Quelle: Blätter 1971 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BRIEF DES GENERALRATS DER WEISSEN VÄTER ÜBER DIE EINSTELLUNG
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       IHRER TÄTIGKEIT IN MOZAMBIQUE
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       (Wortlaut)
       
       Am 15.  Mai 1971  veröffentlichte der Generalrat der Weißen Väter
       einen aufsehenerregenden Brief, in dem die Einstellung der Tätig-
       keit dieser  Katholischen Missionsgesellschaft in Mozambique mit-
       geteilt und  mit dem Widerspruch zwischen christlichen Prinzipien
       und den  Praktiken der  portugiesischen  Kolonialmacht  begründet
       wird, der nicht länger hingenommen werden könne.
       Die nach der früheren Kleidung ihrer Angehörigen kurz Weiße Väter
       genannte internationale "Gesellschaft der Missionare von Afrika",
       der sowohl  Welt- als auch Ordensgeistliche angehören, wurde 1869
       von dem  französischen Erzbischof  von Algier, Lavigerie, gegrün-
       det. Seit  1946 war die Gesellschaft - inzwischen eine der bedeu-
       tendsten derartigen  Vereinigungen und  in ganz Afrika aktiv - im
       Bildungs-. im Sozialwesen und in der Seelsorge Mozambiques tätig.
       Kurz nach  der Veröffentlichung des nachstehend im Wortlaut doku-
       mentierten Briefes hat die portugiesische Regierung die Missions-
       gesellschaft in  Mozambique verboten  und die  Weißen Väter  auf-
       gefordert, das Land binnen 48 Stunden zu verlassen. D. Red.
       
       Liebe Patres und Brüder!
       Der Generalrat  möchte Euch  heute über  eine schwerwiegende Ent-
       scheidung, zu  der er sich genötigt sah, informieren. Nach mehre-
       ren Monaten  der Überlegung, des Gebets und wiederholter Kontakte
       mit den  zuständigen Personen  haben wir  entschieden, die Weißen
       Väter aus Mozambique zurückzuziehen. Wir betrachten es als unsere
       Pflicht, Euch  ganz klar  die Gründe für eine solche Entscheidung
       vorzulegen.
       Zunächst ist  es offensichtlich,  daß diese  Maßnahme  uns  nicht
       durch Personalmangel  diktiert wurde.  Seit dem (General-)Kapitel
       (1967) haben  wir jedes  Jahr junge Missionare für Mozambique er-
       nannt. Auch dieses Jahr waren wir bereit, dies zu tun. Diese Ent-
       scheidung wurde  auch nicht aus äußeren Gründen gefällt, noch aus
       Gründen materieller  Art. Die  Sicherheit unserer Leute ist nicht
       bedroht. Die  Lebensbedingungen sind  nicht schlecht.  Zudem wißt
       Ihr, daß  ein derartiges  Motiv uns nie bewegen könnte, eine Mis-
       sion aufzugeben. Nirgendwo anders haben unsere Missionare von ei-
       ner Regierung  so direkte  und substantielle materielle Hilfe er-
       halten (als  in Mozambique).  Und die  Behörden in Lissabon haben
       nie eine Andeutung gemacht, daß die Gegenwart der Weißen Väter in
       Mozambique nicht länger erwünscht wäre.
       Die Gründe  für unsere Entscheidung sind viel ernster: Einerseits
       die grundlegende  Zweideutigkeit einer  Situation, in  der unsere
       Anwesenheit zum Gegenzeugnis wird; zum anderen die Aufrichtigkeit
       einer Mission,  die es ablehnt, in Afrika zwei gegensätzliche Ge-
       sichter zu haben.
