Quelle: Blätter 1972 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       STELLUNGNAHME DES BUNDES DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER ZUR
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       ENTLASSUNG VON PROF. JOSEPH BEUYS DURCH DEN MINISTER FÜR
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       WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
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       (Wortlaut)
       
       Der Konflikt zwischen dem Minister für Wissenschaft und Forschung
       des Landes  Nordrhein-Westfalen und  Joseph Beuys über die Abwei-
       sung von Studienanfängern von der Kunstakademie Düsseldorf ist in
       seinem Kern eine Auseinandersetzung über die Berechtigung des Nu-
       merus clausus.
       Der Bund  demokratischer Wissenschaftler  bedauert, daß sowohl in
       einem Teil  der Presse  als auch  durch die disziplinarische Maß-
       nahme des  Ministeriums das gesellschaftliche Problem, das Inhalt
       dieses Streites  ist, zugunsten einer ausschließlich formalen Be-
       trachtung der  Mittel, zu  denen Professor  Beuys zu greifen sich
       veranlaßt sah, vernachlässigt wurde.
       Joseph Beuys hat in einem Schreiben an den Minister darauf hinge-
       wiesen, daß  der Numerus  clausus nur  so lange  unvermeidbar er-
       scheine, als  "mit dem  von allen  schaffenden Menschen gemeinsam
       erarbeiteten Volksvermögen in einer Weise umgegangen wird, welche
       die Interessen der die Zukunft bestimmenden Jugend anderen Zielen
       nachordnet." Der Bund demokratischer Wissenschaftler erklärt sich
       mit dieser Feststellung von Joseph Beuys sowie mit seinem Protest
       gegen den  Numerus clausus  solidarisch. Er  fordert den Minister
       für Wissenschaft  und Forschung  des  Landes  Nordrhein-Westfalen
       auf, die  Kündigung von Joseph Beuys rückgängig zu machen und ge-
       meinsam mit Beuys und anderen reformbereiten Kräften für eine de-
       mokratische Reform  und eine ausreichende finanzielle Ausstattung
       des öffentlichen Bildungswesens, die den Verzicht auf den Numerus
       clausus ermöglicht, einzutreten.
       
       Für den Vorstand des Bundes demokratischer Wissenschaftler:
       Marburg, den 25. Oktober 1972
       
       gez. Prof. Dr. Reinhard Kühnl
       gez. Prof. Dr. Helmut Ridder
       

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