Quelle: Blätter 1971 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE GEHEIMEN VIETNAM-DOKUMENTE DES PENTAGON
       ===========================================
       
       Am 13.,  14. und  15. Juni 1971 veröffentlichte die "New York Ti-
       mes" die  ersten Teile  einer vom  Pentagon in den Jahren 1967/68
       ausgearbeiteten Studie ("McNamara-Studie") über die Hintergründe,
       den Beginn  und die  Entwicklung des  amerikanischen  Krieges  in
       Vietnam. Die  Dokumente waren  der "New York Times" von einem der
       mehr als  dreißig Verfasser  der Studie, dem Harvard-Dozenten Da-
       niel Ellsberg,  zugespielt worden.  Der Originaltext  dieser  als
       "streng geheim"  klassifizierten Studie  umfaßt 4000 Seiten Doku-
       mente und 3000 Seiten einer von den Experten des Pentagon verfaß-
       ten Analyse.  Nur 15  Exemplare waren  gedruckt worden, von denen
       Ellsberg eines kopierte.
       Auf Antrag  von Justizminister  John N.  Mitchell wurde  der "New
       York Times" am 16. Juni die weitere Veröffentlichung von Auszügen
       aus der  Pentagon-Studie durch  einstweilige Verfügung  eines New
       Yorker Gerichts untersagt. Nachdem der Rechtsstreit durch mehrere
       Instanzen gelaufen war und eine Reihe weiterer Zeitungen mit Ver-
       öffentlichungen über  die Pentagon-Studie begonnen hatte, hob das
       Oberste Gericht  der Vereinigten Staaten am 30. Juni das Publika-
       tionsverbot wieder  auf. Am  1. Juli  setzte die "New York Times"
       die Veröffentlichung ihrer Serie fort.
       Die "Blätter"  beginnen in  dieser Ausgabe  mit dem  Abdruck  der
       deutschen Übersetzung  der von  der "New York Times" publizierten
       Dokumente. In den nächsten Heften werden wir mit der Veröffentli-
       chung fortfahren,  sofern Interesse  besteht.  Eine  detaillierte
       Analyse der  veröffentlichten Dokumente  erscheint in  einer  der
       nächsten Ausgaben  der "Blätter".  Die Fußnoten zum fortlaufenden
       Text der  Dokumentation  sind  Wort-  und  Sacherläuterungen  von
       Joachim Joesten, der die Übersetzung für die "Blätter" vornahm.
       Die "Blätter"  bzw. der Pahl-Rugenstein Verlag behalten sich eine
       Veröffentlichung der  Dokumentenserie in  Form eines Sonderdrucks
       oder einer Broschüre vor. D. Red.
       
       I
       
       Memorandum des Verteidigungsministers Robert S. McNamara
       --------------------------------------------------------
       an Präsident Lyndon B. Johnson über die Lage in Vietnam
       -------------------------------------------------------
       
       Datiert 21. Dezember 1963
       
       Gemäß Ihrem Ersuchen von heute morgen lege ich Ihnen hiermit eine
       Zusammenfassung der Schlußfolgerungen vor, zu denen ich nach mei-
       nem Besuch in Vietnam am 19. und 20. Dezember gekommen bin.
       1)  R é s u m é.  Die Lage ist sehr beunruhigend. So wie sich die
       Dinge z.Z. entwickeln, und falls nicht innerhalb der nächsten 2-3
       Monate eine  Wende erfolgt,  ist damit zu rechnen, daß es besten-
       falls zu  einer Neutralisierung,  wahrscheinlicher aber  zu einer
       kommunistischen Machtübernahme kommt.
       2)  D i e  n e u e  R e g i e r u n g  macht uns die größten Sor-
       gen. Sie  ist unschlüssig  und läßt  sich treiben. Zwar behauptet
       Minh, daß  er und  nicht das  Generalskomitee die  Entscheidungen
       trifft, doch ist nicht sicher, daß das wirklich der Fall ist. Je-
       denfalls ist  es so, daß weder er noch das Komitee in politischer
       Verwaltung erfahren  sind und  bisher haben sie auch wenig Talent
       dafür gezeigt.  Es besteht keine klare Vorstellung davon, wie das
       Programm der strategischen Ortschaften (strategic hamlet program)
       neu gestaltet  oder durchgeführt  werden soll; die Provinzleiter,
       von denen  die meisten  neu und  unerfahren sind,  bekommen wenig
       oder gar  keine Führung,  weil die Generäle sich hauptsächlich um
       politische Angelegenheiten  kümmern. Ein  anschauliches  Beispiel
       für die  jetzige Lage ist, daß General (Name unleserlich) nur we-
       nig oder gar keine Zeit damit verbringt, daß III. Corps zu befeh-
       ligen, obwohl  es sich  in der lebenswichtigen Zone um Saigon be-
       findet und  unablässiger Führung  bedarf. Ich habe Minh, Don, Kim
       und Tho so stark wie möglich darauf hingewiesen.
       3)  D a s  "C o u n t r y  T e a m"  1) stellt die zweite größere
       Schwäche dar.  Es hat keine gute Führung, ist schlecht unterrich-
       tet und  arbeitet nicht nach einem gemeinsamen Plan. Ein Beispiel
       für das  herrschende Durcheinander  aus der  letzten Zeit ist die
       Tatsache, daß  USOM 2)  und das  Militär sowohl der Regierung von
       Vietnam wie auch Washington widersprüchliche Empfehlungen betref-
       fend die Höhe des Militärbudgets gaben.
       Vor allem ist es so, daß Lodge 3) praktisch keinen amtlichen Kon-
       takt mit  Harkins 4) hat. Lodge schickt Berichte, die vom militä-
       rischen Standpunkt  bedeutsam sind,  ohne sie  vorher Harkins  zu
       zeigen; er  zeigt diesem auch nicht wichtige Mitteilungen, die er
       selbst erhält.  Ich habe  den Eindruck,  daß Lodge  einfach nicht
       weiß, wie man eine koordinierte Verwaltung führen muß. Darauf ist
       er natürlich sowohl von (Außenminister - J.J.) Dean Rusk wie auch
       von mir  selbst -  und von  John McCone (Geheimdienstchef, Leiter
       des C.I.A.  - J.J.)  hingewiesen worden und ich glaube nicht, daß
       er sich  bewußt unserem  Rat entgegenstellt.  Er ist einfach sein
       ganzes Leben  lang ein  Einzelgänger gewesen  und kann sich jetzt
       nicht mehr leicht ändern.
       Lodges neuernannter  Stellvertreter, David  Nes, war  bei uns und
       macht den  Eindruck eines durchaus kompetenten Team-Spielers. Ich
       habe ihm  die Lage offen auseinandergesetzt und er hat gesagt, er
       werde alles  in seiner  Kraft Stehende  tun, um in der Praxis ein
       Exekutivkomitee zu bilden, das auf einer Ebene unterhalb derjeni-
       gen des Botschafters arbeiten soll.
       Was das  schlechte Funktionieren der Berichterstattung anbelangt,
       so müssen sowohl das Verteidigungsministerium wie auch der C.I.A.
       energische Maßnahmen  zu einer  Verbesserung ergreifen.  Ich habe
       darüber mit  John McCone  gesprochen, und  wir treffen, jeder auf
       seinem Gebiet, die entsprechenden Maßnahmen.
       4)  D e r   V i e t k o n g   hat in  der Zeit  seit dem  Staats-
       streich große  Erfolge erzielt und ich schätze, daß sich die Lage
       auf dem Lande seit Juli tatsächlich viel mehr verschlechtert hat,
       als uns zum Bewußtsein gekommen ist, weil wir uns zu sehr auf die
       verzerrten Berichte  der Vietnamesen verlassen haben. In gewissen
       Schlüsselprovinzen, insbesondere  denjenigen, die  direkt südlich
       und westlich  von Saigon  liegen, beherrscht  der Vietkong  jetzt
       einen sehr  hohen Prozentsatz  der Bevölkerung.  Das Programm der
       strategischen Ortschaften  ist in  diesen Provinzen  viel zu weit
       ausgedehnt worden, so daß der Vietkong zahlreiche dieser Siedlun-
       gen zerstören  konnte. Andere  stehen verlassen da und in einigen
       Fällen sind  sie sogar  von dem eigenen Selbstverteidigungs-Corps
       der Regierung  verraten  oder  ausgeplündert  worden.  In  diesen
       Schlüsselprovinzen hat der Vietkong fast alle großen Straßen zer-
       stört und erhebt Steuern, wie es ihm gefällt.
       Um Abhilfe  zu schaffen,  müssen wir  die Regierung dazu bringen,
       daß sie  ihre Streitkräfte  so neu  verteilt, daß deren effektive
       Stärke in  diesen Provinzen  im wesentlichen verdoppelt wird. Wir
       brauchen auch  beträchtliche Verstärkungen  des Personals  sowohl
       bei unseren  militärischen Stellen wie auch bei USOM, und zwar in
       einem solchen  Umfang, daß  wir uns von dem Stand der Operationen
       ein zuverlässiges  Bild aus  amerikanischer Sicht  machen können.
       Drittens müssen  realistische Befriedungspläne ausgearbeitet wer-
       den, wobei genug Zeit zur Verfügung stehen muß, um die noch unter
       der Herrschaft  der Regierung  stehenden Gebiete  abzusichern und
       von dort aus zu arbeiten.
       Dieses düstere  Bild ist  vor allem  in den Provinzen rund um die
       Hauptstadt und  im Delta  vorherrschend. Noch  während wir uns in
       Saigon befanden,  wurden Maßnahmen ergriffen, um alle diese Ziele
       zu erreichen.  In den nördlichen und zentral gelegenen Landestei-
       len ist  die Lage  erheblich besser  und scheint sich auch in den
       letzten Monaten  nicht erheblich verschlechtert zu haben. General
       Harkins hofft  noch immer,  daß diese  Gebiete  bis  zur  zweiten
       Hälfte des  nächsten Jahres  einigermaßen abgesichert werden kön-
       nen.
       Eine Ausnahme zu dem düsteren Bild von Vietkong-Erfolgen im Süden
       mag sich  aus dem möglichen Anschluß der Cao Dai und Hoa Hao Sek-
       ten an die Regierung ergeben; diese Sekten umfassen zusammen drei
       Millionen Menschen  und sie  beherrschen Schlüsselstellungen ent-
       lang der Grenze zu Kambodscha. Mit den Hoa Hao ist schon eine Art
       von Übereinkunft  erzielt worden und das Gleiche wird von den Cao
       Dai am  Ende dieses  Monats erwartet.  Es ist  jedoch noch  nicht
       klar, ob  ihr Einfluß  durch diese Abmachungen mehr als neutrali-
       siert werden  wird, oder ob sie tatsächlich auf seiten der Regie-
       rung kämpfen werden.
       5)  D i e  I n f i l t r a t i o n  von Leuten und Ausrüstungsma-
       terial aus Nordvietnam geht weiter, wobei (a) Landkorridore durch
       Laos und  Kambodscha; (b)  die Wasserläufe des Mekong-Flusses von
       Kambodscha aus  benutzt werden;  (c) möglicherweise  erfolgt auch
       eine gewisse  Einschleusung von  See her  und von  der Spitze des
       Deltas. Nach den besten Schätzungen sind 1000-1500 Vietkong-Kader
       in den ersten neun Monaten des Jahres 1963 aus Laos nach Südviet-
       nam gekommen.  Die Mekong-Route (und auch die mögliche Einschleu-
       sung von der See her) wird anscheinend zum Transport von schweren
       Waffen und Munition benutzt, sowie von Rohmaterialien, die in im-
       mer größeren  Mengen im Süden auftauchen und von denen wir einige
       Ladungen beschlagnahmt haben.
       Um dieser Infiltration entgegenzuwirken, haben wir in Saigon ver-
       schiedene Pläne  besprochen, die  darauf hinausgehen,  grenzüber-
       schreitende Operationen nach Laos hin zu unternehmen. Ich bin je-
       doch ziemlich  davon überzeugt,  daß diese in dem vorgeschlagenen
       Ausmaß weder  politisch tragbar  noch  militärisch  wirksam  sein
       würde. Das  erste, was  benötigt wird, ist eine vollständige Kar-
       tenaufnahme der  ganzen Grenzgegend  nach Laos und Kambodscha hin
       durch U-2-Flugzeuge  und dieses  Unterfangen wird mit dringlichem
       Vorrang vorbereitet.
       Was wir  sonst noch  tun könnten,  wäre die schon bestehende, be-
       grenzte, aber  bemerkenswert effektive  Operation mit  dem  Namen
       HARDNOSE (Hartnase), auf der laotischen Seite, zu verstärken, da-
       mit sie  zumindest einigermaßen  zuverlässige Nachrichten betref-
       fend alle  Bewegungen durch den Korridor von Laos erbringt; Pläne
       zur Ausweitung  dieses Unternehmens sind in Vorbereitung und wer-
       den zur Billigung in etwa zwei Wochen vorgelegt werden.
       Mit Bezug  auf die  Wasserstraßen haben sich die in Saigon vorge-
       legten militärischen  Pläne als  unzufriedenstellend erwiesen und
       eine besondere  Marineeinheit wird  sofort von  Honolulu entsandt
       werden, um  festzustellen, was  sonst noch getan werden kann. Das
       ganze System der Wasserwege ist jedoch so riesig groß, daß es un-
       möglich sein mag, es effektiv zu kontrollieren.
       Im allgemeinen ist das Infiltrationsproblem zwar ernst und ärger-
       lich, hat  aber doch geringeren Rang gegenüber den vorher bespro-
       chenen Schlüsselproblemen.  Wir sollten  jedoch alles  in unseren
       Kräften Stehende unternehmen, um es zu verringern.
       6)  P l ä n e   f ü r   h e i m l i c h e   A k t i o n e n  g e-
       g e n   N o r d v i e t n a m   wurden vorbereitet,  entsprechend
       unserem Ersuchen,  und sind eine hervorragende Leistung. Sie ent-
       halten eine große Anzahl von Vorschlägen für Sabotageaktionen und
       psychologische Kriegsführung  gegen Nordvietnam, unter denen wir,
       meine ich,  diejenigen aussuchen  sollten, durch  die der  größte
       Druck bei  geringstmöglichem  Risiko  ausgeübt  werden  kann.  Im
       Einklang mit  der von  Ihnen auf  dem Treffen gegebenen Anweisung
       führt General  Krulak vom JCS 5) den Vorsitz einer Gruppe, die in
       den nächsten 10 Tagen ein Programm für Sie ausarbeiten wird.
       7)  M ö g l i c h e      N e u t r a l i s i e r u n g      v o n
       V i e t n a m.  Dieser Gedanke wird von Minh energisch abgelehnt.
       Dabei ist  unsere Haltung  wegen der  Leitartikel in der New York
       Times und  der Erwähnung  von Walter  Lippmann und  anderen etwas
       verdächtig. Wir haben ihnen in dieser Hinsicht die stärkst mögli-
       chen Versicherungen  gegeben - und in etwas allgemeineren Wendun-
       gen betreffend  die Neutralisierung von Kambodscha. Ich empfehle,
       daß Sie  an Minh  aus Anlaß  des Neujahrsfestes eine Präsidenten-
       Botschaft richten,  in der  auch die  Notwendigkeit einer starken
       zentralen Führung durch die Regierung und insbesondere durch Minh
       persönlich betont werden sollte.
       8)  D i e   v o n   d e n   V e r e i n i g t e n   S t a a t e n
       e i n g e s e t z t e n   M i t t e l    u n d    d a s    P e r-
       s o n a l   erheblich zu  vermehren, ist  nicht nutzbringend. Ich
       habe die  Anweisung gegeben,  daß zusätzliche  Artillerie in  be-
       scheidenem Rahmen  bereitgestellt werden  soll und  auch, daß für
       das Selbstverteidigungs-Korps, das die am meisten der Gefahr aus-
       gesetzte Streitkraft  darstellt und  von geringem  Kampfgeist be-
       seelt ist,  Uniformen zur  Verfügung gestellt  werden sollen. Was
       bedeutsamer sein  könnte: Ich habe die Behörden meines Ministeri-
       ums angewiesen, dringend für eine bessere Qualität der Leute, die
       nach Vietnam  geschickt werden,  zu sorgen. Bei dieser Entsendung
       scheinen die  ursprünglich im  Jahre 1962 angewendeten hohen Maß-
       stäbe erheblich  abgesunken zu  sein, und  die JCS sind sich ganz
       mit mir  darin einig,  daß wir  nur unsere  besten Leute hinüber-
       schicken sollten.
       S c h l u ß.  Meine Einschätzung der Lage mag vielleicht etwas zu
       pessimistisch sein. Lodge, Harkins und Minh würden wahrscheinlich
       in gewissen  Punkten mit mir übereinstimmen, sie meinen aber, daß
       sich im  Januar eine  spürbare Besserung geltend machen wird. Wir
       sollten die  Weiterentwicklung der  Lage sehr sorgfältig beobach-
       ten, eher  pessimistisch als optimistisch sein, das Beste hoffen,
       aber auch  kräftiger eingreifen,  wenn sich  nicht bald Anzeichen
       einer gebesserten Lage ergeben.
       
