Quelle: Blätter 1973 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ABSCHLUSSRESOLUTION DES KONGRESSES "MEDIZIN UND
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       GESELLSCHAFTLICHER FORTSCHRITT" AM 20./21. JANUAR 1973 IN MARBURG
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       (Wortlaut)
       
       Das Gesundheitswesen  der BRD  weist erhebliche  Mängel in nahezu
       allen Bereichen  auf. Es  wird den physischen und psychischen An-
       forderungen der  arbeitenden Menschen zur Erhaltung ihrer Gesund-
       heit nicht mehr gerecht. Diese offenkundigen Mißstände werden von
       der Öffentlichkeit  und besonders von den im Gesundheitswesen Tä-
       tigen seit Jahren diskutiert.
       Einige der  Gründe für die Krise unseres Gesundheitswesens liegen
       sicherlich in  seiner organisatorischen  Struktur. In zunehmendem
       Maße setzt  sich jedoch die Einsicht durch, daß es die Funktions-
       gesetze unseres  Wirtschaftssystems selbst sind, die sich negativ
       auf das  gesamte Gesundheitswesen auswirken. Ein ungünstiger Ein-
       fluß auf  die staatliche  Gesundheitspolitik und die unmittelbare
       öffentliche und  private medizinische  Versorgung  des  einzelnen
       geht besonders von den Profitinteressen der großen chemischen und
       pharmazeutischen Konzerne  sowie der  medizingeräteproduzierenden
       Elektroindustrie aus.
       Allgemein führt der nach wie vor dominierende Einfluß unternehme-
       rischer Interessen und kommerzieller Gesichtspunkte zu einer Ori-
       entierung auf  eine lediglich  kostensparende Reparatur  der  Ar-
       beitskraft. Dies hat jedoch mit einer menschlichen Gestaltung un-
       serer Lebens-  und Arbeitsbedingungen  und einer  humanen Gesund-
       heitspolitik nichts zu tun.
       Wir fordern  deshalb mit  den Gewerkschaften eine wirksame Mitbe-
       stimmung der Arbeitnehmer in den Großunternehmen und darüber hin-
       aus eine  effektive Kontrolle der chemischen und pharmazeutischen
       Industrie durch  die Sozialversicherten und die im Gesundheitswe-
       sen Beschäftigten.
       Der Kongreß  bedauert, daß  die nach  wie vor  von  konservativen
       Kräften geführten  ärztlichen Standesorganisationen der notwendi-
       gen Neuorientierung  unseres Gesundheitswesens  Widerstand entge-
       gensetzen. Die  Standesorganisationen versuchen, die Ärzteschaft,
       vor  allem   die  niedergelassenen   Ärzte,  mit  dem  Schlagwort
       "Freiheit für  Arzt und  Patient" gegen  Fortschritte im  Gesund-
       heitswesen zu mobilisieren, obwohl mit dieser Freiheitsparole le-
       diglich die Privilegien einer kleinen Zahl von Großverdienern un-
       ter den Ärzten verschleiert werden.
       Diese Politik, seit Jahren von der Spitze der Standesorganisatio-
       nen betrieben, hat dem Ansehen der Ärzte und dem Gesundheitswesen
       allgemein schweren  Schaden zugefügt. Der Kongreß ist der Auffas-
       sung, daß ein humanes und demokratisches Gesundheitswesen sich am
       Wohl der  breiten Bevölkerungsschichten orientieren muß. Dies er-
       fordert eine  Erweiterung der Einflußmöglichkeiten der Sozialver-
       sicherten auf die Gestaltung des Gesundheitswesens. Demokratisie-
       rung und  Mitbestimmung sind eine unerläßliche Voraussetzung auch
       für die Verbesserung der Gesundheitssicherung.
       Was die  von den  Standesorganisationen vielbeschworene "Freiheit
       für Arzt  und Patient"  betrifft, ist der Kongreß der Auffassung,
       daß die  Freiheit des Patienten, seinen Arzt zu wählen, erweitert
       werden muß.  Jeder muß  die Möglichkeit haben, zwischen niederge-
       lassenen Ärzten  und vermehrt zu schaffenden öffentlichen Gesund-
       heitseinrichtungen frei zu wählen.
       Der Kongreß  ist sich  bewußt, daß  eine Erweiterung  der Gesund-
       heitssicherung  mit  dem  Ziel  einer  planmäßigen,  vorbeugenden
       Krankheitsbekämpfung erhebliche Kosten mit sich bringt. Die hohen
       Ausgaben für  die Rüstung  haben bisher  notwendige Reformen auch
       auf dem  Gebiet des  Gesundheitswesens stark  beeinträchtigt. Wir
       fordern deshalb  statt weiterer Aufblähung des Rüstungsetats eine
       konsequente Fortsetzung der Entspannungs- und Friedenspolitik.
       Der Kongreß ist der Auffassung, daß die sozialen Zukunftsaufgaben
       der Medizin nur bewältigt werden können, wenn nicht nur die ange-
       stellten und  beamteten, sondern  auch die niedergelassenen Ärzte
       ein neues  Verhältnis zur Arbeiterschaft und ihren Organisationen
       finden.
       Die Teilnehmer  des Kongresses  "Medizin  und  gesellschaftlicher
       Fortschritt" fordern alle Berufsangehörigen des Gesundheitswesens
       auf, sich  mit den  gesundheitspolitischen Vorstellungen des DGB,
       der Gewerkschaft ÖTV und der IG Metall sachlich auseinanderzuset-
       zen und  an der  Realisierung aller geeigneten Vorschläge zur Er-
       weiterung und  Verbesserung der  Gesundheitssicherung mitzuarbei-
       ten.
       Das Initiativkomitee veröffentlicht in den nächsten Tagen die Zu-
       sammenfassung der  Resolutionen und  Ergebnisse, wie  sie in  den
       einzelnen Arbeitsgruppen erarbeitet worden sind.
       
       Marburg, den 21. Januar 1973
       

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