Quelle: Blätter 1973 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       KOMMUNIQUÉ ÜBER DIE GRÜNDUNG EINES ANTIIMPERIALISTISCHEN
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       SOLIDARITÄTSKOMITEES FÜR AFRIKA, ASIEN UND LATEINAMERIKA
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       AM 2. MAI 1973 IN GIESSEN
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       (Wortlaut)
       
       In den  letzten Monaten hat die Solidaritätsbewegung mit den Völ-
       kern Indochinas  ein bis  dahin ungekanntes  Ausmaß erreicht. Der
       Protest vieler  tausend Menschen  in der  Bundesrepublik hat  mit
       dazu beigetragen,  daß die  US-Regierung gezwungen werden konnte,
       das Pariser Friedensabkommen zu unterzeichnen.
       Diese Bewegung,  aber auch  das positive  Echo, das die Kampagnen
       zur Unterstützung  der um Befreiung kämpfenden Völker in den por-
       tugiesischen Kolonien gefunden haben, zeigen, daß in weiten Krei-
       sen der  Bevölkerung unseres Landes das Interesse wächst am Kampf
       der Völker  in der "Dritten Welt" gegen Neokolonialismus und ras-
       sistische Unterdrückung.  Mehr und  mehr setzt  sich auch die Er-
       kenntnis durch, daß in einem weltweiten System neokolonialer Aus-
       beutung der Imperialismus der BRD und ihrer Konzerne maßgeblichen
       Anteil an  der Ausplünderung  anderer Länder  hat, daß  "Entwick-
       lungshilfe" zu oft dazu dient, überkommene Machtstrukturen in den
       Entwicklungsländern aufrechtzuerhalten und wirtschaftliche Abhän-
       gigkeiten zu zementieren.
       Dieser Tatsache  muß auch die Solidaritätsbewegung in der Bundes-
       republik Rechnung tragen.
       Aus diesem  Grund trafen  am 2.  Mai in Gießen Vertreter mehrerer
       Jugend- und  Studentenverbände sowie  Einzelpersönlichkeiten, Ge-
       werkschafter und  Vertreter kirchlicher  Organisationen zusammen,
       um über  die Gründung eines Antiimperialistischen Solidaritätsko-
       mitees für  Afrika, Asien und Lateinamerika zu beraten. Sie waren
       der Einladung  von Prof. Dr. Erich Wulff gefolgt, der die Initia-
       tive zur  Gründung des  Komitees ergriffen hatte. An der Beratung
       nahmen teil:  Beauftragte der Bundesvorstände des Verbandes Deut-
       scher Studentenschaften  (VDS), der Deutschen Jungdemokraten, der
       Sozialistischen Deutschen  Arbeiterjugend (SDAJ), der Sozialisti-
       schen Jugend  Deutschlands -  Die Falken, der Naturfreundejugend,
       des MSB Spartakus, des SHB, der Deutschen Kommunistischen Partei,
       des Verbandes  der Kriegsdienstverweigerer,  der Deutschen  Frie-
       densgesellschaft /  Internationale  der  Kriegsdienstgegner,  der
       Kampagne für Demokratie und Abrüstung, Vertreter des Antiimperia-
       listischen Informationsbulletins, der Deutschen Volkszeitung, der
       Stimme  der   Gemeinde,  des   AGM-Komitees  sowie   Peter  Mühle
       (Jugendvertreter), Peter  Dietzel, D.  Martin Niemöller und Prof.
       Dr. H.W. Bartsch.
       Ferner haben  ihre Unterstützung für die gemeinsame Arbeit im Ko-
       mitee zugesagt:
       Prof. Dr.  Wolfgang Abendroth,  Prof. Dr.  Jürgen Redhardt, Prof.
       Dr. D.  Sölle-Steffenski, Pfarrer Horst Stuckmann, Dr. Dieter Bo-
       ris, Herbert  Lederer (Rechtsanwalt), Dieter Hooge (Landesjugend-
       sekretär des  DGB Hessen),  Willi Malkomes  (Betriebsrat), Stefan
       Schardt  (Gewerkschaftssekretär),   Hans  Schulte  (Betriebsrat),
       Walter Meyer  (Gewerkschaftssekretär), Helmut  Bublitz (Betriebs-
       rat), Herbert Pietsch (Jugendvertreter);
       Westdeutsche   Frauen-Friedensbewegung,   Landesfriedenskomitees,
       Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschi-
       sten, Katholische  Deutsche Studenteneinigung,  Christliche Pfad-
       finderschaft Deutschlands - Land Baden;
       Blätter für  deutsche und  internationale Politik, Kritischer Ka-
       tholizismus, Kürbiskern, Extra-Dienst.
       Das Komitee  wird auf  der Grundlage  einer von allen Mitgliedern
       gebilligten politischen  Plattform seine Arbeit aufnehmen und hat