       II
       
       Memorandum des Generals Maxwell D. Taylor, Vorsitzender der
       -----------------------------------------------------------
       Vereinigten Stabchefs, an Verteidigungsminister McNamara
       --------------------------------------------------------
       über "Vietnam und Südostasien"
       ------------------------------
       
       Datiert 22. Januar 1904
       
       1) Aus dem  Aktionsmemorandum No. 273 des Nationalen Sicherheits-
       rates geht  die Entschlossenheit des Präsidenten hervor, den Sieg
       über den  von außen  geleiteten und unterstützten kommunistischen
       Aufstand in  Südvietnam zu erringen. Um diesen Sieg zu erreichen,
       müssen nach  Ansicht der  Vereinigten Stabschefs  die Vereinigten
       Staaten bereit sein, viele der selbst auferlegten Beschränkungen,
       die uns  jetzt in unseren Anstrengungen begrenzen, fallenzulassen
       und kühnere Aktionen zu unternehmen, die größeres Risiko mit sich
       bringen mögen.
       2) Die Vereinigten  Stabschefs sind sich immer stärker dessen be-
       wußt, daß  unsere Geschicke  in Südvietnam  ein genaues Barometer
       unserer Geschicke  in ganz  Südostasien darstellen.  Wir sind der
       Ansicht, wenn  das amerikanische  Programm für  Südvietnam Erfolg
       hat, so wird es die gesamte Lage in Südostasien weitgehend stabi-
       lisieren helfen.  Umgekehrt würde  der Verlust Südvietnams an die
       Kommunisten bald zur Aushöhlung unserer gesamten Stellung in die-
       sem Subkontinent führen.
       3) Laos, das  schon jetzt  auf recht schwachen Füßen steht, würde
       die Errichtung  eines kommunistischen  - oder pseudo-neutralisti-
       schen -  Staates auf  seiner östlichen  Flanke  nicht  aushalten.
       Thailand, infolge  des Verlustes  von Premierminister Sarit heute
       weniger stark als vor einem Monat, würde wahrscheinlich nicht im-
       stande sein,  den Infiltrationsdruck  aus dem  Norden abzuwehren,
       falls Laos den Kommunisten in die Hände fällt. Kambodscha ist an-
       scheinend schon  zu der  Ansicht gekommen, daß die Aussichten für
       uns in Südvietnam nicht gerade vielversprechend sind und scheint,
       ermutigt von  den Franzosen,  schon im Begriff zu sein, eine Ver-
       ständigung mit den Kommunisten zu suchen. Sollten wir wirklich in
       Südvietnam eine Niederlage erleiden, so gibt es kaum Grund zu der
       Annahme, daß Kambodscha auch nur einen Schein von Neutralität be-
       wahren würde.
       4) In einem  weiteren Sinne würde das Mißlingen unserer Programme
       in Südvietnam  einen starken Einfluß auf die Beurteilung der Lage
       durch Birma, Indien, Indonesien, Malaysia, Japan, Taiwan, die ko-
       reanische Republik  und die  philippinische Republik hinsichtlich
       der Dauerhaftigkeit,  Entschlossenheit  und  Zuverlässigkeit  der
       Vereinigten Staaten  haben. Und  da dies  schließlich  der  erste
       wirkliche Test  unserer Entschlossenheit  ist, die kommunistische
       Formel nationaler  Befreiungskriege zu  schlagen, muß  angenommen
       werden, daß  sich daraus entsprechend ungünstige Auswirkungen auf
       unser Image in Afrika und Lateinamerika ergeben würden.
       5) Durch das  alles wird  die Angelpunkt-Stellung, die Südvietnam
       jetzt in  unserer weltweiten  Konfrontation mit  den  Kommunisten
       einnimmt, unterstrichen  und die Notwendigkeit hervorgehoben, den
       dortigen Konflikt  so schnell  wie möglich zu einem günstigen Ab-
       schluß zu  bringen. Es  wäre jedoch unrealistisch zu glauben, daß
       sich der  Aufstand in  einem oder auch in zwei Jahren vollständig
       unterdrücken ließe.  Die britische  Anstrengung in Malaya ist ein
       Beispiel aus  der jüngeren  Zeit für die Unterdrückung eines Auf-
       stands, die  ungefähr 10 Jahre in Anspruch nahm, bevor es so weit
       war, daß  die große Menge der ländlichen Bevölkerung wieder unter
       die Herrschaft  der Regierung  gebracht war, die Polizei die Ord-
       nung aufrechterhalten konnte und die Streitkräfte imstande waren,
       die Guerrilla-Nester auszuheben.
       6) Die Vereinigten  Stabschefs sind der Überzeugung, daß die Ver-
       einigten Staaten,  im Einklang mit den in NSAM 273 niedergelegten
       Grundsätzen, unsere  Entschlossenheit, den  Feldzug in Vietnam zu
       einem erfolgreichen  Abschluß zu  bringen, dem  Feind  klarmachen
       müssen. Zu diesem Zweck müssen wir uns auf jede Art von Tätigkeit
       vorbereiten, die  den Umständen  nach erforderlich werden mag und
       müssen bereit  sein, die notwendigen Maßnahmen sofort zu treffen,
       um unsere Ziele schnell und sicher zu erreichen.
       7) Unsere Überlegungen  können ferner  nicht ganz allein auf Süd-
       vietnam beschränkt  bleiben. Unsere bisherige Erfahrung in diesem
       Krieg läßt  uns darauf  schließen, daß wir in dieser Hinsicht die
       breiteren Gebietsprobleme in Südostasien nicht genügend beachten.
       Die Vereinigten  Staatschefs glauben, daß unsere Stellung in Kam-
       bodscha, unsere  Haltung gegenüber Laos, unsere Aktionen in Thai-
       land und  unsere große  Anstrengung in  Südvietnam keine  koordi-
       nierte und integrierte amerikanische Politik für Südostasien dar-
       stellen. Unsere  Ziele in  Südostasien können  nicht  allein  auf
       wirtschaftlichem oder politischem Gebiet, bzw. durch militärische
       Maßnahmen erreicht  werden. Auf  allen drei Gebieten muß ein ein-
       heitliches, breites,  zusammenhängendes  amerikanisches  Programm
       für Südostasien  entwickelt werden. Die in dem vorliegenden Memo-
       randum empfohlenen  Maßnahmen stellen einen teilweisen Beitrag zu
       einem solchen Programm dar.
       8) So, wie die Dinge jetzt liegen, kämpfen wir und die Südvietna-
       mesen, wie  es dem  Feind paßt.  Er bestimmt die Kampfgegend, den
       Zeitpunkt und die Taktik der Schlacht, während unsere Aktionen im
       Wesentlichen nur  eine Reaktion darstellen. Ein Grund dafür liegt
       in der Tatsache, daß wir uns selbst gewisse Beschränkungen aufer-
       legt haben,  die uns  bei unseren Bemühungen, Hilfe von außen für
       den Vietkong  abzuschneiden, behindern.  Zu diesen Beschränkungen
       gehört, daß der Krieg innerhalb der Grenzen von Südvietnam gehal-
       ten wird,  daß ein  direkter Einsatz von amerikanischen Kampfver-
       bänden vermieden  wird und daß sich die amerikanische Führung des
       Feldzugs darauf beschränkt, die Regierung von Vietnam zu beraten.
       Zwar erleichtern  diese Beschränkungen  die Verteidigung  unserer
       Position auf internationalem Gebiet, andererseits aber komplizie-
       ren sie  unsere Aufgabe  in Vietnam, nehmen mehr Zeit in Anspruch
       und verteuern  daher im Endeffekt den Krieg. Nicht nur werden da-
       durch unsere  eigenen Probleme  kompliziert, sondern  es mag auch
       sehr wohl  sein, daß  diese selbst auferlegten Beschränkungen von
       unseren Feinden  als Signale  unserer  Unschlüssigkeit  ausgelegt
       werden und sie dadurch zu größeren Anstrengungen und dem Eingehen
       größerer Risiken  ermutigt werden. Eine Abkehr von dieser Haltung
       und die Annahme eines aggressiveren Programms würde unsere Fähig-
       keit, den  Grad der  sich daraus  ergebenden Eskalation selbst zu
       bestimmen, beträchtlich erhöhen. Es erscheint als wahrscheinlich,
       daß die  Enttäuschungen, die  das kommunistische  China auf wirt-
       schaftlichem Gebiet und in der Landwirtschaft erfahren hat, sowie
       der laufende  Zwist mit der Sowjetunion die Kommunisten veranlas-
       sen wird,  es sich  zweimal zu  überlegen, bevor sie sich auf ein
       militärisches Abenteuer großen Stils in Südostasien einlassen.
       9) Mit Bezug  auf Aktionen außerhalb von Südvietnam sind sich die
       Vereinigten Stabschefs darüber im klaren, daß der Schwerpunkt der
       Aufstandsbekämpfung in  Südvietnam selbst liegt und daß der Krieg
       sicherlich in  erster Linie  in den  Gemütern des vietnamesischen
       Volkes geführt  und gewonnen  werden muß.  Andererseits  ist  die
       Hilfe, die der Vietkong jetzt von außerhalb des Landes an Leuten,
       Mitteln, Rat  und Leitung  bekommt, zusammen genommen groß genug,
       um bedeutsam  zu sein  - als  Hilfe ebenso wie als Ermutigung für
       den Vietkong. Wir sind überzeugt, daß, wenn die Unterstützung des
       Aufstandes von  außerhalb Südvietnams in Form von Kampfanleitung,
       Leuten und  Material vollständig gestoppt werden könnte, der Cha-
       rakter des  Krieges in Südvietnam sich wesentlich und günstig än-
       dern würde. Aus dieser Überzeugung heraus treten wir ganz und gar
       für die  Durchführung der  Geheimaktionen gegen  Nordvietnam ein,
       die Sie vor kurzem dem Präsidenten vorgeschlagen haben. Wir glau-
       ben jedoch,  daß es müßig wäre, anzunehmen, daß diese Anstrengun-
       gen eine  entscheidende Wirkung auf die Entschlossenheit der Kom-
       munisten, den  Aufstand zu  unterstützen, haben  würden. Vielmehr
       sind wir der Ansicht, daß wir uns darum vollständig darauf vorbe-
       reiten müssen,  in viel  höherem Grade aktiv zu werden, nicht nur
       aus taktischen  Rücksichten, sondern  um unsere  Entschlossenheit
       unseren Freunden wie auch unseren Feinden klarzumachen.
       10) Dementsprechend sind  die Vereinigten Stabschefs der Ansicht,
       daß die Vereinigten Staaten sich darauf vorbereiten müssen, immer
       kühnere Aktionen  in Südostasien  durchzuführen.  Mit  Bezug  auf
       Vietnam bedeutet das vor allem:
       a) Dem militärischen  Oberbefehlshaber größere  Verantwortung für
       das gesamte Programm der USA in Vietnam zu übertragen;
       b) Die Regierung von Vietnam zu veranlassen, daß sie dem amerika-
       nischen Oberbefehlshaber  zeitweise  die  tatsächliche  taktische
       Führung der Kriegshandlungen überläßt;
       c) Die Verantwortung  für die  Durchführung des  Programms  gegen
       Nordvietnam vollständig  auf den  amerikanischen Oberbefehlshaber
       zu übertragen;
       d) Erkundungsflüge über Laos und Kambodscha jeden Ausmaßes zu be-
       treiben, soweit  das zur  Beschaffung von nachrichtendienstlichen
       Unterlagen für die Kriegsführung notwendig ist;
       e) Die Regierung  von Vietnam  zu veranlassen, in Laos offene Bo-
       denoperationen von hinreichender Tragweite zu unternehmen, um den
       Zustrom von Menschen und Material nach Süden abzuschneiden;
       f) Die Streitkräfte  der Regierung  von Vietnam  zum  Zwecke  der
       Durchführung von  Bombenangriffen auf  kritische Angriffsziele in
       Nordvietnam und zur Verminung der Zufahrtswege zu diesem Land von
       See her  zu bewaffnen,  auszurüsten, zu beraten und zu unterstüt-
       zen;
       g) Die Regierung  von Südvietnam  bei der  Durchführung von  Kom-
       mando-Überfällen großen  Stils  auf  kritische  Angriffsziele  in
       Nordvietnam zu beraten und zu unterstützen;
       h) Angriffsziele von Schlüsselbedeutung in Nordvietnam unter Ein-
       satz amerikanischer Flugzeuge mit vietnamesischer Tarnung aus der
       Luft zu  bombardieren, wobei die Vietnamesen offen die Verantwor-
       tung für solche Aktionen auf sich nehmen müssen;
       i) Weitere US-Streitkräfte,  soweit nötig,  zur Unterstützung der
       Kampfhandlungen innerhalb Südvietnams einzusetzen;
       j) US-Streitkräfte in dem erforderlichen Ausmaß zu Direktaktionen
       gegen Nordvietnam einzusetzen.
       11) Wir sind überzeugt, daß jede der obengenannten Aktionen, oder
       alle zusammen,  erforderlich werden können, um unsere Stellung in
       Südostasien zu  festigen. Die  vergangenen Monate  haben gezeigt,
       daß wir  erheblich größere  Anstrengungen machen müssen, wenn die
       amerikanischen Ziele erreicht werden sollen.
       12) Die Reorganisation  der Regierung,  die auf den Staatsstreich
       in Saigon folgte, sollte sehr rasch vollendet werden, so daß sich
       ermessen läßt,  wie stark  die vietnamesische Regierung sein wird
       und wieviel  von der  Last sie selber wird tragen können. Darüber
       hinaus wird die jetzt beginnende, 5 Monate anhaltende Trockensai-
       son den  Vietnamesen die  Gelegenheit geben,  ihre Fähigkeit, die
       ungünstige Lage  in dem  kritischen Mekong-Delta zu wenden, unter
       Beweis zu  stellen. Die Vereinigten Stabschefs werden diese wich-
       tige Entwicklung  aufmerksam verfolgen und werden Ihnen der Reihe
       nach die  Durchführung der oben beschriebenen Aktionen empfehlen,
       wie es  die militärische Lage jeweils erfordern mag, wobei in je-
       dem Falle  eine detaillierte Veranschlagung der damit verbundenen
       Risiken erfolgen wird.
       13) Die Vereinigten Stabschefs sind der Auffassung, daß die stra-
       tegische Bedeutung von Vietnam und Südostasien Vorbereitungen für
       die oben  beschriebenen Aktionen  erforderlich macht, und empfeh-
       len, daß der Inhalt des vorliegenden Memorandums mit dem Außenmi-
       nister erörtert wird.
       
