausforderung  an die  Friedensarbeiter bezieht  sich nicht
       auf eine  - "universale" - Friedensfrage, sondern auf Friedenslö-
       sungen von  vielen einzelnen  Konflikten und auf Friedensanstren-
       gungen längs vielen verschiedenen Bahnen.
       Manchmal jedoch  laufen diese  Bahnen zusammen,  und wir  erleben
       eine wesentliche Verbesserung des internationalen Klimas. Da gilt
       es, mit  vorbereiteten Beschlüssen bereit zu sein, so daß man den
       rechten Augenblick  ausnutzen und  die Lage  in Richtung  auf den
       Frieden hin  konsolidieren kann.  Es ist  meine bestimmte Auffas-
       sung, daß  die Abrüstungslinie  die beste  der uns bekannten Mög-
       lichkeiten ist,  eine solche  Planung für  strategische  Aktionen
       durchzuführen. Die  Abrüstungsbestreben können daher als ein Ver-
       such bezeichnet werden, einen "Abkürzungsweg" zum Frieden zu fin-
       den.
       Auch die  Vorbereitung solcher Initiativen in der Abrüstungsfrage
       ist eine  konkrete Friedensarbeit,  die  uns  laufend  zu  Gebote
       steht: Während  es schwer  ist, Völker  zu Friedenskonferenzen zu
       sammeln, ist es heute leicht, eine kontinuierliche internationale
       Zusammenarbeit für  die Vorbereitung  von Abrüstungs-Abkommen  zu
       betreiben. Das Instrument dafür existiert.
       Eine Friedensarbeit,  die auf Abrüstung abzielt, kann und muß di-
       rekt die  beiden Grundfaktoren  des Friedens in ihren Dienst neh-
       men: die  Moral und  die Vernunft.  Aus verschiedenen Gründen ist
       die Vernunft  in diesem  Zusammenhang der instrumental wichtigste
       Faktor. Heute kann man auf wissenschaftlicher Grundlage feststel-
       len, daß fortgesetzte Rüstungen einfach Wahnsinn sind. Solche Rü-
       stungen wirken  ihrem eigenen  Zweck entgegen:  sie gefährden die
       Sicherheit des  eigenen Landes,  statt diese  zu stärken, und sie
       steigern gleichzeitig  die Unsicherheit der Welt als Ganzes. Die-
       ses hängt  damit zusammen,  daß in der Epoche des Wettrüstens und
       in der  avancierten Rüstungssituation,  in welcher  wir uns heute
       befinden, daß  in dieser Epoche, in der die Supermächte heute so-
       genannte "overkill  capacity" besitzen, die Rüstung einer der Su-
       permächte zugleich zu schwindelerregend gefährlichen Aufrüstungen
       der anderen führt.
       Die Friedensforschung,  die ja,  wie alle  Art von Forschung, das
       feinste Werkzeug  menschlicher Vernunft  in ihren  Dienst stellt,
       scheint mir  auch die  größte Aussicht zu haben, den Gang der Er-
       eignisse zu beeinflussen, wenn sie sich auf die Bestrebungen kon-
       zentriert, die ich "Abkürzungswege" zu stabilerem Frieden genannt
       habe.
       Diejenige Friedensforschung, mit der ich selbst am meisten zu tun
       habe, nämlich  die von  SIPRI betriebene - das Institut in Stock-
       holm, für  welches das  Schwedische Parlament  Mittel  angewiesen
       hat, um in Dankbarkeit die Erinnerung an den 150jährigen schwedi-
       schen Frieden zu begehen -, hat auch gerade diese Linie verfolgt.
       Das Institut  hat sich  darauf konzentriert, reelle und konkrete,
       ja fast  "empirische" Forschung zu betreiben, die der Abrüstungs-
       arbeit direkt  zugute kommen  kann. Die Untersuchungen haben sich
       u.a. auf  den internationalen  Waffenhandel, auf seismographische
       Methoden zur  Entdeckung von Kernwaffenexperimenten sowie auf Ve-
       rifikationssysteme für  ein Verbot  chemischer  und  biologischer
       Waffen bezogen.
