Quelle: Blätter 1972 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFFORDERUNG ZUM DIALOG, VERÖFFENTLICHT VOM SEKRETARIAT ZUR
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       VORBEREITUNG DES FORUMS EUROPÄISCHE SICHERHEIT UND ZUSAMMENARBEIT
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       VOM 2. BIS 5. JUNI 1972 IN BRÜSSEL
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       (Wortlaut)
       
       Auf Einladung  belgischer Persönlichkeiten trafen vom 11. bis 13.
       Januar 1972  in Brüssel  Vertreter gesellschaftlicher und politi-
       scher Richtungen sowie Persönlichkeiten unterschiedlicher politi-
       scher, ideologischer  und religiöser  Überzeugung aus  West-  und
       Osteuropa zusammen  und beschlossen,  vom 2.  bis 5. Juni 1972 in
       Brüssel ein  Forum der  Europäischen Öffentlichkeit zu Fragen der
       europäischen Sicherheit  und Zusammenarbeit  durchzuführen  (vgl.
       "Blätter", Heft 2/72, S. 221 ff.).
       Aus der  Bundesrepublik nahmen  an der Januar-Konferenz u.a. Ver-
       treter des  "Initiativkreises Europäische  Sicherheit" teil,  dem
       auch Mitherausgeber und Autoren dieser Zeitschrift angehören. Der
       Initiativkreis hat uns gebeten, die vom Brüsseler Sekretariat er-
       arbeitete "Aufforderung  zum Dialog" zu veröffentlichen. Sie soll
       die Absichten des Forums im Juni einerseits verdeutlichen und an-
       dererseits alle  politischen Gruppen und Persönlichkeiten, die an
       der Sicherung  des Friedens  und der Zusammenarbeit in Europa in-
       teressiert sind, ermuntern, dem Forum Vorschläge zu wichtigen eu-
       ropäischen Fragen zu unterbreiten.
       Stellungnahmen zum  "Dialog" sind an die Anschrift des Sekretari-
       ats zu richten: Sécurité et coopération européennes, rue dautzen-
       berg, 42, B-1050 Bruxelles. Tel. 02/48 59 28. D. Red.
       
       Europa tritt  in eine neue Etappe der Entwicklung internationaler
       Beziehungen ein,  in eine Etappe, die zu einer neuen Phase seiner
       Geschichte führen kann.
       Konsultative Treffen  von Repräsentanten der öffentlichen Meinung
       Europas haben  bereits dreimal  in Brüssel stattgefunden. Auf dem
       jüngsten Treffen  vom 11.-13.  Januar dieses Jahres kamen die Re-
       präsentanten verschiedener  Parteien, Strömungen und Organisatio-
       nen aus  27 Ländern des Kontinents zu der Schlußfolgerung, daß es
       nützlich wäre,  vom 2.  bis 5. Juni 1972 in Brüssel ein Forum der
       Vertreter der  öffentlichen Meinung einzuberufen, eine breite und
       repräsentative Versammlung  im Maßstab unseres Kontinents. Dieses
       Forum stellt  sich als  geeignetes Treffen dar, auf dem freimütig
       die verschiedenen  Standpunkte und Konzeptionen über Wege zur Si-
       cherheit in  Europa und  zur Entwicklung einer multilateralen Zu-
       sammenarbeit einander gegenüber gestellt werden können. Das Forum
       sollte auch  die Gelegenheit bieten, über die Rolle und den Platz
       der öffentlichen  Meinung im  Kampf für  Entspannung auf  unserem
       Kontinent zu  diskutieren. Es  könnte zur  Erringung  gemeinsamer
       Standpunkte für  die Lösung der aktuellsten europäischen Probleme
       beitragen. Es  sollte die Voraussetzungen für konzertierte Aktio-
       nen schaffen,  um diesen  Zielen näher  zu kommen, und eine Atmo-
       sphäre des  Vertrauens, des  gegenseitigen Verständnisses und der
       breiten Zusammenarbeit  der Repräsentanten  der öffentlichen Mei-
       nung Europas fördern.
       Das Forum  wird seiner  Bedeutung gerecht,  wenn es qualifizierte
       Repräsentanten aller  gesellschaftlichen Schichten zusammenführt,
       aller Kräfte,  in erster  Linie der Werktätigen, die nach Brüssel
       kommen werden, um ihre Bestrebungen darzulegen und miteinander zu
       konfrontieren. Das  sind die  Ziele der Arbeit des Initiativkomi-
       tees und des im Januar gegründeten Sekretariats, an deren Aktivi-
       tät die  Vertreter aller  interessierten Kräfte jederzeit und auf
       der Basis völliger Gleichberechtigung teilnehmen können.
       Auf der  Grundlage der Diskussionen, die bisher in Brüssel statt-
       fanden, erscheint es vordringlich, die wesentlichen Fragen aufzu-
       greifen, die  auf dem  Juni-Forum diskutiert  werden sollten  und
       schon zu  Beginn dieser  Vorbereitungen die  Mannigfaltigkeit der
       Anschauungen und  Standpunkte zu berücksichtigen, die dort sicht-
       bar werden können.
       
