Quelle: Blätter 1972 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       POLITISCHE ERKLÄRUNG DER MITGLIEDERVERSAMMLUNG DES "BUNDES
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       DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER" AM 2. JULI 1972 IN MARBURG
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       (Wortlaut)
       
       Die Teilnehmer  an der Mitgliederversammlung des "Bundes Demokra-
       tischer  Wissenschaftler",   die  im   Anschluß  an  den  Kongreß
       "Wissenschaft und Demokratie" in Marburg stattfand, bekunden ihre
       Entschlossenheit, für  eine Demokratisierung  von  Forschung  und
       Lehre innerhalb  und außerhalb  der Universitäten  sowie für eine
       demokratische Kontrolle der Erarbeitung und der Anwendung der Er-
       gebnisse von  Wissenschaft und  Forschung einzutreten. Sie unter-
       stützen alle  Bestrebungen in  Parteien und  Verbänden und in der
       Gesetzgebung, die  diese Ziele  fördern, und  werden sich überall
       dort engagieren,  wo diese  Ziele politisch  durchgesetzt  werden
       können.
       Der "Bund Demokratischer Wissenschaftler" (BDW) begreift sich als
       politischer Verband, der seine Mitglieder zu enger Zusammenarbeit
       mit den  Gewerkschaften und  zu aktiver Betätigung in diesen auf-
       fordert.
       Die Teilnehmer  an der  Mitgliederversammlung wenden  sich  gegen
       alle Versuche,  die Demokratisierung des Bildungswesens aufzuhal-
       ten und  bereits erreichte Erfolge rückgängig zu machen. Dazu ge-
       hören die  Bestrebungen zur  konservativen  Novellierung  bereits
       verabschiedeter Hochschulgesetze,  eine restriktive  Hochschulge-
       setzgebung in  mehreren Bundesländern  sowie die  Versuche, durch
       das geplante  Hochschulrahmengesetz zu verhindern, daß Hochschul-
       lehrer und  Studenten, die sich der gesellschaftlichen Verantwor-
       tung von  Wissenschaft bewußt  sind, Gegenstand  und Methode  von
       Forschung, Lehre  und Studium  selbst bestimmen  und der  Gesell-
       schaft darüber  Rechenschaft geben. Mit Entschiedenheit verurtei-
       len die  Teilnehmer an der Mitgliederversammlung des BDW auch die
       Diskriminierung von Wissenschaftlern, die u.a. durch den Beschluß
       der Konferenz  der Ministerpräsidenten  vom 28. Januar 1972 wegen
       ihrer kritischen Einstellung zur gegenwärtigen gesellschaftlichen
       und politischen  Situation der  BRD als "radikal" eingestuft wer-
       den. Diese  Maßnahmen sind  nicht nur  grundgesetzwidrig, sondern
       suchen das  politische Leben  im öffentlichen Dienst zu diszipli-
       nieren, d.h. zu verhindern, daß auch dort gesellschaftspolitische
       Alternativen formuliert  und die  Bedingungen ihrer Umsetzung ge-
       schaffen werden.  Sie sollen gerade diejenigen Kräfte aus dem öf-
       fentlichen Dienst zu entfernen, die eine weitere Demokratisierung
       des Bildungssvesens am konsequentesten anstreben.
       Der BDW ist entschlossen, das demokratische Verfassungssystem ge-
       gen alle  Angriffe der  Rechten zu  verteidigen. Er ist sich klar
       darüber, daß  er seine Ziele langfristig nur erreichen kann, wenn
       auch in  allen anderen  Bereichen der  Gesellschaft, besonders in
       der Wirtschaft,  die Prinzipien  der Demokratie verwirklicht wer-
       den.
       

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