       Ich fühle  ein starkes  Bedürfnis, in  dieser feierlichen  Stunde
       hervorzuheben, wie  die internationale  Friedensarbeit in prakti-
       scher Weise  unter das  Diktat der  Vernunft gestellt werden kann
       und wie ihr eine solche Richtung gegeben werden kann, daß sie die
       moralisch-politische Verantwortung  zur Stellungnahme  herausfor-
       dert. Dies  geschieht nach  meiner persönlichen Meinung am besten
       dadurch, daß man konkrete Pläne für Abrüstungsmaßnahmen ausarbei-
       tet, aber  während der  Verhandlungen so  genau  den  politischen
       Ebbe- und  Flutbewegungen folgt,  daß man imstande ist, die Gele-
       genheiten auszunutzen,  wenn die  Bedingungen  für  positive  Be-
       schlüsse maximal günstig sind.
       Ich möchte  daher hier  kurz einen Abriß meiner persönlichen Deu-
       tung der "Geschichte der versäumten Gelegenheiten" auf dem Gebiet
       der Abrüstung  darlegen und an einige historische Augenblicke er-
       innern, als günstige politische Klimaveränderungen unglücklicher-
       weise nicht ausgenutzt wurden.
       Ich tue  das, um  uns alle davor zu warnen, noch einmal denselben
       Fehler zu begehen: noch einmal uns in Dummheit verblenden zu las-
       sen, in Augenblicken, da die politischen Kräfte sich in günstiger
       Konstellation befinden,  kurzsichtigen, nationalen  Interessen zu
       folgen, statt  diese Gelegenheiten  zu benutzen, solche weitblic-
       kenden Ziele  zu verfolgen, die sowohl dem Weltganzen wie unseren
       eigenen Ländern zugute kommen. Friede bedeutet ja Sieg für alle -
       einen anderen Sieg gibt es nicht mehr.
       Die erste  und vielleicht  größte Chance  hatten wir  1945/46. Da
       hatten wir  für eine  kurze Zeit  die Möglichkeit  in Reichweite,
       einen haltbaren  Damm gegen  den Weiterbau  der Kernwaffen zu er-
       richten. Waren  wir denn  damals völlig mit Blindheit geschlagen?
       Wenn jemals  die Interessen der Welt auf den Frieden konzentriert
       waren, so  waren sie es in diesem Augenblick, nach dem ungeheuren
       Trauma des  Zweiten Weltkrieges. Auch für die "Siegermächte"! Und
       das Gefühl  des Schreckens  war am allerstärksten mit den Terror-
       waffen verknüpft,  welche die  Entwicklung der Kernenergie an den
       Tag gebracht hatte.
       Es existierten  damals noch  keine Lager  solcher Kernwaffen, mit
       einer Serienproduktion  war noch  nicht einmal begonnen. Die drei
       Atombomben, alle von verschiedener Konstruktion, die bis dahin in
       der Welt produziert worden waren, waren verbraucht: experimentell
       in Alamagordo,  mit Massenmordeffekt  in Hiroshima  und Nagasaki.
       Damals, im  Herbst 1945, wurde in den Vereinigten Staaten der Ge-
       danke geweckt,  man solle  für alle Zukunft diese böse Frucht der
       Erkenntnis neutralisieren:  Rohstoffe, technische Hilfsmittel zur
       Herstellung, wissenschaftliche Forschung auf dem Kerngebiet - al-
       les sollte internationaler Kontrolle unterstellt werden.
       Aus diesem  Plan, der in seiner ursprünglichen und idealistischen
       Fassung Robert  Oppenheimers und David Lilienthals Signatur trug,
       in einer späteren, schon mehr kompromißhaften, die von Dean Ache-
       son, und  der schließlich in seiner letzten, national eingeengten
       Version unter  der Bezeichnung Baruch-Plan lief - aus diesem Plan
       wurde nichts.  Man ließ  ihn in den Vereinten Nationen aufsteigen
       als eine  Leuchtrakete, als die Erste Generalversammlung in ihrer
       Ersten Resolution  die Völker  zu internationaler  Zusammenarbeit
       zwecks Ausnutzung  der neuentdeckten  Kernkraft aufgerufen hatte.
       Heute können  wir nur  konstatieren, daß die Welt ganz anders ge-
       worden wäre,  hätte man  damals die einzigartige Chance ergriffen
       und einen solchen Damm errichtet.