       III
       
       Auszüge aus einem Memorandum "Südvietnam", das von
       --------------------------------------------------
       Verteidigungsminister McNamara am 16. März 1964
       -----------------------------------------------
       Präsident Johnson vorgelegt wurde
       ---------------------------------
       
       I. Amerikas Ziele in Südvietnam
       -------------------------------
       
       Wir streben  nach einem  unabhängigen, nichtkommunistischen  Süd-
       vietnam. Wir  verlangen nicht,  daß es als ein Stützpunkt des We-
       stens dienen oder Mitglied der westlichen Allianz werden soll. Es
       muß Vietnam jedoch erlaubt sein, zur Aufrechterhaltung seiner Si-
       cherheit die  notwendige Hilfe von außen zu erhalten. Diese Hilfe
       muß auch  nicht nur  die Form  von wirtschaftlichem  und sozialem
       Druck, sondern  ebenfalls von polizeilicher und militärischer Un-
       terstützung zum  Zwecke der  Überwindung und  Ausmerzung von auf-
       ständischen Elementen annehmen können.
       Wenn wir  dieses Ziel  in Südvietnam nicht erreichen können, wird
       wahrscheinlich ganz  Südostasien unter  kommunistische Herrschaft
       geraten (ganz  Vietnam, Laos und Kambodscha), sich mit dem Kommu-
       nismus arrangieren,  so daß  amerikanische und antikommunistische
       Einflüsse effektiv beseitigt werden (Birma), oder unter die Herr-
       schaft von Kräften fallen, die jetzt noch nicht ausdrücklich kom-
       munistisch  sind,   es  in   diesem  Fall   aber  werden  dürften
       (Indonesien besetzt  Malaysia). Thailand  würde wohl  mit unserer
       Hilfe eine  Zeitlang aushalten,  aber  starkem  Druck  ausgesetzt
       sein. Sogar  die Philippinen  würden ins  Wanken geraten  und die
       Drohung gegen  Indien im  Westen, Australien  und  Neuseeland  im
       Süden, und  Taiwan, Korea  und Japan  im Norden  und Osten  würde
       stark vermehrt werden.
       Alle diese  Folgen hätten  sich wahrscheinlich ergeben, auch wenn
       die Vereinigten  Staaten sich nicht seit 1954, und besonders seit
       1961, so stark in Südvietnam engagiert hätten. Durch diese Tatsa-
       che wird  hervorgehoben, wie groß die Auswirkungen, wenn Südviet-
       nam kommunistisch  würde, nicht nur in Asien sein würden, sondern
       auch in  der übrigen  Welt, wo der südvietnamesische Konflikt als
       ein Testfall für die Fähigkeit der USA, einem Land zur Abwehr ei-
       nes kommunistischen  "Befreiungskrieges" zu  verhelfen, angesehen
       wird.
       
       II. Die gegenwärtige Politik der USA in Südvietnam
       --------------------------------------------------
       
       Wir bemühen  uns jetzt,  Südvietnam dabei  zu helfen, den aus dem
       Norden unterstützten  Vietkong zu  besiegen, ohne  daß zum  unbe-
       schränkten Einsatz  amerikanischer Kampfverbände gegriffen werden
       müßte. Wir  unternehmen nichts  gegen Nordvietnam,  abgesehen von
       einem sehr  bescheidenen "Geheimprogramm", das von den Südvietna-
       mesen (und  einigen wenigen  chinesischen Nationalisten) getragen
       wird -  ein Programm,  das so begrenzt ist, daß es wahrscheinlich
       keine spürbare  Wirkung haben  wird. In  Laos halten wir uns noch
       immer im  großen und  ganzen im  Rahmen des  Genfer Abkommens von
       1962. In  Kambodscha versuchen  wir immer  noch, Sihanouk dazu zu
       bringen; daß  er nicht  den letzten  Rest von Neutralität aufgibt
       und nicht  seine Drohung,  sich mit Peking und Hanoi zu arrangie-
       ren, wahrmacht.  Als Folge dieser Politik haben wir und GVN 6) es
       hinnehmen müssen,  daß der Vietkong in großem Maße laotisches und
       kambodschanisches Gebiet  als Schlupfwinkel und Infiltrationsrou-
       ten benutzt.
       