       Die Lage  der Weißen Väter in Mozambique wird in der Tat mehr und
       mehr gezeichnet  von einer schwerwiegenden Zweideutigkeit. Ausge-
       sandt, um  Zeugnis abzulegen  für das  Evangelium und  die Kirche
       präsent zu  machen als  ein Zeichen  und Mittel des Heils, müssen
       die Missionare  feststellen, daß  die Verwechslung zwischen Staat
       und Kirche, die durch staatliche und kirchliche Autoritäten stän-
       dig nahegelegt  wird, der  Verkündigung des  Evangeliums und  dem
       wirklichen Bild der Kirche sehr abträglich ist.
       Es ist  unglücklicherweise eine Tatsache, daß auf vielen Gebieten
       die Kirche  in ihrer  Aktionsfreiheit behindert ist. Mag sie sich
       theoretisch der  Handlungsfreiheit erfreuen, in Wirklichkeit wird
       die Verkündigung  gewisser Aspekte  des Evangeliums  ständig  ge-
       hemmt. Es  ist nicht  unsere Absicht,  hier Akten vorzulegen oder
       auf einzelne  Punkte einzugehen.  Es soll genügen, hervorzuheben,
       daß nur  zu oft bestimmte Tätigkeiten apostolischen Dienstes, be-
       sonders solche,  die auf  die Förderung einer wirklichen sozialen
       Gerechtigkeit abzielen, als subversive Akte angesehen werden, und
       daß diese dann oft der Anlaß sind für schmerzvolle Schikanen oder
       gar Gefängnis  und Mißhandlung  führender Christen,  die mehr mit
       der Mission in Kontakt stehen.
       Wir baten  darum und  warteten lange Zeit darauf, daß die Hierar-
       chie eine  klare Stellung einnehme, um diese Zweideutigkeit ange-
       sichts von Ungerechtigkeit und polizeilicher Brutalität zu besei-
       tigen. Konfrontiert  mit einem Schweigen, das wir nicht verstehen
       können, verbietet  uns unser  Gewissen, als mitschuldig angesehen
       zu werden an einer offiziellen Unterstützung, welche die Bischöfe
       auf diese Weise einem Regime zu leisten scheinen, das auf schlaue
       Weise die Kirche benützt, um in Afrika eine anachronistische Lage
       zu festigen und zu verewigen, welche auf die Dauer eine Sackgasse
       bedeutet. Da  uns Mittel und Wege fehlen, die Sachlage an Ort und
       Stelle richtigzustellen,  ruft unsere  Anwesenheit lediglich eine
       bedauerliche Verwirrung beim Volke hervor.
       Eine stumme  und mundtote  Kirche kann noch ein lohnendes Zeichen
       bleiben unter  einem Regime, in dem die Kirche offiziell verfolgt
       wird. Sie wird aber zum Gegenzeugnis in einem Lande, das sich öf-
       fentlich als  katholisch bekennt  und als  Schutzherr der Kirche,
       aber auf die Dauer die Kirche mißbraucht für Ziele, die nichts zu
       tun haben mit dem Evangelium Jesu Christi.
       Wie der  hl. Paulus fühlen wir, daß es Situationen gibt, in denen
       wir nicht  verschämt schweigen, uns nicht aufs Ränkespiel und die
       Verwässerung des Wortes Gottes verlegen dürfen (2. Kor. 4, 2).
       Ein anderer  Beweggrund für unsere Entscheidung ist die Frage der
       Aufrichtigkeit. Als  die afrikanischen  Länder unabhängig wurden,
       stellten wir  uns ehrlich auf die veränderte Situation ein, nicht
       aus einem  kirchlichen Opportunismus, sondern aus tiefer Überzeu-
       gung. Den  ganz klaren  Weisungen von  (unserem Stifter) Kardinal
       Lavigerie folgend,  haben wir  immer versucht,  nicht nur Zeugnis
       abzulegen für  das Evangelium,  sondern auch,  soweit wie möglich
       (afrikanische) Ortskirchen aufzubauen mit dem Ziel, sie eines Ta-
       ges selbständig  zu sehen. Die Afrikanisierung sollte unserer An-
       sicht nach  das normale  Klima jeder missionarischen Tätigkeit im
       heutigen Afrika sein.