       Wessen war  die Schuld,  daß das  nicht geschah?  Nun,  der  eine
       Hauptrolleninhaber, die  Vereinigten Staaten,  schiebt die Schuld
       auf den  anderen, die  Sowjetunion -  formell die Nation, die ihr
       "njet" aussprach. Die Sowjetunion vertraute einfach nicht auf das
       Internationalisierungsversprechen der  Vereinigten  Staaten,  das
       auch in der offiziell vorgelegten Version zu einem bedingten Ver-
       sprechen verwandelt worden war: bis auf weiteres sollten die Ver-
       einigten Staaten das Herstellungsgeheimnis für sich selbst behal-
       ten.
       Die Kernwaffenfrage  war gewiß  eine der Hauptursachen des Kalten
       Krieges, der  nun zwischen  den beiden Supermächten der Welt aus-
       brach, ganz  kurz nach  Ende des  Krieges, in  dem  diese  beiden
       Mächte alliierte  Kriegskameraden waren  und dann die Sieger wur-
       den. Wer  den Ursprung  dieses Kalten  Krieges objektiv studiert,
       wird wohl  kaum, wie  es im Westen recht allgemein geschehen ist,
       hauptsächlich an  Hand der  Rapporte Kennan's  aus Moskau  diesen
       Konflikt aus  Stalins neuerwachtem  Beschluß herleiten,  die  So-
       wjetunion zum  Eroberungsfeldzug für den heiligen Weltkommunismus
       aufzurüsten. Die neue Aufrüstungsphase der Sowjetunion kann viel-
       mehr als  die Antwort  auf das Schreckenssignal beurteilt werden,
       das wenige Monate vorher über Hiroshima aufgegangen war.
       Es lohnt  sich nicht zu versuchen, die Schuld für das Kernwaffen-
       rüsten, das daraufhin in Gang kam, gerecht und endgültig zwischen
       den beiden  Großmächten zu  verteilen. Natürlich  haben sie beide
       die entscheidende  Verantwortung für das Schicksal der Welt. Aber
       was taten  wir anderen?  Die Vereinten Nationen existierten doch,
       und sie  wurden sogar  das Forum  für die große Eröffnungsdebatte
       über die  Terrorwaffen. Viele  Staaten der  Welt waren  schon als
       Mitglieder der  UNO mitbeteiligt.  Sahen wir  nicht, was geschah?
       Verstanden wir nicht, was das bedeutete?
       Die kleineren  Staaten waren  damals tatsächlich nicht zum klaren
       Bewußtsein der  Situation gelangt,  und sie  waren nicht  bereit,
       ihre Verantwortung  auf sich zu nehmen. Erst später, 1954, schlug
       ihre Stunde.  In diesem  Jahr waren es die Neutralen, allen voran
       Nehru, die  an die  Spitze traten  - wie sie bis auf den heutigen
       Tag an  die Spitze  haben treten  müssen -, um kategorische Abrü-
       stungsforderungen an  die Supermächte  zu stellen.  Damals, 1954,
       galt es  in erster Linie, ein Verbot der Kernwaffenexperimente zu
       erreichen -  ein Verbot,  das wir  übrigens bis  heute noch nicht
       völlig haben durchsetzen können.
       Im Jahre  1955 kam die zweite geschichtliche Chance. Man kann so-
       gar das  Datum genau  angeben: am  10. Mai 1955 kam - und ging -,
       was Noel-Baker  in seinem  Buch The Arms Race "den Augenblick der
       Hoffnung" genannt  hat. An  diesem Tage  akzeptierte nämlich ganz
       unerwartet die  Sowjetunion den  Plan für  eine allgemeine  Abrü-
       stung, den die Westmächte in langen, mühevollen Überlegungen aus-
       gearbeitet hatten.  Diesmal waren es die Vereinigten Staaten, die
       "njet" sagten.  Wieder müssen wir uns fragen, warum in dieser hi-
       storischen Stunde  die Vernunft nicht die Oberhand gewann? Dieses
       Entgegenkommen war  doch  keine  rein  zufällige  Geste  der  So-
       wjetunion. Wir  müssen uns nämlich daran erinnern, was gleichzei-
       tig geschah.  1954 hatte man in der Sowjetunion seinen nationalen
       Stolz befriedigt, indem es gelungen war, gleich nach den USA, die
       Wasserstoffbombe herzustellen.  Stalin war tot, Chruschtschow war
       an die  Spitze der  russischen Politik getreten. Ungefähr gleich-
       zeitig schloß  er den  Staatsvertrag mit  Österreich  und  machte
       seine Versöhnungsvisite bei Tito in Belgrad.