       Die Themen der Diskussion
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       Die Themen  der Diskussion werden in erster Linie durch das Leben
       selbst bestimmt, durch die Entwicklung der neuen Beziehungen, die
       in Europa entstehen.
       In der  Haltung und  in den  Handlungen  zahlreicher  Regierungen
       zeigt sich mehr und mehr das Bestreben, einen Weg zu beschreiten,
       der zur Sicherung eines dauerhaften Friedens und zu einer wirksa-
       men Zusammenarbeit in Europa führen kann.
       Verschiedene Kreise, Parteien und gesellschaftliche Kräfte nehmen
       immer stärkeren Anteil an der Diskussion der Probleme der europä-
       ischen Sicherheit, mit denen sich die Diplomaten befassen.
       Die Vertreter  bedeutender  gesellschaftlicher  Bewegungen  haben
       ihre Meinung  dazu dargelegt:  es handelt  sich um Organisationen
       der Jugend  und der  Frauen, um Repräsentanten verschiedener Kir-
       chen und christlicher Tendenzen, um Kämpfer für den Frieden, Par-
       lamentarier, Wissenschaftler,  Persönlichkeiten der Kultur, Jour-
       nalisten und Geschäftsleute.
       Repräsentanten der  verschiedenen Strömungen der europäischen Ar-
       beiterbewegung, unter  anderen die  Sozialistischen Parteien  auf
       der Ratstagung der Sozialistischen Internationale in Helsinki und
       die Kommunisten  auf ihrer  Internationalen  Beratung  in  Moskau
       1971, haben über ihre Haltung zur europäischen Sicherheit und Zu-
       sammenarbeit Beschlüsse gefaßt.
       Der Dialog  über die  Zukunft Europas ist eröffnet. Er sollte je-
       doch verstärkt  und präzisiert werden und praktische, vereinbarte
       Aktionen fördern.
       Deshalb muß  die Arbeit zur Vorbereitung des Forums den Charakter
       eines breiten  Meinungsaustausches über  die Fragen annehmen, die
       geeignet wären, zur Diskussion gestellt zu werden.
       Dieser Dialog  - breit,  demokratisch und  konstruktiv - kann den
       Weg zum Vertrauen und zur Zusammenarbeit bereiten.
       Das vorliegende  Dokument ist  der Versuch, eine Bestandsaufnahme
       der aktuellsten Probleme vorzunehmen, deren Lösung die Errichtung
       von Grundlagen  für die europäische Sicherheit ermöglichen würde.
       Natürlich nimmt  es nicht für sich in Anspruch, ein so umfangrei-
       ches Thema erschöpfend zu behandeln. Andere Gesichtspunkte können
       auftauchen. Sie  müssen bei der Ausarbeitung der Tagesordnung des
       Forums berücksichtigt werden.
       
       Die Wege zur Sicherheit
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       In der öffentlichen Meinung Europas entwickelt und bestätigt sich
       eine allgemeine  Überzeugung: die  wirkliche  Sicherheit  unseres
       Kontinents besteht nicht nur darin, daß keine Kriege stattfinden.
       Es ist  erforderlich, durch das Völkerrecht garantierte Bedingun-
       gen zu  schaffen, die  den Aufbau eines neuen Europa ermöglichen,
       eines Europa,  dessen Länder  in ihrer reichhaltigen Verschieden-
       heit solidarisch  zusammenwirken können,  damit ein Kontinent des
       Friedens und der friedlichen Koexistenz entsteht.
       Diese Konzeption  von Europa  ist gegenwärtig  keine Utopie mehr.
       Aber um  dahin zu  gelangen, ist  es notwendig, sich zunächst mit
       der Lösung politischer Probleme zu befassen.
       