       Darum fanden  wir es  schwierig, aufrichtig  zu sein, solange wir
       nach zwei  entgegengesetzten Prinzipien  handeln:  in  Mozambique
       nach dem  einen, in  den übrigen Ländern Afrikas nach dem andern.
       Uns scheint  es unvereinbar,  mit den Maliern ein Malier zu sein,
       mit den  Kongolesen ein  Kongolese, mit den Tansaniern ein Tansa-
       nier, und  dann auf  einmal mit  den Mozambiquanern... ein Portu-
       giese. Das  ist eine  Frage apostolischer Ehrlichkeit, die unsere
       gesamte Gesellschaft  angeht. Scheint es Euch, die Ihr in anderen
       Gegenden Afrikas  arbeitet, nicht  natürlich, daß  uns diese Ehr-
       lichkeit verbietet,  in Mozambique eine Maske zu tragen, die eine
       falsche Situation  fördert  und  begünstigt,  nur  weil  wir  zum
       Schweigen verurteilt  sind? Eine  solche Situation  ist in Afrika
       heute mehr denn je ein Gegen-Zeugnis.
       Ihr versteht recht gut, daß es nicht leicht war, eine solche Ent-
       scheidung zu treffen. Sie ist erst nach reiflicher Überlegung und
       nach einer  Befragung all unserer Mitbrüder in Mozambique gefällt
       worden.
       Wenn die  angeführten schwerwiegenden  Gründe uns für einen Abzug
       der Weißen Väter entscheiden ließen, so sind wir uns doch bewußt,
       daß andere  Gründe uns drängen könnten, zu bleiben, vor allem das
       derzeitige pastorale  Wohl der  Bevölkerung, der wir durch unsere
       Anwesenheit und durch unseren Dienst helfen. Wenn wir auch zuver-
       sichtlich hoffen,  daß diese  Leute nicht  ohne Priester  bleiben
       werden, und wenn wir auch überzeugt sind, daß unser Entschluß dem
       Volke Gottes in diesen Gegenden am Ende zugute kommt, so wünschen
       wir doch  klar festzustellen,  daß der Standpunkt, den wir einge-
       nommen haben, auf keinen Fall als eine Art Vorwurf für die Missi-
       onsgesellschaften betrachtet  werden kann,  die dort ihren Dienst
       weiterleisten aus  Gründen, die sie für richtig halten. Zudem ha-
       ben wir  sie ständig  auf dem laufenden gehalten, bevor wir diese
       Entscheidung trafen.
       Wir sind  uns des  schmerzlichen Opfers  wohl bewußt, daß wir von
       unseren Missionaren  in Mozambique  verlangen. Es wird ihnen sehr
       schwer fallen,  diese Menschen,  die sie lieben, und dieses Land,
       für das  sie ihr  Bestes hergegeben haben, zu verlassen. Die mei-
       sten von  ihnen werden  die Ernennung  für ein  anderes  Land  in
       Afrika erhalten.  Es braucht  nicht eigens  gesagt zu werden, daß
       wir Euch  ans Herz  legen, sie in Liebe willkommen zu heißen. Wir
       wissen, daß  Ihr das tun und daß Ihr ihnen brüderlich helfen wer-
       det, ihren Platz in einer neuen Diözese zu finden, wo sie den Mut
       aufbringen müssen, ganz von vorne anzufangen.
       Beten wir  für die  ganze Bevölkerung von Mozambique in der Hoff-
       nung, daß  wir in  nicht allzu  ferner Zukunft  dort wieder einer
       Kirche dienen  können, die wieder zu einem unumstrittenen Zeichen
       des Heils  und der  Gerechtigkeit für alle Menschen geworden ist.
       Rom, den 10. Mai 1971
       Mit brüderlichem  Gruß in Christus: Theo van Asten, Generaloberer
       - Robert  Chaput -  Wilhelm Grosskortenhaus - Waly Neven - Joseph
       Perrier, Generalassistenten.
       

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