       Wie reagierte  man nun  hierauf von  seiten der Westmächte? Poli-
       tisch reagierte  man, indem  man in diesem selben Moment, also im
       Mai 1955,  Westdeutschland in den NATO-Pakt aufnahm und damit den
       Beschluß in  bezug auf  die  deutsche  Wiederaufrüstung  formali-
       sierte, der  zwar schon  viele Jahre  lang diskutiert worden war,
       der aber  gerade in  diesem Augenblick  mehr als irgend etwas an-
       deres zu  unterstreichen schien,  daß der Kalte Krieg fortgesetzt
       werden sollte.  Im Abrüstungssektor  geschah eine schroffe Unter-
       brechung insofern,  als die  Vereinigten Staaten  plötzlich einen
       allgemeinen, kategorischen  Vorbehalt gegenüber all ihren eigenen
       früheren Standpunkten  machten, einschließlich  des Standpunktes,
       dem sich  die Sowjetunion  eben angeschlossen  hatte.  Eisenhower
       legte statt  dessen einen umfangreichen Plan auf sogenannte "open
       skies" vor, d.h. auf ein Recht der gegenseitigen Flugüberwachung,
       auch durch Luftaufnahmen, sowie auf den Austausch von Informatio-
       nen über alle militärischen Dispositionen.
       Wieder muß  festgestellt werden,  nicht nur,  daß die  Großmächte
       fortfuhren, in  Kriegsspielbegriffen zu  denken  und  zu  planen,
       statt sich  der Sprache  des Friedens  zu bedienen, sondern auch,
       daß wir  anderen uns  offensichtlich passiv verhielten. Warum be-
       gnügten wir  uns damit,  Zuschauer zu spielen? "Alle sprachen vom
       Tauwetter, aber niemand tat etwas dazu", könnte man travestieren.
       Aber gerade das ist ja der Kern meiner Mahnung, ja meiner Anklage
       gegen alle die Staaten, die nicht Supermächte sind: sie dürfen es
       nicht unterlassen, für Vernunft und Moral einzutreten.
       Warum habe  ich hier  diesen Rückblick  auf einige der düstersten
       Augenblicke der  modernen Geschichte  getan? Meine Entschuldigung
       besteht darin,  daß ich  es so stark empfinde, daß wir uns im ge-
       genwärtigen Augenblick  wieder vor  einer dieser seltenen Chancen
       sehen - der Chance. daß sich die Fäden des Geschicks zu einem Mu-
       ster des Friedens knüpfen ließen.
       Die Entspannung im gegenwärtigen weltpolitischen Klima ist offen-
       sichtlich. Ich  bin in  der glücklichen  Lage, damit  beginnen zu
       können, meine  Achtung vor  dem heute  hier nächstliegenden Fort-
       schritt zu bezeugen, dem Nichtangriffspakt zwischen Bonn und Mos-
       kau. Dieser  Schritt ist  vielversprechend für  eine  Entspannung
       auch zwischen  den Supermächten  hinsichtlich ihrer so spannungs-
       geladenen Konfrontationslinie  quer durch  Europa.  Eine  fortge-
       setzte Zusammenarbeit  für die  Sicherheit  des  gesamten  Europa
       liegt uns  nun  vorgezeichnet.  Daß  gerade  Bonn  diesen  ersten
       Schritt symbolisiert,  der uns  weiterführen kann, scheint mir um
       so glücklicher,  als die deutsche Wiederaufrüstung bei der letzt-
       vergangenen Gelegenheit  eines "goldenen Augenblickes" Symbol da-
       für wurde,  wie man  die Chancen verspielte. Die Friedensversuche
       im Mittleren  Osten lassen uns weiter hoffen, obwohl der Haß dort
       noch lodert  und die  Risiken verschärfter  Konflikte immer  noch
       sehr bedeutend  sind. Die  steigende Welle  der Weltmeinung,  die
       sich dagegen wendet, daß die Vereinigten Staaten einen supertech-
       nischen Krieg  gegen arme  Völker in  Südostasien  führen,  diese
       Welle sollte auch zu konstruktiven Lösungen verhelfen können.