       III. Die gegenwärtige Lage in Südvietnam
       ----------------------------------------
       
       Die hauptsächlichen  Elemente in  der gegenwärtigen  Lage stellen
       sich so dar:
       A. Die militärischen Instrumente und Konzepte der gemeinsamen An-
       strengung von  USA und  GVN sind im allgemeinen richtig und ange-
       messen. (Fußnote:  Mr. McCone  weist darauf hin, daß das Programm
       der GVN  und USA  nie als  vollkommen zufriedenstellend angesehen
       werden kann,  solange es dem Vietkong Schlupfwinkel in Kambodscha
       gestattet und  es ihm weiterhin erlaubt, ununterbrochen und unbe-
       helligt Nachschub  und Verstärkungen aus NVN 7) über Laos zu emp-
       fangen.) Wesentlich  mehr kann im Wege eines effektiven Einsatzes
       militärischer Streitkräfte  wie auch  auf wirtschaftlichem Gebiet
       und im  Bereich bürgerlicher  Aktion (civic action) getan werden.
       Diese Verbesserungen  werden möglicherweise  an gewissen  Stellen
       eine verstärkte  amerikanische Präsenz  erfordern,  doch  ist  es
       nicht wahrscheinlich,  daß im gegenwärtigen Stand unserer Politik
       eine beträchtliche  Vermehrung des vorhandenen Materials oder des
       amerikanischen Personals angezeigt sind.
       B. Die amerikanische  Politik, die darauf abzielt, das vorhandene
       Personal insoweit  zu vermindern, als die Südvietnamesen imstande
       sind, die  entsprechenden Funktionen zu übernehmen, muß weiterhin
       als gültig  angesehen werden.  Wenn ihre  Anwendung auch in naher
       Zukunft nicht zu irgendwelchen erheblichen Kürzungen führen wird,
       so hat  diese Politik als solche doch den Vorteil, daß dadurch in
       den Vereinigten  Staaten und  der Welt der Eindruck entsteht, daß
       wir den  Krieg weiterhin als einen Konflikt ansehen, den die Süd-
       vietnamesen gewinnen und für den sie letzten Endes die Verantwor-
       tung übernehmen  müssen. Eine  beträchtliche Verminderung der An-
       zahl von  amerikanischen Ausbildungs-Fachleuten  sollte  vor  dem
       Ende des Jahres 1965 möglich sein. Die USA sollten jedoch weiter-
       hin  die   Versicherung  wiederholen,  daß  sie  alle  Hilfe  und
       Ratschläge, die  den Umständen  nach erforderlich  sind,  leisten
       werden, gleichgültig wie lange es dauert.
       C. Die Lage hat sich fraglos verschlechtert, wenigstens seit Sep-
       tember.
       1) Was die  Herrschaft der  Regierung auf dem Lande anbelangt, so
       befinden sich  40% des  Staatsgebietes unter  der Herrschaft oder
       dem vorwiegenden Einfluß des Vietkong. In 22 der 43 Provinzen be-
       herrscht der  Vietkong 50%  oder mehr  des Landgebietes, darunter
       80% von Phuoc Tuy; 90% von Binh Duong; 75% von Nau Nghia; 90% von
       Long An; 90% von Kien Tuong; 90% von Dinh Tuong; 90% von Kien Hoa
       und 85% von An Xuyen.
       2) Große Teile der Bevölkerung zeigen jetzt Anzeichen von Apathie
       und Gleichgültigkeit  und  es  gibt  auch  einige  Anzeichen  von
       Frustrierung in dem amerikanischen Kontingent...
       a) der Prozentsatz  von Desertionen aus der ARVN 8) und den para-
       militärischen Verbänden,  und zwar  insbesondere bei den letztge-
       nannten, ist hoch und steigt weiter an.
       b) Viele junge  Männer entziehen  sich der  militärischen Dienst-
       pflicht, während  beim Vietkong  die Einziehung energisch und ef-
       fektiv betrieben wird.
       c) Der Kampfgeist der Miliz in den Ortschaften und des Selbstver-
       teidigungs-Korps, von  denen die  Sicherheit der  Ortschaften ab-
       hängt, ist schlecht und sinkt weiter ab.
       3) In den vergangenen 90 Tagen hat sich die Schwächung der Regie-
       rungsposition besonders stark bemerkbar gemacht...
       4) Die Struktur der politischen Einflußnahme Saigons auf die Ort-
       schaften ist  seit dem  Staatsstreich vom November zusammengebro-
       chen...
       5) Die  schon  immer  bedeutsame  Unterstützung  aus  Nordvietnam
       steigt weiter an...
       D. Die größte  Schwäche in der gegenwärtigen Lage ergibt sich aus
       der ungewissen  Lebensfähigkeit der Regierung Khanh. Khanh selbst
       ist im Rahmen seiner Erfahrung ein recht tüchtiger Mann, doch ist
       sein politischer  Einfluß nicht sehr groß und es ist ungewiß, wie
       fest er die Armee in der Hand hat...
       E. Auf der positiven Seite haben wir in den bisherigen Leistungen
       der Regierung Khanh vielerlei Grund zur Ermutigung gefunden. Wenn
       auch die oberste Schicht dünn ist, so ist sie doch für amerikani-
       sche Ratschläge  sehr empfänglich  und hat  ein gutes Verständnis
       für die wesentlichen Grundlagen der Vietkong-Bekämpfung...
       2) Vergeltungsaktionen. Zum Beispiel:
       a) Offene Erkundungsflüge in großer oder geringer Höhe durch ame-
       rikanische und  Farmgate 9)  Flugzeuge über  Nordvietnam  zu  dem
       Zweck, die  Quellen der äußeren Hilfe für den Vietkong zu lokali-
       sieren und zu identifizieren.
       b) Vergeltende Bombenangriffe und Kommando-Überfälle im Sinne von
       "tit-for-tat" (Haust  du mir  eine, hau ich dir eine; J.J.) durch
       die GVN  gegen NVN-Ziele (Meldewesen, Ausbildungslager, Infiltra-
       tionsrouten usw.).
       c) Minenlegen aus  der Luft  durch GVN-Flugzeuge  (möglicherweise
       mit amerikanischer  Unterstützung) über den wichtigsten Häfen von
       Nordvietnam.
       3) Stufenweise ansteigender  offener  militärischer  Druck  durch
       GVN- und USA-Streitkräfte.
       Dieses Programm würde über den Begriff der "tit-for-tat"-Reaktion
       hinausgehen. Es  würde Luftangriffe  auf militärische  und mögli-
       cherweise industrielle Ziele einschließen. Das Programm würde die
       vereinigten Machtmittel  der GVN-Luftwaffe und des amerikanischen
       Farmgate-Geschwaders benutzen,  wobei Letzteres  durch drei jetzt
       in Japan  stationierte Geschwader von B-57-Flugzeugen zu verstär-
       ken wäre.  Bevor dieses  Programm in  die Wirklichkeit  umgesetzt
       werden könnte,  würde es  notwendig sein,  die Flugzeugabwehr  in
       Südvietnam zu  verstärken und  die amerikanischen Streitkräfte im
       Pazifik angesichts der Möglichkeit weiterer Eskalation in Bereit-
       schaft zu versetzen.
       Aus einer  Analyse der  ernsteren dieser  militärischen  Aktionen
       (von 2  (b) nach oben) geht das außerordentlich heikle Wesen sol-
       cher Operationen  hervor, und  zwar sowohl  vom militärischen wie
       vom politischen  Standpunkt. Da würde es das Problem geben, einen
       gebührenden Anlaß zur Rechtfertigung einer solchen Aktion zu fin-
       den, ferner  das Problem  kommunistischer Eskalation und das Pro-
       blem, wie  man dem  Druck, sich  auf verfrühte oder von Anfang an
       ungünstige  ("stacked")   Verhandlungen   einzulassen,   begegnen
       könnte. Wir  müßten die Wirkung solcher militärischer Aktionen im
       Hinblick auf  ein spezifisches politisches Ziel kalkulieren. Nach
       außen hin  müßte dieses  Ziel so dargestellt werden, als gelte es
       vor allem  die nordvietnamesische  Beherrschung und  Leitung  des
       Aufstandes zu  beseitigen, in der Praxis aber würde es darauf ge-
       richtet sein,  den Kampfgeist  und die Selbstsicherheit der jetzt
       in Südvietnam  operierenden  Vietkong-Kader  zu  lähmen  und  den
       Kampfgeist des  Khanh-Regimes zu  heben.  Wir  könnten  natürlich
       nicht sicher  sein, daß wir unser Ziel mit irgendwelchen im prak-
       tischen Bereich unserer Optionen liegenden Mittel erreichen könn-
       ten. Überdies, und was vielleicht noch wichtiger ist, wenn es der
       Khanh-Regierung nicht  gelingt, ihre  Stellung zu  festigen  und,
       besser noch, im Süden bedeutsame Fortschritte zu machen - und bis
       das geschehen ist - bringt eine offene Ausdehnung der Operationen
       nach Norden das Risiko mit sich, daß sie von einer sehr schwachen
       Basis aus  geführt werden  muß, die jeden Augenblick zusammenbre-
       chen könnte, so daß unsere Stellung in der politischen Konfronta-
       tion nicht besser, sondern schlechter wäre als zuvor.
       (Es folgen zwei Absätze, die wegen einer Reihe von "unleserlichen
       Wörtern" - so im NYT-Text bezeichnet - unübersetzbar sind.)
       C. Maßnahmen zur  Besserung der  Lage in  Südvietnam in  die Wege
       leiten.
       Es gab  und gibt gute Gründe für die von unserer jetzigen Politik
       auferlegten Beschränkungen  -  die  Südvietnamesen  müssen  ihren
       Kampf selbst  gewinnen; ein amerikanisches Eingreifen in größerem
       Maßstabe und/oder GVN-Aktionen gegen den Norden würde bei unseren
       wichtigsten Verbündeten  und anderen Nationen Befremden hervorru-
       fen, usw.  Auf jeden  Fall ist es von entscheidender Wichtigkeit,
       daß wir  weiterhin jede  vernünftige Maßnahme ergreifen, um einen
       Erfolg in Südvietnam zu sichern. Es handelt sich bei der zu tref-
       fenden politischen Entscheidung nicht um ein "Entweder-Oder" zwi-
       schen diesem  Kurs und der Möglichkeit eines Druckes auf den Nor-
       den. Das Erstere ist wesentlich, ohne Rücksicht auf die Entschei-
       dung betreffend das Letztere. Dieses kann bestenfalls das Erstere
       nur verstärken.
       Es folgen  Aktionen, von  denen wir glauben, daß sie durchgeführt
       werden können,  um die  Lage sowohl in naher Zukunft wie auch auf
       längere Sicht  zu verbessern.  Um hervorzuheben,  daß  eine  neue
       Phase begonnen  hat, sollten  die von  der Regierung Khanh zu er-
       greifenden Maßnahmen mit einem Ausdruck wie "Südvietnams Programm
       zur nationalen Mobilmachung" beschrieben werden.
       
       Grundlegende Haltung der USA
       ----------------------------
       
       Die USA  müssen es  auf allen Ebenen weiterhin nachdrücklich klar
       machen, daß  wir bereit sind, Hilfe und Unterstützung so lange zu
       leisten, bis der Aufstand niedergeschlagen werden kann.
       2) Die USA sollten auf allen Ebenen weiterhin klarmachen, daß wir
       die Khanh-Regierung  voll unterstützen  und alle weiteren Staats-
       streiche entschieden  ablehnen. Der Botschafter sollte alle Stel-
       len, einschließlich  der militärischen  Berater, dahingehend  in-
       struieren, daß  sie alle  nachrichtendienstlichen  Informationen,
       die auf  Putschpläne hinweisen,  sofort melden, wobei es dem Bot-
       schafter überlassen  sein muß, ob er diese Informationen an Khanh
       weitergeben will.  Wir müssen  uns jedoch darüber im klaren sein,
       daß wir  keine große Aussicht haben, einen Putsch aufzudecken und
       zu verhindern,  hinter dem  eine bedeutende  militärische  Gruppe
       stünde.
       3) Wir  sollten   den  von  Khanh  angekündigten  Befriedungsplan
       (beschrieben in Anhang B) voll unterstützen, und insbesondere die
       grundlegende Theorie  - sie  ist jetzt sowohl von den Vietnamesen
       wie von  unserer Seite  voll angenommen worden -, wonach man sich
       auf die besser gesicherten Gebiete konzentrieren und von dort aus
       militärische Operationen  ausführen soll,  um die Sicherheit wie-
       derherzustellen, gefolgt  von den  notwendigen zivilen  und wirt-
       schaftlichen Aktionen,  damit die  Präsenz der  Regierung spürbar
       wird und die wirtschaftliche Lage gebessert werden kann...
       
       V. Mögliche spätere Aktionen
       ----------------------------
       
       Wenn sich  die Khanh-Regierung  energisch durchsetzt  - d.h. Ver-
       trauen erweckt, ob bemerkenswerter Fortschritt gemacht worden ist
       oder nicht  - oder  wenn wir zuverlässige Informationen erhalten,
       wonach der Waffennachschub aus dem Norden für den Vietkong erheb-
       lich verstärkt  worden ist, werden wir vielleicht neuen und spür-
       baren Druck  auf Nordvietnam  ausüben wollen.  Wir sollten  jetzt
       schon die Vorbereitungen dafür treffen, um dazu imstande zu sein.
       (S. Anhang C für eine Analyse der Lage in Nordvietnam und im kom-
       munistischen China).  Insbesondere sollten wir die Fähigkeit ent-
       wickeln, innerhalb von 72 Stunden die "Grenzkontrolle und Vergel-
       tungsaktionen", von  denen auf S. 5 und 6 die Rede ist, einzulei-
       ten. (Dazu  Fußnote: Es  sollte sofort die Erlaubnis erteilt wer-
       den, geheime  vietnamesische Operationen nach Laos zum Zwecke der
       Grenzkontrolle und  der "heißen  Verfolgung" 10)  ("hot pursuit")
       auf laotisches Gebiet durchzuführen. Die Entscheidung über "heiße
       Verfolgung" nach  Kambodscha sollte bis zu einer weiteren Prüfung
       unseres Verhältnisses  zu diesem  Lande  zurückgestellt  werden.)
       Auch sollten wir die Fähigkeit entwickeln, innerhalb von 30 Tagen
       das Programm  des "stufenweise gesteigerten offenen militärischen
       Druckes" in  die Wege  zu leiten.  Die Gründe für dieses Programm
       der Vorbereitungen für gegen Nordvietnam gerichtete Aktionen lie-
       gen darin,  daß selbst  bei Fortschritten in der Befriedung damit
       gerechnet werden muß, daß die südvietnamesische Regierung und die
       Bevölkerung des Südens immer noch eine recht langwierige Kampagne
       vor sich  haben werden, bei der ein kriegsmüdes Land Vietkong-Ka-
       dern gegenübersteht,  die  ein  großes  Maß  an  Motivierung  und
       Selbstsicherheit behalten haben.
       In dieser  Beziehung hat  General Khanh  erklärt,  daß  es  seine
       Hauptsorge sei, eine feste Basis im Süden zu begründen. Er befür-
       wortet die  Fortsetzung von  geheimen Aktionen gegen Nordvietnam,
       aber bis  zu der  Zeit, da  die "Sicherheit des Hinterlandes" ge-
       währleistet ist,  will er sich nicht auf offene Operationen gegen
       den Norden einlassen.
       Um die  Verwirklichung des  Befriedungsprogramms zu beschleunigen
       und insbesondere  um den  Kampfgeist der Vietkong-Streitkräfte zu
       diffamieren ("denigrate"),  mag es zu irgendeinem künftigen Zeit-
       punkt notwendig  werden, auf  den Norden einen nachweisbaren Ver-
       geltungsdruck auszuüben.  Ein solches  Verfahren könnte gemäß dem
       in Anhang D umrissenen Szenarium ("scenarto") vorsichgehen...
       
       VII. Empfehlungen
       -----------------
       
       Ich empfehle,  daß Sie den zuständigen Behörden der Regierung der
       USA die Instruktion erteilen:
       1) Klarzustellen, daß  wir bereit sind, Südvietnam so lange Hilfe
       und Unterstützung angedeihen zu lassen, wie notwendig ist, um den
       Aufstand niederzuschlagen.
       2) Klarzustellen, daß  wir die  Regierung Khanh voll unterstützen
       und weitere Putsche ablehnen.
       3) Ein Programm der nationalen Mobilmachung (einschließlich eines
       Dienstpflichtgesetzes) zu fördern, um Südvietnam auf Kriegsfuß zu
       bringen.
       4) Den Südvietnamesen  bei  der  Verstärkung  ihrer  Streitkräfte
       (reguläre wie auch paramilitärische) um mindestens 50 000 Mann zu
       helfen.
       5) Den Südvietnamesen  dabei zu  helfen, einen  stark erweiterten
       zivilen Verwaltungsapparat zur Arbeit auf allen Ebenen - Provinz,
       Bezirk, Ortschaft - aufzubauen.
       6) Den Vietnamesen zu helfen, die Hilfsstreitkräfte (paramilitary
       forces) zu  verbessern und zu reorganisieren und deren Entlöhnung
       zu erhöhen.
       7) Den Vietnamesen  bei dem  Aufbau  einer  offensiven  Guerilla-
       Truppe zu helfen.
       8) Der vietnamesischen  Luftwaffe 25  Flugzeuge vom  Typ A-1H an-
       stelle der  jetzt im  Gebrauch befindlichen T-28 zur Verfügung zu
       stellen.
       9) Der vietnamesischen  Armee zusätzliche  Panzerwagen  ("armored
       personnel carriers")  vom Typ  M-113  zur  Verfügung  zu  stellen
       (wobei die jetzt dort befindlichen M-114-Wagen zurückgezogen wer-
       den sollten), ferner zusätzliche Flußboote sowie anderes Material
       im Wert von ungefähr 5-10 Millionen Dollar.
       10) Das Düngungsprogramm öffentlich anzukündigen und es so auszu-
       dehnen, daß  innerhalb von zwei Jahren die dreifache Menge Kunst-
       dünger zur Verfügung steht.
       11) Das weitere  Überfliegen der  Grenzen  von  Südvietnam  durch
       hochfliegende amerikanische  Maschinen zu  gestatten, ebenso  wie
       "heiße Verfolgungen"  und südvietnamesische Bodenoperationen auch
       jenseits der  laotischen Grenze  zum Zwecke  der  Grenzsicherung.
       Größere Operationen in Laos, bei denen Einheiten von mehr als Ba-
       taillonsgröße eingesetzt  würden, sollten  nur mit Zustimmung von
       Souvanna Phouma  autorisiert werden.  Operationen, bei  denen die
       kambodschanische Grenze  überschritten  würde,  sollten  von  dem
       Stand der Beziehungen zu Kambodscha abhängig gemacht werden.
       12) Sofort die  nötigen Vorbereitungen  zu treffen,  damit wir in
       der Lage  sind, innerhalb  von 72 Stunden die laotischen und kam-
       bodschanischen  "Grenzkontrolle"-Aktionen  in  voller  Reichweite
       (d.h. über die im Absatz 11 wie oben autorisierten hinaus) in die
       Wege zu  leiten, ebenso wie die "Vergeltungsaktionen" gegen Nord-
       vietnam, und  auch in  der Lage,  innerhalb von 30 Tagen das Pro-
       gramm "Stufenweise  gesteigerter offener militärischer Druck" ge-
       gen Nordvietnam zu unternehmen.
       