       Ein System für die Organisation der europäischen Sicherheit
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       Suche nach  Wegen zur grundlegenden Gesundung der politischen At-
       mosphäre unseres  Kontinents; Diskussion  der Pläne, die von ver-
       schiedenen Regierungen Ost- und Westeuropas zur Festigung der Si-
       cherheit und  zum Verzicht  auf Anwendung oder Drohung mit Gewalt
       unterbreitet wurden;  Garantie der durch das Völkerrecht sanktio-
       nierten, auf  die UNO-Charta  gegründeten Prinzipien  der Achtung
       der nationalen  Unabhängigkeit und  der territorialen  Integrität
       aller Länder des Kontinents, der Unantastbarkeit der Grenzen, der
       Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, der auf gegenseitigem
       Vorteil basierenden,  völlig  gleichberechtigten  Zusammenarbeit,
       der friedlichen  Koexistenz von Ländern unterschiedlicher Gesell-
       schaftsordnungen;
       - Suche nach  Wegen zu  einer fortschreitenden  Abrüstung auf dem
       Kontinent (Reduzierung der Streitkräfte und der ausländischen und
       nationalen Rüstungen in Europa, Schaffung kernwaffenfreier Zonen,
       Abrüstungsmaßnahmen in bestimmten Regionen Europas usw.);
       - Schaffung eines  wirksamen Mechanismus  der politischen  Zusam-
       menarbeit in  Europa, in  dem als permanentes Element des politi-
       schen Lebens bilaterale und multilaterale Konsultationen im euro-
       päischen Maßstab  über wesentliche Fragen des internationalen Ge-
       schehens eingeführt werden;
       - Aufhebung der Spaltung Europas in entgegengesetzte militärisch-
       politische Blöcke und Schaffung von Beziehungen, die Aggressionen
       ausschließen und  allen Ländern die Möglichkeit garantieren, sich
       unter Bedingungen des Friedens und der Sicherheit zu entwickeln.
       
       Die Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg
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       Das bedeutende  Problem der  endgültigen Anerkennung  der politi-
       schen und  territorialen Realitäten  des gegenwärtigen Europa ist
       noch nicht von der Tagesordnung gestrichen. Breite Kreise der eu-
       ropäischen Öffentlichkeit sind der Meinung, daß die vorbehaltlose
       Anerkennung der  Existenz von  zwei souveränen deutschen Staaten,
       die Herstellung gleichberechtigter, auf das Völkerrecht gegründe-
       ter Beziehungen  zwischen ihnen und die Regelung der ausstehenden
       Fragen zwischen der Tschechoslowakei und der BRD Bedingungen sine
       qua non für die Schaffung eines Sicherheitssystems in Europa dar-
       stellen.
       
       Die Staatenkonferenz
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       Alle Regierungen  sprechen sich  im Grunde  für die Abhaltung der
       Konferenz auf der Ebene der Staaten in einer längeren oder kürze-
       ren Frist  aus. Ohne Zweifel ist diese Konferenz zur Beratung der
       europäischen Probleme  notwendig. Wir  haben uns  wiederholt  für
       diese Initiative ausgesprochen.
       Wir meinen,  daß keinerlei  Gegensatz zwischen der diplomatischen
       Aktion und  der öffentlichen  Meinung besteht.  Im Gegenteil: das
       Forum der Repräsentanten der öffentlichen Meinung Europas ist ge-
       eignet, die  Entwicklung der Verhandlungen auf Regierungsebene zu
       fördern.
       Das Forum sollte sich jedoch nicht ausschließlich mit den Proble-
       men der Staatenkonferenz befassen. Seine Bestrebungen sind umfas-
       sender. Die  Regierungen und  die Repräsentanten der öffentlichen
       Meinung handeln  jeweils im  Rahmen der  ihnen eigenen Kompetenz.
       Die öffentliche  Meinung hat eine erstrangige Aufgabe zu erfüllen
       bei der  Schaffung von  Voraussetzungen, bei  der Förderung einer
       günstigen Atmosphäre  für die  Entspannung in Europa, für die Lö-
       sung der  Probleme, um  die sich  die Regierungsvertreter am Ver-
       handlungstisch bemühen.
       
