Quelle: Blätter 1972 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG VON PROF. D. HELMUT GOLLWITZER VOM 29. MAI 1972
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       ZU DEN BOMBENANSCHLÄGEN IN DER BRD
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       (Wortlaut)
       
       Manche Politiker  und Publizisten  halten es  für angebracht, der
       über die abscheulichen Bombenanschläge der letzten Woche erregten
       Öffentlichkeit einige  Personen des geistigen Lebens als angebli-
       che Sympathisanten  und Mitschuldige  zu denunzieren. Außer Hein-
       rich Böll, neben dem zu stehen für jeden jederzeit eine Ehre ist,
       wird dabei  u.a. auch mein Name genannt. Es wird mir unterstellt,
       ich hätte  vor Jahren  die Studenten  zu Gewalt gegen Sachen auf-
       gefordert und  sei deshalb  für die  Entwicklung zur Gewalt gegen
       Menschen mitverantwortlich. Dazu ist zu sagen:
       1) Ostern 1968 hatte ich in Berlin mit Bischof D. Scharf die Auf-
       gabe, Tausende von Studenten, die wegen Ausschreitungen von Poli-
       zisten mit  Recht empört  waren, von Gewaltakten gegen Polizisten
       zurückzuhalten. Ich  beschwor sie,  sie möchten  sich nicht  dazu
       hinreißen lassen,  ihre bisher eingehaltene Grenzziehung zwischen
       Gewalt gegen  Sachen und  Gewalt gegen Menschen zu überschreiten.
       In der damaligen Stunde war dies der Punkt, auf den es ankam; das
       verstanden auch die Hörer.
       2) Die verschiedenen  Gruppen der linken Bewegung haben der Wahn-
       sinnsstrategie der Baader-Meinhof-Gruppe längst eine entschiedene
       Absage erteilt. Wer tötet, bessert nichts. Wer Menschenleben ver-
       achtet, ist  nicht geeignet,  die Misere  unserer Gesellschaft zu
       überwinden. Die  Bombenleger, wer sie auch immer seien, betreiben
       nichts als politischen Schaden, ebenso diejenigen, die sie unter-
       stützen.
       3) Wer sich  über die  Bomben bei uns erregt, nicht aber über die
       jahrelangen amerikanischen Massenbombardierungen in Vietnam, heu-
       chelt. Diese  verbreitete Heuchelei  ist geeignet, junge Menschen
       wahnsinnig zu  machen. Wer  das nicht  versteht, ist als akademi-
       scher Lehrer fehl am Platze. Darum:
       4) Die intellektuelle  Verantwortlichkeit für die Bombenanschläge
       ist bei denen zu suchen, die seit Jahren den über das vietnamesi-
       sche Volk  herabregnenden Bombenmord  rechtfertigen.  Sie  dürfen
       sich nicht  wundern, wenn dann einige aus der Bahn geratene Leute
       auch hierzulande meinen, Bomben rechtfertigen zu können.
       
       Prof. D.  Helmut Gollwitzer,  Seminar für  Ev. Theologie  an  der
       Freien Universität Berlin
       

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