       IV
       
       Kabel Präsident Johnsons an Henry Cabot Lodge,
       ----------------------------------------------
       amerikanischer Botschafter in Saigon, vom 20. März 1964
       -------------------------------------------------------
       
       Wir haben  Ihr 1776 studiert, und ich bitte das State Department,
       dafür zu  sorgen, daß Bill Bundy Ihnen unsere letzten Planungspa-
       piere betreffend  die Möglichkeiten,  auf den  Norden Druck  aus-
       zuüben und  gegen ihn Machtmittel einzusetzen, zukommen läßt. Wie
       ich erfahre, ist davon schon einiges von der McNamara-Mission mit
       Ihnen in Saigon besprochen worden, doch sind die Pläne verbessert
       worden und  es wäre zweckdienlich, wenn Sie sich darüber ausführ-
       lich auslassen  würden. Wie  wir schon in unseren früheren gegen-
       seitigen Botschaften  übereinstimmend festgestellt  haben, sollte
       man vorläufig  mit offenen  militärischen Aktionen  zurückhalten,
       denn es ergibt sich aus den Saigoner Besprechungen zwischen Gene-
       ral Khanh,  der McNamara-Mission  und Ihnen  die übereinstimmende
       Meinung ("consensus"),  daß ein Vorgehen gegen den Norden im jet-
       zigen Zeitpunkt  verfrüht sein  würde. Wir  teilen die Auffassung
       General Khanhs,  daß die  vordringliche und  wesentliche  Aufgabe
       ist, die südliche Basis zu verstärken. Aus diesem Grunde befinden
       sich unsere  Pläne für Aktionen gegen den Norden zur Zeit im Sta-
       dium der  Eventualitätsplanung und das sofort in diesem Gebiet zu
       lösende Problem  ist der Ausbau einer möglichst starken militäri-
       schen und  politischen Basis  für mögliche  spätere Aktionen.  Es
       gibt weiter  internationale Gründe, um sofortige offene Aktion zu
       vermeiden,  denn   wir  rechnen  mit  einer  baldigen  Kraftprobe
       ("showdown") zwischen den kommunistischen Parteien Chinas und der
       Sowjetunion, und es wird leichter sein, nach einer solchen Kraft-
       probe gegen  den Norden vorzugehen, als vorher. Aber, wenn Sie zu
       irgendeiner Zeit  meinen, daß  sofortigere Aktion  dringlich sei,
       rechne ich  damit, daß  Sie mir die Gründe für eine solche Aktion
       genau auseinandersetzen  und mir  gleichzeitig Ihre  Empfehlungen
       betreffend Umfang und Form derselben zugehen lassen.
       Um mit  de Gaulle fertigzuwerden, sollten Sie, wie ich noch immer
       meine, am  besten selbst  nach Paris fahren, nachdem Bohlen einen
       ersten Versuch  gemacht hat.  (Das State Department schickt Ihnen
       den Entwurf  der Instruktionen für Bohlen, die ich mir noch nicht
       durchgesehen habe,  zu Ihrer  Stellungnahme.)  Es  müßte  möglich
       sein, Saigon  zu erklären, daß Ihre Aufgabe gerade darin besteht,
       den Gedanken  der Neutralisierung,  jedes Mal wenn er sein häßli-
       ches Haupt erhebt, zu Boden zu schlagen. In dieser Hinsicht meine
       ich, daß nichts wichtiger ist, als daß wir das Neutralitätsgerede
       zum Aufhören bringen, wo immer und mit welchen Mitteln auch immer
       wir können.  Ich habe  das selbst Mansfield und Lippman auseinan-
       dergesetzt und ich beabsichtige, jede Gelegenheit zu benutzen, um
       unsere Stellungnahme dazu in der Öffentlichkeit fest zu wiederho-
       len. Sie sollten vielleicht General Khanh mitteilen, wie sehr uns
       die Sache  am Herzen  liegt und ihn um Vorschläge bitten, wie man
       dies  Gerede  am  besten  durch  ein  Gesamtprogramm  in  Saigon,
       Washington und  Paris stoppen kann. Ich nehme an, daß Sie General
       Khanh über  unsere Bemühungen in Paris auf dem Laufenden gehalten
       haben. Sobald  wird das Ergebnis der Bohlen-Mission vor Augen ha-
       ben, sollten Sie ihn vielleicht bezüglich einer eventuellen Reise
       Ihrerseits nach Paris aussondieren.
       
       V
       
       Entwurf einer Resolution des Kongresses
       ---------------------------------------
       zu Aktionen in Südostasien
       --------------------------
       
       Ausgearbeitet am 25. Mai 1964
       
       In Anbetracht der Tatsache, daß die Unterzeichner der Genfer Ver-
       träge von  1954, darunter die Sowjetunion, das kommunistische Re-
       gime in China und Vietnam, übereingekommen waren, die Unabhängig-
       keit und  territoriale Integrität  von Südvietnam,  Laos und Kam-
       bodscha zu  respektieren; und daß die Vereinigten Staaten, obwohl
       sie selbst die Verträge nicht unterzeichnet haben, erklärt haben,
       daß sie jede weitere Aggression, die diese Verträge verletzt, mit
       großer Besorgnis  als eine  ernste Bedrohung  des internationalen
       Friedens und der Sicherheit ansehen würden;
       in Anbetracht  der Tatsache,  daß das  kommunistische  Regime  in
       Nordvietnam mit Hilfe und Unterstützung des kommunistischen Regi-
       mes in  China seine  sich aus  diesen Verträgen  ergebenden  Ver-
       pflichtungen systematisch  verletzt und eine Aggression gegen die
       Unabhängigkeit und territoriale Integrität von Südvietnam dadurch
       begangen hat,  daß es einen systematischen Plan zum Sturz der Re-
       gierung von  Südvietnam ausführt,  indem es  Leitung, Ausbildung,
       Mannschaften und  Waffen zur Guerilla-Kriegsführung in Südvietnam
       zur Verfügung  stellt und rücksichtslosen Terror gegen die fried-
       liche Bevölkerung dieses Landes anwendet;
       in Anbetracht  der Tatsache,  daß die  Regierung und das Volk von
       Südvietnam angesichts dieser kommunistischen Aggression und Wühl-
       arbeit die  Verteidigung ihrer  Unabhängigkeit und  territorialen
       Integrität tapfer  übernommen haben und daß die Vereinigten Staa-
       ten auf  Ersuchen dieser Regierung und in Übereinstimmung mit der
       Erklärung von  1954 militärischen Rat, Wirtschaftshilfe und mili-
       tärische Ausrüstung geliefert haben;
       in Anbetracht der Tatsache, daß sich die Vereinigten Staaten, die
       Sowjetunion, das  kommunistische Regime in China, Nordvietnam und
       andere in den Genfer Abkommen vom Jahre 1962 feierlich verpflich-
       tet haben, die Souveränität, Unabhängigkeit, Neutralität, Einheit
       und territoriale Integrität des Königreichs Laos zu respektieren;
       in Anbetracht  der Tatsache,  daß das  kommunistische  Regime  in
       Nordvietnam unter  Verletzung der  so eingegangenen Verpflichtun-
       gen, und  mit Hilfe und Unterstützung des kommunistischen Regimes
       in China  eine Aggression  gegen die  Unabhängigkeit, Einheit und
       territoriale Integrität  von Laos  begangen hat, indem es Streit-
       kräfte auf  laotischem Gebiet unterhält, das Gebiet dieses Landes
       zur Einschleusung  von Waffen  und Ausrüstungsmaterial  nach Süd-
       vietnam benutzt und Leitung, Mannschaften und Material für anhal-
       tende bewaffnete  Angriffe gegen die Regierung von (unleserliches
       Wort) liefert;
       in Anbetracht der Tatsache, daß die Regierung der Nationalen Ein-
       heit und  die nichtkommunistischen  Elemente in  Laos sich  ange-
       sichts dieser kommunistischen Aggression bemüht haben, die Bedin-
       gungen der  Einheit, Unabhängigkeit  und Neutralität, die für ihr
       Land durch  die Genfer  Abkommen von  1962 vorgesehen waren, auf-
       rechtzuerhalten;
       in Anbetracht der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten keinerlei
       territoriale, militärische oder politische Ambitionen in Südosta-
       sien haben,  sondern nur wünschen, daß die Völker von Südvietnam,
       Laos und  Kambodscha von  ihren Nachbarn  in Ruhe gelassen werden
       sollten, um  ihre Geschicke  nach eigenen Vorstellungen gestalten
       zu können,  und es  darum ihr  Ziel ist, daß der für diese Länder
       durch die  Genfer Verträge  von 1954  und die Genfer Abkommen von
       1962 niedergelegte  Status durch wirksame Zwangsmaßnahmen wieder-
       hergestellt werden soll;
       in Anbetracht der Tatsache, daß es von entscheidender Wichtigkeit
       ist, daß die Welt voll versteht, daß das amerikanische Volk einig
       ist in seiner Entschlossenheit, alle notwendigen Maßnahmen zu er-
       greifen, um  den Völkern  von Südvietnam und Laos zu helfen, ihre
       Unabhängigkeit und politische Integrität zu bewahren,
       beschließen der  Senat und das Repräsentantenhaus der Vereinigten
       Staaten von Amerika jetzt, zum Kongreß versammelt:
       Daß die  Vereinigten Staaten die Erhaltung der Unabhängigkeit und
       Integrität der  Völker von  Südvietnam und Laos als lebenswichtig
       für ihr nationales Interesse und den Weltfrieden ansehen;
       Absatz 2) Zu diesem  Zweck sind  die Vereinigten  Staaten bereit,
       falls der Präsident dies für notwendig erachtet, auf Ersuchen der
       Regierung von  Südvietnam oder  der Regierung von Laos, alle Maß-
       nahmen zu ergreifen, einschließlich des Einsatzes von bewaffneten
       Streitkräften, um der betreffenden Regierung bei der Verteidigung
       ihrer Unabhängigkeit  und territorialen Integrität gegen jede von
       einem kommunistischen  Land aus gesteuerte oder geleitete Aggres-
       sion oder Subversion zu helfen.
       Absatz 3 (a) Der Präsident wird hiermit ermächtigt, für Hilfelei-
       stungen im Sinne dieser Gemeinsamen Resolution zu verwenden nicht
       mehr als  ... Dollar  im Fiskaljahr  1964 und  nicht mehr als ...
       Dollar im  Fiskaljahr 1965  aus Mitteln, die irgendwann bewilligt
       worden sind,  um die Bestimmungen des Gesetzes über Auslandshilfe
       (Foreign Assistance Act) von 1961, samt Zusätzen, auszuführen, in
       Einklang mit  den Bestimmungen dieses Gesetzes außer insoweit die
       vorliegende Gemeinsame Resolution anderweitig bestimmt. Diese Er-
       mächtigung gilt zusätzlich zu anderen schon bestehenden Ermächti-
       gungen betreffend die Verwendung solcher Mittel.
       (b) Verpflichtungen, die  zur Ausführung  der Bestimmungen dieser
       Gemeinsamen Resolution  eingegangen werden, dürfen bezahlt werden
       entweder aus  den für militärische Hilfe bewilligten Mitteln oder
       aus Bewilligungen  zu anderen  als militärischen  Zwecken mit der
       Ausnahme, daß  solche Mittel, die nach Titel I, III und VI, Kapi-
       tel 2,  Teil I des Gesetzes über Auslandshilfe von 1961, samt Zu-
       sätzen, bewilligt worden sind, nicht zur Zahlung solcher Verbind-
       lichkeiten verwendet werden dürfen.
       (c) Ohne Rücksicht  auf irgendeine andere Bestimmung des Gesetzes
       über Auslandshilfe  von 1961,  samt Zusätzen, darf der Präsident,
       wenn er erachtet, daß es für die Sicherheit der Vereinigten Staa-
       ten wichtig ist und im Sinne dieser Gemeinsamen Resolution liegt,
       die Verwendung  von Geldern  bis zu ... Dollar, die nach Unterab-
       satz (a)  in jedem der beiden Fiskaljahre 1964 und 1965 gemäß Ab-
       satz 614  (a) des  Gesetzes über Auslandshilfe von 1961, samt Zu-
       sätzen, zur Verfügung stehen, autorisieren. Er ist ferner ermäch-
       tigt, bis  zu ...  Dollar dieser  Mittel in  jedem der  genannten
       Jahre ohne  genaue Angabe  des Gebrauchs dieser Gelder zu verwen-
       den, wobei  seine Bestätigung,  daß es nicht ratsam wäre, darüber
       genau Angaben zu machen, als genügend (unleserliche Wörter) anzu-
       sehen ist.
       (d) Gemäß den  Verfügungen des  Leiters irgendeiner  Behörde, die
       nach Absatz  627 des  Gesetzes über  Auslandshilfe von 1961, samt
       Zusätzen, oder sonst diesem Gesetz entsprechend, Personal für die
       Zwecke der  Hilfeleistung im Rahmen dieser Gemeinsamen Resolution
       zur Verfügung stellt, darf jeder Beamte oder Angestellte, der auf
       diese Weise  zur Verfügung gestellt wird, Besoldung und Vergütun-
       gen auch zu Sätzen erhalten, die von denjenigen des Gesetzes über
       den Auslandsdienst (Foreign Service Act) von 1946, samt Zusätzen,
       dem Gesetz über die Besoldung von Berufsbeamten (Career Compensa-
       tion Act)  von 1949,  samt Zusätzen, und dem Gesetz über den Aus-
       gleich der Besoldung von überseeischen Dienstleistungen (Overseas
       Differentials and  Allowances Act) abweichen, sofern und insoweit
       dies zur  Durchführung der  Gemeinsamen  Resolution  erforderlich
       ist. Der  Präsident soll Anordnungen erlassen um die betreffenden
       Besoldungs- und Vergütungssätze zu regeln. Ferner darf der Präsi-
       dent solche Bestimmungen des Gesetzes über den Auslandsdienst von
       1946, samt Zusätzen, die er für angemessen erachtet, auf das Per-
       sonal jeder  Behörde, die im Rahmen dieser Gemeinsamen Resolution
       Funktionen ausübt, zur Anwendung bringen.
       