       Die Zusammenarbeit im Maßstab des Kontinents:
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       Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Umweltschutz
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       Ein von  der europäischen Sicherheit untrennbares Element ist die
       Errichtung eines  Systems ökonomischer und wissenschaftlich-tech-
       nischer Zusammenarbeit  auf der  Basis des gegenseitigen Vorteils
       im Maßstab  des ganzen Kontinents. Das ist eine bedeutende Garan-
       tie für  die Stabilität des Friedens in Europa. Die Schaffung ei-
       nes harmonischen Systems ökonomischer Beziehungen in Europa würde
       eine Verschärfung  der Spannungen  in den zwischenstaatlichen Be-
       ziehungen "unrentabel"  machen und  sogar diejenigen,  die  immer
       noch Spannungen hervorrufen wollen, entmutigen.
       Eine umfassende  europäische Zusammenarbeit  auf dem  Gebiet  der
       Wirtschaft, der  Wissenschaft und der Technik ist auch aus ökono-
       mischen Gründen  unbedingt erforderlich. Sie würde die wirksamere
       Nutzung der  europäischen Produktionskapazitäten,  die volle Ent-
       faltung der  Vorteile der wissenschaftlich-technischen Revolution
       ermöglichen, damit  auf dieser  Grundlage  die  Lebensbedingungen
       verbessert werden können.
       Es wäre  ebenfalls nützlich,  sich mit  den  Fragen  des  Umwelt-
       schutzes zu befassen und mit der rationellen Nutzung der europäi-
       schen Bodenschätze.
       Die wirtschaftliche Expansion als Folge der ausgewogenen und kon-
       zertierten Zusammenarbeit würde das Gespenst der Arbeitslosigkeit
       bannen, weil  neue Garantien  für die Sicherung der Arbeitsplätze
       der Werktätigen  und besonders der Jugendlichen geschaffen werden
       könnten.
       
       Untersuchung der Prinzipien und der Methoden
       --------------------------------------------
       der ökonomischen Zusammenarbeit in Europa
       -----------------------------------------
       
       - Suche nach  Wegen zur  Überwindung der Schranken auf dem Gebiet
       der Wirtschaft,  der Finanzen und des Handels, Schranken, die der
       Errichtung eines  stabilen europäischen  Systems ökonomischer und
       wissenschaftlich-technischer Beziehungen frei von jeder Diskrimi-
       nierung und  auf der Grundlage der Gleichberechtigung und des ge-
       genseitigen Vorteils im Wege stehen.
       - Die möglichen Formen der wirtschaftlichen Kooperation unter den
       Bedingungen der  Entwicklung der  Integration in  Europa und  der
       Existenz regionaler Wirtschaftsgemeinschaften herausarbeiten. Die
       legitimen nationalen  Interessen aller  europäischen  Staaten  in
       diesem Zusammenhang  garantieren, einschließlich die der Staaten,
       die diesen Gemeinschaften nicht angehören.
       
       Ausarbeitung von wirtschaftlichen und wissenschaftlich-
       -------------------------------------------------------
       technischen Projekten im gesamteuropäischen Maßstab
       ---------------------------------------------------
       
       - Untersuchung der gemeinsamen Vorschläge, die den Bau von bedeu-
       tenden transkontinentalen  Erdöl- und  Erdgasleitungen betreffen,
       die Schaffung eines besser koordinierten Flußverkehrs und anderer
       Transportwege, die Errichtung von Energieleitungen und die Schaf-
       fung eines einheitlichen Verbundnetzes. Die Zusammenarbeit in der
       Nutzung der  Atomenergie  zu  friedlichen  Zwecken,  in  der  Er-
       forschung und  friedlichen Nutzung des Weltalls und der Meere, in
       der Entwicklung  der europäischen Nachrichtenverbindungen. Unter-
       suchung der  Probleme des  Wassers, Analyse der Möglichkeiten und
       der konkreten  Bedingungen der  industriellen Zusammenarbeit  und
       der Spezialisierung der Produktion im Rahmen des Kontinents.
       Untersuchung der  Möglichkeiten einer  wirksamen gemeinsamen Nut-
       zung der  materiellen und  geistigen Ressourcen  der europäischen
       Länder auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Technik.
       
