Quelle: Blätter 1972 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ÖFFENTLICHER APPELL AN DIE BUNDESREGIERUNG FÜR DIE
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       AUFNAHME DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK IN DIE
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       WELTGESUNDHEITSORGANISATION (WHO)
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       (Wortlaut)
       
       Die Unterzeichner  appellieren öffentlich an die Bundesregierung,
       für die Aufnahme der DDR in die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
       einzutreten. Wir begründen unsere Auffassung wie folgt:
       1) Die Probleme  der Gesundheit,  ihre wissenschaftlichen und so-
       zialen Aspekte können heute nicht mehr von einem einzelnen Staat,
       isoliert für  sein eigenes Territorium, behandelt werden. Wir be-
       finden uns  vielmehr in  der Gegenwart  in einer komplexen Situa-
       tion, die  die Zusammenarbeit  auf dem  Gebiet der  Medizin sowie
       auch auf den anderen die Gesundheit berührenden Gebieten unerläß-
       lich macht.
       2) Seit dem  Bestehen der  WHO hat das Wirken dieser Organisation
       und insbesondere  das Zusammenwirken der ihr angehörenden Staaten
       gezeigt, wie  nützlich und  erfolgreich Probleme insbesondere auf
       dem Gebiet der Seuchenbekämpfung, der Abwendung von Infektionsge-
       fahren und  der notwendigen  Hilfeleistung an  betroffene Staaten
       hier eine optimale Lösung gefunden haben.
       Die Durchlässigkeit der Grenzen durch den schnellen und umfassen-
       den Verkehr von heute kann diese Erfolge jedoch jederzeit illuso-
       risch machen.  Deshalb ist  eine  ständige  Zusammenarbeit  aller
       Staaten in der WHO, wie sie den humanitären und universellen Zie-
       len dieser  Organisation entspricht, mit einem gemeinsamen System
       der Information  und gemeinsam  geregelten Maßnahmen  unabdingbar
       notwendig.
       3) Die Tatsache,  daß die DDR, eines der Transitländer in Europa,
       bisher nicht  Mitglied der WHO ist, hat insbesondere in den letz-
       ten Jahren  mehrfach dazu  geführt, daß sie z.B. in akuten Fällen
       der Bekämpfung  quarantänepflichtiger  und  anderer  gefährlicher
       übertragbarer Krankheiten  auf sich  gestellt oder  behindert war
       und andererseits  Maßnahmen wie  z.B. die internationale Tetanus-
       Prophylaxe oder Hilfeleistungen von ihrer Seite nicht mit der WHO
       koordiniert werden  konnten. Zumindest  liegt hierin auch die Ge-
       fahr negativer Auswirkungen auf die Bundesrepublik und andere eu-
       ropäische Staaten.
       Die DDR  hat bisher  auf den  Gebieten des Gesundheitswesens, der
       medizinischen Forschung,  der Sozialmedizin  und der Hygiene Lei-
       stungen erbracht,  deren wissenschaftliche  Bedeutung in  anderen
       Staaten mit gebührender Achtung anerkannt und auf vielen interna-
       tionalen wissenschaftlichen  Kongressen  diskutiert  worden  ist.
       Kurz hingewiesen sei auf die fast gänzliche Eindämmung der Tuber-
       kulose, die  Erfolge bei der Ausmerzung von Masern und Mumps, die
       bedeutsamen Beiträge  zur Krebsforschung, die Leistungen der Prä-
       ventivmedizin und  die Herabsetzung  der  Säuglingssterblichkeit.
       Die DDR ist heute das Land mit der geringsten Säuglingssterblich-
       keit in Europa.
       Die Zusammenarbeit  mit der  DDR auf  allen Gebieten, die die WHO
       sich zur Aufgabe gemacht hat, wie auch auf dem vordringlichen Ge-
       biet des  Umweltschutzes ist  vom Standpunkt der Wissenschaft zum
       gegenseitigen Nutzen aller WHO-Mitgliedstaaten dringend erforder-
       lich. Gemäß  der Satzung  der WHO  kann die  Aufnahme eines neuen
       Mitgliedstaates, unabhängig  von seiner Zugehörigkeit oder Nicht-
       zugehörigkeit zur  UNO, zur UNESCO oder deren Unterorganisationen
       oder zu  anderen zwischenstaatlichen Organisationen jederzeit mit
       einfacher Stimmenmehrheit der WHO-Mitglieder erfolgen.
       Wir appellieren  deshalb an die Bundesregierung, aus menschlichen
       Erwägungen der  Aufnahme der  DDR in  die WHO  zuzustimmen und in
       sachlicher Argumentation  auf die  Mitgliedstaaten der WHO einzu-
       wirken, ihrerseits  die Aufnahme  der DDR  zu  befürworten.  Dies
       würde bekanntlich  der DDR  auch die Teilnahme an der Stockholmer
       Konferenz für  Umweltschutz ermöglichen, auf die sie nach unserer
       Auffassung ebenso wie jeder andere Staat im gemeinsamen Interesse
       gehört.
       Einer solchen Entscheidung kann und darf sich die Bundesregierung
       nicht entziehen, wenn sie in ihrer Politik des friedlichen Zusam-
       menlebens aller Völker, die jeder Denkende bejaht, nicht unglaub-
       würdig werden will. Nicht nur wir Bundesbürger, sondern alle Men-
       schen und alle Staaten der Erde haben ein Recht auf einen gemein-
       samen umfassenden  Gesundheitsschutz. Die  Bundesregierung  würde
       durch eine  solche Entscheidung den an sie gestellten Erwartungen
       und berechtigten  Ansprüchen der  Menschen in  der Bundesrepublik
       Deutschland und in den anderen europäischen Staaten entsprechen.
       