       VI
       
       Auszüge aus einem Kabel von Botschafter Taylor in Saigon
       --------------------------------------------------------
       an das State Department vom 25. Juli 1964
       -----------------------------------------
       
       Die vom  GVN 11)  eingeleitete  öffentliche  Kampagne  für  einen
       "Marsch nach  Norden" (s.  Bericht in dem Telegramm der Botschaft
       201) kann sich in verschiedenen Richtungen entwickeln. Angesichts
       der kühlen Haltung der USA und der Tatsache, daß es keinen Beweis
       für echten  Rückhalt in der Bevölkerung, außerhalb gewisser mili-
       tärischer Kreise  dafür gibt,  wird sie vielleicht eine Weile ab-
       klingen, wenn  es auch kaum wahrscheinlich ist, daß sie ganz ver-
       schwindet. Andererseits  ist es  auch möglich, daß die Verfechter
       einer "raschen Lösung" dazu imstande sein werden, daraus eine ak-
       tive Losung  zu machen,  die immer  wieder hervorgeholt  wird. In
       diesem Fall ist damit zu rechnen, daß sie Anlaß zu steigender Un-
       zufriedenheit mit den USA geben wird (vorausgesetzt, daß
       wir sie  weiterhin nicht unterstützen), wodurch unseren Beziehun-
       gen zum GVN und damit auch den Erfolgsaussichten des Befriedungs-
       programms auf  dem Lande  ernster Schaden zugefügt werden könnte.
       In diesem  Falle kann  es dahin kommen, daß vietnamesische Führer
       innerhalb oder  außerhalb der Regierung, die nicht imstande sind,
       ihrer Frustrierung durch den "Marsch nach Norden" Luft zu machen,
       sich nach  anderen Allheilmitteln  in der Form verschiedener Ver-
       handlungsformeln umsehen.  General Khanh  wird dann vielleicht in
       einer solchen  Situation einen  Vorwand oder  ein Gebot zum Rück-
       tritt sehen.  Schließlich kann dieses "Marsch nach Norden"-Fieber
       außer Rand  und Band  geraten und  zu einer unüberlegten Handlung
       führen - wie z.B. daß irgendein Trotzkopf unter den Flugzeugpilo-
       ten auf eigene Faust sich mit einer Bombenladung auf den Weg nach
       Hanoi macht  - wodurch  die Feindseligkeiten zu einer Zeit und in
       einer Form,  die für die Interessen Amerikas sehr ungünstig sind,
       ausgeweitet werden könnten.
       Angesichts  dieser  unerfreulichen  Möglichkeiten,  schlagen  wir
       einen Kurs vor, durch den mehreres erreicht werden könnte.
       Wir würden  einerseits einen  scharfen ZusammenstoB  mit GVN, der
       sich aus  einer radikalen Ablehnung der "Marsch nach Norden"-Kam-
       pagne von  unserer Seite ergeben könnte, zu vermeiden suchen. Wir
       könnten das  tun, indem  wir uns  bereit erklären,  gemeinsam für
       verschiedene Eventualitäten  eines weiteren  Vorgehens gegen  GVN
       (so im  Text. Gemeint  ist natürlich Nordvietnam) zu planen. Eine
       solche Planung  würde nicht  nur ein  Ventil für den jetzt in ge-
       fährlicher Weise  komprimierten martialischen  Dampf  darstellen,
       sondern würde  die Generäle  auch dazu zwingen, sich einmal genau
       die harten  Tatsachen anzuschauen,  die hinter  der Leuchtreklame
       der "Marsch  nach Norden"-Parolen  liegen. Durch eine solche Pla-
       nung könnte  auch Zeit  gewonnen werden,  die dringend  gebraucht
       wird, um  diese Regierung zu festigen, und sie würde eine nützli-
       che Grundlage  für militärische  Aktionen schaffen,  die zu einem
       späteren Zeitpunkt nach unserer Meinung in unserem Interesse lie-
       gen würde. Schließlich würden wir auf diese Weise auch zum ersten
       Mal Gelegenheit  erhalten, mit  den GVN-Führern eine offenherzige
       Diskussion über  die politischen Ziele zu führen, die sie bei ih-
       rer geplanten  militärischen Aktion gegen die DRV 12) im Auge ha-
       ben...
       Es wäre  jedoch wichtig,  daß wir zu Beginn einer solchen Planung
       klarstellen, daß  wir keine  - ich wiederhole, keine - Verpflich-
       tung zur Ausführung der betreffenden Pläne übernehmen...
       
       VII
       
       Amerikanische Note an Kanada, die am 8. August 1964
       ---------------------------------------------------
       der kanadischen Botschaft in Washington zur Weitergabe an
       ---------------------------------------------------------
       J. Blair Senborn, dem kanadischen Mitglied der
       ----------------------------------------------
       Internationalen Kontrollkommission, überreicht wurde
       ----------------------------------------------------
       
       Wir ersuchen  Kanada dringend,  dafür zu  sorgen, daß Seaborn bei
       seinem Besuch vom 10. August auf folgende Punkte aufmerksam macht
       (mit dem  Hinweis, daß  sie ihm  von der amerikanischen Regierung
       seit dem 6. August zugegangen sind):
       A. Betreffend den  Zwischenfall im  Golf von Tonkin, von dem fast
       sicher die Rede sein wird:
       1) Die DRV  hat erklärt, daß die Inseln Hon Ngu und Hon Me am 30.
       Juli angegriffen  wurden. Dazu  muß bemerkt  werden, daß sich der
       amerikanische Zerstörer  Maddox an  diesem ganzen Tag und bis zum
       Nachmittag des  nächsten Tages  mehr als  100 Meilen  südlich von
       diesen Inseln befand, also auf internationalem Seegebiet nahe dem
       17. Breitengrad, und der DRV-Angriff auf die Maddox am 2. August,
       mehr als  2 Tage  später, stattfand. Weder die Maddox noch irgend
       ein anderer  Zerstörer hatte irgend etwas mit irgendeinem Angriff
       auf die DRV-Inseln zu tun.
       2) Was den  Angriff vom 4. August durch DRV auf die beiden ameri-
       kanischen Zerstörer  anbelangt,  können  die  Amerikaner  absolut
       nicht verstehen,  welche Veranlassung  DRV dazu  gehabt hat.  Sie
       hatten sich  schon dazu  entschlossen, den  Angriff vom 2. August
       mit der  Begründung hinzunehmen, daß er wohl auf irgendeinem Miß-
       verständnis oder  einer Fehlkalkulation von seiten der DRV beruht
       haben könnte.  Der Angriff vom 4. August war jedoch nach amerika-
       nischer Ansicht offensichtlich beabsichtigt und im voraus geplant
       und angeordnet.  Das gehe  aus dem entschiedenen Wesen dieses An-
       griffs hervor,  für den es Radar-Sonar und Augenzeugenbeweise der
       Mannschaften beider  Schiffe und  der sie beschützenden Flugzeuge
       gibt. Außerdem  sei die Angriffsabsicht dadurch erwiesen, daß die
       DRV-Schiffe den  Zerstörern aufgelauert  hätten.  Dieser  Angriff
       könne nicht  als Antwort  auf irgendeine südvietnamesische Aktion
       angesehen werden  und er habe auch keinen Sinn als taktische Maß-
       nahme zur  Förderung irgendeines diplomatischen Ziels. Da der An-
       griff wenigstens  60 Meilen  vom nächsten  Land stattfand, könnte
       von territorialen  Gewässern keine  Rede sein. Es gebe fast keine
       andere vernünftige  Hypothese, als  daß Nordvietnam  entweder die
       Vereinigten Staaten  als einen "Papiertiger" hinstellen oder aber
       sie provozieren wollte.
       3) Die amerikanische Reaktion richtete sich einzig und allein ge-
       gen Patrouillenboote  und Einrichtungen  zu deren direkter Unter-
       stützung. Wie Präsident Johnson erklärt hat: "Unsere Antwort wird
       zur Zeit begrenzt und angemessen sein."
       4) Wegen der  Ungewißheit, die  infolge der absichtlichen und un-
       provozierten DRV-Angriffe  dieser Art  entstanden ist,  haben die
       USA notgedrungen und vorsichtshalber Luftwaffenverstärkungen nach
       Südvietnam und Thailand verlegt.
       B. Betreffend die grundlegende amerikanische Stellung:
       5) Mr. Seaborn sollte nochmals betonen, daß die amerikanische Po-
       litik ganz  einfach darauf  hinausgeht, daß  Nordvietnam sich und
       seine Ambitionen  auf das  Staatsgebiet beschränken  sollte,  das
       seiner Verwaltung  durch die Genfer Verträge von 1954 unterstellt
       worden ist.  Er sollte betonen, daß die amerikanische Politik ge-
       genüber Südvietnam darauf hinausgeht, die Integrität des Gebietes
       dieses Staates gegen die Wühlarbeit der Guerillas zu verteidigen.
       6) Er sollte  wiederholen, daß die USA keine militärischen Stütz-
       punkte in diesem Gebiet suchen und daß sie nicht darauf aus sind,
       das kommunistische Regime in Hanoi zu stürzen.
       7) Er sollte  wiederholen, daß  die USA genau Bescheid wissen, in
       welchem Grade Hanoi die Kampfhandlungen der Guerillas in Südviet-
       nam steuert und leitet und daß die USA Hanoi dafür direkt verant-
       wortlich machen.  Er sollte  weiterhin darauf hinweisen, daß sich
       die USA  darüber im klaren sind, daß die Nordvietnamesen auch die
       Pathet Lao-Bewegung  in Laos  steuern und  daß sie  den Grad  des
       nordvietnamesischen Engagements in diesem Lande kennen. Er sollte
       insbesondere darauf hinweisen, daß die USA über die nordvietname-
       sischen Verletzungen  laotischen Gebiets  entlang der Infiltrati-
       onsroute nach Südvietnam Bescheid wissen.
       8) Mr. Seaborn  kann wieder auf die zahlreichen Beispiele der to-
       leranten amerikanischen Politik der friedlichen Existenz mit kom-
       munistischen Regimen wie in Jugoslawien, Polen usw. hinweisen. Er
       kann die  wirtschaftlichen und sonstigen Vorteile andeutungsweise
       erwähnen, die diesen Ländern zugeflossen sind, weil ihre kommuni-
       stische Politik  sich auf  die Erschließung des eigenen Staatsge-
       biets beschränkt  hat und keine Expansion auf fremdes Gebiet ver-
       sucht hat.
       9) Mr. Seaborn sollte abschließend die folgenden neuen Punkte zur
       Sprache bringen:
       a) Daß die  Ereignisse der  letzten Tage die schon das letzte Mal
       gemachte Feststellung,  wonach "Die Geduld der amerikanischen Re-
       gierung und  Öffentlichkeit durch  die nordvietnamesische Aggres-
       sion auf die Zerreißrobe gestellt wird" noch glaubhafter erschei-
       nen lassen.
       b) Daß die Resolution des amerikanischen Kongresses fast einmütig
       angenommen worden  ist und daher die Einheit und Entschlossenheit
       der amerikanischen  Regierung und  des Volkes nicht nur hinsicht-
       lich etwaiger  weiterer Angriffe  auf die  militärischen  Streit-
       kräfte der  USA erneut  kräftig zum Ausdruck bringt, sondern auch
       in weiterem Sinne die Entschlossenheit, allen DRV-Versuchen, Süd-
       vietnam und  Laos zu unterwühlen und zu erobern, mit allen Macht-
       witteln fest entgegenzutreten.
       c) Daß sich  in den  USA die  Ansicht durchgesetzt  hat, daß  die
       Rolle der  DRV in  Südvietnam und Laos kritisch ist. Wenn die DRV
       an ihrem  gegenwärtigen Kurs festhält, muß sie damit rechnen, die
       Folgen zu erleiden.
       d) Daß die DRV weiß, was sie zu tun hat, damit der Friede wieder-
       hergestellt werden kann.
       e) Daß die  USA Mittel  und Wege zu ihrer Verfügung haben, um die
       Teilnahme der  DRV an  dem Krieg in Südvietnam und in Laos, sowie
       ihre Leitung und Beherrschung desselben, messen zu können und daß
       sie aufmerksam  die Antwort  der DRV  auf die  durch Mr.  Seaborn
       überbrachten Vorstellungen verfolgen wird.
       