       Direkt auf der Linie der Abrüstung liegen die Verhandlungen unter
       der Bezeichnung  SALT, die gegenwärtig zwischen Helsinki und Wien
       pendeln und  die auf eine Reduzierung der strategischen Waffensy-
       steme der  Supermächte abzielen,  und zwar  sowohl der offensiven
       wie der defensiven Waffensysteme.
       Jetzt ist  uns also wieder eine kostbare Gelegenheit gegeben, Ab-
       rüstungsmaßnahmen zu  planen, die  so schnell durchgeführt werden
       können und die so weit greifen müssen, daß sie wirklich einen be-
       deutsamen Friedenseffekt  bekommen können. Es müssen Abkommen ge-
       troffen werden, die ihrerseits Unterlage für eine weitere Verbes-
       serung des  Friedensklimas darstellen und weitere Reduktionen der
       Rüstungsapparate nach sich ziehen können.
       Wiederum muß  man anklagend fragen, ob jemand von den Beteiligten
       wirklich die  volle Verantwortung dafür übernommen hat, daß diese
       Gelegenheit der  Menschheit nicht  wieder aus den Händen gleitet.
       In der Abrüstungskonferenz in Genf stellen wir, die kleinen Staa-
       ten und  besonders die Vertreter der allianzfreien Staaten, unru-
       hig und  warnend diese  Frage. Mit unendlicher Mühe und gegen den
       hartnäckigen Widerstand der Großen versuchen wir, eine Resolution
       nach der anderen zur Annahme gelangen zu lassen, die auf die Ver-
       pflichtung der Staaten hinweist, "die Verhandlungen im Geiste ge-
       genseitigen Vertrauens  fortzusetzen,  so  daß  umfassende  Abrü-
       stungsmaßnahmen durchgeführt werden können". Es gelang uns, diese
       Formulierung in  Artikel VI des Sperrvertrages einzuschieben, der
       ja sonst den Großmächten keinerlei Verpflichtungen auferlegt.
       Noch aber zeichnet sich kein verheißungsvoller Hoffnungsstrahl am
       Horizont der  Abrüstungsverhandlungen ab.  Womit wir  uns in  den
       letzten Jahren  in Genf  beschäftigt haben, sind eigentlich nicht
       die großen,  bedeutungsvollen Fragen  der Abrüstung, sondern eher
       die verhältnismäßig  peripheren  Fragen  der  Nicht-Rüstung,  das
       heißt, weitere  Rüstungsmaßnahmen zu unterlassen. So z.B. das nun
       empfohlene Abkommen,  nach welchem keiner der vertragschließenden
       Staaten das  Recht haben soll, auf dem Meeresboden unter interna-
       tionalem Fahrwasser Anlagen für Kernwaffen zu errichten. Man ver-
       bietet also  damit etwas,  was noch  nicht geschehen  ist und was
       wahrscheinlich nicht  aktuell werden  wird. Wenn ich ehrlich sein
       soll -  und mich  etwas böse ausdrücken darf - , dient die Arbeit
       an solchen "non-armament-measures" hauptsächlich als eine Art Be-
       schäftigungstherapie für die Abrüster.
       Bedeutungsvoller sind natürlich die Bestrebungen, die darauf hin-
       auslaufen, die  chemischen und biologischen Kampfmittel völlig zu
       eliminieren. Die öffentliche Meinung der Welt ist in dieser Frage
       ganz offenbar beunruhigt; es zeigt sich ja auch, daß diese Waffen
       sogar im  Frieden gefährlich  sind: in  Utah, auf Okinawa, in der
       Ostsee. Die Großmächte zeigen sich aber immer noch unwillig, hier
       entscheidende Schritte  zu unternehmen. Der Westen hält kleinlich
       und engstirnig  daran fest, daß das Tränengas und die Defolianten
       von den  Verboten ausgenommen  werden sollen.  Und so  lange  sie
       diese Forderungen  aufrechterhalten, kann  ja auch  der  ehrliche
       Wille der Sowjetunion nicht ernstlich auf die Probe gestellt wer-
       den.