       Untersuchung der Schaffung gesamteuropäischer Institutionen für
       ---------------------------------------------------------------
       wirtschaftliche und technisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit
       --------------------------------------------------------------
       
       Untersuchung des  Problems der  Intensivierung der  Aktivität der
       bereits bestehenden  Organe gesamteuropäischer Zusammenarbeit und
       Herausarbeitung neuer  Organisationsformen der  ökonomischen  und
       wissenschaftlich-technischen zweiseitigen und mehrseitigen Bezie-
       hungen.
       
       Untersuchung der Orientierung und der Methoden der
       --------------------------------------------------
       internationalen Zusammenarbeit in den Fragen des Umweltschutzes
       ---------------------------------------------------------------
       
       Verallgemeinerung und  Nutzung der  nationalen Erfahrungen im in-
       ternationalen Maßstab, internationale Zusammenarbeit bei der wis-
       senschaftlichen Forschung  auf diesem Gebiet, internationale Ver-
       einbarungen über  Probleme der  Erhaltung und  des Kampfes  gegen
       Verschmutzung der Umwelt. Die Rolle der nationalen Organisationen
       und Systeme, die zum Schutz der Natur geschaffen wurden. Beteili-
       gung ausnahmslos  aller europäischen  Staaten auf  der  Grundlage
       völliger Gleichberechtigung an der internationalen Zusammenarbeit
       auf diesem  Gebiet. Bestimmung der Rolle der Wissenschaftler, der
       Gewerkschaften, der  Unternehmerverbände und  der gesellschaftli-
       chen Massenorganisationen bei der Untersuchung und der Lösung der
       Probleme des Umweltschutzes.
       
       Die kulturelle Zusammenarbeit - ein Weg zur Annäherung der Völker
       -----------------------------------------------------------------
       
       Nach den langen Jahren des Kalten Krieges ist die Herstellung ei-
       ner neuen psychologischen Atmosphäre in Europa erforderlich. Dazu
       müssen das  Mißtrauen, die Isolierung und die Feindseligkeit zwi-
       schen den Völkern beseitigt werden. Die Entwicklung der umfassen-
       den Zusammenarbeit  auf kulturellem Gebiet kann die Gesundung der
       moralischen Atmosphäre in Europa fördern.
       Die Repräsentanten  der öffentlichen  Meinung ganz Europas müßten
       ihre Meinungen über die Fragen der Zusammenarbeit auf dem Gebiete
       der Kultur  austauschen. Schon  die  Diskussion  dieser  Probleme
       würde einen  neuen Fortschritt  in der Bekräftigung der geistigen
       Gemeinsamkeiten der Europäer darstellen.
       
       Konzeption der kulturellen Zusammenarbeit
       -----------------------------------------
       
       Dieser Begriff  umfaßt neben der eigentlichen Kultur auch das Ge-
       biet der  Bildungseinrichtungen auf  allen Ebenen,  der Erziehung
       der Jugendlichen,  der Probleme  der Masseninformationsmittel und
       zahlreicher anderer  Fragen, die  mit dem geistigen Leben der Ge-
       sellschaft zusammenhängen.  Die Suche nach Formen der kulturellen
       Beziehungen und  des Austausches  auf diesem  Gebiet  liegt  ohne
       Zweifel im allgemeinen Interesse.
       
       Ideologische Meinungsverschiedenheiten und
       ------------------------------------------
       kulturelle Zusammenarbeit
       -------------------------
       
       Europa wird  vielleicht noch  stärker als  jeder andere Kontinent
       durch die  Vielfältigkeit seiner  ideologischen Strömungen, durch
       die Konfrontation  gesellschaftlicher Ideale charakterisiert. Da-
       von ausgehend  kann nur der Dialog den Weg zur kulturellen Zusam-
       menarbeit bereiten.  Diese Zusammenarbeit ist trotz realer Gegen-
       sätze in den bestehenden Gesellschaftssystemen geeignet, die not-
       wendigen Bedingungen  dafür zu  schaffen, daß der Kampf der Ideen
       und der  Meinungen nicht  zur Isolierung und Feindschaft zwischen
       den Völkern führt und nicht in einen psychologischen Krieg ausar-
       tet. Die  Masseninformationsmittel sollten  der  Verbreitung  der
       Ideale des  Friedens, des  gegenseitigen Verständnisses  und  der
       Kultur im  weitesten und  höchsten Sinne  dieses Begriffes dienen
       und nicht  für die  Propagierung antihumanistischer Theorien, der
       Verherrlichung des Krieges und der Gewalt mißbraucht werden.
       