       VIII
       
       Auszüge aus dem ersten Lagebericht aus Saigon,
       ----------------------------------------------
       den Botschafter Taylor am 10. August 1964 über die
       --------------------------------------------------
       Vereinigten Stabschefs an McNamara schickte
       -------------------------------------------
       
       ...Als Grundlage dieses Berichts und der in Zukunft zu erstatten-
       den Monatsberichte  dienen die  Ergebnisse einer  im ganzen Lande
       veranstalteten Rundfrage  unter amerikanischen Beratern und Beob-
       achtern in  verantwortlicher Stellung.  Die Rundfrage behandelte:
       den Kampfgeist  (Moral) der  Armee und  der  Öffentlichkeit,  die
       Kampftüchtigkeit militärischer  Einheiten, die  gegenseitigen Be-
       ziehungen zwischen USA und GVN und die Effektivität von GVN-Beam-
       ten.
       Im großen und ganzen sind die Ergebnisse dieser Rundfrage auf der
       Operationsebene sowohl  der zivilen wie der militärischen Organi-
       sationen überraschend  optimistisch. Dieses Gefühl des Optimismus
       geht über das der meisten höheren US-Beamten in Saigon hinaus. In
       zukünftigen Berichten  sollte man  feststellen können,  wer recht
       hat.
       
       Die Vietkong-Lage
       -----------------
       
       Strategie
       ---------
       
       Die kommunistische Strategie, so wie sie von Nordvietnam und sei-
       ner Marionette,  der Nationalen  Befreiungsfront, definiert wird,
       besteht darin,  eine für  die Kommunisten günstige politische Lö-
       sung zu  suchen. Dieses politische Ziel soll stufenweise erreicht
       werden, wobei  der Beginn mit "Neutralismus" gemacht werden soll,
       dann Einsatz  des NLF-Apparates und schließlich die Technik einer
       Koalitionsregierung.
       
       Taktik
       ------
       
       Die Taktik  des Vietkong besteht darin, Bevölkerung und Führungs-
       schicht von Vietnam zu plagen, zu zersetzen und zu terrorisieren,
       um einen  Zustand der  Demoralisierung herbeizuführen,  ohne  den
       Versuch, die RVNAF 13) zu schlagen oder Gebiete mit militärischen
       Mitteln zu  erobern und  zu halten.  Die Fortschritte von USA und
       GVN sollten  an dieser  Strategie und dieser Taktik gemessen wer-
       den.
       
       Status
       ------
       
       Vom  Standpunkt   der  Ausrüstung   und  Ausbildung  ist  der  VC
       (Vietkong) heute besser bewaffnet und geführt als je zuvor.
       - Die VC-Infiltration aus Laos und Kambodscha geht weiter.
       - Keine Anzeichen dafür, daß der VC irgendeine Schwierigkeit hat,
       für seine Verluste an Menschen und Material Ersatz zu beschaffen.
       - Kein Grund  zu der  Annahme, daß  der VC seine Gewinne in einer
       offenen militärischen Konfrontation mit GVN-Streitkräften riskie-
       ren würde,  obwohl er über eine beträchtliche Streitmacht mit of-
       fensiver Fähigkeit im zentralen Hochland verfügt.
       
       GVN-Lage
       --------
       
       Politische Lage
       ---------------
       
       Der langsame  Gang der Kampagne zur Bekämpfung des Aufstandes und
       die Schwäche  seiner Regierung  haben Khanh  veranlaßt, das Thema
       vom Marsch  nach Norden  aufzugreifen, um  die Heimatfront hinter
       sich zu bringen und die Kriegsmüdigkeit wettzumachen.
       - Amerikanische Beobachter  meinen, die  Symptome des Defaitismus
       eher in  den Gemütern  der unerfahrenen und unerprobten Führungs-
       kreise in Saigon, als unter dem Volk und in der Armee feststellen
       zu können.
       - Es kann  sein, daß  wir steigendem Druck ausgesetzt werden, von
       seiten des  GVN, den Krieg durch einen direkten Angriff auf Hanoi
       zu gewinnen,  und daß  unsere Weigerung  den örtlichen Politikern
       Anlaß geben  wird, ernsthaft an Verhandlungen zu denken, oder den
       örtlichen Soldaten  Anlaß zu militärischen Abenteuern ohne Billi-
       gung der USA.
       - Im jetzigen Zeitpunkt verfügt die Regierung Khanh über die not-
       wendige militärische  Unterstützung, um sich an der Macht zu hal-
       ten.
       - Man schätzt, daß Khanh eine 50:50-Chance hat, sich bis zum Jah-
       resende zu halten.
       - Die Regierung  ist untüchtig,  und durchsetzt  mit unerfahrenen
       Ministern, die  mißtrauisch gegeneinander  und aufeinander eifer-
       süchtig sind.
       - Khanh hat  kein Vertrauen  zu ihnen, und verläßt sich nicht auf
       die meisten  seiner Minister und er ist nicht in der Lage, sie zu
       einer Gruppe mit gemeinsamer Loyalität und Zweckbestimmung zusam-
       menzuschweißen.
       - Es ist niemand in Sicht, der Khanh ersetzen könnte.
       - Im Augenblick  hat Khanh  die Reibungen zwischen den Buddhisten
       und den Katholiken gemildert.
       - Es ist  Khanh gelungen, eine Zusammenarbeit mit den Hoa Hao und
       Cao Dai herzustellen.
       - Khanh ist  auf unsere  Vorschläge für  bessere Beziehungen zwi-
       schen GVN und der amerikanischen Mission eingegangen.
       - Die Bevölkerung ist verwirrt und apathisch.
       - Es ist  Khanh nicht  gelungen, für sich in Saigon aktive Unter-
       stützung im Volk zu sichern.
       - Auf dem  Land wird  die Unterstützung durch die Bevölkerung von
       dem Grad des von GVN gewährten Schutzes bestimmt.
       - Es gibt Gründe zu der Annahme, daß keine komplizierte psycholo-
       gische Kampagne notwendig ist, um das Volk auf dem Land im gegen-
       wärtigen Zeitpunkt auf seiten der Regierung zu bringen. Alles was
       benötigt wird,  ist die  Gewähr für ein einigermaßen sicheres Le-
       ben.
       - Der Erfolg  der amerikanischen Angriffe auf Nordvietnam hat GVN
       zwar psychologisch wohlgetan, vielleicht aber auch seinen Appetit
       auf weitere Vorstöße gegen DRV angereizt...
       
       Die militärische Lage
       ---------------------
       
       Die Stärke der regulären Verbände und Hilfstruppen steigt langsam
       an und dürfte bis Januar 1965 etwa 98% des angestrebten Ziels von
       446 000 Mann erreichen.
       - Der Prozentsatz  von Desertionen  aus RVNAF ist auf 0,572% oder
       die Hälfte des Satzes vom vergangenen März gesunken.
       - Drei südvietnamesische Luftwaffengeschwader mit A-1H-Flugzeugen
       werden bis  zum 30.  September 1964  einsatzbereit sein  und  ein
       viertes bis  1. Dezember 1964, bei einem Pilot-Cockpit-Verhältnis
       von zwei zu eins.
       - Von den  vorhandenen RVNAF-Einheiten  werden die  folgenden als
       kampftüchtig angesehen:
       28 von 30 Regimentern
       100 von 101 Bataillonen Infanterie, Marine und Luftlandetruppen
       17 von 20 "Ranger"-Bataillonen
       19 von 20 Ingenieur-Bataillonen
       - Hauptschwächen sind mangelnde sofortige Einsatzbereitschaft und
       schwache Führung  auf unterer  Ebene. In beider Hinsicht soll Ab-
       hilfe geschaffen werden.
       - Der militärische  Nachrichtendienst  soll  erheblich  ausgebaut
       werden, um  bis zum  Jahresende zu einer bedeutenden Verbesserung
       der Kapazität zu gelangen.
       
       Hauptziele des GVN
       ------------------
       
       Jeder Zuwachs in dem Prozentsatz der Regierungskontrolle über die
       Bevölkerung stellt  einen Fortschritt zur Stabilisierung der Lage
       auf dem  Lande dar. Nimmt man die Zahlen für Juli als Vergleichs-
       grundlage, so  sollten sich  die folgenden Prozentsätze erreichen
       lassen:
       
                            Ländliche Gegenden            Städte
                            31.7.64   31.12.64       31.7.64   13.12.64
       
       Regierung beherrscht:   33%       40%            44%       47%
       Vietkong beherrscht:    20%       16%            18%       14%
       Umstritten:             47%       44%            42%       39%
       
       Ziele der US-Mission
       --------------------
       
       Alles Mögliche zu tun, um die Stellung der Regierung Khanh zu fe-
       stigen.
       Die Befriedungskampagne im Lande gegen den VC zu verbessern.
       Unsere Anstrengungen  auf strategisch wichtige Gegenden, wie z.B.
       die Provinzen rund um Saigon zu konzentrieren (Hop Tac Plan).
       "Schaufensterprojekte" ("show  window") auf  sozialem  und  wirt-
       schaftlichem Gebiet in sicheren städtischen und ländlichen Gebie-
       ten zu unternehmen.
       So vorbereitet  zu sein,  daß die Eventualpläne gegen Nordvietnam
       bis zum  1. Januar  1965 das Stadium höchster Einsatzbereitschaft
       erreichen.
       Das Publikum  in den  USA darüber zu informieren, was wir tun und
       warum...
       
       IX
       
       Auszüge aus einem Kabel des Oberkommandierenden der
       ---------------------------------------------------
       US-Streitkräfte im Pazifik, Admiral U.S. Grant Sharp,
       -----------------------------------------------------
       an die Vereinigten Stabschefs mit dem Titel "Die weiteren
       ---------------------------------------------------------
       Möglichkeiten von Aktionen in Südostasien"
       ------------------------------------------
       
