Quelle: Blätter 1971 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER SCHLUSSRESOLUTION DES KONGRESSES "MITBESTIMMUNG
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       IN WISSENSCHAFT UND AUSBILDUNG - FÜR DEMOKRATIE UND SOZIALEN
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       FORTSCHRITT" AM 16. DEZEMBER 1970 IN BONN
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       Der immer  deutlicher werdende  Druck der konservativen und reak-
       tionären Sammlungsbewegung  gegen Friedens- und Entspannungspoli-
       tik nach  außen, gegen  fortschrittliche und sozialistische Bewe-
       gungen und  gegen jeden Ansatz von demokratischen Reformen im In-
       nern macht auch vor dem Hochschulbereich nicht halt. Seinen orga-
       nisatorischen Ausdruck  findet er in Gestalt des "Bundes Freiheit
       der Wissenschaft".
       Auswirkungen dieser  antidemokratischen Bestrebungen sind bereits
       erkennbar in  einigen Bestimmungen  der vorliegenden Entwürfe für
       ein  Hochschulrahmengesetz  und  ein  Ausbildungsförderungsgesetz
       ebenso wie  im Versagen  der KMK in der Reform der Lehrerbildung.
       Erste in  manchen Landeshochschulgesetzen  enthaltene Ansätze von
       Mitbestimmungsmöglichkeiten für die im Wissenschafts- und Ausbil-
       dungsbereich Tätigen  sind in Gefahr, zugunsten einer vornehmlich
       im Interesse  von Großindustrie  und Staatsbürokratie erfolgenden
       zentralen Planung wieder aufgehoben zu werden.
       Die wissenschaftlich-technische Revolution bewirkt eine quantita-
       tive Steigerung und qualitative Veränderung im System der Produk-
       tivkräfte; Wissenschaft  selbst ist  unmittelbare  Produktivkraft
       geworden. Die  Effektivität der industriellen Produktion ist mehr
       denn je abhängig vom Entwicklungsstand der wissenschaftlichen Ar-
       beit, von  der Organisation der Forschung und der zielgerichteten
       Ausbildung wissenschaftlich  qualifizierter  Arbeitskräfte.  Dies
       gilt nicht  nur für  die Naturwissenschaften und die Technik. Die
       optimale Entwicklung  der Produktivkräfte  erfordert den  zielge-
       richteten Einsatz  auch der  Gesellschaftswissenschaften für  die
       Grundlagen der Planung und verlangt die Entwicklung wissenschaft-
       licher Prognostik. Der Einsatz von Wissenschaft in der Produktion
       und in  allen gesellschaftlichen  Bereichen schafft  objektiv die
       Voraussetzung, die  Zukunft der Menschheit rational zu planen und
       die schöpferischen  Kräfte des Menschen freizusetzen. Von zentra-
       ler Bedeutung ist dabei, wer diese Planung durchführt und zu wes-
       sen Nutzen, mit welchen Zielen und Inhalten dies geschieht.
       Die Frage  zu stellen  und sie  im Interesse der arbeitenden Men-
       schen zu beantworten, ist nicht nur Sache der Studenten und ande-
       rer Hochschulangehörigen;  wie sie gelöst wird, ist von entschei-
       dender Bedeutung  für die  friedliche und  humane Zukunft unserer
       Gesellschaft überhaupt.
       Die Mehrheit  der Bevölkerung,  die lohnabhängig  Arbeitenden und
       ihre Gewerkschaften  sowie die  Hochschulangehörigen haben  darum
       ein gemeinsames  Interesse an  demokratischer Ausbildung und Wis-
       senschaft und müssen ihr Bemühen um Zusammenarbeit verstärken.
       In diesem  Zusammenhang nimmt die Forderung nach Mitbestimmung in
       allen gesellschaftlichen  Bereichen eine  zentrale Stellung  ein.
       Die Durchsetzung  der Mitbestimmung  soll eine weitere Formierung
       des Wissenschafts-  und Ausbildungsbereiches verhindern, sie soll
       es ermöglichen, offen zu gestaltende Lern- und Lehrinhalte an die
       Stelle reaktionärer  zu setzen; sie soll den arbeitenden Menschen
       in die Lage versetzen, über die Gestaltung und Planung seiner Zu-
       kunft mitzuentscheiden  und sozialen Fortschritt einzuleiten. Die
       Forderung nach  Mitbestimmung ist  deshalb Ausgangspunkt  für den
       gemeinsamen Kampf um:
       - Durchsetzung der integrierten Gesamtschule mit einer demokrati-
       schen Struktur, neuen Lehr- und Lerninhalten;
       - Integration der  Berufsausbildung in  die  integrierte  Gesamt-
       schule, Aufhebung der persönlichen Abhängigkeit der Lehrlinge von
       ihren Ausbildern;
       - Integration von  Forschung, Lehre  und Studium  im Rahmen einer
       einheitlichen wissenschaftlichen Ausbildung in einer demokratisch
       verfaßten Gesamthochschule;
       - das Recht  der abhängig  Arbeitenden auf ständige Weiterbildung
       und Mitbestimmung im Betrieb.
       Bei unterschiedlicher politischer Grundhaltung verstehen die Ver-
       sammelten den  Kongreß als  Beitrag für  Initiativen im  Kampf um
       Mitbestimmung und  Demokratisierung des Ausbildungswesens und für
       die gemeinsame Abwehr reaktionärer Kräfte im Hochschulbereich wie
       in der Gesellschaft.
       Sie setzen sich dafür ein, daß die ausgesprochenen Forderungen in
       den Hochschulen  vertieft werden,  und rufen aus Anlaß der bevor-
       stehenden Verabschiedung  eines Hochschulrahmengesetzes dazu auf,
       in Informationstagen  zu Beginn  des Jahres 1971 an den einzelnen
       Hochschulen in  diesem Sinne  zu wirken und restriktive Tendenzen
       des in Aussicht genommenen Gesetzes zu bekämpfen.
       
       Diese Resolution  wurde von den Vorsitzenden der Gewerkschaft Er-
       ziehung und  Wissenschaft,  der  Bundesassistentenkonferenz,  des
       Verbandes Deutscher  Studentenschaften  sowie  der  Aktionsgruppe
       Hochschullehrer an  der FU  Westberlin eingebracht  und fast ein-
       stimmig im Plenum verabschiedet.
       

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