       Ich kann  hier nicht darauf eingehen, näher zu beschreiben, worin
       die großen,  bedeutungsvollen Schritte bestehen könnten. Ich will
       nur kurz  einige Forderungen aufzählen, die wir gegenwärtig stel-
       len. Sie  umfassen: vollständiges Verbot aller militärisch bedeu-
       tungsvollen Aktivität  auf dem internationalen Meeresboden; voll-
       ständiges Experimentverbot  für Kernwaffen,  wodurch ja ihre Wei-
       terentwicklung unterbunden werden würde; vollständiges Verbot ge-
       gen alle B- und C-Waffen sowie gegen Brandwaffen vom Typ Napalm.
       Von da  sollten wir  dann weitergehen und schrittweise diejenigen
       Massenzerstörungswaffen eliminieren, die gegen das verstoßen, was
       frühere Generationen  in der  "Haager Landkriegsordnung" zum Aus-
       druck bringen  wollten. Diese Regeln hatten ja den Zweck, die Zi-
       vilbevölkerung davor  zu schützen,  Opfer der Kriegshandlungen zu
       werden. Wir  müssen den  Mut dazu aufbringen, obwohl es bedeutet,
       daß wir  etwas fast  Unglaubliches verlangen,  nämlich daß unsere
       Nationen vernünftig  genug sein  sollen, der Anwendung der super-
       technischen Zerstörungsmethodik  zu entsagen, zu der sich der mo-
       derne Krieg entwickelt hat.
       Aber selbst  da dürfen  wir nicht  stehen bleiben.  Ich sehe zwei
       Hauptlinien der Weiterentwicklung der Friedensarbeit vor mir. Die
       eine ist  die schon  beschriebene multilaterale  Abrüstungslinie,
       die sich  besonders auf  die technischen neuen Waffen zur Massen-
       zerstörung bezieht.  Hier sind es die Supermächte, die am meisten
       aufgeben müssen,  da sie  am meisten haben. Die zweite Hauptlinie
       ist die  regionale, die direkt friedenspolitische Linie, die sich
       auf die  konventionellen Militärpositionen  bezieht  und  deshalb
       auch lokale politische Probleme berührt. Um auf der erstgenannten
       Linie Erfolge  zu verzeichnen,  müssen wir alle, die wir nicht zu
       den Großmächten  gehören, diese  unermüdlich immer wieder zu Maß-
       nahmen drängen.  Auf der  zweiten  Hauptlinie  dagegen  sind  wir
       selbst mitbetroffen: wir müssen deshalb selbst vom Willen beseelt
       sein, auch etwas aufzugeben. Das wesentliche Moment des Sperrver-
       trages ist  es ja, daß er einen direkten Beitrag der kleinen Län-
       der darstellt, der allgemeinen Kriegstorheit in der Welt an einem
       Punkt Einhalt  zu gebieten.  Das Übereinkommen über eine kernwaf-
       fenfreie Zone in Latein-Amerika, das sogenannte Tlatelolco-Abkom-
       men, weist  den Weg  zu weiteren  derartigen regionalen Abkommen.
       Dieser Weg  ist gewiß  anfangs schwer  und schmal, aber er öffnet
       sich vielversprechend, wenn man ihn einmal eingeschlagen hat.
       Herr Bundespräsident,  meine Damen  und Herren, ich habe gemeint,
       meinen Dank  für den Preis, der mir zuteil geworden ist, nicht in
       besserer Weise abstatten zu können, als indem ich uns alle an die
       Verpflichtungen erinnere,  die uns  obliegen. Wir  haben die Auf-
       gabe, die Großen und Mächtigen zu mahnen und zu warnen, aber auch
       uns selbst  in Zucht  zu halten,  unsere eigene Verantwortung auf
       uns zu nehmen, so daß nicht nochmals Chancen verspielt werden und
       historische Gelegenheiten uns aus den Händen gleiten. Unsere Auf-
       gabe ist es, Frieden zu schaffen.
       

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