       Datiert 17. August 1964
       
       2) Durch die  kürzlich stattgefundenen militärischen Aktionen der
       USA in  Laos und  Nordvietnam ist unsere Absicht, unsere Ziele zu
       erreichen, demonstriert  worden. Unsere Operationen und der Fort-
       schritt in  Laos stellen einen Schritt in diese Richtung dar. Un-
       sere schnelle  und direkte Reaktion durch Bombardierung nordviet-
       namesischer Einrichtungen  und die  Entsendung von amerikanischen
       Kampfverbänden nach  Südostasien waren  weitere solche  Schritte.
       Jeder von  ihnen hat  eine Rolle  gespielt. Ihre Wirkung war, die
       bis dahin  ständige Verbesserung  der Stellung der Kommunisten zu
       unterbrechen, die  Phantasie der  südostasiatischen Völker zu be-
       flügeln, die  Moral zu heben, wenn auch vielleicht nur vorüberge-
       hend, und  die chinesischen Kommunisten sowie DRV zu einer Bewer-
       tung oder Neubewertung unserer Absichten zu zwingen. Doch das wa-
       ren nur  Schritte auf  dem Weg.  Was wir  noch nicht getan haben,
       aber tun  müssen, das ist, Hanoi und Peking die Kosten einer wei-
       teren Verfolgung ihrer Ziele, bzw. der Hinderung unserer, vor Au-
       gen zu halten. Ein wesentliches Element unserer militärischen Ak-
       tion in  diesem Sinne besteht darin, den Stand unserer physischen
       Bereitschaft zu  erhöhen, indem  wir Truppen,  Schiffe, Flugzeuge
       und logistische Mittel in dem Maße entsenden, wie dadurch für uns
       eine maximale  Handlungsfreiheit gewährleistet  wird.  In  diesem
       Sinne sollten  wir weiter  vorstoßen, um mehr als einen möglichen
       Kurs in  Erwägung ziehen zu können, je nachdem wie die veränderte
       und sich  weiter verändernde Lage in Südostasien sich entwickelt.
       Die Bemerkungen in den nachstehenden Absätzen sind im Lichte die-
       ser Lagebeurteilung  zu sehen und in der Erkenntnis, daß der ein-
       mal auf die andere Seite ausgeübte Druck nicht wieder infolge von
       Aktionen, oder dem Fehlen solcher, erlahmen darf, so daß die Vor-
       teile der  lohnenden Schritte, die vorher in Laos und Nordvietnam
       unternommen wurden, wieder wegfielen...
       3) Abs. I
       Die vorgeschlagene  Einstellung der  Operationen für  zwei Wochen
       steht nicht  im Einklang  mit der  Absicht, mit  Hanoi und Peking
       Fraktur zu  reden. Pierce  Arrow 14)  war eine  Demonstration der
       Stärke wie  auch der  Selbstbeherrschung. Weitere Demonstrationen
       nur von  Selbstbeherrschung könnten  leicht als  eine Periode des
       Zweifels an  Pierce Arrow  und den Ereignissen, die dazu führten,
       ebenso wie  als Zeichen von Schwäche und mangelnder Entschlossen-
       heit ausgelegt  werden. Die  Kommunisten sollten  anhaltenden und
       kräftigen Druck sowohl in der Ebene der Tonkrüge (Plaine des Jar-
       res) wie  auch im  Pfannenstiel zu spüren bekommen. Ich bin daher
       für weitere  Erkundung der  DRV, des  Pfannenstiels und der Ebene
       der Tonkrüge.  Ebenso für  den Versuch,  Phou Kout in die Hand zu
       bekommen, sowie  für fortgesetzte  Operationen mit Flugzeugen vom
       Typ 7-28  und im Dreieck (Triangle). Die Wiederaufnahme von 34 A-
       Aktionen 15)  und De  Soto Patrouillefahrten  16) wird  hier  als
       richtig angesehen. Jede von ihnen kann vorsichtig so durchgeführt
       werden, daß sie die anderen nicht stört...
       7) Abs. III A 1
       Einverstanden, daß  Südvietnam zur  Zeit der Gefahrenherd und un-
       sere größte  Sorge in  Südostasien ist. Man kann sich mit RVN nur
       im Rahmen von Südostasien beschäftigen. Es ist nur ein Teilgebiet
       eines großen  Schausplatzes, den  der gleiche Feind besetzt hält.
       Aktionen, die  bedeutsame Ergebnisse durch den auf DRV ausgeübten
       Druck und  die Verbesserung der Moral in RVN 17) zeitigen sollen,
       müssen mit  Risiko verbunden  sein. Der Versuchung, nichts zu un-
       ternehmen und  kein Risiko  einzugehen, darf  nicht  stattgegeben
       werden.
       11) Abs. III C
       Richtig ist  die vorgebrachte These, daß wir allseits klarstellen
       müssen, daß  der militärische Druck weitergehen wird, bis wir un-
       sere Ziele  erreichen. Unsere  Handlungen müssen  den Kommunisten
       Furcht vor  dem, was sie zu erwarten haben, wenn sie ihre Aggres-
       sion fortsetzen,  einflößen. In  dieser Hinsicht  haben wir schon
       einen großen ersten Schritt getan, indem wir amerikanische Kampf-
       verbände nach  Südostasien entsandt  haben. Wir müssen diese Hal-
       tung bewahren;  davon abzugehen,  würde gefährliche  Auswirkungen
       auf die  Moral und den Willen der ganzen Bevölkerung von Südosta-
       sien haben.  Und wir  müssen der  Tatsache ins Gesicht sehen, daß
       diese Streitkräfte  eine Zeitlang dort bleiben werden und daß sie
       gegen Boden-  und Luftangriffe  geschützt werden  müssen RVN kann
       die notwendige  Sicherheit gegen Bodenangriffe nicht ohne Verrin-
       gerung seiner  Anstrengungen zur  Aufstandsbekämpfung bieten  und
       hat nur  geringe Fähigkeit  zur Luftabwehr.  Eine Konferenz unter
       Einschluß von  Vietnam, bevor  der Aufstand niedergeschlagen ist,
       würde zu  dem Verlust  unserer Verbündeten  in Südostasien führen
       und eine Niederlage für die Vereinigten Staaten darstellen.
       12) Abs. IV A. I
       Kenntnis, daß  die 34 A-Operationen  erfolgreich waren, würde von
       großem Nutzen  zur Hebung  der Moral  in RVN sein. Ich würde vor-
       schlagen, daß  diese Operationen zwar nicht offen anerkannt, aber
       doch durch  gezielte Presse-Indiskretionen bekanntgemacht würden.
       Diese 34 A-Operationen  sollten wieder aufgenommen werden, um den
       äußeren Druck auf DRV aufrechtzuerhalten...
       20) Bei Erwägung  stärkerer Druckmittel  müssen wir erkennen, daß
       sofort etwas getan werden muß, um unsere gegenwärtigen großen mi-
       litärischen Investitionen  in RVN  zu schützen.  Wir haben  große
       Mengen teueren Materials nach RVN gebracht, so daß ein erfolgrei-
       cher Angriff  auf Bien Hoa, Tan Son Nhut, Danang oder eine Radar-
       Anlage bzw.  eine Einrichtung des Meldewesens eine ernste psycho-
       logische Niederlage  für die  USA darstellen würde. MACV 18) mel-
       det, daß  GVN nicht dazu imstande ist, den erforderlichen Grad an
       Sicherheit zu  gewährleisten, so  daß wir  uns auf  amerikanische
       Truppen verlassen  müssen. MACV  hat Truppen zur Verteidigung der
       drei obengenannten  Stellen angefordert. Mein Kommentar zu diesem
       Ersuchen wird  mit getrennter  Botschaft  übermittelt.  Über  das
       Obengesagte hinaus  wäre zu erwägen, ob ein amerikanischer Stütz-
       punkt (Basis)  in RVN  errichtet werden  sollte. Eine US-Basis in
       RVN würde ein weiteres Anzeichen dafür sein, daß wir vorhaben, in
       Südostasien zu  bleiben, bis  unsere  Ziele  erreicht  sind.  Sie
       könnte auch als amerikanische Kommandostelle oder Kontrollzentrum
       für den  Fall, daß  nach  einem  neuen  Putsch  Chaos  ausbrechen
       sollte, dienen.  Als anerkanntes,  konkretes U...  (wie erhalten)
       Engagement, das  über unsere  Bemühungen als Ratgeber hinausgeht,
       warnt sie  die Kommunisten,  daß ein  offener Angriff auf RVN als
       eine Bedrohung  der amerikanischen  Streitkräfte angesehen werden
       würde. Eine  solche Basis sollte aus der Luft und von See her zu-
       gänglich sein, gut entwickelte Einrichtungen und Anlagen besitzen
       und sich  in einer Gegend befinden, von wo aus amerikanische Ope-
       rationen wirkungsvoll  in Gang gesetzt werden könnten. Danang er-
       füllt diese Voraussetzungen...
       22) Abschließend sei  gesagt, daß  unsere Aktionen  vom 5. August
       einen Schwung  geschaffen haben, der zur Erreichung unserer Ziele
       in Südostasien  führen kann. Wir haben uns klar zu erkennen gege-
       ben, sowohl  durch offene  Handlungen wie  auch durch  unsere er-
       klärte Bereitschaft,  noch mehr  zu tun.  Es ist äußerst wichtig,
       daß wir diesen Schwung nicht verlieren.
       
       X
       
       Memorandum von Generalmajor Rollen H. Anthis, einem
       ---------------------------------------------------
       Vertreter der Luftwaffe bei den "Joint Chiefs of Staff",
       --------------------------------------------------------
       an den Unterstaatssekretär William P. Bundy im State
       ----------------------------------------------------
       Department und den Unterstaatssekretär John T. McNaughton
       ---------------------------------------------------------
       im Verteidigungsministerium
       ---------------------------
       
       Datiert 27. August 1964
       
       1) Anbei der  von COMUSMACV 19) vorgeschlagene Operationsplan für
       34 A-Aktionen im September.
       2) Alle hier  aufgeführten Aktionen sind entweder schon ausdrück-
       lich genehmigt  worden oder  ähneln solchen gebilligten Aktionen.
       So ist  z.B. Aktion  (3) (d)  durch JCSM-426-64  vom 19. Mai 1964
       ausdrücklich genehmigt  worden, während Aktion (3) (b) einer vor-
       her genehmigten Aktion gegen einen Sicherheitsposten ähnlich ist.
       3) Die Angriffsmethode  ist in  einigen Fällen von der Zerstörung
       durch die  Einschleusung von  Sprengungs-Teams zu dem Konzept der
       Abstands-Bombardierung durch PTFs abgeändert worden. Diese Aktio-
       nen sind so in der Anlage gekennzeichnet.
       Die vorgeschlagenen 34 A-Aktionen für September folgen:
       (1) Aktionen zur  Beschaffung nachrichtendienstlicher Informatio-
       nen
       (a) 1.-30. September - Luftphotographie, um ausgewählte Angriffs-
       ziele auf  den neuesten  Stand zu bringen, in Verbindung mit Vor-
       und-nach-dem-Angriff-Aufnahmen der genehmigten Aktionen.
       (b) 1.-30. September  - Zwei Missionen zu dem Zweck, Dschunken zu
       fangen; die  Gefangenen werden einem Verhör von 36-48 Stunden un-
       terzogen; danach  wird  die  Dschunke  durch  anti-Störungsgeräte
       (antidisturbance devices)  zu einem  "Booby Trap" (Menschenfalle)
       gemacht und  wieder losgelassen;  die Gefangenen  werden nach dem
       Verhör zurückgebracht;  der genaue Zeitpunkt hängt von Wellengang
       und laufenden Meldungen des Nachrichtendienstes ab.
       (2) Psychologische Operationen
       (a) 1.-30. September  - In  Verbindung mit genehmigten Überflügen
       und maritimen  Operationen werden  Propagandablätter, Gabenpakete
       und Täuschungsgeräte,  durch die  die  Versorgung  von  "Phantom-
       Teams" (Geister-Teams) simuliert wird, abgegeben.
       (b) 1.-30. September  - Etwa  200 Briefe mit verschiedenem propa-
       gandistischen Inhalt  werden durch  die Post eines dritten Landes
       nach Nordvietnam versandt.
       (c) 1.-30. September - Geheimsender (Black Radio) strahlt täglich
       ein 30  Minuten langes  Programm mit  einer Wiederholung  aus und
       gibt sich  dabei als die Stimme oppositioneller Elemente in Nord-
       vietnam aus.
       (d) 1.-30. September  - Offen  arbeitender Sender  (White  Radio)
       strahlt tägliche Programme von 8 1/2 Stunden Dauer aus unter Ver-
       wendung von Propagandamaterial der "Stimme der Freiheit".
       (3) Maritime Operationen
       (a) 1.-30. September  - Sprengung einer Brücke der Nationalstraße
       1 durch  ein eingeschleustes Team, das von anderen schießbereiten
       Teams unterstützt wird; Anbringung von schnellwirkenden Sprengla-
       dungen an  Brückenbögen und  Trägern (caissons);  Anbringung  von
       anti-Personal-Minen an  den Straßenzugängen.  (Diese  Brücke  ist
       früher schon  einmal beschädigt,  inzwischen aber  repariert wor-
       den.)
       (b) 1.-30. September - Den Beobachtungsposten auf Kap Mui Dao mit
       81-mm-Mörsern und 40 mm-Geschützen von zwei PTFs bombardieren.
       (c) 1.-30. September - Noch eine andere Brücke der Nationalstraße
       1 (s. Karte) auf dieselbe Weise wie (3) (a) oben sprengen.
       (d) 1.-30. September - Die Radarstation von Sam Son bombardieren,
       wie (3) (b).
       (e) 1.-30. September  - Die  Kasernen auf der Tiger-Insel bombar-
       dieren, wie (3) (b).
       (f) 1.-30. September  - Die  Insel Hon  Ngu bombardieren, wie (3)
       (b).
       (g) 1.-30. September  - Die  Insel Hon Matt bombardieren, wie (3)
       (b) und gleichzeitig mit (3) (f).
       (h) 1.-30. September  - Zerstörung  eines Abschnittes  der Eisen-
       bahnlinie von  Hanoi nach  Vinh durch eingeschleustes Sprengungs-
       team, das von zwei VN-Marinegeschwadern sowie von Gummibooten der
       PTFs unterstützt  wird; Anbringung von schnellwirkenden Sprengla-
       dungen und anti-Personal-Minen in der Umgebung.
       (i) 1.-30. September - Die Insel Hon Me bombardieren, und zwar in
       Verbindung mit (3) (a) oben, auf die gleiche Weise wie (3) (b).
       (j) 1.-30. September  - Die  Geschützstellungen auf  Kap  Falaise
       bombardieren, in  Verbindung mit  (3) (h)  oben, auf  die gleiche
       Weise wie (3) (b).
       (k) 1.-30. September - Kap Mui Ron in Verbindung mit der Mission,
       Dschunken zu fangen, bombardieren, und zwar auf die gleiche Weise
       wie (3) (b).
       (4) Operationen aus  der Luft  - Mondlichtperiode 16.-28. Septem-
       ber.
       (a) Vier Missionen zur Versorgung von eingeschleusten Teams.
       (b) Vier Missionen zur Verstärkung von eingeschleusten Teams.
       (c) Vier Missionen,  um neue Sabotage- und psychologische Kriegs-
       führungs-Teams aus  der Luft  abzusetzen, je nach Entwicklung der
       Absprungzone und  Ziel-Informationen. Es  handelt sich  dabei  um
       Propaganda-  und  nachrichtendienstliche  Teams  geringer  Stärke
       ("low-key"), die  nach Auswahl  passender Angriffsziele  kleinere
       Sabotageaufträge ausführen können.
       (d) Die genauen Daten der See- und Luftoperationen hängen von der
       nachrichtendienstlichen Lage und den Wetterbedingungen ab.
       
       _____
       1) Bezeichnung für  die Gesamtheit der höheren amerikanischen Be-
       amten in  Vietnam, insbesondere den Botschafter, den Oberbefehls-
       haber der  amerikanischen Streitkrafte,  den Lelter  der  C.I.A.-
       Stelle usw.
       2) Abkürzung für  "United States Operations Mission", die mit der
       Wirtschaftshilfe betraute amerikanische Stelle in Saigon.
       3) Henry Cabot Lodge, damals U.S.-Botschafter in Saigon.
       4) General Paul  D. Harkins, damals amerikanischer Oberbefehlsha-
       ber in Südvietnam.
       5) Joint Chiefs of Staff = Der Vereinigte Generalstab der USA.
       6) Government of Vietnam = Regierung von Südvietnam.
       7) NVN = Nordvietnam.
       8) Army of the Republic of Vietnam = Südvietnamesische Armee.
       9) Farmgate ist  der Kodename  einer seit  Anfang 1964 in Vietnam
       heimlich eingesetzten amerikanischen Luftstreitmacht.
       10) Darunter versteht man die Verfolgung eines geschlagenen Fein-
       des auf fremdes Staatsgebiet, woher er gekommen sein soll.
       11) Regierung von Südvietnam.
       12) Abgekürzt aus  "Democratic Republik  of Vietnam" - Demokrati-
       sche Volksrepublik Vietnam (Nordvietnam).
       13) Streitkräfte von Südvietnam.
       14) Kodename der  Vergeltungsangriffe auf  Nordvietnam  nach  dem
       Zwischenfall im Golf von Tonkin.
       15) 34 A ist der Kodename des seit Anfang 1964 zur Ausführung ge-
       brachten Operationsplans  von heimlichen  Angriffen auf Nordviet-
       nam, zu Land, zu Wasser und in der Luft.
       16) So wurden  die Patrouillenfahrten amerikanischer Zerstörer im
       Golf von  Tonkin genannt, die zu den Zwischenfällen vom 2. und 4.
       August 1964 führten.
       17) RVN = Südvietnam.
       18) Military Assistance  Command,  Vietnam  =  Das  amerikanische
       Oberkommando in Vietnam.
       19) US-Oberbefehlshaber in Südvietnam.
       

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