       Demokratisierung der Kultur
       ---------------------------
       
       Die wissenschaftlich-technische  Revolution hat  neue Mittel  zur
       Verbreitung der  Kultur geschaffen.  Dies wirft gleichzeitig auch
       neue Probleme  auf: wie  kann die Verflachung der geistigen Werte
       verhindert, wie  kann der  Prozeß der  Standardisierung, wie kann
       die Gefahr  der antihumanistischen  Tendenzen in der Kultur über-
       wunden werden,  auf welche  Weise ist es möglich, sich der Nivel-
       lierung, der Mißachtung der nationalen Besonderheiten und der na-
       tionalen Kulturtraditionen in den verschiedenen europäischen Län-
       dern zu widersetzen.
       
       Bildung der Jugend
       ------------------
       
       Ohne Zweifel sind die Perspektiven des Friedens in Europa und die
       Entwicklung des in Jahrhunderten errungenen kulturellen Reichtums
       abhängig von der Erziehung der Jugend im Geiste des Friedens: der
       gegenseitigen Achtung  aller Völker  Europas und der anderen Erd-
       teile.
       Die Skala der Probleme, die der Diskussion bedürfen, ist außeror-
       dentlich breit. Es wäre deshalb wünschenswert, daß die Vertretung
       der  gesellschaftlichen  Kräfte  im  europäischen  Dialog  dieser
       Breite entspricht.
       Jeder kann  zum Dialog beitragen und jeder Beitrag kann allen zu-
       gute kommen,  denn der Dialog ist nicht nur die Summe verschiede-
       ner Standpunkte.  Aus dem Gespräch werden ohne Zweifel neue Ideen
       entstehen, und  die Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens in
       Europa wird dadurch bereichert werden. Es ist offensichtlich, daß
       alle diese  Fragen nicht  im Laufe  des Juni-Forums gelöst werden
       können; die  Tatsache ihrer  Diskussion wird jedoch einen Beitrag
       zur Lösung darstellen.
       Die Verwirklichung der europäischen Sicherheit und Zusammenarbeit
       ist nicht nur für unseren Kontinent von Bedeutung. Das Bewußtsein
       und die  Gefühle der Europäer im letzten Drittel des 20. Jahrhun-
       derts können  nicht in klischeeartige Vorstellungen von kontinen-
       talem Egoismus  gepreßt werden.  Wenn man  vom Schicksal  unseres
       Kontinents spricht,  ist es unmöglich, nicht die Stellung Europas
       in der Komplexität der heutigen Welt zu berücksichtigen. Man darf
       die Rolle,  die Europa bei der Verhinderung eines weltweiten Kon-
       fliktes, bei  der Beseitigung der Kriegsherde und der internatio-
       nalen Spannungen, die Rolle, die Europa im Kampf für den sozialen
       Fortschritt für die gesamte Menschheit spielen kann, nicht unter-
       schätzen. Die  angestrebten neuen friedlichen Beziehungen der Zu-
       sammenarbeit in  Europa könnten  auf die  Länder der dritten Welt
       ausstrahlen. Das sollte in einem Geist der völligen Gleichberech-
       tigung und  des Austausches  geschehen, der in diesen Ländern die
       Beschleunigung der  eigenständigen Entwicklung  fördert  und  die
       vielfältigen Formen  der Ausbeutung beseitigt, deren Opfer sie so
       oft bis  heute waren.  Europa befindet  sich in einer Epoche, die
       Veränderungen und kühner Initiativen bedarf. Der Dialog kann hel-
       fen, den  Weg zu gemeinsamer, konstruktiver Arbeit zu finden, bei
       der die Grundlagen des neuen Europa erarbeitet werden können, ei-
       nes Europa des Friedens, der Sicherheit und der Zusammenarbeit.
       

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