Quelle: Blätter 1972 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF AN WILLY BRANDT: SOLDATEN FORDERN VERWIRKLICHUNG
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       DER VERTRÄGE VON MOSKAU UND WARSCHAU
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       Für die  Unterzeichnung des  nachstehend veröffentlichten Offenen
       Briefes von 30 Bundeswehrsoldaten an Bundeskanzler Brandt ist in-
       zwischen der  Panzerschütze Michael Kuhlendahl zu 21 Tagen Arrest
       verurteilt worden;  für die  Teilnahme am Parteitag der DKP sowie
       für die  Mitunterzeichnung der  kritischen  Wehrpflichtigenstudie
       "Soldat 70" wurden ihm weitere 21 Tage Arrest zudiktiert. Panzer-
       grenadier Ingolf  Riesberg erhielt  für die Mitunterzeichnung des
       Offenen Briefes  an den  Bundeskanzler 21  Tage verschärfte  Aus-
       gangssperre. Wie  verlautet, hat die Bundeswehrführung inzwischen
       auch die Bestrafung der übrigen Briefunterzeichner angeorduet. D.
       Red.
       
       Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
       zum Abschluß  Ihres Zusammentreffens  mit Leonid Breschnew in der
       UdSSR wurde  eine gemeinsame  Erklärung verabschiedet,  in der es
       heißt: "Daß  das baldige Inkrafttreten des Vertrages zwischen der
       UdSSR und  der BRD  eine entscheidende  Wende in  den Beziehungen
       zwischen den  genannten Ländern  ermöglichen und  eine umfassende
       Zusammenarbeit zur  Festigung des  Friedens in  Europa  einleiten
       wird."
       Wir, Soldaten  der Bundeswehr,  begrüßen die  Gewaltverzichtsver-
       träge von  Moskau und Warschau und die Ergebnisse Ihrer Reise auf
       die Krim.  Wir möchten  Sie, Herr Bundeskanzler, dringend bitten,
       alles in Ihren Kräften Stehende zu tun, um
       - die friedensfeindliche  Demagogie der  CDU/CSU und  anderer dem
       Rüstungskapital nahestehender Kreise offensiv zurückzuweisen und
       - die genannten  Verträge umgehend  vom Bundestag ratifizieren zu
       lassen und ihre Verwirklichung einzuleiten.
       Unsere täglichen  Erfahrungen in der Kaserne lehren uns, daß sol-
       che Schritte  dringend erforderlich  sind. Noch  immer werden wir
       von unseren  Offizieren auf  einen angeblichen Feind im Osten ge-
       drillt, wird  uns eingebleut,  die  Sowjetunion  sei  "imperiali-
       stisch" und  wolle die  NATO- und  andere westliche  Länder über-
       fallen. Mehrere  Soldaten wurden  disziplinarisch bestraft,  weil
       sie an  ihren Spinden  Plakate  befestigt  hatten,  die  für  die
       Ratifizierung der genannten Verträge warben, oder an entsprechen-
       den Demonstrationen  teilgenommen hatten. Die betreffenden Kompa-
       niechefs hingegen, die auf diese Weise ihre Pflicht zur Loyalität
       gegenüber wichtigen  Elementen der  Regierungspolitik  mit  Füßen
       traten, blieben unbestraft.
       Mit Besorgnis erfüllt uns die Nachricht, daß - im Widerspruch zum
       Geist der  Verträge von Moskau und Warschau - die Aufrüstung ver-
       stärkt wird, daß der Wehretat für 1972 abermals erhöht wurde, daß
       in den  Schulen "Wehrkunde"-Unterricht  von Offizieren abgehalten
       werden soll und die Truppenstärke der Bundeswehr auf 490 000 Mann
       erhöht wird.  Und auch die bisher nicht erfolgte völkerrechtliche
       Anerkennung der DDR scheint uns im Gegensatz zu der Erklärung auf
       der Krim und dem oftmals von Ihnen bekundeten Willen zur Entspan-
       nung zu stehen.
       Wir fordern Sie auf, Herr Bundeskanzler, die Verträge zur Ratifi-
       zierung an  den Bundestag  zu leiten, den Antikommunismus und den
       Rüstungswahnsinn zurückzudrängen.  Warum soll  unsere Bevölkerung
       weiterhin Opfer  für eine  Rüstung bringen, für die es keine ver-
       nünftige Begründung  gibt? Warum sollen wir in der Truppe weiter-
       hin einer  politischen Beeinflussung  unterliegen, die  im Wider-
       spruch zu den Verträgen von Moskau und Warschau steht? Warum wird
       nicht jetzt  endlich der  Wehrdienst um sechs Monate verkürzt und
       die Truppenstärke erheblich verringert?
       Wir bitten  Sie, Herr  Bundeskanzler, die  Maßstäbe, die  mit den
       Verträgen von  Moskau und  Warschau gesetzt wurden, konsequent in
       der Wehrpolitik  anzuwenden. Dafür  versichern  wir  Sie  unserer
       vollen Unterstützung!
       Hochachtungsvoll: Schtze.  Joschim Barloschky,  Boostedt. - Gefr.
       Harald Beißer,  Starnberg. - PzSchtze. Werner Danner, Ingolstadt.
       - SanSold.  Josef Denzau,  Hilden. -  Gefr. Uwe Dzewas, Minden. -
       Gefr. Gunter  Eder, Freising. - Gefr. Günter Gleising, Handorf. -
       Gefr. Günter  Hameister, Hamburg-Rahlstedt.  - Gefr. Wilhelm Her-
       mann, Stadt-Allendorf.  - Funker  Friedrich Hofmann,  Marburg.  -
       Funker Herwart  Holland-Moritz, Marburg. - Funker Herbert Jäckel,
       Marburg. -  SanSold. Jens  Jedicke, Itzehoe. - Flieger Hans Kawa-
       lun,  Wunstorf.   -  Gefr.  Holger  Krull,  Bad  Wildeshausen.  -
       PzSchtze. Michael  Kuhlendahl, Scheuen/Celle.  - PzGren. Reinhard
       Lebrun, Hemer.  - SanSold. Wilfried Ludewig, Hilden. - Gefr. Karl
       Milde, Hilden.  - Jäger  Hans-Friedrich Möller,  Flensburg. - Pz-
       Gren. Andreas W. Otto, Hamburg. - HG. Heinrich Pfahlmann, Ludmer-
       sen. -  PzGren. Ingolf  Riesberg,  Delmenhorst.  -  Kanonier  Jan
       Roschmann, Lütjenburg. - Gefr. Nico Sproesser, Hamburg. - OG. Er-
       win Stein,  Pinneberg. -  PzGren. Gernot  Storm, Hamburg. - Gefr.
       Willi Völlmecke,  Ahlen. -  Jäger Franz  Wiedenbusch, Iserlohn. -
       Gefr. Gerhard Wosinski, Hilden.
       

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