       Bonn, 8 Mai 1972
       
       Dr. med.  Klaus  Dörner,  Universitäts-Krankenhaus  Eppendorf.  -
       Prof. Dr.  H.-J. Elster,  Konstanz, Lymnologisches  Institut  der
       Universität Freiburg.  - Prof.  Dr. med.  Werner Forßmann, Nobel-
       preisträger, Universität  Düsseldorf. - Prof. Dr. med. Wolf Georg
       Forßmann, Heidelberg. - Prof. Dr. med. Rudolf Frey, Mainz, Direk-
       tor des  Instituts für Anaesthesiologie. - Prof. Dr. phil. habil.
       Georg H.M.  Gottschewski, Freiburg,  Arbeitsgruppe Prof.  G. H.M.
       Gottschewski am Max-Planck-Institut für Immunbiologie. Scientific
       Member of:  WHO Scientific Group on Principles for the Testing of
       Drugs for  Teratogenici. -  Prof. Dr. jur. Gerald Grünwald, Bonn,
       Präsident der  Westdeutschen Rektorenkonferenz.  - Prof. Dr. med.
       Werner H.  Hauss, Universität  Münster. -  Dr. phil.  nat. Walter
       Herbst, Universität Freiburg. - Prof. Dr. med. Konrad Hummel, Hy-
       giene-Institut der  Universität Freiburg.  - Prof. Dr. med. Heinz
       Hundeshagen, Hannover,  Direktor des Instituts für Nuklearmedizin
       und spezielle  Biophysik der Medizinischen Hochschule Hannover. -
       Prof. Dr.  H. Kleinschmidt,  Universität Göttingen.  - Prof.  Dr.
       med. Renate Lettré, Heidelberg, Deutsches Krebsforschungszentrum.
       Institut für  experimentelle Krebsforschung.  - Dr.  med.  habil.
       Bodo Manstein,  Chefarzt der  geburtshilflich-gynäkologischen Ab-
       teilung des  Kreiskrankenhauses Detmold.  - Prof.  Dr. med. Peter
       Marquardt; Abteilung für experimentelle Therapie an der Universi-
       tät Freiburg,  Medizinische Fakultät.  - Prof.  Dr. med.  Stavros
       Mentzos, Universität Frankfurt. - Prof. Dr. Hans Mislin, Institut
       für physiologische  Zoologie  der  Johannes-Gutenberg-Universität
       Mainz. -  Dr. med. Antonius Nagel, Dozent, Köln. - Prof. Dr. med.
       Robert Prévot, Hamburg, Direktor der Radiologischen Universitäts-
       klinik und des Strahleninstituts. - Prof. Dr. Boris Rajewski, Di-
       rektor der  Deutschen Gesellschaft  für Biophysik in Frankfurt. -
       Prof. Dr.  Rolf Rendtorff,  Rektor der  Universität Heidelberg. -
       Prof. Dr.  med. Hans Schäfer, Direktor des Physiologischen Insti-
       tuts der Universität Heidelberg. - Prof. Dr. phil. et med. Konrad
       Schübel, Professor  an der Universität Erlangen. - Prof. Dr. med.
       Eduard Seidler, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin
       der Albert-Ludwig-Universität  Freiburg. -  Dr. med.  Thomas Sku-
       delny, Universität des Saarlandes, Saarbrücken. - Prof. Dr. Fritz
       Strassmann, Reaktor-Institut  der Universität  Mainz. - Prof. Dr.
       med. Wilhelm  Tönnis, Köln. - Prof. Dr. med. Heinz Weichardt, Di-
       rektor des Instituts für Arbeitsmedizin der Universität Tübingen.
       

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