       sich folgende Aufgaben gestellt:
       - die Verbrechen  des Rassismus, des Kolonialismus und des Neoko-
       lonialismus anzuprangern und dabei die Rolle der Konzerne und der
       imperialistischen Staaten, vor allem der BRD, zu entlarven;
       - die Öffentlichkeit  über den Kampf der nationalen Befreiungsbe-
       wegungen, über  ihre Ziele,  ihre Erfolge  und über die Härte der
       Bedingungen, unter denen sie kämpfen müssen, zu informieren;
       - wirksame materielle Hilfe in Abstimmung mit den Befreiungsbewe-
       gungen zu leisten.
       - Dementsprechend wird  das Komitee mit Stellungnahmen zu aktuel-
       len Ereignissen  an die Öffentlichkeit treten, es wird Veranstal-
       tungen organisieren  und Materialien  herausgeben. Der Kontakt zu
       den Befreiungsbewegungen  und die Organisierung von Kampagnen zur
       materiellen Hilfe  zählen ferner  zu den  Hauptaufgaben des Komi-
       tees.
       Auf der Gründungsversammlung wurde Prof. Dr. Erich Wulff einstim-
       mig zum  Sprecher des  Komitees berufen.  Ebenso einstimmig wurde
       ihm ein neunköpfiges Sekretariat zur Seite gestellt. Dem Sekreta-
       riat, das  sich noch  nicht vollständig konstituiert hat, gehören
       bisher an:  je ein Vertreter des VDS, der Deutschen Jugendemokra-
       ten, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), des An-
       tiimperialistischen Informationsbulletins  sowie Prof.  Dr. Wolf-
       gang Abendroth und Peter Dietzel. Einmütig wurde beschlossen, dem
       Bundesvorstand der  Jungsozialisten in  der  SPD,  einem  Gewerk-
       schaftssekretär und  einem Kirchenvertreter  je einen Sitz im Se-
       kretariat des Komitees anzubieten. Das Komitee hat seinen Sitz in
       Frankfurt.
       Die am  2. Mai in Gießen versammelten Mitglieder haben erste Vor-
       schläge für ein Aktionsprogramm beraten.
       Angesichts des  bevorstehenden Besuchs  von  Bundeskanzler  Willy
       Brandt in Israel und des angekündigten Gegenbesuchs einer Partei-
       endelegation aus  Israel in  der Bundesrepublik  wird das Komitee
       auf der  Grundlage seiner  politischen Plattform mit einer Aktion
       zur Nahost-Frage an die Öffentlichkeit treten.
       Das Komitee wird sich ferner mit den Machenschaften internationa-
       ler Konzerne  beschäftigen und  am Beispiel Chiles aufzeigen, wie
       ihre wirtschaftliche  und politische  Macht die  Souveränität und
       innere Ordnung der Staaten gefährdet, die sich von der Ausbeutung
       durch ausländische Großunternehmen zu befreien suchen.
       Das Komitee  hat beschlossen, sich an der Vorbereitung und Durch-
       führung eines internationalen Brasilien-Tribunals zu beteiligen.
       Das Antiimperialistische  Solidaritätskomitee für  Afrika,  Asien
       und Lateinamerika wurde nicht gegründet, um andere Organisationen
       oder Gruppen  zu ersetzen oder mit ihnen zu konkurrieren. Das Ko-
       mitee macht  es sich vielmehr zur Aufgabe, vorhandene Anstrengun-
       gen zu  unterstützen, neue Impulse zu geben und noch wirkungsvol-
       ler, als  dies bisher  geschehen konnte, fortschrittlich denkende
       Menschen an  die antiimperialistische Bewegung heranzuführen. Das
       Komitee begrüßt  daher außerordentlich  die Arbeit der Initiative
       Internationale Vietnam-Solidarität  und ihre Forderung nach Frei-
       lassung aller  politischen Gefangenen  des Thieu-Regimes  in Süd-
       vietnam entsprechend  dem Pariser  Abkommen sowie die Aktivitäten
       verschiedener Gruppen  zur Vorbereitung der Solidaritätswoche der
       Vereinten Nationen  mit den  Völkern in den portugiesischen Kolo-
       nien.
       
       gez. Prof. Dr. Erich Wulff
       (Sprecher  des   Antiimperialistischen  Solidaritätskomitees  für
       Afrika, Asien und Lateinamerika. *))
       
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       *) Die Anschrift  des Antiimperialistischen  Solidaritätskomitees
       für Afrike, Asien und Lateinamerika lautet: 6 Frankfurt/M., Eich-
       waldstr. 32, Tel. 45 23 23.
       

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